Chapter 5

„Gewöhnlich geben die Ehemänner und Moralisten der Frau in der Ehe wenig Geld, aber viel gute Rathschläge, und so finden die Frauen in der Haushaltung nur Plackerei und Entbehrungen, wie die Männer in der Bodenkultur nur Ermüdung und Spitzbüberei finden. Der immerwährende Wechsel der Beschäftigung nach Wahl wird die Hauptquelle der industriellen Anziehung und daraus werden andere Anreize hervorgehen. Chloe hat mehrere Male an einer Tafel der Serie der Lautenmacher servirt und hat aus den gepflogenen Unterhaltungen Interesse für diese Beschäftigung gewonnen; sie faßt eines Tages den Entschluß, das Atelier derselben zu besuchen, und was sie sieht und hört, gefällt ihr so, daß sie beschließt, in die Serie der Lautenmacher einzutreten. Ohne daß sie diese Gesellschaft kennen lernte und ihr Atelier besuchte, würde sie nie Interesse und Trieb für diese Beschäftigung empfunden haben. Weiter: Sebastian, ein junger Mann ohne Vermögen, zerreißt eines Tages an einem Haken sein schönstes Kleid. Den nächsten Tag entdeckt dies bei der Ordnung von Sebastian's Zimmer eine der Zimmerordnerinnen und diese bringt das Kleid zu den Ausbesserinnen, wo Celiante, eine reiche Dame von fünfzig Jahren, die Leitung hat. Celiante ist sehr passionirt für solche Arbeiten und betrachtet sich selbst mit Stolz als die Geschickteste in der Serie. Celiante kennt Sebastian, dem sie mehrfach in Gruppen, in welchen er sich auszeichnete, begegnete und empfindet Wohlwollen für ihn. Sie benutzt also diese Gelegenheit, ihm ein Zeichen ihrer Wohlgeneigtheit zu geben, indem sie selbst in meisterlicher Weise an Sebastian's Kleid die Reparatur vornimmt. So wird der unvermögende Sebastian in der Phalanx von einer Dame bedient, die Millionärin ist. Solche Begegnungen und Zufälle giebt es in der Phalanx täglich in Menge, die häufig auch zu ernsteren Beziehungen führen.“

„Die Leistung wird nie von Person zu Person bezahlt, die Phalanx stellt sie in Rechnung; die Leistung erlangt dadurch den Charakter der rein unpersönlichen Beziehung. Arm arbeitet für Reich, Alt für Jung und umgekehrt. Die Greise und Greisinnen, die zu keiner Leistung mehr verpflichtet sind, werden es sich zum besonderen Vergnügen machen, die Kinder in den Thätigkeiten zu unterweisen, für die sie selbst ein lebhaftes Interesse besaßen, oder noch besitzen; sie werden in diesen Kindern die Erben und Nachfolger ihrer Lieblingsbeschäftigungen erblicken, und ein Kind ohne Vermögen wird häufig von ihnen adoptirt oder mit Legaten bedacht werden. In der Phalanx hat Jeder die Gewißheit, daß er in seinen Lieblingsvergnügen und Beschäftigungen Nachfolger findet, in der Zivilisation nicht. Die Natur scheint ein solches Verhältniß zwischen Eltern und Kindern häufig nicht zu begünstigen, indem die Söhne oft ganz andere Neigungen und Anlagen als die Väter haben, worüber in der Zivilisation die Eltern oft bitter klagen.“

„Im Widerspruch mit dem auf Ausgleichung und Uebereinstimmung berechneten Charakter der Harmonie läuft die Zivilisation darauf hinaus, die verschiedensten Klassen und Lebensalter miteinander zu überwerfen. Eltern und Kinder, Vorgesetzte und Untergebene, Unternehmer und Arbeiter befinden sich meist in Differenzen über Anschauungen und Neigungen, Befugnisse und Pflichten. Gehalt- und Lohnfragen führen zu Streitigkeiten ohne Ende, und das persönliche Kommando wird Gegenstand des Hasses, denn jedes willkürliche Befehlen ist demüthigend für den, welcher gehorcht. Das persönliche Regiment ist in der sozietären Ordnung unmöglich; Alles ordnet sich nach freier Uebereinkunft und passioneller Zustimmung. In einem Solchen Zustande giebt es keine Willkür in der gegebenen Ordnung, nichts Beleidigendes im freiwilligen Gehorchen. Da, wo die zivilisirte Ordnung mit ihrer Privatwirthschaft und ihren abhängigen Existenzen stets zwei- und dreifache Disharmonie und Unordnung schafft, erzeugt der sozietäre Zustand drei- und vierfache Freude, Bande der Uebereinstimmung jeder Art.“

„Aber der sozietäre Zustand wird auch häufig zu gemischten Gruppen und Serien greifen müssen, in denen ein uns fremder und von uns verächtlich behandelter Geschmack, für den wir keine Verwendung haben, zur Anwendung kommt. Zum Beispiel, wenn es sich um Ausführung einer schwierigen, nicht sehr angenehmen Arbeit handelt, wie die, einen Berg mit der Anpflanzung eines Forstes zu krönen. Hierfür wird man kaum eine Serie finden, die sich aus Trieb mit der ganzen Arbeit belasten will; man wird also gemischte Serien, die nacheinander folgen, in's Spiel setzen müssen, denn man wird Erdtransporte und grobe Arbeiten vorzunehmen haben. Man schickt also zunächst die Beginner(initiateurs)in's Treffen, d. h. Leute, die alles Neue mit Feuereifer beginnen, aber nichts zu Ende bringen, deren Strohfeuer nach einigen Sitzungen verraucht ist, die aber überall, wo es einen gefährlichen oder unangenehmen Schritt zu thun giebt, bei der Hand und darum sehr werthvoll sind. Es sind Charaktere, die man leicht stimuliren kann und die vor keiner Schwierigkeit zurückschrecken. Bis sie ermüdet sind, hat das Werk ein anderes Angesicht gewonnen, und nun kommen dieGelegenheitscharaktereoder dieWetterfahnenan die Reihe, Leute, die sich mit jedem Winde drehen, immer die Ansicht des zuletzt Gekommenen haben und für jede Neuheit, die Kredit erlangt hat, zu gewinnen sind. Sie schwören, wenn sie das Unternehmen in Angriff genommen sehen, daß es sehr plausibel sei, und werden sich mit den Beginnern, die zurückgeblieben sind, verbinden. Darauf folgen die Wunderlichen oder ewig Beweglichen, Leute, die sich in Alles mischen, washalbgethan ist, es modifiziren und umändern, beständig ihre Thätigkeit wechseln, einen guten Posten für einen schlechten hergeben, ohne einen anderen Grund, als ihre natürliche Unruhe. Sie machen sich eifrig an die Anpflanzung, sobald sie sehen, daß die Arbeiten vorgeschritten sind, und man wird ihnen jede nichts bedeutende Aenderung gestatten, um sie zu streicheln. Diese werden mit dem Rest der Vorhergehenden einige Zeit bei ihrer Arbeit aushalten. Dann folgen dieChamäleonsoderVeränderlichen,eine in der Zivilisation sehr zahlreiche Klasse, die immer dabei sind, wo eine Sache Erfolg hat. Sie werden bei einem Werk nicht unthätig bleiben wollen, das zu zwei Dritteln beendet ist, sie werden die Arbeit bis ziemlich zu Ende führen, aber dann sie verlassen. Jetzt ist der Moment gekommen, wo die Fertigmacher(finiteurs)antreten können. Das sind die Leute, die sich immer erst dann für ein Werk begeistern, wenn sie es fast vollendet sehen. Niemals erhält man für einen Anfang ihre Stimme, sie erklären jedes Unternehmen für unmöglich, für lächerlich und ergehen sich in übertreibenden Anklagen gegen die, welche eine Verbesserung beginnen, und behandeln als Narren oder hirnlosen Neuerer Jeden, der etwas Großes unternimmt. Ist aber das Werk zu drei Vierteln fertig, dann ändern diese Aristarchen den Ton; sie werden Lobredner von dem, was sie erst beschrieen und behaupten, daß sie von vornherein das Unternehmen unterstützt, das ohne ihre Hülfe nicht geworden wäre. Sie werden ihre Inkonsequenz nicht gewahr und machen sich jetzt voll Hingebung an das Werk. Dieser letztere Charakter ist sehr häufig in Frankreich; nach geschehener That fordern die Franzosen alle Neuerungen zurück, die sie anfangs verlachten.“

Fourier benutzt diese Gelegenheit, um seinen Landsleuten den Text zu lesen über die Art, wie sie ihn selbst und seine Entdeckung behandelten. In Sachen der Harmonie oder industriellen Anziehung ermangelten sie nicht, sich als echte Fertigmacher, d. h. Leute, die zuletzt kommen, wenn die Hauptarbeit gethan ist, zu zeigen. Sie haben begonnen, ihn, den Entdecker und Autor der Phalanx, zu beschimpfen, später werden sie die Gründungsaktionäre verlachen, dann, wenn sie die Vorbereitungen zu der Versuchsphalanx vorschreiten sehen, werden sie sich eines Besseren besinnen und schließlich in dem Moment der Eröffnung die Aktien zum drei- und vierfachen Preise zurückkaufen. Nun werden sie behaupten, daß sie den Autor von Anfang an protegirt und bewundert haben und ihn in seiner Entdeckung ermuthigten. Und wie die Extreme sich berührten, so seien die Franzosen große Unternehmer für bekannte Dinge, die Andere probirt. Kein Volk neige mehr dazu wie sie, Alles zu beginnen, aber ohne etwas zu beenden, den Plan der Arbeit zu ändern, wenn er zur Hälfte vollendet sei. Nie sehe man einen Sohn einen Plan vollenden, den der Vater begonnen, nie einen Architekten einen Plan fortführen, den sein Vorgänger angefangen. Die Franzosen seien Wetterfahnen, die sich nie an einen bestimmten Geschmack, nie an eine Meinung bänden, plötzlich von einem Extrem in's andere fielen und das Widerstreitendste zu verbinden suchten. Vor einem halben Jahrhundert seien sie voll Verachtung für den Handel gewesen und heute lägen sie voll kriechender Schmeichelei vor ihm auf dem Bauch; ehemals rühmten sie sich ihrer Rechtschaffenheit und heute seien sie ebenso betrügerisch im Handel wie Chinesen und Juden. Kurz, der nationale Charakter der Franzosen sei in jeder Beziehung ein Gemisch von Gegensätzen, und wenn künftige Geschichtsschreiber, in der Harmonie die Geschichte der Zivilisation schreibend, die Charaktere klassifizirten, würden die Franzosen als Typus der Widersprüche an der Spitze der Stufenleiter stehen.

Wie Fourier seine Landsleute kannte, geht auch noch aus einer anderen Stelle seiner Schriften selbst hervor, wo er von zwei Personen ein Zwiegespräch über sich und sein Werk führen läßt. Wir lassen die amusante Stelle hier folgen:

„Was steht in diesem Buch über die Anziehung? — Bah! Narrheiten. Der Mensch, der es schrieb, behauptet, daß man bisher die Entdeckung über die Bestimmungen verfehlt habe; daß dem Menschengeschlecht ein unermeßliches Glück vorbehalten sei; daß eine Berechnung über die universelle Harmonie der Triebe existire; daß diese strebten, eine neue soziale Ordnung zu gründen, welche nichts mit der Unordnung der Zivilisation zu thun habe und ihr entgegengesetzt sei; eine Ordnung, in der alle Völker in Freuden schwämmen und trotz der Ungleichheit der Vermögen für Alle Ueberfluß herrsche; eine Ordnung, wo die Arbeit anziehender werde, als unsere Bälle und Schauspiele; eine Ordnung, die, sobald sie nur versuchsweise an einem Orte eingeführt sei, von allen Völkern der Erde ohne Unterschied des Kulturgrades mit Begeisterung angenommen werde! — Das ist ein gigantischer Roman, wie je einer existirte; großartig in Wahrheit, aber unmöglich. Alle unsere Philosophen hätten sich also getäuscht, wenn der Autor Recht hätte; so viel wissenschaftliche Erleuchtung von Plato und Seneka bis Montesquieu und Rousseau sollte ein Nichts sein? Unmöglich; sicherlich träumt dieser Mensch. Und wer ist er? Ein Akademiker, ein berühmter Philosoph? — Nein! es ist einer der unbekanntesten Provinzialen. — Bah, ihm mangelt der gesunde Verstand! Ja, ja, die Provinz liefert solch originelle Käuze!“

Fourier stellt im weiteren Verlauf seiner Ausführungen ferner die These auf, daß im sozietären Regime die Gourmandise die Quelle der Einsicht, der Aufklärung und sozialen Uebereinstimmung werde und begründet diese uns sehr fremd erscheinende These also:

Kein Trieb sei übler angesehen, als die Gourmandise (Leckermäulerei). Könne man aber annehmen, daß Gott als Laster einen Trieb betrachtet haben wolle, dem er eine so große Herrschaft gegeben? Seine Herrschaft sei die allgemeinste. Andere Triebe, wie Liebe, Ehrgeiz übten nur auf das reife und männliche Alter mehr Einfluß, aber die Gourmandise verliere niemals ihre Herrschaft über die verschiedensten Alter, Klassen und Völker, sie sei permanent bis zum Lebensende; sie herrsche über die Kinder wie über die Erwachsenen. Man habe Soldaten Revolutionen machen sehen, um sich betrinken zu können, und der Wilde, der die Zivilisation verabscheue, gebe sich für eine Flasche Branntwein zur Arbeit her und verkaufe für eine Flasche starken Liqueurs seine Frau und Tochter. Würde das Menschengeschlecht so gebieterisch diesem Trieb unterworfen sein, wenn er nicht zu einer hochwichtigen Rolle in dem Mechanismus unserer Bestimmung ausersehen wäre? Und wenn nun dieser Mechanismus die industrielle Anziehung sei, müsse dieser sich dann nicht innig mit diesem gastronomischen Trieb — der Gourmandise — verbinden? Sie müsse in der That das allgemeine Band der industriellen Serien, die Seele ihrer alles bewegenden Intriguen bilden. In der Zivilisation könne die Gourmandise nicht mit der Arbeit verbunden sein, weil der Produzent selbst nicht genieße, was er erzeuge. Die Befriedigung dieses Triebes sei hier Vorrecht der Müßigen und dadurchalleinwerde er lasterhaft, wenn er es nicht schon durch die Ausgaben und die Exzesse, die er erzeuge, wäre. —

„In der Harmonie spielt die Gourmandise die entgegengesetzte Rolle, sie ist nicht Belohnung des Müßigganges,sondern der Arbeit,denn der Aermste nimmt Theil an den werthvollsten Genußartikeln. Sie wird ihn, Kraft der Abwechslung vor Exzessen bewahren, aber indem sie die Intriguen der Konsumtion mit denen der Produktion verbindet, wird sie die Arbeit stimuliren. Wollen Alle die höchsten Tafelfreuden genießen, so müssen Alle sich anstrengen, die vorzüglichsten Qualitäten der Nahrungsmittel zu erzeugen. Das Mittelmäßige wird verschwinden und binnen wenig Jahren wird aller Boden so kultivirt sein, daß er nur noch das Beste trägt. Man wird die Eigenschaften des Bodens zur höchsten Vollkommenheit zu bringen suchen; man wird gute Erde anfahren, wo jetzt schlechte ist, und wo der Boden nicht zu verbessern ist, ihn aufforsten. Acker- und Gartenbau müssen mit der Industrie wetteifern. In der ganzen Phalanx muß das Prinzip herrschen, durch alle möglichen Verbesserungen: Nahrungsmittel, Kleidung, Möbel und Alles, was zur Erhöhung der Lebensannehmlichkeiten beiträgt, zu stetig steigender Vervollkommnung zu bringen. Dies Prinzip erkennen auch die Moralisten an, die gegen den schlechten Geschmack des Publikums eifern. Aber in diesem, wie in allen anderen, ist die Moral in Widerspruch mit sich selbst; sie will Literatur und Künste heben und verbessern, aber sie will uns in derwesentlichstenBranche, in dermateriellen Lebenshaltung,im Zustand der Rohheit halten, obgleich grade hier der Keim ist, der die industrielle Anziehung gebiert und das Bedürfniß nach Vervollkommnung weckt. So wenden die Moralisten da ihr Prinzip zuerst an, wo eszuletztangewandt werden sollte.“

„Man muß in der Phalanx alle Geschmäcker entwickeln, selbst die bizarrsten, namentlich auch bei den Frauen, die oft eine starke natürliche Neigung zu Genüssen haben, die mit dem guten Ton sich schwer vertragen. Die Gastronomie ist es zunächst, welche die Zurückführung zur Natur bewerkstelligen wird, wenn man ohne Aufschub das Hervorbrechen industrieller Serien für die Ausgleichung der Triebe erreichen will. Beispiel: Ein neunjähriges Mädchen liebt allem Lächerlichmachen zum Trotz den Knoblauch. Man spekulirt also auf diesen Geschmack durch ein doppeltes Ineinandergreifen von Umständen. Zunächst auf die Vermischung der Geschlechter in einer Serie; denn die Serie, welche zwiebelartige Gewächse kultivirt, wie Knoblauch, Zwiebeln, Schnittlauch, Schalotten, besteht gewöhnlich aus Männern. Man muß ihr also ein Achtel Frauen zuführen, die man aber meist im jugendlichen Alter wird suchen müssen, da selten ein Mädchen über 16 Jahren am Knoblauch Geschmack finden dürfte. Man wird zweitens aber auch die Vermischung der Arbeiten bei den Individuen herbeiführen müssen. Ein junges Mädchen liebt den Knoblauch, aber es liebt nicht das Studium der Grammatik, wohingegen ihre Eltern wünschen, daß sie den Genuß des Knoblauchs unterlasse, aber sich den Studien hingebe. Diese Wünsche sind in doppelter Beziehung gegen ihr Naturell. Man sucht also lieber Beides in doppeltem Sinne zu entwickeln. Sie steht im Garten und an der Tafel mit Liebhabern des Knoblauchs in Beziehung, und so erhält sie eines Tages von Marzellus eine Ode zum Lobe des Knoblauchs behändigt. Lebhaft pikirt über die Lästerer des Knoblauchs, ist sie beeifert, die Ode kennen zu lernen. Man benutzt also die Gelegenheit, um sie in freier Weise in die Schönheiten der lyrischen Poesie, des Versmaßes einzuführen; vielleicht kann sie sich eher für die Poesie als für die Grammatik begeistern, und so führt man sie von einem Studium zum andern. In dieser Weise verbindet die sozietäre Erziehung den kabalistischen Geist und den Hang zum Bizarren, um bei einem Kinde die Neigung für die Studien zu wecken, es indirekt zu einem Studium zu führen, das es ohne irgend eine stimulirende Intrigue zurückgewiesen haben würde. Es ist unzweifelhaft der natürlichste Weg, mit Hülfe solcher Intriguen die Kinder zur Initiative für die Arbeit zu gewinnen; man benutzt die Gourmandise als Mittel zum Zweck.“

Fourier vergleicht den Geschmackssinn mit einem Wagen, der auf vier Rädern läuft, die bezeichnet werden könnten mit Gastronomie, Küchenwirthschaft, Konservirung und Kultur der Lebensmittel. In der Zivilisation finde man es zwar häufig gerechtfertigt, die Kinder in die drei letzteren Thätigkeitszweige nach Möglichkeit einzuweihen, aber von der ersteren, der Hauptsache, halte man sie fern, sie gelte als ein Uebel. Die Gastronomie werde allerdings erst dann als Wissenschaft zu Ehren kommen, wenn sie den Bedürfnissen Aller genüge. Gegenwärtig sei es Thatsache, daß die Menge, statt in Bezug auf guten Tisch Fortschritte zu machen, mehr und mehr zurückkomme und immer schlechter sich nähre; ihre Nahrungsmittel ließen sowohl bezüglich ihrer Nahrhaftigkeit als ihrer Menge zu wünschen übrig. Wohl sehe man in Paris einige Tausend sich den Bauch pflegen und am Besten sich gütlich thun, aber Hunderttausende bekämen nicht einmal eine natürliche Suppe. Die Bouillon sei nur Schein, man bereite sie aus ranzigem Speck, Talg und fauligem Wasser. Der Handelsgeist sei im Wachsen und die niederen Klassen würden mehr und mehr von seinen Betrügereien erdrückt. Die Gastronomie sei nur unter zwei Bedingungen lobenswerth, einmal, daß sie direkt für die produktiven Funktionen angewendet, mit den Arbeiten für die Kultur des Bodens und der Vorbereitung in Haus und Küche verbunden werde und der Gastronom, also der Genießende, selbst dabei thätig sein müsse; dann, daß sie zum Wohlsein der arbeitenden Menge in Anwendung komme und so das Volk an den Raffinements eines guten Tisches Theil nehme, der jetzt nur für die Müßiggänger vorhanden sei. Dieser Zweck werde erreicht, wenn alle auf die Konsumtion abzielenden Funktionen sich so zu sagen um die Gourmandise raillirten, denn letztere werde stets anziehend bleiben; sie müsse also die Basis des Gebäudes bilden, wenn man dieses dauerhaft errichten wolle.

Unsere Philosophen stellten zwar das Prinzip auf, daß im System der Natur Alles verbunden sei, aber in unserm industriellen System sei nichts passionell verbunden. Die Industrie müsse durch auf die Gourmandise berechnete Serien ihre Verbindungen bilden, diese durch Trieb wie Anregungen an der Tafel zu den Arbeiten in der Küche, der Konservirung der Nahrungsmittel und dem Garten- und Feldbau führen. Kein Trieb habe mehr Anziehung, als derjenige des Geschmacks, um ein Ineinandergreifen der Thätigkeiten herbeizuführen; aber in der Zivilisation arbeite man diesem Trieb am Heftigsten entgegen, und zwar sei es hauptsächlich jene Verbindung, die ihrer Natur nach stets nur die Beschränktheit und die Einseitigkeit aufrecht erhalte:das Familienband.

Fourier beurtheilt den Kulturgrad einer Gesellschaft nach der Stellung, welche die Frau in derselben einnimmt, ein heute allgemein getheilter Standpunkt. Er geht aber weiter und macht die Gesellschaftsentwicklung überhaupt von der Stellung der Frau abhängig; nach ihm geht die Veränderung in der Stellung der Frau einem neuen Kulturzustand voraus, was nicht richtig ist, sondern diese Veränderung ist Folge. Wohl hat die bürgerliche Gesellschaft scheinbar Recht, und so urtheilt Fourier, daß die monogamische Ehe mit ihren legitimen Kindern Grundlage ihrer Gesellschaft ist, aber dieser monogamischen Ehevorausgeht das bürgerliche Eigenthum, der Privatbesitz an Grund und Boden und an den Produktionsmitteln. Der Privateigentümer ist bestrebt, sein Eigenthum zusammenzuhalten, auch über seinen Tod hinaus; er will in seinem Eigenthum gewissermaßen fortleben. Er sucht also einen Erben, der seinen Intentionen gemäß sein Eigenthum verwaltet und wo möglich vermehrt. Wo kann er diesen seinen Intentionen entsprechenden Erben besser finden, als in dem von ihm selbst gezeugten Kinde, das vielleicht auch der Erbe seiner Charaktereigenschaften ist und das er vor allen Dingen durch die Gewalt, die er über es ausüben kann, seinen Absichten gemäß zu bilden und zu erziehen suchen wird? Damit aber der Erbe auch sein wirklichlegitimerErbe sei, muß er möglichst sich vor der Gefahr sichern, die Kinder eines Fremden als die seinen ansehen zu müssen, und deshalb umgiebt er die Ehe mit all den gesetzlichen Zwangseigenschaften, die sie heute besitzt.

Die bürgerliche Ehe ist also mit dem bürgerlichen Eigenthum innig verwachsen,sie geht daraus hervor,und es ist ein ganz falscher Schluß, den Fourier macht, wenn er glaubt, in der bürgerlichen Ehe das Hauptübel sehen zu müssen, das der Umwandlung des bürgerlichen Zustandes in seinen sozietären sich entgegenstellt. Er ist von seiner Ueberzeugung, daß nur die Einehe das Hinderniß für den Ausgang aus der Zivilisation bilde, so durchdrungen, daß er dem Konvent vorwirft, dadurch die Revolution in ihrer Wirkung beschränkt zu haben, daß er vor der Ehe stehen geblieben sei. Wie konnte er nur eine halbe Maßregel, wie die Ehescheidung, gutheißen? Es waren die Philosophen, durch welche der Konvent sich gefangen nehmen ließ, sonst hätte nach seiner Meinung es geschehen können, daß die Revolution von 1793 eine zweite gebar, die eben so wunderbar gewesen wäre, als die erste entsetzlich war.

An sich ist es vollkommen richtig, wenn Fourier die Höhe eines Kulturzustandes bemißt nach der Stellung, welche die Frau in ihm einnimmt, es ist aber falsch, wenn er die Stellung der Frau als das Primäre, die Eigenthumsverhältnisse als das Sekundäre ansieht. Das Umgekehrte ist die Wahrheit. Im gesellschaftlichen Urzustand herrscht der Kommunismus an Grund und Boden, und wo dieser herrschte oder noch herrscht, existirt auch überall die freie Liebe, eingeschränkt durch gewisse Grenzen, die der allzunahen Blutsverwandtschaft gezogen werden. In diesem Zustand herrscht auch das Mutterrecht; wohl läßt sich die Mutter, aber nicht der Vater des Kindes nachweisen. In dem Maße, wie die Eigenthumsverhältnisse sich ändern, ändern sich auch die Beziehungen der Geschlechter. Mit der Entstehung von persönlichem Eigenthum wird auch die Frau persönliches Eigenthum, und da sie zugleich Arbeitsmittel wird, entsteht die Polygamie. Es giebt jetzt viele Mütter, aber einen Vater. Aber der Vater, der Töchter besitzt, wünscht seinen Töchtern, wenn er sie verheirathet, eine bevorzugte Stellung unter den anderen Frauen. Dieser Wunsch ist der Wunsch aller Eigenthümer, ihre Wünsche begegnen sich und man sucht durch größere Mitgift die Befriedigung dieser Wünsche zu erleichtern. Das Heirathsgut ist der Preis. Noch aber sind die Töchter im Gegensatz zu den Söhnen des Erbrechts beraubt. Allmälig erlangen sie auch dieses, sei es als Kaufpreis neben dem Heirathsgut, sei es als Tochter, die keine konkurrirenden Brüder hat. Damit kommt die Frau in die Lage, wo sie, statt der bevorzugten Frau, dieeinzigeFrau wird. Aus der Polygamie wird allmälig die Monogamie. Eigenthum und Erbrecht in ihrer weiteren Entwicklung sind die Klammern, welche die Einehe zusammenhalten, und da die Eigenthümer auch die Gesetzgeber sind, wird die Einehe, ganz abgesehen von dem Mangel an materiellen Mitteln, der bei Privateigenthum den meisten Männern es unmöglich macht, mehrere Frauen ernähren zu können, Zwangsordnung auch für Jene, die kein Eigenthum und folglich nichts zu vererben haben. Die hierarchische Ordnung und die Gesetze, d. h. der Zwang, kommen stets von Oben,sie sind die in Paragraphen formulirten Interessen der herrschenden Klassen.Der Kampf gegen diese Ordnung geht stets von Unten aus, und aus diesem Kampf, der selbst wieder auf der Entwicklung der sozialen und materiellen Lebensbedingungen der Masse beruht, entsteht der gesellschaftliche Fortschritt. Mußten also hiernach Fourier's positive Vorschläge, weil sie auf einer falschen Grundanschauung beruhten, negativ bleiben, so hat hingegen seine negative Kritik an den bestehenden Zuständen sehr positiv gewirkt.

Fourier geht nunmehr dazu über, die bürgerliche Familie, die er als das Haupthinderniß seines Systems ansieht, in ihrem Wesen zu kritisiren. Halten wir seinen Hauptgedankengang fest: Gott hat die Welt erschaffen, und da er sie erschaffen hat, muß er sie auch gut erschaffen haben, sonst käme er in Widerspruch mit sich selbst. Der Mensch ist das von Gott geschaffene höchste lebende Wesen, für den er, wenn die Welt überhaupt einen Zweck haben soll, diese Welt erschaffen hat. Wie die Welt gut, so soll der Mensch, dem Willen Gottes entsprechend, glücklich sein. Statt dessen sehen wir die große Mehrzahl unglücklich, und zwar unglücklich, weil sie die Triebe, die Gott ihnen gegeben, nicht befriedigen können. Aus Unkenntniß ihrer Natur und ihres Zwecks haben sie sich eine Ordnung gegeben, in der diese Triebe meist unterdrückt werden, zur Einseitigkeit gelangen, kurz ihren Zweck verfehlten. Die Einheitlichkeit, d. h. die volle Harmonie zwischen den Menschen und der Welt und der Welt und Gott, ist aber der große Zweck Gottes, und um diese Einheitlichkeit zu ermöglichen, ist die Vielseitigkeit der Beziehungen auf ausgedehnter Stufenleiter die einzige Lösung. Dieser Vielseitigkeit der Beziehungen und der Ausdehnung derselben auf alle Menschen und die sie umgebende Natur steht die isolirte Wirthschaft des Menschen entgegen. Diese isolirte Wirthschaft ist aber nur wieder Folge des möglichst kleinsten Gruppenbandes, der Ehe, resp. Familie,ergomüssen Ehe und Familie in ihrer heutigen Gestalt verschwinden.

In diesem Gedankengang bewegt sich Fourier und von diesem Standpunkt aus kritisirt er die Ehe und Familie, wobei der Leser beachten will, daß Fourier hauptsächlich Pariser und großstädtisches Leben seiner Kritik zu Grunde legt. Er führt weiter aus:

„In der Zivilisation ist das System der Liebe ein System allgemeinen Zwangs und in Folge davon allgemeiner Falschheit. Wie im Handel so sind auch in Sachen der Liebe die Schutzmaßregeln(prohibitions)und die Kontrebande unzertrennlich. Wo die Liebe mit Schutzmaßregeln umgeben wird, darf man auf deren allgemeine Uebertretung rechnen. Schon daraus folgt, daß alle Familienbeziehungen verdorben sind. Der Gatte wird durch seine Frau betrogen, die Tochter verheimlicht ihm ihre Beziehungen und dies wirkt zurück auf seine Treue in der Ehe. Die schmachvollste aller sozialen Perfidien ist, daß er nicht selten über den Ursprung seiner Kinder getäuscht wird, ein Vorkommniß, das auf der Bühne zum Gegenstand des Spottes und der Lächerlichmachung dient.“

„Diejenigen, die beanspruchen, die Wahrhaftigkeit in die sozialen Verhältnisse einzuführen, ohne darunter auch die Beziehungen der Liebe zu begreifen, sind mit Blindheit geschlagen. Sie scheinen nicht zu wissen, daß die Liebe eine der vier Hauptleidenschaften ist und eine der mächtigsten; ist sie gefälscht, so genügt dies, um durch ihren Kontakt den Mechanismus des ganzen sozialen Systems zu fälschen. Wer glaubt, hier Fälschungen zulassen zu können, handelt wie eine Regierung, die um eine achtzig Meilen lange Grenze gegen die Pest abzusperren, sich begnügt, sechzig Meilen durch einen Truppenkordon zu besetzen und den Rest der freien Passage den Pestkranken offen läßt ...“

„Die Welt besteht aus Betrügern und Betrogenen, und so sollte man annehmen, daß die öffentlichen Einrichtungen die dem Betrug ausgesetzte Klasse schütze. Die Ehe, scheint es, ist ganz im Gegentheil eine Einrichtung zum Nachtheil der vertrauenden Leute, sie scheint erfunden zu sein, um die Verderbten zu belohnen. Je schlauer ein Mann ist und sich durch Verführungskünste auszeichnet, um so leichter gelangt er zu einer reichen Heirath und gewinnt die öffentliche Achtung. Man bringe die infamsten Hülfsmittel in Anwendung, um eine reiche Partie zu machen, sobald es ihm gelingt, zu heirathen, ist er ein kleiner Heiliger, ein Muster von Tugend. Erwirbt Jemand plötzlich ein großes Vermögen dadurch, daß es ihm gelang, ein junges Mädchen zu gewinnen, so ist das ein der öffentlichen Meinung so gut gefallendes Resultat, daß sie alle Intriguen verzeiht. Alle Welt preist ihn nun als guten Ehemann, guten Vater, guten Verwandten, als guten Freund und Nachbar, guten Bürger und guten Republikaner. Das ist die Manier der Lobhudler, sie loben ihn vom Scheitel bis zu den Zehen, im Ganzen und im Einzelnen.“

„Eine gute Heirath ist der Taufe vergleichbar durch die Raschheit, mit welcher sie allen früheren Schmutz verwischt. Daher wissen Väter und Mütter nichts Besseres zu thun, als ihre Söhne zu unterweisen, wie sie zu einer reichen Partie gelangen können, einerlei auf welchem Wege, denn eine reiche Heirath ist die wahre, bürgerliche Taufe, welche in den Augen der Oeffentlichkeit alle Sünden abwäscht. Dieselbe öffentliche Meinung hat lange nicht diese Nachsicht mit den anderen Parvenüs, denen sie ihre Schändlichkeiten, durch die sie zu Vermögen gelangten, lange nachträgt.“

„Welche Aussicht auf Erfolg für die Ehe hat dagegen ein Tugendhafter, welcher, gehorsam den bürgerlichen und religiösen Vorschriften, erklärt, daß er seine Tugend bis zum dreißigsten Jahre bewahren wolle, um sie seiner künftigen Frau als Geschenk in die Ehe zu bringen? Der, getreu den Lehren jenes vortrefflichen Buches, das sich „Einführung in einen gottergebenen Lebenswandel“ betitelt, sich bis zum dreißigsten Jahre enthält „aus dem Becher der Unzucht den Wein der Prostitution zu Babylon“ zu trinken? Welche Aussicht hat er? Und wenn es ihm einfällt, eine solche Erklärung abzugeben, welchen Dank findet er bei den Frauen? Mütter wie Töchter werden dies scherzhaft finden und bei gleichem Vermögen, gleichem Alter, gleich günstiger äußerer Gestalt werden Mutter und Töchter einen „geübten“ jungen Mann ihm, dem „Tölpel“, der seine Tugend nach den Vorschriften der Religion und Moral bewahrte, vorziehen.“

„Bei der Untersuchung über das Wesen der Ehe sind also alle Vortheile auf Seiten der Intriguanten und Verderbten, woraus zu schließen, daß dieses Band eine Lockspeise ist, sich persönlich zu depraviren.“

Dieselbe üble Meinung, die Fourier hier durchschnittlich von den Männern unter den gegebenen Verhältnissen hat, besitzt er auch von den Frauen. Von ihnen rühmt er die Leichtigkeit, mit der sie die Fehler ihrer Ehemänner annähmen, aber nicht ihre Tugenden.

„Verheirathet eine Heilige an einen Spitzbuben und sie wird ihm bald in der Spitzbüberei nacheifern, seine Komplizin im Hehlen sein. Besitzt sie einen tugendhaften Mann, weit entfernt, seine Tugenden zu adoptiren, wird sie dagegen den Eindrücken eines leichtfertigen Kourmachers zugänglich sein. Eine schöne Eigenschaft der Ehe, die den Frauen nur die Laster der Männer, nie ihre Tugenden mittheilt. Da es aber unter den Ehemännern der Zivilisation 99/100 lasterhafte und nur 1/100 tugendhafte giebt, so kann man nach diesem Maßstabe die moralische Vollkommenheit schätzen, welche die Ehe bei den Frauen erzeugt.“ ...

„Durchschnittlich betrachten die Männer die Ehe als eine Falle, die ihnen gestellt wird, und so sind es die Väter selbst, welche ihre Söhne veranlassen, das eheliche Band von diesem Standpunkt aus anzusehen. Und warum? Weil sie aus eigener Erfahrung wissen, daß der Reinfall unreparirbar ist. Und indem sie sich bemühen, ihre Söhne von dieser Wahrheit zu überzeugen, machen sie dieselben für den Ehehandel habgierig und verschlagen.“

„So kommt es, daß die „Dreißigjährigen“ oder Ehestandskandidaten sich in Berechnungen erschöpfen, ehe sie zum ersten Schritt sich entschließen. Nichts spaßhafter, als die Unterweisungen zu hören, die sie sich gegenseitig geben über die Art und Weise, der künftigen Gattin das Joch aufzuerlegen und sie günstig für sich einzunehmen. Nichts merkwürdiger, als diese vertraulichen Zusammenkünfte(consiliabules)der Junggesellen, in welchen an den zu heirathenden Mädchen die kritische Analyse vorgenommen wird, und zu beobachten die Fallstricke der Väter, die sich ihrer Töchter entledigen wollen. Der Schluß aller Debatten ist, daß man auf Geld sehen müsse, daß, wenn man das Risiko trage, von der Frau betrogen zu werden, man wenigstens nicht auch mit dem Heirathsgut betrogen sein wolle. Nehme man einmal eine Frau, so müsse man sich eine Entschädigung für die Unzuträglichkeiten sichern, die die Ehe mit sich bringe. Das nennt man nach einem Kunstausdruck „die Anhaltseile(les attrapes)fassen“.

Und wie die Männer räsonniren, so räsonniren ähnlich die Frauen. Fourier hebt dann die Widersprüche in dem ehelichen Zustande hervor, daß der Mann, der sonst alle Freiheit für sich beanspruche und die Frau unterdrücke, im wichtigsten Punkt der Ehe öffentliche Meinung und Gesetz gegen sich habe, wobei man wohl beachten will, daß es sich um die Schilderung französischer Zustände handelt, wonach noch bis in die neueste Zeit das Gesetz die Untersuchung über die Vaterschaft untersagte. Dieses Gesetz, von der Männerwelt zu ihrem Schutze entworfen, schlägt in den Fällen, die Fourier hier im Auge hat, zu ihrem Schaden und ihrer Schande aus.

Er sagt: „Trotz des Unterdrückungssystems, das auf den Frauen lastet, haben sie das einzige Privilegium, das ihnen verweigert sein sollte, sich bewahrt, dasjenige, den Mann zu nöthigen, ein Kind, das nicht das seine ist und auf dessen Angesicht die Natur selbst den wahren Namen des Vaters geschrieben hat, als das seine anzunehmen.“

„In dem einzigen Fall, wo die Frau sich mit schwerer Schuld beladet, genießt sie den Schutz der Gesetze, und in dem einzigen Fall, wo der Mann auf's Schwerste beschimpft ist, hat er die öffentliche Meinung und das Gesetz übereinstimmend gegen sich, um seine Schmach zu verschlimmern.“

Darüber gießt nun Fourier seinen Spott aus: „Oh!“ ruft er. „Wie die Zivilisirten, die so strenge Verfolger der Verletzung der Keuschheit bei den Frauen sind, und diesen sie aufzwingen, so gutwillig sich unter das schmachvolle Joch beugen und eine Frucht offenbaren Ehebruchs bei sich aufnehmen und derselben ihren Namen und ihr Vermögen gewähren. So sind also die Wünsche der Philosophen erfüllt: In der Ehe ist es, wo die Männer wahrhaft „eine Familie von Brüdern“ werden, wo die Güter gemeinsam sind und das Kind des Nachbaren auch das unsere ist. Die Edelmüthigkeit dieser braven zivilisirten Ehemänner wird der Zukunft noch reichlich Gelegenheit zu Gelächter geben, und man muß einige dieser ergötzlichen Vorgänge aufbewahren, um die sonst schale Lektüre der Geschichte der Zivilisation etwas genießbar zu machen ...“

„Diese sehr weitgehende Duldung der Ehemänner gegen die schmachvollste Beleidigung und die Geschmeidigkeit der Gesetze über das Vergehen den Mantel zu decken, steht in Uebereinstimmung mit anderen Widersprüchen im Liebessystem der Zivilisirten. Die Verwirrung ist solcher Art, daß man auf der einen Seite eine Kirche und auf der anderen ein Theater sieht, zwei Anstalten, in welchen die entgegengesetzten Moralanschauungen vertreten und ein und denselben Personen gepredigt werden. In der Kirche lehrt man die Verabscheuung der Galanterien und der Wollust, und im Theater findet sich dasselbe Auditorium wieder, das man jetzt in die galanten Schliche und Raffinements aller Sinnenlüste einweiht. Eine junge Frau, die soeben eine Predigt hörte, in welcher ihr Achtung vor dem Gemahl und den höheren Gewalten gelehrt wurde, geht eine Stunde darauf in's Theater, um Unterricht in der Kunst zu empfangen, wie man den Gatten oder Vormund oder sonst einen Argus betrügt. Und Gott weiß, welche von den beiden Lehren bei ihr auf den fruchtbarsten Boden fällt. Diese wenigen Widersprüche genügen, um den Werth unserer Theorien von der Einheit der Handlung im sozialen Mechanismus in das rechte Licht zu setzen.“

Fourier ergeht sich nun weiter in Auseinandersetzungen über die Unnatur unserer sozialen Zustände, welche die Geschlechter mit ihren Trieben und den bestehenden gesellschaftlichen Anschauungen und Morallehren in fortgesetzte Widersprüche bringen und demoralisirend wirken. Wenn unsere gesellschaftlichen Gewohnheiten vorschreiben, daß der Mann durchschnittlich erst mit dem dreißigsten, das Mädchen mit dem achtzehnten Jahre heirathe, so liege auf der Hand, daß der Mann diese zwölf Jahre des Zölibats benutze, um alle möglichen illegitimen geschlechtlichen Verbindungen einzugehen. Rechne man auf jedes Jahr nur eine solche Verbindung, und zwar sechs in Beziehungen zur Prostitution, sechs im Ehebruch, so gewähre dieses einen traurigen Einblick in die Moral der Zustände, und man brauche nicht erstaunt zu sein, wenn junge Männer im mittleren Alter sich rühmten, schon mit mehr als zwanzig für anständig geltenden Frauen in intimsten Beziehungen gestanden zu haben.

„Der Zweck der Ehe soll sein, das häusliche Glück auf den guten Sitten und der Einigkeit der Familie zu gründen und die Wahrheit zur Geltung kommen zu lassen, denn Arglist und Perfidie müssen Uneinigkeit und Unordnung erzeugen. Man wird ferner zugeben, daß die Wahrheit in der Familie nicht herrschen kann, wenn sie nicht auch in der Liebe vorhanden ist. Sagen doch die Lobredner der zivilisirten Ehe selbst, „daß das häusliche Glück unzertrennlich von der Wahrhaftigkeit in der Liebe ist und daß, wenn das Gleichgewicht in den Beziehungen der Liebe mangelt, auch das Gegengewicht in den Beziehungen der Familie fehlt. Herrscht die Unwahrheit in der Liebe, herrscht sie nothwendig in der Familie und in der Häuslichkeit.“ Wie verträgt sich aber das Eheglück mit dem Bestand der Serails in allen zivilisirten Ländern? Die christlichen Kolonisten haben diese überall aus Negerinnen gebildet; die ernsten, so moralisch scheinenden Holländer bilden sie in Batavia mit Frauen aller Farben. Und wie viele heimliche Häuser giebt es bei uns, die, äußerlich anständig aussehend, in Wahrheit niedliche Serails sind, die im Geheimen jedem reichen und angesehenen Manne offen stehen.“

„Der reiche Zivilisirte hat die volle Freiheit, sich sein Serail zu bilden, eine intelligente Matrone in sein Landhaus zu setzen, die ihm Frauen und Mädchen, sogar von hoher Geburt, beschafft. Und neben diesem fixen oder geschlossenen Serail giebt es das vage oder freie. Ueber dieses erzählt uns Ritter Joconde auf der Bühne. „Ich bin nicht auf Treue versessen, ich eile von Liebschaft zu Liebschaft. Ich liebe nie nur eine Schöne, auch liebe ich sie selten länger, als einen Tag. Es ist nicht Unbeständigkeit, vielmehr Klugheit, denn auf die Frauen, ich kenne ihren Leichtsinn, darf man sich nicht verlassen, und so verlasse ich sie, um nicht verlassen zu werden.“ So stellt sich das Leben dar, das unsere meisten reichen jungen Männer, die vom Glück begünstigt sind, führen. Und dieser Joconde wird auf der Bühne von Frauen und Männern beklatscht, wenn er solche Sitten rühmt. Man antwortet: Aber wer applaudirt? Es sind die Schwelger, welche diese Schauspiele besuchen. Darauf antworte ich: wenn Viele diese Sitten nicht nachahmen, geschieht es, weil sie es nicht können. Die Einen hält die Furcht vor Krankheiten, die Anderen das Interesse, der Korpsgeist, die öffentliche Würde, der Mangel an Mitteln zurück. Man lasse einmal Jedem die Zügel schießen, überlasse ihn der gesunden Natur und man wird sehen, daß die größte Zahl sich beeilt, das Beispiel von Salomo und Ritter Joconde nachzuahmen. Jeder junge mit Mitteln ausgestattete oder von der Natur ein wenig begünstigte Stadtbewohner besucht dieses freie Serail, ohne wie die Barbaren (die in der Polygamie leben) auch für die Kosten der Unterhaltung sorgen zu müssen, es giebt sogar eine gute Zahl dieser Herrchen, welche die Frauen plündern und arm essen.“

„Und ferner: Wie viele Frauen von hoher Stellung sind zu dieser Art Korruption geneigt! Es giebt Schriftsteller, die solchen Frauen ein Recht dazu zusprechen. Warum auch nicht? Doch schweigen wir, wenn wir von der guten Gesellschaft sprechen. Im Volke ist die Käuflichkeit der Liebe kein Geheimniß, man kennt die Tarife, wie die Preiskourante an der Börse. Man braucht darüber nicht erstaunt zu sein, wenn Walpole sogar öffentlich erklären konnte, er habe in seinem Portefeuille den Preiskourant für die Biederkeit des englischen Parlaments.19Wie muß unter solchen Sitten das häusliche Glück beschaffen sein, das auf die eheliche Treue und die Wahrhaftigkeit in den gegenseitigen Beziehungen begründet sein soll?“

„Und nun die geheimen Liebschaften. Diese bilden ein sehr umfängliches Kapitel, das für Paris allein sechs dicke Bände füllen würde. Alle diese Schliche sind nur Verletzungen der bürgerlichen, religiösen und Moralgesetze. Welche Auflehnung, welche Rebellion in dieser galanten Welt gegen Alles, was die Gesellschaft für unverletzbar erklärt. Wie kann man beim Anblick von so viel offenen und geheimen Verletzungen aller festgestellten Ordnung zögern, anzuerkennen, daß entweder das Regime der Liebe bei uns im Widerspruch mit der Wahrheit und der Moral organisirt ist, oder daß ein solcher Zustand unverträglich ist mit der Zivilisation, daß die Zivilisation der Antipode der Moral und der Wahrheit.“

„In den niederen Klassen herrscht vollkommene Emanzipation, dort existirt die freie Liebe offen. Und diese Klasse, die so offen die religiösen und die Moralgesetze verletzt, umfaßt die Hälfte der weiblichen Bevölkerung unserer großen Städte. Ich will nicht unsere Zofen und Zimmermädchen zitiren, die im Rufe stehen, keine Kenntniß von den Gesetzen der Enthaltsamkeit zu besitzen, wenigstens handeln sie, als hätten sie nie davon sprechen hören. Und wie in der kleinen, so ist es in der großen Welt. Bei den Leutencomme il fauthat der Ehemann seine bekannten Maitressen und die Dame vom Hause ihre anerkannten Liebhaber. Das gehört zur Harmonie der Haushaltung und das heißt man: „man muß zu leben wissen“(il faut savoir vivre). Manchmal entsteht allerdings eine kleine Unzuträglichkeit daraus; man weiß nicht, von welchem Vater die Kinder sind. Doch zum Glück verbietet das Gesetz, nach der Vaterschaft zu forschen. Schlimmsten Falles erklärt der Hausarzt bei dem Fehlen jeder Aehnlichkeit, wodurch der Ursprung des Kindes verdächtig werden kann, daß die Frau während ihrer Schwangerschaft von dem Anblick irgend einer fremden Physiognomie betroffen worden sei. Schließlich hat auch der arme Ehemann schlechten Dank, wenn er gegen den Wortlaut des Gesetzes und die Zeugenschaft des Arztes aufkommen will. Das Eine ist so unfehlbar wie das Andere. Auch gehört es in der guten Gesellschaft zum guten Ton, nicht eifersüchtig zu sein. Man hat meist geheirathet eines guten Heirathsgutes oder sonst eines Vortheils wegen, und man wurde darin vielleicht nicht getäuscht, also muß man in anderer Beziehung nachsichtig sein, und schließlich heißt es: „was Dir recht ist, ist mir billig.“

„So giebt es in der Welt der Zivilisirten nur Lacher und Betrogene. Die Moral und die Ehe werden benutzt, um die Orgie zu maskiren, und Alle erreichen ihren Zweck. Unsere Kritik erscheint abgedroschen, doch für die Partisane des Zwangs war eine Antwort am Platze, man muß sie in Verwirrung setzen, indem man ihnen die Früchte ihres Systems vor Augen hält.“

„Aber diese Engherzigkeit und Unwahrheit des Familienbandes hat auch nach anderer Seite für die Entwicklung der Gesellschaft ihr Schlimmes. Nichts ist in unserem sozialen Leben von Dauer. Der zufällige Tod des Familienhauptes kann alle seine Unternehmungen in Frage stellen. Die Theilung der Erbschaft, der Umstand, daß den Söhnen die Eigenschaften des Vaters und seine Kenntnisse fehlen, wie zwanzig andere Ursachen, können das ganze Werk des Vaters stürzen. Seine Pflanzungen werden zerstückelt, an Andere überlassen, oder sie verfallen; seine Werkstätten gerathen in Unordnung, seine Bibliothek kommt in die Hände des Büchertrödlers, seine Gemälde in die des Händlers. Genau das Gegentheil hat in der Phalanx statt. Alles wird erhalten und vervollkommnet, der Tod eines Individuums beunruhigt in nichts die industriellen Dispositionen und das Gemeinwesen.“

„Ferner: Ein Industrieller wünscht sich einen Sohn, der ihn ersetzt und seine Arbeiten weiter führt, aber das Schicksal giebt ihm nur Töchter; sein Name erlischt. Er fände wohl geeignete Fortsetzer, aber in Klassen, die durch Vermögen und Lebensstellung ihm nicht zusagen. Ein ander Mal verweigern die Kinder ihm zu folgen, oder sie sind gänzlich unfähig. Oft ist es wieder der überreiche Kindersegen, der Erziehungsausgaben verursacht, welche die Unternehmungen des Vaters schädigen; seine undankbare Arbeit genügt kaum, die Kinder zu erziehen und ihnen eine Existenz zu gründen, und zum Dank für so viel Anstrengungen merkt er, daß dieses oder jenes seiner Kinder ihm den Tod wünscht, aus Ungeduld, in den Besitz der Erbschaft zu kommen. Oefter treten andere eheliche und häusliche Unannehmlichkeiten ein, deren Zahl eine sehr große ist. Ein Geschäftsmann wird entmuthigt durch ungehöriges Betragen seiner Frau oder seiner Kinder, durch Geldschneidereien von am Geschäft Betheiligten, durch Verleumdungen und Prozesse seiner Neider, durch den Verlust eines Kindes, auf dem seine ganze Hoffnung ruhte. Nicht selten sieht man Eltern über den Verlust eines Lieblingskindes dem Tiefsinn verfallen; sie haben kein Gegengewicht gegen solch ein Unglück, noch gegen andere, die sie treffen. Solch ein Familienleben ist ein stetes Straucheln, eine Pandorabüchse. Wie kann man annehmen, daß Gott die Industrie und die menschliche Thätigkeit auf einen so kritischen Boden für die, welche die Leiter sind, und noch viel mehr für Diejenigen, welche die Untergebenen sind und ausführen, hat gründen wollen?“

„Weder die Politik noch die Moral wissen die industrielle Anziehung zu schaffen, sie nehmen nur die Arglist zu Hülfe; sie rühmen die Freuden der Ehe, wenn auch ohne Vermögen, und bauen ihr ganzes soziales System darauf, den Armen zur Ehe zu bringen, damit er unter der Last der Kinderzahl, um die Hungernden zu nähren, zu fleißiger Arbeit gezwungen werde. So kommt es, daß sieben Achtel dieser Väter rufen: „Oh! in welche Galeere bin ich gerathen.“ Es war der geheime Zweck der Moralisten, mit ihrem Lob von der süßen Ehe diese Falle zu legen; damit erreichen sie, daß sie einen Ueberfluß an Rekruten für die Armee und an hungernden Arbeitern für die Fabriken haben, die um niedrigen Preis arbeiten, damit die Unternehmer sich bereichern können.“

„Die weitere Folge dieses ganzen Systems ist der Widerwille gegen die Arbeit, der schon beim Kinde stark ausgeprägt ist; es arbeitet nur aus Furcht vor Züchtigung. Aber die Unordnung steigert sich in dem Maße, wie es zur Reife kommt. Die Liebe stellt sich ein und vermehrt den Widerwillen gegen die Zwangsarbeit und verleitet zu Ausgaben für Beziehungen, die den Wünschen des Vaters wie der Harmonie der Familie sehr entgegen sind. Man sollte meinen, das Aufbrechen der Liebe müßte, als eines neuen Hülfsmittels, den industriellen Mechanismus verbessern, denn wo ein neuer Faktor auftritt, sollte er das Spiel der Kräfte vervollkommnen. Das geschieht im sozietären Zustand, aber nicht in der Zivilisation. In der Harmonie wird die Liebe die industrielle Anziehung verstärken, durch sie wird der Jüngling wie die Jungfrau für die Vereinigungen der beiden Geschlechter in den Ateliers, den Gärten, den Wirthschaftsanlagen, an der Tafel immer neue Anreize finden. Die Wirkung in der Zivilisation ist die entgegengesetzte, sie erzeugt Beunruhigung der Eltern, nöthigt zu fortgesetzter Ueberwachung, verursacht Ausgaben für Putz und Geschenke und führt nicht selten zu Schulden und anderen Ausschweifungen der Jugend. So wird die Ehe für die Väter zu einem Pfad von Schwierigkeiten aller Art, mit wenig Ausnahmen für die Reichen, und die Erwachsenen werden durch die Liebe nur verdorben.“

„Ein anderes großes Uebel in der Familiengruppe ist, daß sie keine Freiheit gestattet. Man kann nach freiem Willen Freunde, Maitressen, Assoziés wechseln, aber man kann nichts an den Banden des Blutes ändern. Das ist ein Uebel, das man noch nicht wahrnahm und das so schwer ist, daß die Harmonie ihm viele es aufhebende Gegengewichte gegenüberstellen muß, unter Anderem die industrielle Adoption (wovon bereits gesprochen wurde) und die Theilnahme an der Erbschaft. Das Uebel herrscht, und seit lange, aber seine Herrschaft ist in unseren Tagen stetig gewachsen und zwar durch den Sieg des Handelsgeistes, der die Zivilisirten immer mehr erniedrigt und sie lügnerischer macht, als sie ursprünglich waren. Die Sophisten stellen die Frage: ob der Mensch von Natur lasterhaft sei und die meisten bejahen dies; man schließt also wie die mahommedanischen Fatalisten, welche die Pest für ein unumgängliches Uebel erklären, weil sie sich scheuen, Schutzmaßregeln gegen sie zu ergreifen. Unsere Philosophen ziehen dieselbe Straße; um sich davon zu befreien, ein Heilmittel zu suchen, erklären sie das Uebel als unabwendbare Bestimmung. Man muß nur die Schöngeister in irgend eine Angelegenheit sich mischen lassen und man kann sicher sein, daß sie dieselbe in Unordnung bringen.“

„In allen übrigen Vereinigungen verlangt der Mensch Freiheit der Bewegung und sucht die möglichste Ausdehnung seiner Verbindungen. Unsere Philosophen selbst predigen, daß man die philanthropische Freundschaft auf die ganze Menschheit ausdehnen und Alle als Brüder betrachten müsse, der Ehrgeiz solle uns treiben, uns mit den Freunden des Handels auf dem ganzen Erdboden zu verbinden, aber in Sachen der Liebe und des Familienbandes zwingt man uns in den möglichst kleinsten Kreis. Man überlasse die Liebe ihrem natürlichen Hang und überlasse ihr selbst, sich ihre Grenzen zu ziehen. Man wird sehen, daß ein Mann bald mit einer gleichen Zahl von Frauen wird zu thun gehabt haben, wie der weise Salomo, und daß die Frau ihrerseits es auch nicht an der Auswahl der Männer wird haben fehlen lassen. Diese Vielheit in der Liebe ist so natürlich, daß selbst ein altersschwacher Sultan sich nie auf eine einzige Frau beschränken läßt. In einem zukünftigen Zeitalter wird man diese Freiheit der Liebeswahl ganz natürlich finden, und ein Greis wird direkte und indirekte Nachkommen, Adoptivkinder und Erben in die hunderte haben. Dann wird das goldene Zeitalter der Vaterschaft angebrochen sein und wird die Freuden genießen, die sie im gegenwärtigen Zustand vergeblich sucht. Die Adoptionen und die Legate werden in der Harmonie so zahlreich sein, wie sie in der Zivilisation unmöglich sind; man wird die Fortsetzer(continuateurs)aus Passion haben, die Mangels an eigenen, von gleichen Trieben beseelten Kindern, das Begonnene weiter führen. Außerdem, welcher Egoismus, welche Eifersucht herrscht in unseren Familien, die nicht leiden, daß ein Außenstehender sich in die Neigungen des Vaters theilt: gezwungen sich an die eigenen Kinder zu halten, begegnet er nur zu oft in seinen Plänen und Unternehmungen den Antipathien derselben, muß er in ihnen die Zerstörer seines Werkes sehen. Es kann also kein Zweifel sein, daß das Familienband die antiökonomischste Verbindung ist und den Wünschen Gottes, welcher der höchste Oekonom ist, und mit Aufwendung der geringsten Mittel das Vollkommenste zu erreichen strebt, auf's Direkteste entgegensteht.“


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