Chapter 3

Sie stellte eine Undine dar. Grünes Schilf hing in ihrem Haar. Ihren Leib umspannte ein silberner Gürtel. Silberne Schuhe bedeckten ihre Füße, die Augen in der für die Blicke freien, weißseidenen Maske blickten träumerisch, und mit einem, wie von Mondesglanz durchleuchteten Schilfwedel berührte sie die sich ihr Nahenden und bat sie, sie einmal in ihrem Geisterreich am Undinensee zu besuchen.

„Und wo ist der?“ fragte eine dunkelschwarze Gestalt mit verhülltemHaupt und fast verhülltem Angesicht.

„Wo? Wenn du fragst, bist du nicht berufen, in meinem Reiche zu erscheinen. Das muß dir dein Herz, dein Verlangen, deine Sehnsucht selbst beantworten!“

„Ich hatte dieses Verlangen, diese Sehnsucht! Aber ich ward betrogen!Das Reich der Schönheit fand ich, der klugen Kunst, aber nicht das Reichder Wahrheit. Als ich es einst betrat — fand ich keine engelhafteUndine, vielmehr eine launenhafte, von Eindrücken abhängige, in derLiebe Unbeständige, ja, der echten Treue Entbehrende und des BesitzesUnwerte —“

„So wähltest du den unrechten Pfad, einen, der nicht zu mir führt. Dann wärest du bei einer meiner Schwestern, deren ich viele besitze, die aber nicht zu den reinen Geistern gehören! — Komm zu mir und du wirst erfahren, was eine echte Undine für Schätze zu bieten hat.“ —

Sie nickte und war verschwunden. Er aber folgte ihr durch das Gewühl der Masken, und nachdem er sich in einer versteckten Ecke rasch und geschickt ein Brustschild vorgesteckt hatte, auf dem sich ein Totenkopf und die Worte: „Mitglied der heiligen Inquisition“ befanden, wußte er ihr abermals am Eingang des in der Villa befindlichen Wintergartens zu begegnen. Und nachdem er sie angehalten, sagte er:

„Höre, Undine! Ich bin erschienen, um dich zur Rechenschaft zu ziehen! Du verfolgst durch anonyme, herabsetzende und verdächtigende Briefe einen Ehrenmann, schädigst ihn an seinem Ansehen, seiner Ehre und seinem Fortkommen. Du begehst gemeine, einer edlen Seele unwürdige, verbrecherische Handlungen!

„Herunter mit der Maske der Sanftmut, Tugend und Weiblichkeit! Erkläre, daß du bereust, daß du dein unerhörtes, strafwürdiges Treiben einstellen willst!

„Geschieht es nicht, so ist es mein Wille, hier jetzt laut zu erklären, was du gethan, wer mich hergesandt hat, was meines Amtes ist. Ich werde die Maske abstreifen und dich im Namen des Gesetzes verhaften!

„Nun wähle rasch! Bekennst du, so wirst du mir morgen eine schriftliche Erklärung abzugeben haben, eine, von deren Inhalt dann nichts in die Oeffentlichkeit dringen soll; auch die Strafe wird dir erlassen werden, dir und deinem Helfershelfer — der, nachdem er lange beobachtet und inzwischen überführt wurde, — bereits ein Geständnis abgelegt hat!“

Alles war in raschem Fluß gesprochen und in einem Tone der Entschiedenheit, der Frau von Krätz nicht darüber in Zweifel ließ, daß es sich nicht um einen zufällig auf sie passenden Scherz, sondern um etwas sehr Ernstes, um das wirklich handelte, was ihr schuldbewußtes Inneres belastete.

Völlig entmutigt und geschlagen aber wurde sie, als der Mann, der in der unheimlichen Maske vor ihr stand, die letzten Worte geredet hatte.

Wenn Numick gestanden hatte, half kein Leugnen!

Sie sprach deshalb — rasch entschlossen, jedoch in kluger Berechnung:

„Ob Maskenscherz oder Ernst — ich vermag nicht zu beurteilen, was dich reden läßt, Mitglied der heiligen Vehme!

„Jedenfalls erwarte ich dich morgen mittag zu einer Besprechung in meiner Wohnung. Für jetzt achte das Gastrecht und lasse uns in Frieden ziehen!“

Nach dieser Antwort streckte sie ihm — äußerlich auch jetzt noch mit leichter Unbefangenheit und unter anmutiger Geberde, — die Hand hin und wollte von ihm zurücktreten.

Er aber hielt sie und sprach mit nunmehr unverstellter Stimme:

„Zu Ihnen redete Freiherr, Alfred von Klamm! Er will — eingedenk früherer Beziehungen — Ihrem Wunsch stattgeben. Er wird morgen mittag bei Ihnen erscheinen und die Angelegenheit weiter besprechen!“

„Ah — Klamm — also wirklich — Sie!?“ stieß die Frau in höchstem Erschrecken heraus. Ihre Stimme bebte, auch ihre Gestalt. Sie mußte sich an den Thürpfosten lehnen, um nicht einer Schwäche zu unterliegen. Er aber wußte sie unauffällig zu stützen und flüsterte:

„Ich verlasse jetzt die Villa, damit Sie sich ohne Zwang Ihren Gästen ferner zu widmen vermögen. Im übrigen: Es bleibt bei unserer Abrede! Sie wollen es mir nochmals bestätigen!“

„Ja, auf morgen!“ drang in einem gefügigen Ton an sein Ohr, während er sich nun rasch zurückzog. Grade wälzte sich auch wieder ein Schwarm von Masken heran, der den Wintergarten betreten wollte, aber auch Diener erschienen, die Champagner und andere Getränke darboten. Und sie schob die Maske beiseite, griff nach einem Glase und stürzte den Inhalt hinunter.

Jetzt erst gewann sie wieder die alte Fassung und Sicherheit zurück. —

* * * * *

Mit klopfendem Herzen erwartete Frau von Krätz am folgenden Morgen den Besuch ihres einstigen Anbeters, des Freiherrn von Klamm. Er war während seines früheren Aufenthaltes in Dresden ein täglicher Gast in ihrem Hause gewesen, hatte sich von ihrer Liebenswürdigkeit bestricken lassen und ihr zuletzt einen Antrag gemacht.

Nachdem er aber erfahren und Beweise dafür empfangen hatte, daß sie nach der Zeit noch eine sehr wenig angesehene Persönlichkeit, einen Grafen Dyk, trotz ihrer gegenteiligen Versicherungen in späten Abendstunden bei sich empfangen, sich auch sonst verschiedener, für sie nicht passender Abweichungen schuldig gemacht, hatte er ihr ohne weitere Erklärungen einen Absagebrief geschrieben und auch in der Gesellschaft erklärt, daß er die Beziehungen zu ihr rückgängig gemacht habe.

Auf Nachfragen hatte er erklärt, sie besitze nicht die Eigenschaften, die er bei ihr vorausgesetzt habe. Nachdem wiederum ihr dies bekannt geworden, hatte sie die Schuld auf ihn geladen und ihn des Wortbruchs angeklagt.

Freilich waren ihre erregten Gefühle schon bald wieder einer milderen Auffassung gewichen. Es war nur eine durch ihre leidenschaftliche Liebe zu ihm hervorgerufene Eifersucht geblieben, aber eben die hatte sie verführt, gegen ihn dann in der bekannten Weise vorzugehen. —

Als der Diener ihr das Erscheinen Klamms meldete, befand sie sich in solcher Spannung, daß sie fortwährend die Farbe wechselte. Nur unter Aufbietung aller ihrer Kräfte, vermochte sie ihm mit einem einigermaßen gelassenen Wesen zu begegnen.

Klamm beobachtete, als er ihr gegenübertrat, die Höflichkeit eines Kavaliers, der einer Dame der Gesellschaft zum erstenmal einen formellen Besuch macht. Nachdem er sich vor ihr mit ernster Artigkeit verbeugt hatte, sah er sie mit unpersönlichem Ausdruck an, und sprach zu ihr, die wiederholt zur Dämpfung ihrer Erregung die Hand auf die Brust drückte, in kurzen, scharfabgerissenen Sätzen:

„Wir wollen uns kurz und bündig auseinandersetzen, gnädige Frau. Ich mußte die Verlobung zwischen uns aufheben, weil Sie, gegen Ihre feierliche Ansage, einen zweifelhaften Menschen bei sich empfingen, ja, ihm bis zwei Uhr in der Nacht den Aufenthalt bei Ihnen gestatteten. Ueberdies wurde mir bekannt, daß Sie mir allerlei Beziehungen, die Sie gehabt, verheimlicht hatten. Sie thaten es, obschon ich Sie gebeten, sich rückhaltlos zu äußern, Ihnen bemerkt hatte, daß ich Ihnen nichts nachtragen würde.

„Ich mußte infolgedessen fürchten, mich in unserer Ehe gleichen Abweichungen auszusetzen, und so that ich, was geschehen ist. Ich hob unsere Verlobung auf. Daß es mir nicht leicht wurde, will ich Ihnen bekennen. Ich liebte Sie mit allen zärtlichen Gefühlen eines Mannes.

„Sie haben sich nun dafür in der Ihnen gestern vorgehaltenen Weise gerächt! Sie haben einen Mann, den Sie zu lieben vorgaben, der nur auf Grund Ihrer Handlungen sich so entschließen mußte, derartig verfolgt und verdächtigt, daß er trotz des allerredlichsten Bemühens, heute wiederum vor dem Nichts steht.“

Nach diesen Einleitungsworten schilderte Klamm ihr alle Folgen ihrer Nachstellungen, berichtete ihr über Knoop, sprach von seiner Wirksamkeit und der Lösung seiner Beziehungen. Endlich teilte er ihr auch mit, daß er neuerdings die Berliner Polizei zur Hilfe gerufen, und daß ihm nach Dresden berichtet sei, daß ein gewisser, sehr anrüchiger Numick in ihren Diensten stehe! —

Sie hatte ihn nicht einmal unterbrochen. Als er nun aber geendet, sagte sie weich:

„Und was soll ich zur Sühne thun, Herr von Klamm?“

Nur das sprach sie, und sah ihn mit einem demütigen Blick an.

„Sie müssen das Schriftstück, das ich mitgebracht habe, unterzeichnen. Ueberdies wünsche ich von Ihnen, die Sie eine reiche Frau sind, ein größeres Kapital zur Begründung einer sicheren Existenz. Dieses Kapital werde ich Ihnen verzinsen und nach und nach zurückzahlen. Wohlthaten will ich von Ihnen nicht, ich will aber, daß Sie Ihr Unrecht dadurch gut zu machen suchen, daß Sie mir die Mittel zu meiner Rehabilitierung zur Verfügung stellen.

„Man könnte sagen: es sei den Vorgängen mehr entsprechend, daß ich Sie den Gerichten überlieferte und sie der Verachtung anderer und eigener Verachtung preisgäbe! Aber mir fehlt die Veranlagung zu einem sentimentalen Stolz. Ich habe zu viel gesehen und erfahren, um mich über irgend etwas zu wundern.

„Infolgedessen lehrte mich das Leben, eher zu versuchen, aus demUngünstigen das Günstige herauszuziehen, mit redlichen Mitteln, aberohne Hingabe an eine unnützliche Empfindlichkeit oder ein unfruchtbaresGrübeln.

„Ich will schließen, indem ich sage:

„Sie haben in Ihrer Leidenschaft gehandelt. Das mag Sie ein wenig, vielleicht mehr, als sonst eine solche Handlungsweise verurteilt zu werden verdient, entlasten. Ich erwarte nun Ihre Antwort.“

Und Frau von Krätz entgegnete ohne Besinnen:

„Ich bitte, lassen Sie mich das Schriftstück lesen, das ich unterzeichnen soll.“

Er reichte es ihr; es lautete:

„Ich erkläre, daß ich den Freiherrn Alfred von Klamm infolge einer starken Enttäuschung verleumdete. Ich bestätige indessen aus freiem Antriebe, daß ich ihn als einen vollkommenen Kavalier schätzen und lieben lernte, und deshalb mein Vergehen tief bereue.“

Hierauf legte er ein anderes, von ihm entworfenes Aktenstück in ihreHände, das folgenden Inhalt besaß:

„Ich, der unterzeichnete Freiherr Alfred von Klamm, bekenne, von der verwitweten Baronin Adelgunde von Krätz, geborene Gräfin Dugos in Dresden, die Summe von…. Mark als Darlehn erhalten zu haben und verpflichtet zu sein, dieses Kapital baldmöglichst, jedenfalls in fünfzehn Jahresraten zurückzuzahlen, auch ihr mit Beginn des nächstfolgenden Jahres dafür vier Prozent, in Vierteljahresraten zahlbar, zu vergüten.“

„Und wie viel wünschen Sie, und wann wünschen Sie das Geld zu haben,Alfred? Wollen Sie es nicht ohne Schuldschein von mir annehmen?“ fragteFrau von Krätz, in der Ueberwallung ihrer Gefühle wieder den Tonfrüherer Zeiten anschlagend. Ein feuchter Schimmer erschien in ihrenAugen, auch streckte sie ihm ihre kleine Rechte mit demütig flehendemAusdruck entgegen.

Klamm aber verneinte stumm.

„Nein, gnädige Frau! Ich nehme von Ihnen nur, was ich nehmen muß, und lediglich um nicht infolge Ihres Vorgehens unterzugehen.

„Ich verspreche Ihnen, daß ich nur bestimmte Personen in das von Ihnen zu unterzeichnende Schriftstück Einsicht nehmen lassen werde.

„Und ferner:

„Ich erbitte das Geld, sobald Sie es flüssig machen können! Und die Summe? Die Summe? Soll das Unternehmen, das ich plane, genügend fundiert werden, brauche ich den Betrag von 100000 Mark!“

„Wohlan! Ich bitte Sie, morgen nachmittag sechs Uhr bei mir zu sein, dann werde ich es Ihnen einhändigen.“ — Und indem sie sich erhob und ihn mit einem liebewarmen Ausdruck anblickte, sagte sie:

„Ich bitte — ich flehe Sie an, vergessen, verzeihen Sie! Sie haben selbst zutreffend die Gründe angeführt, die mich fehlen, straucheln ließen.

„Und nicht wahr? Morgen! Ich gebe Ihnen dann auch die Unterschrift. Und — und Geld! Ich bin ja reich! Ich kann es entbehren. Wollen Sie nicht mehr?“

„Ich danke, gnädige Frau — es genügt.“

Er griff nach seinem Hut und wandte sich von ihr ab.

„Alfred — Alfred!“ stieß die Frau unter schmerzlichem Schluchzen hervor.„Können Sie wirklich so von mir gehen?“

Einen Augenblick kämpfte Klamm. Dann aber sah er sie, statt ihrem Anruf Folge zu leisten, mit fremdem Ausdruck an, verbeugte sich förmlich und mit einer ablehnenden Bewegung und verließ das Zimmer.

Sie aber warf sich, nachdem er gegangen, in die Sofaecke und weinte sich aus. — Es gab für sie nur einen wahrhaft liebewerten Menschen in der Welt. Er war eben gegangen! —

* * * * *

Während Klamm den Weg zu dem Hotel einschlug, in dem er Wohnung genommen, fühlte er sich in seiner Stimmung sehr gehoben. Er hatte durch sein gewagtes, fast ein wenig abenteuerliches, aber wohlüberlegtes Vorgehen alles erreicht, was er nur wünschen konnte.

Bei seinen Erkundigungen nach Frau von Krätz hatte er zufällig erfahren, daß sie im Begriff stehe, einen Maskenball zu geben, und gleich war in ihm der Gedanke aufgestiegen, sich unter dem von ihm gewählten Domino in ihren Räumen einzufinden.

Freilich wirkte auch gegenwärtig noch etwas auf sein Gemüt und seineSinne, das er nicht im entferntesten vorausgesehen.

Die Frau, die er in jener Zeit leidenschaftlich geliebt hatte, war ihm in einem überaus vorteilhaften Lichte erschienen. Ihre Erscheinung und ihr Wesen hatten wieder so sehr auf ihn gewirkt, und die Art ihrer Buße, ihre Weichheit und das neue Bekenntnis ihrer Liebe ihn von neuem derartig für sie eingenommen, daß er — den das Leben so rücksichtslos mitgenommen, — nicht nur bedauerte, nicht in diesen sicheren Hafen eingelaufen zu sein, sondern weislich überlegte, ob nicht doch ein Bündnis mit ihr möglich sei.

Er streifte dann sogleich alle Sorgen ab, die Sorge für sich und seineMutter. Aber noch mehr! Er vermochte denen mit der Miene stolzenSelbstgefühls zu begegnen, die sich über ihn zu stellen gewagt hatten,die nichts von dem freieren Sinn besaßen, der ihm selbst innewohnte.

Ileisa konnte keinen gerechten Tadel gegen ihn erheben! Er hatte um sie geworben, und sie war ihm — beeinflußt durch ihre Umgebung — als eine völlig andere, als er sich vorgestellt, als sie sich an jenem Abend gegeben, kühl, ja abweisend begegnet.

Es blieb also nur die Dresdner Gesellschaft, mit der er zu rechnen hatte! Und da stutzte freilich Klamm! Die Winde würden von Berlin nach Dresden tragen, daß etwas dort nicht richtig gewesen sei! Und daß er ein Charakterloser sei, wurde dadurch erhärtet, daß er sich nunmehr wieder mit der vereinigte, die er seinerzeit so geschmäht hatte. Auch schlichen sich, nachdem sich diese Ueberlegungen in ihm festgesetzt hatten, die alten Bedenken in seine Seele, ob er mit Adelgunde von Krätz auf die Dauer glücklich werden würde.

Und das, grade das, erfüllte ihn schon bei dem bloßen Gedanken mit Sorge und Bedenken.

Grade der Lebemann, grade der, sagte er sich, der einen tieferenEinblick in die Gesellschaft gethan, der gesehen hatte, wie äußerlichund grundsatzlos sie durchweg war, schaute in erster Linie nach einemWeibe aus, bei dem er sich vor solchen Gefahren geschützt wußte.

Er wollte sich endlich retten aus dem großen Scheinleben. Er wollte unter allen Umständen ein reines Haus haben und mit all dem Eklen, das auf ihn selbst eingedrungen war während seiner Wanderjahre draußen, abschließen.

* * * * *

Nach diesen Ereignissen waren einige Monate vergangen. Während dieser Zeit hatte der Freiherr Alfred von Klamm, schwer erkrankt, in der Villa der Frau von Krätz in Dresden gelegen.

Er hatte gedacht, das Schicksal aber anders entschieden!

Als er am Mittag des nächsten Tages den Weg zu Frau von Krätz genommen, war ihm schon sehr schlecht gewesen. — Eine eigentümliche Mattigkeit hatte in seinen Gliedern gesessen. Kalter Frost war ihm über den Körper gerieselt, und diesem körperlichen Unbehagen hatte sich auch noch eine starke Gemütsbeschwerung hinzugesellt. Trotzdem war er gegangen! Er wünschte, sobald wie möglich, Dresden wieder zu verlassen; er stand unter der Furcht, daß er hier würde ein Krankenlager aufschlagen müssen.

Auch wollte er Begonnenes zu Ende führen! Darum war er doch eben hergekommen! Aber schon nach der ersten Gesprächseinleitung hatte ihn abermals eine solche Schwäche ergriffen, daß er Frau von Krätz um eine Stärkung hatte bitten müssen. Während sie voll angstvoller Besorgnis davon geeilt, war er Zuständen erlegen, die einen solchen Charakter angenommen, daß sie ihn in der Villa hatte betten lassen müssen.

Und die vorläufige Wiedergewinnung seiner Kräfte hatte er auch nur denverständigen Maßnahmen des Hausarztes der Frau von Krätz zu verdanken.An ein Ausstehen war nicht zu denken gewesen, weil sich, stattBesserung, ein Nervenfieber eingestellt hatte.

Zu diesen ungünstigen Verhältnissen gesellten sich noch andere.

Frau von Klamm — die Frau von Krätz sogleich benachrichtigt, und der sie Wohnung in ihrer Villa angeboten hatte, um bei ihrem Sohn zu sein, — war selbst schwer erkrankt. So blieb der Witwe die Sorge für Klamm allein, so wurde sie seine Pflegerin während der ganzen Zeit seines sich Monate hinziehenden Siechtums.

„Ihnen wird er sein Leben verdanken!“ hatte der Arzt wiederholt gegen die Frau des Hauses, und Gleiches hatte er häufig gegen Klamm geäußert, nachdem er sich wieder erholt, nachdem ihm klar geworden, wie krank er gewesen, wer ihm die Samariterdienste geleistet.

Klamms erstes Wort und erster beredter Blick galten auch ihr, und sie kamen aus einem bewegten Herzen.

Er streckte ihr die Hand entgegen und sagte, weich betonend:

„Wie soll ich Ihnen danken?“

Das zweite Wort galt der Frage seiner Mutter: ob sie ihn auch gepflegt habe, wo sie sei?

Nun mußte Frau von Krätz mit der Wahrheit hervortreten! Sie berichtete, daß Frau von Klamm dem Tode nah' daniedergelegen habe, daß sie sich indessen in der Besserung befinde, daß die Nachricht von seiner fortschreitenden Genesung besonders günstig auf sie gewirkt habe.

Ein Ausdruck glückseliger Befriedigung trat in Klamms Züge. Wiederum drückte er Frau Adelgunde die Hand.

Und so vergingen die Tage, und wieder verliefen zwei Wochen, und dann konnte Klamm zum erstenmal anstehen und ihr, die wie eine Schwester an ihm gehandelt, gegenübersitzen.

Während sie, selbst noch bleich von der Pflege, der Sorge und denAnstrengungen der Nachtwachen, aber mit einer gleichsam vergeistigtenSchönheit vor ihm saß, ihre stillen, liebewarmen Augen auf ihn richtete,sagte er:

„Ich habe in diesen Tagen der Ruhe und des Nachdenkens immer wieder darüber nachgedacht, wie sehr ich während meiner ganzen Lebenszeit ohne die Unfälle gerechnet habe.

„Immer, wenn ich eben glaubte, mein Spiel zu gewinnen, die Dinge nach meinem Willen lenken zu können, zog am Himmel eine Wetterwolke auf, entlud sich und zerstörte, was ich geplant oder gar schon aufgebaut hatte.

„Ist immer der Charakter auch des Menschen Schicksal? Ich frage mich, ob ich allezeit die Schuld an den Enttäuschungen trug, die mir geworden sind!?

„Vielleicht! Vielleicht deshalb, weil ich mich niemals begnügen konnte, nur eine Nummer zu sein, weil ich — einmal auf dieser Erde, und mit Kräften und Genußsinn versehen, — auch dem Leben etwas abgewinnen, ja, etwas erreichen, erobern, mein Eigentum nennen wollte.“

„Beziehen sich Ihre ersten Worte auch auf das, was Ihnen hier geschah?“ fiel Frau Adelgunde ein.

Sie forschte in seinem Angesicht in einem Gemisch von Schmerz undTrauer.

„Ja — und nein,“ entgegnete Klamm, und gab ihr durch Mienen und Betonung zurück, was sie, in solche Frage eingekleidet, aus ihrem tiefsten Innern hervorholte.

„Ich will völlig ehrlich gegen Sie sein, wozu es mich stets drängt, obschon diese Art nicht grade immer weise ist, mir gar oft, meist schädlich war.

„Die Wahrheit darf in unserer Welt einmal nicht nackt gehen, sie muß sich verhüllen!

„Ich wollte vor meiner Erkrankung wieder so rasch wie möglich von Ihnen scheiden. Ich wollte mich vor mir selbst behüten. Der Gedanke, Sie nun doch um das zu bitten, was Sie mir einst gewähren wollten — was sich für uns beide zerschlug — scheiterte an der Ueberlegung, daß es Ihnen einmal nicht gegeben sei, nur für einen zu leben, nur einen zu lieben, in eigentlichem Sinne Treue zu üben, sich in der Ehe wirklich anzupassen.

„Ich hatte Furcht vor der Zukunft, und ich hatte Furcht vor der öffentlichen Meinung, die mir, die uns nachsagen würde: ‚Die Charakterlosen schlagen und vertragen sich!‘ Ich wollte endlich auch das unberechtigte Vorurteil zerstreuen, das die Menge beherrscht: daß ein Mann, und besonders ein Adeliger, mit einer stark wechselnden Vergangenheit, sein ernsthafter, sittlicher, auf seinen Namen und seine Ehre das Allerhöchste haltender Mensch sein könne.

„Nur deutsche Einseitigkeit der Auffassungen weist den Schuster an,Schuster zu bleiben und wenn er auch die Fähigkeit in sich entdeckt, alsSchneider weit Besseres zu leisten.

„Erst wenn diejenigen, die sich allmählich zu dem Rechten durcharbeitete und zugleich Großes wurden, gestorben sind, lobt man ihnen nach, daß sie dem Vorurteil zum Trotz, sich nicht begnügten, etwa bloß Spargel zu stechen, sondern etwas Bedeutendes geschafft zu haben. Und dann: Alles wird bei uns klassifiziert, und in dieser Klasse hat der Mensch höhere Rechte oder hat er sich der Ansprüche auf Vorrechte zu begeben.

„Wie kann ein Adliger in eine Buchdruckerei eintreten? Er muß notwendigerweise aus der Art geschlagen sein!

„So ist es mir ergangen! Und wie ist es wirklich? Ich wollte überhaupt nur eine Thätigkeit aufnehmen, eine, die mich fesselte, die mir Erfolg verhieß, die mich aus dem üblichen Nichtsthun gewisser Lebemänner mit adligen Namen befreite! Nun, da ich — durch harte Umstände bedrängt — aus dem Geschäft wieder so bald ausgetreten bin, wird die öffentliche Meinung mir schuld geben. Und wer Schuld trägt, wissen wir beide allein, Frau Adelgunde!

„Wollen wir es nun trotzdem versuchen, dennoch versuchen, ein Bündnis zu schließen? Wollen Sie meine Frau werden? Können Sie dem Vorurteil begegnen, daß ich nicht als der Freiherr von Klamm auftrete, der als Mann einer sehr reichen Frau lediglich die Zeit stiehlt und im Müßiggang lebt, sondern ein Geschäft, ein Gewerbe betreibt, arbeitet, schafft, fördert, maßvoll lebt, den rechten Lebensgewinn in dem Verkehr mit gleichgesinnten, wertvollen Personen erblickt, die denselben Anschauungen huldigen, so überlegen Sie meinen abermaligen Antrag! Aber gönnen Sie mir auch — verzeihen Sie das viele — das Gelöbnis, daß Sie lediglich mein sein und bleiben wollen, daß Sie“ — Klamm sprach's mit einem sanften, gewinnenden Lächeln — „keine anderen Götter haben wollen, neben mir!“

Adelgunde von Krätz nickte nur und sah Klamm mit einem weichen Blick an. Und dann schnellte sie empor, lehnte sich mit leidenschaftlicher Hingabe an ihn und flüsterte:

„Ja, ja, Lieber! Wie du es willst, so soll und wird es sein!“ —

* * * * *

Nach diesen Geschehnissen waren fast anderthalb Jahre verstrichen. Während dieser Zeit hatte sich für Klamm und Adelgunde sehr viel Bedeutsames ereignet. Frau von Klamm litt nach ihrer Krankheit unter einer Lähmung, und aus den Plänen Klamms, sich gleich wieder eine Thätigkeit zu suchen, war nichts geworden. Die Vorbereitungen zur Hochzeit hatten seine Zeit und Sinne in Anspruch genommen, und später, nach ihrer Hochzeit, waren sie, teils um seine Gesundheit noch zu stärken, teils um Adelgundes Vergnügungsdrang Nahrung zu geben, auf Reisen gegangen.

Frau von Krätz war sehr klug vorgegangen. Bald nach ihrer Verlobung hatte sie zu Klamm gesagt:

„Erlaube mir eine Bitte, mein teurer Alfred! Verfüge schon jetzt über meine Kasse und mein Vermögen, als ob sie dir gehören! Es soll dir auch in Zukunft alles mit gehören, was mein ist! Wir werden nicht in getrennter, sondern in Gütergemeinschaft leben! Ich möchte dich auch gleich über meine Verhältnisse unterrichten! Ich besitze das dir bekannte, von mir verpachtete Gut in der Lausitz, ferner das hiesige schuldenfreie Haus, überdies liegen in der Bank Staatspapiere, die mir allein eine Rente von 80000 Mark im Jahr gewähren. Ich habe nur einen entfernteren Verwandten, der Ansprüche an mich erheben könnte, und ich liebe nur einen Menschen auf der Welt aus voller Seele — und dieser Mensch bist du!“ —

Und ein andermal hatte sie bei seinen sich äußernden, auf die Berliner und Dresdner Gesellschaft beziehenden Bedenken hingeworfen:

„Ach, Lieber! Was sorgst du dich, was sie alle meinen, denken und sagen! Wir schlagen sie ja alle aus dem Felde, wenn wir sie besuchen und ihnen erklären: die Irrtümer hätten sich aufgeklärt, und wir hätten uns dennoch gefunden, wie wir es anfangs gewollt.“ —

„Und Knoops und Ileisa von Oderbruch?“ hatte Klamm hingeworfen.

„Ah, bah, mein Freund! Was hast du auf die Rücksichten zu üben! Sie nahmen dich auf, und du warst ihnen überaus nützlich! Dann gaben sie dir den Laufpaß. Also ignoriere sie fortan. Zudem gehören sie ja gar nicht zur Gesellschaft, kommen also nicht in Betracht. Und das kleine Mädchen, das es so geschickt begonnen hatte, dich zu fangen, deren dann folgende Sprödigkeit nur darauf berechnet war, dich nur noch fester zu binden, lasse erst ganz aus dem Spiel!“

Klamm hatte nichts erwidert, aber grade ihre Bemerkungen hatten ihn wenig angemutet.

Adelgunde besitze, — so sagte er sich — nicht die erhabene Seele, nach der er verlangte. Sie war viel zu sehr Aristokratin und zu sehr verwöhnt, um sich in die Lage der bebürdeten Mitmenschen, und in ihre völlig gleichberechtigten Anforderungen an das Dasein, hineinzuversetzen. Sie beurteilte die Dinge nur richtig und immer nur nachsichtig, sofern sie in ihren Ideenkreis paßten.

Jene göttliche, der gesamten Menschheit zugewendete Anteilnahme, jene Beschränkungsfähigkeit, jene echte Weiblichkeit, die er an eine Frau seiner Wahl stellte, besaß sie nicht.

Und im Zusammenhang mit ihren Aeußerungen über Knoops und Ileisa, die zugleich ihre Eifersucht gegen das junge Mädchen bekundeten, stieg in Klamm die Erinnerung auf, was sie ihm aus dieser Eifersucht angethan hatte!

Auf solche „Gedanken“ geriet nicht einmal ein vornehmer Mensch, viel weniger führte er sie aus. Und endlich und zulegt! Das sah er schon jetzt:

Nicht nur keinen Vorschub würde sie seinem Schaffensdrang leisten, vielmehr ihn zu hindern suchen. Er würde — wenn er nicht die erforderliche Energie entwickelte — nun doch der Müßiggang treibende Mann einer reichen Frau werden!

Schon jetzt begriff Klamm nicht, daß er je hatte glauben können, daß sie sich in bürgerliche Verhältnisse würde hineinfinden, daß sie gar die Gattin eines Geschäftsmannes würde sein wollen. Sie konnte dem Auslugen nach vornehmem Verkehr nicht entsagen, ihre Genußsucht, ihren Ehrgeiz nicht einschränken! Sie hatte anfangs zu allem ja gesprochen, aber sie hatte sich gleich dabei selbst zugeflüstert, daß sie es schon verstehen werde, die Dinge nach ihrem Gefallen zu lenken.

Etwas Ausgleich fand Alfred von Klamm in seinem Innern durch das Urteil, das seine Mutter über Adelgunde fällte.

Sie sagte ihm:

„Jeder hat etwas; jeder hat Berge von Fehlern, aber jeder hat Vorzüge, hat Anlagen, die entwickelt werden können. Deine Frau ist ein temperamentvolles Wesen! Sie ist auch gut, weich und lenksam, obschon sie, sobald es sich um ihr Ich handelt, egoistisch zu überlegen, sehr wohl die ihr mitgebrachte, nicht geringe Klugheit zu ihrem Vorteil zu gebrauchen weiß.

„Aber ist das nicht aller Menschen Art, und kannst du sie dir nicht weiter erziehen?“

„Ich würde aber, ich fühle es, Mutter, mit dem kleinen, pflichttreuen Mädchen im Knoopschen Hause trotz aller Entbehrungen weit glücklicher geworden sein. Ich liebe — ich wiederhole es — die ernste Arbeit; verachte die Uebertreibung. Ich besitze keinen Hang zum fortwährenden Vergnügen, zu reinen Aeußerlichkeiten. Ich bin — obschon ein Adliger — durchaus bürgerlich veranlagt; ich verkehre am liebsten mit ganz einfachen Leuten aus dem Volke!“

Zwischendurch war denn doch Klamm wieder dem liebenswürdigen und aufgeweckten Wesen seiner Frau erlegen. Daß ihre Zärtlichkeit, daß ihre reinen und ehrlichen Gefühle mehr in Blicken, mehr in stummer Hingabe befanden, nahm ihn auch für sie ein.

Sie liebte auch Klamm mit der Tiefe, deren sie fähig war, und wollte sich ihm in allem möglichst fügen. Sie wollte nur nichts von seiner bürgerlichen Richtung, nichts von Geschäften bürgerlicher Art wissen! Hofchef, Theater-Intendant, Ceremonienmeister, Oberstallmeister eines Fürsten konnte er werden. Aber Zeitungsunternehmer, Fabrikant, Kontorkaufmann! Dergleichen mußte er sich aus dem Sinn schlagen! Auch, wenn er wieder in die Armee eintreten wollte, hatte sie nichts dagegen. Aber das wies er wiederum schroff zurück. Er wollte keinerlei solche Abhängigkeit.

Endlich konnte er auch Gutsbesitzer werden, ihre, seine Güter selbst bewirtschaften. Das war nach ihrem Sinn. Dann konnte sie im Sommer auf dem Lande, und im Winter in Dresden leben, die Geselligkeit genießen, und die alte Rolle spielen!

Es hatte sich zunächst auch alles gestaltet, wie sie es gewollt. DieUmstände waren ihr zur Hilfe gekommen.

Der Pächter auf ihrem Gute Groß-Loschwitz war unerwartet gestorben. Es bedurfte also einer führenden Hand, und dazu hatte sie ihn zum Schluß zu überreden gewußt.

Nach ihrem Aufenthalt im Süden, an den italienischen Spiel- und Vergnügungsorten, in Paris und Berlin, waren sie nach Dresden zurückgekehrt und rüsteten sich mit dem nun eben begonnenen Frühjahr — es war Mai geworden — nach Groß-Loschwitz überzusiedeln. —

* * * * *

Inzwischen waren die Dinge im Knoopschen Hause in Berlin durch eingetretene Umstände stark beeinflußt worden.

Hier, wie anderswo, hatten Zwang der Umstände, Einflüsse von außen und innen und jene Schwäche, die sich aus natürlicher Rücksicht, weichherzigen Anwandlungen und Nützlichkeits-Erwägungen zusammensetzt, bewirkt, daß derselbe Mann, der von allen Knoops bis dahin verabscheut worden war, den für immer aus ihrer Nähe zu entfernen, ihr fortwährendes Sinnen und Trachten gewesen, nunmehr im Hause wieder verkehrte und als berechtigtes Familienmitglied behandelt wurde.

Wenn man auch nicht unbedingt an seine Besserungsschwüre glaubte, auch seinen auf Entlastung von Schuld berechneten Erklärungen über seine Vergangenheit nur ein halbes Ohr schenkte, so hatten doch seine einschmeichelnden Beteuerungen bewirkt, daß von einer dauernd trennenden Auseinandersetzung nicht mehr die Rede war.

Herr Knoop hatte eine Summe gespendet, die Theodor, wie er selbst erklärte, von Sorgen befreite, aber sich auch dazu verstanden, seinem Bruder eine Thätigkeit im Geschäft anzuweisen.

Er hatte die Aufgabe, der Buchdruckerei und der Leitung Kundschaft zuzuführen und empfing dafür eine feste monatliche Zahlung und überdies eine nicht schlecht bemessene Provision.

Herr Knoop überlegte wohlweislich, daß Theodor seine Pflichten sehr bald vernachlässigen würde, wenn nicht ein Nebenreiz zum Verdienen bestand. So sah er wenigstens die Möglichkeit, daß sich sein Bruder an eine ehrliche Thätigkeit gewöhnte. Wo ihn sein Nachdenken und sein Verstand anders belehrten, da traten die Verwandtschaftsgefühle in ihr Recht, auch entschlug er sich nach verständiger Menschenart dem Grübeln über das, was einst kommen „konnte“.

Erreicht war zunächst, daß das unnatürliche Verhältnis zwischen den Brüdern beseitigt worden war, daß er sich der Gewissensbisse enthoben fühlte, die ihm immer doch geblieben wären, wenn er Theodor in der von ihm beabsichtigten Weise fortgeschafft haben würde, und endlich, daß er sich so am besten vor ferneren Schädigungen des Namens Knoop schützte. —

Das nächste wichtigste Ereignis im Hause war die Rückkehr von ArthurKnoop aus dem Auslande.

An einem Sonntag Morgen holten ihn sein Vater, seine Mutter undMargarete vom Lehrter Bahnhof ab. Sehr verändert sah er aus, als er denSeinigen gegenübertrat, und ganz anders, als sie erwartet hatten,begrüßte er sie.

Er legte das Wesen eines Mannes an den Tag, der es als etwas Kindisches ansieht, Gefühle hervorzukehren.

Er sprach, nachdem er ihnen kaum flüchtig die Hand geboten, wohl aber den mit dem Tragen deines Handgepäcks betrauten Träger deshalb sehr scharf angefahren, weil er bei dem Allzuviel eine lederne Tasche hatte fallen lassen, lediglich von der Zugverspätung. Auch äußerte er gleich beim Verlassen des Perrons, — unliebenswürdig kritisierend — daß die Feder auf Margaretens Hut seinen Beifall nicht habe. Er flocht in recht gemachter Weise englische Laute in seine Reden ein: „No — no — you know — certainly“ und anderes an englischen Einschaltungen ging über seine Lippen. Vor dem Besteigen des Wagens mußte er sich noch eine Cigarette anstecken. Der scharfe Geruch führte für Frau Knoop einen Hustenreiz herbei, und Margarete wehte mit der Hand den Rauch ab.

„Na, seid ihr aber zimperlich,“ entschied Arthur, warf zwar den Rest zumFenster hinaus, zog aber ein mißfälliges Gesicht und schüttelte denKopf.

Und was draußen in den Straßen sich darstellte, das unterzog er einer fortwährenden, abfälligen Kritik, verglich es mit England und meinte:

„Die guten Deutschen bleiben ewig in den Kinderschuhen stecken.“

Der Eindruck auf seine Familie war, wenn auch ein vermiedener, bei allen ein unbehaglicher. Bei Frau Knoop siegte zwar die Bewunderung über den Sohn. Arthur besaß das Aeußere und die Manieren eines Mannes von Welt. Sie verglich die Zeit, in der er im Kittel und gelben Riemengurt um den kleinen Leib umhergelaufen war, mit dem heutigen Tage, und fühlte sich gehoben durch ihres Sohnes Bildungs- und Anpassungsfähigkeit. Sie glaubte an seinen Wert, weil sie ihn erhoffte. Sie redete sich ein, daß er sein altes, zutrauliches Kinderherz nur verstecke.

Und Herr Knoop sah in ihm den jedenfalls das Leben kräftig anpackendenMann, der wußte, was er wollte, der besser fuhr, wenn er sich mitWeichmütigkeit nicht abgab.

Was ihm nicht gefiel, darüber würde er schon mit ihm sprechen. Anders war's mit Margarete. Sie empfand nicht nur eine starke Enttäuschung, sondern sie wurde auch zu einer energischen Abwehr gedrängt.

Das Gefühl für alles Natürliche, Vernünftige und Gerechte, das im Grunde auch ihrer Mutter eigen war, das bei der nur einen Abbruch erlitt, sofern es sich um ihre Kinder handelte, lehnte sich gegen den kaltherzig abbrechenden Ton auf, den sich ihr Bruder erlaubte.

Wenn er ihre Hutfeder getadelt hatte, so ärgerte sie sich über seinenHang, sich der herrschenden thörichten Mode anzuschließen:

„Warum hast du denn deine Beinkleider unten umgelegt? Es ist ja völlig trockenes Wetter!“ warf sie spöttelnd hin.

Und Arthur antwortete:

„Sprich doch nicht so naives Zeug, Grete! Man sollte glauben, du lebtest in Posemuckel oder in einem anderen Nest —“

„Du irrst, Arthur! Ich weiß sehr wohl, daß zahllose Narren mitaufgekrempelten Beinkleidern umherlaufen, sollte aber meinen, daß sichMenschen mit geläutertem Geschmack nicht zum Diener solcherAbgeschmacktheiten machen.“

„Na ja, na ja, liebes Kind! Du bist die Weisheit in Person,“ warf wiederum Arthur hin, und schon hier im Wagen mußten die Eltern zum Frieden ermahnen. —

Die nächsten Tage nach seiner Ankunft benutzte Arthur Knoop, um sich im Geschäft umzusehen, und dort die alten und neuen Angestellten zu begrüßen.

Ueberall, wo er erschien, begegnete man ihm mit einer ausnehmenden Zuvorkommenheit, ja, nicht selten mit äußerster Unterwürfigkeit. Man sah in ihm den Stellvertreter des Herrn Knoop, den künftigen Chef. Und Arthur, mit der tadellosen Erscheinung, der uninteressierten Miene, den kalten Augen und dem nach portugiesischer Art zugespitzten Kinnbart, reichte den Herren in den Geschäftsabteilungen entweder herablassend die Hand, oder machte sich, wenn er ein Gespräch anknüpfte, zum Mittelpunkt der Erörterungen.

Niemals fragte er nach den persönlichen Verhältnissen der Mitarbeiter seines Vaters. Den Unterbeamten und Handlangern nickte er überhaupt nur zu, und behielt in den Unterabteilungen der Druckerei, den Setzersälen, den Maschinensälen und Papierlagerräumen, nach englischem Vorbild den schwarzen Cylinderhut auf dem Kopf.

Nur Adolf behandelte er anders, und auch Theodor, sein Onkel, fand Gnade vor seinen Augen. Theodor wußte ihn zu umschmeicheln, und da es mit vollendeter Meisterschaft geschah, so wußte er Arthur für sich einzunehmen. Arthur fragte, wo sein Onkel abends verkehre, ließ sich erzählen und erklärte, sich ihm häufiger anschließen zu wollen.

Theodor Knoop hatte inzwischen in seiner äußeren Erscheinung sehr gewonnen. Er kleidete sich einfach dunkel, mit großem Geschmack. Er hatte den roten Bart abgeschnitten, die Haarfrisur vorteilhaft verändert und glich nunmehr einem, den vornehmen Kreisen angehörenden Flaneur der Großstadtwelt.

Dieses Wertlegen auf eine ausgewählte Kleidung gefiel Arthur ausnehmend, er zog daraus sogar Schlüsse auf die Würdigkeit seines Onkels. Die Vorurteile, die ihm durch den Inhalt der Briefe von Hause über Theodor geworden, schwanden allmählich mehr. Da Theodor es auch bei gelegentlichen Gesprächen über seine Vergangenheit mit gewohnter großer Klugheit verstand, sich lediglich als Opfer ganz besonders widriger Verhältnisse darzustellen, befestigte er sein Ansehen in den Augen seines Neffen wenigstens gegenwärtig durchaus.

In einer Unterredung mit seinem Vater hatte Arthur die Absicht kund gegeben, die Thätigkeit von Klamm, von dem er sich immer und immer wieder erzählen ließ, der ihm wegen seiner jetzigen Vermögenslage außerordentlich imponierte, aufzunehmen.

Allerdings machte er auch gleich bestimmte Einschränkungen, indem er erklärte, daß er stets um sechs Uhr frei über seine Zeit verfügen und sich überhaupt nicht gleich einem Angestellten binden wolle.

Er huldigte dem Sport nach allen Richtungen, und übte alle Passionen, die zu pflegen in England zum guten Ton gehörten.

Namentlich verstand er es auch, die vorhandenen Kräfte auszunutzen, die Angestellten in jener fortwährenden Spannung zu erhalten, die in ihnen die Befürchtung wach erhielt, daß sie bei irgend einer Unterlassung oder geringerem Eifer ihrer Stellung verlustig gehen könnten. Die Personen waren eben nur für seine Zwecke da, und Geschäft war lediglich Geschäft. Da gab's keine Artigkeiten, keine Rücksichten, sondern nur Dienstbarkeit und Arbeit, wofür bezahlt wurde. Wo die Familie verkehrte, machte er alsbald Besuche, und dem Kutschbock-Diener, der für ihn die Karten abwarf, mußte eine neue Livree angeschafft werden.

Auch ließ er sich in verschiedenen Sportklubs, und namentlich auch in dem so genannten Millionenklub aufnehmen. Er trat auf als der Sohn des Großkaufmanns, des Millionärs.

Und infolge seines Auftretens und seiner Erfolge verwandelte sich auch das anfängliche Unbehagen seiner Eltern bald in ein Gefühl, daß ihn das doch alles gut kleide. Stolz erfüllte ihr Inneres. Die alte Schwäche der Nachsicht des Herrn Knoop gegen seine Familienangehörigen trat in Kraft. Nur Margarete verhielt sich nach wie vor ablehnend gegen seine kalte Art, gegen sein Besserwissen, gegen seinen Egoismus und seine Ueberhebung.

So hörte sie auch mit allergrößtem Mißfallen einem Abendgespräch zu, in dem Arthur bei Erwähnung der Kommerzienrat-Aussicht des Herrn Knoop geringschätzig hinwarf:

„Ach! Das ist ja gar nichts, Vater. Kommerzienrat kann jeder werden, und wenn du es sein wirst, so meinst nur du allein, daß du etwas erreicht hast.

„Du mußt den erblichen Adel erstreben! Das ist etwas für dich und für uns! Und das werde ich einleiten, und in dieser Richtung soll Theodor helfen. Unsere Vorfahren waren ja adlige Dithmarscher Ritter. Daran wollen wir anknüpfen, und wenn du dafür Opfer bringen mußt, du hast ja die Mittel!“

Herrn Knoop gefiel diese Rede ausnehmend. Er, der Sohn eines einfachen Mühlenbesitzers, sollte den erblichen Adel erhalten! Das war Nahrung für seinen Ehrgeiz!

Aber noch eine vernahm, was er sprach, obschon sie dabei saß, als ob sie gar nicht dazu gehöre, ja, als ob sie gar nicht im Zimmer sei: Ileisa!

Und sie dachte, welche geringe Bedeutung und welcher Unwert das war, was man besaß, und welchen ungemessenen Reiz das ausübte, was man nicht hatte.

Sie war eine Baronesse von Oderbruch — und was war sie, und was fing sie damit an? Und diese Leute wollten ihr ehrliches Bürgertum gegen ein „von“ umtauschen und dafür Opfer bringen, deren Inhalt zahllosen unglücklichen Menschen ein glückliches Dasein verschaffen konnte.

Auch ihr gefiel, wie Margarete, manches durchaus nicht an Arthur, aber seine Entschiedenheit, seine Männlichkeit, sein Selbstgefühl flößten ihr einen gewissen Respekt ein.

Sie drängte die Empfindungen für Klamm, die in größter Stärke wieder erwacht waren, nachdem seine Verlobung mit der Witwe in Dresden bekannt geworden, mit aller Kraft zurück. Sie nahm sich vor, Arthur entgegenzukommen ihn zu prüfen, sich allerdings auch nichts zu vergeben. Sie war ihm infolgedessen, als er einmal etwas früher ins Speisegemach getreten war, sie dort allein angetroffen und sie angesprochen hatte, zuvorkommender begegnet, als es sonst in ihrer Art lag.

Aber als er, dadurch kühn gemacht, sich eine Vertraulichkeit gegen sie hatte erlauben wollen, hatte sie mit großer Bestimmtheit im Ton gesagt:

„Sie werden von Ihrem Fräulein Schwester erfahren haben, wer ich bin, Herr Knoop! Ich bitte deshalb, daß Sie mir trotz Ihres Aufenthaltes im Hause, ein Bleiben möglich machen. Ich habe nichts, als mein unbescholtenes Ich! Aber das ist mir so wert, wie irgend jemandem, der sich einer Bedeutung und eines Ansehens in der Welt rühmt.

„Ich rufe den Kavalier in Ihnen an — ich weiß, Sie sind ein Kavalier — und nun — ich bitte — Ihre Eltern und Fräulein Margarete kommen — treten Sie zurück —“

Zwei Tage später, als er abends mit seiner Schwester aus einer Gesellschaft zurückgekehrt war, hatte er die Gelegenheit ergriffen, einmal eingehend über Ileisa zu sprechen. Er fragte sie, was sie nach ihren Beobachtungen von ihr halte.

Und Margarete hatte erwidert:

„Ileisa ist eine vornehme Natur. Ich wüßte nichts an ihr auszusetzen —“

„Aber einen Fehler wird sie doch auch haben,“ fiel der nüchterne Arthur ein.

Margarete dachte nach, dann sagte sie:

„Mutter meint, der Verstand sei doch mehr in ihr ausgebildet, als dasHerz.“

„Na, das ist doch erst recht ein Vorzug —“

„Wohlan, wenn du es so betrachtest — und dann — dann —“

„Nun?“

„Sie glaubt, sie sei im Grunde doch ziemlich adelsstolz. Als du neulich von den Plänen gesprochen hättest, die du für Vater hast, habe sich ein verächtlicher Zug um ihre Mundwinkel gelegt. Als ob sie hätte sagen wollen:

„Ihr Bürgerlichen! Ihr bleibt ja doch Grautiere, wenn ihr euch auch mit der Löwenhaut umhüllt.“

„Na, ja,“ fiel Arthur mit kaltem Lachen ein. „Sie hatte ja damit auch nicht so ganz unrecht. Ich meine, — in den Augen derer trifft's zu, die auf ererbten alten Adel zurückblicken. Die Menge beugt dagegen den Rücken. Bei der Masse giebt's Ansehen. Und auf sie kommt es an. Und den Zutritt zu den vornehmen Kreisen eröffnet das ‚von‘, ja, sichert es. Was will man mehr?“

„Unbegreiflich,“ warf Margarete hin.

„Du, der entsetzlich nüchterne Verstandesmensch, legst auf Dinge solchenWert, erörterst gar deren Wert in solcher Weise! Du, für den Erwerb,Geld, Lebenszweck ist! Ich denke, der Adel soll bestehen in derTadellosigkeit unserer Lebensführung, in vornehmer Gesinnung undHandlungsweise! Mein Bürgerstolz lehnt sich dagegen auf, um deserkauften Titels oder Ranges willen mit anderen Augen in derGesellschaft angesehen zu werden.“

„Ja, ja, du kommst immer mit deiner Kinderstubenmoral und Tugendsamkeit, meine Beste. Das kennt man! Aber mit ihnen wird man höchstens eine kleine Kompastorin auf dem Lande.

„Uebrigens kamen wir von Ileisa ab! Giebt's sonst noch etwas?“

Margarete schüttelte erst den Kopf, dann sagte sie spöttisch:

„Ja, eines giebt es noch, und das wird wenigstens auch in deinen Augen ein sehr starker Mangel sein! Dieses einzige ist: du imponierst ihr gar nicht! Nachdem offenbar sogar ein Herr von Klamm ihr den Hof gemacht — so stark den Hof gemacht, daß er sie heiraten wollte, — versinkt deine Herrlichkeit in nichts!“

„Wie? Herr von Klamm hat sich um sie bemüht?“ fiel Arthur, die starke Enttäuschung, die Margarete ihm bereitet hatte, vorläufig unterdrückend, ein.

„Das ist ja etwas ganz Neues! Das habe ich ja gar nicht erfahren! Woher weißt du's? Hat sie es dir gesagt?“

„Gesagt? Nein, Liebster! Dazu ist sie zu diskret und zartfühlend. Sie wußte ja, daß er mir durchaus nicht gleichgültig war. — Aber ich habe sie im Traume sprechen hören. Es geschah bald, nachdem uns Klamm verlassen hatte. Sie schläft doch neben mir. Die Thür stand an dem Abend offen. Plötzlich hub sie an, seinen Namen zu rufen und sich sehr schwärmerisch auszudrücken.

„Und überdies hat mir Onkel Theodor erzählt, daß sie ein gewisser Numick im Tiergarten mit ihm hat promenieren sehen.

„Es mag Zufall gewesen sein. Aber es ist sehr verdächtig, daß sie mir niemals etwas davon erzählt hat.“ —

„Hm — hm — so — so! Darüber möchte ich wohl etwas Sicheres erfahren? Und namentlich möchte ich wissen, weshalb denn nichts aus der Partie geworden ist?“

Margarete zog die Schultern und holte unwillkürlich Atem, wie jemand, der sich so besser einer Starken Bedrückung entledigt.

Dann sagte sie:

„Ist überhaupt Herr von Klamm zu ergründen? Bei uns eifrig, ja unermüdlich! Ein Adliger aus vornehmer Familie! Ein Mann, mit dem Drang nach Einfachheit, Solidität, bürgerlicher Thätigkeit, nach Erwerb und Erfolg. Und gleichzeitig versteckt, unzuverlässig, unwahr! Der Frau von Krätz, die er nun geheiratet hat, soll er kurz vor der allgemein erwarteten Verlobung plötzlich abgeschrieben haben. Dann hatte er sich — es scheint sicher — an ein anderes armes, junges Mädchen in Dresden gebunden. Die ließ er aber auch, — — und wiederum — nachdem ihn die Not trieb — suchte er die Millionärin auf. Wenn nun noch hinzutritt, daß er Ileisa den Kopf verdreht hat, so steht man ja vor einem Rätsel, es sei denn, daß er eben doch ein Abenteurer ist, daß er hier nur so arbeitete und täuschte, weil er sich mit den geheimen Absichten trug, Papas Kompagnon zu werden, oder ihm das Geschäftliche für damalige eigene Zwecke abzulauschen. Diese Thatsachen haben denn auch, wenn meine Sympathien für ihn nicht abgeschwächt, doch meine Neigung für ihn zum Erlöschen gebracht.“

Arthur hatte nicht ohne Spannung zugehört. Nachdem seine Schwester aber ihre Rede beendet, sagte er mit einer an ihm sonst nicht hervortretenden Lebhaftigkeit:

„Ich muß ihn kennen lernen! Ich möchte mir selbst ein Urteil bilden, möchte der Wahrheit oder den Ursachen seiner Handlungsweise nachspüren. Und Ileisa von Oderbruch — !? Hm — was du sagst — Uebrigens — da fällt mir ein — sie hat ja noch eine Tante. Die wollen wir doch bald einmal einladen.

„Ich möchte sie näher kennen lernen —“

„Mir will wirklich scheinen, daß du für unsere Hausgenossin ein nicht gewöhnliches Interesse hast, Arthur!“ fiel Margarete ein. „Aber ich wiederhole dir: Bei der, grade bei der wirst du kein Glück haben!“

„Na, ich werde dir das Gegenteil beweisen,“ stieß Arthur Knoop heraus, zog sein Etui hervor, entzündete eine Cigarette und blies die Rauchwolken nach der Art stark Erregter aus dem Munde.

Grade waren sie jetzt eben an dem Knoopschen Hause angelangt. Nachdem Arthur seiner Schwester die Thür geöffnet und sich noch versichert hatte, daß das ihrer wartende Mädchen zur Stelle war, nahm er den Weg zurück. Er wollte noch in den Klub und dort einige Nachtstunden verbringen. —

* * * * *

In einem alten Berliner Hause in der Kronenstraße, drei Treppen hoch, zog einige Tage später, um die Zeit zwischen Mittag und Spätnachmittag Ileisa von Oderbruch an der nach früherer Sitte durch eine Messingstange in Bewegung zu setzenden Klingel. Sie wollte ihre Tante, die dort ihre Zimmer besaß, besuchen, wollte endlich einmal wieder nach längerer Zeit dieser einzigen Verwandten, die sie noch auf der Welt hatte, Liebesbeweise an den Tag legen.

Es währte eine Weile, bevor ihr geöffnet wurde. Auch kläffte ein Köter mit den bekannten heiseren Kehllauten, die diesen Vierfüßlern eigen sind.

Als endlich die Thür aufgeklinkt wurde, geschah's nur spaltenweit. Hinter der noch nicht abgehakten Sicherheitskette fragte die Bewohnerin mit einer mürrisch mißtrauischen Stimme, wer da sei, und was man wünsche.

„Ich bin's, ich bin's, liebe Tante,“ betonte Ileisa. Nun flog auch rasch die Thür auf, und unter dem freudenerregten Winseln des Hundes, unter dessen Wedeln und Anspringen, nahmen Tante und Nichte den Weg durch den etwas dunklen Flur ins Wohngemach.

Die alte Dame mit dem kleinen, dürren Körper, den eingefallenen Zügen und den pergamentfarbenen Wangen, legte eine überselige Freude an den Tag, ihre Nichte vor sich zu sehen.

Immer wieder schaute sie ihr ins Angesicht, strich ihr liebevoll dieHände und stellte Fragen.

Und nachdem dieser erste Freudenausbruch vorüber war, begab sie sich zunächst fort, um eine Tasse Thee zu bereiten.

Nachdem sie alles Erforderliche herbeigeholt, und endlich noch aus einem neben dem Ofen stehenden Blechkasten eine Anzahl selbstgebackener Kuchen hervorgeholt, ließ sie nun auch ihrer Zunge über ihre Person und Angelegenheiten freien Lauf.

Zunächst berichtete sie, daß Mopsi — so hieß der Hund — recht ernstlich krank sei, was um so störender gewesen, weil sie selbst wieder an ihrem alten, bösen Husten gelitten, und sich im Bett habe halten müssen. Dann folgten mitleidige Bemerkungen über das Fußleiden der Aufwärterin, die täglich erschien, um die gröbere Arbeit zu verrichten, und nachdem sie dann auch noch allerlei mehr nachsichtige als anklagende Mitteilungen über den Hauswirt und die Mitbewohner gemacht, gelangte sie auf die Verhältnisse der Familie Knoop.

Sie ließ sich besonders von Arthur erzählen. Und Ileisa sprach aus, was zutraf, aber sie verhehlte auch ihrer Tante nicht, daß er ihr wegen seines kräftigen, weltmännischen Auftretens und seiner Abneigung, sich irgendwie in seiner Eigenart zu verdecken, nicht übel gefalle.

„Und wie stellt sich der Sohn zu dir?“ warf die alte Dame hin.

Ileisa berichtete ihrer Tante, was zwischen ihr und Arthur vorgefallen war.

„Hm — gut so — sehr gut, mein Kind. Du bist nun sicher, daß er sich nichts wieder gegen dich erlauben wird! Noch mehr! Ich glaube, nach deiner Schilderung wirst du in seinen Augen nur gewonnen haben.“

„Es scheint so, allerdings, Tante. Ich hatte ein sehr unpersönliches Wesen von ihm erwartet. Statt dessen redete er mich heute morgen in der liebenswürdigsten Weise an. Es geschah sogar das bisher Unerwartete, daß die Familie sich endlich auch deiner einmal erinnert!“

„Siehst du wohl! Siehst du wohl,“ fiel die Alte ein, machte vergnügte Augen, und ließ einen fast triumphierenden Ausdruck in ihren Zügen erscheinen.

Und gleich fügte sie hinzu:

„Ach, mein süßes Kind, wie würde ich mich freuen, wenn du mit der Zeit aus jeder Abhängigkeit herauskämest, wenn du einen braven, gutsituierten Mann fändest. Es ist mein täglicher Gedanke und mein tägliches Gebet.

„Schade, daß dieser Arthur ein solcher Verstandesmensch ist, das wäre sonst ja alles nach Wunsch! Du die Schwiegertochter des Herrn Knoop! Es wäre erreicht, was ich im geheimen gehofft und erwartet habe, als ich dir riet, eine Stellung anzunehmen. — Uebrigens — was macht denn der Herr von Klamm? Für ihn interessierte ich mich immer außerordentlich. Wenn der in guten Verhältnissen gewesen wäre, hätte ich dir gewünscht, daß du seine Frau geworden wärest.“

Statt zu antworten, stellte Ileisa die eben schon erhobene Theetasse wieder auf den Tisch, veränderte ihre Miene und ließ gedankenvoll das Haupt sinken.

„Ja, ja, Tante — wenn er —“

Dabei löste sich gleichsam als Befreiung versteckten Schmerzes ein langer Seufzer aus ihrer Brust.

„Also du interessiertest dich wirklich ernsthafter für ihn? Du liebtest ihn, meine liebe Ileisa? Ja! Ja! Ich hab' mir's gedacht, ohne daß du mir davon gesprochen hast,“ fiel die alte Dame teilnehmend ein.

„Hatte es einen Sinn und Wert, Tante? Er hatte und war nichts — und was da so plötzlich zum Vorschein gelangte und geschah — ließ mich ja zweifeln, ob er überhaupt ein wirklich vertrauenswerter Mann sei —

„Und nun ist ja auch alles aus, und nichts mehr zu ändern.“

„Gewiß, mein Kind, und sollte sich Herr Arthur Knoop für dich entscheiden, prüfe dich zwar erst, aber dann sei nicht spröde, dann sage nicht nein. Ich halte es für möglich, daß du, grade du ihn sanfter, weicher zu machen verstehen wirst. Und wenn dir das gelingt, so hast du ja auch das, was du jetzt noch an ihm entbehrst. Im übrigen, mein Kind. Es ist eine Thorheit, wenn die jungen Mädchen den Veilchen nachahmen, und eher in demutvoller Bescheidenheit verblühen, als die Augen einmal aufschlagen wollen.

„Wie der Mann, so hat auch die Frau die Pflicht und Aufgabe, die sich für ihr Fortkommen bietenden Gelegenheiten wahrzunehmen. Ein Mädchen ist wirklich nicht unweiblich, wenn sie sich vorhält, daß ohne Entgegenkommen überhaupt im Leben kein Bündnis geschlossen wird!

„Gewiß! Sitte und keinerlei Abweichung von der Tugend! Aber den ihr von Gott verliehenen Verband soll jede Kreatur gebrauchen! Kein Mensch zahlt uns Frauen etwas dafür, daß wir aus lauter sittsamer Prüderie alte Jungfern werden. Im Gegenteil: Wenn wir's geworden, verhöhnt man uns noch dazu!“

Die alte Dame sprach's und seufzte auf.

„Allerdings, oft mit bitterem Unrecht,“ fuhr sie fort. „Man kann seinGlück auch aus Pflichtdrang für andere verpassen — wie es mir geschah. —Wie! Was? — Du siehst schon nach der Uhr? Ist's schon so weit, meinsüßes Kind? Nein, nein, ich will dich nicht aufhalten —!

„Wart', ich helfe dir — — Still, Mopsi — still — still! — — Wie meinst du? — Gewiß, ich komme gern, und daß sie mich gar in ihrem Wagen nach Hause bringen wollen, ist ja äußerst liebenswürdig!

„Grüße und danke. — Adieu! Adieu! Auf Wiedersehen, mein liebes Kind!“ —

* * * * *

Acht Tage nach dem vordem Geschilderten hatte Arthur vormittags eine sehr wichtige Beratung mit dem Oberfaktor. Verschiedene größere Firmen in Berlin waren von der zuständigen Behörde aufgefordert worden, Offerten einzureichen. Es handelte sich um die für die allgemeine Volkszählung im Deutschen Reich erforderlichen Zählformulare, deren Ausführung einer mindest bietenden Buchdruckerei übertragen werden sollte. Arthur überlegte mit dem Faktor schon seit Stunden. Die Kosten für das Papier und die gesamte übrige Herstellung wurden wiederholt überschlagen, aber auch Erwägungen angestellt, ob das ungeheure Quantum in der vorgeschriebenen Zeit fertig gestellt werden, ob der jedenfalls mit sehr gedrückten Preisen hervortretenden Konkurrenz so begegnet werden könne, daß ein Nutzen überhaupt zu erzielen sei.

Von großem Vorteil würde es sein, wenn in Erfahrung zu bringen wäre, welche Offerten eine andere, im wesentlichen in Betracht kommende Firma, nämlich die Hohensteinsche Buchdruckerei mache. Sie war die einzige, die bezüglich der gesamten Einrichtungen Gleiches und mehr schaffen und zu mäßigen Sätzen herzustellen vermochte, als das Knoopsche Geschäft.

Während sich noch Arthur und der Faktor unterhielten, zwischendurch Anfragen von Eintretenden beantworteten, auch den sich ihnen zugesellenden Herrn Knoop eben mit der Erklärung beruhigt hatten, daß sich selbst bei dem von ihnen erwogenen Minimalpreis noch ein sehr schöner Nutzen herausstellen werde, trat nach dessen Fortgang Theodor Knoop mit sehr beschäftigter Miene ins Kontor.

Arthur streckte ihm mitten im Redefluß, kurz nickend, die Hand entgegen und warf, als Theodor fragte, ob heute morgen etwas zu besorgen sei, erst nachsinnend und dann von einer praktischen Idee erfaßt, in einem belebten Ton hin:

„Hm — ja. Allerdings!“ Dabei gellte er sich gegen das Pult, zog erst noch vorm Weitersprechen das Cigaretten-Etui hervor, entzündete mit gewohnter Schnelligkeit eine Diubek und stieß den Rauch durch die Nase. Dann ergänzte er, während er die Linke in die Beinkleidertasche schob:

„Könntest du vielleicht an den Faktor der Hohensteinschen Buchdruckerei herankommen und ihn ausforschen, welche Offerte — sie für die Zählkarten einreichen! Da wäre was für dich und für andere zu verdienen.“

Erst zog Theodor die Lippen. Gleich darauf aber trat ein cynischerAusdruck in seine Mienen und er stieß heraus:

„Ah! Du meinst, ich soll ihn —“ Hier machte er eine nicht mißzuverstehende Bewegung mit der Hand und lachte unangenehm anzüglich. Arthur aber ging auf diese Auslegung seiner Worte nicht ein; er ließ vielmehr einen abweisenden Ausdruck in seinen Gesichtszügen erscheinen und sagte:

„Nein, du irrst dich! — Wie sollte ich auf so etwas kommen.

„Weißt du, wir sprechen noch über die Sache, über das Wie. — Wo frühstückst du heute? — Hm — Hm — Ich schlage dir vor, daß wir bei Ewest in der Behrenstraße um ein Uhr ein Steak essen. Ich lade dich ein!“

Und ohne Theodors Antwort abzuwarten, da er dessen Zustimmung immer gewiß war, wenn er ihn zu einer Pikanterie einlud, schloß er:

„Also abgemacht! Ein Uhr, rechts im Zimmer mit der geschnitzten Thür. —Jetzt habe ich hier noch vollauf zu thun.“

Dabei drückte er ihm in jener Art die Hand, durch die man jemanden höflich hinauskomplimentiert.

Nachdem der Onkel gegangen, war Arthur zunächst bemüht, den unvorteilhaften Eindruck dieser Scene bei dem Faktor zu verwischen. Was er gesagt hatte, war ihm in Wirklichkeit im Augenblick so herausgeschlüpft. ‚Dergleichen that man natürlich nicht bei ruhiger Ueberlegung.‘ Er sagte deshalb:

„Gewiß, Karlsen, man hätte es leicht, wenn man etwas von Hohensteins erfahren könnte. Aber natürlich meinte ich nur, daß man dem Faktor vielleicht Fragen stellen könne, aus denen man sich einen Vers zu machen im stande wäre.

„Einen Beamten zu Pflichtvergessenheiten zu verleiten, wie Herr Knoop annahm, kann mir doch nicht beifallen.“

Arthur hatte auch Glück. Karlsen, der Faktor, nahm die Worte, wie sieArthur verstanden haben wollte.

Und Arthur war dessen sehr froh!

Es kam ihm jetzt auch noch der Gedanke, daß sein eigener Beamter auf die Idee geraten könne ihn an die Hohensteinsche Buchdruckerei für Geld zu verkaufen!!

Er erschrak förmlich! Und er nahm sich vor, Theodor unter allenUmständen von Schritten abzulenken, zu denen er in einer unbesonnenenAnwandlung, in der Sucht, Vorteile zu erringen, den Anlaß gegeben hatte.—

Als Onkel und Neffe zur verabredeten Zeit im Ewestschen Restaurant in dem erwähnten Raum beisammensaßen, einen halben Hummer verzehrten und eine Flasche Bocksbeutel dazu tranken, sagte Theodor, sobald er die Gelegenheit als günstig erachtete, in stark belebtem Tone:

„Weißt du, Arthur, wie ich die Sache mit Hohensteins Faktor machen könnte? Wir wollten ja darüber noch reden! — Ich werde mich an ihn heranmachen und fragen, ob er nicht bei uns ins Geschäft eintreten wolle. Verbessern will sich jeder!

„Wenn ich ihn dann heute abend in den Ratskeller bestelle, und nach einigen Flaschen Wein nach meinem Willen habe, dann gehe ich vor!“

Zunächst entgegnete Arthur mit ungekünstelter Ueberraschung:

„Bei uns eintreten? Ich verstehe nicht! Wir können den Mann doch nicht anstellen?“

„Ach, davon ist ja auch nicht die Rede. Das soll ja nur die Einleitung, das Lockmittel, der Vorwand sein. Nachher kriegt er eben seinen Batzen für seine Dienste. Und — und — wie viel hast du mir denn zugedacht, wenn ich euch die Offerte, die Hohensteins machen, herausbringe.“

Diese letzte Aeußerung ärgerte Arthur ausnehmend. Abgesehen davon, daß die Vorschläge, die sein Onkel machte, ein starkes Oppositionsgefühl in ihm erregten, sah er es als einen Mangel an Delikatesse an, daß Theodor, der inzwischen so viel Gutes von der Familie genossen hatte, gleich seinen Vorteil betonte, schon vorher wissen wollte, was für ihn abfiel.

Er sagte deshalb wiederum in seiner unangenehm kalten Art:

„Du hast mich völlig mißverstanden, wenn du annimmst, daß ich jemals die Hand zu dergleichen Vorgehen bieten könnte. Meine Meinung war, daß man versuchte, etwas auf geschickte Art herauszubringen. Aber so was —“

„Na, du sagtest doch, ich und andere könnten verdienen,“ betonte Theodor brüsk. „Das war doch nicht mißzuverstehen!“

„Du hast es aber doch falsch aufgefaßt! Ich meinte, du solltest etwas davon haben, obschon ich — aufrichtig gesagt — eben nicht angenehm berührt war, daß du das in den Vordergrund stelltest, uns das nicht überlassen wolltest. Und wir würden was davon haben, wenn die Wirkung die wäre, daß wir die Lieferung erhielten.“

„Na, ja — Also — du hast dich besonnen! So drehst du's jetzt! Du willst lieber nichts ausgeben. — Darauf kommt's heraus!“ fiel Theodor — zum erstenmal Arthur in einer solchen abfälligen Weise begegnend, ein.

Einen Augenblick wollte sich Arthur hinreißen lassen, das zu thun, was sich Menschen um so eher aufdrängt, wenn sie sich getroffen fühlen. Dann aber beherrschte er sich doch und entgegnete nur in einem überlegenen Tone:

„Du hast recht: Ich habe mich besonnen, daß ich zu derartigen Mitteln nicht greifen will, besonders und unter keinen Umständen zu solchen, wie du sie zu meinem Erstaunen vorschlägst! Aber im Unrecht bist du, wenn du meinst, die Furcht einer Schmälerung des Verdienstes leite mich.

„Wenn die Firma Knoop so dächte, verehrter Onkel, würde sie mit dir doch keine Pakte geschlossen haben —“

„Was soll das nun wieder?“ fiel Theodor ein. „Ich denke, ihr habt hinreichenden Nutzen aus meiner Thätigkeit, und alte Sachen soll man endlich schon deshalb ruhen lassen, weil jeder seine Rechnung mit sich zu machen hat. Wie ich für euch thätig bin, wollte ich dir grade erzählen. Ich wollte dir mitteilen, wie weit ich im Heroldsamt mit der Nobilitierung deines Vaters gekommen. Aber freilich — bei solcher Art vergeht einem die Lust.

„Du denkst immer, verehrter Neffe, daß dir alles ansteht. Andere denken sehr viel anders darüber.“

„Hm — es mag sein, Onkel! Aber entscheidend ist wohl, ob Defekte im Charakter oder nur unsympathische Eigenschaften der Kritik unterliegen. Daß deine Vergangenheit nicht völlig tadellos ist, kannst du doch nicht leugnen, und wenn du vorschlugst, den Faktor bestechen zu wollen, so ist dies nur ein Beleg, daß du es mit Gewissenssachen nicht sehr ernst nimmst. Ueber dir zu Gericht sitzen — kann mir nicht beifallen, aber wenn du einen solchen Ton gegen mich anschlägst, so sage ich dir meine Meinung.“

„Ja, ja, es ist immer dieselbe Geschichte. Dein Vater und du halten sich für Götter, andere aber gehören in den Hades!“

„Gut, zugegeben, daß wir unsere Schwächen haben! Sie überhaupt zu leugnen — da wir Menschen sind — wäre ja eine Lächerlichkeit,“ entgegnete Arthur mit unheimlicher Ruhe.

„Aber du bietest ja selbst die Hand zu dem Ehrgeiz, den du so herbe verdammst. — Eben hobst du noch hervor, daß du wieder Schritte gethan habest. Ich sollte denken, daß du doch so etwas Schlimmes dann nicht darin erkennen kannst. — Im übrigen! Wohin sollen solche Gespräche führen? Sie können schließlich nur den Ausgang einer völligen Entfremdung zwischen dir und uns haben. Und das kann dir doch am wenigsten wünschenswert sein!


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