„Wessen Brot ich esse, dessen Lied ich singe. Lasse also die Dinge ruhen, lasse aber hören, was du aus dem Heroldsamt bringst.“
Nach diesen Worten erhob Arthur das Glas, hielt es seinem Onkel hin, und ließ einen künstlich versöhnlichen Ausdruck in seinem Angesicht erscheinen.
Es wurde Theodor nicht leicht, sich gleich wieder umzustimmen. Er war zu allem, was ihn verächtlich machte, auch noch über die Maßen empfindlich. Er wollte — trotz aller Ueberführung — immer noch ein Opfer der Verhältnisse, und auch zu seiner jetzigen Thätigkeit nur deshalb gedrängt sein, weil er noch unter den Folgen früherer Widerwärtigkeiten litt. Das Wesentliche seiner indessen nun folgenden Mitteilungen ging dahin, daß dem Antrag auf Nobilitierung deshalb an sich näher getreten werden könne, weil es als richtig festgestellt sei, daß die Familie in früheren Jahrhunderten „von Knoop“ gehießen habe. Aber es sei nach den gegebenen Vorschriften erforderlich, pekuniäre Nachweise und Opfer zu bringen, und jedenfalls besser, die Zeit abzuwarten, nachdem sich Herr Knoop als Privatmann vom Geschäft zurückgezogen haben werde.
Einen Gewerbetreibenden mache man zum Kommerzienrat, wenn die Vorbedingungen vorhanden seien, aber eine Nobilitierung sei bei Personen mit offenem Geschäft nicht angebracht.
„Na — und weiter,“ forschte Arthur, nachdem das alles von Theodor erörtert war.
„Ja, sonst nichts! Dein Vater muß nachweisen, daß er standesgemäß leben kann — also etwa eine Million oder mehr besitzt, und er müßte wohl aus dem Geschäft austreten.
„Zudem wird vorausgesetzt, daß er irgend eine Schenkung macht, zum Beispiel an den Deutschen Frauen-Verein vom roten Kreuz oder dergleichen. Ihr würdet gut thun, das Geschäft — ich wollte schon darüber immer einmal mit dir und deinem Vater reden — an eine Aktiengesellschaft zu verkaufen. Dann kann sich dein Vater zurückziehen, und alles ist in Ordnung.“
„Doch nicht! Wo bleibe ich?“ fiel Arthur kritisch ein. „Wenn mein Vater als Geschäftsmann nicht nobilitiert werden kann, so also auch ich nicht! — Und ich will doch eine Thätigkeit behalten, ich will doch noch Geld verdienen —“
„Hm! Weißt du, darüber habe ich auch schon nachgedacht. Du läßt dich zum Vorsitzenden des Aufsichtsrates der Aktiengesellschaft machen. Du schwebst sozusagen als Geist über den Wassern. So erreichst auch du deinen Zweck! Sehr häufig fungieren ja Adlige — Grafen und Barone — als Aufsichtsräte. Das hat sich ja eingebürgert und wird nicht moniert! Im Gegenteil!“
Diese Worte gefielen Arthur nicht schlecht.
Er sah sich bereits in seinen jungen Jahren in einer solchen Position. Er war der reiche Privatmann, der sich bei großen Unternehmungen beteiligte, den man auch sonst in Direktionen hineingewählt, der Vertrauensstellungen einnahm, der großes Ansehen genoß und mit verhältnismäßig wenig Arbeit seine Taschen füllte. Der Freiherr Arthur von Knoop — den Freiherrn mußte er erzielen! — war in aller Welt Munde! Ah! Wie das des ehrgeizigen jungen Mannes Inneres entflammte!
Er sagte jedoch, rasch wieder nüchtern geworden, und seinen Zügen einen pessimistischen Ausdruck verleihend:
„Aktiengesellschaft! Aktiengesellschaft! Ja, wenn das so leicht wäre! Gewiß! zu machen ist ja alles! Aber ob man den Preis erhält, den man haben muß!
„Andere Menschen rechnen auch, und erst recht.
„Die ganze Nobilitierungsaffäre scheint mir nicht nur auf sehr schwachenFüßen zu stehen, sondern in dieser Behandlungsart, bei solchenForderungen, ziemlich aussichtslos.“
„Du irrst wieder einmal gründlich,“ fiel Theodor mit abfälliger Betonung ein. „Die Aktiengesellschaft bringe ich sehr rasch zu stande, und wenn ich gut verdiene, so vorteilhaft, daß ihr mehr als zufrieden seid!
„Und wenn's keine Aktiengesellschaft wird, so weiß ich einen Millionär, der darauf reflektiert. Schließlich kann's euch ja gleich sein — woher ihr euer Geld bekommt — und um so eher begegnest du dem Einwand, daß du eine gewerbliche Thätigkeit als künftiger Freiherr betreibst.“
„So — so — da wäre ich begierig,“ fiel Arthur ein, zog die bekannteCigarette hervor, entzündete sie mit gewohnter Hast und paffte stark.
„Also — bitte — heraus damit, wenn's gefällig ist —“
„Der Reflektant ist — ich nehme natürlich an, daß ihr nicht selbst verhandelt, sondern mir das überlaßt — Freiherr Alfred von Klamm. Er sucht ein Zeitungs- und Druckerei-Unternehmen zu erwerben —“
„Du meinst?“ fiel Arthur überrascht, aber zunächst nicht ungläubig ein.Und dann doch gleich wieder abwiegelnd:
„Jedenfalls kannst du aber doch nicht mit ihm verhandeln. Du, den er beschuldigt, daß du ihn und seine Mutter um ihr ganzes Vermögen gebracht hast. Da müßte doch ein anderer vorgehen —“
„Und du glaubst noch immer an diesen Unsinn, Arthur!? Ich muß mich wirklich wundern! Schon aus dem Umstande, daß ich mit ihm in Verbindung treten will, erhellt doch zur Genüge, daß ich ihm seine Behauptungen vollkommen zu widerlegen im Stande bin.
„Ich will davon absehen, daß ich ihn eigentlich wegen schimpflicherVerleumdung belangen müßte.“
Arthur erhob das Haupt und sah seinen Onkel nicht ohne starken Beifall an. Was sich nicht alles in dessen Kopf gestaltete, und mit welcher cynischen Souveränität er über Felsen und Schluchten wegsetzte. Man mußte es bedauern, daß ein an sich so findiger und gewandter Mensch seine ihm von der Natur verliehenen Gaben nicht in den Dienst solider Dinge stellte!
Nach diesen, auf Theodor gerichteten Betrachtung gen aber gingen auch seine Gedanken wieder zu Klamm.
Er sagte infolgedessen:
„Na, ja — gleichviel! Lassen wir das! Etwas anderes aber ist — und das fällt allein ins Gewicht: Sollte wirklich Klamm, nachdem er in einen solchen Glückstopf gegriffen und sich wieder in die vornehme Gesellschaft eingereiht hat, ein Zeitungs-Unternehmen und eine Buchdruckerei kaufen wollen?“
„Ja,“ betonte Theodor entschieden.
„Er sucht etwas, obschon seine Frau, wie ich erfahren habe, durchaus dagegen ist. Er hat einmal Geschmack an der Publizität gefunden, und die Eitelkeit, als selbst produzierender Mensch und Zeitungsbesitzer die übliche einflußreiche Rolle zu spielen! Frage nur deinen Vater, mit welchem unglaublichen Eifer er bei euch thätig war. Freilich das nur, um bei euch etwas möglichst rasch abzulernen.“
„Ja!“ meinte Arthur und rüstete sich jetzt, rasch nach der Uhr sehend, zum Aufbruch. „Es ist ein ungewöhnlicher Mensch, und ich wiederhole oft Gesagtes: ich möchte ihn gern 'mal kennen lernen. Na, ja! Denkbar ist es ja jetzt — wenn du“ — hier nahm Arthur seinen pessimistischen Ton wieder an — „dir nicht selbst etwas eingebildet, wenn du nicht Möglichkeiten und Hoffnungen als Thatsachen hingestellt hast!
„Jedenfalls will ich noch heute mit meinem Vater sprechen und ihm über alles Mitteilung machen. Du sollst dann alsbald Nachricht haben.“
Hierauf klingelte er, zahlte dem Kellner, ohne von seinem Onkel noch besondere Notiz zu nehmen, und machte sich dann — ihm rasch und flüchtig die Hand drückend — davon.
„Geben Sie mir noch einen Hennessy Cognac vom besten!“ erklärte Theodor, der noch dageblieben war, dem Kellner, und zog die Börse.
Und während dieser forteilte, um das Verlangte herbeizuholen, murmelteTheodor Knoop:
„So viel ist gewiß! Sobald ich mein Geld bei ihnen für die Adelsgeschichte und den Verkauf des Geschäfts in der Tasche habe, ziehe ich mich von der ruppigen Gesellschaft ein für allemal zurück! Jede kleinste Zuwendung wird einem vorgehalten. Selbst Bezahlungen für geleistete Dienste werden einem auf das Mitleidskonto geschrieben!
„Mit meinem Bruder läßt sich wenigstens noch sprechen! Aber dieser eingebildete Ruppsack und Erz-Egoist Arthur ist mir nachgerade widerlicher, als irgend ein anderer Mensch!
„Bevor ich vorgehe, werde ich mir erst einen Schein über meine Provision ausstellen lassen! Sonst streiten sie mir alles nachher ab.
„Ich hole die Kastanien aus dem Feuer und habe nachher das Nachsehen!
„Und — und — kann ich dem Arthur nachher 'mal eins beibringen, so soll's gewiß geschehen!
„Ich vergesse es nicht, wenn jemand sich einen solchen Ton gegen mich erlaubt!“
Und während er die Friedrichstraße hinabflanierte und den Weg nach der Kanonierstraße nahm, woselbst er in einem kleinen Hotel wohnte, schloß er:
„Wetter! Wie wäre es, wenn ich mir die Preise für die Zählkarten von Knoops verschaffte und durch — hm — hm — vielleicht durch Numick — solche der Hohensteinschen Buchdruckerei offerierte? Da wäre jedenfalls ein Geschäft zu machen. Die sind nicht so zimperlich. — Freilich — freilich — solange ich so noch zu Knoops stehe — ist's wohl besser — Ich könnte hereinfallen und mir alles verderben. —“
* * * * *
Arthur machte an demselben Tage seinem Vater Mitteilung von derUnterredung mit Theodor.
Sie hatten sich nach Tisch in der Villa im Arbeitszimmer des alten Herrn niedergelassen und schlürften, während sich die Damen zu einem Schläfchen zurückgezogen, eine Tasse Kaffee, und rauchten eine Havanna.
Herr Knoop war in außerordentlich guter Stimmung. Die Aussicht auf das Geschäft mit den Zählkarten machte ihm eine gute Laune. Er hielt den Zuschlag für ziemlich sicher, weil die als äußerst zuverlässig bekannte und bei den Behörden vorteilhaft eingeführte Buchdruckerei schon seit Jahren wiederholt als Sieger bei solchen Konkurrenzen hervorgegangen war. Nicht der Preis allein, sondern die Güte und die Sauberkeit der Ausführung der Ware, deren man bei Knoops sicher war, halfen, wie er wußte, bei der Entscheidung mit.
Arthur hatte ihm von neuem bestätigt, daß ein sehr hübscher Posten, selbst bei der beabsichtigten starken Ermäßigung, abfallen werde. Ueberdies wirkten die Nachrichten und Vorschläge, die Theodor gemacht, sehr erhebend auf Herrn Knoop.
Daß Klamm Käufer sein könne, leuchtete ihm ein. Als Bewerber paßte er ihm ausnehmend. Die Frau besaß bekanntlich Millionen! Infolgedessen würde die Anzahlung, die Knoops fordern mußten, keine Schwierigkeiten haben. Aber auch der Bildung einer Aktiengesellschaft war Herr Knoop, der solchen Plänen bisher ausgewichen war, nicht abgeneigt. Thätigkeit würde ihm, dem späteren Freiherrn von Knoop, nicht fehlen.
Auch Arthur würde sich, bei seinem ausgeprägten Erwerbssinn, der Arbeit nicht entziehen und schon etwas Passendes finden, sofern er nicht in der Aktiengesellschaft Beschäftigung und Vorteile fand.
Nach Theodors Mitteilung stieß ja nur noch der Geschäftsmann in seiner jetzigen Façon im Heroldsamt auf Widerstand.
Eine erheblichere Summe für einen öffentlichen, dem Staat dienendenZweck herzugeben, fiel ihm nicht schwer, und er war dazu bereit.
Es lagen starkgewölbte Packete mit Staatspapieren in seinem Geldschrank!Gegenwärtig hatte alles andere, was ihn sonst beschäftigte, einuntergeordnetes Interesse. Nur die Ueberlegung, wie seine Frau undMargarete die Sache auffassen würden, machte ihm noch Sorge.
„Deine Mutter wird freilich nicht sehr einverstanden sein, Arthur,“ erklärte Herr Knoop. „Sie legte schon auf den Kommerzienrat keinen Wert. Und deine Schwester ist erst recht nicht dafür, daß wir das Geschäft aufgeben! Freilich, auf sie kommt nichts an. Aber deine Mutter hat ein Wort mitzureden.“
„Na, was will Mutter denn mehr, als eine so gesicherte Zukunft, Vater!?
„Ihr werdet euch die schon mehrfach von euch gewünschte Villa kaufen, eine angenehme und noch erweiterte Geselligkeit pflegen, im Sommer — da du nicht mehr gebunden bist — ins Bad reisen und so euch in eurem Alter eines ungewöhnlich behaglichen Lebens erfreuen. —
„Grete besitzt wirklich etwas mehr als kleinbürgerliche Anschauungen. Sie gleicht trotz ihrer Jugend alten Leuten, die sich in eine neue, andere Zeit nicht hineinversetzen können.
„Ihr fortwährender Oppositionsdrang ist recht störend und wenig geschmackvoll!“
„Na, sie leidet sonst nicht daran, Arthur! Sie besitzt nur einen stark ausgeprägten Sinn für alles Natürliche. Es ist ein vortreffliches Mädchen. — Schade — schade“ — unterbrach er sich — „daß sich Klamm gebunden hatte. Der wäre ein Mann für sie gewesen. Es mag sein, wie es will — hervorragende Eigenschaften hatte er trotz alledem.“
„Vielleicht, Vater! Aber die Sache war ja aussichtslos, da Klamm Ileisa den Hof machte. Er hat sich für Grete ja gar nicht interessiert —“
„Allerdings! Es scheint so! Sicher aber wäre es anders geworden, wenn wir das fremde junge Mädchen nicht ins Haus genommen hätten. Es war ein Fehler —“
„Wie du so sprichst, Vater! Ich denke, Grete hatte doch einen großen Gewinn von dem Verkehr mit ihr! Und die Dinge mit Klamm sind doch nun abgethan! Er kümmert uns doch nur noch als Reflektant. Und dahin wollen wir wirken. Ich werde Theodor morgen früh gleich mitteilen, daß du einverstanden bist.“
„Nein, nein! Warte doch noch erst, mein Sohn! Erst muß ich mit deiner Mutter nochmal sprechen. Wir wollen nichts überhasten. Besser fahren wir beim Verkauf, wenn die Zählkarten-Angelegenheit durchgeht. Das entscheidet sich ja — wie anzunehmen — in acht Tagen —
„Und dann —“
In diesem Augenblick erschien mit vorsichtigem Schritt Adolf mit der wichtigen Miene und den stählernen Ringen in den Ohren. Er bestellte, daß ein Herr Herrn Knoop senior sogleich dringend zu sprechen wünsche.
„Warte hier — ich komme zurück“ — entschied der alte Herr, erhob sich rasch und elastisch und verließ, von Adolf gefolgt, das Zimmer.
Eine Zeitlang blieb Arthur noch nachdenklich sitzen.
Dann erhob er sich — von einem starken Verlangen nach Ileisa, von der er wußte, daß sie im Wohnzimmer sein werde, erfaßt — und trat, auf dem dicken Teppich unhörbar einherschreitend, in das erwähnte Gemach.
Und da bot sich ihm dann ein Anblick, der ihn berückte:
Ileisa war, während sie mit einer Lektüre beschäftigt, eingeschlafen. Das Buch, in dem sie gelesen hatte, war ihr aus der Hand geglitten. Es ruhte auf ihrem Schoß. Während des Schlummers hatte sie ihre ursprüngliche Stellung verändert. Der Körper war in eine schräge Lage geraten, das Gewand hatte sich verschoben, und ein kleiner Fuß und ein Knöchel, über dem ein wahrhaft vollendetes Ebenmaß der Linien sichtbar wurde, bot sich Arthurs Augen. Aber er überflog auch mit feinen Augen die klassischen Formen ihres üppigen Körpers; er sah, wie sich die Büste in sanfter Regelmäßigkeit hob und senkte, und ihn entzückte der während dieser Bewußtlosigkeit in ihrem Angesicht noch stärker hervortretende, ihr gleichsam angeborene Ausdruck stolzer Gemessenheit.
Nicht trennen konnte er sich von ihrem Anblick, und je stärker es ihn überkam, daß er eigentlich eine Unzartheit begehe, so von ihr unbemerkt, ihre Schönheit auf sich wirken zu lassen, desto mehr verstärkte sich sein Verlangen, in ihrer Nähe zu bleiben.
Ja, noch mehr! Von einer mächtigen Leidenschaft erfaßt, kniete er vor ihr nieder und war eben im Begriff, einen Kuß auf ihre Hand zu drücken, als sie jählings erwachte, sah, was vorging und in höchster Verwirrung emporschnellte.
„Wie — Sie — Herr Knoop?“ stieß sie, während das Rot der Scham in ihrAngesicht schoß, erschrocken heraus.
„Ja, ich!“ betonte der Mann, „ich, der Ihnen schon lange sagen wollte, daß ich Ihnen gut bin, der ich Sie schon lange bitten wollte, mir Gehör zu schenken!
„Es sei Ihnen gestanden, Fräulein Ileisa — ich liebe Sie, und würde glücklich sein, wenn ich gleiche Empfindungen bei Ihnen voraussetzen dürfte.“
Nach diesen Worten beugte er sich zu dem zunächst fassungslosen jungen Mädchen herab, küßte erst stürmisch ihre Hände und nahm sie, als sie keinen Widerstand leistete, vielmehr in einem Gemisch von andauernder Verwirrung und aufflammender Hingebung den Oberkörper unwillkürlich zu ihm neigte, in seine Arme. Nun küßte er auch ihre Lippen, zwang sie, sich zu erheben, und drängte sich ganz zu ihr.
Und sie zu ihm! Von einem heftigen Liebesrausch erfaßt, verharrten sie so eine Weile, ganz sich hingegeben, bis plötzlich nebenan ein Geräusch hörbar wurde, und beide auseinanderflogen.
Aber, als er dann etwas Furchtsames in ihrem Angesicht sich regen sah und den Grund richtig deutete, fand er noch Zeit, ihr hastig zuzuflüstern:
„O nein, nein — fürchte nichts, mein teures Mädchen. Ich meine es ehrlich. Noch heute erkläre ich meine Verlobung mit dir meinen Eltern! Du bist mein — und ich bin dein für immer!“
Noch sah er, welch glückseliger Ausdruck in ihrem Angesicht erschien, wie sich die Büste befreit hob. Dann entschlüpfte sie, er aber schritt seinem zurückkehrenden Vater mit äußerlich gleichmütiger Miene entgegen. —
* * * * *
Nach diesem Zwischenfall trat bei den Verlobten dasselbe ein, was der erste Liebesrausch zunächst nachwirkend stets zur Folge hat.
Eine starke Erregung durchströmte ihre Körper und Seelen, und dieSehnsucht, jede Trennung zu verkürzen, trat in ihr Recht.
Daneben begannen sich, da beider Verstand nicht schlief, die Ueberlegungen zu regen. Im Gegensatz zu den meisten Brautpaaren, die alles, was den Gegenstand ihrer Neigung betrifft, verherrlichen, die das rechte Augenlicht für Helle und Schatten verlieren, übersannen diese beiden Menschen nüchtern die Folgen, die Vorteile und Nachteile des zwischen ihnen geschlossenen Bündnisses.
Arthur sagte sich, daß die Standes-Erhöhungspläne, die sein Vater und er verfolgten, eine Förderung erfuhren, wenn er in den Zeitungen veröffentlichen konnte, daß er sich mit der Freiin Ileisa von Oderkranz verlobt habe!
Dies klang sehr gut, das machte Eindruck. Und wenn er sie zudem als seine Braut in die Gesellschaft einführte, wenn sie erst die Kleider und den Schmuck trug, die er ihr schenken wollte, wenn ihre große Schönheit noch dadurch gehoben wurde, dann geschah seiner Eitelkeit und seinem Drang, Beachtung und Aufsehen zu erregen, vollste Sättigung. —
Und endlich: Ileisa hatte während ihres Aufenthaltes im Knoopschen Hause bewiesen, wie sehr sie sich zu fügen wußte. So erhielt er eine Frau, die immer des Spruches eingedenk sein werde, daß sich die Frau dem Manne unterzuordnen habe.
Und da sie schließlich sonst auch alle Eigenschaften besaß, die eine Frau zieren, da sie sittlich, gebildet, tüchtig, sich zu beschränken, zu entsagen im Stande war, so mußte er sich darein finden, daß sie nichts besaß.
Daß ihn das doch stark störte, daß das seine Neigung, ihr seine Hand zu reichen, abschwächte, verhehlte er sich in ruhigeren Augenblicken nicht.
Auch die Welt werde fragen, ob sie etwas habe? — Nein! Sie war die Nichte einer sich kümmerlich durchschlagenden adligen Jungfer; sie hatte eine Stellung als Gesellschafterin im Knoopschen Hause inne gehabt!
Aber nun hatten die Umstände einmal eine Entscheidung herbeigeführt, eine, die seiner Schwester und seiner Mutter völlig sympathisch war, die auch, allerdings nach einigem Zögern, Herr Knoop guthieß. —
Nicht ohne Zagen dachte auch Ileisa in den Stunden nüchternerBetrachtung über ihre Zukunft.
Sie glaubte nicht an die sittliche Kraft der Männer, weil sie ein solches Gegen-Beispiel im Vaterhause gehabt, und sie glaubte an Rücksichten der Männer in der Ehe ebenfalls nicht, weil sie zu häufig das Gegenteil beobachtet und allzuviel darüber gelesen hatte, wie wenig sich deren Beteuerungen mit den späteren Wirklichkeiten deckten. —
Eine volle Befriedigung erfüllte dagegen Fräulein von Oderkranz, ihre Tante. Sie begegnete den Bedenken und Gewissensregungen, die Ileisa erhob, mit denselben besänftigenden Aeußerungen, wie damals, als von dieser Möglichkeit die Rede gewesen.
Inzwischen hatten die Pläne, die Herr Knoop, Vater und Sohn, verfolgten, in der That noch zu starken Auseinandersetzungen mit den beiden Frauen geführt. Herr Knoop hatte nicht mit Unrecht gegen Arthur hervorgehoben, daß er sich mit ihnen, namentlich mit seiner Frau zu verständigen habe.
Frau Knoop hatte gesagt:
„Wir empfangen doch keinerlei Wert und Ansehen durch unser Kleid, sondern lediglich durch die Tadellosigkeit unserer Handlungen.
„Legten deine Vorfahren den Adel ab, so wußten sie sicher, was sie thaten. Sie entäußerten sich gewisser Pflichten und Nötigungen, die sie hemmten und schädigten. Hat es denn irgend einen Vorteil, ein ‚Herr von‘ zu sein, wenn man seine Befriedigung statt in Eitelkeiten, in der Ausbildung des Gemüts und des Sinnes für die idealen Dinge dieser Welt, sowie in der Pflege des Verkehrs mit den Besseren und Gleichgearteten sucht?
„Für Arthur ist's eine Thorheit, ihn in seinem Ehrgeiz zu verstärken, ja, ich fürchte, es kann sein Verderben werden!“
Und Margarete ging noch weiter.
Sie drang in ihren Vater und in ihren Bruder, von der Erstrebung dieserAeußerlichkeiten überhaupt abzusehen. Sie hatte ein Bild in Ileisa vorsich! Was war sie in der Gesellschaft mehr? Erfolg sicherte nur dasGeld. Und Geld besaß ihr Vater. Was wollte er sich möglicherweise demGespött aussetzen?
Letzteres sagte sie ihm jetzt nicht. Ihre Pietät als Tochter hielt sie davon ab, aber in einer Unterredung mit ihrem Bruder brachte sie ihre Ansichten zum Ausdruck.
„Du solltest deinen Ehrgeiz darin suchen, es unserm Vater gleich zu thun. Du solltest durch energische Ausübung deiner dir verliehenen Fähigkeiten etwas Großes, Nützliches zu schaffen und zu fördern suchen! Thatkräftige Männer der Industrie schlugen den Adel aus. Sie wollten, daß man lediglich ihren Namen respektierte, nicht das „von“!
„Du bist Ileisa gar nicht wert! Sie ist viel zu gut für dich!
„Ein Mensch, der ohne Not auf solche Nichtigkeiten etwas giebt, erniedrigt sich selbst; er zeigt, wie ungefestigt sein Charakter ist!“
Und Arthur hatte erwidert:
„Deine zimperliche Weisheit und Tugendhaftigkeit verpflanze, wie ich dir schon früher riet, in ein Pastorenhaus. Du bist und bleibst ein Gänschen, das die Federn eines Paradiesvogels verschmäht, weil es eben nur zum Gänschen Veranlagung hat.“
„Ah — du solltest dich schämen,“ hatte Grete erwidert.
„Um das letzte Wort zu behalten, um einen Deckmantel für deinen Ehrgeiz zu haben, scheust du dich nicht, deine eigene Schwester herabzusetzen —
„Frage nur Ileisa, wie sie über solche Dinge denkt! Ich sprach zufällig noch gestern mit ihr über Eitelkeiten und die üblichen Heucheleien, die gang und gäbe!“
Arthur hatte nichts mehr erwidert, nur die Achseln gezuckt und sich entfernt.
Aber ein zweiter Stachel setzte sich ihm schon vor seiner Heirat mitIleisa ins Fleisch.
Sie war erstens eine, die nichts, gar nichts einbrachte, und sie legte auf dasjenige an Aeußerlichkeiten keinen Wert, das ihm sehr, sehr viel, ja, das Höchste war! —
* * * * *
Der Spätherbst war inzwischen gekommen; Frau Adelgunde von Klamm hatte es durchgesetzt, daß ihr Mann sich damit einverstanden erklärt, den Winter in Berlin zu verleben.
Als Aufenthalt hatten sie sich das Parkhotel am Potsdamerplatz ausgesucht. In dieses zogen sie in den ersten Tagen des Oktober ein, und nahmen drei Gemächer in der ersten Etage nach vorn in Besitz.
Dem Sträuben Klamms, der auf dem Lande hatte bleiben wollen, — der sich, weil er seine Stadtpläne nicht verwirklichen konnte — auf die dortige Thätigkeit mit allem Eifer geworfen, — hatte sie entgegengehalten, daß man in seiner Mutter Nähe gelange, daß man der alten Dame die Freude machen müsse.
Frau von Klamm war nach der schweren Krankheit noch immer leidend, aber sie liebte trotzdem Geselligkeit, und sie war besonders glücklich, wenn sie ihren Sohn womöglich täglich sehen und sprechen konnte. —
Theodor Knoop hatte durch einen seiner Helfershelfer, einen gewissenSchmeidel, bei Herrn von Klamm vorgefragt, ob er das Knoopsche Geschäftkaufen wolle. Klamm hatte erwidert, daß er nicht abgeneigt sei, wenn dieOfferte von der Familie Knoop selbst an ihn gelange.
Allerdings hatte Frau von Klamm wiederum stärksten Einspruch erhoben, und nicht Schwäche, aber die Fessel, die Klamm angelegt war, weil seine Frau das Geld besaß, hatten ihn bewogen, dem dann inzwischen wirklich eingegangenen Antrag von der Firma Knoop vorläufig noch keine Folge zu geben.
Sehr schwer war's ihm geworden, und starke Kämpfe waren damit verbunden gewesen.
„Du hast ja eine Thätigkeit, mein lieber, teurer Freund! eineThätigkeit, die dich befriedigt, die für dich paßt, deinem Standeangemessen ist,“ hatte sie erörtert. „Weshalb immer wieder auf diesePläne zurückkommen! Thu's mir zu Liebe und gieb die Gedanken an!
„Bedenke auch! In welche Nesseln du dich setzest! Du wirst deines Lebens nicht froh werden, wenn du in all das Gezänk verflochten wirst!
„Und nicht ungefährlich ist's bei der starken Konkurrenz, dafür ein solches Kapital zu wagen! Weshalb darauf ausgehen, wo in anderer Weise ohne Fährlichkeiten und Aerger dasselbe zu erreichen ist.“
Klamm hatte nur mit wenigen Worten erwidert.
„Du kannst es nicht vergehen, daß ich grade dafür Neigung besitze, weil du eine Frau, ein Kind der Gesellschaft bist. Ich kann immer nur wiederholen, daß mich grade eine solche Beschäftigung mehr anzieht, als irgend eine andere! Frage den Musikfreund, weshalb er grade die Tonkunst, den Künstler, warum er die Malerei liebt und in deren Förderung sein volles Genüge findet!? Ist es nicht etwas Herrliches, durch die Presse den Sinn für edle Dinge, Fortschritt, das Interesse für Kunst und Wissenschaft zu heben, ein Kulturförderer in bester und auch in wirksamster Weise zu sein?
„Ist es nicht überaus anziehend, auch die praktische Seite des Schrifttums, das Buchdruckereigewerbe und seine Vervollkommnung zu pflegen?“
„Hm — aber nun grade das Knoopsche Unternehmen! Ich würde zu stolz sein, um mich diesen Personen wieder freiwillig zu nähern, dadurch all die alten Dinge aufzurühren, Alfred!“
„In dieser einen Beziehung muß ich dir recht geben, Adelgunde! Ich habe ja auch deshalb erwidert, daß ich die Offerte von der Familie erwarte.
„Aber noch mehr! Ich habe ja bisher noch gar nicht von mir hören lassen —“
„Mag es auch so bleiben, liebster Alfred! Schreibe ab! Beschäftigen wir uns mit anderen Dingen. Zunächst wollen wir einmal unsere Visiten machen, deine und meine Bekannten aussuchen!“
So hatte das Gespräch sein Ende gefunden, und Klamm hatte auch jetzt, bei seiner Anwesenheit in Berlin noch von einer Berührung mit Herrn Knoop völlig Abstand genommen. —
Inzwischen aber hatte Theodor Knoop nicht geruht. Er war nach allen Richtungen thätig gewesen, um das Geschäft vorteilhaft zu verkaufen und den Nobilitierungsplänen weiteren Vorschub zu leisten. Zu dem Verlobungsfest Arthurs mit Ileisa war er mit eingeladen worden, und diese Gelegenheit weicherer Stimmungen hatte er benutzt, um von seinem Bruder einen Provisionsschein zu erhalten. Würde das Geschäft, wie es geplant war, für drei und eine halbe Million verkauft, erhielt er 25000 Mark Vermittlungsgebühr, und erfolgte die Standes-Erhöhung, würden ihm weitere 20000 ausgezahlt.
Er solle aber darüber nicht reden, auch mit Arthur nicht! hatte ihmFriedrich Knoop auf die Seele gebunden.
Als Klamm sich trotz des Angebots, das ihm durch Theodors Handlanger gemacht worden war, nicht meldete, warf sich Theodor auf die anderweitig vorgesehene Realisierung des Verkaufs des Geschäftes, hielt aber Klamms Mitwirkung dabei doch im Auge.
Er erklärte der Bank, an die er herantrat, daß ein künftiger Leiter in der Person des Herrn von Klamm nicht nur gewonnen sei, sondern daß sich dieser auch mit einem sehr erheblichen Kapital beteiligen werde. Auch Knoops würden Aktien statt Geld nehmen, und Herr Arthur Knoop werde als Aufsichtsrat später thätig sein.
Ueberdies hatte er auch gleich den sogenannten Emissionsplan vorgelegt. Nicht dreieinhalb Millionen, sondern vier Millionen Aktien sollten öffentlich von der Bank aufgelegt und dem Publikum zur Beteiligung angeboten werden. Nach den bisherigen Einnahmen ergab sich dann immer noch, wie er ihnen vorrechnete, eine jährliche Verzinsung von neun bis zehn Prozent.
Wiederholte, sich ziemlich lang hinausziehende Besprechungen endeten mit der Bereitwilligkeit der Bankdirektion, in eine Prüfung des Geschäfts einzutreten. Sie sollte durch zwei der Bank kundige und vertrauenswerte Persönlichkeiten vorgenommen werden. Sie hatten die Aufgabe, die Gebäude, die Maschinen und das gesamte Inventar abzuschätzen und die Bücher des Geschäftes einzusehen.
Ergab sich wirklich ein solcher Nutzen, sollte in ernsthafteVerhandlungen eingetreten werden.
Unter solchen Umständen mußte aber Theodor nun doch an Klamm herantreten. Daß sich Klamm mit Kapital und seiner Arbeitskraft beteiligen werde, hatte die Bank, die Erkundigungen nach ihm eingezogen, als Vorbedingung hingestellt. Gegen Arthur Knoop hatte sich wegen seiner Jugend Bedenken erhoben; auch ergaben die Ermittelungen, daß er mehr Sportsmann und Lebemann, denn ein eifriger Geschäftsmann sei. —
Bei einer Unterredung, die zwischen Arthur und Theodor stattgefunden, hatte Arthur gedrängt, daß Klamm nunmehr baldigst bestimmte Erklärungen gäbe.
Theodor hatte bisher mitgeteilt, daß Klamm ihm gesagt, daß er in irgend einer Form der Sache näher treten wolle. Er hatte Arthur unter dem Eindruck gelassen, daß er persönlich mit ihm verhandelt habe.
Um nun nicht der Lüge überführt zu werden, mußte er den Gang zu Klamm schon wagen. Er wollte ihm erklären, daß er im besonderen Auftrag des Herrn Knoop komme, und gab sich der Hoffnung hin, dadurch einer unhöflichen Behandlung von seiten Klamms enthoben zu werden.
Ließ sich Klamm, wie er voraussetzte, auf Besprechungen ein, wollte er alles vorbringen, was er den Bankdirektoren und Knoops als thatsächlich bereits erzählt hatte. Theodor hatte auch, wie es schien, Glück. Herr von Klamm ließ, als der Oberkellner bestellte, daß Herr Theodor Knoop im Auftrage des Herrn Friedrich Knoop komme, und bäte, den Herrn Baron sprechen zu dürfen, heraussagen, er werde sich unten im Konversationszimmer einfinden.
„Was wünschen Sie?“ begann Herr von Klamm mit eisiger Miene und Betonung, als er in den erwähnten Salon eintrat und sich Theodor erhob und eine besonders höfliche Verbeugung machte.
Theodor brachte vor, was er zu sagen hatte. Er knüpfte daran an, daßHerr von Klamm erklärt habe, daß er das Angebot von Knoops inUeberlegung ziehen wolle.
„Ja, aber ich muß dennoch ablehnen. — Sie wollen das, da Sie als Beauftragter des Geschäftsinhabers erscheinen, Ihrem Herrn Bruder mitteilen. — Sonst noch etwas?“ schloß Klamm und machte eine Bewegung zum Gehen, die hinreichend bewies, daß er mit dem Besuch ferner zu konferieren nicht wünsche.
Aber Theodor ließ sich nicht abschrecken. Er sagte nun das, was er klüglich zuerst nicht in Vorschlag gebracht, das, was er der Bank aber bereits mitgeteilt hatte.
Er bat Klamm, die Oberleitung zu übernehmen, erzählte, daß ein Kapitalisten-Konsortium die Sache kaufen, in eine Aktiengesellschaft verwandeln und grade ihn als Geschäftsleiter erwählen möchte. Man hoffe, daß sich Klamm auch mit einem Kapitalbetrag des ihm ja sehr bekannten Geschäftes beteiligen werde. Er fügte hinzu, daß sich Knoops ganz zurückziehen wollten.
Höchstens sei der junge Herr Knoop bereit, sich mit in den Aufsichtsrat einzureihen. Klamm überlegte rasch. Bei solcher Sachlage würde Adelgunde vielleicht keine Einwendungen erheben. Einen geringen Teil ihres Kapitals würde sie dann nur riskieren, und sicher würde er ihren Widerstand beseitigen, wenn er lediglich die Stellung des Vorsitzenden des Aufsichtsrates übernähme.
Thatsächlich würde er aber dann schon die Mittel und Wege finden, dieZügel ganz in seine Hände zu bekommen.
Das klang dann ganz anders! Das stimmte dann mit dem überein, wozu sich auch sonst adlige Personen verstanden. Klamm konnte alle seine Wünsche erfüllen, wenn die Dinge sich so vollzogen.
Er erwiderte in diesem Sinne knapp und kurz und schloß:
„Ich wünsche aber mit der Bank selbst zu verhandeln! Welche ist es? —Sie werden von dort über meine Entschließungen verständigt werden —“
Hierauf nickte er und machte abermals eine Bewegung, sich zu entfernen.
In Theodor schwoll's auf! Das ging ja alles herrlich! Aber eben nun mußte das Eisen noch gleich ganz geschmiedet werden. Er wollte Alfred überreden, ihm eine feste, prinzipielle Zusage zu erteilen.
Als er jedoch zu diesem Zwecke nochmals anheben wollte, richtete sichKlamm mit äußerst brüsker Miene empor und sagte:
„Ich muß es ablehnen, mit Ihnen auch über das Allernotwendigste noch ferner zu sprechen. Es geschah überhaupt nur, weil Sie im Auftrage Ihres Herrn Bruders zu kommen erklärten. Wäre das nicht, hätte ich Sie gar nicht empfangen, und ich rate Ihnen dringend, nicht noch einmal den Versuch zu machen, sich mir zu nähern.
„Bedingung für meinen Eintritt ist überhaupt, daß ich nichts — gar nichts mit Ihnen in Zukunft zu thun habe. Solches werde ich auch allen Beteiligten mitteilen. — Adieu!“
Theodor Knoop schoß das Blut in den Kopf, eine rasende Wut ergriff ihn. Statt zu gehen, statt alles hinzunehmen, statt ein erklärend besänftigendes Wort zu sprechen, um sich so den Abgang zu erleichtern sagte er:
„Wohlan, mein Herr! Nach Ihrem Belieben! Ich darf mir aber wohl dieFrage erlauben, was Sie berechtigt, mich in solcher Weise zu beleidigen?
„Sollten es die alten Märchen sein, daß ich Ihre Frau Mutter bei Gutskäufen geschädigt habe, so erkläre ich das für eine Lüge. Ich kann Ihnen nur dringend raten, daß Sie Ihre Verleumdungen nicht fortsetzen! Also nicht Sie haben ein Recht, eine solche Sprache zu führen, sondern ich könnte Sie wegen Ihrer Nachreden, die sich auf völlig vage Vermutungen stützen, zur Rechenschaft ziehen. Ich habe Ihre Frau Mutter nie mit Augen gesehen!“
Theodor hatte seine Rede kaum beendet, als schon ein, mit einer befehlenden, jeden Widerstand aufhebenden Handbewegung begleitetes: „Hinaus! Augenblicklich hinaus!“ in einem so drohend lauten Ton erfolgte, daß es hell durch die unteren Räume des Hotels ertönte, und Anlaß gab, daß sich mehrere nebenan befindliche, beim zweiten Frühstück sitzende Gäste erhoben und herbeieilten, aber auch der Portier unmittelbar darauf mit besorgter Miene den Kopf durch die Thüröffnung steckte.
„Lassen Sie dieses Subjekt niemals wieder vor! Hören Sie, Portier! Er soll mir nicht mehr gemeldet werden!“ befahl Klamm in einem kurz befehlenden, sehr scharfen Ton. Während sich Theodor, zitternd und zähneknirschend vor Wut, entfernte, schritt er auf dem entgegengesetzten Weg zum Außenflur, um sich wieder in sein Zimmer zu begeben.
* * * * *
Nach diesem Vorfall richteten sich zunächst Theodor Knoops Gedanken auf die Ueberlegung, wie er sich — gleichviel ob ihm Vorteile dadurch entgehen würden — an Klamm rächen könne. Je mehr er zugeben mußte, daß Klamms Haltung völlig gerechtfertigt gewesen, desto höher loderte der Ingrimm in ihm auf, desto mehr verschärften sich die Vergeltungsgedanken.
Aber schon am selben Tage dachte er anders! Was scherte ihn dasWohlwollen oder die Abneigung des Herrn von Klamm! Wenn er nur dasGeschäft machte, nur Geld verdiente! Und nur in dem einen Punkte mußteer noch handeln! Er mußte für alle Fälle den Bankdirektoren eineErklärung geben, weshalb Klamm so sehr gegen ihn eingenommen sei.
Daß Klamm sich gegen Knoops äußern wollte, machte nichts aus. Das waren für jene ja allbekannte, von ihm längst widerlegte Sachen.
Zuletzt rieb sich Theodor Knoop sogar die Hände.
Wie nun? Wenn Klamm ihn — als jener Betrugshandlungen verdächtig — beimStaatsanwalt denunziert haben würde! Dem war er doch entgangen!
Also den Kopf hoch und leichten Sinnes! Die Unterredung war so vortrefflich wie möglich verlaufen!
Noch an demselben Abend suchte er Arthur im Kontor auf, teilte ihm mit, daß er ihm Gutes zu melden habe, und schlug ihm vor, den grade in Berlin anwesenden Cirkus Renz zu besuchen.
Da Ileisa und Margarete einer Einladung zu Wiedenfuhrts folgen wollten, Arthur also die Stunden nicht, wie sonst, mit seiner Braut verleben konnte, nahm er seines Onkels Vorschlag an und traf die Abrede, daß sie sich im Restaurationsraum vorm Cirkuseingang treffen wollten.
Bevor sich Arthur aber dahin begab, traf zufällig grade die Nachrichtein, daß der Firma der Zählkarten-Auftrag zuerteilt worden war, einUmstand, der Arthur Anlaß gab, sich so gleich zu seinem, hinten imWohnhaus befindlichen Vater zu begeben.
Der Bote, der ihm die Nachricht schon vor der offiziellen Mitteilung gebracht und dafür ein vorher versprochenes Trinkgeld erhalten, hatte noch zu erzählen gewußt, daß sich die Offerte der Hohensteinschen Buchdruckerei in allem stets ein weniges unter dem Knoopschen Angebot gehalten habe, daß aber trotzdem der Zuschlag deshalb für die Knoopsche Offizin ausgefallen sei, weil man größeres Vertrauen in ihre Leistungsfähigkeit und Zuverlässigkeit setze. Namentlich habe sich auch Herr Wiedenfuhrt für Knoops ausgesprochen.
Das alles regte die beiden Herren sehr an, hob ihre Stimmung ausnehmend, gab aber auch zu der Befremdung und Frage Anlaß, wie es komme, daß die Hohensteinsche Buchdruckerei grade die Sätze von Knoops unterboten habe.
Es machte fast den Eindruck, als ob sie von der Offerte der Firma KnoopKenntnis gehabt.
Arthur erinnerte sich seines Gespräches mit Theodor und dem Oberfaktor, und äußerte, daß der letztere sich unmöglich eines Vertrauensbruches schuldig gemacht haben könne.
„Für den trete ich ein!“ betonte er, und Herr Friedrich Knoop Stimmte ihm bei.
Was sie aber beide sonst noch dachten, sprachen sie nicht aus. —
Im übrigen waren sich Vater und Sohn nunmehr einig, daß sie in TheodorsVorschläge willigen wollten. Es folgte gleich nach der unmittelbarbevorstehenden Prüfung der von der Bank erwählten Kommission, in derenGeschäftszimmer eine Zusammenkunft anberaumt und: Kaufpreis,Zahlungsmodalität, Beteiligung, Direktorium, Aufsichtsrat undUebernahmetag festgesetzt werden.
Wenn Klamm, wie Theodor sicher behauptet hatte, eintreten und sich beteiligen wollte, war die Sache sicherlich gemacht! Dann strich Herr Knoop drei und eine halbe Million in die Tasche.
Und dann noch das letzte: die Nobilitierung! Was machte es aus, wenn von den drei und einer halben Million wirklich selbst anderthalb hundert tausend noch abgingen — der Rest war wahrlich ein Resultat, das sich sehen lassen konnte!
Und darin waren sich Vater und Sohn einig. Sobald alles erreicht war, wollten sie Theodor, den Onkel, ein für allemal von sich abthun.
Dafür war Margarete überhaupt schon immer eingetreten.
Sie hatte wiederholt gebeten, daß ihn die Familie so wenig wie möglich ins Haus ziehe, ja, wie damals schon geplant, selbst mit stärkeren Opfern alle Beziehungen zu ihm löse! Sie traute ihm durchaus nicht. Sie glaubte an den Klammschen Güterbetrug!
Und bis zum legten Augenblick — noch am Abend vorher — war sie in ihrenVater gedrungen, sich von dem Geschäft nicht zu trennen, und sich aufStandes-Erhöhungspläne nicht einzulassen.
Bei allem aber blieb Herr Friedrich Knoop auf seinem Standpunkt stehen.Er ereiferte sich durchaus nicht. Er betonte stets mit vollkommenerRuhe, daß er materiell gar nicht besser fahren könne, als wenn er jetztverkaufe.
Ueber eine Million Thaler in sicheren Staatspapieren sei ein Resultat.Darin müsse er Arthur recht geben.
Und der Adel? Er hieße lieber Freiherr Friedrich von Knoop, als Herr Rentier Knoop! Gewiß, im Grunde sei dergleichen wie so vieles, ein Nichts, ein Schaum, dem nachzujagen, eine Thorheit. Aber man lebe eben in einer Welt der Komödien, und wolle man den absolut Vernünftigen spielen, laufe man geradezu Gefahr, ins Irrenhaus gesperrt zu werden.
Und das wiederum so Vorgebrachte klang denn auch wahrlich nicht so übel! Wie überall das, was die Sinne bestrickt, stets in anderen Farben leuchtet, als die graue Vernunft.
Sie, die Vernunft, mit ihrer rauhen Tugend, paßt in dieTrappistenklöster, aber nicht in die Welt der Bedürfnisse, desGenießens, des Ehrgeizes. — —
Während sich die Dinge in solcher Weise bei Knoops abspielten, saß am Schluß der Woche abends im Millionen-Klub Alfred von Klamm neben einem ihm bereits aus seiner Dresdner Zeit bekannten, jetzt in Berlin lebenden Freiherrn von Milan, einem früheren Garde-Ulanen-Offizier, der wegen eines Knieleidens hatte seinen Abschied nehmen müssen.
Zu Milan hatte sich Klamm stets sehr hingezogen gefühlt. Er war einMann, der nichts weniger als schablonenhaft zugeschnitten war.
Auch er suchte etwas. Da er nicht ohne Vermögen war, vermochte er auch so zu leben. Er wünschte aber eine ansprechende Thätigkeit zu finden und sich — zu verheiraten.
Während sie einer Flasche Wein zusprachen, warf Milan die Frage nachKlamms nächsten Plänen und nach — Klamms Gattin hin. Er fragte ihn ohneRückhalt, ob er sich in seiner Ehe glücklich fühle.
Sie hatten ihr Inneres einander so häufig geöffnet, daß keinerleiUnzartheit darin lag.
Klamm ließ einen ernsten Ausdruck in seinen Zügen erscheinen, und sagte:
„Daß ich aus den mehr als bedrängten Verhältnissen herausgekommen bin, daß sich meine teure alte Mama der Sorgen und der Vorwürfe, die sie sich meinetwegen gemacht, entschlagen hat, ist ja ein unschätzbarer Gewinn. Ja, ich muß sagen, daß ich dem Himmel nicht dankbar genug sein kann. Wenn Sie mich aber fragen, lieber Freund, ob ich glücklich bin, so sage ich — nein! Durchaus nicht!
„Immer mehr gelange ich zu der Einsicht, daß der Begriff Glück nicht zu definieren ist. Ein Blinder kann sehr glücklich sein, ein Armer, ein ewig Dienender, Entbehrender. Liebe zu unseren Mitmenschen, die Freude am Kleinen, die Fähigkeit, eines Sonnenstrahls Verschönerungskraft mit den Augen des Naturschwärmers würdigen zu können, Genußfähigkeit und Gesundheit können uns glücklich machen!
„Am wenigsten erzeugt Geld, Besitz an sich, Glück —
„Es muß dem Erdenmenschen immer etwas zu wünschen übrig bleiben, etwas, dem er entweder eifrig nachstrebt, und an dessen Gewinnung er dann Freude erlebt, oder dessen Erfüllung er der alles reifenden Zeit mit geduldigem Wartesinn überläßt.
„Das Furchtbarste ist: der Mann seiner Frau zu sein, in dem Sinne, daß sie das Vermögen hat, man selbst nichts besitzt und deshalb in seinen Bewegungen, Entschlüssen und Handlungen von ihr abhängig ist.
„Und darum antworte ich Ihnen: ich bin nichts weniger als glücklich.“
„Aber Ihre Frau Gemahlin vermag sich doch der besten Eigenschaften zu rühmen. Sie ist bekannt wegen ihrer Liebenswürdigkeit, Klugheit und Herzensgüte! Sie ist, wie ich sicher weiß, eine Sie sogar eifersüchtig liebende Frau, lieber Klamm.“
Klamm bewegte erst leichthin das Haupt, dann sagte er, langsam sprechend:
„Ja, aber wir passen nicht zu einander! Sie kennt und will nurVergnügen, und ich — ich habe jeglichen Geschmack daran verloren.
„Meine Frau kann eigentlich keinen Abend mit mir allein sein! Sie musiziert, sie liest, sie plaudert wohl gern einmal über ernstere Dinge, hat Talent für jene und Verstand für diese; aber es muß immer ein Zeuge da sein, der sie bewundert, ihr zuhört, dem sie ihre kleinen Komödien vorspielen kann. Es giebt Personen, die nur glücklich sind, wenn sie jeden Tag als Akteure auftreten, ihre Fähigkeiten vor anderen leuchten lassen können, wenn sie in Lust und Trauerspielen, in Vaudevilles und Singspielen, die sie aufführen, oder zu denen sie sich als Teilnehmer drängen, womöglich die Hauptrolle spielen und zum Schluß laut oder stumm beklatscht werden.
„Solch ein Mensch ist meine Frau. Dazu kommt der verrückte, nicht zu bannende Ehrgeiz, in der allervornehmsten Gesellschaft zu verkehren, sich dieser anzuschließen, deren Modethorheiten oder üble Passionen mitzumachen. Sie würde sich auch — wenn jene es ihr vormachten — einbilden, sie müsse neben mir einen Geliebten haben. Daß sie ohnehin schon dazu manche ernannt hat und immer wieder ernennt, macht sie sich nicht einmal klar. Es ist aber der Fall. Kleine Liebeständeleien mit flotten Offizieren oder Diplomaten, aber auch mit älteren Personen von Distinktion gehören zu ihr, wie früher zu den alten Jungfern die Möpse und Strickbeutel!
„Und nun die Abhängigkeit von ihrem Gelde! Das ist's, mein Freund. Sie hat zwar anfänglich ausgesprochen, daß alles mir so gut gehören solle, wie ihr, aber sie hat die Initiative, das gerichtlich festzusetzen, nicht ergriffen. Und wenn ich bisweilen dachte, ich wollte ihr's nachträglich abgewinnen, stockte ich doch. —
„Weshalb? — Ich habe ein Gefühl, daß ich mich dann erst recht in unlösbare Fesseln schlage — ohne dem aber noch einmal meine Freiheit zurückgewinnen kann —“
„Wie? Mit solchen Gedanken beschäftigen Sie sich, Klamm?“ fiel Milan überrascht ein.
„Nein — und ja! — Ich will jetzt eben versuchen, ob meine Frau mir zu willen sein will. Ich habe die Absicht, eine große Zeitung zu übernehmen, in dieser Richtung zu wirken. Ich habe einmal Sinn für öffentliches Leben, sozialen Fortschritt, Pflege der Kunst und Wissenschaften. Meine Frau aber hat für dergleichen nicht das geringste Interesse. Sie liest nicht einmal eine Zeitung. Und dergleichen ‚Thätigkeit‘ ist ihr viel zu bürgerlich. Das zieht mich ja von Geselligkeit und all den Modelasten ab, an dem sie lediglich Gefallen findet.“
Milan hatte bei Klamms Eingangsworten besonders ausgehorcht. Nach einer näheren Erörterung darüber, sagte er:
„Vielleicht können Sie mir — können wir uns die Hand reichen! Ich teile Ihren Geschmack, ich würde sehr gern die Stellung eines ständigen Mitarbeiters an Ihrer Zeitung übernehmen. Ich habe — wie Sie wissen — schon ziemlich viel geschrieben: Militärisches, National-Oekonomisches und auch Feuilletonistisches. — Vielleicht hat's der Zufall gefügt, daß wir an einer Sache gemeinsam arbeiten können. Das würde mich sehr freuen! Ich möchte auch in die Kammer gewählt werden. Ich habe ja Grundbesitz und bin nicht ohne Einfluß in meinen Kreisen.“
In diesem Sinne festen die beiden Männer ihre Unterredung bis in dieNacht fort.
Erst um drei Uhr morgens schritten sie zusammen die Friedrichstraße und später die Leipzigerstraße hinab. Und heute etwas gehobener denn seit langer Zeit, stieg Klamm die Hoteltreppen empor, und suchte den Segen des größten Gottes, der sich dem Menschen nähert — den Schlaf. —
* * * * *
Der Abschluß war erfolgt. Herr Friedrich Knoop hatte seine Buchdruckerei und seine Leitung an die Aktiengesellschaft für den von ihm bedungenen Preis verkauft. Die Anzahlung war bereits gemacht, und die Erledigung der übrigen Raten war von der an dem Geschäft beteiligten Bank garantiert worden.
Und Freiherr Alfred von Klamm war als Vorsitzender des Aufsichtsratesmit der Maßgabe erwählt worden, daß es ihm überlassen sei, für dieDirektionsgeschäfte eine passende Persönlichkeit ausfindig zu machen.Vorderhand sollte er selbst aber als Direktor eintreten, und im Fall erNeigung besitze, diese Thätigkeit fortzusetzen, den Vorsitz an eineandere Persönlichkeit abgeben. Eine starke Enttäuschung hatte dieFamilie Knoop dadurch erlitten. Auf Arthur war nicht — wie FriedrichKnoop und die Damen angenommen und gewünscht hatten — die Wahl gefallen.
Klamm war vor dem Uebergang an die neue Gesellschaft einigemale mit Arthur in Berührung gelangt, hatte jedoch an der Selbstgefälligkeit und der unangenehm wirkenden Sicherheit des sich mit den Händen in den Hosentaschen vor ihm ausstellenden jungen Menschen so wenig Geschmack gefunden, daß er ihn aus der Zahl der Bewerber von vornherein ausgeschieden.
Er wünschte gegebenen Falles völlig neue Bahnen, und hatte sich deshalb auch in der Wahl der Anstellung anderer Beamten das Recht selbständiger Entscheidungen vorbehalten.
Knoops waren auch schon aus dem Wohnhause fortgezogen, Klamm hatte dort seinen Einzug gehalten.
Sonst hatte sich äußerlich zunächst nichts verändert.
Klamm empfing sämtliche Angestellte und versicherte sie, daß jeder, der seine Pflicht, wie bisher, gewissenhaft ausübe, auf seinem Platz bleiben und von ihm bestens beschützt werden werde.
Wo früher Herr Friedrich Knoop in dem Arbeitszimmer mit den zahlreichenKlingelknöpfen geherrscht, da saß nun — der einst kurzweg Entlassene! —
Und in einem vornehmen Villenbau in der Kurfürstenstraße, den Herr Knoop gekauft hatte, wurden zu gleicher Zeit die Hochzeitsfeierlichkeiten zwischen Arthur und Ileisa vorbereitet. Das Aufgebot war erfolgt, und der Tag der Vermählung bereits festgesetzt.
Zunächst waren die Gemüter auch noch sehr gehoben. Die Erwartung hielt alle in Atem, sie ließ sie zu rechten Nebengedanken nicht gelangen. Herr und Frau Knoop beschäftigte die Sorge, wie sie ihrem Sohn alles möglichst vollkommen herrichten könnten. Sie waren viel unterwegs, prüften, wählten und zogen den Geldbeutel.
Aber auch die beiden jungen Mädchen waren ganz bei der Sache,und wenn nicht Ileisa die Nadel rührte oder mit MargareteAussteuer-Angelegenheiten überlegte, begab sie sich an ihres VerlobtenArm auf die Suche nach einer Wohnung.
Und der junge Mann kritisierte nach seiner Art das meiste, zeigte aber doch auch dabei den praktischen Sinn, der eine seiner besten Eigenschaften war.
Im übrigen hatte er sich auch schon nach einer neuen Thätigkeit umgesehen.
Sein Vater hatte sich bereit erklärt, ihm und Ileisa den Zinsgenuß einerMillion Mark zu überweisen; eine gleiche Rate sollte Margarete bei ihrerHochzeit werden. Den Rest wollten die Alten für sich verwenden.
Kapital wollte Herr Friedrich Knoop nicht hergeben. Sein Sohn und sein künftiger Schwiegersohn sollten der Gefahr entgehen, jemals zu verarmen. Sie sollten sich, falls sie Geld für Geschäftszwecke brauchten, anderweitig umsehen.
Arthur hatte auch keinen Einwand erhoben. Wenn er über eine Rente von 40000 bis 50000 Mark verfügte, dann konnte er „standesgemäß“ existieren.
Es würde sich finden, was er noch that und wie er sich einrichtete.
Als Ileisa einmal bescheiden davon gesprochen hatte, daß er ihr einenLiebesbeweis an den Tag legen würde, wenn er ihrer Tante eine jährlicheBeihilfe zuwende, hatte er „solches zu überlegen“ versprochen. — Es waraber sehr bezeichnend gewesen, daß er seinen Vater ersucht hatte, dieseLast zu übernehmen.
Herr Knoop hatte unter der Bedingung ja gesagt, daß die Dame ihm dagegen nach ihrem Tode ihr Vermögen überweise.
Dann vermochte er sich voll oder zum Teil wieder von dem Ausfall zu erholen. Fräulein von Oderkranz konnte noch zwanzig Jahre und länger leben! Es hieß also eine erhebliche Summe verschenken, wenn sie ein hohes Alter erreichte.
Arthur hatte nicht den Mut gehabt, seiner Braut diese „kaufmännischen Pläne“ zu unterbreiten, er hatte nur gesagt, daß er es geordnet habe, daß die alte Dame die von Ileisa gewünschte vierteljährliche Rate erhalte.
Und sie hatte ihn — ahnungslos über die Vorgänge — geküßt und sich bedankt.
Vier Tage vor der Trauung hatte Ileisa noch eine Unterredung mit ihrerTante in der früher erwähnten Wohnung.
Fräulein von Oderkranz schaute auf, und auf den knochigen Backen erschien das Rot freudiger Erregung, als Ileisa in einem äußerst geschmackvollen, neuen Radkostüm in dunkelblauem Stoff zu ihr ins Zimmer trat.
„Reizend siehst du aus, mein süßes Kind! Wohl ein Geschenk von Arthur?“ warf sie belebt hin.
„Ja, Tante! Aber nicht nur das! Sechs neue Roben hat er mir auf einmal gekauft, und alles, was irgendwie sonst noch dazu gehört. Und sieh nur, das Geschenk von Vater!“
Hierbei knöpfte sie das Jacket auf und zeigte auf eine Brosche, die einen Saphir in der Mitte barg, der von zahlreichen Brillanten umgeben war. Es blitzte das Geschmeide. Die klassische Büste des schönen Mädchens hob sich unter dem straff geschnittenen Kleide, und ein Ausdruck glücklicher Befriedigung verschönte ihre Züge. Sie hatte, wie sie so dastand, etwas Berückendes.
Unwillkürlich stieß die alte Dame heraus:
„Nun? War's nicht gut, daß wir's so machten? Haben wir nicht alles erreicht? Bist du nicht glücklich?“
Und Ileisa nickte und zwang sich, an etwas zu glauben, was ihr Inneres bestritt, schwatzte aufgeräumt und verließ ihre Tante erst nach geraumer Zeit.
Aber an dem Abend desselben Tages nach dem Zusammensein mit ihrem Verlobten, lagen Schatten auf ihrer Stirn, es wühlte und nagte etwas in ihrem Innern, dessen sie nicht Herr werden konnte.
Bevor sie an diesem Abend zur Ruhe ging, warf sie sich Margarete an denHals und weinte und schluchzte bitterlich.
„Was ist, meine einzige Ileisa!“ flüsterte die warmherzige Freundin.
„Ach, Grete! Glaubst du, daß ich deinen Bruder glücklich machen werde?“ sprach sie nach deren wiederholter Aufforderung, ihr ihr Herz auszuschütten, mit verzagender Stimme.
„Seltsam! Je näher der Augenblick kommt, desto mehr ängstige ich mich! Wenn wir nur zu einander passen, Grete. — Natürlich, nur dir sage ich das — und nur zufolge meiner Gewissenhaftigkeit in allen ernsten Dingen. Glaube nicht, daß ich irre geworden bin. Jeder hat ja seine Art. Arthur wird auch manches an mir lieber anders sehen —
„Es ist körperlich — gewiß nur körperlich! Ich erleichtere mich schon durch Aussprechen —“
So belog sie sich selbst, zog in demselben Augenblick zurück, was sie eben betont hatte, und setzte voraus, daß Grete alles so hinnähme, wie es ihr in ihrer wechselnden, durch ihre seelische Bedrückung hervorgerufenen Stimmung wünschenswert war.
Die kluge Margarete schwankte, ob sie Ileisa zurufen sollte: „Was nützt die Verstellung, was nützt das Hinausschieben! Sage noch heute: Ich kann nicht! Ich will nicht! Sei wahr und ehrlich gegen dich und meinen Bruder, dem ich mich niemals zu eigen geben würde.“
Aber dieselben Bedenken, die Ileisa bestimmten, sprachen auch bei ihr.
Was sollte aus ihrer Freundin werden? Stieß sie auch hier zurück, was sich ihr bot, war's sicher für immer aus.
Daß sich ihr Vater, und daß Arthur sich niemals ferner um sie kümmern würden — und wenn sie selbst in höchste Not geriet — wußte sie. Sie wußte es, obschon ihr Vater ein zu beeinflussender Mann war, obschon ihre Mutter ein gutes Herz besaß. Und Arthur? Er würde vielleicht sogar eine boshafte Freude empfinden, wenn die, die ihn verschmäht hatte, unterging.
Sie sprach zu ihrer Freundin:
„Ich las jüngst, daß ein Mann vor der Ehe seiner Tochter riet:
„Nimm dir vor, dem Mann deiner Wahl ein guter Kamerad zu sein! Prüfe, ob er Widerspruch verträgt! Wenn nicht, beherrsche ihn durch Schweigen! Willst du etwas erreichen, was ihm und dir nützlich ist, wähle immer den rechten Augenblick. Darauf kommt alles an. Selbst Teufel haben eine Stelle, wo sie, angefaßt, vergessen, daß sie Engel zu bekämpfen haben! Kannst du nicht in ‚Liebe‘ leben, so erstrebe, es in ‚Frieden‘ zu können. Das ist das A und O der Ehekunst —“
* * * * *
Neun Monate waren nach diesen Ereignissen vergangen.
Ileisa hatte geheiratet, mit Arthur eine Hochzeitsreise gemacht, war zurückgekehrt und nun bereits gewohnt worden, daß sie ihr Mann abends häufig allein ließ. Gegenwärtig waren die alten Knoops nicht in Berlin. Sie hatten sich nach dem Süden begeben, um die Nachwirkungen einer stärkeren Unpäßlichkeit, die sie beide ergriffen hatte, endgültig zu beseitigen.
Die Nobilitierung war noch immer nicht erfolgt, aber Arthur hatte auch noch immer keine Thätigkeit gefunden. Er hatte sich Pferde und Equipagen angeschafft und in auffallende Livreen gekleidete Diener waren angenommen worden.
Im Grunde konnte er sich diesen Luxus neben den vielen anderen Ausgaben nicht leisten, aber er rechnete auf die Einnahme, die ihm durch seine Thätigkeit werden würde.
Theodor Knoop hatte Berlin ebenfalls vorübergehend verlassen. Es hieß, daß er sich zum Vergnügen nach Paris begeben habe. Mit der Provision in der Tasche, die ihm sein Bruder ausgezahlt hatte, konnte er sich wieder einmal auf's Nichtsthun und Wohlleben legen.
Die Haltung Klamms hatte seinen Fortgang beschleunigt. Man hatte ihm erzählt, daß Klamm geäußert hätte, er werde ihm, wenn er sich nicht aus Berlin entferne, wegen alter Unregelmäßigkeiten rücksichtslos zu Leibe gehen.
Ileisa suchte sich durch einen lebhaften Verkehr mit ihrer Tante für das zu entschädigen, was sie in ihrer Ehe entbehrte, und Arthur hinderte sie nicht daran. Wenn ihn sein fortwährender Vergnügungsdrang aus dem Hause trieb, war sie nicht immer allein. Es paßte ihm eine solche „Aja“ vortrefflich.
Viel beschäftigte sie sich auch mit Lektüre und Musik, und setzte aus der Ferne die Beziehungen zu Margarete durch eine regelmäßige Korrespondenz fort. Sie holte sich Wohlgefühl und Erhebungen, wo sie sie fand. Im übrigen war in ihrem Hause alles so neu, so schön, so ausreichend und bequem, daß schon die Freude an dem Besitz ihr anfangs leichter über die Leere weghalf, die sie an der Seite ihres Mannes fand, nachdem seine Leidenschaft abgekühlt und der alte Mensch wieder in ihm eingezogen war.
Arthur war weder warm, noch besonders rücksichtsvoll. Er verkehrte mit ihr, wie mit allen anderen.
Aber er war auch gelegentlich gar schon brutal gegen seine Frau gewesen.
Wenn sie ein einschränkendes Wort über Ausgaben gewagt hatte, die er machen wollte, hörte sie Worte, wie:
„Du sollst es ja nicht bezahlen! Also verdrehe dir deinen Kopf, nicht den meinen! Gewöhne dir überhaupt das Moralisieren ab. Damit hat niemand Glück bei mir!“
Und ein andermal, als sie ihn gefragt, ob er noch immer keine Thätigkeit und keinen Verdienst gefunden, hatte er ihr erwidert:
„Na, hast du's denn noch nicht gut genug? Früher warst du — so viel ich weiß — bei deiner Tante doch nicht so sehr verwöhnt —“
Und als ihr unter Erblassen die Worte entschlüpft waren:
„Ah — wie — unzart, ah, wie —“ hatte er zornsprühend gerufen:
„Nun —? Was denn noch mehr? Was beliebt noch?“
Und: „O, nein — nein — nichts! — Gar nichts!“ war ihm Ileisa, sich erschrocken fügend, in die Rede gefallen, hatte die Hand auf die erregte Brust gedrückt und sich seinem Anblick entzogen. —
„Dieser Schuft, dieser Lump, dieser Theodor,“ hatte grade an einem der letzten Tage Arthur bei Tisch herausgestoßen.
„Du meinst? Ist wieder etwas geschehen?“ hatte Ileisa sanft gefragt.
„Ja, ich meine, wie er uns mit seinen Zusicherungen beschwindelt hat. Nichts regt sich. Von der Nobilitierung schweigt alles. Als ich heute vormittag einen Unterbeamten im Heroldsamt zu sprechen wußte, erklärte der mir, daß die Akten gar nicht wieder behandelt wären. Er glaube nicht, daß dem Antrag Folge gegeben werden würde —“
„So lasse es denn, lieber Arthur! — Wir haben ja alles, was wir wünschen und brauchen! Wenn du auch noch eine Beschäftigung findest, können wir doch wahrhaft mit unserm Schicksal zufrieden sein.“
„Nun kommet du wieder mit deiner Beschäftigung,“ stieß Arthur, aufgeregt und rücksichtslos im Ton, heraus.
„In den letzten Tagen haben mich die im anderen Hause mit diesen Reden schon halbtot geödet. Namentlich entwickelt Margarete darin eine solche bevormundende Beharrlichkeit, daß ich ihr schon erklärt habe, sie möge sich gefälligst um ihre eigenen Kochtöpfe bekümmern, mich aber in Ruhe lassen. Ich werde schon wissen, was ich zu thun habe. —
„Da fällt mir übrigens ein: Sie wünschen, daß wir heute abend zu ihnen zum Abendbrot kommen. Wir treffen uns um acht Uhr dort! Ich kann dich nicht abholen, ich muß heute nachmittag Geschäfte besorgen.“
Ileisa hatte sich schon daran gewöhnt, daß sie eigentlich nur neben ihrem Gatten einherging. Wenn er einmal, entsprechend seinem Verhalten während der Verlobungszeit, wieder ein fügsames und gemütlicheres Wesen hervorkehrte, so mußten sie diese Augenblicke für seine Unpersönlichkeit und Kälte entschädigen, denen allerdings auch alle anderen, die mit ihm in Berührung traten, ausgesetzt waren.
Das waren dann die kleinen lachenden Inseln, die in dem uferlosen Meer auftauchten, auf dem sie sich befand. Es war eben alles so eingetroffen, wie sie es — von Zweifeln während ihrer Brautzeit wiederholt ergriffen — vorhergesehen. Neuerdings kam sie, da mit den alten Knoops auch Margarete wieder zurückgekehrt war, leichter über die Entbehrungen ihres Herzens und die sich in ihr immer mehr festsetzende Bitterkeit fort. — —
* * * * *
Aehnlich, wie bei den jungen Knoops, standen die Dinge bei Klamms, nur mit dem Unterschiede, daß sich Alfred von Klamm auf die Arbeit geworfen, und mit Eifer und mit immer steigenderem Erfolge den Geschäften, der Leitung und der Druckerei zugewendet, hier Ersatz für das zu finden gesucht hatte, was er in seiner Ehe entbehrte.
Es kamen nicht eigentlich Scenen zwischen ihm und Adelgunde vor. Dazu war er zu kavaliermäßig geartet, und dazu war sie eine zu leichtlebige, bequeme Natur. Ueberdies wirkte bei ihr noch die eifersüchtige Liebe nach, die sie für Klamm empfand.
Aber es verging fast keine Woche, in der sie nicht über die eingetreteneVeränderung klagte.
Er war und blieb ein Gegner von Visiten, überflüssigen gesellschaftlichen Rücksichten und all den Nichtigkeiten, die nun einmal für Frau Adelgunde den Mittelpunkt ihrer Gedanken bildeten.
Ihre Toilette, ihre täglichen Ausfahrten, ihre Besuche und jene Sucht, stets einen Hofhalt um sich zu bilden und eine Hauptrolle zu spielen, hielten sie in Atem. Und da Alfred nur immer mit halbem Interesse dabei war, oder deutlich zeigte, welchen starken Zwang er sich auflegen müsse, ihr nachzugehen, da ihn immer nur seine Zeitung, seine Geschäfte, die Politik und öffentliche Vorgänge interessierten, lebte jeder ein Dasein für sich. Jeder legte an den Tag, daß er sich in des anderen Thun und Treiben nicht hineinzuversetzen vermöge.
Was Frau Adelgunde besonders empfand, war der Umstand, daß sich diebereits angebahnten Beziehungen zu den höchsten Kreisen der BerlinerGesellschaft schon wieder zu lockern begannen, nachdem ihr Mann dieLeitung übernommen hatte.
Es wurden einmal Unterschiede gemacht! Man bediente sich seiner, wenn man ihn brauchte — eine Zeitung war eine Macht — aber der früheren Gesellschaftsgleichberechtigung geschah Beeinträchtigung. Wenn man auch Herrn von Klamm einlud, wenn er auch zu den Ministerabenden entboten wurde, so nahm man doch von Adelgunde keine Notiz.
Grade das nagte an der lebhaften und ehrgeizigen Frau. Als sie sich einmal mit einem Gesandtschafts-Attaché aus fürstlichem Geblüt in einer Abendgesellschaft begegnete, erklärte sie bei den Erörterungen über Ehrgeiz und Erfolge, sie würde ihre höchste Befriedigung darin gefunden haben, als Mitglied eines Fürstengeschlechtes geboren zu sein.
Und als der Artigkeiten gegen Frauen gewohnte Hofmann ihr erwidert hatte, daß er allerdings glaube, daß kaum eine der Berliner Damen so sehr die Allüren dazu besitze, wie sie, war sie überglücklich.
Sie hatte auch Alfred davon Mitteilung gemacht; sie hatte damit dieAbsicht verbunden, ihm zu imponieren. Er aber hatte gesagt:
„Wenn du nur wüßtest, welche Freuden in der Welt ausgestreut liegen und nur aufgehoben zu werden brauchen. Aber du willst nichts dazu thun, um ihrer teilhaftig zu werden.“