VII.

In der Erwartung des bevorstehenden Schuldspruches fühlte niemand den beißenden Frost, der Haar und Bart der Soldateska wie der Bürger weißbekrustete.

„Es trete ein Knecht vor und in den Ring, zu fällen das Urteil!“ rief der Feldwebel.

Einer der Landsknechte trat wohl vor, erklärte aber, des Urteils allein sich nicht gewachsen zu fühlen, weshalb er bitte, ihm noch vierzig Knechte zur Beratung beizugeben.

„Dem geschehe nach Brauch und Wunsch!“ verkündete der Weibel und bezeichnete vierzig Landsknechte, die aus dem Ring traten und abseit Besprechung untereinander pflogen.

Das dauerte eine Weile, dann kehrte die Schar zurück, worauf nochmals einundvierzig Mann zur Beratung abkommandiert wurden.

Beide Abteilungen wurden nun gefragt, ob sie das Urteil fertig hätten. Auf ihr schallendes „Ja!“ wandte sich der Weibel an den gesamten, wieder geschlossenen Ring und verkündete den Beschluß der zweiundachtzig Mann, der auf „schuldig“ lautete. „Ist das Regiment gewillet, sobemeldtes „Schuldig“ zu bestätigen?“ fragte er mit dröhnender Stimme die Soldateska, „so erhebe jeglicher Knecht, Mann und Fähnrich, die rechte Hand!“

Vielhundertfach flogen die Hände auf, die Schar schien ernstlichen Willens, die Missethat zu ahnden, um dadurch bei Fürst und Volk wieder zu einigem Ansehen zu gelangen.

Der Weibel verkündete: „Das Regiment hat gesprochen, der Übelthäter ist schuldig. Man führe ihn zum Beichtiger! Derweilen nehme das Wort ein Fähnrich nach Brauch!“

Das geschah in der Weise, daß einer der Fähnriche sich bedankte für dieWilligkeit, gut Regiment zuhalten. Hierauf hoben beide Fähnriche dieFahnen wieder auf und entrollten sie im frischen Morgenwind.

Der Profoß übernahm jetzt den Befehl zur Exekution des Schuldspruches und ließ eine Gasse bilden, deren eine Öffnung die Fähnriche mit nach innen gefällter Fahne verschlossen.

Unter Trommelwirbel wurde der Verurteilte, dem ein herbeigeholter Priester die Beichte abgenommen, an den oberen Eingang der Gasse gebracht; die Knechte senkten ihre Spieße, so daß die Gasse ein eisenstarrender Engpaß wurde, aus dem es kein Entrinnen mehr giebt und der den sicheren Tod bringen muß.

„Hierher mit dem ‚armen Mann‘!“ befahl der Profoß, der nun den Delinquenten mit drei Schwertstreichen auf die Schulter im Namen Gottes des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes zum Todeslaufe weihte und dann der Soldateska verkündete, daß der Knecht, welcher den Verurteilten ausbrechen ließe, gleichfalls ins Eisen laufen müsse.

Zum Todgeweihten gewendet, rief der Profoß: „Nun auf! Lauf flink und fest ins Eisen, dann bist schneller erlöset! Marsch!“

Ein Zögern, ein letzter Blick voll Todesangst auf die starrenden Spieße, ein Stoß von der Faust des unerbittlichen Profoßen, dann sprang der Ärmste los und rannte in die spitzen Eisen, daß es aus der Brust rot aufging. Ein Schrei — ein Röcheln — der Sterbende liegt im Schnee, ein Halbdutzend Spieße stecken in der blutenden, zuckenden Brust, bis das Leben entflohen ist.

„Die Spieße auf! Zum Gebet!“ befahl der Weibel.

Die Soldateska kniete nieder und betete für die Seele des Vermiedenen. Und schluchzend beteten die Zuschauer aus der Bürgerschaft mit, von tiefstem Mitleid für den Gerichteten ergriffen.

Wieder ertönte ein Kommando, in dessen Befolgung die Knechte dreimal Umzug um den Leichnam hielten und die Hakenschützen dreimal ihre Büchsen abschossen.

Damit hatte das blutige Schauspiel ein Ende.

Streng ward der Winter, der frühzeitig mit Kälte begonnen hatte. Die Folgen des Mißwachses vom letzten Jahr bekamen die Salzburger zu fühlen, es trat Teuerung, Kornmangel ein, und die Armen überliefen die Ratsherren, bestürmten den Bürgermeister, auf daß dieser Hilfe schaffe. Ludwig Alt hatte ein Herz für die Notleidenden, er gab willig aus eigenen Mitteln, beriet sich mit den Mitgliedern des engeren Rates, sprach wohl auch mit dem Stadtkastner, aber mit den geringen Mitteln aus der Stadtkasse konnte der Kalamität in keiner Weise begegnet werden. So mußte von selbst der Gedanke entstehen, den Landesherrn um Hilfe anzugehen, Wolf Dietrich zu bitten, einzugreifen. In einer Ratssitzung ward dieser Gedanke ausgesprochen und sogleich mit epischer Breite debattiert, wobei an verschiedenen Maßnahmen des Fürsten bitterböse Kritik geübt wurde. Sagte ein Ratsherr offen, daß die Verabreichung der Ritterzehrung an fremde Landsknechte ein Frevel sei, indessen die eigenen Unterthanen Not litten, ein anderer Senator beklagte mit leidenschaftlich erregten Worten die schwere Schädigung des Handels durch die rücksichtslos eingetriebenen Steuern und donnerte gegen den Langmut der Salzburger, die sich vom verschwenderischen Landesherrn völlig auspressen ließen. Vergeblich wehrte der Bürgermeister solchen scharfen Worten durch die Glocke, die Redner ließen sich nicht beirren, auch nicht, als Ludwig Alt durch Zwischenbemerkungen auf die Gefahr aufmerksam machte, die entstände, wenn der Fürst von solchen bösen Worten Kenntnis erlange. Bürger, die nicht stimmberechtigt in der Landschaft waren, machten ihrem Unwillen Luft, daß der Ausschuß stets Ja und Amen zu den unerträglichen Steuermandaten sage und sogar mehr bewillige, als der Fürst gefordert, wie das bei der Türkensteuer der Fall gewesen sei. Bei einem so überaus klugen, scharfsehenden Herrn müsse die Überzeugung kommen, daß die Bürgerschaft noch mehr geschröpft werden könne, und es werde nicht lange mehr dauern, so habe man eine neue Bescherung auf dem Hals: die Landsknechtsteuer.

Schwitzend vor Angst rief der Bürgermeister dem Redner ein „Haltet ein!“ zu, doch unentwegt polterte dieser weiter und führte aus, daß es höchste Zeit sei, dem Fürsten klar zu machen: Weiter gehe es nicht mehr! Wolle der Erzbischof das Landsknechtgesindel nobel verpflegen, so solle er das aus eigenem Säckel bestreiten.

Stundenlang währte die scharfe Debatte, bis sich die Redewut erschöpfte und der Bürgermeister die Sitzung schließen konnte, die nach der praktischen Seite hin nicht das geringste Ergebnis aufwies. Ludwig Alt überlegte in seiner Amtsstube lange, was zu beginnen sei, um Wolf Dietrich zum Eingreifen zu bewegen. Die Entsendung einer städtischen Deputation erschien aus dem Grunde sehr bedenklich, weil der Fürst möglicherweise von den abfälligen Reden Kenntnis haben oder aus unvorsichtigen Bemerkungen mutmaßen könnte, daß scharfe Kritik im Stadthause geübt worden sei. Ludwig Alt hatte seine eigene Unvorsichtigkeit beim damaligen Bankett nicht vergessen und sich hinterdrein selbst die bittersten Vorwürfe über die seinerzeitige Schwatzhaftigkeit gemacht, wenngleich es an sich wahrscheinlich gewesen war, daß der in Steuerangelegenheiten so überaus findige Landesherr auch auf die Weinbelastung gekommen wäre. Nach den gefährlich scharfen Reden einzelner Ratsherren dem Fürsten persönlich die Bitte um Hilfe aus Landesmitteln zu unterbreiten, wagte der Bürgermeister nicht; zwei seiner intimsten Vertrauten, die bei ihm in der Amtsstube saßen, sprachen sich auf Befragen auch dahin aus, daß der schriftliche Weg sicherer und weniger gefährlich sei. Und so ließ denn der Bürgermeister eine Bittschrift in beweglichen Worten vom Syndikus säuberlich schreiben, die dann mit den nötigen Unterschriften versehen und an den Erzbischof in die Residenz geschickt wurde.

Große Erwartungen hegte der Bürgermeister nicht, so sehr er für die Armen baldige Hilfe wünschte. Zum großen Erstaunen Ludwig Alts erschien schon am nächsten Tage ein Beamter im fürstlichen Auftrage und vermeldete dem Stadtoberhaupt, daß der Landesherr mit Betrübnis von der Bittschrift Kenntnis genommen und Befehl erteilt habe, es solle an die vom Bürgermeister zu bezeichnenden Armen Korn in hinreichender Menge aus der stiftischen Kornkammer unentgeltlich verabreicht werden. Bestünde sonst noch Bedarf in Kreisen, die einigermaßen über Geldmittel verfügen können, so sollten diese Sippen Korn zu ermäßigtem Preise erhalten. Der Beamte fügte dem bei: „Hochfürstliche Gnaden versehen sich bei diesem Gnadenakte keinerlei Dankes, Hochdieselben wollen damit nur beweisen, daß das Herz des Landesherrn allzeit schlage für die Unterthanen.“

Der Bürgermeister in maßloser Überraschung empfand das mißliche Schlingen und Würgen im Hals, das ihm schon einigemal so überaus fatal geworden ist und immer just dann, wenn Alt schnell und doch wohlgesetzt sprechen sollte. Jetzt heißt es den tiefgefühlten Dank der Stadt in passende Worte kleiden. Rede einer aber gut und schön in einer Überraschung, die jeglichen Gedanken lähmt! Ludwig Alt ächzte, er kämpfte um Worte und gegen Willen und Absicht kam es über die zuckenden Lippen: „Die unterthänige Stadt dankt Seiner Hochfürstlichen Gnaden, sie hätt' es nicht geglaubt….“

„Wie meint der Herr Bürgermeister?“ fragte erstaunt der Beamte.

„Ich hätt's nicht geglaubt!“

„Was?“

„Die Hilf' vom gnädigen Fürsten, nein, will sagen, ich glaub's eigentlich nicht, sieht ihm nicht gleich….“

Die Augen des fürstlichen Beamten wurden immer größer.

„Mit Vergunst! Mir nimmt die freudige Überraschung die Gab' der Rede! Auf die bösen Reden doch die Hilf', schier kann ich's nicht glauben….“ stammelte in höchster Verwirrung der Bürgermeister.

„Eurer Rede Sinn will mir nicht klar erscheinen, drum bitt' ich Euch, deutlicher zu werden, auf daß Bericht ich kann erstatten dem gnädigsten Herrn!“

„Das ging mir just noch ab! Nein, nein, verzeiht, vieledler Herr — den schuldigen Dank will schriftlich ich erstatten, das geht leichter und derweil legt sich alles. Ist's Euch genehm, wollen wir gleich vornehmen die Verteilung! Nicht länger mehr sollen die Armen hungern! Dank, Dank dem gnädigen Fürsten! Er hat halt doch das Herz am rechten Fleck und Mitgefühl für die notleidende Menschheit!“

„Das haben Hochfürstliche Gnaden noch jederzeit erklecklich bekundet, daher will befremden mich der Ton Eurer Rede!“

„Mit Vergunst, mit nichten! Achtet nicht auf Ton und Wort, mir ist dieGab' der Rede nicht beschieden!“

Der fürstliche Hofbeamte schüttelte verwundert den Kopf und erklärte sich bereit, die Kornkammer öffnen zu lassen.

Der Vereinfachung halber ließ der Bürgermeister ausschellen, daß binnen einer Stunde die Armen der Stadt an der fürstlichen Kornkammer erscheinen und die Kornspende des Landesherrn in Empfang nehmen sollten.

Das gab eine freudige Bewegung in der Stadt; mit Zeggern, Bütten,Tonnen, was eben den Leuten in die Hände kam, ward ausgezogen, imSturmlauf ging's der Kornkammer zu, und ungestüm drängte die Menge,wobei es Püffe regnete und wohl auch die Kornverteiler mit Ellbogen undFäusten der armen Leute Bekanntschaft machten.

Der Akt solcher Wohlthätigkeit brachte einen völligen Umschwung in der Stimmung der Salzburger hervor, er zeitigte innige Dankbarkeit, der nur die besser situierten Kreise, die Kaufherrensippe und Gilden kühl gegenüber blieben. Wolf Dietrich ward als guter Landesvater gepriesen von den Armen.

Ludwig Alt konnte es nun wagen, persönlich in der Residenz zur Dankeserstattung erscheinen. Er meldete sich zur Audienz und wurde gleich vorgelassen.

Mit gewinnender Liebenswürdigkeit, huldvoll und leutselig ging Wolf Dietrich dem Bürgermeister einige Schritte im hohen Empfangssaale entgegen und begrüßte ihn mit herzlichen Worten.

Wieder empfand Ludwig Alt das fatale Würgen im Halse, doch energisch raffte der Stadtvater sich auf und sprach langsam, doch deutlich und ohne Stottern: „Hochfürstliche Gnaden! Ich komme schuldbeladen, nein, ich komme nicht…!“

„Wie meint der Bürgermeister?“

„Meinen thät' ich's schon recht, aber recht sagen kann ich's nicht!Mein Gott, der Unterschied ist halt zu groß: Da der gnädigste Herr undFürst, der hochwürdigste Erzbischof und ich, der einfache Bürger undStadtvater, der nix zu sagen hat als den unterthänigsten Dank der Armenfür die gnädige Hilf' mit Korn in dieser Zeit der Not und Bedrängnis!“

„Recht so, mein lieber Bürgermeister! Es ist ganz gut, so er des Unterschiedes sich bewußt bleibet und den Sippenstolz zu Hause lasset. Den Dank der Armen begehr' ich nicht; es ist mir ein Bedürfnis, in solcher Not zu helfen nach Kräften. Ich danke Ihm für seine Meldung, in der Vertrauen ich erblicke zum Landesherrn. Wo Vertrauen, findet sich der richtige Weg, das Volk soll immer Vertrauen zu seinem Fürsten haben. Zur rechten Zeit solche Meldung über Vorgänge lob' ich; nur will ich nicht überlaufen werden!“

„Ganz richtig! Dräng' dich nicht an deinen Fürst', so du nicht gerufen wirst!“ plapperte Alt heraus.

Im Feuerauge Wolf Dietrichs blitzte es zornig auf und unmutig sprach derFürst: „Laß Er solch' Gerede! Dafür sage Er mir, wer ist nach seinerMeinung schuld an bemeldter Teuerung?“

„Allweil der Mißwachs, dann halt die Kornwucherer und zuletzt dieBäcker, die immer höher hinauffahren mit den Preisen!“

„Für den Mißwachs können wir alle miteinander nichts. Den Kornwucher hoff' ich noch zu stürzen. Wer billig kaufen will, soll Korn von mir erhalten, solang der Vorrat reicht. Die Bäcker aber werd' ich Mores lehren.“

„Hochfürstliche Gnaden! Das könnt' nicht schaden, wird aber die Bäcker rebellisch machen!“

„Rebellen mehr und minder seid Ihr alle, so Euch was nicht in denAlltagskram passet. Ich werde nachforschen lassen nach der letztenVerkaufsordnung für die Bäcker, und darnach Entschließung erlassen.“

Im Bürgermeister dämmerte eine Ahnung auf, daß eine solche Maßregel das Übel nur verschlimmern müsse, weil ganz unzeitgemäß. Ludwig Alt fand plötzlich die Gewalt über Gedankengang und Sprache wieder und setzte dem Gebieter klar auseinander, daß Wiederaufrichtung einer veralteten Ordnung nicht nur bei den Bäckern, sondern auch im Volke selbst Unwillen hervorrufen müsse. Es liege im Zug der Zeit, daß alle Lebensmittel teurer werden, es lasse sich daher ein Preis aus früherer Zeit nicht erzwingen ohne Gewichtsverringerung.

„Ich werde solche Verringerung bestrafen!“

„Dann wandern uns auch noch die Bäcker aus!“

Wolf Dietrich horchte auf; das Wort der Auswanderung machte ihn nach den letzten Erfahrungen stutzig, erregte stets seinen Unwillen. „Genug davon! Ihr werdet das weitere noch vernehmen! Vermeldet meinen Gruß den Unterthanen!“

Damit war der Bürgermeister entlassen.

Bald darauf fand im Arbeitskabinett eine Beratung statt, zu welcher einige Hofräte und der in Steuerangelegenheiten maßgebende Dr. Lueger befohlen waren. Zu Graf Lamberg war gleichfalls geschickt worden, doch der Kapitular weilte auswärts.

Folgenschwer gestaltete sich diese Beratung in ihren Ergebnissen, da niemand der Herren es wagte, dem hitzigen Fürsten zu widersprechen. Wolf Dietrich dekretierte den zehnten Pfennig von aller liegenden und fahrenden Habe für jene Salzburger, die ihre Heimat verlassen, ferner ward auf Grund eines Referates der Brotverkauf nach der alten Ordnung vom Jahre 1480 befohlen. Besonders verhängnisvoll ward der Vortrag Dr. Luegers über die abermalige schlechte Finanzlage und die hohen Kosten, welche die Ritterzehrung verursache.

Wolf Dietrich hatte solchem Referat aufmerksam zugehört und blieb eineWeile schweigend im Stuhle sitzen. Dann verkündete er den Räten, daßeine Landsknechtsteuer eingehoben werden solle, und zwar von je hundertGulden vierundzwanzig Kreuzer.

Fr. Lueger wagte einzuwenden, daß in dieser Zeit der Teuerung dieEinhebung auf Schwierigkeiten stoßen werde; über die Ungeheuerlichkeit,neben der Türkensteuer, welche von je hundert Gulden jährlich sechsSchillinge nimmt, und all' den neueingeführten Steuern der letzten zweiJahre auch noch eine Landsknechtsteuer zu erheben, sprach sich derFinanzgewaltige im Rate nicht aus.

Wolf Dietrich erwiderte, gereizt schon durch den leisen Einwand, scharf:„Die Einhebung ist seine Sache! Kommt Er nicht durch, so mache Er's aufAugsburger Art. Jeder Unterthan hat unter leiblichem Eide genau seinVermögen anzugeben. Wer lügt, soll die ganze Schwere der Strafeempfinden, so da sein soll: confiscatio in toto!“

Dr. Lueger guckte überrascht, verbeugte sich und murmelte: „EuerHochfürstliche Gnaden Befehl soll pünktlich befolget werden!“

Nach Schluß dieser Sitzung in der Residenz und auf dem Weg zur Kanzlei war es dem Steuerrat Lueger doch nicht so recht wohl, er empfand ein dumpfes Gefühl, daß die Augsburger Art einer Steuereinhebung im salzburgischen Lande kaum sich glatt durchführen lassen werde. Lueger wußte wohl durch Mitteilungen eines Amtsbruders in Innsbruck, daß diese Art nach Augsburger Muster auch für Tirol geplant sei, ebenso gut wußte er aber auch, wie schlimm es mit der Steuerkraft im Salzburgischen bestellt ist. Hinterdrein machte sich der Finanzgewaltige doch Vorwürfe, den Fürsten nicht auf die thatsächlich bestehende Schwächung der Steuerkraft aufmerksam gemacht zu haben. Und eine Ahnung sagte Lueger, daß zum mindesten mit der Ausführung des fürstlichen Befehles etwas gewartet werden müsse. Immerhin konzipierte er den Befehl und legte das gefährliche Aktenstück zur Seite, hoffend auf eine Rücksprache mit dem einflußreichen Grafen Lamberg, dem vielleicht es doch gelingen könnte, eine Sinnesänderung beim Fürsten herbeizuführen.

Allein schon die nächsten Tage brachten andere Verhältnisse. Der fürstliche Kastner mußte erklären, daß die Neuforderungen für Verpflegung der Landsknechte wegen Geldmangel nicht mehr befriedigt werden könnten, ja daß der Fürst ihn habe wissen lassen, es müsse Geld in größerer Menge bereit gehalten werden für würdigen Empfang einiger zu Besuch angesagten Herren, und außerdem sei des Fürsten Almosenschatulle[9], beinahe leer.

Da hatte Dr. Lueger nun die Bescherung. Nichts als Anforderungen an die Hofkammer, Zahlbefehle in Massen, dazu kein Geld in den Kassen, Steuerrestanten überall, die Steuerkraft geschwächt, und eine neue Steuer in Sicht, vor deren Ausschreibung dem Finanzmanne allein schon graut. Viel Zeit zum sinnieren blieb ihm nicht, denn schon am nächsten Tage ließ der Fürst wissen, daß seine Armen ihr Almosen unter allen Umständen bekommen müßten, also Dr. Lueger Geld beschaffen müsse. Das „Wie“ sei seine Sache. Gewisse Reserven hat nun wohl jeder Finanzkünstler, Dr. Lueger hatte sie auch und schickte eine Summe Geldes an den Hofkastner. Zugleich aber und ohne auf Graf Lambergs Rückkehr zu warten, ward das Mandat fertig gestellt und die Unterschrift des Fürsten eingeholt.

Das neue Steuermandat trat in Kraft und wirkte bei der Bevölkerung in höchst aufregender Weise. Zuerst waren es die Städter, die remonstrierten, den Eid zur Vermögensangabe nicht leisten wollten. Die Kommission machte aber nicht viel Federlesens und erzwang den Eid.

Als Dr. Lueger die schriftlichen Vermögensangaben vorliegen hatte, fand er schon bei flüchtiger Durchsicht, daß die ihm nach Geschäft und Vermögen einigermaßen bekannten Leute ihren Besitz viel zu gering, also fälschlich angegeben hatten. Wenn solche Fälschungen in der Residenzstadt schon vorkommen, wie muß es da erst im Lande draußen werden!

Dr. Lueger nahm sich seinen Kollegen Riz zum Assistenten und beide gingen nun gemäß dem fürstlichen Befehl mit aller Strenge an die Durchführung des neuen Mandates, und zwar bei hoch und nieder.

Bei einigen Salzburgern wurde schlankweg die Einziehung des Vermögens als Strafe für die verübte Falschmeldung verhängt und weggenommen, was an Bargeld vorgefunden ward. Um Lärm und Protest kümmerte sich die Kommission nicht weiter, die Leute sollen nur schimpfen, ihr Geld wanderte in die fürstlichen Kassen, das war zunächst die Hauptsache.

Lueger befand sich im schönsten Fahrwasser und griff auch alsbald in die Rechte des Adels ein, indem er zu inventarisieren begann. Eines der wenigen Rechte, welche Erzbischof Johann Jakob dem Adel noch übrig gelassen hatte, bestand darin, daß die Adeligen allein die Verlaßenschaft ihrer Grundholden zu inventarisieren und darüber zu verfügen hatten. Lueger und Riz nahm aber auch dieses Recht im Namen des Fürsten hinweg, was natürlich den Adel erbittern mußte. Die Hofkammer schickte dann die schärfsten Befehle zu Inventarisierungen ins Land hinaus, besonders an die Pfleger des Pinzgaues, welcher Landesteil im Steuerzahlen immer etwas säumig und in Bezug auf Religion mehr auf der lutherischen Seite war.

Der erste eingelaufene Bericht ließ erkennen, daß Fälschungen in den Vermögensangaben in größerem Umfange vorgekommen sein mußten, der Pfleger hatte dazugeschrieben, daß man amtlicherseits mit den Bergbauern nicht mehr auszukommen wisse und die Hofkammer gut thun würde, wenn sie die Inventarisierungen selbst vornehme. Sofort erstattete Lueger hierüber Meldung beim Fürsten und sprach den Verdacht aus, daß die Pfleger wohl nicht ohne Mitschuld an den Fälschungen sein dürften. Das heiße Blut Wolf Dietrichs wallte auf, sein zorniger Befehl lautete auf Untersuchung, Lueger und Riz wurden beauftragt in den Pinzgau zu reisen und mit rücksichtsloser Schärfe gegen die Betrüger vorzugehen.

Dieser Befehl deckte die Kommissare und nahm von ihnen die Verantwortung, Lueger und Riz können schalten und walten nach Gutdünken, die Schuld fällt auf den Gebieter, falls die Kommissionsreise übel ausgeht, die Bauern rebellieren sollten.

* * * * *

Dem alten Schlosse Kaprun, das den Ausgang des herbschönen Kapruner Tauernthales beherrscht und einen entzückenden Blick auf die Fluren und Berge Pinzgaus bietet, so ritt der greise Pfleger Kaspar Vogel von Zell auf einem derbknochigen Pinzgauer Rosse langsam, nachdenklich, wie betrübt. Der seit reichlich dreißig Jahren den salzburgischen Landesfürsten und Erzbischöfen dienende Beamte genoß bei der Bevölkerung der Bergwelt des Pinzgaues großes Vertrauen, und auch zu Salzburg wußten höhere fürstliche Beamte den pflichttreuen Pfleger zu schätzen. Bei Hof kannte man den greisen Kaspar Vogel allerdings nicht, denn der Zeller Pfleger kam oft jahrelang nicht in die Bischofstadt, und wenn er je in dringlichen Amtsgeschäften nach Salzburg mußte, so ward der Dienst immer schnell erledigt und sogleich die Heimreise angetreten. Der würdige Greis fühlte sich in Salzburgs engen Gassen und Mauern nicht wohl, er war zu sehr an die Bergwelt gewöhnt und nahm willig alle Entbehrungen hin, die ein ständiger Aufenthalt im Pinzgau mit sich bringt. Weib und Kinder hätten wohl manchmal Luft verspürt, all' die märchenhaft gepriesenen Hoffeste zu Salzburg zu sehen, doch der alte Pfleger litt dergleichen Ausflüge nicht und erklärte, daß ein Humpen guten Weines viel schöner und zuträglicher sei, als salzburgisches Possenspiel. Ohne ein veritabler Trinker zu sein, hielt Vogel viel auf ein vollgeaicht Viertel Weines, nicht zu viel, aber auch nicht zu wenig. Mancher Ritt in Amtsangelegenheiten tief hinein in unwirtliche Thäler zu Einödbauern brachte ohnehin Abbruch am gewohnten Weingenuß, und solche Entbehrung that dem alten Pfleger weher denn etwa die körperlichen Strapazen.

Warm schien die Sonne an diesem Junitage herab, als Kaspar Vogel auf seinem Braunen ins Kapruner Thal einbog. Der erste Blick galt dem alten Gemäuer der Burg, dann aber sah der Pfleger aufmerksam zum Dorfe Kaprun hinüber, und beim Anblick einer größeren Menge von Bergbauern flüsterte Vogel: „Dacht' ich's doch! Also auch die Kapruner stehen auf wie die Mittersiller! Es wird ein Kreuz werden mit dieser Steuer!“

Entschlossen wohl wie immer die Pflicht zu erfüllen, ritt der greise Pfleger nun in lebhafterer Gangart dem Schlosse zu, wo Amtstag abgehalten werden sollte. Sein Erscheinen mußte bemerkt worden sein, denn die Bauern begannen zu laufen, der Haufen Leute bewegte sich schreiend dem Schlosse zu, das die Bauern gleichzeitig mit dem Reiter erreichten.

Vogel rief den ungeduldigen Bauern zu: „Nur Zeit lassen, Männer! Alles hat seine Zeit! Laßt mich nur mein Roß versorgen, und mir gönnt einen Schluck vorher!“

Ein stämmiger älterer Gebirgler, Namens Rieder, trat vor, nahm den Hut ab und erwiderte: „Mit Vergunst, Pfleger, wohl wohl! Aber Eil' thut not!“

„Wirst es wohl erwarten können, Rieder!“ gab Vogel zur Antwort und stieg flinker, als man es dem alten Manne zutrauen mochte, vom Pferde. Ein Knecht vom Schlosse kam hinzu und führte den Braunen in den Stall.

Die Bauern wagten in Gegenwart des Pflegers nicht zu lärmen, aber ihre Ungeduld und Erregung gab sich in einem Murmeln kund, das Vogel ganz richtig in Verbindung mit den aufregenden Nachrichten von dem scharfen Vorgehen der fürstlichen Steuerkommission im Lande brachte. Die in ihrer ganzen Existenz schwer bedrohten, aufgerüttelte Leute in Angst und schwerer Sorge nun hinzuhalten, brachte der joviale alte Beamte nicht über das Herz, lieber verzichtet er auf den stärkenden Trunk und nimmt das Anliegen der Bauern vor. Zu dem Rädelsführer gewendet, sprach der Pfleger: „Nun, Rieder, red'! Ich will Euch gleich hier im Burghof hören!“

Die Bauern umringten den Beamten wie ihren Sprecher, Kopf an Kopf standen sie dicht im Kreise. Rieder begann sogleich: „Mit Verlaub! Es ist ein Teufel wie der ander, der Riz wie der Lueger, bei uns herinnen ist's der Riz, der die Bauern schindet und alles aufhocht (d.h. die Abgaben erhöht). So viel wert ist kein Gehöft und kein Grund, wir müssen verderben dabei, selle neu eingeschatzte Steuer können wir nicht erschwingen!“

„So ist es!“ riefen die erregten Bauern.

Und Rieder sprach in großer Beweglichkeit weiter: „Wir müssen supplizieren! Wir begehren einen Brief (eine Verbriefung der alten Rechte) ehnder (bevor) der Riz kommt und der Pfleger muß nun helfen, sonst ist's g'fehlt!“

Tiefernst blickte Vogel, der die Gefahr der Bewegung im Bergvolk genau erkannte, und langsam sprach er: „Wegen dem Supplizieren kann ich Euch nichts sagen. Schon zu Zell sind die Bürgermeister von den Landgemeinden bei mir gewesen und haben gleichfalls um Verbriefung gebeten. Das ist ja ganz in der Ordnung: Wer ein Anliegen hat, soll mit dem Pfleger reden. Ich kann aber, es thut mir selber leid, nichts in der Sache thun.“

Rieder unterbrach den Beamten: „Dann ist's g'fehlt! Wir supplizieren zumFürsten!“

Vogel erwiderte in seiner bedächtigen Art: „Übereilt nichts! Der HerrRiz wird demnächst schon wegen der Urbarsbeschreibung gegen Mittersill,und wenn er daselbst gerichtet, alsdann in das Gericht Zell kommen.Vielleicht wird es doch nicht so schlimm, als Ihr befürchtet!“

Erregt schrie Rieder: „Wer da noch hofft, verliert die eigene Haut! Kommt der Riz und fängt er zu richten an, ist's g'fehlt und wir sind verloren! Soweit dürfen wir's nicht kommen lassen! Manner, ich hoff', es kommt was drunter, ich hoff', seller Steuerteufel findet den Weg nicht in unser Gericht!“

Besorgt, erschreckt rief der Pfleger: „Leut', seid gescheit! Die Sach'ist gefährlich, sie kann Euch noch mehr als Hab' und Gut kosten!Gerichtet wird überall auf neue Weis', es wird bei uns, im ZellerGericht keine Ausnahm' gemacht werden können!“

„Ein schlechter Trost! Hilft uns der Pfleger nicht, so helfen wir uns selber! Den Teufel lassen wir gleich gar nicht herein, und mit uns supplizieren noch mehrere Gerichte! Sell' wird der Erzbischof schon dann merken!“

Nochmals mahnte Vogel: „Nehmt Vernunft an, Leute! Ich rat' Euch nicht dazu, Ihr werdet schlechten Bescheid bekommen! Wie die Sachen liegen, wird die Supplikation für Rebellion angesehen, Ihr für rebellisch gehalten werden!“

„Sell' sollen sie halten, wie sie wollen! Wir vom Volk haben ein Recht, den Landesherrn um Genade zu bitten, und selles Recht darf uns der Steuerteufel nicht verkümmern!“

In seiner Sorge rief Vogel, ohne viel zu überlegen: „So reicht dasGesuch ein, aber in aller Demut! Der Fürst verträgt kein ander Wort!“

Die Bauern drangen nun in den Pfleger, auf daß er ihnen ein solches Gesuch aufsetze, und Rieder versicherte auf das bestimmteste, daß noch andere Gerichte sich zum Anschluß an die Zeller Bittschrift bereit erklärt hätten.

Der Pfleger verlor die Ruhe, ihm schwante Unheil, da er die Auffassung der Hofkammer wie der Steuerkommission aus dem schriftlichen Verkehr sehr wohl kannte und wußte, wie schlimm die kleinste Weigerung, der leiseste Versuch einer Renitenz schon kriminell beahndet zu werden pflegte. In seiner Bestürzung rief Vogel den rabiaten Bauern zu: „Ich will Euch wohl helfen, Ihr dürft aber nichts sagen, daß ich euch zur demütigen Supplikation geraten!“

Aus der Menge gröhlte ein besonders Unzufriedener: „Selle Demut nutzt uns nixen und die Supplikatur auch nixen! Hauen wir selle Kommission durchs Landl außi, sie vergißt aftn (hernach) schon das Wiederkommen!“

Dieser Meinung schienen noch mehr Bauern zu sein, die den Hetzer lebhaft akklamierten und brüllten: „Z'ammhauen, totschlagen die Bauernschinder!“

Vergeblich suchte der Pfleger mit seiner Stimme im Gewirr durchzudringen und zu beruhigen. Die Mehrzahl tobte und zeterte, ja es fielen Worte, die sogar den alten, ehrlichen Beamten verdächtigten der Mitschuld an der Bauernvernichtung und des Einverständnisses mit der Steuerkommission.

Rieder forderte Ruhe, und den Moment eintretender Stille benützte Pfleger Vogel, um mit tiefbewegter Stimme zu rufen: „Habt Ihr das Vertrauen zum alten Pfleger verloren, der Euren Vätern schon Freund und Helfer gewesen, gut, schlagt mich nur gleich nieder! Der trete vor und steh' Aug' in Aug' zu mir, der mich unehrlich nennen kann! Als Pfleger muß ich Ordnung schaffen und halten, der Fürst und Erzbischof ist mein Herr, seiner Regierung Befehle muß ich, der Pfleger, vollziehen. Bis zu dieser Stund' bin ich dabei doch der Freund und Helfer der Bauern gewesen! So weh mir ist, der Kommission kann und darf ich mich nicht widersetzen, und die Bauern auch nicht! Der Fürst hat befohlen, er ist unser Herr!“

Rieder schrie dazwischen: „Der kann auch zum Teufel gejagt werden! Ein geldgieriger Verschwender ist er, der Wölfen Dieter! Derweil er mit Weibern das Geld verjubelt, müssen wir verhungern!“

„Schlagt ihn tot! Nieder mit der ganzen Bande!“ gröhlten die Rabiaten.

In tiefster Betrübnis ließ Vogel das weißhaarige Haupt sinken; steht es so weit, dann ist an offener Rebellion nicht mehr zu zweifeln. Wehe dem Volk, wenn die Kommission von solcher Stimmung und dem Hasse Kenntnis erhält.

Die wilderregten Bauern begannen abzuziehen, gröhlend schritten sie durch den Burghof den Weg zum Dorf hinab. Nur Rieder blieb noch einen Augenblick beim Pfleger stehen und fragte, wenn er die Schrift haben könne.

Wehmütig sprach Vogel: „Das nützt nun alles nichts mehr! Der Stein ist im Rollen, das Unglück nimmt seinen Lauf!“

„So steht Ihr um in der Stunde der größten Gefahr? Das sollt Ihr büßen,Pfleger! Gehen wir zu Grund, Ihr müßt mit! Aber erst sollen die TeufelnPinzgauer Fäuste kennen lernen!“

Und weg schritt Rieder, der sonst besonnene Mann, schimpfend und fluchend.

Ächzend vor Weh und Sorge trat Vogel ins Schloß und nahm in dem Gemach, das er auf Dienstreisen stets bewohnte, Aufenthalt.

Lange sann der Pfleger nach, was in dieser schlimmen, gefährlichen Zeit zu thun sei. Daß der am Leben schwer bedrohten Kommission eine Warnung vor dem Betreten des Zeller Gerichtes zugemittelt werden müsse, erachtete Vogel als notwendig, doch ist auch solche Warnung gefährlich, weil möglicherweise die Kommissionsherren sie falsch auffassen könnten, gewissermaßen als Mittel zur Abschreckung, andernteils aber ein Bote von den Rebellen aufgefangen werden könnte, was dem Pfleger wie dem Boten das Leben kosten kann.

Je mehr der treue Beamte nachdachte, desto mehr reifte der Entschluß, das Wagnis selbst zu vollbringen, zur Kommission, die mutmaßlich in Tagesrittnähe sein dürfte, zu eilen und den Rat Riz zu warnen. Vogel nahm schnell einen Schluck Weines und ließ den Braunen satteln. Von einer Amtshandlung nach altem Brauch kann keine Rede mehr sein, die Bauern hören ja nicht mehr auf die Behörde, jegliche Autorität ist vernichtet, die Rebellion herrscht im Pinzgau.

In der Meinung, die Herren der schwer bedrohten Kommission in Mittersill zu treffen, ritt Vogel am Abend das Salzachthal aufwärts und erreichte diesen Ort zur Nachtzeit. Die gesuchten Herren waren nicht in Mittersill. Am scheuen, mißtrauischen Verhalten konnte der greise Beamte erkennen, daß der Geist des Aufruhrs auch hier schon um sich gegriffen hat.

Vogel übernachtete im Schloß zu Mittersill und ritt am nächstenVormittag wieder nach Kaprun, in dessen Burg er zu seiner größtenÜberraschung fürstliche Landsknechte unter dem Befehl eines LeutnantsKaiser vorfand.

Kaum aus dem Sattel gestiegen, kündigte der herbeigeholte Offizier dem Pfleger die Verhaftung an, und Vogel ward im altgewohnten Gemach gefangen gesetzt. Aus dem Munde des Offiziers erhielt Vogel die Mitteilung, daß die Kommission vom Aufruhr der Pinzgauer Bauern rechtzeitig Kenntnis bekommen und Hilfe vom Fürsten verlangt habe. An 150 Mann Landsknechte und bewehrte Bürger seien unter Führung des Obersten Walter zu Waltersweil in Eilmärschen über Werfen in den Pinzgau gerückt. Der Leutnant habe in Bruck den Befehl zur Sistierung des Zeller Pflegers erhalten und unterwegs von dessen Aufenthalt im Schloß Kaprun erfahren. Weitere Auskunft wußte der Offizier nicht zu geben, auch nicht zu sagen, weshalb die Verhaftung erfolgt sei und wie lange die Haft dauern werde.

Sorge wegen seines Schicksals empfand der Pfleger nicht, aber der Gedanke an die Bauern und ihr Geschick unter den Händen der Soldateska erfüllte ihn mit Angst.

In Zell am See, dem stillen Ort, sollte sich das Drama derBauernrebellion und des Einschreitens bewaffneter Macht abspielen.

Obrist Waltersweil hatte vom erbitterten Fürsten den Befehl zur rücksichtslosen Niederwerfung der Rebellion empfangen, und der Soldatenführer ging dementsprechend vor. Trabanten und Landsknechte begannen eine Menschenjagd und fingen die flüchtigen Bauern gleich Hunden ein. Ein Befehl des Obristen zitierte die gesamte männliche Bevölkerung auf den Marktplatz vor dem Pfleggericht in Zell, wohin alle Männer, so sie nicht freiwillig erschienen, zwangsweise geschleppt und von der Soldateska dicht umringt wurden. Ein Entweichen machte der Wald von Spießen im Kreise zur Unmöglichkeit. Der Obrist zu Roß hielt an die eingefangene Rebellenmenge eine grimmige Anrede, hielt den Bauern ihr schändlich Verhalten vor und kündigte schwere Strafe an Leib und Leben an, so die Leute nicht allsogleich dem gnädigen Fürsten Treu und Glauben schwören und unterm Eid geloben, fortan ihres unbefugten Vorhabens abzustehen, gehorsam die auferlegten Steuern zu bezahlen und jegliche Wehr und Waffen abzuliefern, wasmaßen schon der Besitz von Waffen mit fünfzig Gulden pro Kopf gepönt werde. Wer im Geheimb offenbare, daß ein anderer ein Wehr und Waffe verhalte, dem solle eine Belohnung von achtzig Gulden versprochen sein.

In der Angst vor der Hinrichtung durch das Schwert leistete Mann für Mann der gefangenen Bauern den verlangten Eid, die neue Huldigung erfolgte unter solchem militärischen Zwang, worauf der Obrist befahl, die Bauernkerle und unverbesserlichen Rebellen mit Stricken zu binden und nach Salzburg zur Aburteilung zu treiben.

Schreie der Angst, der Wut ertönten; Weiber, Mütter und Töchter zeterten. Rücksichtslos trieben die Spießknechte das Volk von dannen.

Die Bauern wurden gefesselt und truppweise, ohne Verpflegung, auf derStraße über Werfen, Hallein nach Salzburg transportiert.

Wer von Salzburgs Bevölkerung diese kriegsmäßige Exkursion mitgemacht, hatte pro Mann drei Gulden bar und ganze Verpflegung bekommen. Die Waffen mußten nach erfolgter Heimkehr wieder an das fürstliche Zeughaus abgeliefert werden.

Die Rebellen wurden in der Veste interniert und alsdann prozessiert. Der größte Teil wurde wieder entlassen, nur sieben der Rädelsführer blieben für lange Zeit im Gefängnis, drei der obersten Rebellen fanden den Tod durch das Schwert.

Nach Kaprun war der Befehl ergangen, es solle der Pfleger Vogel sich auf Ehrenwort in Salzburg zur Vernehmung stellen. Demgemäß ließ der Leutnant seinen Häftling frei, der sogleich gehorsam in die Hauptstadt sich begab und beim Vizekanzler meldete. Nach drei Tagen erfolgte die zwangsweise Überführung Vogels durch den Profoßen und zwei Schützen in die Festung Hohensalzburg.

Die weiteren Erlebnisse des Pflegers Vogel schildert dieser selbst in einem teilweise erhalten gebliebenen Tagebuche[10] folgendermaßen:

„Mittwoch, Donnerstag und Freitag, 28. 29. 30. Juni, auch Samstag 1.Juli ist besonderes nichts vorgekommen.

Am Sonntag nach Petri und Pauli den 2. Juli sind die ins GebürgVerordnete sammt den Gefangenen zu Morgens um 9 Uhr auf dem Schlosseankommen.

Am Donnerstag den 13. Juli bin ich und die andern Gefangenen examinirt worden und ich bin des Abends da ich vorher 16 Tage im Caplan-Zimmer zu brachte, das bei Tag nicht versperrt gewesen, ins Hausperger-Zimmer geschafft worden. Gott schicke es bald zur Erledigung.

Ist an dato 16. Juli der 25. Tag, daß ich von zu hause fort bin, darunter im Schlosse gefangen 19 Tage, habe außer des letzten alle Tage 1 Viertel Wein gehabt, thuet 18 Viertel. Montag 17. Juli leider 1 Viertel, 18. detto mehr 1 Viertel, 19. keinen Wein, 20. 1 Maß Wein, 21. 1 Halbe, 22. Juli 1 Maß Wein, 23. detto 1 Maß Wein, ist die Flaschen nicht viel mehr als halbvoll Wein gewest. Donnerstag 27. Juli 1 Maß Wein, diesen Tag ist auf Befehl Ihrer hochfürstl. Gnaden durch die Herren Commissarii mir anzeigt worden, daß Ihr hochfürstl. Gnaden genügsamen Bericht habe, daß ich nicht allein der Unterthanen Vorhaben durch den Guthundt erinnert worden, sondern den Unterthanen zum Suppliciren selbst gerathen: Sie müßten nur mehr Gerichte an sich ziehen, sonst würde es kein Ansehen haben. Ihre hochfürstl. Gnaden hätten Ursach auf voriges Verläugnen der Schärfe nach zu verfahren. Und dann Gott behüthe einen jeden frommen Menschen. Se. Gnaden wollen aber meines Alters verschonen, solle demnach, wie es sich Alles verloffen und was mir dieser Sachen halber bewußt sei, selbst beschreiben und die Wahrheit anzeigen, solches den Herrn Commissären zustellen, sei die Gnade noch unverschlossen, wo nicht, so wollen mich Ihr hochfürstl. Gnaden mein Leben lang auf dem Schloß sitzen lassen und meinen Kindern Gerhaben[11] verordnen. Ich solle gegen die Unterthanen vermeldet haben, sie sollen nicht sagen, daß ich Ihnen gerathen, da ich nichts gestehen würde. Also ist Ihrer hochfürstl. Gnaden Bericht.

Freitag den 28. Juli keinen Wein. Samstag 29. Juli 1 Maß Wein, Sonntag 30. detto 1 Viertel Wein, bisher gefangen 33 Tage. Gott schicke es zum Ende.

Mittwoch 9. August l Maß. An diesem Tage den Herrn Commissarien meine Schrift überschickt. Ist diese Nacht, da ich doch zuvor das Wenigste nichts gehört, in meinem Zimmer ungestüm gewesen, hat einen ungewöhnlichen Fall bei meinem Bett gethan, Gott verleihe mir Gnade.

Am Donnerstag ist St. Lorenztag den 10. August 1 Viertel.

Freitag 1 Maß. An diesem Tag haben mir die Herren Commissarii aus Ihr hochfürstl. Gnaden Zimmer Bethschnüre[12] heruntergeschickt, welche ich Ihnen den 12. dieses wieder zurückstellen lassen.

Freitag 18. dieses 1 Maß, fast betrübt. Mein Pathe, der Jacob Riedlschickt mir 2 Viertel Wein. Sonntag den 20. dieses keinen Wein.

Montag 21. dieses keinen Wein, ist die Schwalbe, so hinvor zwei Sitzim Zimmer gehabt, ausblieben.

Freitag 1 Maß Muskateller und gute Vertröstung baldiger Erledigung.Gott schicke es, daß mit Glück erfolge.

Sonntag den 27. dieses 1 Viertel, ist meine Schwalbe wiederausgeblieben.

Donnerstag 31. August bin ich abermals examinirt worden.

Kann mich nicht erinnern, daß ich die Unterthanen zum Suppliciren angewiesen und angelernt, wie sie es sollen angreifen oder wegen meiner Urbargüter gethan haben sollen.

22 September 1 Maß Wein. Gott erbarme sich und wende meine Betrübniß. Des Abends bin ich in den Thurm gelegt worden, O Herr Gott hilf mir bald mit Glück wieder daraus.

(Es folgen Tag für Tag Notizen über erhaltenen Wein und Branntwein.)

Donnerstag 12. October 1 Maß Wein, Keuchen[13] ausgekehrt.

Montag 23., Dienstag den 24. October 1 Maß, diese beiden Tage bei der Strenge examinirt, habe bekannt, daß ich nicht allein der Unterthanen Suppliciren längst zeitlich gewußt, dessen durch den Carl Rieder, Guthundt und andere, die mir abgefallen, bericht worden, sondern Ihnen darzu gerathen und daß sie andere Gericht, damit sie nicht für Aufwiegler gehalten worden, an sich nehmen sollen. Mittwoch in einem Krug Meth, als 1 Maß Wein. Mehr ein Maß Muskateller. Eodem die habe ich meine gestrige Aussag gethan, so mir wieder vorgehalten worden, unterschrieben.

Donnerstag den 26. dieses 1/2 Mäßl Branntwein, sonst keinen Wein.Freitag 1 Viertel Wein. Eodem die bin ich im Zimmer auf etliche, ichhatte ohngefehr fünfundzwanzig, Artikel der angelegten Steuer undUrbarsbeschreibung examinirt worden.

Sonntag 29. October 1/4 Wein, bin nun 38 1/2 Tage am Thurme gelegen und diesen Tag hat man mich in ein Stübel im Pfaffenthurm gethan, Gott verleihe bald glückselige Erledigung.

Dienstag den 31. October bin ich mehr vor den

Herren Commissären gewesen und was ich den 22. und 24. Octoberausgesagt, unterschrieben.

Samstag den 4. November, diese Nacht ist der Hosprofoß im Zimmergelegen.

Dienstag den 7. November, daran ich das Hochwürdige Sacramentempfangen.“

Des Pflegers Tagebuch endet mit diesem Tage. Wie dem Gefangenen zu Mut gewesen, wie scharf er die Situation durch das Erscheinen des Hosprofoßen und dessen Nächtigung im gleichen Zimmer erfaßte, geht aus den erhalten gebliebenen Abschiedsbriefen in erschütternder Weise hervor.

„Herr Ehinger.

Freundlicher herzlieber Vater und Frau Mutter lasset Alles fleißig zahlen, man ist euch viel für mich schuldig und danke auch Gott aller Zuthaten. Befehle alle dem lieben Gott, bitte was ich wider euch gethan, durch Gottes Willen um Verzeihung und nehme hiemit herzlich Urlaub.“

„Lieber Herr Schwager Zechentuer, ich nehme hiemit von euch und euerer Hausfrau, meinen Kindern eurem Vater und sonst allen meniglich treulich Urlaub, habe ich was euch oder anderen zuwider gethan, bitte ich durch Gottes Willen um christliche Verzeihung, auch daß ihr euch die Holzwerkssachen und von dannen herrührenden Rechnungen zu meiner Hausfrau und Kinder Besten wollet angelegen, auch in allen mein liebes Weib und Kinder besohlen sein lassen, Gott wird es vergelten, ich muß sterben, ich muß mich dazu richten, Gott verleihe mir ein gnädiges und geduldiges, und wie ich ohne Zweifel hoffe und glaube, am jüngsten Tage mit allen christgläubigen Seelen eine freudenreiche Auferstehung zum ewigen Leben. Amen. Amen. Amen.“

„Bitteres Scheiden von meinen lieben Weib und Kindern, auch eurer Hausfrau, Vater und andere meine liebe Herren und Freunde. Gott ist ein Erkenner aller Menschenherzen, der weiß, ob ich recht oder unrecht um das Leben gebracht werde, freundlicher lieber Herr Schwager Zehentner, mir, dann dem Stefan Guthundt und Hansen Keil ist gestern Abends, jeden absonderlich, daß wir morgen früh mit dem Schwert ohne sonderlich Haltung einiges Rechts in der Stille und Geheimniß hingerichtet werden, verlesen worden. Ach Herr Gott verleihe uns Geduld, ein seliges Ende und das ewige Leben. Amen. Behüthe Gott meniglich vor solcher Gefahr, das ist der Lohn meines schier 40jährigen vielmehr bei Tag und Nacht ausgestandenen Dienst, Gott sei es geklagt, also beschlossen, die Zeit meines Lebens ist kurz, bin ich guter Hoffnung, es werde mir Niemand mit Grund nichts Unehrbares oder Unredliches nachreden können, wollet mich defendiren, noch einmal durch Gottes Willen bittend für mein liebes Weib und Kinder werdet die Belohnung bei Gott finden. Actum 7. November, bis auf welche Zeit ich 19 Wochen in großen Banden und Bekümmerniß gefangen gewesen und 2 Uhr Nachmittags ist meine letzte Schrift, will sterben wie ein frommer Christ, es kann oder mag nich anders sein. Nehmet von mir meniglich Urlaub, wider wenn ich gethan, bittet, daß mir dieselben verzeihen, ich verzeihe auch meniglich hier im Leben und nach meinem Tode.“

Das Ungeheuerliche geschah, der greise Pfleger Kaspar Vogel ward in aller Stille durch das Schwert hingerichtet. Sein Geständnis, den Bauern eine demütige Bittschrift um Steuernachlaß angeraten zu haben, ward von den Kommissären schon als crimen angesehen, das sich todeswürdig erwies, da erhärtet wurde, daß der Ratschlag Vogels gelautet habe, es solle das Gericht Zell zugleich mit anderen Gerichtssprengeln zum Landesfürsten supplizieren.

Dieses auf so schwachen Füßen stehende Urteil fand die landesherrlicheBestätigung. Wolf Dietrich wollte der Steuer-Rebellion im Gebirge eingewaltsam rasches Ende bereiten und ein Exempel statuieren, das dieGemüter für immer im Bann halten solle.

Die blutige Bestrafung des Aufstandes rief Entrüstung und Wut hervor, zugleich aber auch Furcht vor dem unbeugsamen Fürsten, es ward im ganzen Lande still.

Die Steuergewaltigen hatten den Sieg erzwungen und konnten nach Willkür einschätzen; die Furcht vor blutiger Strafe schüchterte gründlich ein. Wie von der Hofkammer eingeschätzt, die Steuern dekretiert wurden, zeigt die bittere Bemerkung des Chronisten Steinhauser: „Man hat auch keinem nichts mehr abgeschrieben, wenn er schon vermeldet hat, daß er ärmer sei worden; aber wenn er reicher worden ist, so hat er solches allweg in der Steuerzeit anzeigen müssen, hat er anders gewollt, daß seine Verlassenschaft seinen Erben nach seinem Absterben bleibe. Denn man hat nach eines Abwerben alsbald (sein Haus) gesperrt und inventirt und das allerschlechteste und geringste geschätzt und in einen Anschlag und Hauptsumma gebracht, welche fast viel gemacht hat.“

Von Hohen-Salzburg donnerten die großen „Stücke“ und ihr mächtig Krachen brachte die ganze Bischofstadt auf die Beine. Die Bürger eilten durch die engen Gassen zum Domplatz, von dessen Freiung man freien Blick zur Veste hinauf hat, und guckten sich die Augen wund. Eine große Erregung lief durch das städtische Volk, die Frage nach der Bedeutung des Geschützspieles setzte die Zungen in Bewegung. Schlauere Leute hatten den Weg zum Keutschachhof genommen und bestürmten Trabanten und Thürsteher mit Fragen, worauf ein mächtig langer Spießträger stolz verkündete, daß Seiner Hochfürstlichen Gnaden ein Sohn geboren worden sei, das erste Kind!

Fassungslos im ersten Augenblick stand der Menschenwall im Hofe derResidenz; doch rasch fanden die Leute die Sprache wieder, um dasunglaubliche Ereignis zu discutieren, hitzig und mit Aufgebot allerLungenkraft.

Wirr genug schwirrten die Ausdrücke höchster Überraschung durcheinander, und je nach der Gesinnung der einzelnen Bürger ward Stellung zu dem aufregenden Ereignis genommen. Da gröhlte ein dicker Bäcker wild, daß ein Erzbischof überhaupt nicht verheiratet, also auch nicht Vater sein könne, und die „Stücke“ seien nicht dazu auf der Veste, um ein Kind anzudonnern.

Eine Gruppe von Maurern, die im Brot des Fürsten standen und mit Korn bedacht worden, lärmte und verteidigte den Gebieter, der ein guter Herr sei und das Recht habe, so viel Kinder zu bekommen wie ein Schullehrer. Und Angehörige der Sippen und Zünfte nörgelten an dem Verhältnis Wolf Dietrichs zur schönen Salome, schimpften weidlich über offenkundige Cölibatsverletzung und prophezeiten Unheil, wasmaßen der Papst derlei Lebenswandel nicht dulden könne, dürfe und werde. Immer hitziger wurden die Ausdrücke des Unwillens, die Leute verstiegen sich schließlich zur Behauptung, daß solches Stückspiel eine Schande für das Erzstift, der Bastard das Pulver nicht wert sei, das ohnehin wieder der Bürgersmann zahlen müsse. Den Trabanten ward das Geschimpfe aber mählich zu arg, sie jagten die Leute mit den Helebarden hinweg und räumten den Hof. Lärmend zogen die erregten Gruppen weiter, die Kunde von der Geburt eines fürstlichen Sprößlings verbreitete sich schnell wie der Sturmwind durch die Stadt, überall Zwiespalt der Meinungen hervorrufend, schärfste Kritik provozierend.

All' der Unmut über das Verhältnis des Fürsten mit Salome, ihr Weilen und Residieren bei Hof brach mit elementarer Gewalt los, und wer es wagte, den Erzbischof zu verteidigen, mußte sich grimmigen Schimpf an den Kopf werfen lassen, sodaß die Reihen der dem Fürsten Gutgesinnten sich schnell lichteten, zumal die Menge jene Verteidiger Wolf Dietrichs schlankweg ketzerischer Gesinnung zeihte und sie verkappte Lutheraner nannte, wie nach der Volksmeinung auch der Fürst selbst verdächtig schien, zum mindesten ein halber Protestant zu sein. Am übelsten kam in solchen wilden Erörterungen die schöne Salome weg, die als Ausbund aller Lasterhaftigkeit hingestellt ward. Dagegen remonstrierten nun doch Angehörige der Patrizierkreise, die eben nicht vergessen hatten, daß Salome Alt aus altangesehenem Geschlecht stammt und trotzalledem ihren Kreisen beizuzählen ist. Schließlich verdichtete sich all' der Meinungsstreit zur Kardinalfrage, ob der Fürst-Erzbischof mit Salome verheiratet sei oder nicht, und hierüber wußte niemand bestimmte Auskunft zu geben. In besseren Kreisen stritt man sich darüber, daß eine Gewissensehe vorliege, daß Wolf Dietrich sich eine compromessa cattolica zurecht gestutzt, eine eigene Theologie gebildet habe, wie das unter Kaiser Maximilian II. nicht eben selten war. Diese Auffassung fand lebhafte Unterstützung in geistlichen Kreisen, soweit solche noch nicht vom Arm des Gebieters getroffen worden waren.

Gefragt ist niemand worden, niemand war Zeuge einer kirchlichen Trauung des Fürsten mit Salome, niemand weiß Bestimmtes. Kein Wunder, daß den Gerüchten und Verleumdungen Thür und Thor geöffnet waren.

So hoch die Wogen der Erregung im Volk gingen, um so stiller ging es zu in den Gemächern der Wöchnerin, wo auf Befehl des überglücklichen Gebieters in peinlichster Weise Ruhe gehalten werden mußte. Wolf Dietrich, der Typus echter Ritterlichkeit, bekundete für eine Coeurdame eine zärtliche Fürsorge, die sich bis in die kleinsten Bedürfnisse erstreckte. Der Fürst ging auf im Gedanken, für das Weib zu sorgen, das ihm einen Sprossen, noch dazu einen allerliebsten Knaben, geschenkt.

So kam Wolf Dietrich auf den Zehen geschritten ins Gemach Salomes, um jegliches Geräusch zu vermeiden, sein ängstlich besorgter Blick galt der ihm so teuren Frau, die mild lächelnd, bleich und schwach zu Bette lag, und dem Gebieter einen Gruß aus den sanften Augen zusandte.

Der Fürst trat an das Bett, küßte die schmale Rechte Salomes und flüsterte in bewegten Worten seinen heißen Dank für diese herzerfreuende Gabe, die ihn glücklich mache, so glücklich, daß es für solche Seligkeit keinen Ausdruck gäbe.

Ein Schimmer milder Wonne verklärte Salomes Züge, ihre Lippen flüsterten: „Gefällt der Kleine meinem gnädigen Herrn?“

Wolf Dietrich wollte zur Wiege schreiten, da bat Salome flehentlich, das Knäblein ja nicht auszuheben, es sei so leicht ein Beinchen weg. Da lachte der Fürst herzlich auf: „So gebrechlich wird ein Raittenau nicht sein!“

Ein glücklich Lächeln flog auf die Lippen der Wöchnerin, Salome sprach bewegt: „So trägt der Kleine den Namen des Vaters?!“

„Gewiß, Geliebte! Er ist ein Raittenau und Wolf soll er getauft werden!“

„O Dank, heißen Dank, gnädiger Herr!“

„Ich muß danken dir, larissima! Für alles weitere laß sorgen mich, den Vater und Fürsten! Soll ein tüchtiger Bursch und Mann werden aus dem kleinen Wölflein, darauf geb' ich mein fürstlich Wort!“

„Habt Dank, gnädiger, gütiger Gebieter! Nun freu' ich meines Lebens wieder mich und will gern ertragen, was das Geschick mir beut!“

In aufwallender Glückseligkeit küßte der Fürst zärtlich Salomens Hände, hauchte einen Kuß auf die weiße Stirne, und bat besorgt, es möge die Teure sich nun schonen und pflegen lassen, wie es der Fürstin ziemt.

Ergebungsvoll ließ Salome das bleiche Haupt in die Kissen fallen, mutig unterdrückte sie den Seufzer, der ihrer Brust entsteigen wollte.

Still verließ Wolf Dietrich das Gemach, und erst nachdem er die Fluchtmehrer Räume hinter sich hatte, trat er wieder fest auf nach seinerGewohnheit, und der Hauch inniger Zärtlichkeit verschwand von seinenZügen.

In seinen Wohngemächern angelangt, wollte der Fürst eben fragen, ob niemand aus der Stadt sich eingefunden, die Glückwünsche auszusprechen zum erfreulichen Ereignis bei Hof, da ward Graf Lamberg gemeldet und sogleich vorgelassen.

Das höfische Ceremoniell Lambergs schnitt Wolf Dietrich sofort ab durch den Ruf: „Freund, du bist der erste Gratulant, nimm meinen und Salomens Dank dafür! Herzlich willkommen!“

„Es ist des treue Unterthanen Pflicht, dem gnädigen Fürsten die Glückwünsche zu Füßen zu legen!“ sprach Graf Lamberg ehrerbietig und verbeugte sich tief vor dem Gebieter.

„Sei meines innigen Dankes überzeugt, Freund Lamberg! Mir ist's eine freudige Genugthuung, just dich bei mir zu sehen! Von Salzburgs Bürgerschaft, vom Adel auch, hat niemand eingefunden sich, ich habe keine Meldung!“

„Hochfürstliche Gnaden wollen Geduld üben! Die Kunde wird zu sehr überrascht haben die getreuen Unterthanen, sie fassen es nicht, es wird klar erst werden müssen in den Köpfen, dann wird wohl der Glückwunsch kommen an den Hof.“

Ein forschender Blick flog zu Lamberg, gedehnt klang des Fürsten Frage:„Glaubt Lamberg wirklich?“

Der Kapitular antwortete vorsichtig: „Es wäre Pflicht nur und schuldigeDankbarkeit!“

„Ha, Dank! Und mit den Pflichten wird genau es nicht genommen! DerBeispiele sind viele, die das Gegenteil beweisen! Sei's drum! Urkundenwill ich in nächster Zeit, daß tragen soll der Sproß den Namen WolfRaittenau.“

Lamberg wagte nun seinerseits den forschenden Blick auf den Gebieter zu richten, sprach aber nichts.

Mehr für sich entwickelte Wolf Dietrich in seiner hastigen Art hochfliegende Pläne, wie der kleine Wolf erzogen, herangebildet werden solle, auf daß er gebührend seinen Platz dereinst einnehme als ein Raittenau.

Lamberg drückte seine ergebene Zustimmung durch wiederholte Verbeugungen aus und behielt seine Gedanken für sich. Liebt doch der Fürst nicht, unterbrochen zu werden, und Andeutungen, daß es anders werden könne, als der temperamentvolle Gebieter glaubt, sind Wolf Dietrich alle Zeit verhaßt.

Der Fürst sprach sich warm, kam vom Hundertsten ins Tausendste, und gelangte schließlich zu seinem Lieblingsthema: bauen! Und einmal in diesem Fahrwasser ereiferte sich Wolf Dietrich für den Plan, seiner Salome ein würdig, fürstlich Heim zu gründen. Unzureichend sei der Keutschachhof nun, da einen jungen Raittenau er in sich birgt, die Residenz müsse verlegt werden.

„Die ganze Residenz?“ fragte überrascht Graf Lamberg.

„Nicht doch, das hat Zeit, bis jenseit der Salzach ein Gebäu erstanden ist, das ‚Altenau‘ ich werde heißen. Zuvörderst will meine Wohnung bei Hof ich verändern, es störet vieler Lärm mich hier. Ein lautes Volk, meine Salzburger! Auch ist Botschaft mir geworden in den letzten Tagen, daß laut und im Übermaß es zugeht vielfach auf dem Lande wie in Salzburg. Den Weinteufel glaubte ich gestutzt durch Mandat und kräft'ge Steuer, will scheinen, die Leute spüren wenig und saufen weiter. Werd' ein kräftig Wort sprechen müssen! Dieweilen mir Unterthanen, arme Leut' hungern und entbehren des Nötigsten, herrscht Fraß und Völlerei bei andern! Will mich bedünken, werd' examinieren lassen müssen auf dem Konsistorio und die Leut' befragen auf Herkommen und Glaubensbekenntnis. Wird nicht zu frühe sein damit!“

„Gewiß nicht! Euer Hochfürstliche Gnaden werden den Dank Roms sich erwerben mit bemeldter restauratio. Nur möchte ich, sothanermaßen der gnädige Herr und Gebieter das Wort mir wollen verstatten, raten….“

„Was?“

„… raten, eine längere Frist zu setzen gleich manchen Fürsten im Reich, auf daß die Leute sich werden schlüssig zur Umkehr und Einschluß in die ecclesia cattolica oder zu gehen aus der Heimat. Bin richtig ich informiert, besteht im Reich die Frist von einem Jahr!“

„Zu lang' währt solche Frist, auch hab' schon zu lang' ich gezögert. Es ist mir lieb, daß kommt die Sprache zwischen uns auf solch' Kapitel. Es ist mein Wille, daß citieret werde Ludwig Alt und Salzburgs Stadtrat bald zu Hof, und ein Kommissarius soll die Leut' befragen auf das Trienter Bekenntnis, soll es beschwören lassen.“

Lamberg wagte den Hinweis, daß vielleicht doch jetzt in diesen Tagen ein solches Vorgehen nicht den gewünschten Erfolg haben könnte.

In seinem Ungestüm rief Wolf Dietrich: „Warum nicht jetzt? Wer kann mich hindern? Mein Wort hat Geltung allezeit und zu jeglicher Stunde! Ich will Farbe bekennen sehen! Und zugleich soll man die Leut' beschauen, so einer will zum Bürger aufgenommen werden in Salzburg. Soll mir keiner Bürger werden, er habe denn hundert Gulden im Vermögen zum mindest!“

Lamberg mochte wohl nicht näher seine Meinung erörtern, da der Fürst nicht selbst erkannte, daß die Geburt eines Sprossen wenig zur gewaltsamen Forderung eines Glaubensbekenntnis der Unterthanen passe; der Kapitular sprach daher nur sich dahin aus: „Es wird Euer Hochfürstlichen Gnaden sicher eine gute Vorbetrachtung sein, zu mandatieren über Prüfung bei Aufnahmen von neuen Bürgern und Mindestforderung eines festgesetzten Vermögens.“

Wolf Dietrich beruhigte sich ob dieser Versicherung, nur schien es, als horche der Fürst ab und zu auf, wie in Erwartung, daß Deputationen zur Gratulationscour erscheinen sollen. Da aber niemand sich melden ließ, bemächtigte sich des verletzten Gebieters eine gewisse Verdrossenheit, die den Kapitular veranlaßte, um gnädige Entlassung unter dem Vorgeben zu bitten, daß sogleich bezüglich der Citation die nötigen Ordnungen getroffen werden sollen.

Der Reihe nach im Rang fanden sich die Hof- und Kapitelbeamten ein, um ihre ehrerbietigen Glückwünsche zum erfreulichen Ereignis auszusprechen; die einen in überschwänglicher Weise, andere wieder gelassen und trocken, alle aber auf höflichste Art, demütig, wie es dem hochfahrenden Sinn des Fürsten entsprechen und gefallen mußte. Wolf Dietrich entfaltete, hiervon angenehm berührt, all seine fascinierende Leutseligkeit und lud die Herren zu einem Festmahle ein, um seinem fürstlichen Dank vollen Ausdruck zu verleihen.

Hatte der kluge, diplomatisch geschulte Graf Lamberg die Absicht, mit der befohlenen Glaubensexaminierung zuzuwarten, um den Gemütern der erregten Salzburger Zeit zu einer gewissen Beruhigung zu lassen, auf daß doch eine Restauration nicht unmittelbar auf die Geburt eines Kindes ohne gültigen Ehebund folge, — der Fürst, der das Warten nicht kannte, durchkreuzte solche feinfühlige Absicht durch scharfes Monieren, und so mußte denn der ad hoc bestellte Kommissar seine wenig angenehme Thätigkeit entfalten. Der Kanzler aller geistlichen Sachen im Erzstift citierte den Bürgermeister und die Stadträte in den Palast, legte ihnen das Trienter Glaubensbekenntnis vor und verlangte dessen feierliche Beschwörung. Die meisten leisteten den Eid ohne Zögern, einige der Handelsherren aber verlangten eine Frist, um sich klar zu werden über den Stand ihres Glaubens, und deuteten an, daß die Citierung ebenso überraschend sei, wie ein gewisses Ereignis am fürstlichen Hofe.

So in eine fatale Notlage gebracht, mußte der Kommissar den zögernden Kaufherren doch wohl eine kurze Frist gewähren. Dafür aber wurde am nächsten Tage von den übrigen Bürgern Erscheinen und Beschwörung verlangt, und zwar in einem schärferen Tone und unter Androhung der zu gewärtigenden Strafen. Die Scheu vor dem strengen Fürsten, die Liebe zur Heimat und die Furcht vor Verarmung, all' dies übte auf die Bürger einen Druck aus, unter welchem sie den geforderten Eid leisteten. Über zwanzig Bürger aber verweigerten das Jurament und verhielten sich ablehnend, auch als die Ausweisung angedroht wurde.

Eine abermalige Gärung in der Bevölkerung griff um sich. Wolf Dietrich zeigte sich erbost und erließ nach kurzer Zeit eine besondere Verordnung „zu verhütung mehreren unraths“ über den Wegzug der ketzerisch Gebliebenen, derzufolge diese Ketzer sofort ein genaues Verzeichnis ihres Besitzstandes einreichen und eine hohe Gebühr für die Erlaubnis zum Wegzug zahlen mußten. Wer diesem Befehl nicht nachkam, dessen Gut war dem Fiskus verfallen; ihre Güter im Lande mußten an Personen, deren Tauglichkeit und Glaubenstreue vom Fürsten zu betätigen ist, entweder schleunigst verkauft oder mit der ausdrücklichen Bedingung des baldigen Verkaufes verpachtet werden, widrigenfalls der Erzbischof über sie verfügen würde.

Die von dieser Verordnung Betroffenen waren großenteils Kaufleute und Wirte, denen nicht nur alle Rechte und Freiheiten entzogen wurden, sondern auch bei Konfiskation der Waren aller Handel im Erzstift verboten ward. Da nun auch Mündel von diesem Mandat betroffen wurden, übernahm die fürstliche Regierung die Vormundschaften unter Beifügung der Bestimmung, daß alle an ketzerischen Orten befindlichen Mündel sobald als möglich nach Salzburg zurückkehren müssen. Wer seine Geschäfte in Ordnung gebracht habe, solle innerhalb vierzehn Tagen die Stadt verlassen; der äußerste Termin wurde auf vier Wochen gesetzt.

Ein Weheruf ging durch das Land. Graf Lamberg fühlte Erbarmen mit den Leuten, seinen Bemühungen gelang es, daß der Fürst die Frist um weitere vier Wochen verlängerte. In dieser Zeit erfolgte unter dem furchtbaren Druck doch noch manche Unterwerfung, die aber, weil der Termin nicht rechtzeitig eingehalten, mit einer äußerlich sichtbaren Strafe dahin belegt wurde, daß diese Säumigen an Sonn- und Feiertagen im Dom mit brennenden Lichtern in der Hand Buße thun mußten.

Darüber vergingen Monde, und allmählich verliefen sich die Wogen der Erregung, zumal ein Widerstand gegen die fürstliche Macht und Gewalt ja doch aussichtslos erscheinen mußte. Die Leute durften mählich froh sein, wenn keine neuen Mandate erfließen, die bei diesen Zeitläufen förmlich in der Luft hingen und dem Regen gleich herabprasseln können zu jeglicher Stunde.

Wolf Dietrich oblag tiefer Andacht meist im Dom, und eines Tages ward der Erzbischof darin gestört durch einen leichtfertigen Schuljungen, der auf den heiligen Ort gänzlich vergaß und den im andächtigen Gebet knieenden Bürgern Schnecken auf den Rücken setzte, so daß die Kleider der Andächtigen arg von dem Schneckenschleim beschmutzt wurden. Als Wolf Dietrich diesen Unfug gewahrte, erfaßte ihn Zorn und Entrüstung, der Erzbischof sprang auf, schritt auf den Schuljungen zu, faßte ihn schlankweg beim Schopf und führte den auf den Tod erschrockenen Jungen aus der Kirche. Diener liefen herbei, denen Wolf Dietrich den kleinen Missethäter zur Inhaftierung übergab. Noch am selben Tage dekretierte der Fürst die Strafe: Auspeitschung mit Ruten und ewige Landesverweisung, die sogleich am zeternden Jungen und trotz aller Bitten der inzwischen dazugekommenen Eltern vollzogen wurde.

Dieses Ereignis sollte insofern weitere Folgen haben, als Wolf Dietrich nun gegen jegliches Laster überhaupt mit großer Schärfe vorging. Mord und Totschlag gab es viel, und mit der Sittlichkeit war es allerorten übel bestellt. Ein Mandat forderte zur Umkehr und Besserung auf und drohte mit dem Malefizrichter.

Ein kaum dem Knabenalter entwachsener Bursch Jakob Staudner[14] wurde von revierenden Schergen ertappt, als er ein kleines Mädchen Namens Susanna Pauser seinen Gelüsten gefügig machen wollte, und in den Turm geschleppt. Auf erstattete Anzeige befahl der im höchsten Maße erzürnte Fürst, es solle sogleich Gericht über den Missethäter gehalten und die Todesstrafe ausgesprochen werden.

Die Richter hatten somit das Urteil bereits vorgeschrieben; das Verhör ließ aber doch die Möglichkeit offen, daß der Verhaftete die Unthat nicht begangen habe. Auch konnte eine „Beschädigung“ (Verletzung) des Mädchens nicht konstatiert werden. Als von solchem Sachverhalt der Fürst verständigt ward, lautete die Antwort: Es solle gleichwohl durch den Freimann ein Exempel statuiert werden. Das Urteil lautete daher auf Hinrichtung durch das Schwert.

Im Hof des Gerichtshauses waren alle Vorbereitungen getroffen. Der dem Tode geweihte Bursch wurde zum Schaffot geleitet, der Stab über ihm gebrochen; der Franziskaner-Pater, welcher dem Delinquenten den letzten Trost der Religion gereicht, betete die Sterbgebete, und der Scharfrichter riß dem Burschen das Wams vom Leibe. Brust und Hals waren nun unbedeckt, der wimmernde Delinquent harrte des Todesstreiches.

Da kamen plötzlich zwei Franziskaner in großer Hast und Aufregung in den Hof gelaufen und riefen, es solle der Malefizrichter innehalten, der gnädige Fürst habe Pardon gegeben.

Thatsächlich hatte sich Wolf Dietrich von der beweglichen Fürbitte der Franziskaner, denen er ein Kloster erbaut hatte, zu einem Gnadenakt bewegen lassen, jedoch nur unter der Bedingung, daß die Franziskaner den Burschen weiterhin in ihre Obhut nehmen müßten. Als dies gelobt worden, gab Wolf Dietrich den Delinquenten frei, und die Franziskaner kamen im letzten Augenblick, ein Menschenleben zu retten.

Fürder aber blieb der Fürst in allen Mord- und sonstigen Lasterfällen unerbittlich; im benachbarten Engendorf wurde kurz darauf ein Bauernknecht wegen Totschlages hingerichtet. Das wirkte heilsam; man wußte nun, daß jegliche Begnadigung ausgeschlossen sei, die Mandate fanden Beachtung.

Der Vorfall in dem Dom zu Salzburg brachte den Fürsten auch auf den Gedanken, in den Schulen auf besseren Unterricht und Verhalten zu dringen, und es erfolgte eine strenge Schulordnung, nach welcher die Lehrer vor ihrer Anstellung examiniert, die Bücher der Lehrer wie der Schüler visitiert, der Katechismus nach P. Canisius wenigstens zweimal wöchentlich gelehrt, den Kindern tüchtig eingeprägt werden solle. Die Lehrer wurden verhalten, Sorge für die österliche Beichte und Kommunion zu tragen, die Kinder schärfstens zu überwachen, auch brave Knaben als Aufsicht zu bestellen, und die Schulstuben mit Wachholder auszuräuchern. Ingleichen sollen die Kleinen vom Essen unreifen Obstes abgehalten werden.

Über Mangel an fürstlicher Initiative und Überraschungen durch die mannigfaltsten Mandate konnten sich die Salzburger also nicht beklagen. Eine eigenartige, unerhörte Überraschung sollte aber die Fußwaschung der zwölf armen Männer, welche die Apostel darzustellen hatten, am Gründonnerstag bringen.

Im Dom begann diese uralte Ceremonie, welche der Fürst-Erzbischof in eigener Person vornahm. Wie Christus beim letzten Abendmahl den Aposteln die Füße wusch, um ihnen sinnbildlich die Tugenden der Demut und der brüderlichen Liebe einzuprägen, ist in Domkirchen der Bischof gehalten, zur Erinnerung an diese Handlung Christi diese Ceremonie zu vollziehen.

Nach abgelesenem Evangelium legte Wolf Dietrich den Mantel ab, ließ sich ein Vortuch reichen, und begann den zwölf Greisen die entblößten Füße zu nässen und gleich darauf mit dem Handtuch abzutrocknen. Dann folgte der Apostelkuß, den Wolf Dietrich allerdings etwas rasch vornahm.

Soweit ging alles nach uralter kirchlicher Vorschrift und hätte nun die Geleitung des Erzbischofes zum Hochaltar erfolgen müssen. Die Domherren und Kleriker ordneten sich zum Zug dahin, aber Wolf Dietrich ignorierte dieses Arrangement, schritt plötzlich wortlos quer durch das Kirchenschiff und stieg zur größten Überraschung des Kapitels wie der massenhaft anwesenden Gläubigen die Kanzeltreppe hinan.


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