Nach Fourier's Auffassung ist die Welt einheitlich organisirt, Alles verbunden und in Beziehungen zu einander. Der Schöpfer dieser Welt ist Gott, aber der eigentliche Mittelpunkt derselben ist der Mensch. Zwischen Gott und dem Menschen bestehen die innigsten Wechselbeziehungen, und will der Mensch das Glück, das seine Bestimmung ist, erreichen, muß er Gott als den obersten Leiter der Welt anerkennen. Diese Erkenntniß hat man aber von Alters her zu verhindern gesucht. Man hatte sich gewöhnt, die Welt mit 35.000 Göttern zu bevölkern, statt den einen Gott anzuerkennen. Das war eine himmlische Maskerade, unter welcher es schwierig war, die wahren Absichten Gottes zu entschleiern. Selbst Sokrates und Cicero beschränkten sich darauf, sich in ihrem Jahrhundert von diesen Göttersottisen zu isoliren und den „unbekannten Gott“ zu verherrlichen, ohne weitere Untersuchungen anzustellen, die dem Geist der Zeit entgegen waren. Sokrates ward ein Opfer seiner Bekenntnisse.
Heute, nachdem der Christianismus uns zu gesunden Ideen wieder zurückgeführt, zu dem Glauben an einen einzigen Gott, seien jene Superstitionen zerstört. Die menschliche Vernunft müsse anerkennen, daß alle Erleuchtung von Gott komme, sie müsse sich seinem Geist unterwerfen, und also bleibe nur übrig zu bestimmen, welch wesentliche Charaktereigenschaften, Attribute, Ansichten und Methoden Gott in Bezug auf die Harmonie des Weltalls habe.
Die Antwort auf die Frage Feuerbach's: „Wer hat Gott geschaffen?“, Antwort: „der Mensch“, trifft schlagend hier bei Fourier zu, der sich seinen Gott konstruirt, wie er ihn für sein soziales System braucht.
Dieser sein Gott hat fünf wesentliche Eigenschaften, die ihn zu der ihm zugedachten Stelle befähigen. Er ist alleiniger und vollkommener Leiter aller Bewegung im Weltall; denn, sagt Fourier, wenn Gott, dieser oberste Leiter, der alleinige Herr des Universums, der Schöpfer und Vertheiler von und für Alles ist, so hat er auch alle Theile des Weltalls zu lenken und besonders diewichtigsten,die sozialen Beziehungen. Also ist er der soziale Gesetzgeber und nicht die Menschen. Letztere haben nur das soziale Gesetz zu suchen, das Gott ihnen bestimmte. Da erhebe nun die Philosophie ihr Geschrei und setze sich, d. h. also die menschliche Vernunft, an die erste, und Gott an die zweite Stelle. Das bedeute, daß sie Gott von der Prärogative der Gesetzgebung in Sachen der sozialen Ordnung ausschließe und sich an seine Stelle setze. Wem leuchte nicht diese Anmaßung ein? Eine zweite Haupteigenschaft Gottes sei, oberster Oekonom aller Hülfsmittel zu sein. Diese Stellung erfordere, daß er die größten sozietären Vereinigungen den kleinsten, wie der Familie und der isolirten Privatwirthschaft vorziehe, daß er ferner als Motor die Anziehung der Triebe anwende, welche zwölf große Ersparungen im Vergleich zu dem Regime der Einschränkung und des Zwangs, wie es die Zivilisation besitze, ermögliche. Diese zwölf Ersparungen zählt er auf. Die dritte Haupteigenschaft Gottes bilde die distributive Gerechtigkeit. Davon sehe man nicht einmal einen Schatten in der Zivilisation,wo das Elend der Völker in demselben Maße wachse, wie die Industrie zunehme.Das erste Zeichen von Gerechtigkeit in der Zivilisation solle ein dem Volk garantirtes Minimum des Lebensunterhaltes sein. Aber statt dessen sehe man das Gegentheil. Der Handelsgeist führe dahin, die heiße Zone mit ihren den Heimathländern entrissenen schwarzen Sklaven, die gemäßigte Zone mit weißen Sklaven zu bedecken, die man in die industriellen Bagnos (die Fabriken) zwinge. Wo sei auch nur ein Funke von Gerechtigkeit vorhanden, wenn trotz des Wachsthums der Industrie den Armen nicht einmal die Möglichkeit, Arbeit zu erhalten, garantirt sei? Wo diese Zustände hintrieben, sehe man an England. Die distributive Gerechtigkeit, die Gott wolle, gebe es nur in der Harmonie.
Die vierte Haupteigenschaft Gottes sei die Allgemeinheit der Vorsehung. Sie müsse sich auf alle Völker, Wilde wie Zivilisirte, ausdehnen. Da nun die Annahme unserer sozialen Ordnung von Wilden und Barbaren verweigert werde, so sei dies ein Beweis, daß diese Ordnung nicht den Ansichten Gottes entspreche, welcher ein System wolle, das die Harmonie unter allen Menschen herstelle. Jede Ordnung aber, die auf Gewalt beruhe, widerspreche der menschlichen Natur. Jede Klasse, die wie die Sklaven, durch das heutige System direkt, oder wie die Arbeiter indirekt unterdrückt würde, sei der Stütze der Vorsehung beraubt, die auf der Erde durch die Anziehung der Triebe in den industriellen Anwendungen allein zur Geltung komme. Jeder Zustand, der auf der Gewalt beruhe, sei den Ansichten Gottes entgegen, es müsse also eine soziale Ordnung hergestellt werden, vor der alle Völker und alle Klassen sich neigten, wenn die Vorsehung universell sein solle. Endlich, die fünfte Haupteigenschaft Gottes sei, als Schöpfer des Weltalls auch die Einheitlichkeit des Systems zu wollen, welche die Anwendung der Anziehung als Triebfeder für alle sozialen Harmonien und alle Welten voraussetze, von den Sternen bis zu den Insekten. Es sei also das Studium der Anziehung, in dem man das göttliche, das ganze All beherrschende Gesetz zu suchen habe. Weder Voltaire noch Rousseau seien im Stande gewesen, dieses soziale Gesetz zu entdecken; Voltaire habe in Gasconaden (prahlerischen Redensarten) sich ergangen, Rousseau habe dem philosophischen Obskurantismus die Wege gebahnt, Beide hätten das Ziel verfehlt.
Fourier greift also direkt die beiden Heiligen der französischen Bourgeoisie an: Voltaire, der die Macht des Klerus und der Kirche wie kein Zweiter untergrub und erschütterte, und Rousseau, der das sozial-philosophische Lehrgebäude errichtete, dessen Theorien das französische Bürgerthum in der großen Revolution in die Praxis umzusetzen versuchte und, soweit auch wirklich umsetzte, als dies die Praxis des Lebens, d. h. die materiellen Interessen der nunmehr in Staat und Gesellschaft zur Herrschaft gekommenen Klasse zuließen. In der Selbsttäuschung befangen, nagelte man als Firmenschild die Devise: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit an, jene Devise, die in so grellem Kontrast zur Wirklichkeit stand und deren unbegreiflicher Widerspruch mit den Thatsachen die Kämpfe in der Konstituante und im Konvent hervorriefen, die Schreckensherrschaft der „Tugendhaftesten“, der blindesten Verehrer Jean Jacques Rousseau's, der Robespierre, St. Just und Genossen gebaren und schließlich mit der Diktatur eines Napoleon Bonaparte endeten und enden mußten. Diesen Widerspruch zwischen den Theorien und der Praxis hatte Fourier so scharf wie nur noch Einer, St. Simon, erkannt und daher seine Angriffe und sein ätzender Spott gegen die Philosophen, die Moralisten, die Metaphysiker, die Politiker und Oekonomen, die geistigen Träger und Lobredner, die Ideologen des bürgerlichen Systems.
Wie nun Fourier das Bedürfniß empfand, sein soziales System als mit den Absichten Gottes in Einklang stehend darzustellen, sich selbst als den Propheten der neuen von Gott gewollten Ordnung anzusehen, so versuchte er auch den Nachweis, daß seine Theorien mit der Lehre Jesu, den Schriften des Neuen Testaments im Einklang ständen. Nach der Revolution war man in Frankreich wieder sehr fromm geworden, Napoleon hatte sich schließlich mit dem Papstthum ausgesöhnt und es als Vorspann für seine Kaiserherrlichkeit zu benutzen versucht. Der Weizen der Kirche blühte erst recht, als nach dem Sturze Bonaparte's die Restauration, gestützt auf die Bajonette der heiligen Allianz, in Frankreich ihren Einzug hielt. Es konnte also die Berufung auf die Aussprüche Christi unter keinen Umständen schaden, namentlich wenn man, wie Fourier, entschlossen war, die Unterstützung für sein soziales System zu nehmen, wo man sie fand, und die er, wenn überhaupt, nur in den Kreisen der Großen und Reichen finden konnte. Er war daher sehr ärgerlich und sogar überrascht — letzteres ein Beweis dafür, daß Ueberzeugung und nicht blos Berechnung im Spiele war — als er erfuhr, daß der Papst seine Werke gleich denen von Owen und Lamartine auf den Index gesetzt habe. Er, der scharfsinnige Denker, konnte nicht fassen, daß der Gott, dem er huldigte, der Schützer und Begünstiger aller sinnlichen Triebe, dessen Kredo lautete: „Mensch genieße, und je mehr du genießest, um so besser entsprichst du dir selbst als Mensch, deiner menschlichen Bestimmung und Gott als deinem Schöpfer,“ wir sagen, er konnte nicht fassen, daß dieser Gott ein ganz anderer Gott war, als jener der christlichen Askese, der die Verachtung des Reichthums, der irdischen Güter, der fleischlichen Genüsse und Begierden, kurz die Verachtung der Welt predigte. Fourier legte ein besonderes Gewicht darauf, wie er in seinen Schriften nachdrücklich und wiederholt hervorhebt, in Sachen der Wissenschaft mit Newton, in Sachen seiner sozialen Theorien mit Christus übereinzustimmen. Indem er sich auf die Aussprüche Jesu im Neuen Testamente stützt, bricht um so heftiger sein Zorn gegen die Philosophen los, die, wie er voraussetzt, aus niedrigen, egoistischen Motiven und verletzter Eitelkeit ihn bekämpfen, daß er, der Mann ohne Rang und Namen, der keine wissenschaftlichen Schulstudien absolvirt, eine Entdeckung gemacht habe, die bestimmt sei, das Schicksal des Menschengeschlechts und das Aussehen des Erdballs zu verändern.
Wie er die Aussprüche Jesu zu seinen Gunsten und zugleich zu Angriffen auf seine ihm verhaßtesten Gegner zu verwenden sucht, dafür mögen die folgenden Beispiele zeugen:
„'Glücklich die Armen am Geist, denn das himmlische Königreich ist ihnen.' Kein Gleichniß ist bekannter, keins weniger begriffen. Wer sind die Armen am Geiste, die Christus hier rühmt? Es sind Diejenigen, die sich vor dem falschen Wissen der zweifelhaften Philosophie bewahren. Dieses falsche Wissen ist für das Genie die Klippe, der Weg zum Ruin, der es von dem rechten Wege, der zu allen nützlichen Studien führt, aus denen die sozietäre Harmonie, das himmlische Königreich und die Gerechtigkeit, die Jesus zu suchen befiehlt, hervorgehen, ablenkt. Vor dem Mißbrauch unseres Geistes, vor dem Labyrinth dieser durch ihre eigenen Autoren verurtheilten Philosophie, die wie Voltaire zu ihrer eigenen Schmach sagen: Oh! welch dicke Finsterniß bedeckt noch die Natur! muß man uns schützen. Die wahre Erleuchtung bringt Jesus. Die Entdeckung des sozietären Mechanismus und des Studiums der Anziehung ist den geraden Geistern vorbehalten, welche die Sophismen verabscheuen. Sagt doch Jesus (Matth. XI, 25): 'Ich preise Dich Vater und Herr des Himmels und der Erde, daß Du solches den Weisen und Klugen verborgen hast, und hast es den Unmündigen geoffenbaret.' Die Erkenntniß ist also den einfachen Geistern bewahrt, die Philosophen können sie nicht entdecken. Indem Jesus von den Armen am Geiste spricht, will er der Unwissenheit kein Lob zollen, wie die Spötter ihm unterschieben, er bezeugt damit nur seine Verachtung für die hartnäckig gepredigten wissenschaftlichen Dunkelheiten.“
„Die soziale Welt kann das Geheimniß der Bestimmungen nur erfassen, wenn sie darauf hin ihre Untersuchungen macht, aber die Erkenntniß wird ihr vorenthalten sein, so lange sie nicht sucht. Das sagt Jesus deutlich, indem er spricht (St. Luc. XI): 'Suchet, so werdet ihr finden, klopfet an, so wird euch aufgethan' und (St. Luc. XII): 'Glaubt ihr, daß Gott für euch weniger als für die Vögel unter dem Himmel sorgt?' Was würde das Suchen nützen, wenn man keinen anderen Ausgang fände, als die Zivilisation, diesen Abgrund von Elend, der immer dieselben Geißeln, nur unter wechselnden Formen, erzeugt? Zweifellos bleibt also eine glücklichere Gesellschaft zu entdecken übrig, wenn der Retter uns selbst zum Suchen auffordert. Aber warum hat er nicht selbst uns über diese aufgeklärt? Kannte er nach seinen eigenen Worten, Vergangenheit und Zukunft, das Ganze der Bestimmungen, indem er sagt: 'Mein Vater hat alles in meine Hände gegeben', konnte er uns da nicht über unsere sozietäre Bestimmung belehren, anstatt uns zu veranlassen, die Entdeckung zu machen, die dann durch unser blindes Vertrauen in die Philosophen so viele Jahrhunderte verzögert wurde?“ Fourier, der diese Fragen stellt, ist natürlich um die Antwort nicht verlegen, er antwortet: „Da Jesus von seinem Vater mit der religiösen Offenbarung beauftragt war, konnte er nicht noch mit der sozialen belastet werden, sie war vielmehr ausdrücklich ausgenommen, wie er selbst in den Worten ausspricht: 'Gebt Cäsar, was des Cäsars ist, und Gott, was Gottes ist.' Er trennte also die Funktionen streng, je nachdem sie der Autorität oder der sozialen Politik zufielen. Er that also nicht, was nicht seine Aufgabe war, aber er kannte die glückliche Bestimmung des Menschengeschlechts, denn er sagt: 'Gott hat seinen Sohn nicht in die Welt gesandt, daß er die Welt richte, sondern daß die Welt durch ihn selig werde.' Seine Mission beschränkte sich auf das Wohl der Seelen und das ist der edelste Theil unserer Bestimmung, dagegen bleibt der untergeordnete Theil, der über das politische Wohl der Gesellschaften, der menschlichen Vernunft vorbehalten, und demzufolge auch die Untersuchung des sozialen Mechanismus nach den Wünschen Gottes; ein Weg, welcher durch die Berechnung der Anziehung entdeckt wurde.“
„Jesus liebt es, sich in Anspielungen auf unsere glückliche Bestimmung zu ergehen und auf das, was uns bevorsteht; so sagt er uns im Wesentlichen: Das Wohl der Seelen geht allem voran, was die Körper, die weltlichen Gesellschaften betrifft, sie sind noch im Abgrund der Ungerechtigkeit, genannt Zivilisation; lasset sie darin; es ist eure Aufgabe, den Zankapfel unter sie zu tragen: 'Denn von nun an werden fünf in einem Hause uneins sein, drei wider zwei und zwei wider drei. Es wird der Vater wider den Sohn und der Sohn wider den Vater sein; die Mutter wider die Tochter und die Tochter wider die Mutter etc.' Genöthigt, auch den Ausgang aus dieser sozialen Hölle zu verheimlichen, 'bin ich gekommen, ein Feuer auf Erden anzuzünden; was wollte ich lieber, denn es brennte schon.' (St. Luc. XII.) Dieser Wunsch Jesu, daß es schon brenne, ist weit entfernt, ein übelwollender zu sein, es spricht vielmehr aus ihm die edle Ungeduld, das Maß der Irrthümer der Philosophie gefüllt zu sehen, jener Philosophie, die alle Uebel, die sie zu heilen vorgiebt, verschlimmert und durch das blinde Vertrauen, das wir in sie gesetzt, uns schmachvoll zwingt, den Ausgang aus dem politischen Labyrinth, in das sie uns geführt, zu suchen. Darum erhebt er auch mit Wärme gegen die Sophisten, die uns vom rechten Studium abwenden wollen, seine Stimme, indem er sie verfluchend sagt: 'Wehe euch Schriftgelehrten und Pharisäer, ihr Heuchler, daß ihr seid, wie die verdeckten Todtengräber, darüber die Leute laufen, und kennen sie nicht. Wehe euch Schriftgelehrten, die ihr die Menschen mit unerträglichen Lasten beladet und rühret sie nicht mit einem Finger an. Wehe euch, die ihr den Schlüssel der Erkenntniß weggenommen habt; ihr kommt nicht hinein, und wehret denen, so hinein wollen.' (St. Luc. XI.) Ja die Philosophen wehren uns den Eintritt, indem sie sich bemühen, mit metaphysischen Subtilitäten das Studium des Menschen zu verbarrikadiren, das einfachste Studium von allen, das nichts als eine von Vorurtheilen freie Vernunft erfordert, vertrauend der Anziehung wie die Kinder. Darum sagt auch Jesu: 'Laßt die Kindlein zu mir kommen und wehret ihnen nicht, denn ihrer ist das Reich Gottes.' Und: 'Wer das Reich Gottes nicht empfängt wie ein Kindlein, der wird nicht hineinkommen.'“
Das größte Hinderniß, daß die Philosophen nicht den rechten Weg für ihre Studien einschlugen, sei ihr Egoismus, den sie unter der Maske der Philanthropie versteckten, darum ruft ihnen Jesu mit Heftigkeit zu: 'Ihr, die ihr böse seid von Jugend auf, könnt ihr sagen, daß ihr irgend etwas Gutes thatet?' Und: 'Wehe euch Schriftgelehrten und Pharisäern, ihr Heuchler, die ihr gleich seid übertünchten Gräbern, die auswendig hübsch scheinen, aber inwendig voller Todtenbeine und Unflaths sind. Von außen scheint ihr den Menschen fromm, aber inwendig seid ihr voller Heuchelei und Untugend.' Der niedrigste Egoismus habe die Philosophie auch verhindert, dem Volke das einfachste und natürlichste Recht, das Recht auf ein Minimum des Lebensunterhalts, zuzusprechen, ein Minimum, das Christus den Pharisäern gegenüber ausdrücklich in den Worten anerkannt habe: 'Habt ihr nie gelesen, was David that, da es ihm noth war, und ihn hungerte, sammt denen, die bei ihm waren? Wie er in das Haus Gottes ging, zur Zeit Obadja's, des Hohenpriesters, und aß die Schaubrote, die Niemand durfte essen, denn die Priester; und er gab sie auch denen, die bei ihm waren?'Jesus hat also damit das Recht, zu nehmen, wo man das Nothwendige findet, geheiligt, und dieses Recht schließt implizite die Pflicht ein, dem Volk ein Minimum zu sichern;so lange diese Pflicht nicht anerkannt wird, besteht für das Volk der soziale Vertrag nicht. Das ist das erste Gebot der christlichen Liebe. Die Philosophie weigert sich hartnäckig, dieses Recht zu lehren, einfach, weil sie nicht weiß, durch welche Mittel sie es dem Volk verschaffen soll, das ist freilich auch unmöglich, so lange man nicht weiß die Zivilisation zu einer höheren Gesellschaftsordnung zu erheben.„
Fourier sieht aber nicht blos sein System an und für sich durch die Aussprüche Jesu als sicher in Aussicht gestellt, er findet sogar einige seiner Haupttheorien durch sie gerechtfertigt, so die Anerkennung der Gourmandise und die Nachsicht gegen die armen Sünderinnen, die unter der Herrschaft der Zivilisation ihrem Liebes- und Lebenstrieb nur in der Form der Prostitution Rechnung zu tragen vermögen. Er (Fourier) führt Folgendes an: „Auf den Vorwurf der Juden, die Jesu vorwerfen, gute Mahlzeiten zu lieben, antwortete er: 'Johannes der Täufer ist gekommen und aß kein Brot und trank keinen Wein; da sagtet ihr: Er hat den Teufel. Des Menschen Sohn ist gekommen, isset und trinket, da saget ihr: Siehe der Mensch ist ein Fresser und Weinsäufer, der Zöllner und Sünder Freund.' Und er antwortet weiter: 'Die Weisheit wird gerechtfertigt sein von allen ihren Kindern.' (St. Luc. VII.) Jesus beurtheilte also die Weisheit als sehr verträglich mit den Genüssen. Und um dem vorgeführten Beispiel zu entsprechen, setzt er sich an die reich bedeckte Tafel eines Pharisäers, der ihn eingeladen hatte. Da kommt eine Kourtisane, wäscht ihm die Füße und salbt ihn mit wohlriechender Salbe. Der Pharisäer hält sich darüber auf, daß er sich von einem solchen Weibe das gefallen lasse. Jesus aber antwortete ihm: „Ihr sind viele Sünden vergeben, denn sie hat viel geliebt; welchem aber wenig vergeben wird, der hat wenig geliebt.“ Voll Mitleid für das unterdrückte Geschlecht, verzeiht er der Sünderin und der Ehebrecherin Magdalena. Auch sagt er uns: „Mein Joch ist süß und meine Last leicht.“
„Christus will also, daß man weder Feind des Reichthums noch der Vergnügungen sei, er fordert nur, daß man mit dem Genießen des Guten den Glauben verbinde, weil es der Glaube ist, der uns zur Entdeckung des sozietären Regimes, des himmlischen Königreichs führt, 'wo alle Güter im Uebermaß vorhanden sein werden'. (St. Luc. XII.) Den Reichthum tadelt er nur rücksichtlich der Laster, zu denen er in der Zivilisation verführt, weshalb er sagt: „Es ist leichter, daß ein Kameel durch ein Nadelöhr geht, als daß ein Reicher in's Himmelreich kommt.'“
Aus alledem gehe hervor, meint Fourier weiter, daß man die Worte Jesu erst dann richtig fassen könne, wenn man die Bestimmung der Menschheit kenne, denn hierfür enthielten sie die verschleierten Vorhersagungen. Wohl beachten möge man, was Jesus gegen die Sophisten sage, wenn er diesen zurufe: „Sehet euch vor, vor den falschen Propheten, die in Schafskleidern zu euch kommen, inwendig aber sind sie reißende Wölfe. An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen. Kann man Trauben lesen von den Dornen, oder Feigen von den Disteln?“ (Matth. VII.) Man müßte nach alledem fragen, wie es komme, daß die Kirche, die doch sehr bedeutende Männer, wie Bossuet, Fenelon und viele Andere gehabt habe, zu keinem Zweig des Studiums der Anziehung gekommen sei; aber da heiße es von ihr wie im Kap. XXIII von Matth.: „Sie sagen wohl, was man thun soll, aber sie thun es nicht.“ Er greift dann auf's Neue die Philosophen, namentlich Voltaire und Rousseau an, und wendet sich wiederholt gegen Owen und seine Anhänger, jene Sektirer, die unter dem Namen der Assoziation anti-sozietäre Vereinigungen bildeten und die Methoden, durch die allein die Uebereinstimmung der Triebe und die Anziehung der Arbeit erzeugt werden könne, zurückwiesen. Außerdem, was könne man von einer Sekte, wie die Owen'sche, erwarten, die darauf ausgehe, Gott zu leugnen und ihm die Huldigung zu verweigern? Owen habe es sorgfältig vermieden, seine Assoziation auf der Grundlage des sozietären Regimes zu begründen, das habe seinen Stolz verwundet. Owen sei nur ein mittelmäßiger Sophist, welcher G. Penn (den Gründer der Sekte der Quäker) kopirt habe. Darauf wendet sich Fourier gegen den Widerstand, den er mit seinen Theorien in Paris gefunden. Es scheine, daß das neunzehnte Jahrhundert dasselbe Schauspiel bieten wolle, das die Zeitalter eines Kolumbus und Galilei der Nachwelt geboten; allen voran gehe Paris, in welchem der satanische Geist, der Geist des fünfzehnten Jahrhunderts, noch heute herrsche. Paris sei das moderne Babylon und von ihm gelte, was Jesu über Jerusalem ausgerufen: „Jerusalem! Jerusalem! die du tödtest die Propheten und steinigst, die zu dir gesandt wurden.“ Seine Gelehrten seien eine Legion von Eiferern, die Jesu kennzeichnete, als er sagte: „Wehe euch Schriftgelehrten und Pharisäern, ihr Heuchler, die ihr der Propheten Gräber bauet, und schmücket der Gerechten Gräber. Und sprecht: Wären wir zu unserer Väter Zeiten gewesen, so wollten wir nicht theilhaftig sein, mit ihnen an der Propheten Blut.“ Was seien die Unternehmungen der Zivilisirten? Nichts als Verfeinerungen der Barbarei, indem man vermittelst der Reduktion der Löhne den Völkern die Eisen verniete, und durch Einschließung der armen Klasse in die modernen Bagnos, Manufakturen genannt, ihnen weder Wohlsein noch Rückkehr gestatte. Diese merkantilen Bedrückungen seien durch Jesu wie die Kirchenväter genügend gekennzeichnet. Chrisostomus erkläre: „ein Kaufmann kann Gott nicht angenehm sein“, und Christus habe sie mit Ruthenhieben aus dem Tempel getrieben, ihnen zurufend: „Ihr habt mein Haus zu einer Diebshöhle gemacht.“ Endlich sende die Vorsehung einen Führer, welcher die schwachen Seiten der merkantilen Hydra zu fassen wisse, und der, indem er das wahre und allein heilbringende soziale System inaugurire, die Welt von dem goldenen Kalb, „dem würdigen Ideal einer blinden Sekte, die Blinde führt“, befreie.
So wird also Fourier in seinen eigenen Augen zu einem von Gott gesandten Erlöser der Welt von den sozialen Uebeln, wie Christus, seiner Lehre gemäß, der Erlöser aus geistiger Knechtschaft war. Die Utopisten und die Propheten rangiren in derselben Klasse, beide glauben an die Unfehlbarkeit ihrer Lehren, d. h. also an ihre eigene Unfehlbarkeit. Und dieser Glaube, „der Berge versetzt“, macht die Ausdauer und die Hartnäckigkeit begreiflich, womit sie allen Hindernissen trotzen, allen Einwürfen begegnen, und wenn die Umstände es erfordern, freudig zum Märtyrer ihrer Ueberzeugungen werden. Indem Fourier die geistige Macht der herrschenden Klassen auf's wuchtigste angriff, die erfahrungsgemäß und selbstverständlich sich auch mit seinem System nicht befreundet und es bekämpft haben würden, wenn er in seiner Kritik weniger scharf und bitter, in seinen Angriffen maßvoller und wenn er sein System mehr mit den herrschenden Zuständen in Einklang gebracht haben würde, suchte er in den Aussprüchen Jesu sich eine Waffe und eine Stütze zu schaffen. Das Priesterthum war trotz Allem, was die Revolution Uebles für es gebracht hatte, in Frankreich noch eine bedeutende Macht, weil die herrschenden Klassen sehr rasch erkannten, daß wenn sie seine Macht beseitigten, sie einen der Aeste absägten, auf denen sie selber saßen. Die einfache Klugheit gebot ihnen, sich mit der Kirche zu rangiren, und wer, wie Fourier, mit dem Bestehenden rechnete, und dies zur Basis seines Systems in so fern nahm, als er an die Einsicht und die Hülfe der oberen Klassen appellirte und sie in erster Linie, ja ausschließlich, zur Inangriffnahme einer Versuchsphalanx, die dann durch ihre Resultate unfehlbar seinem System zum Siege verhelfen würde, aufforderte, der mußte auch dem religiösen Kultus Rechnung tragen. So handelte also Fourier vollkommen logisch. Er that, was allen sozialen Neuerer das ganze Mittelalter hindurch auch gethan hatten. Allerdings ist er mit Jenen nicht in Vergleich zu stellen; er ragt eben so weit über sie hinaus, als ein genial angelegter Geist zu Beginn des neunzehnten Jahrhunderts über einen fanatischen Mönch des zwölften oder sechszehnten Jahrhunderts, dessen Hauptwissen in der Kenntniß der Bibel und den Schriften der Kirchenväter bestand, hinaus ragen konnte. Fourier ist, neben St. Simon, der letzte der Utopisten, dessen System sich auf die religiösen Lehren der herrschenden Kirche zu stützen versuchte, sie wenigstens als Anhängsel benutzte. Wohingegen alle sozialen Bewegungen des Mittelalters einen rein religiösen Charakter annahmen, und zwar so sehr, daß die meisten Geschichtsschreibernurden religiösen Charakter der Bewegungen sahen, den sozialen — der mehr oder weniger auf einem rohen, auf die entsprechenden Aussprüche des Alten und Neuen Testaments gestützten Kommunismus beruhte — aber gänzlich übersahen. Unter dem geistigen Druck der Kirche und bei der Beschränktheit der Geister war im Mittelalter keine soziale Bewegung ohne ausgeprägt religiösen Charakter denkbar. Was im Mittelalter Hauptsache war, wurde natürlich bei einem Fourier zu Beginn des neunzehnten Jahrhunderts mehr Nebensache, es war eine Waffe und eine Stütze, die er glaubte nicht entbehren zu können. So erklärt sich die sehr gezwungene Auslegung, die er den meisten der zitirten Stellen geben mußte, wobei wir keineswegs behaupten, daß er sich dieses Zwangs bewußt war. Es ist selbst für mäßig begabte Kritiker, die in einer späteren, aufgeklärteren und klarer sehenden Zeit leben, leicht, die Mängel in den Systemen und Lehren vorangegangener bedeutender Geister scharf zu erkennen, aber daraus zu schließen, daß das, was sie erkannten, auch Jene leicht erkennen mußten, ist falsch. Andererseits läßt sich nicht leicht nachweisen, wo bei vorhandenen Widersprüchen eines Menschen die Ueberzeugung aufhört und die sog. Klugheit, Rechnungsträgerei oder gar der beabsichtigte Betrug beginnt. Der Beweis für Letzteres wird leicht zu führen sein, wo offenbare, grobe und direkte Widersprüche vorliegen, bei Fourier wird man diese nicht leicht nachweisen können. Sein System ist ein streng geschlossenes und gegliedertes System mit allen Vorzügen und Schwächen. Ein System, das in seiner Geschlossenheit selbst den Keim einer Religion enthält, weshalb nur eine Schule, keine Partei sich aus ihm entwickelte. Man kann eben so gut von einer Fourier'schen Sekte sprechen, wie Fourier selbst, und stets mit großer Geringschätzung, von einer Owen'schen oder St. Simonistischen Sekte sprach.
Glaubte Fourier durch die auszugsweise mitgetheilten Aussprüche den Beweis geführt zu haben, daß Jesus und das Neue Testament für seine Theorien sprächen, so geht er nunmehr dazu über, auch den Gegenbeweis zu Gunsten seiner Lehre zu erbringen, d. h. er sucht nachzuweisen, in welcher Unwissenheit sich die Modernen über Charakter, Eigenschaften, Gang und Ende der Zivilisation befänden, von der sie immer noch leichtgläubig genug die Vervollkommnung hofften. Er versucht ferner nachzuweisen, welche Wege sie betreten müßten, um allmälig in die sechste Entwicklungsperiode, die des Garantismus, zu gelangen. Daß die Zivilisation überhaupt sich zu vervollkommnen suche, zeige das unbewußte Streben, über sich selbst hinaus zu gehen, sich zu Garantien zu erheben, von denen einige Stückchen verwirklicht zu haben sie sich einbilde. Aber diese Garantien, wie das Geldsystem und die Versicherungen, verdanke sie mehr dem Zufall, dem Instinkt, aber nicht der Wissenschaft.
Es sei hier bemerkt, daß Fourier zwar die Einführung des Geldes als Fortschritt für ein besseres Ausgleichungssystem ansieht, aber auszusetzen hat, daß es „individuelles“ Geld sei, wie er es bezeichnet, also in den Händen des Privateigenthümers Mittel der Ausbeutung, des Betrugs und der Unterdrückung werde. Das Geld soll nach ihm gesellschaftliches Besitzthum sein, es würde also in seinem System Besitzthum der Phalanxen werden. Daß das Geld seinen Zweck nur erfüllt, wenn es zwar gesellschaftlich anerkanntes Tauschmittel für alle Waaren, aber gleichzeitig im Privatbesitz ist, weil esnurin einer auf Privatbesitz und Waarenproduktion beruhenden Gesellschaft einen Sinn und die Möglichkeit der Existenz hat, entging ihm. Mit der Aufhebung der Waarenproduktion, also auch der Privatwirthschaft und mit der Einführung gesellschaftlicher Produktion fällt der Gegenpol der Waarenwirthschaft, die Geldwirthschaft, von selbst, der Boden seiner Existenz, allgemein anerkanntes Tauschmittel für alle Waarenaustausche zu sein, wird ihm entzogen. Da wo Produkt gegen Produkt, richtiger Arbeit gegen Arbeit gesellschaftlicher Vereinigungen sich austauscht, wird der Austausch ein einfaches Rechenexempel, das auf dem Wege der Buchung der austauschenden Faktoren beglichen wird. Dagegen muß in einer auf Millionen Einzelwirthschaften beruhenden Produktion, wo das Produkt als Waare den einzigen Zweck hat, so rasch als möglich die Hände seines Produzenten zu verlassen, um durch Dutzende von Händen die verschlungensten Kanäle zu durchwandern, welche die Spekulation ihm anweist, bis es endlich in die Hände des Bedürfers gelangt, wir sagen, hier muß nothwendig ein gesellschaftlich anerkanntes Aequivalent zur Ausgleichung aller dieser Manipulationen vorhanden sein, und dieses ist das Geld, das den Doppelcharakter besitzt, gesellschaftlich anerkanntes Werthmaß und Waare zu sein.
Andererseits, fährt Fourier fort, habe die Zivilisation falsche Methoden adoptirt, so das System der anarchischen Industrie und der lügnerischen individuellen Konkurrenz; aber hauptsächlich habe sie den Fehlgriff begangen, die Aktiengesellschaft für die Assoziation anzusehen, alles Fehler, die sie weitab vom Wege der sozialen Garantien führten. Es sei also nothwendig, um dieses politische Chaos zu entwirren, eine detaillirte Analyse der Zivilisation und ihres Charakters zu geben, eine Aufgabe, der sich bisher die Gesellschaft und ihre wissenschaftlichen Führer entzogen hätten. Man glaube noch an die Vervollkommnung,während die Zivilisation bereits rapide ihrem Untergang entgegeneile.
Wie der menschliche Körper so besäßen auch die Gesellschaften ihre vier, durch bestimmte Charaktereigenschaften sich unterscheidenden Lebensalter, die einander sich folgten. Man könne weder den Aufschwung noch den Niedergang einer Gesellschaft beurtheilen, so lange man nicht die sehr unterscheidenden Charaktereigenschaften zu bezeichnen vermöge, die eine bestimmte Gesellschaft besitze. Unsere Naturwissenschaftler seien, wenn es sich um die Unterscheidung ziemlich nutzloser Pflanzen handele, so sehr skrupulös, warum seien dies nicht auch unsere Politiker und Oekonomisten? Warum folgten sie nicht dieser naturwissenschaftlichen Methode, wenn es sich um die ihnen so theure Zivilisation handele, um die von jeder der vier Phasen adoptirten Eigenschaften zu bezeichnen? Es sei dies das einzige Mittel, um zu erkennen, ob man noch vorwärts schreite oder im Niedergang sich befinde.
Nach Fourier sind nun die vier Phasen der Zivilisation und die einer jeden eigentümlichen Charaktereigenschaften folgende:
Man wird dem hier wiedergegebenen Tableau Scharfsinn in der Aufstellung und Interessantheit in der Gruppirung nicht absprechen können, mehrfach charakterisirt es die verschiedenen Perioden der zivilisirten Gesellschaft sehr treffend.
Fourier bemerkt dazu erläuternd: er habe diejenigen Charaktereigenschaften nicht hervorgehoben, die allen vier Phasen gemeinsam seien, sondern nur die, welche die eine oder andere auszeichneten und jene, die mit der einen oder anderen gemischt seien. So sei die zweite Phase, in der die Athener lebten, eine unvollständige, eine Bastardperiode, indem ihr noch Merkmale der Periode der Barbarei anklebten und der Angelpunkt der zweiten Phase, die Befreiung der Arbeit, ihr fehlte. In England und Frankreich befinde sich die Zivilisation im absteigenden Ast der dritten Phase und neige stark zur vierten, deren beide Keime sie bereits besitze. Dieser Zustand zeige eine schmerzlich empfundene Stagnation; das Genie fühle sich ermüdet von seiner Unfruchtbarkeit wie ein Gefangener, und arbeite sich vergeblich ab, um irgend eine neue Idee zu erzeugen. Mangels des erfinderischen Genies zögere aber der fiskalische Geist nicht, die Mittel zu entdecken, um die vierte Phase zu organisiren, die zwar ein Fortschritt aber nicht zum Guten sei. Es handele sich darum, einen Zwischenzustand zu schaffen, der die Zivilisation in den Garantismus überleite und diesen dem Liberalismus entgegenzustellen, diesem stationären Geist, der sich auf das Repräsentativsystem, eine der Charaktere der zweiten Phase, verbissen habe. Ein System, das für eine kleine Republik, nicht für ein großes reiches Land wie Frankreich tauglich sei. Umgekehrt wollten die Antiliberalen die Ungeschicklichkeit begehen, uns in die erste Phase zurückzuführen, während das wachsende Staatsschuldenwesen uns unwiderstehlich in die vierte Phase, die Altersschwäche, risse.
Wer das Tableau der Charaktereigenschaften der Zivilisation genau prüfe, werde erkennen, daß der Glaube, unsere Gesellschaft befinde sich in einem „erhabenen Flug“, eine Illusion sei, denn in Wahrheit befänden wir uns auf dem Krebsgang. „Es ist der Fortschritt nach abwärts, vergleichbar dem einer Frau, die ihre weißen Haare, die sie mit sechzig Jahren besitzt, als Vervollkommnung der Vollkommenheit ihres Haarwuchses anpreisen wollte. Darüber wird Jeder mitleidig lächeln.Wie der menschliche Körper so vervollkommnet sich auch die Gesellschaft nicht, wenn sie altert.“
Die Gesellschaften wie die Individuen gingen zu Grunde, wenn sie sich dem Wucherer überließen,und es sei die That unseres Jahrhunderts, von Anleihe zu Anleihe zu eilen.
Man sage, „das Gefäß ist durchweicht, der Stoff hat seine bleibende Form angenommen.“ Das gelte auch von den fiskalischen Anleihen. Sie blieben und jedes Ministerium mache eine neue, denn „man muß essen, wenn man an der Krippe sitzt.“Welche Partei auch immer herrsche,die Finanz halte stets die Zügel des Gefährtes, damit der Marsch nicht gegen ihr Wirthschaftssystem sich richte.Was werde also das Ende sein, dem alle unsere mit Schulden überladenen Reiche zueilen, wohin uns die Oekonomisten geführt? Der Sturz in den Abgrund. Man könne unsere Oekonomisten und Politiker jenem Reiter vergleichen, von dem die Spötter sagten: „Er führt nicht das Pferd, das Pferd führt ihn.“
Fourier hat in diesen Auseinandersetzungen wieder einmal, seiner Zeit vorauseilend, den wahren Charakter der Staatsanleihen sehr richtig erkannt. Damit ein Staat von den Geldmächten beherrscht, ökonomisch und finanziell ausgebeutet und geplündert werden kann, muß man ihn zu Anleihen verleiten. Mit jeder neuen Anleihe wird ihm der Strick fester gedreht, genau wie dem Privatmann. Die Staatsgewalt wird Werkzeug in den Händen der großen Finanzmächte, die schließlich weit mehr als die Minister selbst die Staatsangelegenheiten beherrschen und lenken, Gesetze dekretiren, Kriege führen oder verhindern, wie es ihrem Interesse paßt. Und damit die Staatsmaschine nach Wunsch gehe, die Regierung jeder Zeit durch die Kontrole ihrer abhängigen Stellung bewußt bleibe, damit ferner die nöthigen Einnahmequellen in Form von Steuern aller Art zur Verzinsung und Amortisirung der Schulden vorhanden seien, bedarf man des Repräsentativsystems, durch welches die Drahtzieher der hohen Finanz den noch fehlenden Einfluß auf die ganze Gesetzgebung und Staatsverwaltung gewinnen und den Staat zu einer melkenden Kuh der Geldmächte machen. Durch solche Manipulationen ist heute die Regierung und Verwaltung Frankreichs in den Händen der großen Finanzmächte, die es in die Abenteuer von Tunis und Tonkin stürzten, durch Privilegien und Staatssubventionen an die großen Eisenbahn- und Verkehrsgesellschaften das Volk berauben, durch die Ueberlast der indirekten Steuern es brandschatzen und plündern. Durch die gleichen Manipulationen ist Oesterreich dahin gekommen, wo es heute steht, hat man die Türkei zu Grunde gerichtet, Ungarn binnen zwei Jahrzehnten an den Rand des finanziellen Untergangs gebracht, Egypten ruinirt. Wie der kleine Bauer und der in die Klemme gerathene Grundbesitzer die finanziellen Wohlthäter bereit finden, ihnen gegen genügende hypothekarische Sicherheiten zu guten Zinsen Geld zu borgen, oft mehr als sie haben wollen, und nun den Händen des Gläubigers rettungslos überantwortet sind, der die Hand auf ihre Ernten legt, ihnen jederzeit mit Subhastationen droht, und sie zwingt, das ganze Jahr die Frohnarbeit für ihn, den Kapitalisten, zu verrichten, so sind die Staatsangehörigen überschuldeter Reiche die Bienen, die durch ihre Arbeit, mit ihrem Honig der Finanzaristokratie die Kisten und Kasten füllen müssen. Das ist heute, wo die Staatsschulden in fast allen Staaten in die Milliarden gewachsen sind und weiter wachsen, eine sich Jedem leicht aufdrängende Thatsache. Zu Fourier's Zeit stak das Staatsschuldenwesen noch in den Kinderschuhen und es war ungleich schwerer, seinen Charakter zu erkennen als heute.
Unter die permanenten Charaktere der Zivilisation rechnet Fourier denjenigen, der sich schon seit alter Zeit in dem Sprichwort ausdrückt: „Die großen Diebe läßt man laufen, die kleinen hängt man.“ Aehnliche Charaktereigenschaften könne man noch eine Menge anführen. So überlasse man sich bitteren Klagen über auffällige Thatsachen wie die, daß die Tugend und das Gute stets lächerlich gemacht, übel behandelt und verfolgt würden. Ohne Zweifel sei die Indignation darüber gerechtfertigt, aber wenn gegenwärtig die Zivilisation eine Aufhäufung dieser beklagenswerthen Resultate zeige, dann klassifizire und konstatire man diese Uebel, damit man einen Ueberblick über das Wesen und die Früchte dieser abscheulichen Gesellschaftsordnung erhalte.
Aber man schenke allen diesen Uebeln so wenig Aufmerksamkeit, weil man sie mit dem gegenwärtigen Zustand unzertrennlich halte. Eine von diesen üblen permanenten Charaktereigenschaften sei auch die Fesselung der öffentlichen Meinung, und zwar auch unter der Herrschaft der Philosophen, die nicht wollten, daß das Volk sein ursprünglichstes Recht erkenne und das Recht auf ein Existenzminimum fordere, was freilich nur unter dem Regime der industriellen Anziehung garantirt werden könne. Andere Uebel erkenne man nicht, weil sie unter falscher Flagge segelten, so die Tyrannei des persönlichen Eigenthums. Der Grundeigenthümer erlaube sich hundert Anordnungen über sein Eigenthum, die mit dem öffentlichen Wohl, dem Wohl der Masse in Widerspruch stünden, er erlaube sich dies alles unter dem Vorwande der „Freiheit“. Das komme, weil die Zivilisation von sozialen Garantien keine Ahnung habe. Wieder ein anderes meist nicht erkanntes Uebel sei die indirekte Verweigerung der Gerechtigkeit für die Armen. Der Arme könne wohl das Recht suchen, aber was nütze dieses, wenn er die Kosten der Prozedur nicht aufbringen könne. Bei den gerechtesten Klagen werde er von dem reichen Plünderer durch Appellation und Gegenappellation mürbe gemacht und zum Nachgeben gezwungen. Man gebe dem Königsmörder einen Vertheidiger, aber nicht dem Armen, denn „er könnte zu viele Prozesse haben“. Die Gesellschaft sei überfüllt mit Armen, die unter dieser Handhabung der Gerechtigkeit litten. Aber diese Gesellschaft sei eben ein falscher Kreisschluß(cercle vicieux), das sei ihr wesentlichster Charakter. Die Mängel der Zivilisation ließen sich in zwölf Hauptpunkte zusammenfassen. 1. Eine Minorität, die Herrschenden, bewaffnet Sklaven, die eine Majorität unbewaffneter Sklaven im Zaum halten. 2. Mangel an Solidarität der Massen und dadurch erzwungener Egoismus. 3. Zweideutigkeit aller Handlungen der Gesellschaft und ihrer sozialen Elemente. 4. Innerer Kampf des Menschen mit sich selbst. 5. Die Unvernunft zum Prinzip erhoben. 6. In der Politik wird die Ausnahme als Grundlage für die Regel. 7. Das knorrigste und hartnäckigste Genie wird gebeugt und kleinmüthig gemacht. 8. Erzwungene Begeisterung für das Schlechte. 9. Stetige Verschlimmerung, indem man zu verbessern glaubt. 10. Vielseitiges Unglück für die ungeheure Mehrheit. 11. Fehlen einer wissenschaftlichen Opposition gegen die herrschenden Theorien. 12. Verschlechterung der Klimate. Letzteres, durch die Zerstörung der Wälder und daraus folgendes Austrocknen der Quellen herbeigeführt, müsse nothwendig und sicher bis gegen Ende des Jahrhunderts klimatische Exzesse erzeugen.
Fourier geht dann dazu über, die Natur des Handels zu erörtern. Er fragt: „Woher kommt diese Bewunderung der Modernen für den Handel, welchen doch im Geheimen alle Klassen außer den Handeltreibenden verabscheuen? Woher dieses stupide Vorurtheil für die Kaufleute, die Christus mit Ruthen aus dem Tempel trieb? Die Antwort ist: sie besitzen viel Geld und eine Haupthandelsmacht (England) übt über die industrielle Welt die Tyrannei des Handels-Monopols aus.“ Auch habe die politische Oekonomie die Analyse des Handels nicht zu machen gewagt und so komme es, daß die soziale Welt nicht wisse, was eigentlich das Wesen des Handels sei. „Der Handel ist die schwache Seite der Zivilisation, der Punkt, auf dem man sie angreifen muß. Im Geheimen wird der Handel von den Regierungen wie von den Völkern gehaßt. Nirgends sehen weder der Adel noch die Grundeigentümer die Handeltreibenden mit günstigen Augen an, diese Parvenüs, die in Holzschuhen angekommen sind und bald mit einem Vermögen von Millionen prunken. Der rechtschaffene Eigenthümer begreift nicht die Mittel, durch die man sich so gut zu bereichern vermag; welche Sorgfalt er immer der Verwaltung seines Gutes widmet, es gelingt ihm schwer, sein Einkommen um einige Tausend Franken zu steigern. Er wird perplex über die großen Profite dieser Agioteure, er möchte seinem Erstaunen, seinem Verdacht über diese ihm fremde Art, Vermögen zusammen zu scharren, Ausdruck geben, aber da kommen die Oekonomisten, fallen ihm in den Arm und schleudern ihr Anathema gegen Jeden, der es wagt, diesen großartigen Handel und die Großartigkeit des Handels(le commerce immence et l'immense commerce)zu verdächtigen. Welch schöne Phrasen sind nicht zu seiner Verherrlichung Mode geworden! Da spricht man mit Pathos von der 'Ausgleichung, dem Gegengewicht, der Garantie, dem Gleichgewicht des großartigen Handels und der Großartigkeit des Handels, von den Freunden des Handels, von dem Wohl des Handels'.“ Für einen unglücklichen Philosophen gebe es nichts Imposanteres, als wenn eine Kohorte von Millionären mit tiefsinnigem Aussehen zur Börse wandelten. Man glaube die römischen Patrizier über dem Schicksal Karthagos brüten zu sehen. Speichellecker der Agiotage malten die Kaufleute und Börsenmänner als eine Legion von Halbgöttern; Jeder, der sie kenne, wisse im Gegentheil, daß es eine Legion von Betrügern sei; aber ob mit Recht oder Unrecht, sie hätten allen Einfluß an sich gerissen. Die Philosophen seien ihnen zu Gunsten, selbst die Minister und der Hof beugten sich vor diesen Geiern des Handels; alles infolge des durch die Oekonomisten gegebenen Impulses. Die Folge davon sei, daß der ganze soziale Körper den merkantilen Räubereien vollständig unterworfen sei, und wie der von dem Blick der Schlange faszinirte Vogel dieser in den Rachen fliege, so lasse sich die Gesellschaft vom Handel zu Grunde richten.
Eine vernünftige und rechtschaffene Politik habe Mittel des Widerstandes in Anwendung bringen und sich von Fehlgriffen losmachen müssen, welche die Herrschaft der Welt in die Hände einer unproduktiven, lügnerischen und übelwollenden Klasse liefere. Man dürfe die Handeltreibenden nicht mit den Manufakturisten verwechseln.21Die Hauptschacherer, die Rohmaterialienhändler sännen nur, wie sie Manufakturisten und Konsumenten plündern könnten. Zu diesem Zwecke unterrichteten sie sich über die vorhandenen Vorräthe, kauften sie auf, hielten die Waaren zurück und verteuerten sie, um so auf Fabrikant und Bürger den Druck auszuüben. Die sog. Oekonomisten stellten diese Aufkäufer und Wucherer als tiefsinnige Genies hin, die doch nichts als elende Schwätzer, abenteuerliche Spieler und tolerirte Bösewichter seien. Den schlagendsten Beweis habe das Jahr 1826 gegeben, wo mitten in der tiefsten Ruhe plötzlich eine Stagnation und Ueberfülle an Produkten hervorgetreten sei, als alle Journale noch unmittelbar zuvor auf die dem Handel neuen und günstigen Chancen hinwiesen, welche die Befreiung beider Amerika im Gefolge haben werde. Nun, welches sei die Ursache dieser überraschenden Krise gewesen? Es war die Wirkung eines komplizirten Spiels zweier charakteristischer Eigenschaften des Handels: des Zurückschlagens der Vollsaftigkeit(refoulement pléthorique)und eines Gegenschlags durch verfehlte Spekulation.
Die erstere Eigenschaft sei die periodische Wirkung blinder Habgier der Kaufleute. Sobald irgendwo ein Absatzweg sich öffne, würden viermal mehr Waaren zugeführt, als der Markt aufnehmen könne. So sei es auch hier gewesen. Wenn man die Wilden, die Neger und die spanische Bettelbevölkerung in Abzug bringe, zählten die beiden (Nord- und Süd-) Amerika kaum 20 Millionen konsumtionsfähiger Bewohner, man habe aber für 200 Millionen konsumtionsfähiger Menschen Waaren zugeführt. Daher die Stockung und der Rückschlag. Im Jahre 1825 hätten die französischen und englischen Hosenhändler Waarenmassen zugeführt, die wenigstens auf 3 bis 4 Jahre reichten, so entstanden Massenverkäufe, Stockung, Entwerthung der Stoffe, Bankerotte der Verkäufer. Das war die nothwendige Wirkung dieser Ueberfülle(pléthore), verursacht durch die Unklugheiten des Handels, der in seiner Gier nach Gewinn sich stets über das Quantum der absatzfähigen Produkte den größten Illusionen überlasse. Was könne man auch von einer Kohorte eifersüchtiger, durch Habgier verblendeter Verkäufer anders erwarten? Wie wollten wohl diese die Grenzen der Aufnahmefähigkeit eines Marktes erkennen?
„Genügte schon die Ueberzufuhr von Waaren, um Bankerotte und die äußerste Beunruhigung der Märkte und Fabriken hervorzurufen, so trat in demselben Augenblick ein anderer Umstand dazwischen, um das Uebel zu vervielfachen. Die Baumwollenaufkäufer in New-York, Philadelphia, Baltimore, Charleston etc. hatten im Einverständniß mit ihren Vertrauten in Liverpool, London, Amsterdam, Havre und Paris sich aller Vorräthe bemächtigt. Aber da geschah, daß Egypten und andere Märkte eine außerordentlich reiche Ernte hatten. Die Hausse war nur ein kurzes Strohfeuer. Die wucherischen Geier Amerikas wie ihre Kooperateure in Europa erstickten im Ueberfluß. Die durch dieCrise pléthoriqueverursachte Preisschleuderei zwang die Fabriken zu feiern und brachte die Baumwollenspekulanten, die auf Hausse gerechnet und jetzt einer tiefen Baisse sich gegenüber sahen, zum Sturz. Den verunglückten Machinationen in Amerika folgten als Gegenschlag die Bankerotte in Europa. Das ist der einfache Hergang der so räthselhaft erschienenen Ereignisse. Journale und Schriften, die darüber sich äußerten, verfielen alle in denselben Irrthum. Nach ihnen war nur eine Ursache vorhanden: die Unordnung, welche durch die beiden gleichzeitig sich vollziehenden Operationen auf dem Markt entstanden war. Niemand gestand die wahren Ursachen offen ein, man bemühte sich vielmehr, die beiden Parteien, die das Uebel verursacht hatten, als unschuldig darzustellen, man gab weder zu, daß die Einen durch Zufuhr von Riesenmengen an Waaren die Märkte lahmlegten, noch daß die Anderen durch Vorenthaltung des nöthigen Rohmaterials die Märkte beraubten. Auf der einen Seite herrschte verrückte Verschwendung, auf der anderen vexatorische Unterschlagung. Es gab also in jeder Weise Exzesse und Konfusion im Mechanismus. Das ist der Handel, das Ideal der Dummköpfe.“
Wie im vorliegenden Falle zwei, erläutert Fourier weiter, so wirkten oft drei und vier Ursachen zusammen, um Krisen zu erzeugen, und was die verschiedenen Charaktere der Bankerotte betreffe, so habe er eine Liste von zweiundsiebenzig verschiedenen Arten aufgestellt. Wollte man alle Formen des Betrugs und der Bankerotte zeichnen, man müßte dicke Bücher schreiben. Von den Hauptübeln, die der Handel gebäre und die als die Triebfeder zu allem Unheil ansehen seien, wolle er nur zwölf aufführen: Börsenspiel, Lebensmittelwucher, Bankerott, Geldwucher, Parasitenthum, Mangel an Solidarität, fallendes Gehalt und fallende Löhne, Theuerung, Verletzungen der Gesundheit,22willkürliche Festsetzung der Preise, legalisirte Doppelzüngigkeit im Verkehr, individuelles Geld.
Fourier spricht dann von der „Absonderung“ der Kapitalien, worunter er die Konzentration auf der einen und den daraus folgenden Kapitalmangel auf der anderen Seite versteht. Die Kapitalkonzentration erzeuge auch den Ueberfluß — an Bodenerzeugnissen durch den Handel —, der den Preisdruck für die Erzeugnisse des Bodenbesitzers hervorrufe. Die Kapitalien häuften sich nur auf Seiten der unproduktiven Klasse. Bankiers und Kaufleute beklagten sich häufig, nicht zu wissen, was sie mit ihren Fonds beginnen sollten, sie empfingen Geld für 3 Prozent, wo der Landmann es kaum für 6 auftreiben könne. Wenn er es nominell zu 5 Prozent erhalte, koste es ihn mit allen Spesen und Lasten, die damit verbunden seien, 16 und 17 Prozent. Der Handel, dieser Vampyr, der das Blut aus dem industriellen Körper sauge, konzentrire Alles in seine Taschen und zwinge die produktive Klasse, sich dem Wucherer zu überliefern. Selbst die Jahre des Ueberflusses würden für die Agrikultur eine Geißel, wie man das 1816 und 1817 gesehen habe. Das Jahr 1816 brachte Mißernte und zwang den Landmann zum Schuldenmachen, als aber 1817 eine sehr reiche Ernte brachte, ward er gezwungen, dieselbe rasch und in Folge dessen zum niedrigsten Preis zu verkaufen, um seine Gläubiger zu bezahlen. So zerstreue der soziale Mechanismus die kleinen Kapitalien, um sie in den Händen der Handeltreibenden zu konzentriren. Der Ackerbauer seufze, gebrochen durch den Gegenschlag, unter dem Ueberfluß der Ernten, deren Werth weder bei dem Verkauf noch bei der Konsumtion ihm gehöre, weil die Konsumtion auf umgestürzter Basis ruhe,„denn die Klasse, die produzirt, nimmt an der Konsumtion nicht Theil“.So würden Eigentümer wie Bodenbebauer oft gezwungen, Geißeln, wie Frost und Hagel, herbeizuwünschen. Man habe 1828 den Schrecken gesehen, als man im Juni in allen weinbautreibenden Ländern eine gute Ernte und damit erdrückenden Ueberfluß zu fürchten hatte.23
„Genügen diese Monstrositäten nicht, um zu beweisen, daß das gegenwärtige System des Handels, wie der ganze Mechanismus der Zivilisation die verkehrte Welt darstellt? Aber wie will man sich in diesem Labyrinth zurechtfinden, so lange man die Charaktereigenschaften dieser Gesellschaft nicht analysirt? Schmeichler unseres Handelssystems haben wir im Ueberfluß, deren alleiniges Talent darin besteht, alle Fehler der Hydra des Handels zu beräuchern. Wenn man erst die wahre Natur dieses lügnerischen Systems erkennt, wird man erstaunt sein, daß man so lange sich von einem System dupiren ließ, das schon der Instinkt uns denunzirt, denn alle anderen Klassen hassen den Handel.“
„Die Falschheit und Zweideutigkeit, wozu dieses System gekommen ist, genügt, um den Betroffenen die Augen zu öffnen; die Betrügerei und die Fälschung aller Lebensmittel hat eine Höhe erreicht, daß man die Einführung des Handelsmonopols als eine Schutzmaßregel gegendiesenHandel begrüßen würde. Eine Staatsregie würde viel weniger sich auf Zweideutigkeiten einlassen können, sie würde zu einem festgesetzten Preis wenigstens natürliche Produkte geben, während es heute fast unmöglich ist, im Handel etwas natürlich zu erhalten.“
„In Paris findet man kein Zuckerbrot, das nicht mit Runkelrüben gefälscht ist,24keine Tasse reiner Milch oder ein Glas reinen Branntweins. Kurz Unordnung und Aergerniß sind auf die Spitze getrieben und gehen die Dinge so weiter, so bleibt nichts übrig, als das Monopol.“ Fourier setzt freilich hinzu, daß dies durch Entdeckung seines sozietären Systems und dessen Einführung unnütz werde.
Fourier äußert sich dann über den Bankerott, über die Art, wie die öffentliche Meinung ihn zum Theil behandelt und wie der Bankerott selbst wieder zu Täuschungen benutzt wird. Auf der Bühne werde ein Falliment mit fünfzig Prozent als Lustspiel behandelt. Wenn aber ein Bankier die anvertrauten Depots von Ersparnissen zahlreicher Dienstboten veruntreue, die diese während zwanzig Jahren mühselig zusammengescharrt, so sei das sicherlich keine lächerliche Sache, sondern ein Verbrechen, das zu bestrafen sei.
„Welche Verdorbenheit in der philosophischen Welt. Die Literatur ist eine Prostituirte, die nur studirt, wie sie sich mit dem Laster auf's Beste stellen kann; sie malt Alles in den schönsten Farben, damit die Theaterkasse ihre gute Einnahme hat. Die Moral ist eine in Mißkredit gerathene Schwätzerin, die nicht mehr wagt, gegen straflose Verbrechen, wie den Bankerott, zu deklamiren; sie speichelleckert allen Klassen von Dieben. Und der Oekonomismus, der nichts zu entdecken versteht, sucht die zu Tage liegenden Laster als unschuldige hinzustellen, sind es doch die Laster seiner Favoriten, der Handeltreibenden. So denkt keine Wissenschaft daran, ihre Aufgabe, die Analyse der Uebel der Zivilisation und das Suchen nach einem Heilmittel, zu erfüllen.“
Fourier führt, wie er Alles zu klassifiziren und zu ordnen liebt, nicht weniger als vierundzwanzig Arten von Bankerotten auf, bei denen die Schwächen oder die Liebhabereien der Bankerotteure die Ursachen ihres Zusammenbruchs sind. Bei dem Einen sind zerrüttete Familienverhältnisse, eine liederliche Frau, verdorbene Kinder, bei dem Anderen eine Maitresse, bei dem Dritten die galanten Neigungen, bei dem Vierten Sentimentalität, die ihn zum Geschäft unbrauchbar machen u. s. w., die Ursachen, welche die Katastrophen erzeugen. Er könne, setzt er weiter hinzu, recht amüsante Kapitel zu den Details aller Arten von Bankerotten liefern, er treibe das Geschäft seines Vaters und sei im Waarenladen erzogen worden, er habe mit eigenen Augen die Infamien des Handels gesehen und beschreibe ihn nicht, wie die Moralisten vom Hörensagen, die den Handel nur in den Salons der Agioteure kennen lernten und einen Bankerott als etwas ansähen, das man sich in guter Gesellschaft erlauben dürfe. Jeder Bankerott, namentlich wenn er einen Bankier oder Wechselagenten betreffe, werde unter ihrer Feder zu einem beklagenswerthen Unfall, für den die Gläubiger im Grunde dem Falliten noch verbunden seien, daß er sie in seine edlen Spekulationen verwickelt habe. Man zeige den Gläubigern den Vorgang als eine unverschuldete Fatalität, eine unvorhergesehene Katastrophe an, die durch das Unglück der Zeiten, widrige Umstände, einen beweinenswerthen Wechselfall herbeigeführt sei. Das sei der gewöhnliche Inhalt der Briefe, mit welchen ein Fallissement angezeigt werde.
„Alsdann kommen der Notar und seine Gevatter, denen im Geheimen ihre Provisionen für alle Vortheile, die sie erzielen, zugesichert sind und stellen den Falliten als so ehrenhaft, der Achtung so würdig hin. Da ist eine zärtliche Mutter, die sich dem Wohle ihrer Kinder opfert, ein tugendhafter Vater, der sie in der Liebe zur Verfassung erzieht, eine trostlose eines besseren Schicksals würdige Familie, die von der aufrichtigsten Liebe für jeden ihrer Gläubiger beseelt ist. Man müßte wahrhaftig ein Ungeheuer sein, wenn man einer solchen Familie nicht helfen wollte, um sie wieder zu erheben. Das ist sogar eine Pflicht für jede rechtschaffene Seele. Dazwischen interveniren einige moralische Spitzbuben, die man bestochen hat, und die gegen Jedermann hervorheben, wie schön es sei, in einem solchen Falle seine Gefühle walten zu lassen und daß man dem Unglück Erbarmen schulde. Diese werden durch einige hübsche Fürsprecherinnen, die sehr nützlich sind, um die Widerspenstigsten zu beruhigen, unterstützt. Durch alle diese Umtriebe erschüttert, kommen Dreiviertel der Gläubiger sehr bewegt und irre geleitet in die Sitzung. Der Notar schlägt ihnen einen Nachlaß von 70 Prozent ihrer Forderungen vor, indem er wieder ausmalt, wie diese tugendhafte Familie aus Sorge, die geheiligten Pflichten der Ehre zu erfüllen, sich des Letzten beraube. Ist die Situation günstig, so schlägt man den Gläubigern weiter vor, daß sie, um ihr Gewissen zu befriedigen und um der edlen Eigenschaften einer Familie willen, die so würdig der Achtung und so eifrig für die Interessen ihrer Gläubiger eingenommen ist, eine Huldigung bringen und statt auf siebzig auf achtzig Prozent verzichten. Einige Barbaren wollen widerstehen, aber die im Saale geschickt vertheilten Vertrauten übernehmen das Geschäft der heimlichen Anschwärzung der Widerstrebenden, die sie als unmoralisch bezeichnen. Dieser, tuscheln sie, besucht nie die Kirche und hat folglich kein Erbarmen; Jener unterhält eine Maitresse; der Dritte ist ein Geizhals und Wucherer; der Vierte hat selbst schon einmal fallirt und besitzt ein Herz von Stein, das für seine unglücklichen Mitmenschen ohne Nachsicht und Mitleid schlägt. Endlich erklärt die so bearbeitete Mehrheit ihre Zustimmung und unterzeichnet den Vertrag. Der Notar hält eine salbungsvolle Rede, versichernd, daß man im Grunde ein gutes Geschäft gemacht habe, denn durch die Dazwischenkunft der Gerichte würde nichts übrig geblieben sein und dabei habe man ein gutes Werk gethan und habe einer braven Familie geholfen. Schließlich gehen Alle voll Bewunderung für die Tugenden dieser würdigen Familie, die man als ein Muster betrachten müsse, nach Hause.“
So vollziehe sich ein „gefühlvoller Bankerott“, bei dem die Gläubiger um drei Viertel ihrer Forderungen geprellt wurden; werde mit fünfzig Prozent ein Fallissement arrangirt, so sei dies ein rechtschaffener Bankerott, etwas so Alltägliches, daß wer sich mit einer so mäßigen Brandschatzung seiner Gläubiger begnüge, nicht nöthig habe, außerordentliche Triebfedern und Hülfsmittel in Bewegung zu setzen. Sei nicht Dummheit des Bankerotteurs im Spiele, so sei ein Geschäft, bei dem man nicht mehr als fünfzig Prozent einstreichen wolle, stets sicher.
Die wahre Natur des Bankerotts kennen zu lernen, diesem hätten sich die Philosophen eben so entzogen, wie den Untersuchungen über die Agiotage und den Wucher, sie würden dann auch das Wesen der freien Konkurrenz begriffen haben. Napoleon habe Recht gehabt, zu sagen: Man kenne nicht das eigentliche Wesen des Handels. Napoleon sei eingeschüchtert worden durch die Erfahrung, daß jede Schädigung, die eine Regierung gegen den Handel versuche, von diesem auf die arbeitenden Klassen abgewälzt werde. Sobald der Handel bedroht würde, zöge er die Kapitalien zurück, säe er Mißtrauen, hemme er die Zirkulation. Der Handel sei das Bild des Igels, den der Hund an keinem Punkte fassen könne. Das sei, was im Geheimen alle Regierungen quäle, was sie zwinge, sich vor dem goldenen Kalb zu beugen. Eines Tages habe der österreichische Minister Wallichs (1810) gegen die Schliche der Börse in Wien auszuschlagen versucht, indem er eine Ueberwachung des Börsenspiels einführen wollte; er sei von der Börse in die Pfanne gehauen worden und habe schmählich seinen Platz räumen müssen. Man müsse also Entdeckungen machen, um gegen diese kommerzielle Hydra kämpfen zu können. Schließlich sei nichts leichter, als diesen Koloß der Lüge anzugreifen; kenne man die Batterien, die anzuwenden seien, so werde er nicht einmal Widerstand versuchen.
Natürlich täuscht sich Fourier hier, weil er die Wirkung für die Ursache nimmt. Der Handel ist nur eine der Erscheinungen des kapitalistischen Systems. Ihm an den Kragen zu wollen, ohne das System mit der Wurzel auszuheben, ist einfach unmöglich. Fourier, der als Uebergangsstadium das Staatsmonopol für den Handel vorschlägt, würde, falls der Versuch der Durchführung gemacht worden wäre, gefunden haben, daß dies eben so unmöglich ist, wie alle Versuche von Wallichs bis zu Herrn v. Scholz und Herrn v. Maibach, der Börse auch nur ein Haar zu krümmen. Der Kapitalismus mag einwilligen, diesen oder jenen Industriezweig verstaatlichen zu lassen, und er wird dies thun, wenn er dabei seine Rechnung findet, aber nur dann: doch den Versuch der Monopolisirung eines Gebietes, wie es der Handel ist, würde er ebenso auf Tod und Leben bekämpfen wie eine Verstaatlichung der gesammten Industrie, und er würde siegreich bleiben. Außerdem wird der Staat, der in seiner ganzen Organisation und Gesetzgebung, und speziell in den gesetzgebenden Faktoren, den Volksvertretungen und Ministerien, der Ausdruck der kapitalistischen Interessen ist, dieser Staat wird nie weiter gehen, als seinfiskalisches Interesseihn nöthigt, und was immer er verstaatlicht, wird selbst wieder nur in kapitalistischer Form verwaltet und ausgebeutet. Fourier konnte zu seiner Zeit noch einen gewissen ausgeprägten Gegensatz zwischen der Staatsgewalt und den leitenden ökonomischen Klassen konstruiren, weil insbesondere der alte Adel mit der emporstrebenden Bourgeoisie, den Männern von 1789 und ihren Nachfolgern, sich in den Haaren lag und beide Parteien die Staatsgewalt als Schiedsrichterin anriefen. Aber hier bestand kein Klassengegensatz, wie zwischen Kapital und Arbeit, es war nur der Kampf um die Beute, wie wir heute noch diesen Kampf in voller Blüthe sehen, wo grundbesitzende, industrielle und handeltreibende Bourgeoisie die Staatsgewalt und die Staatsgesetzgebung für ihre spezifischen Interessen auszunutzen suchen. Diese Differenzen werden dauern, so lange es eine bürgerliche Gesellschaft giebt, sie werden immer nur quantitativer, nie qualitativer, prinzipieller Natur sein.Die Existenz des Staats erfordert die Aufrechterhaltung der Klassengegensätze;er kann sie — und das liegt in seinem Interesse — zu mildern versuchen, aufzuheben vermag er sie nicht,weil er sich selbst damit aufheben würde.Die Entstehung des Klassengegensatzes in der Gesellschafterzeugte den Staat,die Aufhebung des Klassengegensatzes machte ihn verschwinden. Der Klassengegensatz, von seinem Entstehen an in den Formen stetig wechselnd, aber seit dem Bestand des Staats stets vorhanden,ist das Gesetz der Existenz des Staates.Wir hoben bereits hervor, daß wenn der ganze Erdboden mit Fourier'schen Phalanxen bedeckt wäre, seine Omniarchen, Cäsare, Auguste, Monarchen u. s. w. eine sehr zwecklose Staffage wären, die keinen Sinn und keine Bedeutung hätte. Kriege gäbe es nicht mehr — also ist die Armee mit Allem, was damit zusammenhängt, überflüssig. Diebe, Betrüger, Verbrecher existirten auch nicht mehr — also wären Justiz, Polizei, Gefängnisse nicht mehr von Nöthen. Die Steuerbehörden wären, wie er selbst ausführte, ebenfalls nutzlos. Die Verwaltung ihrer Angelegenheiten leitete jede Phalanx ausschließlich; die Beziehungen der Phalanxen unter sich wären sehr einfache, sie bezögen sich auf den gegenseitigen Austausch und die gegenseitige Hülfeleistung bei der Herstellung großer gemeinsamer Unternehmungen, auf die Mittheilung und Unterstützung von Erfindungen, Verbesserungen und Entdeckungen aller Art für das praktische Leben, für Wissenschaften und Künste. Das sind Dinge, wozu schließlich eine Staatsgewalt in unserem Sinne nicht nöthig wäre. Denn diese Staatsgewalt ist eine repressive und befehlende Gewalt und nicht eine blos ausführende und anordnende Instanz; ihre Hauptaufgabe besteht darin, den Gegensatz innerhalb der Gesellschaft niederzuhalten, Ausbrüche nationaler Streitigkeiten niederschlagen und alle Diejenigen, welche, sei es individuell, sei es korporativ, die bestehenden Staatsnormen verletzen, zur Verantwortung zu ziehen. Für alle diese Leistungen braucht die Staatsgewalt die nöthigen Werkzeuge und Institutionen: Armee, Gerichte, Polizei, Gefängnisse, Steuerbehörden etc. Mit dem Zweck fielen auch die Mittel. Monarchen, die unter dem Regime der Phalanx regieren wollten, würden unbekümmert um ihre Stellung und ihren Titel, in noch viel höherem Grade die Rolle spielen, die das bekannte drastische Wort Napoleon's den Monarchen sogenannter konstitutioneller Musterstaaten, wie wir solche in Europa nur wenige — England, Italien, Belgien — haben, anweist; ihre Existenz würde durch die Natur der Dinge im phalansteren System unmöglich sein.