The Project Gutenberg eBook ofCharaktere und SchicksaleThis ebook is for the use of anyone anywhere in the United States and most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included with this ebook or online atwww.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you will have to check the laws of the country where you are located before using this eBook.Title: Charaktere und SchicksaleAuthor: Hermann HeibergRelease date: July 17, 2004 [eBook #12927]Most recently updated: October 28, 2024Language: GermanCredits: Produced by Project Gutenberg Distributed Proofreaders*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK CHARAKTERE UND SCHICKSALE ***
This ebook is for the use of anyone anywhere in the United States and most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included with this ebook or online atwww.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you will have to check the laws of the country where you are located before using this eBook.
Title: Charaktere und SchicksaleAuthor: Hermann HeibergRelease date: July 17, 2004 [eBook #12927]Most recently updated: October 28, 2024Language: GermanCredits: Produced by Project Gutenberg Distributed Proofreaders
Title: Charaktere und Schicksale
Author: Hermann Heiberg
Author: Hermann Heiberg
Release date: July 17, 2004 [eBook #12927]Most recently updated: October 28, 2024
Language: German
Credits: Produced by Project Gutenberg Distributed Proofreaders
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Charaktere und Schicksale
Roman von Hermann Heiberg
Berlin 1901
„Du darfst nicht böse werden, wenn ich es sage, lieber Friedrich! Aber daß du überhaupt auf solche Dinge Wert legst, ist mir bei deinen sonstigen Anschauungen unverständlich. Du bemühst dich darum, Kommerzienrat zu werden, und jetzt gerätst du sogar für unsere Margarete auf ehrgeizige Gedanken. Was sollen wir mit einem Schwiegersohn aus diesen Kreisen! — Ja, wenn er etwas wäre und besäße!“
Die Frau, die diese Worte an ihren Mann richtete, war die Gattin des Buchdruckereibesitzers und Zeitungsinhabers Friedrich Andreas Knoop. Sie saß ihrem Mann beim ersten Frühstück gegenüber, und schenkte ihm, während ihrer Rede, nicht nur den Kaffee in seine Tasse ein, sondern schob ihm auch — umsichtig für ihn besorgt — den Rahmguß und die Zuckerdose näher.
Während er sich aus beiden bediente, sagte er:
„Du hast recht, und du hast unrecht, Fanny! Vom allgemeinen, vernünftigen Standpunkt aus betrachtet, verrät ein Hinschielen nach Orden oder anderen Auszeichnungen keinen besonders erhabenen Geist Der in sich gefertigte, den tieferen Inhalt der Dinge erfassende Mensch legt auf solche Aeußerlichkeiten nicht nur keinen Wert, sondern überläßt das Haschen danach denen, die glauben, daß sie dadurch in der Welt irgend ein Spürchen mehr werden! Aber es giebt auch einen anderen Standpunkt! Von diesem aus lächelt man zwar im stillen über solchen Firlefanz, verschmäht ihn aber nicht, sondern thut etwas zu seiner Erlangung, weil eben andere ihm eine Bedeutung beilegen. Daraus erwachsen für den Geschäftsmann in der Welt der Aeußerlichkeiten mancherlei erhebliche, indirekte und direkte materielle Vorteile.“
„Ich glaube es nicht, Friedrich. Ich glaube, ein Wertlegen auf Titel und Orden entspringt allezeit einer gewissen Eitelkeit, deren sich ein wirklich ernsthafter Mann nicht schuldig machen sollte!“
„Na, und wenn's wirklich so wäre, — ist die Befriedigung unsrer Eitelkeit nicht auch etwas? Woraus besteht unser Dasein? Wir sollen uns Glücksmomente verschaffen; wir sollen uns zum Ausgleich für die mit dem Leben verbundenen Unfreundlichkeiten dasjenige für unsere Sinne herbeiholen, wodurch sie aufgerichtet werden, wodurch wir zu irgend einer edlen oder angenehmen Gemütserhebung gelangen!“
Auf diese an sich durchaus verständige Betrachtung entgegnete Frau Knoop nichts; sie warf aber einen freundlichen Blick zu ihrem Manne hinüber. Wenn sie jemanden in solcher Weise anblickte, empfing das eine, überhaupt nur eine Thätigkeit ausübende Auge einen etwas stechenden Ausdruck, und das erloschene andere schien wesentlich stärker hervorzutreten.
Friedrich Knoop stammte aus der nordischen Landschaft Dithmarschen. SeinVater war dort Mühlenbesitzer gewesen, und Frau Fanny war aus dernordischen Landschaft Schwansen, woselbst sich ihr Vater als Pastor imAmte befunden hatte.
Knoop hatte sich zufolge großer Energie und Umsicht zu einem sehr reichen Mann emporgeschwungen, stand im sechzigsten Lebensjahr, und besaß zwei Kinder: die erwähnte Margarete und einen Sohn, der zur Zeit in England war, um sich für die einstige Uebernahme des väterlichen Geschäfts noch weiter auszubilden.
Die Eheleute saßen, während sie sprachen, in einem Salon, der nach einem Garten führte und sich in einem hinteren Quergebäude befand, das zu einem mächtigen, in der Hauptstraße befindlichen Karree gehörte, in dem sich sowohl die Geschäfts- wie auch diese Wohnräume des Chefs der Firma befanden.
Ihre Unterredung wurde unterbrochen, weil die Tochter des Hauses insFrühstückszimmer trat.
Sie ging mit ruhig elastischem Schritt ihren Eltern näher, küßte beide auf die Wangen und sagte nach einer vorherigen Erkundigung nach deren Nachtruhe und Befinden:
„Du weißt doch, Papa, daß heute Baron von Klamm kommt, um sich von dir das Geschäft zeigen zu lassen. Um halb zwölf Uhr hat er sich angemeldet. Es paßt dir doch?“
„Ja, mein Kind. Ich werde bereit sein. — Sage übrigens einmal, wie kommt er dazu? Hat er wirklich Interesse für dergleichen, oder hat er Nebenzwecke?“
Margarete lächelte und entgegnete:
„Das glaube ich allerdings, Papa! Zudem aber ist er, wie mir scheint, wirklich ein Mann, der für alles Tüchtige Sinn, und an allem Freude hat. Unter den vielen jungen Leuten ist er in der That der einzige, mit dem man sich unterhalten kann. Er ist sehr anregend.“
„Bitte, verguck' dich nur nicht in einen solchen Adligen, Grete!“ fiel Frau Fanny ein. „Welchen Ausgang kann das haben! Er will doch schwerlich arbeiten, sondern sich nur von Papa ernähren lassen!“
„Das glaube ich nicht, Mutter!“
„Er ist doch nichts! Was hat er überhaupt bisher getrieben? Wer sind die Eltern? Wenn es nach mir ginge, würde Papa ihm nicht eher unser Haus öffnen, bevor er sich sehr genau nach ihm erkundigt hat.“
„Kann ja geschehen, Fanny!“ fiel Knoop phlegmatisch ein.
„Hm — aber du willst ihn doch schon empfangen?“
„Allerdings, aber ohne Verbindlichkeit für Weiteres. — Auch, wenn er euch seinen Besuch macht! Nicht wahr, Grete, das will er!?“
Grete nickte.
„Ja, er bat um die Erlaubnis, euch aufwarten zu dürfen. Er möchte gern bei uns verkehren.“
„Hast du Christine von Holm über ihn befragt?“ schob die Frau ein.
Christine von Holm war die Tochter des Ehepaars, bei denen Margarete in einer Abendgesellschaft Baron von Klamm kennen gelernt hatte.
„Was sagt sie, was weiß sie von ihm?“
„Die wissen nichts. Sie haben ihn auf einem Ball beim KommerzienratKügelchen kennen gelernt.
„Vielleicht vermag der Näheres zu sagen! Papa könnte sich ja dort nach ihm erkundigen.
„Ist er kein Gentleman, so brauchen wir ihn nicht einzuladen.“
„Ich werde schon zutreffende Erkundigungen über ihn einziehen, Kinder. Vorderhand werde ich mir heute selbst ein Urteil zu bilden suchen. Also rege dich nicht vor der Zeit unnötig auf, gute Frau Fanny.“
Bei diesen Worten suchte Knoop das Auge seiner Gattin, und sie zog ein schelmisches Gesicht. Grete aber bemerkte:
„Ich fragte Hauptmann von Uelzen nach ihm. Er sagte, die Klamms stammten aus Sachsen. Er sei ursprünglich österreichischer Offizier und dann einige Zeit im Ausland gewesen.
„Er halte sich hier seit anderthalb Jahren auf und suche eineThätigkeit, verkehre in den besten Kreisen, und mache immer denEindruck, daß er gut bei Kasse sei.“
„Nun wohl! Sehr schön! Sorge also für ein gutes Frühstück, Fanny, und empfangt ihn artig. Wir sehen dann weiter. — Ich muß jetzt —“
Knoop sah nach der Uhr und stand — im übrigen bedächtig im Wesen — rasch auf, legte die Serviette beiseite, schob den Stuhl mit einem ihm anhaftenden, starken Ordnungssinn unter den Tisch. Dann streichelte er, gutmütig lächelnd, Frau und Tochter die Wangen, warf auch noch beim Fortgehen ein Scherzwort hin und verließ das Zimmer.
Vor dem Garten- und Frühstückssalon befand sich ein schöner, heller Flur, der in Marmor ausgeführt war. Von ihm führten seitlich Thüren in die verschiedenen unteren Gemächer. Nach oben vermittelte eine in der Höhe durch eine Gallerie verbundene Marmortreppe den Auftritt. Dort befand sich ein großer Tanzsaal mit Nebenstuben, und dort lagen die Schlafräume, während sich unten die Wohn- und Gesellschaftszimmer ausdehnten.
Von ihnen führte eine Thür, zu der nur der Herr des Hauses einen Schlüssel besaß, in den Flügel links. Diesen betrat nun auch Herr Knoop, durchschritt die Räume, die vom Hofe Licht empfingen, und begab sich in sein vorn nach der Straße belegenes Kontor.
„Morgen! Morgen!“ erfolgte wiederholt, und fand Erwiderung, während er den Korridor durchmaß.
Redakteure der Zeitungen begaben sich eben grade in ihre Gemächer; derFaktor, mit Korrekturen in der Hand, kam aus der Druckerei, um eineErkundigung im Hauptkontor beim Geschäftsführer einzuziehen, und in desChefs Vorzimmer standen und saßen bereits mehrere Personen, die auf seinErscheinen warteten.
„Morgen, Herr Knoop!“ erfolgte abermals ehrerbietig im Ton, und wurde durch Kopfnicken beantwortet. Dabei streifte der Chef mit kurzem, scharfem Blick die Anwesenden, gab seinem herbeieilenden Faktotum Auftrag, die draußen Wartenden noch zu bescheiden. Er wolle erst die Post durchsehen, und ließ sich sogleich an seinem Schreibtisch nieder. —
Das zweifenstrige Zimmer war sehr gediegen ausgestattet und mit allen praktischen Bequemlichkeiten der Neuzeit versehen. Elektrische Klingelfäden führten bis an das Pult des Chefs. Verschiedene weiße Knöpfe waren dort zu sehen und besaßen sämtlich Aufschriften. Sie gaben an, wer erscheinen sollte, wenn sich der Finger zum Druck auf ihre Flächen legte. Accidenzfaktor, Zeitungsfaktor, Magazinverwalter, Prokurist, Hausmeister, Kontordiener hatten verantwortlichere Stellungen im Knoopschen Geschäft inne und wurden nicht selten in das Kontor des Chefs befohlen, um seine Wünsche entgegenzunehmen. —
Unter den vielen Briefen, die Herr Friedrich Knoop zu öffnen und zu lesen hatte, und die meist mit Bemerkungen versehen, von ihm in Mappen gethan und vom Büreaudiener den Geschäfts-Abteilungsvorständen überbracht wurden, befanden sich heute auch zwei Privatschreiben, die seine Aufmerksamkeit besonders in Anspruch nahmen.
Das eine war von seinem älteren Bruder, einem zurückgekommenenKaufmann, der sich gegenwärtig als Agent in Braunschweig aufhielt.
In diesem Brief standen folgende Worte:
„Ich frage Dich, Friedrich, zum letztenmal, ob Du mir helfen willst. Wenn Du diesmal meine Zeilen auch nicht beantwortest, mußt Du gewärtig sein, daß die Zeitungen berichten, welche Ursachen daran Schuld waren, daß Theodor Knoop zu einem verzweiflungsvollen Schritt seine Zuflucht nahm. Gedenke unserer verstorbenen Eltern, gedenke, daß unsere Mutter uns beide unter ihrem Herzen trug, und überlege, ob ich nicht wenigstens — was auch immer gewesen sein mag — einer Erwiderung wert bin.“ —
Herr Friedrich Knoop zog die breite Stirn in dem runden, mit einemVollbart umrahmten Gesicht in Falten. Auch erhob er sich und ging — erwar mittelgroß, stark beleibt und gedrungen — eine Weile in seinemKontor auf und ab. Das geschah, wenn ihn etwas stark beschäftigte.
Endlich setzte er sich wieder. Er hatte seinen Entschluß gefaßt, und las nun den zweiten, ihn auch sehr beschäftigenden Brief, der keine Unterschrift trug und durch eine Schreibmaschine hergestellt war, noch einmal durch. Er lautete:
„Sehr geehrter Herr!
Es wird Sie dieser Tage — ich hörte es in dem Wiener Café von Bauer zufällig — ein Baron von Klamm besuchen. Da ich ihn sehr genau kenne, so erlaube ich mir, Sie vor ihm zu warnen. Er ist durchaus unzuverlässig!
Denken Sie diesmal nicht: Anonyme Zuschriften gehören, ohne beachtet zu werden, ins Feuer.
Nachdem Herr Knoop diese beiden Briefe in seinem Pulte verschlossen hatte, klingelte er. Er übergab neben anderen Anweisungen dem Faktotum und Büreaudiener Adolf, einem Mann, der dadurch auffiel, daß er runde, stählerne Ohrringe trug, die Mappen, und hieß ihn auch, die draußen Wartenden nach der Reihe ihres Eintreffens ins Zimmer treten zu lassen.
Zuerst erschien ein fremder Setzer. Er bat um Arbeit, und wurde von Herrn Knoop zum Accidenzfaktor gesandt. Nach ihm kam eine sauber gekleidete Frau und bat um einen Vorschuß für die Familie. Ihr Mann arbeitete im Papierlager, war fleißig und gewissenhaft.
Sie brauchte das Geld für ihren Sohn, der lange krank gewesen war und nun überseeisch sein Glück versuchen sollte.
Herr Friedrich Knoop ging an den Geldschrank, nahm zwei Geldstücke heraus und sagte:
„Hier, Frau Bendler! Ich schenke Ihnen das! Vorschüsse gebe ich nur in äußersten Fällen! Das wissen Sie! Und ein andermal lassen Sie Ihren Mann kommen und dergleichen vorbringen. Die Frauen will ich nicht anhören. Da könnten alle heranlaufen, und ich hätte eine schöne Last —“
„Gottes Segen, Herr Knoop, und vielen Dank noch! Und nehmen Sie't man nich für unjut, Herr Knoop! Mein Mann — Sie kennen ihm — is bei so wat mal zu schanierlich —“
„Na ja, das mag sein! Aber! Entweder — oder in Zukunft! Und nun Adieu! Mög' es Ihnen gut gehen! Grüßen Sie Ihren Sohn Franz. Hoffentlich gelingt's ihm in Brasilien!“
Nachdem sich die Frau entfernt hatte, erschien der Agent einerPapierfabrik.
Er machte ein Angebot auf Zeitungspapier.
Herr Knoop trat ans Fenster, ließ das hellere Licht auf den ihm überreichten Probebogen fallen, betrachtete ihn aufmerksam und sagte, während er auch noch nach Art der Erfahrenen, die Flächen des Stoffes zwischen Zeigefinger und Daumen rieb, wie die Zahlungsbedingungen für 500 Ballen sein würden.
Nachdem er darauf Antwort empfangen, ersuchte er den Agenten, ihm das Angebot nochmals schriftlich zu machen, und in dem Schreiben zu bemerken, daß die Fabrik unbedingte Gewähr für ihre Angaben übernehmen würde.
„Jawohl! Ganz gut! Wenn Gewicht, Fabrikat und Färbung nach dieserVorlage geliefert werden können, denke ich, gelangen wir zu einemAbschluß!“ entschied Herr Knoop in einem kurzen Ton.
Hierauf noch ein Knopfnicken und ein verbindliches Handreichen, und eine andere Persönlichkeit trat in das Gemach.
Ein älteres, unmodisch gekleidetes Fräulein, mit an die Stirnseiten vorgekämmtem Haar und einem Strickbeutel über dem Arm, erschien und erörterte, daß sie sich die Erlaubnis nähme.
„Nun ja! Bitte! Was ist's denn? Womit kann ich dienen?“ stieß Herr Knoop heraus.
„Mein Name ist Charlotte von Oderkranz. Ich lebe von einer kleinenFideikommiß-Einnahme und habe noch eine Nichte zu ernähren.
„Sie hat ihr Lehrerin-Examen gemacht und sucht eine Stellung alsGouvernante oder im Fall als Gesellschafterin.
„Hier, bitte, Herr Zeitungseigentümer, ihre Photographie!“
Während dieser Worte nestelte sie den Beutel auf, und zog das Bild eines jungen, ungewöhnlich schönen Mädchens hervor.
Herr Knoop hatte die Antragstellern schon ersuchen wollen, von Einzelheiten abzusehen — seine Zeit sei gemessen — aber sein Blick wurde doch von dieser Photographie allzusehr gefesselt.
„Und was soll ich thun?“ nahm Herr Knoop, schon unwillkürlich zuvorkommender im Ton, das Wort.
„Ja, ich möchte, da wir in unseren Mitteln sehr beschränkt sind, bitten, — bitten, daß Sie diese Annonce einigemal in den Täglichen Nachrichten zu einem ermäßigten Preise aufzunehmen die Güte hätten. Das ist's, das ist's! Wir haben sie auch möglichst kurz gefaßt. — Bitte, möchten Sie sie einmal lesen, Herr Eigentümer?“
„Ein junges Mädchen aus angesehenem Hause, mit Lehrerinnen-Zeugnissen versehen, und mit allen Hausarbeiten vertraut, besonders musikalisch, wünscht eine Stellung als Gouvernante, Repräsentationsdame oder Gesellschafterin. Offerten an die Expedition der Täglichen Nachrichten unter Ch.v.O.“
Während Herr Knoop den Inhalt studierte, fiel ihm ein, daß es seit lange seiner Tochter Margaretes höchster Wunsch war, eine derartige Gefährtin zu besitzen.
Infolgedessen sagte er, kurz entschlossen:
„Bitten Sie doch Ihr Fräulein Nichte, mich morgen vormittag etwa um diese Zeit hier in meinem Kontor zu besuchen. Ich kann ihr vielleicht, ohne daß wir eine Anzeige erlassen, dienlich sein!
„Wenn aber nicht, so will ich Ihren Wunsch erfüllen! Ich werde dieAnnonce wiederholt in Zwischenräumen ohne Kosten für Sie, aufnehmen.“
„O, sehr, sehr gütig, Herr Eigentümer,“ stieß die alte Dame, glücklich überrascht, heraus. „Nehmen Sie innigsten Dank! Und Ileisa wird Ihrem Wunsch genau nachkommen. Ich werde sie selbst herführen.“
„O, nein, nein! Das ist ja nicht nötig, mein Fräulein. Was wollen Sie sich bemühen“ — fiel Herr Knoop, höflich bestimmt, ein und erwartete, daß die Antragstellern erfreut zustimmen würde. Aber es geschah nicht, es malte sich vielmehr in ihren Zügen eine mißtrauische Enttäuschung.
Auch sprach sie mit starker Betonung:
„Meine Nichte macht stets nur in meiner Begleitung Besuche bei Herren.Sie ist so erzogen —“
„Gut denn — gu — ut denn!“ bestätigte Herr Knoop, sich in die Wünsche der Alten fügend, mit einem überlegenen Lächeln.
„Wenn Sie Furcht haben, es könne Ihrem Fräulein Nichte etwas geschehen.— Oder — oder — jawohl — jawohl — daß es eben passender für eine jungeDame ist —: Völlig einverstanden! Also um zehn Uhr oder später, wie esIhnen gefällt. Bis zwölf Uhr bin ich in meinem Kontor!“
So sprach Herr Knoop. Die Alte aber, die nichts erwidert hatte, wandte sich während des Fortgehens noch einmal um, ergriff seine Hand und sagte zartfühlend:
„Verzeihen Sie, wenn ich — wenn ich — Es war ja so nicht gemeint! — Und nochmals innigsten Dank.“
Dann ging sie. Herr Knoop aber trat, angenehm berührt, und zunächst noch im Nachdenken über diesen Besuch, an seinen Schreibtisch.
Hier begab er sich an die Beantwortung verschiedener Geschäftsbriefe, deren Erwiderungen er, bevor er sie in die Umschläge steckte, auch noch auf einer auf einem Nebentisch stehenden Kopierpresse eigenhändig abklatschte.
Inzwischen war die Zeit so weit vorgerückt, daß es von dem Turm der nahegelegenen Kirche zwölf schlug, und fast in demselben Augenblick erschien auch schon der in seiner dunkelblauen Dienerlivree mit den silbernen Knöpfen steckende Adolf und überreichte Herrn Knoop mit etwas zweifelnder Miene eine Visitenkarte.
„Soll ich ihm 'reinlassen oder jleich abweisen?“ fügte er, während HerrKnoop diese studierte, hinzu.
„Nein! Im Gegenteil! Ich werde ihm selbst öffnen, du kannst inzwischen hinten fragen, ob etwas zu besorgen ist,“ erwiderte Herr Knoop und entließ den, seinen dicken, mit den beringten Ohren versehenen Kopf bewegenden Alten.
Nachdem er gegangen, zog Herr Knoop das anonyme Schreiben hervor und ließ es, — weil er das Gefühl hatte, sicherlich einem sehr gewandten, nicht leicht zu durchschauenden Weltmann gegenüberstehen, — nochmals auf sich wirken.
Alsdann trat er Herr von Klamm gegenüber und nötigte ihn, mit artigerZuvorkommenheit, näher zu treten.
Herr von Klamm machte einen äußerst vorteilhaften Eindruck. Er besaß bei einem angenehm gemessenen Wesen vollendete Manieren, und verstärkt wurde noch das sich für ihn in Herrn Knoop regende Interesse, als er nach Erledigung der Einleitungsworte eingehend über seine Absichten sprach.
„Die Einrichtung Ihres Geschäfts kennen zu lernen, ist mir von doppeltem Wert, sehr verehrter Herr Knoop. Es interessiert mich an sich, und ich verbinde damit, offen gestanden, einen Zweck.
„Ich möchte unter Umständen den Versuch machen, in einem solchen Unternehmen eine Thätigkeit zu finden. Erlauben Sie mir, Ihnen kurz zu sagen, wer ich bin:
„Mein Vater besaß eine Gutsherrschaft in der Nähe von Bautzen. Dieseging nach seinem Tode in den Besitz meiner Mutter über, die aus denErträgnissen eines aus der Verwertung desselben hervorgegangenenVermögens existiert.
„Ich wurde als junger Mensch von meinen Eltern in die Kadettenanstalt in Dresden gethan, und bin sodann in Wien in österreichische Militärdienste getreten. Nachdem ich wegen einer Meinungsverschiedenheit mit meinem Vorgesetzten den Abschied genommen, war ich in gleicher Eigenschaft als Soldat einige Jahre im Ausland und habe mich, von dort zurückgekehrt, in den großen europäischen Städten auf verschiedenen, mich interessierenden Gebieten, namentlich auch schriftstellerisch und journalistisch versucht, und bin endlich, nach längerem Aufenthalt in Wien und Dresden, hier seit reichlich einem Jahre in dem mich besonders anziehenden Berlin gestrandet.
„Gewiß, ich begreife, daß man Persönlichkeiten, die häufig in ihrenLebensbeschäftigungen wechseln, ein gewisses Mißtrauen entgegenträgt.Indessen hat mich stets ein ausgeprägter Sinn für alles Wissenswertegeleitet, und ganz besondere Umstände führten die eingetretenenOrtsveränderungen herbei.
„Auch darf ich der Wahrheit gemäß behaupten, daß ich, war ich auch einmal leichtlebig, in allen ernsten und Ehrensachen stets äußerst genau verfahren habe.
„Letzteres erwähne ich, weil ich Sie gegebenen Falles zu fragen mir erlauben möchte, ob Sie mir nicht eine Thätigkeit in Ihrem vielverzweigten Geschäft anweisen könnten.
„Ich führe — ich darf es behaupten — eine gewandte Feder!
„Und noch eins gleich! Sie haben vielleicht ein anonymes Schreiben erhalten! Ich bitte, daß Sie mich es lesen lassen, um die Verleumdungen zu widerlegen.“
Herr Knoop hatte, wie erwähnt, dieser inhaltreichen, in einem außerordentlich freimütigen Ton vorgetragenen Rede unter den vorteilhaftesten Eindrücken zugehört.
Als Herr von Klamm aber den letzten Satz sprach, meldete sich ein gewisses Mißtrauen. Sicher! Keiner, der Beste, — so überlegte Herr Knoop — konnte sich vor Verdächtigungen schützen, aber die Wirkung solcher konnte auf andere niemals eine günstige sein! Im übrigen entsprach er dem Wunsch, den Baron Klamm geäußert hatte.
Während Baron Klamm das Schreiben prüfte, trat ein verächtlicherAusdruck in sein Antlitz. Dann sagte er, während er den Brief HerrnKnoop mit kavaliermäßiger Artigkeit wieder überreichte:
„Ich danke Ihnen, und ich bitte, daß Sie die immer gleichlautendeNiederträchtigkeit in den Ofen werfen. Und hier!“ fuhr er fort, zog einSchriftstück aus der Tasche und unterbreitete es Herrn Knoop.
„Ich bitte freundlichst, daß Sie dies Ihrer Beachtung würdigen.“
Herr Knoop nahm das ihm Gebotene, entfaltete es und las die nachstehenden Worte:
„Herr Alfred, Baron von Klamm-Gleichen, war, nachdem er den überseeischen Dienst verlassen hatte, während einer längeren Zeit mein Privatsekretär. Als solcher hat er sich seiner Aufgaben in vorzüglichster Weise entledigt, und kann ich Herrn von Klamm als eine durchaus vertrauenswürdige, in jeder Beziehung tadellose Persönlichkeit aufs Wärmste empfehlen.
Meine besten Wünsche für sein Wohlergehen begleiten ihn.
Fürst Alexander von Kroy.“
„Und weshalb trennten Sie sich von dem Fürsten, wenn die Frage erlaubt ist, Herr Baron?“ warf Herr Knoop hin, während er mit einer verbindlichen Geste das Schriftstück in die Hände Herrn von Klamms zurücklegte.
„Ich wünschte den Fürsten zu verlassen, weil ich mich verlobt und den Besitz meiner Braut mit Zustimmung meiner Schwiegereltern selbst zu verwalten die Absicht hatte.“
„Hm. — Und das hat sich nicht nach Ihren Voraussetzungen vollzogen?“
„Nein! Meine Braut starb kurz vor der Hochzeit. Inzwischen war die Stellung anderweitig besetzt, und überdies — ich habe mich neuerdings wieder verlobt, und warte nur des Augenblicks, heiraten zu können — paßte dann das alles nicht mehr zusammen.“
Herr Knoop bewegte nach diesen Worten den Kopf mit der Miene einer Person, die einer Rede mit großem Interesse zugehört hat und sich durch ihren Inhalt durchaus befriedigt fühlt.
Dann sagte er:
„Glauben Sie zu wissen, wenn ich fragen darf, wer den anonymen Brief geschrieben hat, Herr Baron? Ich komme darauf zurück, weil Sie das Eintreffen eines solchen schon voraussetzten!“
„Gewiß! Allerdings, Herr Knoop! Ich vermute, daß die Urheberin dieser und ähnlicher Verdächtigungen, mit denen ich seit Jahresfrist verfolgt werde, eine jetzt in Dresden lebende Dame der vornehmen Gesellschaft ist, der ich den Hof machte, von der ich mich aber zurückzog, weil ich ihren Charakter zur rechten Zeit durchschaute. Seitdem übt sie diese Infamien gegen mich mit einer vollendeten Geschicklichkeit aus, weiß mich, wo ich mich befinde, mit ihren Kundschaftern zu umstellen, und Personen, zu denen ich in Beziehung trat oder treten will, vor mir zu warnen.“
„Hm! So! Das ist ja eine sehr fatale Sache. Und dann noch gegen solcheBosheiten wehrlos zu sein! Ich bedaure Sie aufrichtig, Herr von Klamm.Das muß ja eine ganz miserable Person sein, die fortgesetzt an einemNebenmenschen — es sei vorgefallen was will — derart Rache übt. Ich habekein Verständnis für solche Charaktere —“
„Und doch sind sie weit verbreiteter, als man glaubt. Man begreift bisweilen nicht, weshalb Personen plötzlich eine andere Haltung annehmen. Man schiebt ihnen, wenn keine Erklärungen erfolgen, Launen zu. In Wirklichkeit hat irgend ein Mißgünstiger ein Minierwerk begonnen, und mit Erfolg! — Ich bin überzeugt, daß es Leute giebt, die aus purem Neid jahraus, jahrein, ohne Aufhören täglich an der Untergrabung des Ansehens anderer arbeiten, die sich dabei noch weit raffinierterer Mittel bedienen, als meine einstige Freundin. So geschickt auch solche anonymen Briefe abgefaßt sind, der vornehm und der einsichtsvoll Urteilende wird sie stets als ein Produkt niedriger Motive betrachten, und sie in die Rumpelkammer werfen.“
Herr Knoop pflichtete wiederum durch eine Kopfbewegung bei, dann sagte er:
„Und Ihr Fräulein Braut, Herr Baron? Sie lebt auch in Dresden?“
„Ja, Herr Knoop! Sie bleibt dort, bis wir heiraten können —“
„Nun, jedenfalls bitte ich, meine beste Gratulation entgegen zu nehmen, Herr von Klamm. Im übrigen! Wenn es Ihnen jetzt gefällig ist, mit mir einen Gang durch mein Geschäft anzutreten? Nachdem konveniert Ihnen vielleicht ein kleines Frühstück bei uns! Meine Frau und Tochter werden sich über Ihren Besuch sehr freuen.“
Baron von Klamm verbeugte sich mit kavaliermäßiger Höflichkeit.
„Ich danke verbindlichst, Herr Knoop. Sie kommen meinen Wünschen zuvor!Ich wollte soeben auch diese Vergünstigung von Ihnen erbitten —“
Zunächst betraten die Herren das Vorzimmer. Von dort nahmen sie den Weg in die Setzersäle, und zwar zuerst in diejenigen, in welchen die täglich in einer sehr starken Auflage erscheinende Tageszeitung hergestellt wurde. Zahlreiche Arbeiter standen an Pulten mit kleinen Kästen.
Herr von Klamm war erstaunt, mit welcher Fingerfertigkeit die Leute arbeiteten, wie einige eifrig, ohne aufzusehen, oder wie andere, noch Geschultere, gleichsam spielend, ihre Thätigkeit ausübten. Ferner überraschte ihn, wie geschickt und exakt die Metteure, diejenigen, die den fertigen Satz für die Druckpressen vorbereiteten, ihr Werk handhabten.
Zwischen ihnen durch wandelte der Faktor, der Anweisungen erteilte, den Setzern ein neues Manuskript überwies, oder, an sein Pult zurückkehrend, das durch kleine Boten eben aus der Redaktion herbeigebrachte Material zu gleichen Zwecken vorzubereiten begann.
Das war ein Bild emsigen Arbeitsfleißes!
„Im übrigen für die Beschäftigten ein sehr undankbares Geschäft, von aller menschlichen Thätigkeit das undankbarste!“ erörterte Herr Knoop, während sie die oben belegenen, teils dem Zeitungssatz, teils den Accidenzarbeiten dienenden Säle betraten.
„Sobald das von den Setzern mühsam geförderte Werk seine Bestimmung in den Maschinen erfüllt hat, wird es wieder zerstört. Die Buchstaben erhalten von neuem ihren Platz in den Schriftkästen, und von neuem beginnt, was am Abend abermals aufgelöst wird.“
„Und so fort und so fort, bis die Lettern durch den Druck der Maschinen so abgenutzt sind, daß sie keine genügenden Dienste mehr leisten können.
„Der Maschinist,“ ergänzte Herr Knoop, als sie nach geraumer Zeit vermittelst Fahrstuhl zur Besichtigung der Druckpressen die Souterrainräume erreicht und betreten hatten — „hat geholfen, etwas Bleibendes herzustellen. Das Ergebnis seiner Arbeitsmühen hat Bestand, oft Jahrhunderte lang. Der Setzer ist — obschon ein weit größerer Künstler — lediglich ein Handlanger.“
Baron Klamm fragte, weshalb eine Anzahl Maschinen still ständen, während sich andere von dem schnurrenden Geräusch der Transmissionsriemen begleitet, und von Bogenfängerinnen bedient, in unruhiger Bewegung befanden.
„Die außer Thätigkeit gesetzten Maschinen warten der Arbeit für dieZeitung; diese hier drucken komplizierteren Satz,“ erwiderte Herr Knoop,und nötigte nunmehr seinen Besuch aus den von dem Geruch desMaschinenöls und der Druckerschwärze erfüllten Räumen in denPapierlagerkeller einzutreten.
Endlich durchschritten die Herren auch noch die Gelasse der Buchbinderei und der Stereotypie, bis sie dann wieder in die Parterrelokalitäten gelangten und sich nach einem Besuch in den Redaktionsgemächern und Kontoren, in denen ebenfalls ein zahlreiches Personal emsig bei der Arbeit war, in die Familienwohnung begaben.
„Wie viele Menschen beschäftigen Sie, Herr Knoop?“ fragte Baron Klamm, der seiner Bewunderung über dieses großartige Räderwerk und über die überall herrschende Strenge Ordnung Ausdruck verlieh.
„Zweihundertundachtzig Personen erhalten Wochen- oder Monatslohn im Jahr bei mir!“ erwiderte Herr Knoop, löste die Brille von den Augen, bewegte, während er Antwort erteilte und mit einem seidenen Tuch die Gläser wischte, mit einem Ausdruck berechtigter Selbstbefriedigung das Haupt.
„Und ich habe alles selbst geschaffen,“ ergänzte er. „Mit Kleinem habe ich begonnen. Das ist mein Stolz! Gewiß! Es giebt noch umfangreichere Etablissements, aber dies ist auch etwas!“
Und nach kurzer Pause fuhr er fort:
„Ich habe auch eine Idee, wie ich Ihnen — wenn es wirklich in der That in Ihrer Absicht liegt — eine Thätigkeit anbieten könnte, Herr von Klamm. Allerdings müßten Sie sich in den Geschäftsrahmen hineinfügen, wie jeder andere!“
Die Rede wurde unterbrochen, weil Frau Knoop mit lebhaft zuvorkommenderMiene ins Zimmer trat, und nun die Vorstellung erfolgte.
Gleich darauf erschien auch Margarete, ein brünettes junges Mädchen, mit etwas bürgerlichen Zügen, aber schönen, sogar blendenden Farben, vollendetem Wuchs, und mit einer angenehm wirkenden freimütigen Lebendigkeit.
Nach kurzem Plaudern traten sie in den Speisesalon, in dem ein blitzend sauberer Frühstückstisch mit äußerst einladenden Gerichten gedeckt war.
Neben Portwein, Thee und kräftigen Bieren, präsentierte das Hausmädchen auch Champagner, dem Baron Klamm kräftig zusprach, während sich Herr Knoop auf ein sehr kleines Quantum beschränkte, und die Damen überhaupt auf Wein verzichteten.
„Auf Ihr und auf das Wohl Ihres Fräulein Braut,“ begann Herr Knoop, ergriff das Glas, und stieß mit dem Baron an.
Er sah wohl, daß Margarete aufmerkte, und daß auch seine Frau überrascht wurde.
Nach Aufhebung der Tafel, und nach allerlei anregenden Gesprächen, dieKlamm mit Margarete führte, für die er ein lebhaftes Interesse an denTag legte, begleitete Herr Knoop den Gast auf die Straße. Er machteohnehin stets um diese Zeit einen Spaziergang und besuchte eineWeinstube.
Dies letzte Zusammensein benutzte Herr Knoop, um Herrn von Klamm mit den für ihn in Betracht gezogenen Plänen bekannt zu machen.
„Ueberlegen Sie,“ warf er hin, „ob Sie Lust und Neigung haben würden, in die Redaktion einzutreten, um für eine von mir neu zu errichtende Rubrik: „Hof und Gesellschaft“ Thätigkeit und Verantwortung zu übernehmen.
„Sie müßten — ich würde Sie dazu in den Stand setzen — an alldergleichen Veranstaltungen teilnehmen, in Klubs eintreten,Festlichkeiten besuchen, Personalien über besonders hervorragendePersönlichkeiten zu erlangen suchen, und das alles in einer anziehendenForm in die Täglichen Nachrichten bringen.“
Zu Herrn Knoops Enttäuschung stimmte Baron Klamm nicht so lebhaft zu, wie er erwartet hatte.
„Sehr vortrefflich — sehr dankbar, Herr Knoop. Ich verkenne Ihre gütigenAbsichten für mich keineswegs. Ich bin Ihnen außerordentlich verbunden.
„Aber wenn ich ganz offen sein darf: — ich möchte am liebsten eine Kontorthätigkeit ausüben, in der mir die Aufgabe würde, für die immer noch größere Ausdehnung des Geschäftes zu wirken, die Auflage der Zeitung und die Anzeigen zu vermehren, Verbindungen anknüpfen, die der Druckerei Aufträge zuführen, und insofern auch der Redaktion in die Hand arbeiten, als ich ihr die Thüren zu den Ministerien und höheren Behörden öffnen helfe.
„Einblicke in das Getriebe eines Geschäfts, wie das Ihrige, habe ich nämlich schon empfangen. Eben daraus ist der Wunsch in mir rege geworden, mich in Zukunft vorzugsweise auf diesem Gebiet zu versuchen.“
So sprach Herr von Klamm, und Herr Knoop, für den dieses Mitglied des Adels plötzlich in ein völlig anderes Licht gerückt wurde, erhob nicht ohne starke Beifälligkeit das Haupt.
„Hm — hm — so — so! Das sind Ihre Pläne, Herr von Klamm. Gewiß, auch das läßt sich hören. Freilich, etwas drängt sich mir dabei auf. Sie glauben, daß Sie sich in all diese, Ihnen doch in der Praxis noch fremden Dinge würden hineinarbeiten können?
„Gewiß, gewiß! Das ist ja auch zu machen, und wenn die Saat gut war, weshalb sollte nicht kräftiger Weizen aufgehen? Es ist aber noch ein Umstand da! Mein Sohn ist draußen, um sich noch in unserm Geschäft weiter zu bilden. Nach übersehbarer Frist wird er zurückkehren. Dann sollte ihm eben das obliegen, was Sie im Auge haben. — Ich bin also grade bezüglich einer solchen Thätigkeit, wie Sie sie planen, in Zukunft versehen!
„Sie verstehen. — Hier liegt eine Schwierigkeit, Ihren AbsichtenVorschub zu leisten, schon von vorneherein!“
„Ich glaube nicht, Herr Knoop,“ fiel Klamm mit imponierender Entschiedenheit ein. „In einem Geschäft, wie das Ihrige, können Sie ein halbes Dutzend Leute gebrauchen, wie Ihr Herr Sohn einer ist, und wie ich es hoffentlich mit Ihrer Unterstützung sein werde! Warum wollen Sie nicht ein Geschäft in allergrößtem Stil aufbauen? Sie wollen doch nicht stehen bleiben! Für jede Abteilung denke ich mir, müßte eine Persönlichkeit thätig sein, die, mit einem besonderen Maß von Intelligenz und Machtvollkommenheit ausgerüstet, sich eben diesem Geschäftszweig mit besonderer Energie widmet! Die Mehrkosten würden sich nicht gleich, aber mit der Zeit sicher einbringen.“
„Den Wert Ihrer Ausführungen verkenne ich nicht,“ entgegnete Herr Knoop. „Aber Sie urteilen und ziehen Ihre Schlüsse zu sehr auf Grund von Vorstellungen. Alle Geschäfte setzen sich mehr oder minder aus Kleinwerk zusammen. Für jeden Erfolg sind ausnahmslos Abgaben zu entrichten. Geschäftsausdehnungen müssen sich langsam vollziehen! Man muß die Betriebskapitalien prüfen, man hat in Kreditgewährung mit Vorsicht zu verfahren! Ohne solche giebt's keine Kundschaft. — Man darf nichts beginnen, wobei man Gefahr läuft, die Kräfte und den Ueberblick zu verlieren.
„Langsam, bedächtig nimmt der Gebirgsbote täglich seine Tagestouren.Wollte er sie laufen, würde er bald zusammenbrechen!“
Die Herren waren bei ihrem Gespräch vom Wege ganz abgekommen. Sie befanden sich, ohne darauf geachtet zu haben, im Tiergarten und hielten nun, aufschauend, still, und wanderten, auch ferner denselben Gegenstand erörternd, auf dem nämlichen Pfade in die innere Stadt zurück. Erst beim Wrangelbrunnen trennten sie sich, nachdem vorher noch für einen der nächsten Tage eine neue Zusammenkunft verabredet worden war, mit warmem Händedruck. Herr Knoop begab sich in die Behrenstraße, in eine von ihm täglich besuchte Weinstube, und Herr von Klamm fuhr mit der Pferdebahn nach der Bellealliancestraße.
Hier befand sich ein alter, hochstöckiger Bau, der von mehreren Parteien bewohnt wurde, und diesen betrat Herr von Klamm.
Zur Rechten, im Flügel, drei Treppen hoch, zog er an einer Klingel, und nach kurzen Worten wurde ihm von einer gebückten, trotz einfacher Kleidung sehr vornehm aussehenden Dame geöffnet.
„Ach du, mein lieber Junge,“ stieß sie in glücklich gehobenem Ton heraus und schritt ihm in ein zweifenstriges, mit sauberen Mietmöbeln besetztes Wohnzimmer voran.
Nachdem Klamm seiner Mutter Wange sanft gestreichelt hatte, und sie sich beide gesetzt hatten, sagte er auf ihre stark belebte Frage:
„Nun? Nun? Wie ist's ausgefallen, Alfred? Du kommet doch von HerrnKoop?“
„Knoop, Mama — nicht Koop,“ berichtigte Klamm.
„Es verlief alles gut, aber ich bin doch mit mir sehr unzufrieden. Ich habe eine Unwahrheit gesagt, die ich vielleicht — hätte vermeiden können. Ich schäme mich, daß es geschehen ist. Was bleibt von dem Menschen, wenn er sich zur Erreichung seiner Zwecke inkorrekter Mittel bedient!“
„Was ist's denn, Alfred! Lasse mich alles wissen! Vielleicht kannst du noch wieder gut machen,“ fiel die alte Dame, liebevoll sprechend, ein.
„Ich tastete hin, ob nicht auch Herr Knoop möglicherweise den üblichenVerleumdungsbrief von Frau von Krätz erhalten habe.“
„Es war der Fall! Sie hat ihn geschrieben! Er ließ mich das immer gleichlautende Schriftstück lesen.
„Und gleich entging mir nicht, daß sich ein starkes Vorurteil gegen meine Person in ihm bereits festgesetzt hatte.“
„Er nahm an, daß ich ein bloßer Abenteurer sei, der sich in sein Haus eindrängen wolle, um seine Tochter zu heiraten. Da griff ich zu dem Mittel, das ihn von vornherein eines anderen belehrte, warf hin, daß ich verlobt wäre, und gab ihm auch den Eindruck, daß wir wohlsituiert seien.“
„Im Nu veränderte das die Sachlage. So glaubte er mir! So war ich im stande, das durch das Schreiben hervorgerufene Mißtrauen zu zerstreuen.“
„Ich war gezwungen, so zu handeln! Es hilft doch nichts! Ich muß vorwärts, ich muß etwas finden, wenn wir nicht in schwerste Not geraten sollen!“
Klamm ließ, nachdem er gesprochen hatte, unwillkürlich das Haupt sinken und schaute trübe vor sich hin. Die alte Frau aber überkam ebenfalls ein Gefühl der Bedrückung.
„Erzähle weiter, Alfred!“ hub sie dann, sich fassend, an.
Klamm that ihr Bescheid. Er berichtete über alles, was vorgefallen war, und schloß:
„Ich bin überzeugt, daß ich eine Stellung bei Herrn Knoop erhalte. Die Frage ist nur, wie lange ich ohne Entgelt arbeiten muß. Woher sollen wir für die nächsten Wochen die Mittel nehmen?
„Ah!“ fuhr er beschwert fort, schnellte empor und maß das Gemach mitSchritten, die seine Erregung bekundeten.
„Wenn ich die Schurken, die uns um alles betrogen haben, aber auch diePerson, die mich mit ihrem Haß verfolgt, mich dadurch bisher an meinenErfolgen gehindert hat, — hier hätte, ich könnte ihnen die Seele aus demLeibe reißen.
„Da muß man fortwährend Komödie spielen, und sogar zu Unwahrheiten die Zuflucht nehmen, um sich nur zu schützen, um blos eine Existenz zu finden!“
„Beruhige dich, lieber Alfred, du kannst später erklären, daß uns gewissenlose Menschen um unser Vermögen gebracht haben, daß die Verlobung zurückgegangen sei. — Der Himmel wird's dir nicht anrechnen!“
„Ja, ich kann's, und ich hoffe auf seine Nachsicht, aber ich werde es, wenn auch alles gut verläuft, schwer überwinden, mich mit einer Unwahrheit eingeführt zu haben. Ich schäme mich vor mir selbst. Es liegt wie ein Makel auf mir!“
„Es giebt größere Vergehen, mein Junge! Mehr werden täglich Unwahrheiten gesprochen, als sich Riegel auf den Dächern befinden, und die Welt hebt sich doch nicht aus den Angeln.
„Dich entlasten die Umstände: du handelst im Zwang — um den Wirkungen einer Infamie zu begegnen. Giebt's denn gar kein Mittel, Frau von Krätz zu besänftigen! Das heißt, wenn sie es wirklich ist. Hältst du es für ausgemacht, daß sie die Briefschreiberin?“
„Wer könnte es sonst sein, Mama. Alles deutet darauf hin. Sie hat es mir nicht verziehen, daß ich mich noch kurz vor der Verlobung mit ihr besonnen. Sie rächt sich mit der Unversöhnlichkeit einer Frau, und scheut selbst solche Mittel der Vergeltung nicht. Natürlich, absolute Beweise habe ich für meine Annahme nicht. Wenn ich die hätte, würde ich schon lange gehandelt haben. Und eben, ihr nicht beikommen zu können, ist das schlimmste von allem Unglück.“
Klamm ballte die Hände, und seine Augen funkelten.
Noch einmal sprach die erfahrene Frau besänftigend auf ihren Sohn ein.Dann sagte sie:
„Noch etwas, Alfred! Ich habe noch die Ringe und den Schmuck von meinerMutter. Nimm heute alles mit und veräußere es. Das giebt unsLebensunterhalt für die nächste Zeit!
„Du kannst dann auch deine Hotelwohnung beibehalten und dich in derGesellschaft bewegen, bis dir deine Pläne bei Herrn Knoop gelingen.“
„Wie? Du bist noch in Besitz von Schmuck, Mama!? Das ist ja eine ausrichtende Nachricht — du sagtest es mir nicht.“
„Ich that's nicht, um dir's vorzuenthalten, sondern für den alleräußersten Fall.“
Sie sprach's mit liebevollem Blick, und er küßte sie. Dann besah er denInhalt des kleinen Kästchens, das sie aus der Kommode hervorholte.
Bevor Klamm von seiner Mutter Abschied nahm, sagte sie:
„Es ist eigentlich verkehrt, daß wir nicht zusammen wohnen, Alfred.Könntest du nicht ein Logis für uns beide dort mieten? Hier unter diesenMenschen ist's nicht angenehm! Meine Wirtin ist neugierig undzudringlich, die übrige Umgebung stößt mich sehr ab.“
„Ich nahm nur erstmal, was sich bot, Mama. Alle Wohnungen in den besseren Vierteln kosten das Dreifache.“
„Ich blieb nur im Hotel, weil ich dem Wirt noch verschuldet bin. — Ich mußte und muß dort vorläufig wohnen! Ich will indessen heute mit dem Besitzer sprechen. Vielleicht läßt sich deine Uebersiedelung machen. Ich würde nur zu glücklich sein, dich bei mir zu haben. Vielleicht gelingen auch meine Pläne bei Herrn Knoop rascher, als ich annehme. Habe ich erst ein festes Einkommen, miete ich für uns eine Wohnung im Westen.
„Ach, Mama — wäre ich erst so weit, wie anders würde mir zu Mute sein!“
Nach diesen Worten schlang der Mann seinen Arm um die Gestalt der zartgebauten Dame, versprach am folgenden Tage wiederzukommen und stieg eilend die Treppe herab.
* * * * *
Als am folgenden Vormittag Fräulein von Oderkranz mit ihrer Nichte im Vorraum des Privatkontors des Herrn Knoop eintrat, glich dieses, bezüglich der Fülle der Wartenden, dem Sprechzimmer eines vielbeschäftigten Arztes. Alle Plätze waren besetzt, und Adolf mußte Sessel aus dem Hauptkontor holen, damit wenigstens die Damen nicht zu stehen brauchten. Als sie nach einstündigem Warten endlich vorgelassen wurden, entschuldigte sich Herr Knoop, seiner Art nach, mit kurzen, knappen Worten, und die Unterredung nahm auch bald die Wendung, daß er der jungen Dame seine Absicht aussprach, sie für seine Tochter Margarete zu verpflichten.
„Natürlich setze ich voraus, daß Sie sich gegenseitig gefallen, und um dieses festzustellen, erlaube ich mir den Vorschlag, daß Sie uns den heutigen Tag schenken. Am Abend lasse ich Sie dann in meinem Wagen nach Hause fahren,“ schloß der Chef des Hauses.
Nach diesen Worten richtete Herr Knoop einen auffordernden Blick auf die beiden Damen, dem Fräulein Ileisa auch mit gehobener Miene begegnete, während bei ihrer Tante eine deutliche Enttäuschung darüber hervortrat, daß nicht auch an sie eine solche Einladung gerichtet wurde.
Wenigstens deutete Herr Knoop in solcher Weise den spröden Ausdruck in den Gesichtszügen des Fräulein von Oderkranz.
Es drängte sich ihm auch gleich der Gedanke auf, daß die alte Dame möglicherweise später mit allerlei sehr wenig bequemen Ansprüchen lästig fallen könne, und er nahm deshalb gleich das Wort und sagte:
„Ich hoffe, mein Fräulein, daß Sie meinem Vorschlag zustimmen. Ueberhaupt darf ich gleich bemerken, daß ich bei einem Inkrafttreten unserer Pläne voraussetzen muß, daß unsere künftige Hausgenossin ihre bisherigen Beziehungen in dem Sinne löst, daß sie lediglich zu uns hält. Mit ihrem Eintritt in unser Haus haben wir nur mehr mit ihr zu thun. Natürlich schließt das gelegentliche Besuche bei Ihnen nicht aus!“
Diese Rede war so deutlich und enttäuschend, daß Fräulein von Oderkranz zunächst erbleichte und unwillkürlich die Augen schloß. Dennoch faßte sie sich ebenso rasch wieder, wußte sich sogar durch ihre Worte und eine seine steife Würde das Uebergewicht zu verschaffen und sagte:
„Da ich Mutterstelle bei Ileisa vertrete, hatte ich nur den wohl begreiflichen Wunsch, mich Ihren verehrten Damen vorzustellen. Einen weiteren Anspruch habe ich nicht erhoben, und werde ich nicht erheben, Herr Knoop! Sie dürfen darüber völlig beruhigt sein!“
„Vortrefflich, vortrefflich! Also ganz einig!“ entgegnete Herr Knoop, wiederum seinerseits in einem Ton, als ob er ihre gereizte Stimmung und die Lehre, die sie ihm hatte erteilen wollen, garnicht herausgefühlt habe.
Ileisa aber fiel ausgleichend ein:
„Ich werde heute gleich fragen, liebe Tante, wann den Damen dein Besuch angenehm ist. Der gütigen Aufforderung des Herrn Knoop folge ich natürlich mit größtem Dank!“
Auf diese Rede nickte das Fräulein notgedrungen. Auch knöpfte sie ihren unmodischen Mantel zusammen, trat Herrn Knoop näher und sagte:
„Ja, den allergrößten Dank schulden wir Ihnen, Herr Knoop, daß Sie selbst meiner Nichte zur Erlangung einer Stellung die Hand bieten wollen.
„Lassen Sie mich denn hoffen, daß sich alles nach gegenseitigen Wünschen vollziehen möge, und empfehlen Sie mich, ich bitte, einstweilen Ihren verehrten Damen!“
Nach diesen in einem zwar gezwungenen, aber vollendet höflichen Tone gesprochenen Worten, reichte sie Herrn Knoop die Hand, drückte sodann Ileisa die Rechte und entfernte sich.
Ileisa aber sagte, nachdem die alte Dame gegangen war:
„Meine Tante ist etwas empfindlich, Herr Knoop. Sehen Sie es ihr, ich bitte, nach. Sie lebte früher in so reichlichen Verhältnissen, daß ihr die Einfügung in andere, leider jetzt sehr beschränkte, außerordentlich schwer wird. Im Grunde ist sie eine vornehme, wahrhaft edeldenkende Natur.“
„Habe ich auch so aufgefaßt!“ bestätigte Herr Knoop in einem derb gemütlichen Ton, und von Ileisas Wesen angenehm berührt. Auch bat er sie dann gleich, mit ihm in die Wohnung zu treten, und machte sie dort mit seinen Damen bekannt.
* * * * *
Sechs Monate waren vergangen. Fräulein von Oderkranz befand sich als Gesellschafterin im Knoopschen Hause. Aber auch Herr von Klamm war ein Mitglied des Knoopschen Geschäftes geworden. Er schrieb Zeitungsartikel, für die er die Fähigkeit in sich fühlte, und übte nach anderer Richtung eine Thätigkeit au, die dem Unternehmen nutzbringend war. — Der Kontrakt, der zwischen ihm und Herrn Knoop abgeschlossen, besaß nur zwei Paragraphen:
„Herr von Klamm tritt vom heutigen Tage mit einem Monatsgehalt von 450 Mark und unter gegenseitiger vierteljährlicher Kündigung zunächst probeweise in das Geschäft des Herrn Friedrich Knoop in Berlin, ein.
Genannter übernimmt fortan einen zwischen ihnen festgestellten Teil derTheater-, Konzert- und Kunstkritiken, und wird eventuell auch unter derZustimmung des Herrn Chefredakteurs, Doktor Strantz, andere in denRahmen der Täglichen Nachrichten passende Beiträge liefern.
Zur Vorbereitung einer gleichzeitig in Aussicht genommenengeschäftlichen Thätigkeit wird sich Herr von Klamm mit den übrigenZweigen des Unternehmens bekannt machen und schon jetzt bemüht sein, derFirma Verbindungen zuzuführen.“
Außerordentlich überrascht war Herr Knoop von dem Ideenreichtum seines Mitarbeiters, nachdem sich dieser in das Geschäft eingearbeitet hatte. Bald regte er an, daß man sich um eine Druckarbeit in den Ministerien, bald um eine solche bei großen Instituten und angesehenen Geschäften bewerbe. Auch wies er auf auswärtige Firmen hin, denen man feste Kontrakte bezüglich der Aufnahme von ständigen Inseraten für die Täglichen Nachrichten anbieten solle.
Wenn irgendwo ein neues Unternehmen ins Leben trat, sann er sofort darüber nach, ob dieses nicht irgend einen von der Druckerei zu befriedigenden Bedarf haben könne. Auch trieb er die Redaktion an, Fühlung mit den bedeutenden Tagespersönlichkeiten zu suchen, um durch eine Verbindung mit ihnen den Täglichen Nachrichten fortdauernd interessanten Stoff zuzuführen.
Arbeitskraft und unermüdliche Regsamkeit reichten sich die Hand. Er war gegenwärtig die Triebfeder im Geschäft. Bald hier, bald dort hielt er Rücksprache, und immer wußte er bisher die ihm weniger Wohlgesinnten durch sein gewandtes Wesen gefügiger zu machen.
Weniger ihm Wohlgesinnte waren bereits recht viele vorhanden.
Teils wirkte der Aerger, daß ein bisher so gering Eingeweihter und Erfahrener so Tüchtiges leistete, bald machte sich ein sehr starker Neid geltend.
Es stieg die unruhige Befürchtung in dem Personal auf, daß Klamm bald da sitzen oder dort ein anderer sitzen werde, wo der Betreffende selbst bisher sein unbeschränktes Herrschertum ausgeübt hatte. Der Chefredakteur, Doktor Strantz, sowie der erste Disponent im Hauptkontor und der Geschäftsführer in der Expeditionsabteilung waren schon, ohne daß sie noch die Maske gelüstet hatten, seine erklärten Gegner.
Immer wieder regte sich bei ihnen die Ueberlegung, wie es eigentlich möglich sei, daß ein früherer Offizier, daß dieses in der Welt hin und her verschlagene Mitglied der Gesellschaft, daß dieser mit geschäftlichen Dingen doch bisher nur sehr oberflächlich vertraute Lebemann eine solche intelligente Regsamkeit, solche Umsicht, und überdies eine solche Gleichgültigkeit gegen seine bisherigen gesellschaftlichen Beziehungen zum Ausdruck brachte.
Aber sie zogen aus diesen Umständen nicht den Schluß, daß es eben Ausnahmen giebt, daß tüchtige Menschen sich energisch aufzuraffen vermögen, daß sie das kräftig abthun, was sich ihnen nur durch die Verhältnisse aufgedrängt hat, sondern sie suchten nach irgend einem unlauteren Grunde.
Bei Gelegenheit einer monatlich einmal stattfindenden Zusammenkunft der Redaktions- und Geschäftsmitglieder wußte der Chefredakteur, Doktor Strantz, ein Mann mit einem ungewöhnlich hageren Gesicht und langem Vollbart, bereits das Allerneueste zu berichten, daß nämlich schon ein fester Kontrakt zwischen Herrn Knoop und Klamm zu stande gekommen sei. Demzufolge solle Klamm nicht nur Stellvertreter des Chefs werden, sondern auch die Hauptzügel in der Redaktion in die Hand bekommen. Ihrer aller Stellung sei gefährdet, seitdem dieser Herr in das Geschäft eingetreten sei.
In dem Hinterzimmer eines mit alten, guten Bildern geschmückten Bierlokals in der Kronenstraße saßen sie beisammen, und von kaum etwas anderem wurde geredet, als über Herrn von Klamm.
„Was er wohl sonst treibe?“ warf einer der Herren, ein Herr Krammhöver, nach solchen längeren, stark mißfälligen und abfälligen Aeußerungen hin.
„Er wäre ihm,“ bemerkte er, „schon zweimal abends nachgegangen. Da sei er in ein Haus in der Kurfürstenstraße eingetreten. Er, Krammhöver, habe durch die großen Spiegelscheiben der Haus- und Hinterthür beobachtet, daß Klamm in eine Gartenwohnung hinaufgestiegen sei. Ob er aber dort logiere oder eine ‚Freundin‘ besitze, wisse er nicht.“
Darauf hatte keiner etwas zu sagen, aber die Rede gefiel. Niemandem war bekannt, wo Klamm wohnte. Ueberhaupt hielt er sich nicht mit Reden, und noch weniger mit Offenherzigkeiten auf. Er kam, griff gleich ein, arbeitete oder machte Besuche, und blieb als letzter abends im Geschäft.
„Ob er wohl bei Knoops im Hause verkehre?“
Darauf konnte Doktor Strantz antworten.
„Und ob! Es sei in den nächsten Tagen beim Chef wieder ein Ball, und er, Strantz, habe von Adolf gehört, daß Klamm den Tanz leiten und überhaupt dort alles in die Hand nehmen solle.“
„Und Sie sind nicht eingeladen?“
Strantz zog abfällig die Lippen.
„Ja, natürlich! Habe aber abgelehnt; bin kein Freund von derartigen großen Abfütterungen!“ warf er hin, und weckte durch diese, seiner Eitelkeit entspringende Antwort (er hatte keine Aufforderung erhalten) einen natürlichen Neid bei den fünf übrigen Mitgliedern der Redaktion.
Die Geschäfts-Disponenten wurden überhaupt zu solchen Vergnügungen nicht geladen. Sie erhielten Aufforderungen zu kleinen Mittagessen, woselbst sie Gleichgestellte fanden, und bei denen es dann sehr gemütlich herging. —
Während in solcher Weise über Klamm in dem Wirtshaus „Zur gemütlichenEcke“ verhandelt wurde, saßen die Knoopschen Familienmitglieder beimAbendbrot und unterhielten sich gleichfalls über dieselbePersönlichkeit.
Wie immer erging sich Herr Knoop in ein uneingeschränktes Lob über ihn. Er habe am vorgestrigen Tage der Buchdruckerei einen Auftrag von über 50000 Mark zugeführt. Eines der großen Versandgeschäfte habe einen illustrierten Katalog in einer ganz beträchtlichen Höhe bestellt. Auch habe er durch eine besondere Einrichtung in der Inseratenabteilung den Anzeigespalten der Täglichen Nachrichten eine erhebliche Vermehrung zugeführt. Am legten Sonntag hätten zwei Bogen mehr gedruckt werden müssen.
Das sei eine Inseratenfülle gewesen, wie sie in einem solchen Umfange kaum zur Weihnachtszeit vorkomme. Es sei unglaublich, was Klamm alles austüftle, wie er den Leuten beizukommen wisse, wie er Bedürfnisse ausspüre oder anzuregen wisse.
„Wie geht's denn mit ihm und dem Personal jetzt? Kann er sich mit ihnen stellen?“ warf die in alles eingeweihte Frau des Hauses hin. Sie sah überhaupt weiter als die meisten, nahm die Dinge niemals, wie sie erschienen, sondern wie sie sich ihr durch ihr kluges Nachdenken darstellten.
„Er thut, als ob er Unwillfährigkeit und Gegnerschaft gar nicht bemerkt. Es gehört eben auch zu seinen hervorragenden Eigenschaften, daß er sich zu beherrschen, zu verstecken weiß —“
„Verstecken!“ sagst du, Friedrich! Der Ausdruck stimmt mit der Warnung, die dir bei seinem ersten Besuch wurde!“
Nun meldete sich bei Frau Fanny doch wieder die Frau. Wenn Mütter sehen, daß Männer, auf die sie für ihre Töchter rechnen, diese nicht bevorzugen, haben sie stets eine starke Neigung, ihnen etwas am Zeuge zu flicken. Sie bauen sich dadurch Brücken, um ihrer Enttäuschung besser Herr zu werden.
Die beiden jungen Mädchen waren nur Zuhörende, sie äußerten sich nicht. Sie versteckten sich ebenfalls. Beide hatte eine stille, aber leidenschaftliche Liebe für Klamm erfaßt. Grete schwieg darüber, weil sie zu stolz war, davon zu reden, und Ileisa hütete sich zufolge ihrer Stellung, für Klamm irgendwelches Interesse an den Tag zu legen. Sie hatte genügend beobachtet, wie sehr Frau Knoop enttäuscht war, daß Klamm für Margarete verloren schien.
„Weißt du, was mir auffällig ist,“ äußerte kurz darauf die Frau desHauses.
„Hm?“ warf Herr Knoop, der eben nach der Abendzeitung der TäglichenNachrichten gegriffen hatte, zerstreut hin.
„Ja nun! Daß Klamm nie von seiner Braut spricht, daß er sie noch immer nicht vorgestellt hat. Sie muß entweder ein Bild der Häßlichkeit sein, oder es muß sonst etwas vorliegen, was nicht ganz richtig ist. Sonst kann ich mir sein Verhalten absolut nicht erklären.“
„I was,“ fiel Herr Knoop, gleich stark betonend ein. „Er hat ja wiederholt erklärt, daß sie schwer erkrankt sei, daß darin der Grund zu suchen wäre, daß er sie uns bisher noch nicht habe zuführen können.“
„Ich bat ihn aber schon wiederholt, einmal ihr Bild mitzubringen,“ bestätigte Margarete, die nun auch hervortrat.
„Niemals hat er Wort gehalten. — Nicht wahr, Ileisa?“ fügte sie hinzu und wandte sich zu der eifrig über ihre Arbeit gebückten Hausgenossin. „Du warst dabei!“
Die beiden jungen Mädchen, die sich vortrefflich verbanden, ja, ganz in einander aufgingen, duzten sich schon seit längerer Zeit und besprachen — mit Ausnahme ihrer geheimen Liebe — alles miteinander, was sie irgend anging.
Ileisa betätigte nur mit leichtem Kopfneigen, aber weil ihre Gedanken und Sinne durch dieses Gespräch schon stark angeregt worden waren, wußte sie den Ausdruck einer starken Befangenheit äußerlich nur sehr schwer zu unterdrücken. Sie ließ deshalb die Stickerei, an der sie arbeitete, wie zufällig aus ihrer Hand fallen, bückte sich danach, und wußte dadurch den Anwesenden ihre Gesichtszüge bis zur Wiederbeherrschung ihres Innern zu entziehen.
„Ich bin begierig, ob Klamms Braut unsere Einladung nicht auch selbstbeantworten wird. Ich gab Herrn von Klamm auf seinen Wunsch dieEinladungskarte. Wir wissen ja noch nicht einmal, wie sie mit Vor- undZunamen heißt. Danach will ich ihn doch bei erster Gelegenheit fragen.“
Das Gespräch empfing eine Unterbrechung, weil Adolf eintrat und HerrnKnoop ein Schreiben überreichte.
Schon während er es entgegennahm, verfinsterten sich die Züge des Chefs des Hausen in einer Art, daß Frau Fanny, die bei Briefen stets ängstlich die Mienen ihres Mannes beobachtete, gleich besorgt das Wort nahm.
„Etwas Unangenehmes, Friedrich?“ fragte sie.
„Ah — ah!“ stieß der Mann heraus und knirschte mit den Zähnen. „Wieder von Theodor! Immer Theodor!“ Aber als er dann gar die Zuschrift gelesen hatte, zitterten seine Hände vor Erregung.
„Ach — die ewige, unglückliche Plage,“ seufzte Frau Fanny, ohne aufIleisas Anwesenheit Rücksicht zu nehmen. „Was hat er denn nun abermals?Hast du ihm nicht erst neulich wieder Geld gesandt?“
Knoop verneinte erst stumm. Dann sagte er:
„Ich habe ihm auf seine drei letzten Briefe gar nicht geantwortet. Thäte ich es, würde ich ja noch weniger Ruhe haben. Freilich, jetzt geht er bis an die äußerste Grenze. Nun — nun — droht er! Wahrhaftig! Wäre er nicht mein — mein — Bruder, so würde ich ihn auf Grund dieser Zeilen der Staatsanwaltschaft überliefern.“
„Lies vor, Friedrich! Wir haben ja vor Ileisa keine Geheimnisse. Wir wissen, daß sie das, was sie für sich zu behalten hat, sicher in sich verschließt!“
„Sie dürfen dessen versichert sein, gnädige Frau!“ bestätigte Ileisa, das Auge frei aufschlagend, in einem einfachen, Vertrauen erweckenden Tone.
Und Herr Knoop las:
„Wenn ich nicht bis übermorgen vormittag zehn Uhr einen Postrestantebrief (Hauptpostamt Unter den Linden) mit dreitausend Mark unter T.K. vorfinde, geschieht etwas! Was aus dem Verzweiflungsakt entsteht, ist mir gleichgültig. Ich habe dann wenigstens ein Obdach! Falls Du aber diese Kleinigkeit Deinem weniger vom Glück begünstigten Bruder zuwendest, ihm dadurch wieder zu einer dauernden, menschenwürdigen Existenz verhilfst, so wird er nicht nur alle Kränkungen vergessen, sondern Dich niemals wieder behelligen. Nun entscheide!
Dein Bruder
Theodor Knoop.“
„Schick' ihm das Geld,“ drängte Frau Fanny. „Was liegt dir an ein paar tausend Mark, wenn du Ruhe bekommst!“
Unwillkürlich sah Ileisa empor.
Wenn sie ihrer Tante einmal einen Teil einer solchen Summe würde bringen, ihr dadurch die Kargheit ihres Daseins vermindern könne, welche Seligkeit mußte das sein! Sie liebte die alte Dame, die mit einer schrankenlosen Selbstentäußerung für sie seit ihren Kinderjahren gesorgt hatte, mit den zärtlichsten Gefühlen. Und gegenwärtig wandten sich ihre Gedanken ihr besonders zu, weil sie sie so lange nicht gesehen hatte.
Sie kam sich so undankbar, so gefühllos vor, daß sie nicht den Weg zu ihr fand. Es berührte sie schwer, obschon sie nicht Schuld trug. Sie war gebunden; sie hatte Knoops versprechen müssen, ihre ganze Aufmerksamkeit den neuen Verhältnissen zuzuwenden, alte Beziehungen völlig außer acht zu lassen. Wohlan!
Aber daß Knoops nicht einmal bisher Anlaß genommen hatten, sich um die alte Dame zu bekümmern, sie ein einziges Mal einzuladen, fand sie grausam, ließ eine wirkliche Herzensbildung vermissen.
Herr Knoop aber erwiderte auf die Rede seiner Frau:
„Es ist ja nicht das Geld, Fanny! Ich würde gewiß die 3000 Mark geben, und wenn es sich um das dreifache handelte. Aber sowie ich ihm wieder die Hand biete, nimmt die frühere schamlose Zupferei kein Ende.
„25000 Mark stehen schon auf deinem Konto in meinen Büchern.
„Das ist ein Posten! Und einmal muß doch alles ein Ende haben, wenn alles ohne jeden Nutzen war!
„Ja, wenn er wirklich ein ordentlicher Mensch, wenn ihm wirklich geholfen würde, gleich würde ich nochmals 10000 Mark opfern!
„Aber er verthut es in Schlemmereien, mit Frauenzimmern und im Spiel. Er ist eben leider, zu meinem großen Schmerz, eine verlumpte Persönlichkeit, die am besten die Erde deckte.“
„Was willst du denn thun?“
„Wieder gar nichts!“
„Aber wenn er dir, — uns nachstellt. Ich fürchte mich! Solche Menschen — wir lesen es doch täglich in den Zeitungen — greifen im Affekt zum Aeußersten. — Sie laden in der Verzweiflung eine Schußwaffe.“
„Er schleicht sich in das Papierlager und legt Feuer an,“ fiel Margarete ein. „Ich traue ihm alles zu!
„Wenn du ihm mit dem Bemerken es sei ganz unbedingt das letzte Mal, die 3000 Mark schickst, nimmst du uns wenigstens die Angst, Papa. Wir haben dann die Sicherheit, daß dergleichen wenigstens nicht geschieht. — Mache Bedingungen, lasse ihn ein Schriftstück unterschreiben, daß er sich für immer abgefunden erklärt!“
Aber Herr Knoop verneinte.
„Ich will nicht, ich kann nicht. Es muß kommen, wie es muß. Unzählige Male war's schon das letzte Mal. Nach sechs Monaten kommt er doch wieder und hat neue Gründe! Und die Sprache, die er schon wiederholt gegen mich geführt hat! Es ist ohne Gleichen! Nein, nein! Ich bin mit ihm fertig. Ich betrachte ihn längst nicht mehr als zu mir gehörig!“
Nun sagten die Damen nichts, aber Frau Fanny nahm sich vor, doch noch einmal vor'm Schlafengehen auf ihren Mann einzusprechen. Sie wollte es thun, obschon eine gewisse, entschiedene Art sie bisher stets belehrt hatte, daß mit ihm schwer etwas anzufangen war. —
* * * * *
Der Abend, an welchem der Ball bei Knoops stattfinden sollte, war herangekommen. Während in den Seitenflügeln: in dem Kontor und den übrigen Räumen noch die Arbeitslichter flammten und die Scheiben in den großen Gebäuden von oben bis unten erhellten, fuhren Equipagen auf Equipagen vor das Portal des Wohnhauses des Herrn Friedrich Knoop.