Chapter 5

„Ach, bitte, Alfred, komm mir nicht wieder mit den Hinweisen auf das Krähen der Hähne und das Brüllen der Rinder auf dem Lande. Ich kann einmal weder etwas Poetisches noch Melodisches darin finden. Ebenso geht mir der Sinn dafür ab, an den Krankenbetten alter Bauerweiber zu sitzen und Christentum zu üben. Ich finde es schrecklich! Und die kindische Freude an vollen Leinenschränken, selbstgemachten Handarbeiten, Einmachen von Früchten und Gurken geht mir nun einmal ebenso sehr ab, wie das Interesse für die langweiligen Zeitungen mit ihrer Kritik, ihren Lügen, ihren Uebertreibungen, ihrem Furchtmachen vor Kriegsgefahr und anderer Sensationsmacherei! Ich kann es ja doch nicht ändern.

„Du sprachst neulich von Wohlthätigkeitsvereinen! Nun ja! In ihnen hatman wenigstens ein bischen Amüsement, man kommt mit Menschen inBerührung. Aber dieser Frauenbewegungsübereifer und all das entsetzlicheReden über die verkannten Rechte unseres Geschlechtes treiben mich zumWiderstand.

„Ich sage es frei, wie ich es meine. Sehr, sehr viele denken ebenso, wagen es nur nicht auszusprechen.“

„Ja, ja, du bist ein echtes Weltkind, du kannst froh sein, daß du nicht auf Arbeit und Erwerb angewiesen bist, sonst würdest du anders reden, Adelgunde. Und wenn du nur einmal auf dich Einfluß ausüben lassen wolltest! Wenn du dich mit der Natur, mit Kindern und einfachen Leuten abgeben, diese Menschen suchen und ihnen Interesse abzugewinnen dir Mühe geben würdest! Wenn du überhaupt so recht ins Leben hineingreifen und an allem teilnehmen wolltest, dann würdest du erkennen, daß die Freuden, die du dadurch empfängst, mit anderen, die du jetzt schätzest, gar nicht zu vergleichen sind.

„Was meinst du, Adelgunde, wenn wir ein Kind annähmen?

„Ich glaube, die Beschäftigung mit einem solchen würde dich ausfüllen, befriedigen, würde dich von den Nichtigkeiten ablenken, denen du nachgehst und die dich — im Grunde — doch nicht befriedigen —“

„O nein, nein, Monsieur le Baron Alfred,“ wehrte die Frau ohne Empfindlichkeit, mit lustigem Pathos ab, beugte sich zu ihm herab und küßte ihn.

„Ich will kein Kind! Ich bin glücklich, daß uns keins beschert ist! Nur für dich thut es mir leid,“ schränkte sie gutherzig ein. „Aber gar ein fremdes? Na, wie dergleichen ausfallen kann, sieht man doch an zahllosen Beispielen.

„Nein, nein! Es geht ja auch so! Jeder fügt sich dem andern. Ich wäre ja auch ganz glücklich, wenn du nur nicht diese gräßlichen bürgerlichen Passionen hättest, wenn du nur nicht grade auf diese Thätigkeit geraten wärest.

„Wie herrlich war's, als du mit der Pfeife im Munde und mit dem eisenbeschlagenen Feldstock in der Hand über unser Gut schrittest, oder wenn unsere Füchse vor unserem Jagdwagen ungeduldig auf und ab tanzten, wenn wir die Nachbarn besuchten, unsere reizenden kleinen Sommergesellschaften arrangierten, uns auf die Freuden des Winters präparierten, auf unseren Reisen interessante Menschen kennen lernten, so Anregung, Belehrung schöpften, sorglos, fröhlich und befriedigt waren!

„Was hast du jetzt? Verantwortung, Sorgen, Aerger, Abspannung — undUndank! Ja, ja — Undank! Wie sind sie neulich bei Theobalds über dieZeitung hergefallen.

„Ich hörte es, ohne daß die Gruppe der Schwätzer es ahnte.

„Mich, liebster Alfred, stellst du allezeit als ein im Grunde verlorenes, lediglich Thorheiten treibendes Wesen hin. Aber mit welchem Recht? Ich habe die Passionen einer Dame! Ich liebe Musik, Lektüre, ich liebe interessante und geistvolle Menschen, und ich bin dir trotz kleiner Gefallsüchtigkeiten so treu, wie nur eine unvollkommene Eva sein kann. Aber ich suche dir auch dein Haus gemütlich zu machen und dich nach Kräften zu pflegen.

„Also laß das Geschelte, schränke deinen langweiligen Lebensernst ein!“

Nach solchen Antworten war Alfred entwaffnet, diese Art versöhnte ihn wieder. Sie weckte alle Zuneigung und weckte seinen Gerechtigkeitssinn, der ihm sagte: wenn selbst den von dem großen Weltgeist regierten, und in den himmlischen Höhen kreisenden Sonnen, Planeten und Monden Mängel anhafteten, erst recht den, von demselben Schöpfer geschaffenen Kreaturen, die sich Menschen nannten, winzige Unvollkommenheiten eigen und nachzusehen seien.

Wie Ileisa die Klugheit, die Nüchternheit, den Ordnungssinn und den wenn auch zur Zeit falschen Zielen nachjagenden Ehrgeiz ihres Mannes schätzte, wie sie sich an seinen gelegentlichen, besseren Launen wieder von seiner Herzenskälte aufzurichten suchte, so auch Alfred an der liebenswürdigen Gemütsrichtung seiner Frau.

Und es würden sich diese beiden Ehen, wie so viele tausende andere, die im Grunde nicht glücklich sind, wohl miteinander ein- und ausgelebt haben, wenn nicht Ereignisse eingetreten wären, die so stark auf die Mitglieder eingewirkt hätten, daß ihr Wille und ihre Fertigkeit daran gescheitert wären.

* * * * *

Alfred von Klamm befand sich bei seiner Mutter; sie hatte ihn gebeten, sie zu besuchen. Sie wohnte noch in der Kurfürstenstraße, in der damals von Klamm gemieteten Etage, war wieder hergestellt und nahm an allem, was ihren Sohn und ihre Schwiegertochter betraf, den lebhaftesten Anteil. Sie wünschte ihn zu sprechen, weil sich Adelgunde wieder einmal an sie gewandt hatte, um ihre bei ihrem Manne auf Widerstand stoßenden Pläne durchzusetzen. Er war fast niemals dazu zu bewegen, an den Premieren im Theater teilzunehmen. Nur wenn er selbst einmal eine Kritik über ein neues Stück, oder über die Leistungen eines Künstlers auf anderem Gebiet schreiben wollte, trat seine Abneigung zurück, grade dann einem öffentlichen Konzert oder einer Ausführung beizuwohnen. Für Adelgunde hatte aber just die Teilnahme an den ersten Vorstellungen den allergrößten Reiz. Sie konnte sehen und konnte gesehen werden.

Das Publikum, das für ein Opernplatzbillet bei Gelegenheit des Erscheinens einer Berühmtheit fünfzig bis hundert Mark bezahlte, war dasjenige, was ihr gefiel, mit dem sie sich gleichgestimmt fühlte.

Adelgunde steckte sich in solchen und anderen, mit ihrer Eitelkeit zusammenhängenden Fällen hinter Frau von Klamm, und die gab sich auch in ihrer Herzensgüte dazu her, Alfred zuzureden, seiner Frau entgegenzukommen.

Und oft gelang's ihr auch; aus Gutherzigkeit willigte er ein. Neuerdings hatte sich Adelgunde in den Kopf gesetzt, ihr Gut bei Dresden zu verkaufen. Da sie nun doch in Berlin ferner leben sollte, wollte sie in nicht zu weiter Ferne von der Hauptstadt ein anderes erwerben.

Sie schwelgte schon im voraus in dem Gedanken, dort im Sommer ihre Berliner Bekannten zu empfangen, Feste zu geben, und das Dasein in solcher Weise zu genießen.

Es gehörte zur Befriedigung ihrer Eitelkeit, und sie geriet dadurch in die Lage, mit den adligen Gutsbesitzern der Umgegend in Berührung zu gelangen.

Nur kein Stillstand, keine Einförmigkeit, keine Langeweile! Jeder Tag mußte etwas Besonderes bringen, mußte in seiner Art ein Festtag sein.

Klamm hatte sich zunächst ihren Plänen widersetzt. Es widerstrebte ihm, den Besitz bei Dresden, der so lange Eigentum der Familie gewesen, auf dem auch er gearbeitet und so mancherlei gefördert hatte, zu veräußern.

„Wer weiß, was wir wieder erhalten! Bei Güter- und Pferdekäufen dasRichtige treffen, ist sehr schwer! Wie nun? Wenn wir für schönes GoldKupfer einhandeln? Wir wollen doch dein Vermögen zusammenhalten,“ hub ermorgens beim Frühstück an.

„Warum sprichst du immer von ‚meinen‘ Vermögen?“ fiel ihm Adelgunde in die Rede. „Warum sagst du nicht: ‚unser‘ Vermögen?“

„Weil es dein Geld ist, was gewagt werden soll —“

„Du hast doch auch mein Geld — wenn du auf dieser Unterscheidung bestehst — an dem Knoopschen Zeitungsunternehmen gewagt und bist voll Vertrauen! Weshalb sollten wir denn grade hierbei getäuscht werden?

„Andere Menschen kaufen auch Güter und machen einen guten Handel. Es giebt doch zuverlässige Leute und auch Sachverständige. Wir können doch letztere zu Rate ziehen.“

„Hm — Ja, es ist möglich! Aber wer kauft uns den Besitz bei Dresden ab?Und wenn — wer bezahlt ihn uns so, wie wir ihn schätzen?“

„Das ist denn auch kein Unglück. Wir können ihn ja auch zur Not behalten! Behalten wir ihn doch überhaupt, und erwerben wir uns ein hübsches Gut im Oderbruch oder in noch größerer Nähe von Berlin dazu.“

Aber bei dieser Erörterung war es einstweilen geblieben. Nun sollte MamaKlamm vorgehen! Freilich wußte Adelgunde nicht, wie ihre Schwiegermutterdie Sache auffassen werde. Sie fürchtete, sie würde auch bei ihr aufWiderstand stoßen. —

Zu ihrer angenehmen Ueberraschung fand sie Frau von Klamm jedoch durchaus bereit, ihren Wunsch bei Alfred zu unterstützen. Der Dame gefiel der Plan, weil sie auch Vorteile davon haben würde. Sie war auf dem Lande groß geworden und hatte ihre meiste Lebenszeit dort zugebracht. Sie liebte das Land; ja, sie stellte sich bereits vor, daß sie dort ferner mit ihren Kindern leben werde. Sie würden im Sommer ganze Wochen oder Monate dort zubringen, Alfred würde zwar täglich zur Stadt fahren, aber abends zurückkehren. Das Stadtleben zersplitterte. Frau von Klamm war nicht gern in Berlin. Mitten in dem großen Getriebe fühlte sie sich vereinsamt, umsomehr, weil sie wenig Umgang pflegte. Neuerdings hatte sie Fräulein von Oderkranz kennen gelernt und sich ihr etwas genähert. Die alte, kluge, seine Dame hatte ihr ausnehmend gefallen.

Alfred hörte seine Mutter, als sie auf ihn einsprach, ohne Unterbrechung an. Er erhob auch, nachdem sie geendet, keinen Einwand, lächelte nur und sagte:

„Wenn ihr einen Verschwörerbund stiftet, was soll ich dann machen? Ich muß ja wohl ja sagen. Ich habe mich hauptsächlich geweigert, weil ich immer gehofft hatte, daß sich meine Frau mir mehr anpassen werde, daß sie größere Freude an ihrem Hause, an unserm Zusammenleben finden, daß sie ernstere, bessere Dinge über ihre Vergnügungen setzen werde.

„Aber ich erkenne immer mehr, daß in dieser Richtung eine Einwirkung auf sie unmöglich ist. Da ich sehe, daß auch du für den Plan bist, will ich nachgeben. Ich verstehe, daß du dich nach der reinen Luft des Landes sehnst, daß du dorthin wieder zurückkehren möchtest, wo dein eigentlicher Lebensboden ist. Aber damit wir nicht auseinander geraten, damit wir ebenso häufig miteinander verkehren, wie bisher, muß es doch schon ein Gut in nächster Nähe Berlins sein, und das wird viel Geld kosten.“

„Ihr habt ja viel! Wieviel besitzt eigentlich deine Frau?“ wandte Frau von Klamm mit sanfter Beharrlichkeit ein.

„Nun, eine Anzahl Millionen werden wohl herauskommen,“ entgegnete Klamm.„Aber was will das sagen, wenn so große Summen in verschiedenenUnternehmungen festgelegt werden!

„Ich gestehe dir, daß ich eigentlich die Absicht hatte, die Leitung und die Druckerei allein käuflich an mich zu bringen, darin Adelgundes Vermögen festzulegen. Meine größeren Pläne, meine eigentlichen Wünsche werden durch den Gutskauf nicht nur beeinträchtigt, sondern vielleicht unmöglich.“

„Ich würde es vermeiden, das Geld deiner Frau in deine Unternehmungen zu verwickeln, Alfred. Du bleibst freier.“

Klamm lächelte bitter.

„Ja, ja!“ betonte er. „Du hast völlig recht. Das ist's ja eben! Sobald es sich um meine Wünsche handelt, tritt immer die Erwägung ein, daß es ihr Geld ist.

„Schließen wir indessen das Gespräch, liebe Mutter. Ich werde Adelgunde und dir — ich wiederhole es — nachgeben, ich werde ein Gut ehestens besehen, und auch sonst alles thun, was deine Wünsche verwirklicht.“

In Frau von Klamms Angesicht erschien ein Ausdruck größter Befriedigung. Sie nickte ihrem Sohn warmherzig zu und schloß, während er sich erhob und zum Fortgehen rüstete:

„Was machen eigentlich Knoops? Ich vergaß immer, dich danach zu fragen. Sind sie zurück, und ist“ — hier lächelte Frau von Klamm gutmütig — „der Bote mit dem Adelsbrief unterwegs oder gar schon angelangt?“

„Ja, sie sind zurück, und auch der berühmte Theodor, der Hallunke, ist, wie ich von einem der Herren in der Redaktion zufällig gehört habe, aus Paris heimgekehrt.

„Er wird wohl die Provision, die ihm sein Bruder für den Zeitungsverkauf zugebilligt hat, schon wieder verthan haben und muß nun neues Futter suchen.

„Dazu gehört die Nobilitierung. Er ist ja der eifrige Vermittler, um derFamilie das ‚von‘ anzuhängen.“

„Und der junge Mann und Frau Ileisa? Hast du sie auch wieder gesehen? Fräulein von Oderkranz äußerte neulich, daß es ihr lebhafter Wunsch sei, daß ihre Kinder mit euch verkehren —“

„Aber besser ist's schon, daß es unterbleibt, Mutter! Dieser Herr Arthur ist mir nichts weniger als sympathisch; namentlich seitdem er sich zum Nichtsthuer herausgebildet hat. Ein Mensch in seinen Jahren ohne Beschäftigung, ohne Erwerb! Es sind mir solche Leute gradezu widerwärtig!

„Um übrigens deine andere Frage zu beantworten: Ja, ich sah sie noch gestern in der Equipage, die er sich angeschafft hat. Er kutschierte selbst, und sie saß neben ihm. Sie sah überaus anziehend aus, und grüßte, als ob niemals etwas zwischen uns vorgefallen wäre!“

Klamm schloß seine Rede mit einem Seufzer. Dann neigte er sich zu seinerMutter und küßte sie auf die Wange und verließ das Zimmer.

* * * * *

Der Winter hatte sich in diesem Jahre sehr früh verzogen. Der Frühling war jählings ins Land gestürmt und hatte seine unwiderstehliche Herrschaft angetreten. Plötzlich war's von den Dächern getropft. Der Schnee war rasch und behende zerschmolzen; die Eiszapfen waren ihm mit eilfertiger Auflösungshast gefolgt, und zu allem hatten vergnügt geschwätzige Staare die Musik gemacht. An Bäumen und Gesträuchen waren in einer einzigen Nacht die jungen Triebe erschienen, und ehe sich's die Welt versehen, hatte die Natur ein farbiges Kleid angelegt. Und dem Frühling war ein blütenschwerer Sommer gefolgt. Schon war die Zeit bis Ende September wiederum vorgerückt, und seit Monaten befanden sich Klamms bereits auf dem von ihnen erworbenen, in der Nähe von Berlin belegenen Gut Grünhagen.

Aber es war noch etwas geschehen:

Ihre Nachbarn waren — Knoops geworden. Der Zufall hatte gespielt. Alsan den alten Herrn Knoop die Anforderung ergangen war, sich alsEigentümer einer umfangreicheren Gutsherrschaft auszuweisen, warBehrwalde — so hieß das Rittergut — grade zum Verkauf gestellt worden.

Der frühere Besitzer, ein Graf Klöker, war plötzlich gestorben, und die zurückgebliebene Familie hatte sobald wie möglich den Landaufenthalt gegen die Stadt zu vertauschen gewünscht. Da hatte Herr Knoop sogleich zugegriffen, obgleich auch ihn die Nähe der Familie Klamm gehört.

Bei Klamms aber war erst recht ein Mißbehagen eingetreten.

Nachdem Alfred eben die Familie geschäftlich von sich abgeschüttelt hatte, saß sie nun neben ihm, gleichsam Stube an Stube.

Aber nicht nur die Alten, sondern auch die Jungen!

Wie es hieß, blieben Knoops nur für den Sommer und Herbst dort.

Aber da Arthur und die Alten ihre Wohnung in der Stadt schon wieder aufgegeben, erschien die Verwirklichung doch sehr zweifelhaft. Es paßte das, wie man sich erzählte, Arthur so besser. Er stand nun, da seine Frau und seine Familie auf dem Lande wohnten, unter gar keiner Kontrolle mehr. So konnte er seinen Lebemänner-Gewohnheiten voll nachgehen!

Margarete Knoop war über die Ortsveränderung außerordentlich glücklich. Sie hatte den Plan ihres Vaters, ein Gut zu erwerben, mit allen Kräften gefördert.

Mit der Erhebung in den erblichen Freiherrnstand, war es nach Theodors Rückkehr aus Paris plötzlich sehr rasch gegangen. Herr Knoop hatte fünfzigtausend Mark für Zwecke des roten Kreuzes gespendet, zudem dies adlige, große Rittergut erworben, und sich endlich auch der bürgerlichen Thätigkeit begeben.

Da die Familie Knoop in vergangenen Jahrhunderten den Adel besessen und ihn nur freiwillig abgelegt, so waren sonstige vorhandene Schwierigkeiten leichter zu beseitigen gewesen.

Und da war denn in überraschend kurzer Frist, nach ein paar Wochen, dieNobilitierung erfolgt.

„Na, ja! Es ist doch etwas! Ich sag's noch einmal!“ hatte Herr Baron Friedrich von Knoop in einem sehr gehobenen Tone gegen seine Frau geäußert. „Ich bin doch vom Buchdruckergesellen zum Freiherrn herausgerückt, und habe drei Millionen Mark und reichlich darüber, teils im Kasten, teils in rentablem festem Besitz!

„Und unsere Schwiegertochter stammt aus altem Adel und ist eine treffliche Frau, und unsere Kinder sind von der Natur so veranlagt, daß wir an ihnen sicherlich nur Freude erleben werden.“

Frau von Knoop hatte sich zunächst auch mit der Neueinrichtung der Dinge ziemlich ausgesöhnt, ja, sie hatte Augenblicke, in denen auch sie ihrer Eitelkeit erlag.

Und zu dieser gesellten sich sonstige Befriedigungen. Anders war's mit Margarete. Sie mißbilligte ihres Vaters Ehrgeiz nach wie vor. Sie bedauerte seine Unthätigkeit, die schon allerlei unliebsame Folgen mit sich geführt. Als einzigen wirklichen Gewinn betrachtete sie lediglich die Erwerbung des Gutes, und die Aussicht, dort ferner zu leben. Ihr ging's wie Frau von Klamm! Das Gezwitscher der Vögel in der blauen Luft über den saatengoldenen Feldern klang ihr weit melodischer als der Laut der geflügelten Scharen über den mit geschwärzten Schornsteinen besetzten Dächern der Großstadt.

Die Freiheit und die Unabhängigkeit von dem gesellschaftlichen Zwang mit all seinen Komödien und Unwahrheiten mutete sie an wie eine neue Wunder-Daseinswelt. Da nun auch Ileisa fortan in ihrer Nähe blieb, glaubte sie alles zu besitzen, was ihr Herz ausfüllen konnte.

Nur eines störte sie jeden Tag. Das Verhältnis zu ihrem Bruder wurde immer schlechter. Immer mehr verflachte er, und mit der Annahme der Verflachung und der Arbeitsscheu verstärkten sich seine Empfindlichkeit und sein Mangel an Rücksichten gegen seine Umgebung.

War er früher rauh und rechthaberisch gewesen, so hatte er doch Sinn für Arbeit, Erfolg besessen und Respekt vor seiner Person in allen Kreisen erstrebt.

Jetzt sprach er nur von den gesellschaftlichen Errungenschaften, die ihm, als Mitglied des Adels, immer mehr zufielen. Als ihn ein bisher sehr unnahbares Mitglied des Unionklubs, in dem er aufgenommen war, zu einem Frühstück eingeladen, war ihm diese Auszeichnung dermaßen zu Kopf gestiegen, daß er im Hause mit seiner ganzen gefühllosen Unausstehlichkeit austrat.

„Du thust wirklich, als ob dich die Beachtung, die dir Graf von der Horwitz erwiesen, zu einem Mitglied der Ritter vom schwarzen Adlerorden gemacht habe, Arthur,“ hatte seine Schwester mit verächtlichem Spott hingeworfen. „Wie ist es möglich, daß ein Mensch mit freiem Sinn und Selbstachtung auf solche Nichtigkeiten Wert legen kann! Wo ist die Zeit, in der du noch deinen Ruhm in kräftiger Thätigkeit und deine Erfolge in dem sahst, was unser Vater sein Lebelang unermüdlich schaffte und förderte. Ich sage dasselbe, was ich dir schon früher vorhielt:

„Du läßt dich — ein junger Mann — von ihm ernähren, spielst den großen Herrn, vergeudest dein Geld in Ueberflüssigkeiten, vielleicht gar im Spiel, vernachlässigst deine Frau, deine Eltern und was das Schlimmste ist, machst dich wegen deines eitlen Auftretens zum Gespött bei allen unbefangenen und ernsthaften Men —“

Aber weiter war Margarete nicht gelangt.

Der von ihr so Angegriffene hatte sich wie ein Tobsüchtiger benommen. Die Reitpeitsche, die er zufällig in der Hand gehabt, hatte er gegen seine Schwester erhoben und sie mit wutentstellten Mienen angeschrieen:

„Schweig, unverschämte, dumme Gans, die du immer nur nach deinen jämmerlich hausbackenen Auffassungen Thun und Treiben anderer beurteilst. Was weißt du, welche Zwecke ich verfolge, welchen Plänen ich nachgehe! Und es sei dir zum letztenmal gesagt: deine Unverschämtheiten verbitte ich mir! Wenn du noch einmal so auftrittst — untersage ich dir, unser Haus zu betreten.“

„Vaters Haus meinst du doch wohl! ‚Dein Haus‘ giebt es nicht! Du hast seit deiner Rückkehr von England nur im ersten Jahre gearbeitet und etwas selbst verdient.

„Jetzt bist du ein Tagedieb und verminderst dein Ansehen von Tag zu Tag vor deiner Frau,“ war Margarete unerschrocken fortgefahren.

„Gold glaubte sie zu finden, aber wertloses, ja unedles Metall hat sie erhalten.“

Aber mit diesen Worten hatte sie doch zu viel gewagt. Sie hatte Arthur dermaßen gereizt, daß er sie gepackt und mit einem Ruck auf den Flur gesetzt hatte. Und hier hatte er sie stehen lassen und ihr bei seinem Fortgange zugerufen:

„Wage nicht, jemals wieder über diese Schwelle zu treten“ — und war dann, die Hausthür heftig hinter sich zuschlagend, keuchend vor Wut und Aufregung seiner grade aus dem hinteren Teil des Gartens kommenden Frau entgegengetreten.

Ihr hatte er dasselbe erklärt. Sie habe Margaretes Umgang fortan überhaupt zu meiden, und wenn sie das nicht könne und wolle, werde er Behrwalde wieder verlassen und sich irgendwo anders niederlassen.

„Mit meiner Schwester bin ich ein für allemal fertig. Das werde ich auch noch heute den Eltern mitteilen!“

So hatte er geschlossen, ohne Ileisa zu Wort kommen zu lassen und war, nachdem er stumm und verbissen mit ihr das Mittagessen eingenommen, zur Stadt gefahren.

„Sie möge nicht auf ihn warten! Es werde spät werden. Er habeGeschäfte!“

Mit dieser Erklärung war er gegangen und hatte auch ihr kaum einen Gruß gegönnt.

* * * * *

Margarete fand ihre Eltern, gleich nach dieser Scene mit ihrem Bruder, im Begriff, ebenfalls zur Stadt zu fahren. Der Wagen stand bereits vor der Thür, Herr Knoop knöpfte mit ungeduldigen Gebärden an seinen Handschuhen und drängte eben seine Frau, sich zu beeilen. Grade kam sie auch aus dem Hause hervor, um in dem eleganten, mit dem Knoopschen Wappen bereits geschmückten, offenen Landauer Platz zu nehmen. Als sie aber Margaretens ansichtig wurde und deren auffallende Blässe und deren verweinte Augen bemerkte, trat sie sogleich besorgt auf sie zu, zog sie, von ihrem Manne begleitet ins Haus, und sprach auf sie ein.

„Was sie habe, was geschehen, warum sie nicht, wie sie beabsichtigt, beiIleisa geblieben sei?“ stieß sie beängstigt heraus.

Und Margarete berichtete, und nachdem sie alles mitgeteilt, ja, fast wörtlich wiedergegeben hatte, was zwischen ihr und Arthur vorgefallen war, geriet Herr Knoop in eine ganz ungeheure Aufregung. Er sprach aus, daß er nur bedaure, Arthur nicht gleich fassen, ihn zur Rede stellen und ihn so abkanzeln zu können, daß ihm zu Wiederholungen eines solchen Auftretens die Luft vergehen werde.

Aber auch Margaretens Mutter bemächtigte sich eine große Empörung, der sich eine tiefe Trauer und eine starke Bedrückung hinzugesellte.

Ihre alte Ahnung, daß die in solcher Art herbeigeführte Abweichung von früherer Einfachheit ihrem Manne und ihnen allen nicht zum Segen gereichen, ihnen vielmehr zum Verderben werden würde, erfaßte sie von neuem.

Immer wieder mußte Margarete erzählen, und mit jeder Erneuerung ihrerDarlegungen verstärkten sich in beiden der Zorn und die Entrüstung überArthurs Benehmen.

Erst nach einiger Zeit vermochten sie sich zu besänftigen. Während sich aber Herr Knoop anschicken wollte, nunmehr zur Stadt zu fahren, erklärte Frau Knoop, daß sie sich nicht mehr in der Stimmung befinde, Besuche zu machen. Ueberhaupt sei sie gegen das fortwährende, von ihrem Manne gewünschte Visitenmachen; sie bürdeten sich dadurch ohne Not und Zweck und ohne irgend welche Vorteile Lasten auf.

Das reizte nun aber wiederum Herrn von Knoop dermaßen, daß er sich in den schärfsten Worten gegen seine Frau erging. Das gestörte Gemüt mußte sich an irgend etwas wetzen und austoben.

„Ach Gott,“ seufzte Frau von Knoop unter heißen Thränen. „Wie waren wir doch früher in unserer Villa hinten auf deinem Arbeitshof glücklich! Fast nie kam eine Verstimmung, gar ein böses Wort zwischen uns vor! Und jetzt? Seitdem Arthur aus England wiedergekommen, ist's, als ob ein böser Geist bei uns eingekehrt. Nach unserer Standeserhöhung und nach dem Gutskauf ist erst gar die Freude von uns gewichen.“

Und eben, weil sie das Rechte traf, weil ihre Worte den Thatsachen entsprachen, weil sich der Mann getroffen fühlte, erhöhte sie nunmehr sein Ingrimm.

Er wollte, da sich jetzt doch der Eitelkeitssinn für den Sohn regte,Arthurs Ansehen retten; er wollte namentlich nicht zugeben, daß ihn derSohn beeinflußt habe.

Eine unbändige Heftigkeit kämpfte in seinem Innern mit einer sich regenden, heißen Reue. In diesem Augenblick wünschte er, daß er niemals sein schönes, durch Fleiß und kräftige Pflichterfüllung aufgerichtetes Werk anderen Händen überlassen, daß er, wie seine Frau richtig geäußert, in Arbeit und Einfachheit auch ferner sein Glück gefunden hätte.

Und eben diese Selbstanklage, und diese große, sich unheimlich in seine Seele einschleichende Reue, veranlaßten ihn zu den schwersten Ausfällen gegen seine Familie.

Er sprach in den heftigsten Ausdrücken von Uebertreibungen, und er redete von schnödem Undank! Statt Anerkennung zu empfangen und guter, gerechter Einsicht zu begegnen, daß er — allezeit ein Fleißiger und Bebürdeter — in seinem Alter auf Ruhe, Erholung und Ablösung ein Recht habe, faßten sie beide nur ihre Annehmlichkeiten ins Auge, ergingen sich gegen ihn in Vorwürfen und Anklagen, und verbitterten ihm das Dasein. Ihnen fehle jedes Verständnis dafür, daß sich ein Mann Ansehen und Beachtung in der Welt erwerben solle.

Sie stellten ihn nachgerade als einen Unmündigen hin, der noch wie ein Schulkind belehrt werden müsse. Er wisse aber sehr genau, was er wolle, und sie sollten Gott danken, daß sie sich keinen Wunsch zu versagen brauchten, und überhaupt vom Glück überschüttet seien.

Im übrigen trenne er Berechtigtes von unzutreffenden Sentimentalitäten.

Mit Arthur werde er ein sehr deutliches Wort reden. Er habe einen festen Entschluß gefaßt. Den Inhalt würden sie bald erfahren. —

Hierauf griff er nach Hut und Stock, erklärte, daß er, da er frischeLuft und andere Eindrücke zu seiner Besänftigung gebrauche, allein zurStadt fahren wolle, und befahl dem schon mit recht mürrischer Miene aufdem Bock sitzenden Kutscher, vorwärts zu machen.

Nachdem er sich entfernt hatte, erörterten Mutter und Tochter dieVorgänge in einer möglichst sanften und sachlichen Weise.

Sie nahmen sich vor, auf Herrn von Knoop nach seiner Rückkehr versöhnlich einzusprechen, aber ihn auch bei der ersten sich dazu bietenden Gelegenheit zu bitten, daß sie ihr Leben anders einrichteten.

Mutter und Tochter hatten schon erfahren, daß man sie im Grunde doch nur als Emporkömmlinge ansah. Bei ihren Besuchen in der Nachbarschaft, auf den Gütern, war man ihnen wohl höflich, aber nichts weniger als sehr zuvorkommend begegnet.

Man ließ sie dafür büßen, daß sie sich einbildeten, sie seien nun schon Gleichberechtigte. Was war ein erkaufter Adel? Mutter und Tochter fühlten eine heiße Scham, um die Gunst so Denkender zu buhlen.

Aber auch in ihrem bisherigen Bekanntenkreis in Berlin hatten sie starke Enttäuschungen erfahren. Dort machte sich der Neid breit. Die angeseheneren Familien, die Knoops ihre Thüren bisher geöffnet, mit ihnen, wenn auch nicht eng, aber doch in sehr freundlicher Weise verkehrt, hatten nun nichts mehr vor jenen voraus!

Jetzt standen Knoops mit Geld und Rang über ihnen! Das paßte ihnen nicht! —

Das Benehmen der jungen Herren gegenüber Margarete war auch ein ganz anderes geworden. Die Gutgearteten, die Absichten auf sie gehabt hatten, zogen sich zurück, weil sie nicht den Eindruck hervorrufen wollten, sie würben nur um die reiche Erbin! Und wiederum drängten sich die auf ihren Geldbeutel Spekulierenden jetzt mehrfach mit solcher Unzartheit an sie heran, daß es sie verletzte.

Herr von Knoop hatte früher seine ihn stark in Anspruch nehmende Thätigkeit gehabt. Er hatte einen Tageszweck besessen. Jetzt langweilte er sich, er beschäftigte sich fortwährend mit seiner Gesundheit und bildete sich zum Hypochonder aus. Infolgedessen war seine Laune meistens keine gute. Er nörgelte um nichts; er quälte seine Umgebung mit Kleinlichkeiten. Und wiederum, wenn die vornehme Gesellschaft in Frage kam, konnte er, trotz eben hervorgehobener Beschwerden, alles, war er zu Opfern stets bereit und befand darauf, daß man den Adligen den Hof mache. Er schalt, wenn seine Familie nicht sehr willig auf seine Aeußerlichkeits-Rücksichten einging, als kleinlich, unsinnig, empfindlich und unliebenswürdig. —

Nach Tisch begab sich Margarete in ihr Zimmer oben im Gutshause und hielt eine Umschau in die sie umgebende Welt.

Behrwalde war ein prachtvoller Besitz, wurde von einem äußerst tüchtigenMann verwaltet, und stand infolgedessen in bester Kultur.

Aber auch die Lage des Gutes war eine herrliche. Das in weißer Farbe prangende Herrenhaus war umschlossen von laubreichen, alten Buchen und Linden. Weiter hinab umgaben äußerst wohlerhaltene, von Epheu und Schlinggewächsen meist umzingelte Wirtschaftsgebäude den mächtig geräumigen Gutshof. Hinter den zwei, unten das Gesamtviereck begrenzenden, altertümlich gebauten Thorhäusern bot sich dem Auge ein Blick, der nicht schöner gedacht werden konnte.

Durch Tannen- und Buchenwaldungen unterbrochene grüne Flächen dehnten sich bis zum sanftblauen Horizont aus. Zwischen ihnen tauchten die Silberbänder kleiner Auen auf, und überall erhoben sich Dörfer mit weißschimmernden Mauern, Kirchtürmen und roten Dächern.

Zur Linken, gleich neben dem Schloß, trat man in einen, durch ein vergoldetes Gitterwerk eingefriedigten Park. An ihn stieß der Besitz von Klamms. Zur Rechten befand sich ein großer Gemüsegarten.

Die nie einen Anruf versagende, große Trösterin der Menschen: die Natur, half auch Margarete heute zu einer ruhigeren Auffassung. Ja, als sie das alles vor sich sah, in seiner noch prangenden Schönheit und Fülle, übergossen von goldenem Sonnenlicht, und in solchem stillen Erdfrieden, erfaßte sie gar wieder eine starke Zuversicht.

Sie hoffte, ihren Vater beeinflussen zu können. Sie sah die alten Zeiten zurückkehren, und sie nahm sich vor, auf Ileisa einzuwirken damit sie ihres Mannes Herr werde. —

Unter solcher Vorstellung verließ sie ihr mit Blumen und allerlei kleinen Zierlichkeiten und Kunstgegenständen angefülltes Gemach, und stieg die weißlackierte Treppe hinab. Alle Thüren, Fenster und Treppen im Hause trugen diese schneeweiße Farbe, und erstere waren geschmückt mit Messing-blitzenden Klinken und die Schlösser umgebenden, zierlich gewundenen Einfassungen.

Margarete eilte über den Hof, erreichte das, seine Front dem eben betriebenen, freien Land zuwendende, sogenannte kleine Herrenhaus, in dem früher ein Bruder des verdorbenen Grafen Klöker gewohnt und in dem nunmehr Arthur eingezogen war. Sie fragte den ihr auf dem Flur entgegentretenden Diener nach ihrer Schwägerin.

Er erklärte höflich beflissen, daß sie im Garten sei oder sich ins Dorf begeben habe. Er wolle eilig nachforschen.

Nachdem er sich entfernt hatte, trat Margarete zunächst auf die Veranda, dann aber ins Wohngemach, schaute sich, wie am Vormittag, als Arthur sie überrascht hatte, nach allem um. Dann ging sie gedankenlos, ihrem Impulse folgend, in das daneben befindliche, von Ileisa vorzugsweise bewohnte Kabinett.

Auf der anderen Seite befand sich ein ähnliches, von Arthur ausschließlich benutztes Arbeitszimmer.

Hier fand Margarete auf Ileisas Schreibtisch eine Art von Gedenkbuch mit beschriebenen Blättern, und las — gegen ihren Willen angezogen — was Ileisa dort angezeichnet hatte.

Und so ergriff sie das, was sie fand, daß sie unwillkürlich in einen nebenan gehenden Sessel zurücksank und sich — den Gedanken unterdrückend, daß sie etwas that, wozu ihr das Recht fehlte — völlig in die Lektüre vertiefte.

Es hieß da:

„AlleVorstellungenüber Glück sind ausnahmslos unzutreffend. Nur dieErfahrungen können uns über dessen Einzelwesen belehren.

„Einer denkt, er werde mit dem Haupt in den Himmel hineinragen, wenn erseiner Nahrungssorgen entrückt werde, und wird ihm in Fülle, was er vomSchöpfer erflehte, schreit er nach dem Wechsel zwischen Entbehrung undGenuß!

„Zum Glück gehören möglichste Unabhängigkeit von anderen, und dieSättigungen, die unsere ‚Herzen‘ und Gemüter bedürfen.

„Ich bin eine Sklavin geworden, die ich dachte, ich würde alle Fesseln abstreifen. Und mich hungert förmlich nach Liebe!

„Wären nicht zwei Menschen: meine edle Tante und Margarete, würde ich vielleicht schon ins Wasser gesprungen sein.

„Es fließt so lockend jenseits der Wiese vorüber. So tief ist der Au, so rein ist sein Wasser. Da ruht's sich sicher gut. Ich bin so todestraurig, so verzagt, so grenzenlos unbefriedigt. Wer hilft mir — ?“

Als eben Margarete noch weiter lesen wollte, vernahm sie nebenan Geräusch von Schritten, scheuchte infolgedessen hastig empor, warf sich eilig in einen Sessel, der in einem nach dem Garten schauenden Erkerausbau stand, und griff nach einem, auf einem kleinen Tisch liegenden Buch.

Im nächsten Moment stand Ileisa vor ihr. Aber ein Schreck ergriffMargarete, als sie Ileisa anblickte.

Diese aber eilte auf Margarete zu, fiel vor ihr nieder, und stieß erschüttert heraus:

„Ach, liebe, liebe Margarete, was habe ich eben erlebt —“

Dann folgte ein verzagtes, herzzerreißendes Wimmern, das die mitfühlende und beängstigte Margarete fast ebenso fassungslos machte.

„Um Himmelswillen! Was ist geschehen? Bitte, richte dich auf. So, so! Setze dich hierher. — Ah — ah — meine arme Ileisa,“ rief sie, sich selbst mit Gewalt aufraffend, lief erst noch fort, schloß das Gemach und begab sich dann wieder rasch zu ihrer bedrückten Verwandten.

„Ja! Höre,“ begann Ileisa und strich, tief aufatmend, mit der Hand über die Stirn. „Ich kam vom Dorf zurück, ging über die Landstraße, und wollte eben an der Parkthür zu Klamms vorüberschreiten, als Herr von Klamm von dort herauskam, plötzlich vor mir stand und mich anredete.

„Ich weiß nicht — aber vielleicht weiß ich's doch — weshalb mir das Herz so zitterte. Jedenfalls wurde ich so verwirrt, daß ich ihm keine Antwort stehen konnte. Er legte das als ein körperliches Unbefinden aus, redete teilnehmend auf mich ein, bat, ob ich nicht einen Augenblick in den Park treten, und mich dort — du weißt, gleich rechts auf dem Eichenberg — niederlassen wollte.

„Ich that dann etwas, was ich nicht wollte. Statt sein Anerbieten abzulehnen, ließ ich mich — gradezu wie von einer Hypnose ergriffen — von ihm mitziehen und verwickelte mich mit ihm in ein Gespräch.

„Er erkundigte sich nach Tante, auch flüchtig nach Arthur und eingehend nach dir. Zuletzt berührte er unser früheres Zusammensein. Er erwähnte des Zufalls, daß wir nun doch wieder zu einander gerückt wären und meinte, es mache ihn glücklich, mich wenigstens dann und wann wieder zu sehen.

„Um etwas zu erwidern, entgegnete ich:

„‚Ich danke Ihnen herzlich für Ihr Interesse, Herr Baron, um so mehr, da ich es nicht verdiene. Sie wissen es am besten! Lassen Sie mich Ihnen aber sagen, daß ich glaube, daß es am besten ist, wenn wir uns meiden, uns nur aus der Entfernung schätzen. Ich werde dabei entbehren, gewiß, aber es ist richtiger so, wenigstens für mich.‘

„Diese Antwort wirkte auf Herrn von Klamm ganz anders, als ich erwartet hatte.

„Statt darauf etwas unmittelbar zu entgegnen, ließ er den Kopf sinken, verfiel in Nachdenken und sagte dann:

„‚Es fehlt mir die Zeit, und es ist hier nicht der Ort zu einem Gespräch, an dem ich Ihnen — wie ich möchte — auf Ihre Worte erwidern kann, meine gnädige Frau.

„‚Lassen Sie mich nur das eine bemerken:

„‚Wenn Sie von Entbehrung sprechen, so trifft dies bei mir erst recht zu —‘

„Nach diesen Worten sah er mich mit einem so traurigen Blick an, daß ich am liebsten an ihm herabgeglitten wäre und ihm gedankt hätte, daß er mir noch immer so gut geblieben sei.

„Was aber dann dieser Auseinandersetzung folgte, spottet jederBetreibung.

„Klamm hatte mich eben verlassen; er war, als er mir begegnete, imBegriff gewesen, zur Bahnstation zu gehen, und mußte sich, um nicht denZug zu verpassen, sehr beeilen. Ich aber saß noch in Gedanken versunken.So viel war auf mich eingestürmt, daß ich völlig vergessen hatte, wo ichmich befand.

„Daran sollte ich aber sehr bald, und sehr unliebsam erinnert werden. Ich hatte während meines Gespräches mit Klamm schon einmal Geräusch hinter den Gebüschen zu hören vermeint, da aber Klamm sich nicht umgesehen, angenommen, daß ich mich doch wohl getäuscht habe.

„Es war aber Frau von Klamm gewesen, die, um ihrem Manne noch etwas zu sagen, ihm gefolgt war, und als sie uns sprechen gehört, stehen geblieben und gehorcht hatte.

„Sie trat nun jählings hervor, stellte sich vor mich auf, maß mich mit hochmütiger Miene und stieß, mit vor Erregung zitternder Stimme, heraus:

„‚Ich war eben Zeuge des Gespräches zwischen Ihnen und meinem Mann. Voller Empörung vernahm ich, daß Sie sich nicht scheuten, ihm Avancen zu machen, mit wohlberechneter Weichmütigkeit äußerten, wie schwer es Ihnen werde, ihm fern zu bleiben! Der Sinn Ihrer Worte war nicht mißzuverstehen, am wenigsten für denjenigen, der frühere Vorkommnisse kennt.

„‚Ich möchte Sie nun sehr ernstlich ersuchen, solche Koketterien mit meinem Gatten nicht ferner zu wiederholen! Ich möchte Sie erinnern, daß wir, Ihre Nachbarn, sehr streng über Ehrbarkeit, Sitte und Ehepflichten denken. Jawohl! Nicht nur ich — sondern auch mein Mann, dem Sie von Entbehrungen sprachen, den Sie — nun doch wieder an sich ziehen möchten.

„‚Bitte, bitte, echauffieren Sie sich nicht! Es ist doch, wie man hört, Ihrem Andrängen zu verdanken, daß Sie sich unmittelbar neben uns angekauft haben! Also Thatsachen sprechen!

„‚Ich fordere Sie auf, dafür zu sorgen, daß Ihr Gatte wieder von hier fortzieht. Erst dann werde ich glauben, daß Ihnen Sittlichkeits- und Ehrgefühl nicht abgeht, daß meine Rede den Zweck erfüllt hat, den ich mit ihr verbinde! Ich will meinen Gatten Ihnen nicht opfern!

„‚So, das habe ich zu sagen. Ich empfehle mich Ihnen —‘“

„Und du? Und du? Was antwortetest du?“ stieß Margarete nach diesem Bericht heraus, biß vor Zorn die Zähne zusammen, und ballte unwillkürlich die Hände.

„Ich that nichts, denn ich konnte nichts thun, Margarete,“ entgegnen Ileisa. „Sie war ja schon fort, als alle die Feuer, die sich in mir entzündet hatten, losbrechen und sie versengen wollten.

„Nachdem ich nur eben wieder Atem gewann, eilte ich, ohne mich aufzuhalten, ins Haus. Ich sehnte mich nach Vereinsamung, Nachdenken und Ruhe. Ich wollte mich hier auf's Sofa werfen und ausweinen — und fand dich!“

„Wohlan,“ erklärte Margarete mit fester Stimme und entschlossener Miene, „so will ich statt deiner antworten, so will ich jetzt zu ihr gehen. Ich will Einlaß fordern, und ihr erklären, was sie ist, was die Welt von ihr sagt, und ihr verbieten, sich ferner herauszunehmen, Personen zu beleidigen, die moralisch so hoch über ihr stehen, daß sie die Augen niederzuschlagen hat. Für dich will ich eintreten! Ich will ihr ins Gesicht schleudern, daß sie die Unehrbare ist, die mit Männern tändelt, die nichts anderes kennt, als Eitelkeiten und Aeußerlichkeiten, daß sie sich wie eine ungebildete Xantippe benimmt, während sie sich rühmt, eine Dame, eine Bevorzugte der Gesellschaft zu sein!“

Nach diesem Ausbruch wollte sich Margarete entfernen. Aber Ileisa hieltsie zurück, redete auf sie ein, und teilte ihr das Gefühl derBesonnenheit mit, das sie inzwischen selbst zurückgewonnen. Sie hatteEinkehr in sich genommen, und ihr gerechtes Ich hatte sich gemeldet.

Wenn schon Herr von Klamm die vergangenen Dinge berührt habe, so hätte sie, erklärte sie, als verheiratete Frau, darauf gar nicht eingehen dürfen. Sie habe sich — unglücklich wie sie wäre — von ihrem Enttäuschungsschmerz fortreißen lassen.

„Ich bin,“ fuhr sie fort, „insofern nicht ohne Schuld. Und Frau von Klamms Ausbruch gegen mich war ein Produkt der Eifersucht. Eifersucht aber weiß nicht, was sie thut; sie darf nicht mit dem gewohnten Maß gemessen werden. Daß aber Frau von Klamm auf einen solchen Mann überhaupt eifersüchtig ist, daß sie ihn für sich, für sich ganz allein behalten will, ist's ihr zu verdenken? Ich würde ebenso fühlen, und vielleicht gar auch so handeln.

„Ach, Margarete! Haben wir Klamm nicht beide geliebt und lieben — wir ihn nicht noch heute?

„Ich wenigstens gestehe es in diesem Augenblick. Ich liebe ihn mit der ganzen Kraft meiner Seele. Ich könnte mein Leben für ihn lassen, ich sehe in ihm ebenso sehr das Ideal eines redlich strebenden Mannes, wie ich in Arthur nur ein Abbild jener erblicke, die nichts anderes kennen als ihr genußsüchtiges Ich, die nichts anderes erstreben, als Aeußerlichkeiten.

„Ach — ach — wer rettet mich, Margarete? Ich bin verloren!“ schloß sie erschüttert, und warf sich ihrer Freundin an die Brust.

Margarete aber sagte, nachdem sie Ileisa von ihrer Brust sanft gelöst hatte:

„Ich weiß, wie vielleicht doch noch alles gut werden kann, Ileisa. Rede einmal fest und unerschrocken mit meinem Bruder. Sage ihm, daß du unglücklich seist, bitte ihn, daß er ein anderer wird, daß er mit dir lebt, dir Wärme und Liebe entgegenträgt, daß du sonst neben ihm verdorrst. Gewiß, ich weiß! Eine einzige solche Unterredung thut's nicht. Aber du mußt es ihn wissen lassen, daß es so in dir aussieht. Und wenn er etwas thun will, was ihn von dir und seinen guten Regungen abzieht, so sprich auf ihn ein und beginne immer von neuem, und suche auf ihn einzuwirken. Ihr seid nun doch einmal verheiratet, und als Frau hast du Pflichten übernommen. Du klagst dich an! Ich weiß nicht, ob mit Recht. Sollen es aber nicht Worte bleiben, so mußt du wenigstens den Versuch machen, und erst, wenn alles vergeblich, wenn du erkennst, daß er weder will noch kann — dann füge dich in das Unvermeidliche.“

Und Ileisa erwiderte weich gestimmt:

„Du sprichst gut und weise, und ich will deinen Rat zu befolgen suchen, meine liebe Margarete. Aber wenn es mir nicht gelingt, auf Arthur einzuwirken, vergiß nicht, daß man eigentlich doch nur lehren kann, wenn man etwas zu sagen hat. Ich aber habe die Zuneigung, die ich für ihn empfand, so gut wie verloren.

„Es ist furchtbar, zu gestehen, aber ich bekenne dir, daß ich eher einen Abscheu vor ihm empfinde, denn die Neigung spüre, mich ihm ferner zu nähern.

„Wir haben eben sehr früh mit einander verspielt — und mein Verdienst nach dieser Erkenntnis war bisher nur das — daß ich duldete und — schwieg.“

Und plötzlich, in einem sie mächtig überwältigenden Gefühl, umschlang sie Margarete und flüsterte:

„Willst du mir versprechen, meine teure Margarete, mich, wenn das Ende doch so wird, wie du es herbeizuführen mir selbst rätst — nicht zu verlassen?

„Was soll ich beginnen? Wohin soll ich mich flüchten? Ich zittere schon, wenn ich mir nur vorstelle, was meine Tante sagen wird, wenn ich mein Glück — so nennt sie meine Ehe, und nannte sie sie, als sie mir vordem stets so eifrig zuredete — wieder von mir gestoßen habe!“

„Ja!“ entgegnete Margarete fest. „Ich werde dir eine Schwester sein im besten Sinne des Wortes, Ileisa, ich werde dich — so lange ich lebe und etwas mein eigen nenne — nie verlassen!“

Es waren, während sie redeten, die Abendschatten schon herangeschlichen und hatten das Gemach verdüstert.

Düster war's draußen und in den Herzen dieser beiden Menschen, die nach ihrer Art redeten und Pläne machten, die wie alle anderen Sterblichen durch Einsätze in die große Daseinslotterie zu gewinnen hofften, und doch verloren, oder — ohne Einsätze — in größerer Geduld — der Zeit und den Umständen vertrauend — aufrecht stehen blieben und sich vor den Lebenszufällen schützten, bis die Zeit auch über ihre kämpfenden Seelen die Schwingen ewiger Ruhe ausbreitete.

* * * * *

In der Knoopschen Aktienbuchdruckerei war ein gewaltiges Hin und Her. Klamm hatte mit Zustimmung der maßgebenden Persönlichkeiten eine Reihe von Veränderungen ins Auge gefaßt, und nunmehr herbeigeführt. Es waren Rotationsmaschinen für die Leitung und Buchdruckmaschinen angeschafft, auch Schneide- und Satiniermaschinen besserer Konstruktion eingestellt worden. Ferner war beschlossen worden, die Zeitung durch ein handlicheres Format, neue Schrift, eine andere Einteilung, Textvermehrung, sowie größere Vielseitigkeit zu verbessern.

Klamm ruhte und rastete nicht, Vervollkommnungen zu erstreben. Natürlich wurden bei der Vermehrung der Arbeit die Kräfte der Angestellten in höherem Maße angestrengt. Es hatten deswegen schon heftige Auseinandersetzungen mit dem noch im Amt befindlichen Chefredakteur stattgefunden. Es bedürfe, wie er erklärte, umfangreicherer Beihilfe und besserer Honorierung! Ueberhaupt lehnte er sich gegen die Zeitungs-Neuerungen auf und behauptete, daß sie dem Blatte nicht zum Nutzen, sondern zum Schaden gereichen würden.

Gegenwärtig handelte es sich um die Herstellung der ersten neuenQuartalsnummer, und diese stieß auf unerwartete, ganz erheblicheSchwierigkeiten.

Unten in den Druckräumen schalt der Maschinenmeister mit den Mädchen, die sich bei den neuen Rotationsmaschinen ungeschickt benahmen. Die Folge war, daß sie sämtlich aufsätzig wurden, kehrt machten und davon gingen.

Nun war guter Rat teuer! Woher gleich andere nehmen? DerMaschinenmeister eilte zu Klamm hinauf und meldete, was geschehen sei.Er hatte den Kopf völlig verloren. Es schien unmöglich, daß die Zeitungüberhaupt am nächsten Morgen erscheinen konnte.

Um das Unglück voll zu machen, berichtete der Zeitungsfaktor, daß demMetteur ein Unglück mit dem im übrigen kaum zu bewältigenden Satzpassiert sei, die Setzer aber, trotz Aufforderung und Bitte,Ueberstunden nicht machen wollten.

Zunächst schickte Klamm einen Boten zu der ältesten, in der Druckerei schon seit zwei Jahren beschäftigten Bogenfängerin. Der Maschinenmeister wußte zufällig, wo sie wohnte — und ließ ihr vom Direktor bestellen, daß sie so gut sein möge, „rasch einmal heran zu kommen“.

Sodann begab sich Klamm in den Setzersaal und verhandelte mit denSetzern, die sich bereits die Hände wuschen und fortgehen wollten.

Er bot ihnen eine angemessene Entschädigung, wenn sie nach einer Stunde zurückkehren, und einen Teil der Nacht durcharbeiten wollten.

Nach sehr schwierigen Verhandlungen, bei denen eine bedauerliche Interessenlosigkeit für das Geschäft bei den Angestellten zu Tage trat, gelang es Klamm, deren Zusage zu erreichen.

So war wenigstens diese Schwierigkeit beseitigt. Nun aber galt es auch unten zum Ziele zu gelangen. Klamm hielt Umschau und prüfte, ob nicht im Papierraum Angestellte zu haben seien. Aber die Versuche verliefen hier eben so ungünstig, wie die Prüfung bei dem übrigen Maschinenpersonal. Zwei sonst Beschäftigte waren überhaupt nicht anwesend, weil sie sich krank gemeldet hatten. Die Maschinenmeister selbst erklärten, daß sie zweien Herren nicht dienen könnten. Sie müßten fortwährend nach den Druckpressen sehen, da noch alles nicht recht „eingelenkt“ sei.

Inzwischen war die Zeit immer weiter vorgerückt. Ueberall wurden dieArbeitskittel bereits ausgezogen, und Klamm lief Gefahr, sich einergroßen Blamage auszusetzen, wenn es nicht gelang, Bedienung für dieMaschinen herbeizuschaffen.

Zum Glück erschien nun das von ihm herbeigerufene Mädchen, eine etwa sechsundzwanzigjährige, robuste Person, in einem schwarzen Mantel und mit federbesetztem Hut.

Sie sah wie eine schlecht kostümierte Nebenfigur auf einer Kleinstadtbühne aus und legte, als Klamm sie anredete, ein recht schnodderiges Wesen an den Tag.

Sie beklagte sich im Berliner Jargon über den Maschinenmeister Schulze, der „die Mächens man immer so behandelte, als ob sie ‚Rakkers‘ wären, die vor 'ne Lehmmühle zu jehen hätten. Det Jeschimpfe höre jar nich uf, nu dafür wär'n sie sich alle einig jeworden, abzujehen. Sie persönlich habe sich auch den Abend schonstens mit ihr Verhältnis verabredet, sie könne nich bei die Maschine arbeiten, und wo die anderen wohnen thäten, det wisse sie man sehr unbestimmt.

„Wiederkommen wollten sie ja alle, aber bloß, um beim Direktor vorstellig zu werden. Sie hätten sich verabredet, am nächsten Morgen, Uhr neune, anzutreten.“

Nach dieser Erklärung ergriff nun aber Klamm das Wort.

Er bot dem Mädchen, wenn sie die Arbeit etwa nach einer Stunde wieder aufnähme, und wenn sie die übrigen Arbeiterinnen mit Droschken herbeizuholen sich verpflichtete, eine erhebliche Belohnung, ihnen allen aber Abendbrot mit Bier, Kaffee in der Nacht, und eine so bedeutende Vergütigung, daß „Christine Munk“ schließlich weich wurde. Das Geld reizte die Person, und um so schwankender wurde sie, da Klamm erklärte, daß er allen fortan den Lohnsatz erhöhen wolle.

Hierauf eilte die Munk fort. Klamm begab sich, nachdem er die Maschinenmeister zum Dableiben verpflichtet hatte, ins Kontor, und von dort in die Redaktion.

Hier sah er nach dem Rechten, wartete dann noch in größter Spannung, obSetzer und Mädchen erscheinen würden, und atmete förmlich auf, als erzunächst die Setzer hinauskommen sah und nun sicher war, daß in denSälen oben weiter gearbeitet wurde.

Die Mädchen ließen viel länger auf sich warten. Als der Maschinenmeister endlich über ihr Eintreffen berichtete, hatte er zu melden, daß nur zwei erschienen seien.

„Nun, wohlan! So müssen wir mit angreifen, Schulze! Ich bleibe so lange an der Maschine, bis wir unsere Auflage fertig haben!“ erklärte Klamm, setzte ein kurzes, Adelgunde verständigendes Schreiben auf, sandte einen herbeigeholten Dienstmann damit fort, und begab sich in den Maschinenraum.

Und hier arbeitete er dann ganz ebenso wie das Personal, und wenn er einmal seine Thätigkeit unterbrach, um oben im Setzersaal nachzutreiben, so mußte auch der andere Maschinenmeister so lange mit anfassen.

Endlich nachts zweieinhalb Uhr war die Arbeit gethan. Da das Expeditions-Personal diesmal schon um vier Uhr morgens eintraf, konnten die mit den für die verschiedenen Bahnhöfe bestimmten Zeitungspacketen beladenen Geschäftswagen bereits um sechseinhalb Uhr abfahren.

Trotz aller Hemmnisse und Ungelegenheiten, und trotz der umfangreicheren Auflage war alles ohne irgend welche Verzögerung in der Stadt und an die auswärtigen Abonnenten expediert worden.

Aber Klamm begnügte sich damit nicht.

Nachdem er ein paar Stunden in der ihm überwiesenen, früheren Knoopschen Villa geschlafen hatte, begann er schon wieder seine Thätigkeit, traf allerlei Maßnahmen, wodurch fortan jegliche Hast und Ueberstürzung, aber auch ähnliche Verlegenheiten vermieden wurden.

Er ordnete sowohl in der Redaktion wie in den Setzersälen eine andere Einteilung an, und sah sich nach einem zuverlässigeren Arbeiterpersonal für die Maschinen um.

Die Mädchen hatten ein sehr unzuvorkommendes Wesen hervorgekehrt. Unter der Führung Christine Munks, traten sie, wie sie schon angekündigt hatte, mit so erheblich höheren Lohnforderungen an die Direktion heran, und legten eine so feindselige Gesinnung gegen den Maschinenmeister Schulze an den Tag, daß Klamm sie überhaupt nicht zu behalten beschloß. Es mußte eben vielfach aufgeräumt werden. Er kündigte auch bereits an diesem Tage dem Chefredakteur, Doktor Strantz, der heute, wie früher, sowohl im Geschäft wie in dem „Wirtshaus zur gemütlichen Ecke“ in der Kronenstraße, seine Intriguen gegen ihn fortsetzte, zum nächsten Quartal, und unternahm so gleich Schritte für eine andere Besetzung.

Endlich berief Klamm auch die Vorstände der verschiedenen Abteilungen. Er setzte ihnen auseinander, daß eine größere Anspannung der Kräfte erforderlich sei, ersuchte sie, ihn zu unterstützen, versprach ihnen dagegen Erhöhung ihres Lohnes, und lud sie zudem für den Schluß der Woche zu einer geselligen Zusammenkunft im Leipziger Garten ein.

Um sechs Uhr nachmittags war Klamm erst so weit, daß er sich nach Hause begeben konnte. Als er jedoch im Grünhagener Gutshaus eintraf, fand er in seiner Wohnung weder seine Frau noch die Dienerschaft. Erst nach vergeblichem Klingeln sah er bei weiterem Nachforschen die beiden Mädchen im Nebengebäude im Gespräch mit den Stallknechten.

Der Diener sei, wie sie meldeten, im Auftrage der gnädigen Frau, bereits nachmittags in die Stadt gefahren, sie selbst habe vor einer Stunde gesagt, daß sie den gnädigen Herrn im Geschäft abholen werde.

„Hat denn meine Frau keinen Brief von mir erhalten? Ich hatte nach sechsUhr das Essen bestellt?“ warf Klamm sehr unmutig hin.

Die Mädchen verneinten. Es sei ihnen nichts gesagt. Die gnädige Frau oben (Klamms Mutter) habe um zwei Uhr mit Frau von Klamm reichlicher als sonst gefrühstückt, das Essen sei überhaupt abbestellt worden.

Die gnädige Frau habe gesagt, daß sie mit dem gnädigen Herrn in der Stadt speisen werde. Sie wollten nachher das Theater besuchen. So hätten sie verstanden.

Klamm nickte. Er wußte nun genug. Seine Frau hatte, wie ersichtlich, dieGelegenheit benutzt, um sich einmal wieder ein Vergnügen zu verschaffen,wie so oft, ohne ihn zu fragen, ihre Pläne gemacht und war trotz seinesBriefes fortgegangen.

Sein Mißvergnügen verstärkte sich, weil er starken Hunger spürte und die Zimmer kalt waren. Er hatte sich grade heute nach den Anstrengungen, die hinter ihm lagen, auf sein Haus und auf Gemütlichkeit gefreut. Und zu haben war natürlich nichts; und wenn doch, dauerte es sehr lange.

Er beschloß deshalb, nach der Stadt zurückzukehren, dort sogleich zu speisen, und seine Frau aufzusuchen. Er nahm an, daß sie Bescheid im Geschäft zurückgelegt hatte.

Er mußte sich in die Sachlage finden, so sehr er sich dagegen sträubte. Schon weil Adelgunde nicht allein abends zurückkehren konnte, mußte er sich auf den Weg machen.

Sie war mit der Bahn gefahren, statt das eigene Fuhrwerk zu benutzen. —

Während Klamm noch sann, regte sich draußen ein Geräusch.

Ein Mietswagen fuhr vor, und diesem entstieg — Adelgunde!

Sie war also, da sie ihn nicht gefunden, wieder zurückgekehrt!

So dachte Klamm, und das freute ihn, das freute ihn sogar so sehr, daßer Lust hatte, die Droschke zu benutzen, und mit seiner Frau nachBerlin zu fahren, und dort zu soupieren. Er wußte, daß das ganz in ihremSinne sein werde.

Aber schon war der offenbar schon von ihr vorher abgelohnte Kutscher wieder abgefahren, schon stand sie vor ihm und stieß in einem höchst mißmutigen, sehr unfreundlichen Ton heraus.

„Na, das war eine schöne Enttäuschung — die hättest du mir doch auch ersparen können. Da fahre ich wie in einem Karussel immerfort in der Runde herum, um nun unverrichteter Sache, hungrig, abgespannt und verärgert wieder hier anzukommen.“

Selbst in dem friedfertigsten und selbstlosesten Menschen wird sich ein Gefühl der Entrüstung regen, sobald man ihm Vorwürfe macht, wenn er für seine Handlungsweise ein unbestreitbares Recht besitzt, lediglich Gutes dabei im Auge hatte.

So sagte er mit stark auflehnender Miene: „Ah — lasse dochLamentationen, an denen du selbst schuld bist!

„Ich bin der Genarrte! Ich komme höchst abgespannt und sehr hungrig nach Hause, finde niemanden, finde keinen gedeckten Tisch, und erst recht dich nicht, die ich doch von meiner Rückkehr und meinen Wünschen vorzeitig unterrichtet hatte!“ —

Klamm sprach, während er ins Wohnzimmer schritt, und Adelgunde erwiderte, während sie den Mantel löste und ihn auf die Lehne eines Stuhles warf:

„Ich kann doch nicht dafür, daß ich dich nicht traf. Du läßt mich ja gar nicht sprechen, erklären, kommst gleich mit Vorwürfen. Der Zug hatte Verspätung. Als ich mich so rasch wie möglich nach deinem Kontor fahren ließ, warst du schon fortgegangen.“

„Wohlan, Adelgunde! Ich hatte dir aber doch ausdrücklich geschrieben, daß ich zu Tisch kommen werde, daß du mich zwischen sechs und halb sieben erwarten mögest.

„Daß ich, nachdem ich von Mittag vorigen Tages bis jetzt mit geringer Unterbrechung gearbeitet hatte, zu solchen Vergnügungen nicht aufgelegt sein würde, konntest du dir wohl vorstellen. Du denkst aber leider fast immer nur an dich, willst dich mir nicht akkomodieren!“

Adelgunde hatte sich während ihres Mannes Rede in einen Sessel niedergelassen, ihn auch ohne Unterbrechung angehört.

Nun aber hielt es sie nicht ferner, und lang zurückgehaltenes drängte bei dieser Gelegenheit nach Ausdruck.

„Du machst mir die gewohnten, sich in unerträglicher Gleichmäßigkeit wiederholenden Vorwürfe,“ begann sie. „Es geschieht, obschon ich es gut meinte und denke, daß ich wohl auch eine Entschädigung für meine Vereinsamung und dafür verdient hätte, daß du nun gar schon um deiner Zeitungsgeschichten willen die Nächte fortbleibst!

„Ich wollte alles in mir herabdrücken, dir freundlich begegnen, und dich gar aus dem Geschäft abholen!

„Aber da du dich als den Verletzten hinstellst, will ich sprechen!

„Erstens: Ich will nicht mehr hier auf dem Gute wohnen und förmlich verdorren. Der Besitz wurde erworben, damit wir die Sommermonate hier zubrächten, nicht Herbst und Winter, und nicht fortwährend mit deiner Mutter!

„Ich erwarte, daß du mich über deine mir unsympathischen Zeitungs- und Druckgeschichten nicht, wie es schon vielfach geschehen ist, gradezu vernachlässigst. Ich verwünsche den Augenblick, in dem ich dir darin nachgab. Und endlich erwarte ich, daß du für alle Zeiten der koketten Frau nebenan die Absage erteilst, die sie verdient!

„Ich war Zeuge eurer Unterredung, und ich muß gestehen, daß mich dein Liebeswerben empört hat. Es mußte mich doppelt empören, weil du doch erkannt hast, welchen Unwert sie besitzt. Sie gab dir damals einen Korb, und erteilte ihn deshalb, weil sie glaubte, daß dein Glücksstern erloschen sei. Es beweist wenig Selbstgefühl, daß du ihr nach solchen Erfahrungen überhaupt noch einen Blick, geschweige werbende Worte gönnst!

„So, das ist mein Standpunkt, immer derselbe Standpunkt von früher!“

Klamm überlegte, ob und was er auf diese Rede entgegnen sollte.

Dennoch sah er von einer Auseinandersetzung ab und sagte:

„Ich will, mag und kann heute abend mit dir nicht streiten. Du bist nicht sachlich, gerecht und logisch. Es wird sich ein geeigneter Augenblick finden. Ich wünsche, mich in mein Arbeitszimmer zurückzuziehen. Die Mädchen sollen mir etwas bereiten und auf den Tisch setzen. — Nachdem ich gegessen und noch eine Cigarre geraucht habe, werde ich mich ins Bett verfügen. Ich habe Schlaf und Ruhe sehr nötig. Es waren sehr gemütaufregende Stunden mit großer Anspannung —“

Nach diesen Worten zog er die Klingel, durchschritt das Gemach und begab sich in sein Zimmer.

Er machte sich auch daran, selbst Feuer in dem Ofen zu entzünden, gab — da seine Frau sich nicht regte — dem jetzt zurückgekehrten und eintretenden Diener Auftrag, ihm ein Abendbrot möglichst rasch herrichten zu lassen und ihm in seinem Zimmer zu servieren. So bemerkte er auch nicht, daß Adelgunde überhaupt das Haus verließ.

Sie ging über den Gutshof, erreichte den bereits mit Licht versehenenHerrenstall und befahl dem Kutscher, sogleich anzuspannen.

Alsdann schritt sie in ihr Kabinett, schrieb einen Brief an ihren Mann, den sie vorläufig zu sich steckte, und war schon unterwegs nach Berlin, als es ihn nach beendigtem Mahle trieb, sich nach ihr umzusehen.

Klamm war nicht wenig erstaunt, und geriet in nicht geringe Erregung, als er seine Frau nicht fand, und ihm auf sein Befragen der Diener erklärte, daß die Frau Baronin nach Berlin gefahren sei und auch einen Brief zurückgelassen habe. —

„Einen Brief? Weshalb haben Sie mir den nicht gleich gebracht,“ stießKlamm schroff heraus.

„Die gnädige Frau hatte mir befohlen, ihn dem gnädigen Herrn erst auszuhändigen, wenn der gnädige Herr nach der gnädigen Frau fragen würden.“

„So — das ist etwas anderes. Sie können gehen! Ich werde rufen, wenn ich noch etwas brauche.“

Nachdem sich Friedrich entfernt hatte, brach Klamm das Schreiben auf, ließ sich in einen Sessel und las folgendes:

„Ich will in Grünhagen nicht mehr wohnen. Ich will nicht neben der Person noch eine Nacht sein, die sich dort eingenistet hat, um Dich zu umgarnen. Die ganze Gegend weiß es, daß sie höchst unglücklich mit ihrem neugeschaffenen Baron ist. Da wirst sie natürlich die Netze wieder nach Dir aus. — Ich mag und will aber auch nicht — ich wiederhole es — auf dem Lande verdorren und mich tot langweilen. Ich kehre nicht zurück, unter keinen Umständen.

Ich will aber gern mit Dir in Berlin leben und alles thun, damit Dumit mir zufrieden bist.

Allerdings erwarte ich, daß auch Du Konzessionen machst. So geht esnicht weiter.

Ich werde heute nacht im Askanischen Hof logieren. Der dort uns solange Jahre kennende Wirt wird nichts Auffälliges darin finden.

Morgen vormittag begebe ich mich in unsere Wohnung und werde alles zumAufenthalt herrichten.

Unsere Sachen bitte ich Dich, von unserem Dienstpersonal sofort einpacken und herbefördern zu lassen. Sie sollen auch selbst bis morgen abend spätestens hier sein.

Dich erwarte ich natürlich schon um Mittag und ich schließe nicht nur mit den Worten Corneilles:

‚Soyons amis‘, sondern sage: Seien wir sogar die alten, die wir einst waren. Es würde darüber glücklich sein, Deine, auch einmal einen Willen und ihre Neigungen besitzende Adelgunde.“

Der erste Gedanke, der Klamm kam, nachdem er diesen Brief gelesen hatte, war: daß Adelgunde seiner Mutter mit keiner Silbe gedacht hatte. Sie entbot die Dienstboten zu sich — seine alte Mama konnte sehen, wo sie blieb und was aus ihr wurde. Daß man ihr das Personal nahm, das für sie kochte und ihr aufwartete, kam gar nicht in Frage.

Klamm ließ das Haupt sinken.

Gab's denn wirklich nur eine einzige auf der Welt, die ein Recht auf seine Liebe und unbedingte Verehrung besaß, sie, seine Mutter, die oben gewiß noch seiner wartete, damit er ihr, wie immer, einen Kuß auf die Wange drücke, und ihr „Gute Nacht“ sage.

Schatten umfingen seine Seele und trieben ihm eine grenzenlose Trauer ins Herz.

Fühlte sich Ileisa nebenan unglücklich, so unglücklich, daß sie schon von tiefen Wassern gesprochen, er, Klamm, hätte sich in diesem Augenblick mit seinem Leibe tief unten in der Erde gewünscht.

Er hielt Umschau! Lag's an ihm? War er zu anspruchsvoll? Waren die Menschen im Grunde gut und umgänglich? Verlangte er zu viel — hatte er etwas vom Philister an sich, der nicht in üblicher Weise mitgehen wollte und konnte. Er mußte diese Frage verneinen.

Er suchte ja grade das Gute bei allen, wennschon ihn seine Veranlagung die Schwächen der Menschen mit solcher Deutlichkeit erkennen ließ.

Befriedigte ihn seine Thätigkeit nicht? Gewiß, sie grade! Aber nicht derTand, das Hohle, das beides ihn stets angewidert hatte. —

Hatte er sich wirklich gegen seine Frau versehen? Nein! Ein weiches Gefühl ohne Nebengedanken hatte ihn fortgerissen, Ileisa so zu begegnen, so zu ihr zu sprechen, wie es geschehen war.

Er hatte einmal die Sehnsucht nach Glück durch das Zusammenleben mit einer Frau.

Die Gedanken gingen weiter.

Die gestrigen Vorgänge im Geschäft hatten ihn belehrt, welche Lasten er sich aufgeladen. Nur durch Vorteilszuwendungen hatte er sich die Personen gefügig gemacht. Geld machte alles! Das ekelte ihn an, das empörte ihn, obschon er das Leben so genau kannte.

Er schnellte empor, fuhr sich mit der Hand über die Stirn, schritt ruhelos auf und ab und überlegte, was er thun sollte. Er fragte sich, was er wohl möchte, was ihn doch noch glücklich machen könne! Er wußte es!

Er möchte Ileisa sein Weib nennen. Sie konnte ja schweigen, sich fügen.Sie hatte ihm weh gethan, aber sie hatte selbst genug darunter gelitten.Ihr Lebensgang entschuldigte sie. Sie liebte ihn noch; seine Erfahrungund sein Blick hatten es ihm unwiderlegbar bewiesen.


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