„Für den neuen sozietären Zustand ist die Erziehung von der größten Wichtigkeit; sie hat zum Zweck, alle körperlichen und geistigen Fähigkeiten zur vollen Entwicklung zu bringen, und soll überall, selbst in den Vergnügungen, produktiv angewendet werden. Unsere heutige Erziehung wirkt entgegengesetzt; sie unterdrückt und verschlechtert die Fähigkeiten des Kindes; sie leitet die Jugend im Widerspruch mit der Natur, denn der erste Zweck der Natur oder der Anziehung ist der Luxus — körperliche Kraft und Verfeinerung der Sinne. Der Luxus erzeugt bei dem Kinde eine lebhafte Anziehung für produktive Thätigkeit, die ihm heute verhaßt ist. Seine Entwicklung ist also eine falsche, die heutige Erziehung schwächt seine Gesundheit. Man nehme hundert Kinder, ganz nach Zufall, aus der reichen Klasse, die gute Pflege und gute Nahrung haben, und man wird finden, daß sie weniger kräftig sind, als hundert halbnackte Dorfkinder, die mit Schwarzbrot genährt werden und wenig Pflege haben. Aber der treffendste Beweis für unser falsches Erziehungssystem ist, daß es die Anlagen des Kindes nicht zur Entfaltung bringt, sondern dies dem Zufall überläßt. Abgesehen von den verschiedenen Systemen der Erziehung, man zerstört die Anlagen, sei es in der Häuslichkeit, sei es in der Welt, durch ein Dutzend ganz entgegengesetzter Methoden, die dem Kinde ganz widersprechende Impulse geben, seine erste Erziehung durch eine ganz neue absorbiren. Das geschieht durch das, was man den Geist der Welt nennt. Ist ein junger Mann sechzehn Jahre alt geworden und tritt in die Welt ein, so lehren ihn Väter, Verwandte, Nachbaren, Diener, Kameraden, sich über die Lehren, die ihn im jüngeren Alter einschüchterten, lustig zu machen, sich mit den Sitten der galanten Welt in Einklang zu setzen; sie rathen ihm, über die Lehren der Moral, die den Vergnügungen feind sind, zu lachen und sich darüber hinwegzusetzen, um später von den Liebeleien, nachdem er sie genügend genossen, zu den Geschäften des Ehrgeizes überzugehen. Welch eine Absurdität unserer Erzieher, dem Kinde ein System von Ansichten einzutrichtern, die jetzt bei ihm über den Haufen zu werfen alle Welt sich bemüht! Man wird keinen jungen Mann von zwanzig Jahren treffen, der, eine glückliche Gelegenheit zum Ehebruch findend, das Beispiel des keuschen Joseph nachahmt, „der Moral und den gesunden Doktrinen“ folgt. Fände man ihn, er würde dem Publikum und den Moralisten selbst ein Räthsel sein. Ebenso würde sich die ältere Welt über einen Finanzmann moquiren, der, obgleich er es ungestraft thun kann, sich mit fremdem Eigenthum die Taschen nicht füllte: er würde als ein Dummkopf, ein Visionär betrachtet, der nicht weiß, „daß, wenn man an der Krippe sitzt, auch essen soll“. In welch falscher Stellung befinden sich da nicht unsere Erziehungsdoktrinen.“
„Der große Zweck und die Aufgabe der Erziehung muß sein, Charaktere wie die von Nero, Tiberius, Ludwig XI. ebenso nützlich für die Gesellschaft zu machen, wie diejenigen eines Titus, Marc Aurelius, Heinrich IV.17Um diesen Zweck zu erreichen, muß von der Wiege an das Naturell des Kindes sich frei entwickeln, während wir bemüht sind, von der Wiege an dieses Naturell zu ersticken und zu verkünsteln. In der Zivilisation denkt man bei dem niedrigsten Lebensalter nur an die rein physische Sorge, wohingegen der sozietäre Zustand schon vom Alter von sechs Monaten ab sehr wirksam auf die intellektuelle wie materiellen Fähigkeiten des Kindes achtet.“
„Zunächst sei festgestellt, daß in der Assoziation die Pflege und Unterhaltung der extremen Alter, der Kinder bis zu drei Jahren und der Patriarchen, als Liebeswerk der Gesammtheit angesehen wird. (Man halte fest, daß nach Fourier vom dritten Jahre ab die Kinder in der Phalanx sich schon so nützlich erweisen, daß sie ihre Erziehungs- und Unterhaltungskosten voll decken.) Das Prinzip in der Erziehung ist dasselbe wie in allen andern Funktionen der Assoziation. Man bildet Serien für die Funktionäre, wie für die Funktionen.“
„Die Bonnen bilden Serien, und ebenso werden die Kinder nach den Charaktereigenschaften und Temperamenten, die sie alsbald nach ihrer Geburt offenbaren, in Serien geordnet und in die bezüglichen Säle vertheilt. Da bildet sich eine Serie der Friedlichen, der Widerspenstigen, der Verwüster oder Teufelchen. Die Bonnen, die Tag und Nacht ihre Posten versehen, wechseln ihren Dienst wie in allen übrigen Beschäftigungen alle ein und einhalb bis zwei Stunden. Die Bonnen werden von Unterbonnen — jungen Mädchen, die für die Pflege der Kleinen Neigung haben — unterstützt. Die Mütter können — wie schon erwähnt — ebenfalls als Bonnen eintreten, anderen Falles finden sie sich zu den Stunden ein, wo sie dem Kinde die Mutterbrust geben oder sich nach seinem Befinden erkundigen wollen. Die Mutter ist also nicht, wie die meisten Mütter in der Zivilisation — namentlich wenn sie unbemittelt sind und keine Pflegerin halten können —, Tag und Nacht an das Kind gefesselt.
Die Bonnen wählen sich die Säle, in denen sie ihre Pflichten versehen wollen; Jede ist bemüht, für ihr Verhalten und die Pflege, die sie den Kindern zu Theil werden läßt, den Beifall und den Dank der Mütter zu erwerben. Auch ist Tag und Nacht ärztlicher Beistand vorhanden, sobald er gebraucht wird. Die Aerzte nehmen in der Phalanx eine ganz andere Stellung ein, als in der Zivilisation; sie erhalten ihre Belohnung nicht nach der Zahl der Kranken,sondern nach der Zahl der Gesunden;sie sind also dabei interessirt, daß die Phalansterianer möglichst gesund bleiben, wohingegen heute sich die Aerzte recht viel Kranke, namentlich reiche Kranke wünschen.
Um den Zweck guter Pflege und Gesundheit zu erreichen, sind alle Einrichtungen für die Kleinen auf das denkbar Beste und Zweckmäßigste getroffen. Die Kleinen befinden sich in einer Lage, wie sie in der heutigen Ordnung kaum die Reichsten ihren Kindern zu schaffen vermögen, bei denen die Bonnen Tag und Nacht ununterbrochen in Anspruch genommen sind und ermüden. Sobald das Kind sechs Monate alt ist, ist man bemüht, seine Sinne zu wecken. Was es hört und sieht, ist darauf berechnet, seine Sinne zu raffiniren: es hört nur guten Gesang und gute Musik, es sieht nur die schönsten Bilder, die elegantesten Spielsachen, es empfängt später die passende Unterweisung und freundliche Belehrung. In Folge dieser Erziehung wird das Kind in der Assoziation mit drei Jahren intelligenter und geschickter sein, als es bei uns mit sechs Jahren ist. In der Zivilisation trägt Alles dazu bei, Geist und Sinne des Kindes zu fälschen, wenn sie nicht gar unterdrückt werden. Eltern, Dienstboten, Verwandte verderben durch ihr widersprechendes Verhalten und häufigen Unverstand den Charakter des Kindes und hindern die Erziehung.
„In der Phalanx ist man bemüht, die Triebe, sobald sie sich zeigen, in geeigneter Weise zu befriedigen und die Anlagen des Kindes dadurch zu wecken. Die Bonnen führen das Kind in die Spielwerkstätten und Küchen, wo es Alles sieht und durch das Beispiel der älteren Kinder der Nachahmungstrieb bei ihm geweckt wird. Es wird sich alsdann zeigen, daß der Trieb des Kindes, Alles zu sehen, Alles zu untersuchen, Alles anzuwenden; die Liebhaberei für lärmende Beschäftigung; die Sucht, Alles nachzuahmen und selbst zu hantiren, und namentlich die Neigung, sich denAelteren, Stärkeren und Geschickteren anzuschließen und diese als seine Lehrer zu betrachten, in ungeahnter Weise seine Entwicklung fördert.Diese letztere Eigenschaft ist die wesentlichste, weil sie am besten alle Anlagen im Kinde weckt. Hierzu kommt der Eifer, es Seinesgleichen zuvor zu thun.“
„Es giebt eine ganze Reihe von Mitteln, die das Kind anreizen und anziehen und seine Anlagen zum Aufbruch bringen. Dahin gehören also vorzugsweise: Die Freude an kleinen Werkzeugen, den verschiedenen Altern angepaßt; der Reiz zum Schmuck: Uniformen, Waffen, Fahnen, die nach Graden gegeben werden; Paraden der kleinen Geschmückten; passende Tischgenossenschaften, wobei der Geschmack geweckt wird; Stolz des Kindes, wenn es glaubt, etwas von größerem Werth geleistet zu haben, ein Glaube, in dem man es bestärkt; der Nachahmungstrieb, der veranlaßt wird, wenn es von älteren Kindern für seine Leistungen Lob empfängt; volle Freiheit in der Wahl seiner Beschäftigung, es muß jeden Augenblick eine solche unterbrechen und zu einer andern übergehen können; der Korpsgeist, der sich bei Kindern leicht entwickelt; die Rivalitäten zwischen den einzelnen Chören, Gruppen, Serien.“
Fourier führt vierundzwanzig solcher Anreize auf, wir begnügen uns mit den aufgezählten neun. Den Kindern wird ferner mit der größten Wahrheitsliebe begegnet, Niemand schmeichelt ihnen. Ihre natürlichen Lehrer sind die älteren und erfahreneren Kinder, denen sie mit großer Anhänglichkeit folgen; jedes wird streben, über seine Altersklasse hinauszukommen. Ein Verweis, den es von einem älteren Kinde bekommt, das es als Beispiel sich vorgenommen, wird ihm die härteste Strafe sein, ein Lob der höchste Lohn. Will das Kind in eine höhere Erziehungsstufe aufrücken, so hat es eine Prüfung seiner Fertigkeiten abzulegen; je nach dem Ausfall derselben bekommt es eine Ehrenerweisung oder einen Grad. Bis zum neunten Lebensjahre ist die Erziehung physisch und materiell, dann beginnt auch die intellektuelle. Der Körper muß erst die nöthige Festigkeit erlangt haben, ehe die geistige Thätigkeit mit gutem Erfolg beginnen kann. Trieb und Anlagen der beiden Geschlechter werden später in Folge der verschiedenen Natur ganz von selbst differiren. Man darf annehmen, daß für die Wissenschaften zwei Drittel Männer und ein Drittel Frauen, für die Künste ein Drittel Männer und zwei Drittel Frauen neigen. Zwei Drittel der Männer werden mehr Neigung für die große Kultur und ein Drittel mehr für die kleine haben, bei den Frauen umgekehrt. Aehnlich werden sich die Ausgleichungen auf allen Gebieten finden.
„In dem Alter, wo bei uns die Erziehung erst beginnt, mit fünf Jahren, sind bei dem Kind der Assoziation bereits alle Anlagen zum Aufbruch gekommen. Bis zum 20. Jahre wird kein Zweig der Agrikultur, der Industrie, der Gewerbe, der Künste und Wissenschaften ihm fremd sein; seine körperliche und geistige Erziehung ist dann eine harmonische. Der Unterschied des Erziehungssystems in der Zivilisation und der Assoziation ist: Dort wird die Erziehung auf der kleinsten häuslichen Verbindung, der Familie, begründet, in der Assoziation auf drei großen Gruppen: Chöre, Serien von Gruppen und die Serien der Phalanx. Dort überall Störungen, Mangel an Mitteln, Unfreiheit, Unterdrückung, Einseitigkeit, hier volle Freiheit, Ueberfluß der Mittel, Vielseitigkeit. Dort Klassen- und Standesunterschied, hier Gleichberechtigung für Alle, kein anderer Unterschied als der, welchen die natürlichen Anlagen und Fähigkeiten ergeben.“
„In der Harmonie nehmen die Kinder lebhaften Antheil an den Rivalitäten der einzelnen Kantone, die selbst wieder als Erziehungsmittel benutzt werden. Zum Beispiel: In der Phalanx von Meudon kultivirt eine Gruppe Kinder Aurikeln und ist pikirt, daß die bezügliche Gruppe in der Phalanx von Marly bei dem Wettbewerb den Preis davon trug. Die Kinder wollen also die Ursache ihres Mißerfolgs kennen lernen, der vielleicht in der Verschiedenheit des Bodens zu suchen ist. Der Reverend, welcher die bezügliche Gruppe leitet, giebt ihnen darauf Unterweisung über die Verschiedenheit der Bodenarten, und dieses Studium, in den andern Gruppen wiederholt, bringt ihnen allmälig die Elementarkenntnisse über einen Zweig des Mineralreichs bei. Diese Belehrungen werden der Köder, daß die Kinder in der Schule nach bezüglichen Lehrbüchern verlangen, und so bilden sie sich weiter.“
„Diese Verbindung der verschiedenen Hebel und Anreize existirt in der Zivilisation nicht, und dann ist man erstaunt, daß das Kind sich weder zur Landkultur, noch zu den exakten Wissenschaften hingezogen fühlt, wohingegen die Rivalitäten in der Serie in ihm schon sehr frühzeitig das Bedürfniß nach Wissen und Unterweisung wecken, ohne daß man ihm merkbar die Anregung dazu beibringt. Bei den Kindern in der Zivilisation finden wir überall den Zerstörungstrieb und den Hang zum Müßiggang, in der Harmonie überall Antrieb zu nützlicher Beschäftigung und zu Studien. Das ist der Unterschied zwischen den beiden Gesellschaftsformen. Die Zivilisation, die kleine Vandalen züchtet, darf sich nicht wundern, wenn sie später so viele erwachsene Vandalen besitzt.“
Nach Fourier sollen aber die Kinder auch in höherem Grade für die Allgemeinheit sich nützlich machen. Wie in der Assoziation das Vergnügen selbst materiellen Nutzen schafft, so auch die Erziehung. Wie schon bemerkt, umfassen die beiden ersten Stämme: die Cherubins und Seraphins, das Alter von 4½–9 Jahren, und die dritte Phase der Kindheit umfaßt die Stämme der Lyzeisten und Gymnasiasten im Alter von 9–15½ Jahren; Lebensalter, in denen die Betheiligten der Assoziation wichtige Dienste leisten können, immer, indem sie sich vergnügen. Bei den Kindern treten gewisse Charaktereigenschaften auf, die für die Gesammtheit nützlich verwandt werden können. Es ist eine bekannte Thatsache, daß die Knaben durchschnittlich zur Unsauberkeit neigen, dagegen die Mädchen für den Putz eingenommen sind. Nun giebt es in der Assoziation Beschäftigungen, die unangenehm sind, für diese sind die Charaktereigenschaften der Kinder nützlich zu verwerthen. Fourier rechnet, daß unter den Knaben zwei Drittel und unter den Mädchen ein Drittel zu unsauberen Beschäftigungen eine gewisse Neigung haben. Diese nennt er die „kleinen Horden“. Umgekehrt sind zwei Drittel der Mädchen und ein Drittel der Knaben für den Putz und die Reinlichkeit eingenommen, diese nennt er die „kleinen Banden“. Die kleinen Horden und die kleinen Banden setzen sich aus den 4 Stämmen im Alter von 4½–15½ Jahren zusammen. „Die kleinen Horden streben zum Schönen auf dem Weg des Guten, die kleinen Banden streben zum Guten auf dem Wege des Schönen.“
„Die kleinen Horden, die von lebhaftem Ehrgefühl und mit Unermüdlichkeit erfüllt sind, vollziehen jede unangenehme Arbeit, für welche sich sonst kaum Jemand findet. Sie sind überall, wo der Einheitlichkeit der Phalanx durch Unordnung Gefahr droht; sie stehen stets in der Bresche.“ (Fourier will hiermit sagen, daß, ohne die Hingabe der kleinen Horden an die unangenehmen Arbeiten, die Phalanx zum Zwang würde greifen müssen, wodurch der auf voller Freiwilligkeit und Anziehung beruhende Mechanismus der Phalanx tödtlichen Schaden erlitte. In der Phalanx darf kein Schatten von Zwang vorhanden sein, wenn sie ihren idealen Zweck erreichen soll.)
Die kleinen Horden theilen sich in drei Klassen; die erste beseitigt den Unrath, reinigt Straßen und Rinnen, schafft die Küchen- und Fleischereiabfälle fort; die zweite vollzieht die gefährlichen Arbeiten, sie verfolgt die Reptilien, tödtet die kleinen Raubthiere, sie muß stets am Platze sein, wo große Gewandtheit erfordert wird: Klettern, Springen. Die dritte Klasse bildet gewissermaßen die Reserve, sie hilft, wo sie gebraucht wird. Die kleinen Horden haben ferner das Raupen, Unkrautjäten und die Vertilgung der Giftschlangen zu besorgen; sie halten Straßen und Wege in Ordnung und legen großen Werth darauf, von Fremden für ihre Ordnungsliebe belobt zu werden. Um überall rasch bei der Hand zu sein, reiten sie auf Zwergpferden.
Obgleich die Arbeit der kleinen Horden wegen Mangel an direkter Anziehung die schwierigste ist, werden sie von allen Serien materiell doch am niedrigsten gelohnt; sie nehmen aber auch kein Geschenk an, selbst wenn es in der Assoziation für anständig gelte, ein solches anzunehmen; sie setzen ihren Stolz darein, aus Hingabe für die Assoziation, die für ihren Bestand so nützlichen und notwendigen Arbeiten zu verrichten. Für ihre freiwillige Hingebung tragen sie den Titel „Verbindung für Verbesserungen“.
„Die kleinen Horden sind also in Wahrheit der Ausbund aller bürgerlichen Tugenden; sie üben zur Ehre der Gesellschaft die Selbstverleugnung, die das Christenthum empfiehlt, und verachten die Reichthümer, wie die Philosophen empfehlen; sie verwirklichen alle erträumten Tugenden der Zivilisation. Bewahrer der sozialen Ehre, zertreten sie nicht nur bildlich, sondern physisch und thatsächlich der Schlange den Kopf, befreien sie die Gesellschaft von dem schlimmen Gift der Viper; sie ersticken den Stolz und verhüten das Aufkommen des Kastengeistes.“
Für alles das Gute, das sie der Gesellschaft leisten, werden sie hoch geehrt. Bei allen Paraden und Festlichkeiten marschiren sie an der Spitze. Handelt es sich um besonders schwierige und rasch zu erledigende Arbeiten — z. B. daß ein Gewitter Straßen und Wege verletzt, Bäume und Sträucher schwer beschädigte, oder daß eine Ueberschwemmung eingetreten ist —, so versammeln sich die kleinen Horden von vier oder fünf Nachbarphalanxen zu gemeinsamer Handlung; sie treffen Morgens gegen fünf Uhr zusammen, und nachdem sie einer religiösen Hymne beigewohnt, brechen sie mit voller Begeisterung unter einem wahren Höllenlärm auf. Die Sturmglocke und alle übrigen Glocken werden geläutet, Trompeten schmettern, Trommeln wirbeln, die Hunde heulen, das Vieh brüllt. So geht es im Sturm an die Arbeit. Gegen acht Uhr kehren sie, noch erregt von ihren Thaten, zurück und machen Toilette. Darauf giebt es gemeinsames Frühstück. Nach demselben erhält jede der kleinen Horden zur Belohnung einen Eichenkranz, den sie an ihre Fahne heftet, darauf steigen sie zu Pferde und kehren unter Musikbegleitung zu ihren Phalanxen zurück.
„Um von unsern Kindern Wunder von Tugenden zu erhalten, muß man nach Ansicht der Zivilisirten zu übernatürlichen Mitteln greifen, wie es in unsern Klöstern geschieht, wo durch ein sehr strenges Noviziat die Neophyten zur Selbstverleugnung erzogen werden. Die sozietäre Ordnung kommt auf einem ganz entgegengesetzten Wege zum Ziel, indem sie die kleinen Horden durch den Anreiz des Vergnügens sich dienstbar macht. Analysiren wir die Hülfsmittel für diese Tugenden. Es sind vier, die alle vier unsere Moral verwirft: Geschmack an Unreinlichkeit, Stolz, Unverschämtheit, Ungehorsam.“
„Indem die kleinen Horden sich diesen angeblichen Lastern überlassen, erheben sie sich zu allen Tugenden. Sehen wir zu: Die Theorie der Anziehung erfordert, daß alle Triebe, die Gott dem Menschen gab, sich nützlich machen können,ohne, daß man die Triebe selbst ändert.So sehen wir, daß bei den jüngsten Kindern die Neugier und die Unbeständigkeit sich nützlich erwies, weil sie das Kind zu einer Menge von Gruppen hinzogen, wodurch seine Anlagen sich offenbarten. Der Trieb, die Ungezogenheiten Aelterer nachzuahmen, wird, wie wir sahen, in der Assoziation Impuls zur Anziehung zu nützlichen Arbeiten. Ebenso der Ungehorsam gegen Eltern und Erzieher, die nicht erziehen können. Die Erziehung muß durch kabalistische Rivalitäten der Gruppen herbeigeführt werden. So werden alle Impulse bei kleinen wie großen Kindern in der Harmonie gut, vorausgesetzt, daß man sie durch Serien der Triebe zur Uebung bringen kann. Man wird nicht vom ersten Tage an die kleinen Horden an die widerwärtigen Arbeiten bringen, man erregt zunächst ihren Stolz nach Rang. Jede Autorität, sogar der Monarch, schuldet ihnen den ersten Gruß; keine industrielle Armee rückt aus, ohne daß die kleinen Horden an der Spitze marschiren; sie haben das Vorrecht, bei allen Arbeiten der Einheit (das sind große Arbeiten, welche die Phalanxen eines oder mehrerer Reiche unternehmen, große Kanalbauten etc.) die erste Hand an's Werk zu legen; sie sind die Ueberall und Nirgends, ohne deren Mitwirkung nichts Bedeutendes geschieht. An ihrer Spitze stehen die kleinen Kane (Kan und Kanin), die selbst gewählten Offiziere; die kleinen Horden haben auch ihre besondere Kunstsprache und ihre kleine Artillerie. Ferner wählen sie aus der Zahl der Alten Druiden und Druidinnen, deren Aufgabe es ist, den Geschmack für die Funktionen der kleinen Horden zu bewahren; sie haben ferner bei allen religiösen Uebungen bestimmte Dienste zu versehen und erhalten dafür besondere Abzeichen. Frühzeitig zu Bette gehend (acht Uhr Abends), erheben sie sich um drei Uhr Morgens und geben die Initiative für alle Arbeiten der Phalanx. Es ist also eine Korporation von Kindern, die, indem sie sich allen Neigungen, welche die Moral der Zivilisation ihrem Alter verbietet, überläßt, alle Chimären der Tugend, an denen die Moralisten sich ergötzen, verwirklicht. Die kleinen Horden verachten keineswegs den Reichthum, aber heute macht nur der Egoismus Gebrauch davon; sie opfern sogar einen Theil ihres Besitzes zum Nutzen der Phalanx und erhalten so die wahre Quelle des Reichthums, die industrielle Anziehung, die sich auf alle Klassen erstreckt. Die Kinder der Reichen werden sich ebenso zu den kleinen Horden hingezogen fühlen, wie die Kinder der Geringen. Sie sind die Repräsentanten der Einheit der Phalanx, und das ist ihr entscheidender Charakter. Indem ferner die kleinen Horden die Tugend der sozialen Liebe üben, reißen sie Jedermann zur indirekten Ausübung von wohlthuenden Handlungen hin, ebnen sie den Weg zur Edelmüthigkeit, durch welche die Reichen in der Harmonie sich verbinden, um den Armen zu begünstigen, wogegen sie heute übereinkommen, ihn zu plündern.“
„Es wird sich zeigen, daß alle Triumphe der Tugend der guten Organisation der kleinen Horden geschuldet sind; sie allein können im sozialen Mechanismus den Despotismus des Geldes balanziren, dieses elenden Metalls, elend in den Augen der Philosophen, das aber sehr edel wird, wenn es zur Aufrechthaltung der industriellen Einheit dient. In unserer Gesellschaft, wo Diejenigen, die sich auf den Reichthum stützen, als Leute„comme il faut“bezeichnet werden, da ist das Geld die Klippe. Die es besitzen, sind die Leute, „die nichts thun und zu nichts zu gebrauchen sind.“ Leider ist der Beiname„comme il faut“(wie man sein muß) in unserer Gesellschaft nur zu berechtigt, denn in der Zivilisation gründet sich die Zirkulation auf die Phantasien der Müßigen, sie sind in Wahrheit die Leute„comme il faut“(wie man dazu sein muß), um die verkehrte Zirkulation und die verkehrte Konsumtion aufrechtzuerhalten.“
Fourier ist hier der Meinung, daß der Hauptfehler unserer bürgerlichen Gesellschaft in der falschen Anwendung liege, welche die Geldbesitzer von ihrem Gelde machten, er ist ferner der Ansicht, daß es heute hauptsächlich die Luxusbedürfnisse der Reichen seien, welche die Geld- und Waarenzirkulation bestimmten. Es ist dies die Aufstellung des auch heute noch im gewöhnlichen Leben und selbst seitens sogenannter Gelehrter vielfach wiederholten Glaubenssatzes, der namentlich in Zeiten allgemeiner geschäftlicher Stagnation, also in Zeiten der Krisen laut wird, daß die reichen Leute mehr Geld ausgeben müßten, „um das Geschäft zu heben“, weil ihr Bedarf entscheidend sei. Und man macht es ihnen zu einer Art sozialer Pflicht, durch Luxusausgaben „Geld unter die Leute zu bringen“.
Wir sehen auch nicht selten Aristokratie und Bourgeoisie nach diesem Rezepte handeln, wobei die Betreffenden sich noch das Mäntelchen der Gesellschaftswohlthäter umhängen. Man ißt und trinkt gut, kleidet sich noch besser, tanzt und amüsirt sich in dem stolzen und befriedigenden Bewußtsein, „indem man seine Triebe befriedigte“, sich und die Gesellschaft zu retten. Die Leute, die so handeln, gehören zu dem Achtel, für die, nach Fourier, die bürgerliche Welt die vollkommenste Welt ist. Wir wissen heute, daß diese Zahl kein Achtel, nicht einmal ein Zwanzigstel der Gesellschaft bildet.
Daß die Ansicht Fourier's von der Bedeutung der Reichen für die Waarenzirkulation und Konsumtion irrig ist, bedarf heute für Niemand, der einigermaßen den Organismus unserer Gesellschaft kennt, eines Beweises. Nicht der Verbrauch dieser handvoll Reicher, und sei ihr Verbrauch noch so bedeutend, sondern der Verbrauch der Masse stimulirt die Zirkulation. Wo der Massenverbrauch nachläßt, weil die Masse ärmer wird, oder weil, wie in der Regel in den modernen Krisen der Ueberproduktion, der Konsum der Waarenproduktion nicht zu folgen vermag, einestheils, weil die Kaufkraft fehlt, anderntheils, weil Waaren bestimmter Gattungen weit über das normale Bedürfniß erzeugt wurden, da tritt die Stagnation mit allen ihren Folgen ein. Der Luxusverbrauch der Reichen hat nie eine allgemeine Krise gehoben, noch hat er durch sein Fehlen eine solche erzeugt. Es ist aber ein charakteristisches Merkmal für einen Gesellschaftszustand, daß eine Klasse, „die nichts thut und zu nichts nütze ist“, wie Fourier sich ausdrückt, so viel verbrauchen kann und doch immer reicher wird. Welch geringe Rolle der Verbrauch der reichen Klasse im Verhältniß zum Verbrauch der Masse der Bevölkerung spielt, zeigend schlagend die Ergebnisse der indirekten Steuern. „Die Steuer auf Luxusartikel der Reichen bringt nichts ein“, sagte Fürst Bismarck in seiner berühmten Steuerprogrammrede im Herbst 1876 im Reichstag; „was nützt die Steuer auf Austern, Champagner, Equipagen, sie bringt nichts, nehmen wir dafür die 'Luxusbedürfnisse' der Masse, Bier, Kaffee, Branntwein, Tabak.“ Unsere Steuertabellen geben ihm Recht.
Indem nun Fourier, weil er die eigentlich treibenden Gesetze der bürgerlichen Gesellschaft nicht erkannte und in seinem Zeitalter noch nicht erkennen konnte, sein phalansteres System auf der Beibehaltung des Geldes gründete und dem Kapital einen erheblichen Theil des Arbeitsertrags — vier Zwölftel — zuschrieb, entging ihm nicht, daß bei dem Reichthum, den die Phalanx durch ihre Organisation der Arbeit erzeugen sollte, das Mißverhältniß im Vermögen und Einkommen der verschiedenen Klassen sich in der Phalanx noch mehr steigern müsse, als in der Zivilisation. Er mußte also ein Mittel finden, um dieser klaffenden Ungleichheit einigermaßen vorzubeugen. Er verfiel, wie sich später zeigen wird, auf das Mittel der Massenanwendung testamentarischer Legate, welche die reichen Leute der Phalanx allen Denen zuweisen würden, für die sie im Laufe ihrer phalansteren Thätigkeit aus irgend einem Grunde eine besondere Zuneigung gefaßt, aber selbst mittellos seien. Die Frage liegt freilich nahe, was denn diese ganze Reichthumsaufhäufung in Privathänden für einen Sinn und für eine Berechtigung hat, wenn diesozietäre Arbeitdiesen Reichthum erzeugt und dieser so groß ist, daß er allen Gliedern der Phalanx den größten Luxus gestattet und selbst die verwöhntesten Geschmäcker zu befriedigen vermag. Diesem Widerspruch sucht also Fourier durch das bezeichnete Mittel aus dem Wege zu gehen, es soll der Wiederkehr „der verkehrten Zirkulation nach den Phantasien der Müßigen begegnen“, und die Reichen sollen durch das selbstlose Auftreten der kleinen Horden zu Akten der Edelmüthigkeit gegen die Unbemittelten angeeifert werden. Das ist die große moralische Aufgabe, die er den kleinen Horden zuweist.
Fourier fährt fort:
„Die Thätigkeit und Erregung der kleinen Horden wird sich verdoppeln, wenn ihnen der Kontrast, den die Natur ihnen vorbehielt, entgegentritt, die kleinen Banden. Der Keim des Widerspruchs, der darin liegt, daß zwei Drittel der Kinder männlichen Geschlechts zur Unsauberheit, zum Ungehorsam, zur Wildheit neigen, zwei Drittel der Kinder weiblichen Geschlechts zum Putz und zu guten Manieren, muß entwickelt und für die Phalanx ausgenutzt werden. Je mehr die kleinen Horden durch Tugend und Hingebung sich auszeichnen, um so mehr muß die rivalisirende Korporation — müssen die kleinen Banden — Eigenschaften annehmen, welche den Wünschen der öffentlichen Meinungen entsprechend, das Gleichgewicht herstellen. Die kleinen Banden sind die Bewahrer der sozialen Anmuth; dies ist ein weniger glänzender Posten als jener der kleinen Horden, Stütze der sozialen Uebereinstimmung zu sein. Aber die Sorge für den Schmuck und das Ganze des Luxus in der Phalanx ist in der Harmonie nicht weniger werthvoll. In dieser Art Arbeiten sind die kleinen Banden sehr nützlich und unentbehrlich; sie haben im ganzen Kanton der Phalanx die spirituelle und materielle Ausschmückung bei allen Festen, Aufzügen, Schaustellungen auszuführen. In der Wahl der Kleider ist Niemand in der Harmonie an Vorschriften gebunden, aber sobald es sich um korporative Vereinigungen handelt, hat jede Gruppe, jede Serie ihre Kostüme und trifft die Wahl. Sache der kleinen Banden ist, die Modelle zu liefern. Im Gegensatz zu den kleinen Horden zeichnen sich die kleinen Banden durch Höflichkeit und angenehme Manieren aus. Der männliche Theil der kleinen Banden wird hauptsächlich die jungen Gelehrten stellen, die frühreifen Geister, wie Pascal, die frühzeitig Anlagen zum Studium entwickeln; ferner die kleinen Verweichlichten, die zur Weichlichkeit und Ueppigkeit neigen. Weniger thätig als die kleinen Horden, erheben sie sich auch später und erscheinen erst um vier Uhr Morgens in den Ateliers. Während sich die kleinen Horden mit der Pflege der großen Hausthiere beschäftigen, pflegen die kleinen Banden die Brieftauben, Hühner, Vögel, Biber etc.; sie überwachen ferner die Blumen- und Gartenanlagen, damit diese nicht beschädigt oder zerstört werden. Wer Dergleichen sich zu Schulden kommen läßt, wird vor ihren Richterstuhl geführt und gebüßt; sie üben ferner die Zensur über die schlechte oder fehlerhafte Aussprache. Wie die kleinen Horden ihre Druiden und Druidinnen, so wählen sich die kleinen Banden aus den mannbaren Altern zu Kooperateuren: Korybanten und Korybantinnen. Derselbe Kontrast besteht in den beiderseitigen Beziehungen auf Reisen; die kleinen Banden verbinden sich mit den großen Banden, den fahrenden Rittern und Ritterinnen, die kleinen Horden mit den großen Horden, den Abenteurern und Abenteurerinnen. Die Natur hat eben für die Vertheilung der Charaktere eine Scheidung von Grund aus in kräftige und milde Nüanzen vorgenommen, eine Vertheilung, die sich in allen erschaffenen Dingen zeigt; in den Farben, dem Hintergrunde der Luft, der Musik. Dieser Kontrast ist es auch, der die Scheidung der Kinder in kleine Banden und kleine Horden naturgemäß herbeiführt.“
„Jede industrielle Serie würde fehlerhaft sein, wenn sie der Geschlossenheit ermangelte; um sie geschlossen zu machen, muß man die feinsten Unterscheidungen in den Geschmäckern in's Spiel setzen. Man wird frühzeitig die Kinder an diese feinen Unterscheidungen in den Neigungen gewöhnen. Das ist also die Aufgabe der kleinen Banden, welche die Kinder vereinigen, die zu den minutiösesten Raffinements im Schmuck, im Geschmack, in der Kleidung neigen; ihr Blick wird so geschärft, daß sie wie unsere Schriftsteller und Künstler einen Fehler sehen, der dem gewöhnlichen Menschen entgeht. Die kleinen Banden haben also die Gewandtheit, Spaltungen unter den Geschmacksrichtungen zu veranlassen, die Feinheiten der Kunst zu klassifiziren und durch Raffinement der Phantasien und durch Abstufungen die Geschlossenheit der Serien herbeizuführen. So schöpft die Erziehung in der Harmonie ihre Mittel der Ausgleichung aus den beiden entgegengesetzten Geschmacksrichtungen, aus dem Hang zur Unsauberheit und zur Eleganz, zwei Richtungen die beide heute verurtheilt werden. Die kleinen Horden wirken negativ ebenso viel, wie die kleinen Banden positiv. Die einen beseitigen die Hindernisse, die der Harmonie in der Phalanx sich entgegenstellen, sie vernichten den Kastengeist, der aus den unangenehmen Arbeiten leicht geboren wird; die anderen schaffen durch ihre Gewandtheit die Abstufungen der Geschmäcker und organisiren die nüanzirten Spaltungen in den verschiedenen Gruppen. So gehen die kleinen Horden vom Guten auf den Weg zum Schönen, die kleinen Banden vom Schönen auf den Weg zum Guten; eine kontrastirende Handlung, die ein allgemeines Gesetz in der ganzen Natur ist.“
„Die Erziehungssysteme der Zivilisirten verfallen alle dem Fehler, daß sie die Theorie über die Praxis setzen. Sie verstehen nicht, das Kind zur Thätigkeit anzureizen; sie sind genöthigt, es bis zum sechsten oder siebenten Jahre unthätig zu lassen, ein Alter, in dem es schon ein geschickter Praktiker sein könnte. Im siebenten Jahre wollen sie ihm dann Theorie, Kenntnisse, Studien beibringen, für die sie den Wunsch bei ihm nicht zu wecken verstanden. Dem Kinde in der Harmonie kann dieser Wunsch nicht fehlen, weil es vom dritten Jahre bereits praktisch thätig war und bis zum siebenten spielend eine Menge praktischer Kenntnisse erlangt hat. Es besitzt jetzt das Bedürfniß, sich auf das Studium der exakten Wissenschaften zu stützen ... Die Erziehung der Zivilisirten ist im Widerspruch mit der Natur des Kindes, es ist die verkehrte Welt wie ihr ganzes System, von dem ihre Erziehung ein Theil ist. Ferner: Das Kind ist auf die Arbeit des Studirens beschränkt, es bleibt vom Morgen bis Abend während neun bis zehn Monate des Jahres über den Anfangsgründen und der Grammatik sitzen, muß ihm da nicht der Widerwille gegen die Studien kommen? Das Kind hat das Bedürfniß, während der schönen Jahreszeit im Garten, im Wald, in den Wiesen sich beschäftigend zu tummeln, statt dessen muß es an schönen wie an Regentagen sitzen und studiren. Es kann keine Einheitlichkeit in der Handlung geben, wo es nur eine einfache Funktion giebt.“
„Eine Gesellschaft, welche die Väter den ganzen Tag als Gefangene in die Bureaux, Komptoirs und Fabriken sperrt, kann auch die Sottise begehen, das Kind das ganze Jahr in die Schule zu sperren, wobei es sich ebenso langweilt wie die Lehrer. Unsere Politiker und Moralisten sprechen beständig von der Natur, sie ziehen sie aber keinen Augenblick zu Rathe. Beobachteten sie die in den Ferien weilenden Kinder, wie sie, mit leichten Blousen bekleidet, sich im Heu kugeln, vergnüglich sich in der Weinlese, bei dem Nüsse- und Obstpflücken, bei der Jagd auf schädliche Vögel etc. anwenden, und würden sie die Kinder in einem solchen Augenblicke einladen, zu ihren Studien zurückzukehren, so würden sie beobachten können, ob es die Natur des Kindes ist, während der schönen Jahreszeit in der Umgebung von Büchern und Pedanten eingeschlossen zu werden. Man antwortet: Man muß im jugendlichen Alter lernen, damit man sich des Namens eines freien Mannes würdig macht, würdig des Handels und der Verfassung! — Gut! Aber wenn die Kinder durch Anziehung und kabalistische Rivalitäten zum Lernen sich begeben, so werden sie in hundert Lektionen imWinter,beschränkt auf zweistündige Sitzungen, mehr lernen, als in 300 Tagen, da man sie in den Schulen oder im Pensionat eingeschlossen hält.
Das zivilisirte Kind kann nur mit Hülfe von Entziehungen, Pensums, Ruthenstreichen zum Lernen angehalten werden. Erst seit einem halben Jahrhundert sucht die Wissenschaft, verwirrt über dieses elende System, durch weniger herbes Vorgehen das Kind zu gewinnen; sie versucht sich, die Langeweile der Kinder in den Schulen zu enthüllen, ein Götzenbild des Nacheifers bei den Schülern, Zuneigung für die Lehrer zu schaffen. Das beweist, daß sie erkannt hat, wie es sein sollte, aber sie hat kein Mittel, ihre Gedanken zu verwirklichen. Die mit Zuneigung verknüpfte Uebereinstimmung zwischen Lehrern und Kindern kann nur in dem Fall einer als Gunst erscheinenden anregenden Unterweisung erzeugt werden. Das wird in der Zivilisation, in welcher der ganze Unterricht durch den Widersinn, die Theorie über die Praxis zu stellen, gefälscht ist, nie geschehen. Der Unterricht ist ferner gefälscht durch seine Einseitigkeit und ununterbrochene Dauer. Man findet vielleicht ein Achtel unter den Kindern, die den gegenwärtigen Unterricht mit Leichtigkeit, aber ohne davon besonders angeregt zu sein, annehmen. Daraus schließen die Lehrer, daß die übrigen sieben Achtel nichts taugen; sie argumentiren auf die Ausnahme und machen diese zur Regel. Das ist die gewöhnliche Illusion bei allen Lobliedern auf die Vollkommenheit. Es giebt überall eine kleine Zahl Ausnahmen, aber sie darf man nicht in Berücksichtigung ziehen, sondern die große Menge, welche die Regel ist. Ich fragte Kinder, die aus den berühmtesten Schulen kamen, wie von Pestalozzi und Andern, ich fand stets nur einen mittelmäßigen Schatz von Kenntnissen und eine große Unbekümmertheit für Studien und Lehrer.
„Wir haben heute eine Erziehungsmethode, und diese wird auf alle Schüler angewendet, als wenn alle vollkommen gleichartig seien. Ich kenne nun verschiedene Methoden, die alle gut wären, und es ließen sich noch andere finden. Schließlich ist jede Methode gut, wenn sie dem Charakter des Schülers entspricht. D'Alembert ward ausgelacht, als er vorschlug, das Studium der Geschichte im Gegensatz zur chronologischen Ordnung zu betreiben, dergestalt, daß man nicht von der Vergangenheit zur Gegenwart, sondern von der Gegenwart nach Rückwärts in die Vergangenheit schreite. Man warf ihm vor, den Reiz am Studium zu zerstören und die mathematische Trockenheit in die Methode des Unterrichts zu bringen. Das ist ein lächerlicher Sophismus. Keine Methode ist an sich trocken, sie sind alle fruchtbar, wenn man sie den Charakteren anzupassen und schmackhaft zu machen versteht. Man gebe den Kindern eine ganze Reihe von Methoden zur Auswahl, viele werden doch keinen Geschmack am Studium finden. Unsere Lehrmethoden ermangeln nicht nur des aktiven Hülfsmittels, sie ermangeln ebenso der materiellen Anziehung, als welche ich die Oper und die Gourmandis betrachte.“
„Die Oper bildet das Kind zur maßvollen Einheit, welche für es eine Quelle des Wohlbefindens und der Gesundheit wird; sie verschafft ihm also den inneren und äußeren Luxus, welches der erste Zweck der Anziehung ist. Das Kind wird durch die Oper von frühester Jugend an in allen gymnastischen und choreographischen Uebungen geschult. Die Anziehung ist darin sehr kräftig, es erwirbt die nothwendige Gewandtheit für alle Arbeiten in den Serien, wo Alles sich mit Sicherheit, Maß und Einheit, wie man diese in der Oper herrschen sieht, vollziehen soll. Die Oper nimmt also unter den Hülfsmitteln für die Erziehung vom niederen Lebensalter an den ersten Rang ein. Unter der Oper sind alle körperlichen Uebungen begriffen, sowohl die mit der Flinte als mit dem Rauchfaß. Diese choreographischen Evolutionen, werden sie nun mit der Flinte oder dem Rauchfaß oder in der Oper vollzogen, gefallen den Kindern außerordentlich, sie betrachten es als eine hohe Gunst, zugelassen zu werden. Man würde die Natur des Menschen vollständig verkennen, wenn man die Oper nicht in erster Linie unter die Hülfsmittel der Erziehung vom frühesten Alter an setzte, welche für die materiellen Studien nur anziehend wirkt. Um den Körper nach allen Richtungen hin möglichst vollkommen zu machen, müssen, bevor man mit der Seele beginnt, zwei unseren sog. moralischen Methoden sehr fremde Hülfsmittel in's Spiel gesetzt werden: die Oper und die Küche, oder die angewandte Gourmandis.“
„Das Kind soll zwei aktive Sinne üben: Geschmack und Geruch, und zwar durch die Küche, und zwei passive: Gesicht und Gehör, und diese durch die Oper; den Taktsinn endlich durch die Arbeiten, in denen es sich auszeichnet. Die Küche und die Oper sind die beiden Hülfsmittel, die das Kind durch die Anziehung unter das Regime der Serien der Triebe führen. Die Magie und die Feerien der Oper ziehen das Kind mächtig an. Dagegen erwirbt es in den Küchen der Phalanx die Intelligenz und Geschicklichkeit in all den Vorbereitungen für die Tafel; es lernt alle Produkte kennen, für welche es sich schon durch die Tischunterhaltungen interessirte; es werden Pflanzen und Thiere besprochen, und so wird es in Hof, Stallungen und Gärten eingeführt. Die Küche wird das Band für diese Funktionen.“
„Die Oper ist die Vereinigung für die materielle Uebereinstimmung, sie dient allen Altern und Geschlechtern. In ihr werden geübt: 1. Gesang, oder das Maß der menschlichen Stimme; 2. Instrumente, oder das Maß künstlicher Töne; 3. Poesie, oder Ausdruck der Gedanken und Worte nach Maß; 4. Pantomimen, oder Harmonie der Gesten; 5. Tanz, oder Bewegung nach Maß; 6. Gymnastik, oder harmonische Uebungen; 7. Malerei und harmonische Kostüme. Das Ganze beruht also auf einem regelmäßigen Mechanismus und in geometrischer Ausführung.“
„Bei uns ist die Oper nur eine Arena der Galanterie, eine Anreizung zu Ausgaben, und da begreift sich, daß sie durch die moralischen und religiösen Klassen zurückgewiesen wird; in der Harmonie ist sie eine freundschaftliche Vereinigung, in der keinerlei bedenkliche Intriguen zwischen Leuten stattfinden können, die sich jeden Augenblick bei den verschiedensten Arbeiten in den industriellen Serien begegnen.“
„Die Oper, heute so kostspielig, kostet fast nichts in der Harmonie. Tänzer, Sänger, Musiker, Maler, alle Handwerker und Künstler stellt die Phalanx aus ihrer Mitte. Ohne die Mitwirkung der Nachbaren und die Hülfe der Durchreisenden wird die Phalanx eine Auswahl von 12–1300 Akteuren haben, die in irgend einer Weise sich betheiligen. Die geringste Phalanx wird eine besser ausgestattete Oper besitzen, als heute unsere großen Städte.“
Fourier widmet dann mehrere Kapitel der Küche der Phalanx, ihrer Einrichtung und Organisation und der Verwendung der Kinder in derselben. Die Neigung zu gutem Essen, zur Gourmandis, ist in seinem System auch Erziehungsmittel. Was das Kind ißt, soll es in der Praxis kennen lernen, es soll die Substanzen, ihre Zusammensetzung und ihre Zubereitung erfahren. Wir fassen uns hierüber kurz, da aus dem bisher Gesagten der Leser wird beurtheilen können, wie auch hier sich die verschiedenen Serien bethätigen. Die Kinder werden zunächst an der Hand passend für sie eingerichteter Küchen in die Geheimnisse der Kochkunst spielend eingeweiht, Neugier und Interesse wird geweckt; sie treten allmälig in die großen Zentralküchen mit ihren Appendixen für die Vorbereitung der Speisen über, lernen eine Anzahl interessanter Details kennen — das Einmachen, die Konservirung —, in denen sie nützliche Verwendung finden. Die Zubereitung der Materialien führt ganz von selbst dazu, auch das Werden und Entwickeln der verarbeiteten Materialien zu beobachten. Mit zunehmendem Alter wird das Kind mit der Geflügelzucht, der Stallwirthschaft, der Obst- und Gemüsezucht bekannt und darin eingeweiht. In allen diesen Bethätigungen kommt, wie im ganzen Mechanismus der Phalanx, die Serien- und Gruppenbildung nach Trieben, die Abwechslung durch kurze Sitzungen und die Kontrastwirkung zur Geltung; die Rivalitäten regen den Eifer und die Erfindungsgabe an.
Nach diesen selben Grundsätzen und Methoden werden darauf die Kinder in die verschiedenen Wissenschaften eingeweiht; überall entscheiden die eigenen Triebe, die durch das Beispiel der Mitschüler und das Vorbild der älteren Schüler angeregt und stimulirt werden. Die Auswahl der Lehrmittel ist die größte. Alles ist auf das Vortrefflichste eingerichtet, Zwang ist nirgends vorhanden, ebenso wird kein Unterschied zwischen den beiden Geschlechtern gemacht. „Die Studien sollen nicht an zweiter Stelle figuriren, aber das Interesse soll durch die physische Bethätigung für die verschiedenen Zweige des Studiums geweckt werden. Die Arbeiten der Schule sollen mit denen in den Werkstätten und in den Gärten eng verbunden sein, die letzteren sollen die ersteren unterstützen.“
Mit 15 bis 16 Jahren treten die Kinder in das Reifealter, es beginnen die Jahre der Pubertät und der Geschlechtstrieb macht sich allmälig geltend; damit beginnt auch für die Phalanx die Aufgabe, die Erziehung entsprechend umzugestalten.
„Hier ist der Punkt“, fährt Fourier fort, „wo alle unsere auf die Unterdrückung der Geschlechtsliebe berechneten Methoden, die in den Beziehungen der Liebe nur die allgemeine Heuchelei zu begründen wissen, in die Brüche gehen. Das geschieht von hier ab im ganzen Verlauf des Liebeslebens. In keiner Angelegenheit zeigt sich unsere Wissenschaft so unfähig und ungeschickt, als hier. Für alle anderen Mißbräuche und Uebel haben unsere Philosophen wenigstens die Anwendung einiger Gegenmittel versucht, aber keine in Sachen der Liebe, von wo demnach ihr ganzes Werk in Unordnung gestürzt wird, denn sie haben nur die Unwahrheit und die geheime Rebellion gegen die Natur und die Gesetze begründet. Indem die Liebe keinen anderen Weg zur Befriedigung findet, als mit Anwendung der Doppelzüngigkeit, wird sie ein permanenter Verschwörer, der unaufhörlich daran arbeitet, die Gesellschaft zu desorganisiren, alle ihre Regeln zu untergraben.“
„Ich habe gefunden, daß die Zivilisation in Bezug auf die Liebe nur unausführbare Gesetze hat, die überall der Heuchelei die Ungestraftheit sichern; die Uebertreter werden um so mehr protegirt, je kühner sie sind. In allen Salons, in der ganzen Gesellschaft sind jene die Angesehensten, die in Liebesangelegenheiten die Leichtherzigsten sind, welche die meisten Eroberungen aufweisen können, d. h. mit dem, was die zivilisirte Sitte und Moral verlangt, auf dem gespanntesten Fuße stehen. Nirgends ist die Scheinheiligkeit und Duperie größer, als in unserem Ehe- und Liebesleben, ist zwischen dem, was die Natur beansprucht und die Moral vorschreibt, ein schärferer Widerspruch. Anstatt dieser Skandale, welche die Zwangsgesetzgebung der Zivilisation erzeugt, muß die Harmonie, indem sie die volle Freiheit der ersten Liebe sichert, hervorzurufen wissen: 1. die Begeisterung der verschiedenen Alter für die Arbeit; 2. die Konkurrenz der Geschlechter für die guten Sitten; 3. Belohnung der wirklichen Tugenden; 4. Anwendung dieser Tugenden für das öffentliche Wohl, von dem sie in der Zivilisation getrennt sind.“
„Die wesentlichste Aufgabe Derer, die in der Harmonie die erste Liebe genießen werden, ist, daß sie die beiden Lebensalter, die unmittelbar unter und über der Pubertät sind, zur Arbeit anziehen. Man muß also unter den Jugendlichen zwei Korporationen bilden, die ähnlich wie die kleinen Banden und die kleinen Horden aufeinander wirken. Diese beiden Korporationen sind das Vestalat, bestehend aus zwei Drittel Vestalinnen und ein Drittel Vestalen, und des Damoiselat, bestehend aus zwei Drittel Damoiseaux und ein Drittel Damoiselles. Die Korporation des Vestalats widmet sich bis zum achtzehnten oder neunzehnten Jahr der Keuschheit, die Korporation des Damoiselats widmet sich der frühen Liebe. Die Wahl steht allen Theilen frei. Jedes kann nach Belieben in die eine oder in die andere Korporation ein- und austreten, aber man muß, so lange man zu einer der Korporationen gehört, auch die Gewohnheiten und Regeln derselben beobachten: Keuschheit im Vestalat, Treue im Damoiselat. Die jungen Männer neigen in der Regel selten dazu, dem Beispiel des keuschen Joseph zu folgen, sie sind dementsprechend auch im Vestalat in der Minorität. Im Allgemeinen werden es die festen Charaktere sein, welche für das Vestalat sich entscheiden, während die milderen für das Damoiselat die Wahl treffen. Hingegen werden die jungen Mädchen, die eben erst aus dem Chor der Gymnasiastinnen austreten, in der Regel einige Zeit im Vestalat zubringen.“ ...
„Damoiselles und Damoiseaux, die der Versuchung nachgaben, müssen von da ab den Morgenzusammenkünften der Kinder fern bleiben; sie besuchen nunmehr Abends einen der Liebeshöfe der Erwachsenen — die sich allabendlich zwischen neun und zehn Uhr in den Sälen zusammenfinden — und erheben sich in Folge dessen auch später von der Nachtruhe. Dagegen erhebt sich das Vestalat mit den Kindern. Wegen dieser fortdauernden Beziehungen zu den Kindern wird das Vestalat mit besonderer Achtung und Anhänglichkeit von diesen behandelt, umgekehrt wird das Damoiselat von ihnen mißachtet. Die älteren Stämme von zwanzig und mehr Jahren haben wieder aus anderen Motiven für das Vestalat und die Virginität eine tiefe Zuneigung. So vereinigt das Vestalat in sich den höchsten Grad der Gunst der Kindheit und des männlichen Alters. Die Keuschheit der Vestalinnen und Vestalen ist um so besser gesichert, da sie die volle Freiheit haben, jederzeit die Korporation zu verlassen und auf die Vortheile der Rolle zu verzichten.“
„Mit Ausnahme der Schlafzeit, welche die Vestalen und Vestalinnen nach Geschlechtern getrennt in verschiedenen Räumen zubringen, haben sie ihre volle Freiheit; sie gehen den gewohnten Beschäftigungen in den verschiedenen Serien und Gruppen nach; sie haben aber auch ihre besonderen Sitzungen und gewähren den Besten unter sich den Titel „Bewerber“ oder „Bewerberin“. Diejenigen, die diesen Titel führen, haben den Vortheil, in der industriellen Armee, in der sie eine besondere Stellung einnehmen, auch mit besonderen Ehren empfangen zu werden. Uebertritt ein zum Vestalat gehöriges Mitglied die vorgeschriebenen Gepflogenheiten und wird dies festgestellt, so macht man ihm aus seiner Unbeständigkeit kein Verbrechen, aber es hat aus der Körperschaft auszuscheiden. Nichts verschafft einem Mädchen von 16–18 Jahren mehr Achtung, als eine nicht bezweifelte Keuschheit, eine warme Hingabe an die Arbeit und die Studien. Mit Ausnahme der schmutzigen Arbeiten sind die Vestalinnen die Kooperatrizen der kleinen Horden; ist Gefahr im Verzuge, handelt es sich z. B. darum, wegen drohenden Unwetters rasch eine Ernte zu bergen, so sind sie stets an der Spitze. Jede Phalanx wird sich bemühen, die gefeiertsten Vestalinnen zu besitzen und sie nach der Art ihres Verdienstes als Reine durch Titel auszuzeichnen, wie die Schöne, die Hingebende, die Talentirte, die Gunstbezeugende. Das Vestalat wählt aus seiner Mitte die präsidirende Quadrille, welche bei den Zeremonien den Ehrenwagen besetzt und an den Fest- und Ehrentagen der Phalanx die Honneurs macht. Kommt ein Monarch, so sendet man ihm nicht wie bei uns beglacéhandschuhte Schwadroneure entgegen, die vor ihm über die Schönheiten der Verfassung und das Glück des Handels peroriren, sondern man deputirt die liebenswürdigsten Vestalinnen, die ihn an der Grenze begrüßen. Kommt eine Fürstin, so wählt man Vestalen. Versammelt sich eine industrielle Armee, so sind es die Vestalen, die ihr die Oriflamme übergeben und die erste Rolle bei den Festen wie bei den Arbeiten einnehmen. Die Arbeiten dieser Armeen werden durch die Anwesenheit der Vestalen und Vestalinnen einen besonderen Reiz gewinnen und sie werden, so stimulirt, ihre Arbeiten, ohne daß sie Ermüdung verursachen, ausführen. Indem man ferner den Armeen jeden Abend glänzende Feste giebt, hat man nicht nöthig, mit der Kette am Hals die jungen Leute hinzuführen, wie das bei unseren jungen Ausgehobenen geschieht, die stolz auf den schönen Namen „freie Männer“ sind. Die industrielle Armee wird zu einem Drittel aus Bacchantinnen, Bajaderen, Heroinen, Feen gebildet sein, und so werden mehr junge Männer und Frauen herzuströmen, als man nöthig hat. Ferner werden Fürsten und Fürstinnen diese Armeen besuchen, um sich dort nach ihrem Geschmack ihre Gattin oder ihren Gatten zu wählen, und es ist anzunehmen, daß eine solche Wahl meist auf eine Vestalin oder einen Vestalen fällt. Diese Herrschaften werden in der Harmonie nicht mehr die Sklaven sein, wie in der Zivilisation, in welcher man ihnen nach chinesischer Manier einen Mann oder eine Frau aufnöthigt, die sie niemals gesehen haben.“
„Von allen Seiten mit den günstigsten Blicken betrachtet, wird der vestalische Körper Gegenstand einer sozialen Abgötterei, eines halbreligiösen Kultus. Die Menschen lieben einmal, sich Idole zu schaffen, und so wird in Folge dieses Bedürfnisses das Vestalat ein Idol der Phalanx. Die kleinen Horden, die keiner Macht der Erde den ersten Gruß bewilligen, werden vor dem Vestalat ihre Fahne neigen und ihm als Ehrengarde dienen.“
Die Ehren, die Fourier dieser Körperschaft für das Opfer, ihre Keuschheit einige Jahre zu bewahren, zugedenkt, sind noch größerer Art. Ist die ganze Erde einmal mit Phalanxen bedeckt, so wird sich auch die Nothwendigkeit einer allgemeinen Eintheilung im Reiche verschiedener Grade ergeben, die, wie Alles bei ihm, geometrisch abgemessen sind. Der oberste Leiter des Erdballs ist der Omniarch, der in Konstantinopel, der Hauptstadt der Welt, seinen Sitz hat; dann folgen 3 Auguste, 12 Zäsarinnen, ungefähr 48 Kaiserinnen, 144 Kalifen, 576 Sultane, 1721 Königinnen, 6912 Kaziken u. s. w. Man fragt sich freilich vergeblich, was alle diese Fürsten, Fürstinnen und hohen männlichen und weiblichen Würdenträger in dieser sozialen Organisation für einen Zweck und eine Bedeutung haben, inwiefern ihre Funktionen für das Gedeihen dieser phalansteren Gesellschaft notwendig sind. Darüber giebt auch Fourier keine Auskunft. Sie gehören eben in sein System, das bemüht ist, den Trieben und Neigungen, wir pflegen auch zu sagen Schwächen, der Menschen nach Titeln und Auszeichnungen Rechnung zu tragen. Auch hofft er, daß sein System in um so höherem Grade die Unterstützung der höheren Klassen finden werde, als es ihnen besondere Aussicht für die Erlangung von Titeln und Würden eröffnet.
Eine solche Schaar hoher Würdenträger und Würdenträgerinnen bedarf entsprechender Frauen und Männer, und da haben Vestalinnen und Vestalen in erster Linie die schönste Aussicht, zu diesen Ehren zu kommen.
„Auch bewilligt die Harmonie der Virginität Ehrentafeln. Welch ein Unterschied zwischen dieser und der Zivilisation, wo die Virginität nur Geringschätzung findet und Gunstbezeigungen nur Denen zu Theil werden, die sich einen falschen Heiligenschein für die Gaukeleien der Libertins zu geben wissen. Diese Wüstlinge, die in ihren Liaisons die Kunst gelernt haben, die Menschen zu betrügen und zu düpiren, werfen sich unter den Spitzbuben, welche die öffentliche Meinung leiten, als Lobredner der Tugend auf. Welche Ermuthigung findet unter uns ein junges, schönes Mädchen, um ihre Virginität zu bewahren? Ist sie arm, wird sie ihre Anbeter, die alle gute Rechner sind, nicht bethören, sie wissen, daß die Tugend keinen Lebensunterhalt für die Haushaltung schafft. Ihre Eltern werden gezwungen, auf einen Sechzigjährigen oder irgend eine andere Schamlosigkeit zu spekuliren und sie wird durch diese Spekulation prostituirt; sie findet kaum einen Mann von mittlerem Alter, der ihr eine anständige Existenz zu bieten vermag. So wird ihre Schönheit ein Gegenstand elterlicher Beunruhigung, ihre Tugend wird für die Zukunft verdächtig sein. Hat sie einiges Vermögen, so ist sie während langer Zeit zwischen männlichen und weiblichen Maklern Gegenstand eines gemeinen Handels. Endlich wird sie einem durch Laster verdorbenen Manne überliefert; denn es giebt weit mehr verdorbene als gute Ehemänner.“
„Findet ein Mädchen unter uns bis zum fünfundzwanzigsten Lebensjahre keinen Ehemann, so beginnt man sich über sie lustig zu machen, man glossirt sie wie eine verdächtig gewordene Waare. Um den Preis einer in Entbehrungen verlebten Jugend sammelt sie in dem Maße, wie sie älter wird, eine Ernte gemeiner Witze, mit der jedes alte Mädchen überschüttet wird. Das ist eine der Zivilisation würdige Ungerechtigkeit. Das Opfer, das sie fordert erniedrigt sie; undankbar, wie sie ist, belohnt sie die Hingebung der jungen Mädchen an ihre Morallehren mit Beschimpfungen und Aergernissen. Da braucht man sich nicht zu wundern, daß man bei jungen Mädchen, die nicht überwacht werden, nur eine Maske der Keuschheit findet. Leistet ein junges Mädchen Gehorsam, so wird es, als Mädchen alt geworden, von derselben öffentlichen Meinung bestraft, die es zwang, seine schöne Jugend ihrem Vorurtheil zu opfern. Was kann es Unnützeres geben, als diese ewige Virginität? Sie ist eine Frucht, die man, statt sie zu genießen, verderben läßt. Das sind Ungeheuerlichkeiten, die vollkommen würdig sind dieser zivilisirten Ordnung, welche stolz auf ihre Weisheit und ihre Wissenschaft ist. Aber wenn man einem schönen Mädchen, um den Preis, ihre Keuschheit zu bewahren, eine Vergeltung in Aussicht stellt, ist diese ihr gewiß? Sie läuft nicht geringe Gefahr, einen Spieler, oder einen durch Ausschweifung brüchig Gewordenen, einen rappelköpfischen oder brutalen Mann zum Gatten zu erhalten. Ferner hat ein anständiges Mädchen selten genug Finesse, um die Heucheleien, die trügerischen Aufmerksamkeiten ihrer Bewerber zu erkennen, durch die eine ein wenig erfahrene Frau nicht mehr getäuscht wird. Hat sie aber eine gute Partie in Aussicht, so wird irgend eine Intriguantin, die in der Kunst zu bezaubern geübt ist, sie ihr entfremden. Das anständige Mädchen wird darum betrogen, es erhält nur einen unfruchtbaren Tribut der Achtung und altert oft in der Ehelosigkeit.“
„Ich kann mich nicht so, wie ich es wünschte, hier aussprechen, weil die Erörterung dieser Fragen dem allgemeinen Vorurtheil zuwider ist, und doch sollte man sie gründlich behandeln, um die Unanständigkeit, die Heuchelei und die schlechten Sitten der Zivilisirten in Allem, was das Verhältniß der Geschlechter betrifft, an den Pranger zu stellen. Die Sitten in der Harmonie mögen auf den ersten Anblick Anstoß erregen, sie werden aber alle Tugenden gebären, von denen sehr überflüssiger Weise die Zivilisation nur träumt.“
„Wenn ich das Erziehungssystem darlege, nach dem die Kinder in der Harmonie sich entwickeln, so werden die meisten Väter rufen. 'Ah, das ist schön, das ist, was ich längst gewünscht, so sollte und müßte es sein'; aber wenn ich es auch unternehme, die Liebesbeziehungen darzulegen, so schreien die bissigen Moralisten, daß ich die guten Sitten verletze. Sie werden über jede Parallele verwundert sein, die ich zwischen den Gewohnheiten der beiden Gesellschaftsordnungen ziehe. Zum Beispiel, wenn ich die vestalischen Vermählungen mit denen der Zivilisation vergleiche, deren Moral nur unanständige und skandalöse Gewohnheiten zu Grunde liegen: so die zweideutigen Zeremonien, die der Verbindung des Paares vorausgehen; die zweideutigen Wortspiele, die Trunkenheit der Festbetheiligten, das Herfallen mit schlechten Scherzen über die Braut. Die Gepflogenheit der Saufgelage kann einer dezenten Gesellschaft, wie sie die Vestalen sind, nicht gefallen; sie haben die Methode, ihre Vereinigung zu vollziehen, ohne daß sie zuvor den Spöttereien und Witzeleien ausgesetzt sind, die den nächsten Morgen noch immer früh genug kommen. Es bleibt weder Zeit für die ewigen zweideutigen Wortspiele, noch für die moralischen Schlemmereien.“
„Man begeht, wie man sieht, in der Harmonie nicht die Inkonsequenz, Vestalinnen zu schaffen ohne Vestalen, sie ahmte sonst den Widerspruch der Zivilisation nach, die den Mädchen die Keuschheit vorschreibt, aber die Ausschweifungen der jungen Männer tolerirt, d. h. man provozirt bei den Einen, was man den Andern verbietet, eine Zweideutigkeit, die der Zivilisation würdig ist. Welcher Art werden die jungen Männer sein, die in der Harmonie sich für das Vestalat erklären? — Diejenigen, die, wie die Söhne des Theseus, für aktive Thätigkeiten, aber wenig für die Liebe neigen. Wenn Hippolyt die Jagd allein genügte, um ihn von der Liebe abzuziehen, so wird eine soziale Ordnung, die jedem Jugendlichen dreißig und mehr Gelegenheiten bietet, wo er seine Kräfte üben und seinen Ehrgeiz befriedigen kann, interessanter sein, als das mittelmäßige Vergnügen der Jagd.“
„Vergegenwärtige man sich immer wieder, daß alle diese anscheinend so romantischen Gepflogenheiten den Zweck verfolgen, den wirklichen Reichthum der Phalanx zu steigern, indem sie die Liebe in allen ihren Unterarten für den Fortschritt der Arbeit und der Entwicklung nutzbar machen. Der Reichthum steigt in demselben Maße, wie allen Trieben der freie Aufschwung gesichert ist. Es wird geschehen, daß die Alten, die in der Harmonie den Reichthum und die Vergnügungen mehr lieben werden, als man sie heute liebt, die Ersten sein werden, welche die Freiheit der Liebe herzustellen verlangen. Die nöthigen Gegengewichte werden sich in genügender Zahl aus der Konkurrenz der Instinkte und der Geschlechter ergeben.“ ...
„Man sieht, daß meine Theorie überall eine einheitliche ist, alle Probleme haben dieselbe Lösung, die Bildung von Serien, freien Gruppen, und diese nach den drei Regeln zu entwickeln: geschlossene Abstufung der Triebe (Kabalist), Wechsel in der Ausübung aller Thätigkeiten (Papillone), kurze Sitzungen (Komposit). Das ist die feste Regel für die Bildung und Entwicklung der Serien; ihr Zweck muß sein, überall die Konkurrenz der Geschlechter, der Lebensalter und der Instinkte zu begründen.“
„Den Leser choquirt die Idee der freien Liebe, weil daraus ein Durcheinander der Kinder verschiedener Abstammung resultire; um diese Vorurtheile zurückzuweisen, müßte ich zu sehr weitläufigen Auseinandersetzungen greifen, die ich hier nicht geben kann; ich werde beweisen, daß das zivilisirte Regime alle die Uebel erzeugt, die man von der Freiheit der Liebe befürchtet, daß aber diese Freiheit, auf eine Phalanx mit Serien der Triebe angewandt, alle Unordnungen, die sie in der Zivilisation hervorruft, vermeidet. Wie es in der Zivilisation aussieht, dafür mögen einige Beweise folgen. Die Statistik von Paris ergiebt, daß ein Drittel der Väter ihre Kinder verlassen und verleugnen. Auf 27.000 Geburten rechnet man über 9000 Bastarde, und doch ist Paris der Mittelpunkt der „moralischen Erleuchtung“ und die „Vollendung der Vervollkommnung der Vervollkommnungsfähigkeit“. Wenn überall ebenso viel Vollkommenheit existirt als in Paris, ist ein Drittel der Kinder von ihren Vätern verlassen. Ferner sind da die syphilitischen Krankheiten, die in unserer Ordnung zahlreiche Opfer erfordern. Die Jugend wird bei unseren Sitten zur Unaufrichtigkeit erzogen, sie macht sich ein Spiel daraus, diese Krankheiten zu verbreiten, deren Gefahr jede kluge Person zwingt, sich von der galanten Welt zu isoliren und so die unnatürliche Befriedigung der Triebe herausfordert. Ferner: Wenn im jugendlichen Alter die Mädchen über die Treue getäuscht werden, so täuschen später ihrerseits die Frauen; sie nehmen einfach Repressalien. Wenn in Paris, „dem Hort der Moral“, man jährlich über 9000 Väter sieht, die ihre Kinder verlassen, so wird die Rache der Mütter eine entsprechende sein. Auf 27.000 Geburten schwören die Frauen 9000 Kinder ihren Ehemännern zu, die sie von ihren Liebhabern bekommen haben. Das ist Reziprozität der Väter und Mütter für ihre Kinder. Ferner: Nach dem Liebesalter gefallen sich die Alten inmitten ihrer zärtlichen Kinder und Enkel, die natürlich in den gesunden Doktrinen der Philosophie erzogen wurden, und freuen sich der ihnen erwiesenen Zuneigung. Es ist meist nur Duperie und Scheinheiligkeit. Alle diese Aufmerksamkeiten gelten nicht ihnen, sondern ihrem Vermögen. Um sich davon zu überzeugen, brauchten sie nur den Zusammenkünften beizuwohnen, bei welchen die Liebenden ihre Eltern glossiren. Sie werden als lächerliche Harpagons oder unbequeme Argusse behandelt; man unterhält sich mit Wünschen, wie, daß der Augenblick bald kommen möge, um ein Vermögen genießen zu können, das nach der Meinung der Jungen die Alten nicht anzuwenden verstehen. Man antwortet: daß ehrenhafte Familien vor geheimen Orgien sicher sind. Ja, so lange die Furcht darin herrscht. Aber sind die Väter und die Argusse todt oder abwesend, in demselben Augenblick kommt auch die Orgie, oft selbst während die Väter leben. Die jungen Leute überzeugen die Väter, daß sie nicht kommen, ihre Töchter zu verführen, daß sie wahre Freunde der Moral und der Verfassung sind, andererseits überzeugen sie die Mutter, daß sie eben so hübsch wie die Tochter ist, „was manchmal wahr ist“. Gestützt auf diese Argumente, organisiren sie im Hause die maskirte Orgie. Der Vater gewahrt den Kniff und versucht widerspenstig zu werden, aber die Frau beweist ihm, daß er nicht die rechte Einsicht habe und er schweigt. Und selbst wenn die Väter solche Fallen zu vermeiden wissen, gerathen sie nicht in zwanzig andere Unannehmlichkeiten, in einen wahrenCercle vicieuxvon moralischen Sottisen? Hier fällt eine gehorsame Tochter in Krankheit und stirbt, weil ein Band ihr versagt blieb, das die Natur gebot. Dort wird eine entführt oder schwanger und alle väterlichen Berechnungen werden zu Schanden. Und welch eine Verlegenheitsquelle sind Töchter ohne Aussteuer? Um sich zu erleichtern, schließt der Vater die Augen über die Freiheiten der Schönsten, damit ihm die Kosten ihres Flitterstaats erspart bleiben. Die wenigst Schöne steckt er in ein ewiges Gefängniß,18ihr sagend, daß sie glücklicher sein werde, wenn sie Gott diene. Oder er hat eine Tochter verheiratet, aber die Verbindung geht zu Grunde, und statt eine Tochter los und ledig zu sein, hat er sie und ihre ruinirte Familie zu erhalten. Und so ließen sich noch viele Fälle der Enttäuschung anführen.“
„Da kommt die Moral und beweist an einigen glücklichen Ausnahmen, welche segensreiche, Glück bringende Einrichtung diese Ehe unserer Zivilisation sei, aber die große Majorität, die dieses Glückes beraubt ist, sieht und empfindet dieses Glück nicht. Väter wie Kinder sind in falscher Position, die gute Ordnung beruht auf einem mehr oder weniger maskirten Zwang, und dieser Zwang erstickt die Zuneigung; er reduzirt das Familienleben zu einem Trugbild. Die Eltern erhalten das wahre Glück nur in einer Ordnung, die den Wünschen der Natur entspricht, aber unsere Moralisten haben nie eine Studie über die Beziehungen der Liebe gemacht. Ein Beispiel lehrt dies.“
Fourier bezieht sich hier zum Beweis für die Richtigkeit seiner Anschauung über die Moralisten auf einen Vorgang, der ihm zufolge im Pensionat des berühmten Pestalozzi in Yverdon vorgefallen sein soll, und er verspottet hierbei zugleich die sogenannte intuitive Methode, nach der Pestalozzi bei seinem Erziehungssystem verfuhr. Wie weit der zu erzählende Vorfall auf Wahrheit beruht, können wir nicht kontroliren, indeß sind ähnliche Vorgänge auch heutzutage durchaus nichts Seltenes. Fourier erzählt also, daß, während Pestalozzi in seinem Institut nach seiner intuitiven Methode Jünglinge und junge Mädchen unterrichtete, er gar nicht gewahr wurde, wie diese unter sich nach der sensitiven Methode handelten. Daraus entstand denn eines Tages eine schreckliche Entdeckung. Es gab ein fürchterliches Durcheinander. Es ward entdeckt, daß eine Anzahl der Schülerinnen theils durch Lehrer, theils durch Schüler schwanger geworden war, worüber, sehr begreiflich, der berühmte Lehrer ganz außer sich gerieth, der, wie Fourier boshaft hinzusetzt, „bei dem Grübeln über seine intuitiven Subtilitäten ganz und gar vergessen hatte, der Intuition der Liebe Rechnung zu tragen“. „Während so die Philosophen die Triebe unterdrücken wollen, kommen diese und unterdrücken unvermutheter Weise die arme Philosophie. Es zeigt sich hier, daß, wie immer man sich in der Zivilisation der Freiheit nähern will, sei es in Sachen der Liebe, sei es in Sachen der anderen Triebe, man fällt stets in einen Abgrund von Sottisen, weil die Freiheit nur im sozietären Zustand zur Geltung kommen kann, wovon die Moral keine Ahnung hat.“
Fourier sagt dann weiter: Die Freiheit zu besitzen und zu sichern, sei der Wunsch des Menschengeschlechtes, aber das könne man nicht, ohne den Mechanismus der Gegengewichte zu kennen, die den Mißbrauch der Freiheit verhüteten. Deshalb tappte bisher der menschliche Geist im Finstern und fielen alle Neuerer, die revolutionären Politiker, mit ihren Versuchen, wie die Pestalozzi und Owen und andere politische Halsbrecher, stets von der Charybdis in die Skilla.
Es ist nicht uninteressant, hier auch ein Urtheil anzuführen, das Fourier über Kant und, indem er über die Methode Pestalozzi's spricht, über die Deutschen überhaupt fällt. Er sagt über Kant: Welches Wesen habe man von ihm gemacht. Er sei der erste Metaphysiker der Schule. Kein Anderer solle wie er mit analytischer Gründlichkeit über die Wahrnehmungen der Anschauungen des Erkenntnißvermögens, die Willensäußerung der Empfindungen, Klarheit gebracht haben. Er sei ein Eroberer, der Alles an sich reiße, der das Angesicht der Wissenschaft gänzlich ändere. Er (Fourier) habe zu diesem Urtheil „Ja“ gesagt, obgleich er nicht die Fähigkeit besitze, über Kant oder die anderen Ideologen ein Urtheil abzugeben; er habe nie eine Zeile von ihrer Wissenschaft begriffen, was ihn aber nicht verhindere, über ihre Bedeutung auf Grund der vorliegendenResultatezu urtheilen. Heute rangire man die alten Ideologen unter die Alchimisten, man betrachte ihre Lehren als Visionen; damit sei nicht gesagt, daß die modernen Ideologen mit den Chemikern auf eine Stufe zu stellen seien, denn diese stützten sich auf die Erfahrung. Die Ideologen, Kant nicht ausgenommen, seien Schöngeister, Rechthaber(ergoteurs), die in einem Jahrhundert zu Ansehen kämen, das, wie das unsere, neue Götzenbilder brauche.
Charakteristisch an diesem Urtheil ist die Offenheit, womit Fourier zugiebt, Kant nie verstanden zu haben; damit, könnte man sagen, sei auch das Urtheil über Fourier gesprochen, und doch thäte man ihm Unrecht, denn für ihn entscheiden, wie er selbst sagt, die greifbaren Resultate, und diese allein. Fourier ist trotz aller Spekulationen, denen er selbst in seiner Ideenentwicklung verfällt, eine durchaus auf das Konkrete gerichtete Natur. Eine Spekulation, die keine praktischen Resultate für das Leben verspricht, verwirft er. Daß Kant mit Begriffen operirte, über Begriffe spekulirte, scheint ihm eine unfruchtbare Arbeit; eine solche Wissenschaft kann für die Menschen, die, nach ihm, nur das Glück wollen und zwar sichtbar und greifbar, keine Wissenschaft sein. Die Philosophie müht sich ab, den Begriff des Glücks zu definiren, Fourier ist damit sehr rasch fertig: Glück heißt volle Befriedigung aller Triebe des Menschen, suchen wir also ihm diese Befriedigung zu verschaffen. Was nicht darauf abzielt, ist, nach seiner Meinung, vom Uebel, metaphysische Spekulation ohne Werth; die Praxis und die Erfahrung entscheiden.
So urtheilt er auch weiter absprechend über Pestalozzi. Nach ihm ist Pestalozzi der praktische Metaphysiker, wie Kant der theoretische. Sein (Pestalozzi's) Institut sei jedenfalls das beste in Europa, es werde nach einer Methode geleitet, die von Montaigne bis Jean Jacques Rousseau empfohlen worden sei. Das Pensionat sei renommirt, und die Kinder seien stolz, ihm anzugehören, wie der Soldat stolz sei, in einem schönen Regiment zu dienen. Aber um das Kind anzuregen, seinen Wetteifer zu entfachen, habe man nichts als die intuitive Methode. Aber kein Kind beiße an die Angel. Pestalozzi gestehe selbst, daß er nur selten Kinder gewinne, und daß zwei Drittel desertirten und ungeduldig würden. Dazu komme, daß er wegen Mangel an Vermögen das Pensionat nur mangelhaft ausstatten könne. „Man traktirt vergeblich die Kinder mit der intuitiven Methode, um sie über ihre Unbehaglichkeit zu trösten, sie wollen nicht die von diesem ideologischen Dunst Getäuschten sein.“ Schließlich habe man die deutschen Kinder an diesen metaphysischen Jargon gewöhnt. Das sei nicht zu verwundern. Deutsche Kinder seien sehr geschmeidig, man bringe Tausende zum Gehorsam mit der Erklärung: „Es muß sein.“ Die Deutschen seien eine Nation „von Freunden der Ordnung“, der Deutsche sei ein Mechanismmus, den man jederzeit mit dem: „es muß sein“ in Bewegung setzen könne, da sei es leicht, die Kinder nach irgend welchen Zierereien der Metaphysik, wie diese intuitive Methode, zu bilden, aber für die Vortrefflichkeit der Erziehung beweise das nichts.
In Ausführung seiner Theorie erklärt Fourier weiter, daß, bevor die Bedingungen, unter denen die von ihm dargelegten Prinzipien freier Liebe sich verwirklichen könnten, mehrere Generationen im phalansteren System vergehen müßten. Das Geschlecht müsse erst dazu gesund erzogen und vorbereitet sein. Zunächst gelte es, die Syphilis, die ganze Geschlechter geschwächt habe, vollständig auszurotten, dann die politischen Hindernisse des Verkehrs der Geschlechter zu beseitigen; das Schwierigste aber sei, zu verhindern, daß nicht in dem Augenblick, wo man der Liebe größere Freiheit gebe, die geheime und korporative Orgie — worunter Fourier den ungeregelten, durch kein System der Serien der Triebe gezügelten Geschlechtsgenuß versteht — hervorbreche. Die Orgie könne nicht durch Unterdrückungsmittel verhütet werden, sondern durch die Oberherrschaft von Ehre und Tugend, erzeugt durch Einrichtungen, wie er sie in Bezug auf das Vestalat vorgeschlagen. Er glaubt ferner die Richtigkeit seiner Ansichten über die Liebe aus dem neuen Testament beweisen zu können, eine Beweisführung, die bekanntlich bis in die neueste Zeit von den auf religiöser Grundlage beruhenden kommunistischen Sekten sowohl für die Gemeinschaft der Güter, wie für die Freiheit des Geschlechtsverkehrs und die Gleichheit von Mann und Frau in's Treffen geführt worden ist, aber von Anderen und durch andere Stellen des neuen Testaments ebenso bekämpft wird.
Die Liebesbeziehungen, wie sie in der Zivilisation möglich seien, behauptet Fourier, zögen die Jugend von den Arbeiten und den Studien ab, sie erregten die Indolenz, die Frivolität und verführten zu unsinnigen Ausgaben. Umgekehrt werde in der Harmonie die Liebe zur Kultur und zum Studium anreizen und den Eifer dafür verdoppeln.
Fourier geht nun dazu über, zu untersuchen, wie die verschiedenen Geschlechter und Klassen für die neue Ordnung zu gewinnen seien und wo man den Hebel ansetzen müsse. Das einflußreichste Geschlecht seien die Kinder. Die Kinder wirkten auf die Mütter und die Mütter und Kinder zusammen auf die Väter; einem solchen Ansturm könnten letztere nicht widerstehen. Unter den Klassen seien es die Reichen, die auf die niederen Klassen den Einfluß hätten. Es gelte, die Reichen zu verführen, denn bequemten diese sich zur Arbeit in der Serie, so würden die übrigen Klassen, durch deren Beispiel angefeuert, erst recht eifrig bei der Sache sein. Welche Arbeiten würden es also sein, die Reiche und Kinder am ehesten zum Eintritt in die sozietäre Ordnung verführen könnten? Man merke wohl, es handelt sich nicht um ein Ueberzeugen, um ein Wirken auf den Verstand, sondern um ein Verführen, ein Wirken auf die Leidenschaften und Triebe. Auf die Kinder wird den größten Anreiz gutes Essen und Trinken üben, also die Gourmandis. Eine Küche für sie und die freie Befriedigung ihrer Geschmäcker wird ihre ganze Phantasie in Beschlag nehmen und gewinnen. Man wird also die Kinder in Serien und Gruppen organisiren und sie mit der Herstellung der gewünschten Herrlichkeiten vertraut machen. Von jetzt ab werden sie die eifrigsten Werber für die Phalanx werden. Dazu kommen die schon erwähnten anderen Anreize: Kleine Ateliers, kleine Werkzeuge, körperliche Exerzitien und choreographische Uebungen mit Vorstellungen, Ferien etc. in der Oper.
Die reiche Klasse wird anfangs zögern; die Einzelnen werden in diese und jene Serie treten und die Arbeit auf kurze Zeit versuchen. Aber eingetreten, naht die Verführung. Da ist ein reicher Mann, Namens Mondor, der von Natur Hang zu Gartenarbeiten hat. Er interessirt sich namentlich für Pflanzensamen, das Sammeln der Früchte und ihre Konservirung. Nun liebt Mondor besonders Rothkohl, den er an der Tafel der Phalanx ausgezeichnet findet; auch hat er davon schöne Beete auf den Feldern der Phalanx gesehen. Mondor läßt sich den Samen zeigen, untersucht ihn und giebt einer Gruppe von Säern einige gute Winke, worüber diese Mondor ihr Lob zollen, dessen Eigenliebe dadurch geschmeichelt wird. Er tritt in die Gruppe der Säer ein und betheiligt sich an ihren Arbeiten, aber ohne andern Gruppen beizutreten. Den Tag nach diesem Engagement erlebt Mondor, daß bei der Frühparade die Kinder ihn mit einer Fanfare begrüßen, worauf ein Herold vortritt und ihn zum Baccalaureus des Rothkohls, in Rücksicht auf seine Kenntnisse für diesen Zweig des Gartenbaues, ausruft. Dann tritt eine Vestalin vor, welche ihm die Abzeichen dieser Serie überreicht und ihn umarmt. Darauf empfängt er die Beglückwünschungen der Chefs, die durch die Kinder mit einer neuen Fanfare begleitet werden. All das gefällt Mondor so, daß er sich entschließt, ganz in die Phalanx einzutreten und an ihren Arbeiten seinen Neigungen entsprechend theilzunehmen.
„Auf ähnliche Weise wird jeder reiche Mann und jede reiche Frau“, meint Fourier weiter, „nachdem sie einige Tage in der Phalanx zugebracht haben und allen Vorgängen gefolgt sind, gewonnen, und sie werden überrascht sein, plötzlich zwanzig und mehr industrielle Anziehungen bei sich zu entdecken, die sie bisher selbst nicht kannten. Es ist der häufige Wechsel in der freien Wahl der Thätigkeit, was ihnen besonders gefällt. Der Einfluß dieser parzellären Anwendungen, bald hierin, bald darin, wird die Wirkung haben, daß sieben Achtel der Frauen sich für die verschiedensten Beschäftigungen der Hauswirthschaft interessiren, die ihnen heute meist widrig erscheinen. Diese liebt nicht, sich mit der Pflege kleiner Kinder abzugeben, sie wird aber gern in eine Gruppe eintreten, die sich mit einem Zweig der Schneiderei oder Nähterei befaßt; die andere will nicht am Herde stehen, sie ist dagegen eingenommen für die Herstellung verzuckerter Krême und die Arbeiten der Konservirung; umgekehrt werden Andere angenehm finden, was Jene verwerfen. So werden die Frauen zwanzig und mehr Beschäftigungen finden, für die sie in der Zivilisation nicht die Mittel und die Einrichtungen besaßen, oder die sie ermüdeten und mißstimmten, weil sie dieselben ohne Abwechslung und bis zum äußersten Maß ihrer Kräfte erfüllen mußten.“