Auf dem Gipfel des Fudschiyama.

Auf dem Gipfel des Fudschiyama.

A

Als wir zwei, Herr Josef Schittenhelm aus Wien und ich, die Höhen des steilen Otometogepasses erklommen hatten, zeigte sich unser Reiseziel, der gewaltige Fujiyama (sprich Fudschiyama) in seiner ganzen Majestät. Scharf heben sich seine chokoladebraunen Flanken und seine schneebedeckte Spitze von dem klaren, blauen japanischen Himmel ab, ganz so wie er auf Millionen von Abbildungen zu sehen ist, aber wie er sich den Sommer über in Wirklichkeit nur selten zeigt. Gewöhnlich ist sein Haupt in dichte Wolken gehüllt, und viele Reisende haben während ihres wochenlangen Aufenthaltes im Mikadoreiche den heiligen Berg der Japaner überhaupt nicht zu Gesicht bekommen. Als kleiner Junge hatte ich den spitzen Vulkankegel auf einem japanischen Papierfächer abgebildet gesehen; später auf Porzellanvasen, auf Tellern, in drolligen japanischen Bilderbüchern, in Gold auf Bronze- und Silbergefäßen getrieben, kurz auf all den unzähligen Sächelchen, mit welchen die Japaner unseren Markt überschwemmen. Ist doch der Fudschi das Wahrzeichen der Japaner, eine Art Gottheit, die Verkörperung der Konohamasaku ya hime, d. h. der Prinzessin, welche die Knospen der Bäume zu Blüten entwickelt. Wo hätte ich jemals gedacht, daß ich diesen herrlichsten aller Berge in Wirklichkeit sehen würde! Und nun sollte ich morgen auf seiner Spitze stehen!

Eigentlich ein unsinniges Unternehmen, eine zwecklose, mühsame, aufreibende Spielerei. Die Besteigung des Fudschi gilt den Japanern als Sühne für ihre Sünden, viele Tausende von Pilgern strömen im Sommer aus allen Teilen des Reiches herbei, und es bestehen, besonders unter der Landbevölkerung, zahlreiche Pilgervereine, deren Mitglieder einen kleinen Jahresbeitrag leisten, um in jedem Jahre abwechselnd einer Anzahl von Pilgern die Wallfahrt zum Fudschisan zu ermöglichen. Aber unsere christliche Religion kennt keine Bergbesteigungen als Buße für unsere Sünden. Indessen, zehn Jahre vorher hatte ich auf der Spitze des Popocatepetl, des höchsten Berges von Nordamerika gestanden, und es reizte mich, nun auch auf dem höchsten Berge von Ostasien zu stehen.

Unsere Kulis trugen uns im raschen Lauf durch eine wahrhaft paradiesische Landschaft herab nach Gotemba, an den Fuß des Fudschi. Wir saßen in Tragstühlen, die ganz bequem sind, solange man sich in Ruhe befindet. Werden aber die langen Tragstangen aus elastischem Bambusrohr auf die Schultern der Kulis gehoben und schlagen dieselben eine raschere Gangart an, dann wird man in grausamer Weise durchgeschüttelt. Bei jedem Schritte wird man aus dem Stuhl emporgeschnellt und fällt so unsanft auf den harten Rohrsitz zurück, daß wir ganz zerschlagen in Gotemba, einem an der großen Tokaidobahn gelegenen Dörfchen, eintrafen. In einem Theehause, bedient von zierlichen Nesanmädchen, nahmen wir unseren Mittagsimbiß, verabschiedeten unsere Kulis und machten uns nach kurzer Rast wieder auf den Weg nach Subashiri. Mein Reisegefährte wollte um keinen Preis mehr einen Tragstuhl besteigen. Den ungefähr sechs Kilometer auf harter Lava aufwärts führenden Weg zu Fuß zurückzulegen wollte uns in Anbetracht der uns bevorstehenden ermüdenden Bergbesteigung auch nicht zusagen, und so mieteten wir den einzigen Wagen, der in Gotemba zu haben war, ein elender Kasten, bespannt mit einem müden Klepper. Wir waren damit aus dem Regen in die Traufe gekommen, denn die Fahrstraße zwischen Gotemba und Subashiri erwies sich als eine der elendesten, die ich jemals befahren habe, voll tiefer Schlammlöcher, Steintrümmer und Lavablöcke, so daß wir während dieser denkwürdigen Fahrt noch schlimmer durchgeschüttelt wurden als vorher in den Tragstühlen. Subashiri ist eines der interessantesten Dörfchen von Japan. Die große Pilgerzeit hatte begonnen, und gewiß mochten an zweitausend Pilger in den zahlreichen Hotels und Theehäusern weilen, aus denen der Ort besteht. Während wir auf der Terrasse des Yone-yama-Theehauses ruhten, kamen und gingen ununterbrochen Pilgerzüge von sechs, acht, zwanzig, dreißig Personen, alt und jung, reich und arm, aber ausschließlich nur Männer, keine Frauen, denn das Betreten des heiligen Berges ist den Frauen verboten. Alle die Pilger, die an uns vorbeizogen, waren gleich gekleidet: weiße Jacken, weiße, enganliegende Beinkleider, weiße Socken, Strohsandalen an den Füßen, ungeheure Strohhüte auf den Köpfen; um die Schultern hatte jeder eine etwa quadratmetergroße Strohmatte geschlungen, die als Schutz gegen Regen, Sonne und Kälte, zur Nachtzeit auch noch als Lagerstätte dient. In seiner Rechten trug jeder Pilger einen langen Stab wie unsere Bergstöcke, in der Linken aber eine Glocke, mit welcher fortwährend gebimmelt wurde. Auf den Veranden, in den nach allen Seiten offenen Häusern waren Pilger, die einen ruhten, die anderen spielten oder rauchten oder machten in höchst rücksichtsloser Weise ihre Toilette. Auf dem mattenbedeckten Fußboden unseres Theehauses wurde eben von der Hotelgesellschaft die Abendmahlzeit eingenommen. Japanische Herren und Damen, darunter ganz junge Mädchen, hockten im Kreise auf ihren Waden und handhabten geschickt ihre Eßstäbchen, indem sie Reis in ihren Mund schaufelten und ab und zu aus einer in der Mitte stehenden großen Schüssel ein Stückchen Fisch oder Wurzel abgabelten.

Der schlaue Hotelwirt wollte wahrscheinlich von uns das Geld für ein Nachtquartier verdienen, denn er riet uns sehr ab, noch heute abend den Aufstieg auf den Fudschi zu wagen. Das Wetter würde schlecht werden, es wären auch keine Pferde mehr da, um uns durch die Lava- und Schuttfelder nach Umagaishi, der letzten für Reiter zugänglichen Station des heiligen Berges zu bringen und dergleichen mehr. Als wir aber dennoch darauf bestanden und es mir gelungen war, ein paar Reitpferde aufzutreiben, hetzte er uns die Polizei auf den Hals. Mit wichtiger Miene wurden uns die Pässe abverlangt, da sie aber von der Regierungin Tokio ausgestellt und vollständig in Ordnung waren, belästigten uns die uniformierten Gesetzeshüter nicht weiter, vertrieben sogar noch die zahllosen Kinder, die uns in einem großen Kreise stehend begafften.

Gegen sieben Uhr abends saßen wir auf unseren schlecht gesattelten Kleppern und galoppierten durch die malerische Hauptstraße des Dorfes der gewaltigen, dunkeln Masse des Vulkans zu, der sich gerade vor uns in unsagbarer Majestät erhob. Das ganze Dorf zeigte das lebhafteste Jahrmarktsleben; in langen Reihen waren vor den Häusern Verkaufsstände von Süßigkeiten, Erfrischungen, kleinen Andenken an den Fudschi und dergleichen aufgeschlagen, von jedem einzelnen Hause wehten bunte Flaggen und Handtücher, welche die Pilger mitführen und an verschiedenen Orten zur Erinnerung an ihre Wallfahrt abstempeln lassen. In der Mitte der breiten Hauptstraße floß rauschend ein wasserreicher Bach dem Sakagagawa zu, und an seinen Ufern waren unzählige winzige Wasserräder und mechanische Spielzeuge aufgestellt, teils zum Ergötzen der Kinder, teils um die kleinen Apparate anzutreiben, die zur Verscheuchung der Fliegen über den Verkaufsständen von Obst und Süßigkeiten angebracht waren.

Blutrot war die Sonne untergegangen, und das bleiche Mondlicht leuchtete uns nun auf dem Wege, der durch öde Schutthaufen und dunkelbraune Lavafelder emporführt. Nach etwa zweistündigem Ritt betraten wir einen finsteren, hochstämmigen Wald und mußten unsere Pferde stramm am Zügel halten und uns von den Kulis den Weg mit Fackeln erleuchten lassen, um nicht durch die aus dem Boden ragenden Baumstümpfe und Wurzeln selbst zum Fall zu kommen. Mein Reisegefährte ärgerte sich weidlich über mein verrücktes Beginnen, den Fudschi, statt wie die anderen Menschen am helllichten Tage, zur Nachtzeit zu besteigen, wo man sich in der Finsternis Hals und Beine brechen kann. Aber ich wußte, wir würden bald wieder aus dem dunkeln Walde in den hellen Mondschein kommen, und dann war die Kraxelei doch entschieden angenehmer als bei der im Sommer furchtbar drückenden Sonnenhitze. Ich beabsichtigte so hoch als möglich emporzuklettern, den Rest der Nacht in einer der Schutzhütten zuzubringen und am nächsten Morgen die Besteigung zu vollenden. Bei dem ewig wechselnden Wetter konnte man ja nicht wissen, ob der ganze Berg nicht schon in einigen Stunden in dichten Nebel gehüllt sein würde, und dann wäre unsere ganze Reise vergeblich gewesen.

Mitten im finsteren Walde erblickten wir bald Lichter und hörten das Geklingel von Pilgerglocken. Wir hatten Umagaishi erreicht, ein ärmliches Theehaus mit anstoßendem Flugdach, unter dem auf langen Holzpritschen wohl ein halbes Hundert Pilger, die eben vom Fudschi herabgekommen waren, ausruhten. Die zahlreichen, weißgekleideten Gestalten, die hier in allen möglichen Stellungen umherlagen, nahmen sich in dieser Waldeinsamkeit beim flackernden Scheine brennender Kieferspäne gespensterhaft genug aus. Sie beachteten uns kaum, als wir angeritten kamen und nach einem Schluck Thee den Weg wieder fortsetzten.

Dagegen protestierten aber unsere Kulis. „Umagaishi” heißt wörtlich „Pferd zurücksenden”, d. h. es war der Ort, wo die Pilger gewöhnlich vom Pferde steigen, um die Bergtour zu Fuß fortzusetzen. Ich hatte aber gehört, daß der Weg noch zwei Kilometer weiter für Pferde gut passierbar wäre, und um unsere Kräfte zu schonen, nahm ich meinem Kuli die Fackel aus der Hand und drückte mein Pferd vorwärts. Mein Begleiter folgte, und obschon wir manche halsbrecherischen Stellen zu passieren hatten, kamen wir doch, vielleicht als die ersten, die es je unternommen, zu Pferd in der Station Tschudschikiba an. Hier ließen wir die Pferde mit der Weisung zurück, am nächsten Abend nach Sonnenuntergang wieder zur Stelle zu sein. Nachdem wir das Gitter eines Tempelhofes passiert hatten, erwarben wir hier von einem alten Priester Alpenstöcke, und unsere Kulis legten einen ganzen Vorrat von Strohsandalen an, es dürften wohl zwanzig Paare gewesen sein. Ich glaubte, sie kauften dieselben auf die Bestellung irgend eines Wächters der Schutzhütten weiter oben, und ließ sie gewähren.

Anfänglich ging es ganz bequem vorwärts; der Wald wechselte mit Moorland und Grasflächen ab, und erst als wir auf etwa zweitausend Meter Höhe angekommen waren, wurde der Baumwuchs dünner, die Fichten wurden kleiner, verkrüppelter, und schließlich sahen wir nur noch stellenweise knorrige Zwerglärchen und stacheliges Gestrüpp, an dem wir unsere Kleider zerrissen. Der Mond leuchtete uns aber getreulich aufwärts. Trotz der vielen Tausende von Pilgern, die seit Jahrhunderten alljährlich die Bußpromenade auf den Fudschi unternehmen, hört der Weg oberhalb des zweiten Tausend Meter gänzlich auf, und wir kletterten teils auf harten Lava- und Basaltfelsen aufwärts, teils wateten wir durch vulkanische Asche und Sand, die bei jedem Schritte nachgaben. Wie die Japaner glauben, wird der von den Pilgern auf diese Art thalabwärts geschobene Sand zur Nachtzeit von überirdischen Mächten wieder auf den Berg hinaufgetragen. Wir bekamen aber nichts davon zu sehen.

Zur Erleichterung des Aufstiegs sind auf verschiedenen Seiten des ungeheuren Berges Reihen von Schutzhütten angelegt worden. Auf der Seite von Subashiri befinden sich deren zehn, in Entfernungen von etwa je einem Kilometer und Höhenunterschieden von je dreihundert Meter. Bald nachdem wir auf unserem schweigsamen nächtlichen Marsche die erste Hütte passiert hatten, wurde es empfindlich kälter, Wolken zogen gespensterhaft die Bergflanken über uns entlang und verhüllten den Mond, der Wind wurde heftiger und artete schließlich in einen so furchtbaren Orkan aus, daß wir mit Mühe und Not die zweite Schutzhütte erreichten. Wir wären ohne unsere Kulis wohl an ihr vorbeigeschritten, denn sie besteht nur aus einem in die Lavamassen gegrabenen kleinen Absatz, der durch niedrige Mauern,aus Lavablöcken aufgeführt, geschützt ist. Rohe Baumstämme, mit Felstrümmern beschwert, bildeten das Dach, und die einzige, gleichzeitig als Thür und Fenster dienende Oeffnung war durch Balken und Pfosten verrammelt. Auf unser Klopfen wurde geöffnet, und wir befanden uns in einem niedrigen, mit Dielen belegten Raum, in dessen Mitte auf dem nackten Felsboden ein Holzfeuer eben verglühte. Bei dem Schein einer rauchenden Petroleumlampe sahen wir, daß über dem Herde ein großer Kessel hing; Dutzende von Pilgern lagen auf ihren Strohmatten schlafend umher, während andere bei der heißen Asche des Herdes kauerten, um sich zu wärmen. Als wir eintraten, erhob sich der Wirt dieses „Hotels zu den vier Winden”, um uns stillschweigend in einem Winkel ein Nachtlager zu bereiten, denn bei dem furchtbaren Sturm, der selbst durch die Ritzen und Löcher unseres Schutzhauses pfiff, war ein Weiterklettern lebensgefährlich.

Er holte einige dünne, gefütterte Wolldecken hervor, breitete sie auf dem Boden aus und reichte uns noch vor dem Schlafengehen einen Kessel mit heißem Thee. Wir wickelten uns in unsere Mäntel, und todmüde, wie wir waren, hätten wir sofort in tiefen Schlaf versinken sollen, wenn — ja wenn!

Japan ist das Paradies der Flöhe, und selbst in vornehmen Hotels, wie in jenen am Miyanoshita, quälen sie den müden Wanderer in grausamer Weise. In den japanischen Hotels und Theehäusern aber sind sie eine entsetzliche Plage. Deshalb wollte ich auch das Nachtlager in Subashiri vermeiden, fiel aber desto trauriger hier herein. Kein Klima scheint ihnen zu kalt, kein Berg zu hoch, keine Entfernung zu groß, keine Person zu heilig. Mit wahrhaft republikanischer Gleichheit und Brüderlichkeit machen sie sich an alles, was lebt und eine Haut zu durchbeißen, rotes Blut zum Anzapfen hat. Ob diese verteufelten Miniaturgemsen durch Extrakuriere von unserem Kommen unterrichtet wurden, ob sie unsere Ankunft gerochen hatten, ich weiß es nicht; fünf Minuten, nachdem wir unsere müden Glieder ausgestreckt hatten, ging der Teufel los: ein Beißen und Jucken und Krabbeln, daß es nicht mehr auszuhalten war. Auf diese Legion von Quälgeistern Jagd zu machen, wäre wohl vergebliche Mühe gewesen; wenn sie nur immer ruhig sitzen geblieben wären! Aber nachdem wir zwanzig Stunden lang in der Eisenbahn und in Karren gefahren, geritten und gegangen und in Tragstühlen und Rickshaws durchgerüttelt worden waren, außerdem von der scheußlichen Kälte durchfrorene Finger hatten, war unsere Treffsicherheit auch dahin. Indessen, wir wollten unser Blut so teuer wie möglich verkaufen. Daß der ungleiche Kampf gegen diese blutdürstige Brut uns bevorstand, wußte ich und hatte mich mit Penny Royal-Oel versehen. Das bißchen Einreiben des Körpers, das wir vorher schon unternommen hatten, war nutzlos gewesen; so wurden denn die ganzen Flaschen in die Unterwäsche ausgegossen. Nun gab es eine Stunde Ruhe, und müde, wie wir waren, schliefen wir doch ein. Als wir aber um vier Uhr aufwachten, um unserenWeg fortzusetzen, waren unsere Körper doch mit roten Punkten wie besäet. Die Biester hatten während unserer Nachtruhe diese Tättowierung vorgenommen.

Es regnete und stürmte draußen noch immer so fürchterlich, daß wir beschlossen, noch zwei Stunden länger im Schutze dieses Flohstalles zu bleiben. Aber um sechs Uhr war das Wetter gerade so, auch um acht Uhr, zehn Uhr. Es wurde Mittag, und schon fürchteten wir, es würde uns ebenso ergehen wie vielen anderen, die zwei bis drei Tage bei schlechtem Thee und gekochtem Reis da oben in der Lavawüste zubringen mußten, da hellte sich das Wetter auf. Der Wind blies noch so kräftig, daß wir uns draußen kaum aufrecht halten konnten und mein Gefährte schon die Absicht aussprach, unverrichteter Dinge kehrt zu machen. Aber nein. Wir waren so weit gekommen, nun mußten wir hinauf. Also vorwärts! Es ging langsam, beschwerlich, aber es ging. Wir erreichten die dritte, vierte, fünfte Schutzhütte, dann die sechste, siebente und achte. Mein Reisegefährte war aber am Ende seiner Kräfte. Ich trat ihm meine Kulis ab, sie schlangen einen Gurt um seinen Leib und zogen, drei andere schoben von rückwärts, und so kam er mir allmählich nach, nicht ohne sich in jeder der Schutzhütten durch den mitgebrachten Cognac zu erfrischen.

In diesen Höhlen fanden wir überall müde Pilger, viele Flöhe, teure Rechnungen, aber nur wenig Trank und Speise, höchstens Reis, getrocknete Fische und Maccaroni, die in langen Schnüren an den Wänden mitten zwischen den blauen und roten Handtüchern hingen, die fromme Pilger zur Erinnerung zurückgelassen hatten. Jedes Tuch trug den Namen eines Pilgers. Die Wände, Stützbalken, selbst die Decken waren mit diesen seltsamen Visitenkarten austapeziert, viele hatten nur Papierstreifen mit ihren Namen zurückgelassen, und unter den letzteren las ich auch manchen englischen und amerikanischen Namen.

Je höher wir emporkamen, desto häufiger und größer wurden die Schneefelder in den Furchen, die in den obersten Kegel des Berges eingerissen sind, und dieser Schnee verschwindet das ganze Jahr über nicht. Zwischen den Furchen ziehen sich steile Grate aus harter, nackter Lava herab, und einen solchen benutzten wir zu unserem Aufstieg. Der scharfe Wechsel der Temperaturen hat diese Lavamassen vielfach gespalten, und dadurch fanden unsere Füße beim Aufwärtsklettern einigen Halt.

Bei der sechsten Schutzhütte schon hatten wir die kalte, dichte Wolkenschicht durchschritten, die den Berg wie mit Baumwolle umwickelt hielt, und der mächtige Gipfel lag klar vor uns, so nahe, daß wir hofften, ihn binnen einer halben Stunde zu erreichen. Aber wir waren nun schon drei Stunden geklettert, und je höher wir stiegen, desto höher schien auch der Berg zu werden. Zu unserer Linken, also mehr gegen die Südseite des Berges, befand sich zwischen zwei Lavagraten eine ungeheure Halde von Schutt und loser Asche, wie ich sie in solcher Ausdehnung nirgendsgesehen habe. Vom Gipfel des Berges zieht sie sich viele Kilometer weit abwärts bis zu dem Waldkranz, der den Fudschi dort auf etwa anderthalbtausend Meter Höhe besäumt, und über diese Halde sahen wir Dutzende von Pilgern, auf ihre Bergstöcke gestützt, den Abstieg unternehmen, in raschem Laufe, bei jedem Schritt um vielleicht ebensoviel durch den hohen Schutt abwärts sinkend.

Endlich, gegen fünf Uhr abends, standen wir am Fuße einer ungeheuren Treppe, deren Stufen in die ungemein steile, glatte Lavawand gehauen sind, um den Aufstieg zum Gipfel überhaupt möglich zu machen. Mühsam, als wären unsere Beine von Blei, zogen wir dieselben von Stufe zu Stufe aufwärts, und recht erschöpft betraten wir gegen sechs Uhr abends den Rand des Kraters.

Auf dem schmalen Plateau zwischen dem äußeren Bergumfange und dem Krater selbst, der etwa einen größten Durchmesser von einem Kilometer haben mag, stehen einige aus Lavablöcken erbaute Häuschen, bewohnt von Priestern und Schenkwirten, die allerhand Erfrischungen und Erinnerungen an den heiligen Berg feilbieten. Eines der Häuschen ist zu einem kleinen Tempel eingerichtet, und an seinem Eingang setzten wir uns nieder, um ein halbes Stündchen zu ruhen und den Rest unserer Flasche Kokawein zu trinken. In den Cordilleren Südamerikas hatte ich zuerst die erfrischende Wirkung der Kokablätter kennen gelernt, und seither begleitet mich der Kokawein bei allen Bergbesteigungen.

Meinen Begleiter konnte ich zu einer Promenade um den Krater herum oder gar auf die etwa hundert Meter tiefe Sohle desselben nicht bewegen. Wollten wir die Nacht nicht oben zubringen, so mußten wir den Rückmarsch sofort wieder antreten. Ich eilte deshalb allein auf der schmäler werdenden Kante aufwärts zu dem kleinen Pavillon, der an der höchsten Spitze des Kraterrandes steht, und blickte von dort in den dampfenden, nebelerfüllten Kessel, dessen Wände aus zerklüfteten, phantastisch aufeinandergetürmten Lavablöcken bestehen. Aus manchen Ritzen und Oeffnungen schießt pfeifend heißer Dampf hervor, ein Zeichen, daß der höchste Vulkan Ostasiens nur schlummert. Wie, wenn er gerade jetzt aus seinem zweihundertjährigen Schlafe erwachen würde? Der Anblick wäre gewiß großartig, aber ich hätte mich dafür doch sehr bedankt. Der Gedanke an diese Möglichkeit machte mich grausen.

Mein Führer hielt mich davon ab, in den Krater hinabzusteigen, denn es wäre die höchste Zeit, den Rückmarsch anzutreten. Von den Priestern des Tempelchens ließen wir uns noch den Stempel des Fudschigipfels auf unsere Bergstöcke einbrennen, warfen noch einen Blick um uns und den Berg hinab zu der Wolkenschicht, die uns die Aussicht auf das Land und Meer zu unseren Füßen entzog, und machten uns wieder auf den Weg. Als wir den Fuß der steilen Felsentreppe erreicht hatten, bestanden die Führer darauf, uns Strohsandalen über die Schuhe zu binden und mir noch drei andere Paare mitzugeben, da ich gewöhnlich unserer Karawane voraneilte. Statt dann den glatten Lavagrat abwärts zu gleiten, aufdem wir emporgestiegen waren, schwenkten wir rechts ab auf die unabsehbare Schutthalde, unsere Füße versanken bis über die Knöchel in den losen, scharfen Sand, den der Krater in früheren Zeiten in so unglaublichen Mengen ausgeworfen hatte, und unsere Schuhe wären gewiß schon in der ersten halben Stunde zerschnitten gewesen, würden wir sie nicht durch die Strohsandalen geschützt haben. Das also war der Grund, warum die Führer sich gleich mit zwei Dutzend Exemplaren davon versehen hatten. Während des Abstiegs mußten wir sie wiederholt wechseln, denn nach je einer halben Stunde hingen sie wie Fetzen um unsere Füße. Die ganze Halde war besäet mit diesen Sandalenresten, und man hätte aus ihnen allein einen kleinen Fudschiyama aufbauen können. Man denke nur: in jedem Jahre wird der heilige Berg von vielleicht dreißigtausend Pilgern bestiegen, die mindestens an hundertfünfzigtausend Sandalenpaare verbrauchen, und das geht nun schon seit Jahrhunderten vor sich!

Wir flogen nur so die Halde hinab. Zehn Stunden hatten wir gebraucht, um auf den Gipfel zu kommen, und in weniger als drei Stunden waren wir, halb springend, halb in dem losen Sand abwärts gleitend, wieder unten am Waldessaume. Mittlerweile war es stockfinster geworden, und beim Scheine von Fackeln mußten wir uns den Weg durch den Wald abwärts bahnen nach unserem Ausgangspunkte Umagaishi, das wir etwa um zehn Uhr nachts erreichten. Die Pferde standen bereit, aber wir blieben doch ein Stündchen zwischen todmüden japanischen Pilgern auf den Bänken ausgestreckt, um ein wenig neue Kräfte zu sammeln. Waren wir doch seit vierzig Stunden unterwegs! Wir wären gerne die ganze Nacht hier geblieben, aber die Furcht vor der entsetzlichen Flohplage trieb uns bald weiter. Lieber die Nacht zu Pferde zubringen, als sich noch einmal diesen blutdürstigen kleinen Raubtieren aussetzen. Mein Begleiter wurde halbtot in den Sattel gehoben, als er aber zu Pferde saß, kam er wieder zu sich, und wir trabten lustig Subashiri zu. Dort wagte ich nicht, abzusteigen und Rast zu halten, denn mein armer Reisegefährte wäre diesmal kaum wieder in den Sattel gekommen. So ritten wir denn durch die stillen, toten Straßen des Dorfes und kamen glücklich um vier Uhr morgens in Gotemba wieder an, rechtzeitig, um den Frühzug nach Kozu zu besteigen. Von dort waren wir um neun Uhr morgens wieder in dem entzückenden Badeorte Miyanoshita bei unseren Lieben. Sie waren hocherfreut, uns wiederzusehen, denn während wir auf dem Fudschiyama waren, hatte unten ein furchtbarer Taifun gewütet, der eine Menge Schiffe vernichtet, eine Anzahl Dörfer arg mitgenommen und auch sonst im Lande großen Schaden angerichtet hatte. Diesem Taifun waren wir oben auf der Spitze des höchsten Berges Ostasiens wohl entgangen, aber doch würde ich lieber einen Taifun durchmachen, als nochmals den Fudschiyama besteigen.

Der heilige Berg Fujiyama.❏GRÖSSERES BILD

Der heilige Berg Fujiyama.

❏GRÖSSERES BILD


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