Chapter 6

Fourier erläutert jetzt die Art der Vertheilung der materiellen Genüsse in der Phalanx. Die Uebereinstimmung in der Vertheilung sei garantirt, wenn man zwei bestimmte Mittel, die mehr als genügten, in Anwendung bringe: Das erste sei die Gierigkeit, die bei den Menschen nie fehlen werde. Finde man ein Mittel, die Gier des Einzelnen in ein Pfand billiger Vertheilung umzuwandeln, so werde die Herrschaft der Gerechtigkeit schon gesichert. Das zweite Mittel, um das Gleichgewicht der Vertheilung herbeizuführen, sei die Generosität. Diese halte man wohl für unmöglich, sie sei aber durchzuführen.

Jeder, der sich mit Anderen geschäftlich verbinde, wolle daraus Vortheil ziehen. Trete ein solcher nicht ein, löse die Verbindung sich auf. Diese Gefahr sei in der Phalanx nicht vorhanden, da die Vortheile für das Wachsthum des Einkommens kolossale seien und dieses im Vergleich zu heute sich wenigstens verdreißig- und vervierzigfache. Zwei Beispiele möchten dies beweisen. Eine Familie, die in Paris 60.000 Franken jährlich ausgebe und dafür Pferde, Wappen, Diener und Wohnung in der Stadt und auf dem Lande unterhalte, könne in der Phalanx mit 6000 Franken dasselbe haben. Dieser zehnfache Vortheil werde ein zwanzigfacher, wenn man erwäge, welch große Auswahl in Bezug auf Wagen aller Art man in der Phalanx habe, daß man von den Streitereien mit Händlern und Kaufleuten, von den Ausgaben für Lakaien und von ihren Diebereien und Betrügereien, von der Spionage und anderen Widerlichkeiten, welche das Gesinde zu einer Geißel der Großen machten, befreit sei. Man solle ferner an die Verbesserung der Straßen und Wege denken, deren Zustand heute auf dem Lande den Aufenthalt verbittere und sie einen großen Theil des Jahres fast unpassirbar mache. Das Gegentheil in der Phalanx, wo alle Straßen und Wege mit Trottoirs für Equipagen und leichte Wagen, für Fußgänger wie für Pferde und Zebras versehen, die Wege schattig und mit Fußsteigen, die man nach Bedürfniß besprenge, ausgestattet seien. Dazu kämen die Annehmlichkeiten der überdeckten Verbindungen zwischen den Wohnungen, Ateliers, Werkstätten, Stallungen; für Kirche, Theater, Ballsäle u. s. w., und daß alle diese verdeckten Passagen im Winter erwärmt seien, so daß man kaum wissen werde, ob es draußen warm oder kalt sei. Es seien dies alles Erleichterungen und Annehmlichkeiten, wie sie in der Zivilisation selbst ein König sich nicht verschaffen könne. Das Wohlsein werde sich also in der Phalanx in das unzählbar Vielfache steigern. Dasselbe sei mit den Mahlzeiten der Fall. Die Raffinements, die aus der stetigen Verbesserung der Materialien in Garten, Feld, Stallung und Keller hervorgingen, in der Küche durch die verbesserten Methoden der Fertigstellung sich steigerten, könne kein Einzelner, und sei er der Reichste, herbei- und durchführen. Und an alledem nähme der Aermste in der Phalanx Theil.

Fourier, der offenbar in den Dingen der Küche und was damit zusammenhängt genaue Spezialstudien gemacht hat, führt dies im Detail sehr anziehend und Lust erweckend aus; so wird es nach ihm eine Kleinigkeit sein, daß man auf jeder Tafel bei jeder Mahlzeit wenigstens dreierlei Arten Käse, jeden wieder in verschiedenen Qualitäten, zum Nachtisch haben kann, so daß eine zwölffache Auswahl gewöhnlich sei. Fleisch, Geflügel, Wild, Fische, Gemüse, Kompots, Eier- und Mehlspeisen würden in einer Vielseitigkeit der Herstellung und in einem Raffinement geliefert, von dem gegenwärtig kaum Jemand eine Vorstellung habe. Die Tafel der Reichen in der Phalanx sei täglich bei einer Mahlzeit mit mindestens dreißig Gerichten bedeckt, und selbst die Armen dürften, wenn erst die Phalanx in vollem Gange sei, auf mindestens zehn Gerichte zum Mittagtisch rechnen. Es kann, ihm zufolge, daher auch gar nicht fehlen, daß selbst die Könige, nachdem sie die Phalanx besucht und sich von ihrer Opulenz nach allen Richtungen durch den Augenschein überzeugt haben, sich beeilen werden, die Gründung der Phalanxen nicht nur zu unterstützen, sondern selbst mit ihrem Hofstaat in eine solche einzutreten.

Die Phalanx verbindet also, nach F. Ansicht, die sensuellen Vergnügungen mit der Abwesenheit aller materiellen Sorgen, die heute Vätern und Müttern so viel Kopfschmerzen verursachen. Sie findet rasch die Zustimmung der Väter, die von den Kosten der Haushaltung, der Erziehung und der Ausstattung der Kinder befreit sind; sie findet die Zustimmung der Frauen, welche alle der vielen Widerwärtigkeiten der Haushaltung, wo die Mittel fehlen, los und ledig sind; sie findet die Zustimmung der Kinder, denen nur anziehende Beschäftigungen, Vergnügungen und die besten Mahlzeiten in Aussicht stehen; und sie findet endlich auch die Zustimmung der Reichen, die erhebliches Wachsthum ihres Vermögens und das Verschwinden aller Risikos und die Beseitigung des Aergernisses, von dem, wie Fourier behauptet, sie stets umgeben sein sollen, zu erwarten haben. Der Arme kann natürlich gar nichts Besseres thun, als sofort mit beiden Händen zugreifen, denn er hat Nichts zu verlieren, aber Alles zu gewinnen. So werden die Serien, die Gruppen, die Individuen in der Phalanx alle in den edelmüthigsten Entschlüssen übereinstimmen und werden selbst zu materiellen Opfern entschlossen sein, die aber nicht einmal nöthig sind. Bei dem Gedanken, wieder in die Zivilisation zurückzufallen, wird Jeder erschreckt sein, wie bei dem Gedanken, in die Arme des Teufels zu stürzen; Jeder würde bereit sein, lieber sein halbes Vermögen zu opfern. So wird sich die Uebereinstimmung und die Aufrechterhaltung der Einheitlichkeit in allen materiellen Dingen auf die höchste Stufe erheben.

Wie nach Fourier in der Phalanx sich die materiellen Interessen zur größten Zufriedenheit Aller ausgleichen, so wird auch die Vermischung und aus Zuneigung entstehende Uebereinstimmung der drei Klassen sich vollziehen. „Die reiche Klasse muß nur gewahr werden, daß man sich ihr seitens der anderen Klassen höflich und ohne persönliches Interesse und ohne Gefahr der Hintergehung nähert, und sie wird bereitwilligst der Phalanx ihre Kräfte und ihr Vermögen leihen. Damon, der ein großer Blumenfreund ist und in Paris wohnt, macht jährlich bedeutende Ausgaben für seine Blumenbouquets, aber er wird übel berathen und betrogen durch die Verkäufer, bestohlen durch Gärtner und Diener. Dadurch wird ihm die Blumenzucht verleidet und er entschließt sich, die Kultur derselben aufzugeben, so sehr er sie liebt. Darauf besucht Damon die Versuchsphalanx, wo er sieht, daß die Blumenzucht eifrig gepflegt wird und er Unterstützung an Anderen findet, die gleich ihm dafür begeistert sind. Statt Mißtrauen zu begegnen, sieht er, daß man seinen Wünschen und Rathschlägen, als von einem Sachkenner kommend, bereitwillig Folge leistet und alle Arbeiten ausführt. Ihn trennt keine Verschiedenheit der Interessen von den Mitwirkenden, denn alle Kosten trägt die Phalanx; er sieht sich geachtet und geliebt, weil man seine Kenntnisse schätzt und ihn als eine Stütze der Serie betrachtet. Namentlich sind es die Kinder, die sich um ihn drängen und bei dem drohenden starken Regen Schutzzelte über die Beete spannen. Er fühlt sich unter diesen Blumenfreunden wie in einer zweiten Familie und entschließt sich zu mehreren Adoptionen. Da ist Aminte, ein Mädchen ohne Vermögen, aber eine der geschicktesten Seriesten, die für Damon begeistert ist; sie sieht in ihm, dem Sechzigjährigen, die Stütze der ihr theuren Kultur; sie will sich ihm erkenntlich zeigen, und da sie auch ein Mitglied einer Gruppe der Zimmerordnerinnen ist, übernimmt sie die Sorge für Damon's Zimmer und Garderobe. Sie dient Damon nicht aus materiellem Interesse, denn er bezahlt sie nicht, und dies wäre überhaupt unzulässig, sondern aus Dankbarkeit für seinen Eifer für die Kultur der Blumen. Damon hat also doppelte Freude, er hat in Aminte eine eifrige und gelehrige Schülerin und eine aufmerksame Gouvernante, und zum Dank adoptirt er sie. Bei dieser industriellen Kooperation war also die Freundschaft im Spiel, ein Trieb, der namentlich bei den Kindern einen schönen Aufschwung nimmt, weil ihm weder durch Liebe, noch durch Gewinnsucht, noch durch Familieninteresse entgegengearbeitet wird.“

„Im Jugendalter ist's hauptsächlich die Liebe, welche den Rangunterschied verwischt und selbst einen Monarchen auf die Stufe einer Schäferin, die ihn gefangen genommen hat, stellt. Wir haben also Keime zur Ausgleichung von Rang- und Standesunterschieden selbst in der Zivilisation, aber sie kommen nicht zum Ausbruch. Auch sehen wir, daß in Sachen des Ehrgeizes der Höhere den Niederen unter Umständen nicht verschmäht. Zum Beispiel in Partei- und Wahlkämpfen. Es sind nicht blos die Scipione und Catone, die, um seine Stimme zu erhalten, dem Landbebauer die Hand drücken. Aber hier wirkt nur die Sucht nach persönlichem Gewinn und Befriedigung persönlichen Ehrgeizes. Vollziehen also diese niederen Mittel schon die Annäherung verschiedener Klassen, dann ist dies viel leichter durch edle Mittel, durch Bande freiwilliger Zuneigung, wie das Beispiel zwischen Damon und Aminte zeigt.“

„Nun kann Damon, bei zwanzig verschiedenen Thätigkeiten beschäftigt, überall ähnliche Bande knüpfen. Alle Serien und Gruppen bestehen aus Gleichstrebenden, und da Jeder bei einer speziellen Arbeit in einer Branche in Uebung ist und er darin leicht sich auszeichnen kann, wird es ihm an Anerkennung der Genossen nicht fehlen. Der Reiche genießt aber doppelte Anerkennung, einmal wegen der Geschicklichkeit, durch die er sich in irgend welchen Arbeiten auszeichnen kann, dann durch die Munifizenz, die er den von ihm gewählten Industrien erweist. So macht Damon Ausgaben für sehr werthvolle Pflanzen, die auf Kosten der Phalanx anzuschaffen die Regentschaft sich weigert. Für diese Dienste wird Damon seitens der Serie zum Chef der Zurüstungen gewählt; so wird ihm sein Geschenk mit doppelter Zuneigung vergolten; seine intelligenten und eifrigen Genossen erweisen sich ihm dankbar und ihre Freundschaft und sein Ansehen steigt bei ihnen und den rivalisirenden Nachbarn. Der Reiche kann also sich mit vollem Vertrauen der Phalanx überlassen, er hat keine Falle zu fürchten, kein ungehöriges Verlangen wird ihn beunruhigen. Kein Zweifel, daß in der Harmonie die Ungleichheiten sich leicht verbinden. Lustigkeit, Wohlbefinden, Höflichkeit und Rechtschaffenheit der niederen Klassen werden den Reichen zum Eintritt in die Vereinigungen verführen, dazu kommen die prunkvollen Zurüstungen für die Arbeiten der Phalanx und die Einigkeit der Sozietäre. Die Aermeren wieder werden auf ihre neue Lage und die hohe Bestimmung ihrer Phalanx stolz sein und werden Alles aufbieten, der neuen Stellung würdig zu erscheinen. Unter solchen Verhältnissen werden Alle bemüht sein, die gerechte Vertheilung des Einkommens der Phalanx, wovon die Aufrechterhaltung der sozietären Ordnung abhängt, zu erleichtern. Man frage wohl, wie könne die Habsucht, die Liebe zum Gelde, die in der Phalanx fortbestehen solle, eine gerechte Vertheilung ermöglichen? aber man werde sehen, daß in den Serien der Triebe gerade die Liebe zum Gelde der Weg zur Tugend und zur Gerechtigkeit sei, so sehr die Moralisten die Liebe zum Gelde verurtheilten.“

Fourier explizirt dieses also: Nichts sei leichter in einem Unternehmen, als die Vertheilung des Ertrages nach dem Maßstab des eingeschossenen Kapitals, das sei eine Jedermann wohlbekannte, rein arithmetische Aufgabe; aber auch Arbeit und Talent gerecht zu honoriren und zufrieden zu stellen, das sei eine Kunst, welche die Zivilisirten nicht verständen, und so beklagten sie sich beständig über Ungerechtigkeit und Uebelwollen. Wolle die Phalanx freilich jedem Einzelnen, entsprechend seiner Theilarbeit, in vielleicht dreißig oder mehr Serien und hundert Gruppen seinen Antheil überweisen, so würde dies eine außerordentlich umständliche und schwer zu lösende Aufgabe sein. Der Mechanismus der Vertheilung sei nicht auf die Individuen, sondern auf die Serien berechnet, und diese werden nicht nach ihrer speziellen Leistung, sondern nach ihrer Bedeutung für die Phalanx in Betracht gezogen. Die Serien gelten als die einzelnen Assoziés, und kraft des Rangs, den sie in dem Tableau der Arbeiten einnehmen, wird die Dividende nach drei Klassen vertheilt: 1. nach der Nothwendigkeit, 2. der Nützlichkeit und 3. der Annehmlichkeit der Arbeit. Wird z. B. die Serie des Wiesenbaues als solche von hoher Wichtigkeit anerkannt, so erhält sie ein Loos erster Ordnung in der Klasse, in der sie figurirt. Die Erzeugung von Körnerfrüchten ist Arbeit erster Nothwendigkeit, aber die Serien darin bilden selbst wieder fünf Ordnungen, und so ist wahrscheinlich, daß die Erzeugung von Korn, Weizen, Mais etc. auf der Stufenleiter der Nothwendigkeiten erst in dritter Ordnung kommen.

„Die höchste Dividende fällt den unangenehmsten Arbeiten zu und diese erhalten in der Phalanx die kleinen Horden; darauf kommt die Fleischerei in Rücksicht auf die damit verbundenen widerlichen und übelriechenden Arbeiten. Die Pflege und Ernährung der Säuglinge und Kinder in den niedersten Lebensaltern wird für eine schwerere Arbeit anerkannt als die eigentliche Feldarbeit. Mediziner, Chirurgen und die groben Handarbeiter rangiren in der ersten Ordnung der Nothwendigkeit, werden also wie die Arbeit der kleinen Horden am höchsten belohnt. Die Arbeit wird nicht nach dem Werth bemessen, sondern nach dem Maß der Anziehung, das sie ausübt, je höher die Anziehung, also auch die Annehmlichkeit, je geringer die Belohnung.“

„Fragt man den Zivilisirten, was nach seiner Meinung die höhere Belohnung verdiene, ob die Serien der Obstzüchter oder die der Blumenzüchter, so wird er antworten: die ersteren, und zwar hätten diese in der Klasse der Nützlichkeiten, die Blumenzüchter in der Klasse der Annehmlichkeiten zu rangiren. Aber das ist ein ganz falscher Schluß. Obgleich die Obstbaum- und Früchtezucht sehr produktiv ist, rangirt sie in der Harmonie in die Klasse der Annehmlichkeiten, weil sie außerordentlich anziehend ist. Die Obstbaumzucht ist in der Harmonie eine der reizvollsten Erholungen. Jeder Obstgarten ist mit Blumenaltären besäet, die von Zierstauden umgeben sind; hier werden die Ruhepausen abgehalten, hier vereinigen sich die Geschlechter, und so bietet diese Kultur neben der Geflügelzucht die meiste Anziehung. Dadurch wird die Obstzucht in die dritte Klasse, in die der Annehmlichkeiten gereiht, und empfängt die niederste Belohnung. Was die Blumenzucht betrifft, die im Allgemeinen in der Zivilisation nicht sehr geschätzt wird und kaum die Kosten deckt, so erwecken zwar ihre Produkte Liebreiz, aber die Arbeit erfordert große Pünktlichkeit, erhebliche Kenntnisse und viele Sorgfalt und das Vergnügen ist von kurzer Dauer. Aber diese Kultur ist, sowohl um die Kinder zu bilden, als um die Frauen für das Erforderniß der Kultur und das Studium agronomischer Verfeinerungen zu gewinnen, sehr werthvoll. Auch eignen sich die Arbeiten der Obstzucht nicht immer für die Kinder, wofür hingegen die Pflege der verschiedenen Blumensorten sehr geeignet ist. Aus diesen Gründen werden die Serien der Blumenzüchter in die zweite Klasse, die der Nützlichkeiten, versetzt werden.“

„Wird also die Obstbaumzucht, die noch besonders werthvoll dadurch wird, daß ihre Produkte, sei es in Natur, sei es als Kompot, Marmelade u. s. w. für die Ernährung und Verfeinerung der Lebensweise die wichtigsten Dienste leisten, in die dritte Klasse, des Angenehmen, versetzt, so gelangt die Oper, die wir für rein überflüssig anzusehen geneigt sind, in die zweite Ordnung der ersten Klasse, die der Nothwendigkeiten. Man wird freilich sagen, Müller und Bäcker sind nützlicher, aber das kann nur von einem Gesellschaftszustand gelten, der die industrielle Anziehung nicht kennt. Von letzterem Standpunkt aus ist aber die Oper für die Harmonie sehr werthvoll, weil sie für die Kinder das mächtigste Hülfsmittel ist, sie zur Gewandtheit und zur Einheitlichkeit der industriellen Thätigkeiten zu erziehen. Von diesem Standpunkt aus gehört sie in die erste Klasse, die der Nothwendigkeiten, soweit hingegen sie den Erwachsenen als Mittel zum Vergnügen dient, rangirt sie in die dritte Klasse, die der Annehmlichkeiten.“

„Maßstab der Vertheilung für die Arbeit ist also: 1. die direkte Wirkung, die sie für die Bande der Einheitlichkeit der Phalanx im Spiel des sozialen Mechanismus besitzt; 2. der Werth, den sie hat für die Beseitigung widriger Hindernisse und 3. im umgekehrten Verhältnisse steht zu der Stärke der Anziehung, die sie erweckt. Unter den ersten Fall sind, wie schon bemerkt, die Beschäftigung der kleinen Horden, unter den dritten die Oper für die Erwachsenen, unter den zweiten unter Anderem die Beschäftigung in den Minen und Bergwerken zu zählen.“

„In dieser Art gruppiren sich die verschiedenen Thätigkeiten, deren Klassifizirung und Ordnung die Mitglieder der Phalanx selbst bestimmen. Die Verständigung ist um so leichter, da jedes Mitglied in einer ganzen Menge von Serien und in einer noch größeren Zahl von Gruppen beschäftigt ist. Die Gunst, die ein Mitglied einer Serie oder Gruppe in der Zubilligung der Dividende erwürbe, würde es in den anderen Gruppen und Serien schädigen; sein eigenes Interesse zwingt es also zur größten Objektivität; auch ist es interessirt, daß die Harmonie nicht gestört wird, weil diese Schädigung des Ganzen unfehlbar den größten Schaden für es selbst brächte. Von diesen Gesichtspunkten aus vertheilt sich auch das Einkommen auf Kapital, Arbeit und Talent.“

„Alippus ist ein reicher Aktionär, der bis dahin in der Zivilisation für die Ausleihung seines Kapitals auf Güter 3–4 Prozent erhalten hat. In der Phalanx hat er Aussicht, 12–15 Prozent zu bekommen. Er ist sehr für gerechte Vertheilung des Ertrages, doch drängt ihn seine Habsucht, als Kapitalist die Hälfte der Dividende in Anspruch zu nehmen. Er muß sich aber sagen, daß dann die beiden anderen zahlreichen Klassen, die Arbeit und Talent aufwandten, sehr unzufrieden sein werden und wahrscheinlich binnen wenig Jahren die Phalanx sich auflöse und dies sein größter Schade sei. Diese Einsicht veranlaßt ihn, sich in seinem eigenen Interesse mit weniger zu begnügen und eine Theilung zu akzeptiren, die dem Kapital 4/12, der Arbeit 5/12 und dem Talent 3/12 zuweist. Er hat nach diesem Maßstab noch drei- bis viermal mehr Einkommen, als die Zivilisation ihm gewährte, er lebt viel billiger in der Phalanx, als in der Zivilisation, und er sieht außerdem die beiden anderen Klassen befriedigt und dies sichert den Bestand der Gesellschaft. Was ihn außerdem bestimmt, sich zufrieden zu geben, ist, daß er gleichzeitig als Mitglied einer Anzahl Serien, in denen er viel Vergnügen genoß, freundschaftliche und Liebesbeziehungen anknüpfte, seinen Antheil als Thätiger und, soweit er darin durch Talent sich auszeichnete, auch dafür seinen Antheil erhält. Seine Habsucht wurde also durch zwei Gegengewichte in der richtigen Mitte gehalten, er hat die Ueberzeugung, daß im Interesse Aller er sein eigenes Interesse wahrt und dafür die Zustimmung der Phalanx findet, und daß der Fortschritt der industriellen Anziehung für ihn zur Quelle großen Reichthums wird.“

Sehen wir weiter zu. Johannes hat kein Kapital und keine Aktien, er wäre also als Zivilisirter sehr dafür, daß die Arbeit auf Kosten des Kapitals und Talents den Löwenantheil erlangt und rechnet 7/12 für die Arbeit, 3/12 für das Kapital und 2/12 für das Talent. Johannes, als Mitglied der Assoziation, denkt indeß anders. Wohl hat er den lebhaften Trieb, der Arbeit den Hauptantheil zuzuweisen, aber da er in einer Reihe von Serien und Gruppen durch Talent der Erste ist, so verkennt er nicht, daß auch dem Talent sein entsprechender Antheil gebühre. Außerdem begreift er als einsichtiger Bürger die Bedeutung des Kapitals, welche Vortheile der Arme aus den Ausgaben der Kapitalisten zieht, welche Annehmlichkeiten reiche Angehörige ihren Serien und Gruppen erweisen, endlich, daß seine Kinder Aussicht haben, mit Legaten bedacht zu werden. Alles das genau erwogen, findet auch er, daß man ein Einsehen haben und daß die Arbeit zu Gunsten von Kapital und Talent ein wenig zurücktreten müsse. Er kämpft also auch gegen die „unvernünftige Raubsucht“(rapacité déraisonée), deren ein Zivilisirter fähig wäre und findet ebenfalls bei der Repartition von 4/12 für das Kapital, 5/12 für die Arbeit und 3/12 für das Talent seine Seele und sein Gewissen befriedigt.

Fourier glaubt mit besonderem Nachdruck auf dieser Art Vertheilung beharren zu müssen, was man bei seinem Bestreben und seinem festen Glauben, diese von ihm entdeckte und konstruirte ideale Gesellschaft mit freiwilliger Zustimmung aller Klassen und zum Wohlsein aller Klassen ohne irgend welche gewaltsame Erschütterungen begründen zu können, begreifen wird. Wäre die Fourier'sche Phalanx überhaupt möglich und keine Utopie, so wäre unfaßbar, warum das Kapital, bei all den sich ihm eröffnenden glänzenden Aussichten, sich nicht beeilte, Hals über Kopf diesen neuen Gesellschaftszustand zu begründen. Fourier glaubt felsenfest an diese Möglichkeit und die Richtigkeit der von ihm gemachten Aufstellungen; er konstruirt sich die Prämissen und da müssen die Konklusionen stimmen. Falsch sind nicht seine Voraussetzungen, sondern falsch ist die Gesellschaft, die in ihrer Kurzsichtigkeit und Verblendung den Weg, der sich ihrem Glück öffnet, nicht sieht oder zurückweist. Er behauptet also mit Ueberzeugung, daß der Arme in der Harmonie die reiche Klasse und den Antheil des Kapitals am Ertrag bereitwillig unterstützen werde, weil ihm mit Hülfe des Kapitals in der Phalanx so zahlreiche Chancen, zu Vermögen zu kommen, sich darböten. Der Arbeiter der Phalanx sei nicht entmuthigt, wie der Arbeiter der Zivilisation, der keine Aussicht habe, selbstständiger Unternehmer zu werden. „Seine Kinder können durch Kenntnisse, Talent, Schönheit zu hohen Würden und Stellungen kommen, auch kann er, da er stets mehr erwirbt als er ausgiebt, Ersparnisse machen, und so selbst allmälig Aktionär werden.“ Nährt ihm doch die Phalanx die Kinder, die vom dritten Lebensjahre ab bereits selbst voll verdienen, was sie brauchen und später mehr verdienen, als sie nöthig haben; liefert ihm doch die Phalanx alle Werkzeuge und nicht weniger als drei Paradeuniformen für die Feste und Aufzüge; auch besucht er weder Kneipen noch Café's, da er nach fünf vortrefflichen Mahlzeiten und all den Abwechslungen und Vergnügungen, die ihm die tägliche Beschäftigung bietet, für solche Orte kein Bedürfniß mehr empfindet; endlich besteht überall die volle Gleichberechtigung: er nimmt an allen Berathungen Theil, hat das gleiche Stimmrecht und somit nach keiner Richtung einen Grund, gegen die Reichen Abneigung zu empfinden. In der That, es gehört viel Verbohrtheit dazu, all diesen Verlockungen zu widerstehen.

Fourier kommt natürlich nicht im Traum der Gedanke, daß, wenn all diese schönen Ausmalungen und scharfsinnigen mathematischen Berechnungen dennoch ihre Wirkungen verfehlen, das ganze System auf falschen Voraussetzungen beruhen müsse, denn für ihr Interesse sind die Menschen in allen Zeitaltern und bei allen Völkern sehr empfänglich gewesen und namentlich die herrschenden Klassen. Aber aller Widerstand und alle Feindseligkeit, die ihm begegneten, machten ihn an der Richtigkeit seiner Theorien und seiner Berechnungen nicht irre, diese sind für ihn unbestreitbar, und so ist selbstverständlich, daß der einmal begonnene Faden sich ruhig bis zu Ende spinnt, und ein Gebäude entsteht, in dem jeder Stein genau auf den anderen paßt, bei dem Alles auf's Genaueste und Scharfsinnigste berechnet und vorgesehen ist, dem aber die Hauptsache fehlt, das reale Fundament. Die Erkenntniß der eigentlichen Entwicklungsgesetze der Gesellschaft, welche zwar die Gesellschaft einst zu einem ähnlichen Zustande, wie ihn Fourier als scharfsichtiger Seher voraussetzt, führen werden, aber auf anderem Wege und durch andere Mittel und — wann die Entwicklung reif ist, — die Erkenntniß ihrer Entwicklungsgesetze blieb ihm und seinem Zeitalter fremd.

Wie der Kapitalist und der Arbeiter sich zufrieden geben und genau so schließen, wie es der Konstrukteur dieser idealen Gesellschaft wünscht, so natürlich auch das Talent. Philint ist Mitglied von 36 Serien. In zwölf zeichnet er sich als alter erfahrener Serist durch große Geschicklichkeit und durch Talent aus, in zwölf anderen ist er nur mittelmäßiger Arbeiter und in den zwölf letzten Neuling. Nachdem beim Jahresschluß die Inventur gemacht wurde und die Mitglieder der Phalanx zur Entscheidung berufen werden, könnte er in Anbetracht der Talente, die er in zwölf Serien entwickelte, sehr geneigt sein, den Antheil des Talents besonders zu begünstigen. Aber als überlegender Mann muß er sich sagen, daß damit weder sein Interesse noch das der Phalanx gewahrt würde. Einmal stehen nicht nur den 12 Serien, in denen er sich auszeichnet, 24 gegenüber, in denen er nur mittelmäßiger Arbeiter oder gar Neuling ist, es findet sich auch, daß von den 12 Serien, in denen er sich hervorthut, nur vier in die erste, also höchst belohnte Klasse, die der Nothwendigkeiten, fallen, vier andere in die zweite und die letzten vier in die dritte Klasse. Daraus ergiebt sich für ihn von selbst, daß er den einseitigen Maßstab der Bevorzugung des Talents nicht zur Geltung kommen lassen kann. Ein anderer Umstand tritt bei all diesen Erwägungen über die Vertheilungen hinzu. Da die Interessen aller Mitglieder in den dutzenden von Serien und hunderten von Gruppen persönlich voneinander differiren, in einer Serie oder Gruppe, wo zwei oder mehrere harmoniren, diese wieder in allen anderen Serien und Gruppen in ihren Interessen auseinandergehen, ist ein Intriguenspiel zu Gunsten einzelner Serien oder Gruppen unmöglich. In diesen hunderten durcheinandergehenden und sich kreuzenden Interessen, wobei kein Einzelner etwas vermag und keine Verbindung gleicher Interessen möglich ist, muß schließlich das Allgemeininteresse, das damit das Interesse Aller wird, siegen.

Diese Idee ist ungemein geistreich und scharfsinnig, und die Richtigkeit der Vordersätze, von denen Fourier ausgeht, zugegeben, hat er vollkommen recht, triumphirend auszurufen, daß sowohl in den Details wie im Ganzen bei der Vertheilung die distributive Gerechtigkeit in der Phalanx herrscht. „Das Regime der Serien der Triebe ist die gewollte Gerechtigkeit, die das angebliche Laster, denDurst nach Gold, in den Durst nach Gerechtigkeit umwandelt.“ Die Habsucht, eines der schlimmsten Laster in der Zivilisation, wird also auch in der Phalanx zur Tugend. Unsere heute als am lasterhaftesten bezeichneten Triebe werden in der sozietären Ordnung nützlich und gut, wie es die von Gott gewollte Bestimmung ist. Die Bewegung der Organisation der Triebe wird nach der von Schelling ausgesprochenen Idee „in jedem Sinn der Spiegel der universellen Analogie“. Schließlich hat Fourier nichts dagegen einzuwenden, wenn die Vertheilung auch derart stattfindet, daß die Arbeit 6/12, das Kapital 4/12 und das Talent nur 2/12 erhält. Das ganze Vertheilungsgesetz formulirt er also: „Es müsse die individuelle Habsucht durch das Kollektivinteresse jeder Serie und der gesammten Phalanx und die kollektiven Ansprüche jeder Serie durch das individuelle Interesse eines jeden Seristen, als Angehöriger einer Menge anderer Serien, absorbirt werden.“ Und dieses Gesetz wird erreicht „durch das direkte Verhältniß der Zahl der frequentirten Serien im umgekehrten Verhältniß zu der Dauer der Arbeit in den einzelnen Serien“. Mit anderen Worten: Je mehr Serien der Einzelne angehört und je kürzer in Folge dessen die einzelnen Arbeitssitzungen werden, um so leichter wird die ausgleichende Gerechtigkeit in der Vertheilung des Arbeitsertrags sich herstellen. Mit der Zahl der differirenden Interessen des Einzelnen wächst die Möglichkeit der gerechtesten Ausgleichung und die Einheitlichkeit des Ganzen.

Die Habsucht wirkt also schließlich ausgleichend in der Harmonie, aber ihr steht noch ein zweiter Impuls zur Ausgleichung gegenüber, die Edelmüthigkeit. Erstere wirkt direkt, letztere indirekt. Zum Beispiel: „Es handelt sich um die Vertheilung eines Ertrags von 216 Frks. unter neun Mitglieder einer Gruppe, wobei sich zufällig herausstellt, daß die Reichsten und Wohlhabendsten unter den neun Gruppisten in Folge ihrer Leistungen das Meiste erhalten. Darauf erklären die beiden Ersten, daß sie in Anbetracht ihres Kapitaleinkommens und des Vergnügens, das ihnen die Arbeit gebracht, sich mit dem Minimum begnügen — auf das Ganze dürfen sie nicht verzichten — was vier Franken beträgt. In Folge dessen bleiben 52 Franken an die Uebrigen weiter zu vertheilen. Aber dem Beispiel der beiden Ersten folgen zwei Andere, nur daß diese entsprechend ihrem geringeren Vermögen von dem ihnen zufallenden Antheil nur auf die Hälfte verzichten, wobei weiter 20 Franken zu vertheilen übrig bleiben. Diese 72 Franken werden nun dergestalt unter die fünf armen Sozietäre vertheilt, daß sie je 24, 18, 12, 9 und 9 Franken erhalten, und zwar erhält davon eine schöne Vestalin, nicht wegen ihrer Leistungen, sondern weil sie bei den Gebern wie bei den übrigen Mitgliedern in Gunst steht, den höchsten Satz. Diese Gunstbezeugung ist keine Ungerechtigkeit, denn sie schädigt Niemand in seinen Rechten, sie wird aber in der Harmonie eine Quelle der Uebereinstimmung. So werden auch eine große Zahl von Würden und Szeptern, bis zu dem des Omniarchen des Erdballs, als Gunstbezeugungen vergeben, weil alle diese Würden durch Wahl erfolgen.

Wenn nun hieraus sich ergiebt, daß die reichsten Sozietäre nur den möglichst geringsten Arbeitsantheil empfangen — die Verzichtleistung soll nach Fourier in Folge des Beispiels allgemeine Regel werden — und den größten Theil ihres Einkommens nur nach Maßgabe ihrer Kapitalien beanspruchen, so resultirt daraus, daß ihr Antheil am allgemeinen Benefizium im umgekehrten Verhältniß zu der Entfernung(distance)der Kapitalien von einander steht, denn für Arbeit und Talent tendiren sie nur den kleinsten Theil in Anspruch zu nehmen. Dagegen steht ihr Antheil am allgemeinen Benifizium bezüglich des Kapitalantheils im direkten Verhältniß der Masse der Kapitalien. Es kommen also hier genau wie in der physischen Welt zwei entgegenwirkende Kräfte in Betracht, die zentripetale, welche hier die Habsucht ist, und die zentrifugale, die Edelmüthigkeit.

Der Leser wird bereits erkannt haben, daß Fourier hier das von Newton entdeckte Gesetz der Anziehung der Weltkörper, wonach diese wirkt im graden Verhältniß zu ihrer Masse und im umgekehrten Verhältniß zum Quadrat ihrer Entfernung, auf den Vertheilungsmodus seiner Phalanx anzuwenden sucht. Alle Beziehungen der Menschen unter sich und zum Weltall sind ja nach Fourier durch mathematische Verhältnißzahlen zum Ausdruck zu bringen und nach Analogien geordnet, also muß auch die Phalanx, welche im Kleinen das Spiegelbild der Einheitlichkeit der Welt darstellt, diese mathematischen Verhältnisse zum Ausdruck bringen. Freilich ist dieser Versuch im vorliegenden Fall ein verunglückter, denn unter dem Ausdruck Entfernung kann doch nichts Anderes als die Größe der Kapitalien verstanden werden, und ihre Größe deckt sich wieder mit ihrer Masse, mit dem Quadrat der Entfernung haperts überhaupt; und was ist der Mittelpunkt, um den die Kapitalien gravitiren? Im bürgerlichen Leben ist der Mittelpunkt, nach dem Alles strebt, das Kapital selbst, in der Phalanx schwebt es in der Luft. Doch vergessen wir nicht, daß es sich hier um ein geistreiches, mit großem Scharfsinn aufgebautes Utopien handelt.

Fourier ist nun weiter der Ansicht, daß in seiner Phalanx die Generosität, welche die reichen Leute üben, wenigstens 7/8 des Betrags ihrer Dividenden, und bei den Mittelleuten die Hälfte derselben umfassen werde, diese also den ärmeren Sozietären zu Gute kommen. Das klinge freilich wie eine romantische Vision, weil man sich in der Zivilisation ein solches Maß von Großmuth gar nicht vorstellen könne. Mit den bereits hervorgehobenen Triebfedern für eine solche Handlungsweise verbinden sich allerdings noch andere, wie diejenigen, die aus den Liebesbeziehungen resultiren. Doch bei den Vorurtheilen der Zivilisation gegen alles, was das Kapitel der freien Liebe betreffe, sei er genöthigt, grade dieses für die Harmonie so werthvolle und äußerst interessante Gebiet nicht weiter zu berühren; so viel aber sei sicher, daß die freie Liebe und die freie Vaterschaft seelische und physische Kraftquellen erschließen werde, die der Lebensfreudigkeit und der Entwicklung der Menschheit die glänzendsten Aussichten eröffneten.

Was schließlich den Loosantheil betreffe, der dem Talent zufalle, so gewähre dies besonders den unbemittelten Alten in der Phalanx, die in Folge einer langen Erfahrung in den verschiedensten Arbeitszweigen und in der Leitung der Arbeiten hervorragten, Aussicht auf Gewinn. In der Zivilisation sei die Arbeit des Talents, die in der Harmonie eine Ausgleichung zwischen dem, was dem Kapital und dem, was der Arbeit zufalle, herbeiführen solle, nur eine Art Fußschemel, auf dem der Reichere auf Kosten des Aermeren, dessen Kenntnisse er für sich ausbeute, in die Höhe steige; der gesellschaftlich Begünstigte schmückte sich mit den Federn des Armen. Die Handlungen aus Edelmuth in der Phalanx seien es ferner, die hauptsächlich die Grenzen zwischen den Armen und Reichen verwischten, daher werde ein Monarch in der Harmonie mitleidig lächeln, wenn man ihm eine Schutzgarde anbiete. Alle, die ihn umgeben, seien ihm von Herzen und nicht wegen der Bezahlung ergeben, der Monarch genieße ohne alle Kosten eine Zuneigung, die er sich in der Zivilisation nie zu erwerben vermöge, wo er seine Sicherheit nur in der Umgebung von erkauften Söldlingen zu glauben finde und doch nicht vor der Ermordung sicher sei.20

Die große Ungleichheit der Vermögen werde es gerade sein, die in der sozietären Gesellschaft die Harmonie gebäre; nur ein Schatten von Gleichheit hierin würde sie zerstören. Kein mittelreicher Mann werde deshalb den Anstoß geben, mehr zu überlassen, als was das Minimum überschreite. Es genüge, um einen solchen Akt des Wohlwollens begehen zu können, den Sozietären das beträchtliche Einkommen, das ihnen die zugestandene Dividende aus den Aktien einbringe. So werde, den moralischen Diatriben gegen die großen Vermögen zum Trotz, die Phalanx, wo die Ungleichheit des Vermögens die größte und best abgestufteste sei, die doppelte Harmonie, in Folge des Spiels der Impulse der Habsucht und der Großmuth, am besten erreichen. „Wie weit entfernt war doch die arme Moral, in das Geheimniß der Harmonie der Vertheilung, die für alle anderen Harmonien die Grundlage bildet, einzudringen.“ Und da griffen die Philosophen seine Theorie als bizarr und unbegreiflich an, die doch im Gegentheil gar nichts Willkürliches habe, sondern auf unerschütterlichen geometrischen Theorien aufgebaut sei. Man preise Newton als das größte moderne Genie, weil er die Berechnung der Gesetze der Anziehung begonnen habe, worin er sich aber nur auf einen Zweig beschränkte; warum unterdrücke man da ihn, den Mann, der diese Berechnung fortgesetzt und sie vom materiellen auf das passionelle Gebiet, ein Zweig, der für die Menschheit sehr viel nützlicher sei, als den, welchen Newton behandelte, übertragen habe. Es sei nichts, als die Furcht, daß diese von ihm begründete neue Wissenschaft das Handelsgeschäft mit den philosophischen Systemen und Büchern schädige.

Neben den bisher angeführten Faktoren, die nach Fourier eingreifen, um das Leben in der Phalanx zu einem möglichst angenehmen zu gestalten, wirken noch solche, welche die gegenseitige Uebereinstimmung und die Versöhnung der Klassen und Standesunterschiede herbeiführen, so die Beziehungen, welche die Freundschaften zwischen Armen und Reichen und die Liebe zwischen Jungen und Alten herstellen wird. Die Zivilisation erzeuge zwar auch ausnahmsweise die eine oder die andere dieser Beziehungen, aber bei dem Mangel der Serien der Triebe könnten sie zu keinem System werden. Wie Freundschaften zwischen Arm und Reich in der Harmonie entstehen, ist schon ausgeführt worden. Die Beziehungen, welche die freie Liebe hervorruft, müßten in Rücksicht auf die ebenfalls schon erwähnten Vorurtheile der Zivilisirten unerörtert bleiben, so sind nur die aus Ehrgeiz und der Vaterschaft sich ergebenden Verhältnisse näher zu betrachten.

„In unserer Zivilisation herrscht unter den verschiedenen Klassen und Standesabstufungen überall nur Haß und Feindseligkeit oder Geringschätzung. Der hohe Adel sieht auf den niederen, der Adel überhaupt auf die Bourgeoisie, die Bourgeoisie wieder auf das Volk mit mehr oder weniger großer Feindseligkeit oder Geringschätzung herab, und diese Gefühle werden von unten nach oben erwidert. Innerhalb der einzelnen Schichten selbst giebt es wieder verschiedene Abstufungen, zwischen denen ähnliche Gefühle herrschen. Kurz, mit der süßen Brüderlichkeit, welche die Moral und die Philosophie predigen, sieht es in der Wirklichkeit recht windig aus. Da verachtet der große Kaufmann den kleinen, der Gelehrte den Nichtgelehrten, der Bürger den Bauern und Arbeiter. Aber wo das Merkenlassen dieser Gefühle den Interessen schadet, versteckt man sie, und das nennt man dann Gewandtheit oder Klugheit(savoir faire). Wo in der Zivilisation sich der Höhere dem Niederen scheinbar freundschaftlich nähert, sind in der Regel Hintergedanken im Spiel und sie führen zum Ueblen und zu Unordnungen. So, wenn der Große einer Frau aus dem Volke sich nähert, die Folge ist gewöhnlich ein Bastardkind; oder wenn wirklich Ehen stattfinden, führen sie zu Ueberwerfungen in der Familie. Betrifft es hingegen Sachen des Ehrgeizes, so handelt es sich um Wahlintriguen, Parteistreitigkeiten, Bündnisse zur Unterdrückung. Und gleichwohl ist der Ehrgeiz in der Harmonie ein sehr geeignetes Mittel, alle widerstrebenden Elemente zu verbinden. Napoleon sagt man nach, er habe in Moskau eine Medaille prägen lassen, welche die Inschrift enthielt: „Der Himmel für Gott, die Erde für Napoleon.“ Das ist damals den Franzosen gar schrecklich vorgekommen. In Wahrheit hat er damit eine sehr vernünftige Absicht, die Gründung einer Weltmonarchie ausgesprochen. Dieser Gedanke ist durchaus korrekt und es ist nur zu bedauern, daß Napoleon ihn nicht verwirklichen konnte, er würde damit der neuen sozialen Ordnung wesentlich Vorschub geleistet haben. Gleiche Sprache, gleiche Schrift, gleiche Kommunikationsmittel, gleiches Geld, Maß und Gewicht zu schaffen, gleiche Unternehmungen in Industrie, Handel und Verkehr, Wissenschaft und Kunst zu begründen und zu vollbringen, einen Weltmeridian aufzustellen, alles dem Menschen Schädliche und Feindliche im Pflanzen- und Thierreich zu vernichten, das höchste Wohlsein durch die Gründung der Phalanxen auf dem ganzen Erdboden herbeizuführen und damit auch die Aenderung und Verbesserung der Temperaturen zu bewerkstelligen, das ist das Ziel der sozietären Ordnung, und es werden mit dieser Ordnung die Weltmonarchie und die Territorialmonarchien über den ganzen Erdboden begründet werden.“

Künftig könnten also Mann wie Frau ihren Ehrgeiz darauf richten, Herrscher oder Herrscherin der Welt oder einer der Territorialmonarchien zu werden, und für einen politischen Eunuchen gelte, wessen Ehrgeiz sich mit Geringerem begnüge. Diese Ansicht scheine bizarr, sie sei es aber nicht, denn nichts sei leichter in der sozietären Ordnung, „als Cäsar und Pompejus zu versöhnen“. Cäsar und Pompejus könnten an demselben Ort in ganz verschiedenen Würden nebeneinander regieren. Giebt es doch nicht weniger als sechszehn verschiedene Szepter und eine große Auswahl von Würden und Titeln. Da giebt es Würden und Titel für die Erblichkeit, die Adoption, den Favoritismus, das Vestalat u. s. w. Alle diese Szepter, Würden, Titel, Grade, eröffnen sich Jedem. „Kennt der Monarch in der Zivilisation nur den legitimen Erben, in der Harmonie wird er auch das Recht der Adoption haben, eine Freiheit, deren er bei uns beraubt ist und ihm nicht selten den Lebensabend verbittert. Auch kann der Souverän wie die Souveränin, um der Erblichkeit zu genügen, sich eine Zeugerin oder einen Zeuger wählen; ferner jeder Monarch kann Nachfolger bestimmen, welchen er nur bestimmte Funktionen, also einen Theil seiner Regierungsgewalt überträgt. Die Harmonisten können alle neu gegründeten Throne durch Wahl aus ihrer Mitte besetzen, dagegen können die erblichen Throninhaber und Throninhaberinnen ihre vollen oder Theilnachfolger, wie ihre eigenen Gatten und Gattinnen nach Wahl sich aussuchen. Welche Aussichten eröffnen sich da für Väter und Mütter, für junge Männer und junge Mädchen! Und welcher Ausblick für schöne, liebenswürdige Frauen, deren Aussichten, einen Thron zu erobern, in unserer Zivilisation so geringe sind. Welche Mittel immer sie in Anwendung bringen, ein gestecktes Ziel zu erreichen: Unschuld, Talent, Schönheit, Liebenswürdigkeit, Gefälligkeit, alles ist ihnen erlaubt, sie schaden Niemand damit. Welch mächtige Mittel, das Volk an die Großen zum Anschluß zu bringen und alle Quellen des Hasses, der Feindseligkeit, der Mißgunst zu verstopfen.

„Zu diesen Anziehungs- und Aussöhnungsmitteln zwischen Hoch und Niedrig kommt in der Phalanx auch noch das Mittel der Vaterschaft, ein Thema, das etwas schwierig zu behandeln ist, weshalb es sich empfiehlt, die Thatsachen statt der Prinzipien sprechen zu lassen. Man vergesse nicht, daß in Folge der vernünftigen und naturgemäßen Lebensweise der Harmonisten auch die Langlebigkeit in der Phalanx herrscht; unter je zwölf Personen giebt esmindestenseine, welche ein Alter von 150 Jahren erreicht. Nehmen wir des Beispiels halber Einen dieser Aeltesten. Ithuriel, ein sehr reicher Mann, der 150 Jahre zählt, sieht auf sieben Generationen herab. Er hat 120 direkte Nachkommen, welche er in seinem Testament zu bedenken gewillt ist. Die nächsten Nachkommen, ein Sohn und eine Tochter, welche schon reich sind, bedenkt er nur mit einem kleinen Theil seines Vermögens, die nächstfolgenden bedenkt er etwas mehr. Er giebt aber auch der sechsten und siebenten Generation erhebliche Antheile, damit sie nicht in Versuchung kommen, den Tod älterer Verwandten zu wünschen. Er verbraucht für diese Vermächtnisse die Hälfte seines Vermögens. Die anderen beiden Viertel legirt er dergestalt, daß ein Viertel auf hundert Adoptirte kommt, das andere Viertel an hundert Freunde und Seitenverwandte fällt, darunter seine Frauen, die selbst reich sind und keiner größeren Erbschaften bedürfen. Diese einzige Erbschaft umfaßt also direkt und indirekt einen großen Theil der Mitglieder der Phalanx. Da viele Frauen und Männer in der gleichen Lage wie Ithuriel sind, werden sie in ähnlicher Weise testiren und es geht schließlich Niemand leer aus.“

„Da kommt die Moral und predigt, wir sollten uns Alle als eine Familie von Brüdern und Schwestern betrachten. Leeres Geschwätz. Kann Lazarus, ein armer junger Mann, den reichen Patriarchen Ithuriel als seinen Bruder betrachten? Wenn er in der Zivilisation auf ihn spekuliren wollte, bekäme er nichts. Aber in der Phalanx ist er vielleicht einer seiner entfernten Nachkommen, oder ein Seitenverwandter, oder einer der Adoptirten; sicher braucht er sich nicht wie sein Namensvetter in der Bibel mit den Brosamen zu begnügen, die von der Reichen Tische fielen. Es giebt in der Phalanx für ihn eine Menge Gelegenheiten, zu Ansehen und Beliebtheit und damit unzweifelhaft auch zu Wohlhabenheit zu kommen. Schließlich ist in der Phalanx, wo die Arbeit Jedem sein Wohlsein garantirt, Niemand auf die Erbschaftslungerei angewiesen, wie dies in der Zivilisation so gewöhnlich ist, wo der Tod des Erblassers nicht erwartet werden kann. Und andererseits, wie darf ein Vater in der Zivilisation es wagen, auch den Gefühlen der Philanthropie und der Freundschaft Rechnung zu tragen, ohne das Mißfallen und selbst die Erbitterung seiner direkten Nachkommen zu erregen?“

„In der sozietären Ordnung wird also auch die Frage gelöst, wie kann zwischen Testator und Erben ein Verhältniß hervorgerufen werden, das die Zuneigung der Erben dem Erblasser erhält, sie veranlaßt, ihm die Verlängerung des Lebens zu wünschen, dessen Ende heute in den meisten Fällen ungeduldig erwartet wird.“

Alle Schriftsteller, alte wie neuere, die sich bisher eingehend mit den sozialen Fragen beschäftigten, konnten nicht umhin, auch die Bevölkerungsfrage in den Kreis ihrer Erörterungen zu ziehen, so auch Fourier. Fourier mußte dies um so mehr, als er einen in's kleinste Detail ausgearbeiteten Organisationsplan für die ganze Erde entwarf, eine Organisation, welche die Grundlage für alle weitere Entwicklung der Menschheit bilden sollte. Wer so für die Zukunft sorgt, muß auch die Bevölkerungsfrage seiner Prüfung unterziehen und eine Lösung für sie finden. Wie in allen übrigen Fragen, so geht auch hier Fourier seinen eigenen Weg. Seine Ansichten sind um so interessanter, als in der Zeit seines ersten schriftstellerischen Auftretens die Schrift von Malthus über die Bevölkerungstheorie bereits erschienen war und pro und kontra in den interessirten Kreisen lebhaft erörtert wurde. Malthus stellte, sich anlehnend an ältere Schriftsteller, bekanntlich die Theorie auf, daß die Menschheit die Tendenz habe, sich in geometrischer Progression, also in dem Zahlenverhältniß 1, 2, 4, 8, 16, 32 u. s. w. zu vermehren, dagegen die Nahrungsmittel die Tendenz hätten, sich in arithmetischer Progression zu vermehren 1, 2, 3, 4, 5 u. s. w. Aus diesen beiden sich widersprechenden Tendenzen folge, daß in kurzer Zeit — Malthus setzte einen Zeitraum von 25 Jahren voraus, die genügten, um die Verdoppelung der Menschenzahl herbeizuführen — die Erde so übervölkert sei, daß die Menschen an Nahrungsmangel zu Grunde gehen müßten. Malthus betrachtete es als „göttliche Bestimmung“, daß Alle, die am Gastmahl des Lebens keinen Platz fänden, zu verhungern hätten; das sei der natürliche Lauf der Entwicklung, so nur werde Raum für die Nachkommenden geschaffen. Diese brutale Theorie, welche der herrschenden Klasse das Gewissen erleichterte, fand bei dem Einen ebenso lebhaften Anklang, als bei dem Andern Widerspruch. Man wandte ein, daß die Erfahrung die Theorie nicht rechtfertige, weder habe die Bevölkerungszahl in dem angegebenen Maßstab bisher sich vermehrt, noch sei nachzuweisen, daß die Vermehrung der Nahrungsmittel in den gezogenen Grenzen sich bewege. Trete überhaupt einmal Uebervölkerung ein, dann geschehe es in einer für die jetzigen und die nachfolgenden Generationen so fernen Zeit, daß die Frage jedes akute Interesse verliere. U. s. w.

Fourier faßt die Frage an einem anderen Ende an. Zunächst wirft er den Politikern und Oekonomen vor, daß sie durch ihre Inkonsequenzen und Unbesonnenheiten überhaupt übersähen, das Verhältniß der Bevölkerung als Konsumenten zu der Zahl der vorhandenen produktiven Kräfte näher zu bestimmen, da es darauf vor Allem ankomme. Er huldigt also dem Grundsatz, steigende Produktivkräfte schaffen steigendes Produkt, beides steht im Verhältniß zueinander. „Vergebens werde die Zivilisation Mittel zu entdecken suchen, eine vier- selbst hundertfache Vermehrung des Produkts zu erzielen, wenn die Menschen verurtheilt seien, sich unter dem bisherigen sozialen Zustand zu vermehren, der in Folge unökonomischer Verwendung die Gesellschaft zwinge, beständig das drei- und vierfache Produkt aufzuhäufen, um das gewohnte graduirte Auskommen der verschiedenen Klassen zu ermöglichen.“

Zu allen Zeiten sei in der Zivilisation die Ausgleichung der Bevölkerung im Verhältniß zu den Nahrungsmitteln eine der Klippen der Politik gewesen. Schon die Alten, die ringsum sich so viel unkultivirte Regionen liegen sahen, die der Kolonisirung fähig waren, hätten gegen die Uebervölkerung kein anderes Mittel als Aussetzung, Kindestödtung, Erwürgung der überschüssigen Sklaven gehabt.

„Darin zeichneten sich die tugendhaften Spartaner besonders aus. Die römischen Bürger, die so stolz auf den Namen freier Männer, aber weit entfernt waren, gerechte Männer zu sein, vergnügten sich, ihre Sklaven in den Kampfspielen zu Grunde gehen zu sehen ... Neuerdings haben sich Stewart, Wallace und Malthus über die Frage ausgelassen. Stewart stellt die Frage, woher man auf einer Insel die Lebensmittel nehmen wolle, wenn die Bevölkerung von 1000 auf 10.000 oder gar 20.000 sich vermehre, während die Insel gut kultivirt nur für 1000 Nahrung habe. Darauf hat man geantwortet: man müsse alsdann den Ueberschuß fortsenden und anderwärts weiter kolonisiren. Damit ist aber die Frage umgangen. Wie dann, wenn der ganze Globus so bevölkert ist, daß für den Ueberschuß nichts mehr zu kolonisiren übrig bleibt? Man antwortete, und darin stimmen auch die Owenisten ein, daß die Erde noch nicht übervölkert sei und es noch wenigstens 300 Jahre dauere, ehe dieser Zeitpunkt komme. Das ist ein Irrthum, denn schon nach 150 Jahren ist die Erde übervölkert. Auf alle Fälle ist nach 150 oder 300 Jahren die Frage brennend und nicht gelöst, wenn man bei den jetzigen Anschauungen und Mitteln bleibt. Nun, die sozietäre Ordnung hat sehr wirksame Mittel, die Uebervölkerung zu verhüten und sie auf dem rechten Stande zu erhalten. Es sind ungefähr fünf Milliarden, die auskömmlich existiren können, wenn der ganze Erdboden mit Phalanxen bedeckt ist und die von mir vorausgesehenen klimatischen Verbesserungen eintreten, im anderen Falle ernährt er nur drei Milliarden.“

„Im sozietären Zustand stellt die Natur der exzessiven Vermehrung der Bevölkerung vier wirksame Dämme entgegen: 1. die größere Kraft und Körperentwicklung der Frauen; 2. die üppige Lebensweise; 3. die phanegoramischen Sitten; 4. die gleichmäßige körperliche Uebung aller Kräfte. Was die große Körperentwicklung bewirkt, das sehen wir bei den starken Frauen in unseren Städten; auf vier Frauen, die überhaupt unfruchtbar sind, kommen drei robuste, wohingegen die zarten Frauen von der größten Fruchtbarkeit sind. Man antwortet, daß die Frauen auf dem Lande meist robust und doch fruchtbar seien. Das ist richtig, aber das ist nur ein Beweis mehr, daß alle vier Mittel kombinirt angewendet und miteinander verkettet werden müssen. Die Frauen auf dem Lande sind fruchtbar, weil sie mäßig leben und eine grobe, hauptsächlich vegetabilische Nahrung zu sich nehmen. Die Städterinnen leben üppiger und raffinirter und daher kommt ihre größere Unfruchtbarkeit. Verbindet sich nun in der Harmonie die körperliche Kraftentwicklung der Frauen mit üppiger Lebensweise und Nahrung, so wird man zwei wirksame Mittel, die der Fruchtbarkeit entgegenwirken, verbunden haben.“

Zu den phanegoramischen Mitteln übergehend, läßt Fourier aus naheliegenden Gründen eine Lücke. Das vierte Mittel, die gleichmäßige körperliche Uebung, werde durch den häufigen Wechsel der Beschäftigungen und die kurzen Arbeitssitzungen in hohem Maße bewirkt. Man habe nie beobachtet, wie auf Pubertät und Fruchtbarkeit körperliche Uebungen einwirkten. Dies sei frappant. Daher erlangten unsere Dörflerinnen später die Geschlechtsreife als die Städterinnen oder die reichen Landbewohnerinnen. Die Fruchtbarkeit sei den Einflüssen körperlicher Uebungen gleichfalls unterworfen. Seien die körperlichen Uebungen gleichmäßig und würden sie abwechselnd und proportionell auf alle Theile des Körpers angewandt, so sei kein Zweifel, daß die Geschlechtsorgane sich später entwickelten. Das sehe man überall, wo die Erziehung vorzugsweise auf die geistige und wo sie hauptsächlich auf die körperliche Entwicklung gerichtet werde. Kinder von hoher Geburt übten den Geist mehr als den Körper, daraus resultire, daß ihre geschlechtlichen Eigenschaften mächtig angefeuert würden und frühzeitig sexuelle Eruptionen vorzeitige Geschlechtsreife erzeugten.

In der Harmonie werde das Gegentheil eintreten. Die Harmonisten würden noch später als die heutigen Landbewohner ihre Geschlechtsreife erlangen, weil die fortgesetzten und abwechselnden körperlichen Uebungen alle Glieder in Anspruch nähmen, lange Zeit die Lebenssäfte absorbirten; sie würden also den Augenblick verzögern, wo in Folge ermangelnder Absorption der Ueberschuß der Säfte unvermuthet die Pubertät vor dem von der Natur gewollten Zeitpunkt herbeiführe. Ebenso würden die gleichmäßig gehandhabten gymnastischen Uebungen bei den Frauen die Fruchtbarkeit hemmen und zwar in solchem Maße, daß eine Frau, welche die Empfängniß wünsche, sich nun umgekehrt durch Enthaltung körperlicher Uebungen und größerer industrieller Anstrengungen auf diesen Zustand vorbereiten müsse. Die allzugroße körperliche Ruhe in der Lebensweise der heutigen Städterinnen sei es hauptsächlich, welche den Geschlechtstrieb und die Empfänglichkeit steigerten, es fehle das Gegengewicht der körperlichen Anstrengungen und Uebungen.

Wende man also die vier bezeichneten Mittel in Verbindung miteinander an, so würden die Chancen der Fruchtbarkeit im Gegensatz zu heute sich wenden und es sei statt eines Ueberschusses eher ein Defizit in der Bevölkerungsentwicklung zu fürchten, man werde mithin die Mittel anwenden, wie die Umstände sie erforderten. Man sei also in der Harmonie im Stande, ein Gleichgewicht zwischen der Menge der Lebensmittel und der Menschenzahl herbeizuführen. Der vernünftige Mann habe nur so viel Kinder, daß er ihnen das nöthige Vermögen sichern könne, ohne welches es kein Glück gebe, nur der unvernünftige setze die Kinder zu Dutzenden in die Welt, sich entschuldigend wie jener Schah von Persien: „Gott schickt sie und es kann nie zu viel rechtschaffene Menschen geben.“ Der soziale Mensch sinke auf die Stufe der Insekten, wenn er ameisenartig Kinder zeuge, die schließlich in Folge ihrer Ueberzahl genöthigt seien, sich gegenseitig aufzuzehren. Wenn sie dies nicht buchstäblich wie die Insekten, Fische, wilden Thiere machten, so zehrten sie sich politisch auf, durch Räubereien, Kriege und Perfidien aller Art in der besten der Welten. Unter der Zivilisation werde ein Land, wie bevölkert es auch sei, nie dazu gelangen, es wahrhaft zu kultiviren, das zeige sich an Frankreich, dessen Boden zu einem Drittel brach liege, an Irland, das zwar nicht das bevölkertste Land, dessen Bevölkerung aber die ärmste und verkommenste in Europa sei, trotzdem fruchtbares Land in Hülle und Fülle vorhanden sei.

So zeige sich überall, daß das Gleichgewicht auf umfassender Entwicklung und nicht auf Erstickung begründet sein müsse, daß alle Neigungen wie der Hang nach Reichthum, nach Befriedigung des Ehrgeizes, Herrschaftsgelüste, Habsucht, Gier nach Erbschaft, Verlangen nach Befriedigung der Liebesbedürfnisse und was sonst noch die Zivilisation Alles als Fehler und Uebel ansehe, welche die Natur des Menschen erzeuge, ohne sie befriedigen zu können, in der Harmonie eben so viel Wege der Tugend und des allgemeinen Glückes würden. Das genüge wohl, um die sogenannten starken Geister, die stets behaupteten, daß die Bewegung und die Triebe nur Wirkungen des Zufalls seien, die man beliebig modeln und unterdrücken könne, und die den Glauben erweckten, als bedürfe Gott der Unterweisungen eines Plato und Seneka, um zu wissen, wie er die Welten zu schaffen und die Triebe in Harmonie zu leiten habe, zu verwirren.

Unzweifelhaft liegt der Idee Fourier's in Bezug auf das Bevölkerungsgesetz eine großartige und fruchtbare Auffassung zu Grunde. Er erklärt mit vollem Recht, daß die Zivilisation, in unserer Sprache ausgedrückt die bürgerliche Gesellschaft, wie sie überhaupt unfähig ist, die sozialen Gegensätze aufzuheben, auch unfähig ist, die Bevölkerungsfrage zu lösen. Das zeigt sich nicht nur an dem auch von Fourier angeführten klassischen Beispiel, an Irland, dessen Bevölkerung in demselben Maße ärmer wird, als sie an Zahl im Lande abnimmt, während die Zahl der unter den Pflug genommenen Acker Landes und die Häupterzahl der Viehherden wächst; wir sehen ganz Aehnliches gegenwärtig auch in Ungarn und in Rußland sich vollziehen, wo die bürgerliche Raubwirthschaft an Grund und Boden die Massenverarmung, die steigende Verschuldung und die Verminderung der ackerbautreibenden Bevölkerung, verbunden mit Massenbankerotten im Gefolge hat. Und geht die Entwicklung in der gegenwärtigen Richtung noch einige Jahrzehnte weiter, so werden die Vereinigten Staaten, Ostindien und Neuholland dasselbe Bild uns bieten. Die Raubwirthschaft an Grund und Boden begünstigt die treibhausmäßige Entwicklung der Industrie und des Verkehrs, und so erzeugt, wie Fourier vollkommen richtig und seiner Zeit weit vorauseilend ausführte,„die Zivilisation die Armuth aus dem Ueberfluß,“und macht „jedes Uebel und jedes Laster, das die Barbarei nur auf einfache Weise ausübt, zu einem doppelseitigen,“ sie geht an ihremcercle vicieux, an ihren inneren Widersprüchen zu Grunde. Was Fourier vorausahnend in Bezug auf das Bevölkerungsgesetz zu begründen versuchte, hat Karl Marx positiv in den Satz formulirt: daß jede ökonomische Entwicklungsperiode auch ihr besonderes, ihr eigenthümliches Bevölkerungsgesetz hat.

In der That wird Niemand, der die gesellschaftliche Entwicklung in ihren verschiedenen Entwicklungsphasen einigermaßen verfolgte — Wildheit, Barbarei, Patriarchat, Zivilisation, und hier wieder antiker, feudaler, bürgerlicher Staat — bestreiten können, daß die jeweilige Entwicklung der Eigenthumsformen, der materiellen Lebensbedingungen der Gesellschaft, auch in jeder Periode entsprechende Bevölkerungszustände schaffte. So wird auch eine sozialistische Gesellschaft mit von Grund aus veränderter materieller Lage für die Gesammtheit und mit ihren Veränderungen in den Beziehungen der Geschlechter ein von der bürgerlichen Gesellschaft abweichendes Bevölkerungsgesetz für ihre Entwicklung haben. Der Unterschied wird hauptsächlich sein, daß, während bisher alle Gesellschaftsordnungen sich ihre Lebensbedingungen schufen, ihrer eignen treibenden Gesetze unbewußt, aber auch die Bedingungen ihres Untergangs unbewußt erzeugten, eine sozialistische Gesellschaft sowohl ihr Entwicklungsgesetz wie ihr Bevölkerungsgesetz erkennt und beide bewußt anwenden wird; sie wird sich über ihre eigene Zukunft ebensowenig wie über den einstmaligen Untergang des Menschengeschlechts täuschen.


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