Samisen.Ikao, ein japanisches Karlsbad.
Samisen.
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Kein Land des Erdballes ist so vulkanisch wie das aus dreitausendachthundertundfünfzig Inseln und Inselchen bestehende japanische Kaiserreich. Eine ganze Reihe von Vulkanen sind dort noch heute thätig, und alle paar Jahre dringen Berichte von den schrecklichen Verheerungen zu uns, welche die Ausbrüche dieser Vulkane oder die Erdbeben dort anzurichten pflegen. Aber, bringen die Vulkane Zerstörung mit sich, so gewähren die Mineralquellen, die brühend heiß ihren Hexenkesseln entspringen, dafür wieder Heilung für viele körperliche Leiden. Japan ist ungemein reich an derartigen Quellen, die Eisen, Schwefel, Arsenik, Salz und Soda enthalten, und rings um diese Quellen sind zahlreiche Badeorte entstanden, die seit vielen Jahrhunderten von den Japanern aufgesucht werden: Unzen in der Nähe von Nagasaki, Kusatsu und Yumoto bei der altberühmten japanischen Tempelstadt Nikko, Miyanoshita, das fashionabelste und den Europäern bekannteste Bad in dem Distrikt des heiligen Berges Fudschiyama, und endlich Ikao mitten in den Gebirgen der Insel Nipon.
Ikao liegt nicht auf der großen Heerstraße der Globetrotter und ist noch nicht so besucht und verdorben von vergnügungssüchtigen Engländern und Amerikanern; noch keine Fahrstraße oder Eisenbahn führt hinauf zu den segenspendenden, heißen Quellen, und wer einen unverfälschten, stark besuchten, dabei interessanten und an Vergnügungen reichen Badeort der Japaner kennen lernen will, der reise nach Ikao, dem Karlsbad von Japan.
Nach meinen Erlebnissen in dem Lande der Morgenruhe, Korea, aus dem ich eben kam, durfte ich mir eine kleine Erholungsreise wohl gestatten. Schon die Fahrt nach der Ikao nächstgelegenen Eisenbahnstation, der Stadt Takasaki, gehört zu den schönsten, die man unternehmen kann. Das nördlich der Reichshauptstadt gelegene Land, das man im bequemen Eisenbahnwaggon während dreier Stunden durcheilt, gleicht einem herrlichen Garten. Jede Erdscholle ist von den fleißigen Japanern der Kultur unterworfen worden; die kleinen Felder und Obstgärten, die schattigen Haine, hohen Bambushecken, die Wege und Stege sind mit solcher Sorgfalt gepflegt, als ob ihre Besitzer lauter reiche Herren wären, die sich dem Ackerbau und der Gärtnerei nur aus nobler Passion hingeben. Dabei paßt in dieser geradezu idealen Landschaft alles zusammen, wie wenn ein geschickter Landschaftsgärtner, irgend einjapanischer Pückler-Muskau, die Hügel hätte künstlich aufführen und mit mächtigen Bäumen bepflanzen lassen; als ob er auf die verschiedenen Nuancen des Grün Rücksicht genommen und hier die hellen Bambusstauden, dort die dunkleren Kampferbäume, noch weiter die hohen dunklen Kryptomerien und kurios geformten Fichten nur wegen der Farbenzusammenstellung und des malerischen landschaftlichen Aufbaues, nicht aus Nützlichkeitsgründen gepflanzt hätte. Die höchsten Bäume sieht man auf den kleinen Hügeln, die sich hier und dort aus der weiten, mit rauschenden Bächen und Flüssen reich bewässerten Ebene erheben, und aus ihrem dunklen Grün leuchtet irgend ein Tempelchen oder eine Pagode hervor, zu denen lange Avenuen emporführen, gebildet von lauter Torii. Zwei, drei Dutzend dieser eigentümlich geschwungenen, hellrot angestrichenen Thorbogen stehen hier bei manchem Tempelchen hintereinander. Dieser weiten, schönen Landschaft dienen bewaldete Bergketten als Hintergrund, drei, vier, fünf hinter- und übereinander, wie Theaterkulissen, hier und da noch überhöht von steilen Vulkankegeln, die zwei- bis dreitausend Meter hoch in den blauen japanischen Himmel ragen.
Takasaki, ein liebliches, belebtes Städtchen, harmoniert heute vortrefflich mit seiner Umgebung und bildete bei der Annäherung meines Zuges den farbenreichen Mittelpunkt dieser olympischen Landschaft. Es war gerade Festtag, und Straßen auf, Straßen ab sah ich nichts als Triumphbögen aus Reisig und Blumen gebaut, Blumenguirlanden von Haus zu Haus, dazu unzählige, vielfarbige Lampions, und auf den Dächern wehte ein Wald von rot-weißen japanischen Flaggen. Jeder Lastwagen, jede Rickshaw, sogar die Waggons der Pferdebahn, die Takasaki durchzieht, waren mit Lampions behangen. In den Straßen aber wogte das buntgeputzte Volk wie Schmetterlinge in einem ungeheuren Blumenbeet. So fröhlich und zerstreut sie auch waren, die Anwesenheit eines Europäers mitten unter ihnen fesselte doch ihre Aufmerksamkeit, und bald war ich von neugierigen Knaben und Mädchen umringt. Sie sahen mich verwundert, aber dabei ganz zutraulich an, betupften meine Kleider und Handschuhe und brachen in schallendes Gelächter aus, als ich in japanischer Sprache versuchte, meine Weiterfahrt auf der Pferdebahn zu arrangieren. Eine solche führt nämlich von Takasaki noch nun etwa fünfundzwanzig Kilometer weiter in die Berge hinein, bis nach Shibukawa, ganz so eingerichtet wie unsere europäischen Pferdebahnen. Dieselben Wagen, dieselben europäisch uniformierten Kutscher und Schaffner; nur gehen sie mit ihren Pferden menschlicher um als ihre abendländischen Kollegen, lassen keine Ueberfüllung der Wagen zu und jede halbe Stunde wird angehalten, um den Pferden mit kaltem Wasser Maul und Bauch zu begießen.
Ich weiß nicht, ob während der Fahrt die Verwunderung der Japaner über mich oder meine Verwunderung über die Japaner größer war. Die Pferdchen krochen mit einer Langsamkeit einher, die uns gegenseitig hinreichend Muße zu Beobachtungen gab. Die meinigen waren gewiß interessanter. Es war Abend, unddie große Sommerhitze ließ die keineswegs schüchternen japanischen Männlein und Weiblein in ihren nach allen Seiten offenen Häuschen in buchstäblich adamitischem Kostüm verweilen. In manchen Höfen nahmen die Familien gerade in engen Holzbottichen ihre Bäder oder promenierten nach dem Bade ohne irgendwelche Bekleidung auf und nieder, um sich an der Luft abzutrocknen. Je weiter auf unserer Fahrt der Abend fortschritt, um so deutlicher konnte ich die einzelnen häuslichen Verrichtungen in den Häusern, an denen wir vorbeifuhren, wahrnehmen. Auf die badenden Familien folgten solche, die gerade ihr Abendbrot, den unfehlbaren Reis, mit hölzernen Stäbchen in den Mund schaufelten, dann andere, die auf dem erhöhten Fußboden ihrer Häuser Strohmatten oder dünne Matratzen für ihr Nachtlager zurechtmachten, und schließlich schlafende Familien, Männer, Weiber, Kinder, alle beisammen, splitternackt, nur durch ein weites, an der Decke hängendes Mückennetz von der bösen Außenwelt geschieden.
Gegen zehn Uhr abends kam der Pferdebahnwagen, den ich für mich und meine europäischen Begleiter gemietet hatte, in Shibukawa, einem kleinen ärmlichen Dorfe, an. Große Aufregung unter den Einwohnern. Sie sprangen in ihrer mehr als leichten Nachttoilette von ihren Lagern, um zu sehen, was es gäbe, denn der Besitzer des der Station gegenüberliegenden Theehauses wollte durchaus, wir sollten bei ihm übernachten. Der Weg nach Ikao wäre zu schlecht für eine Weiterfahrt in der Dunkelheit, und er besäße vortreffliche Nachtlager und dazu hübsche junge Nesan, um uns den Schlaf zu versüßen. Aber ich bestand darauf, weiter zu fahren, es schien ja der Mond, und die Nesanmädchen übten keine Anziehungskraft auf uns aus. Nach langem Hin- und Herreden war der ziemlich hohe Preis für die Rickshaws vereinbart. Wir setzten uns in die kleinen leichten Wägelchen, vor jedes traten vier japanische Kulis mit muskulösen Beinen, und fort ging’s in die Berge hinauf nach Ikao. Ein paar Papierlaternen, von den Kulis getragen, erleuchteten spärlich den wirklich erbärmlichen, holperigen Weg.
Nach zweistündiger Fahrt krochen unsere Kulis unter Aechzen und Stöhnen den letzten Abhang empor nach unserem Ziele, von dem ich vorläufig nichts gewahrte als eine Menge von mattscheinenden Lampions gerade vor uns, mitten auf dem Wege. Als wir dieselben erreicht hatten, sah ich, daß sie von etwa zwei Dutzend Menschen getragen wurden, die sich vor uns ehrfurchtsvollst, wie es wohlerzogenen Japanern geziemt, auf alle Vier warfen: der Hotelbesitzer, die Kulis, die kleinen lieblichen Stubenmädchen, mit einem Worte, das ganze Personal des Murumatsuhotels. In diesem hatten wir Zimmer bestellt, da es in dem vortrefflichen Murrayschen Handbuch für Japanreisende (einen Baedeker giebt es wunderbarerweise noch nicht) als „europäisches Hotel” bezeichnet steht.
Dieses europäische Hotel befand sich ganz in der Nähe, das erste Haus des berühmten Badeortes. In der Dunkelheit konnten wir nur sehen, daß es ein Stockwerk hoch war und im Erdgeschoß etwas wie einen Speisesaal und ein Billardzimmer besaß. Als wir aber von den hübschen Nesan die steile Treppe in das obere Geschoß emporgeführt wurden, entpuppte sich das europäische Hotel als ein echt japanisches, denn an Stelle von Schlafzimmern bestand das Geschoß aus einem großen, mit feinen Matten bedeckten Raume, der durch verschiebbare Papierwände in kleine Schlafabteilungen eingeteilt war. Zwei von diesen, mit dünnem, durchsichtigem Papier überzogenen Holzrahmen wurden auseinandergeschoben, und ich befand mich in meinem Schlafzimmer. Europäisch war nur die Bettstelle, der Waschtisch und ein Stuhl, die einzigen Einrichtungsstücke, die sich innerhalb der vier Papierwände befanden. Die kleine Nesan, ein allerliebstes Mädchen, machte sich um meine Person zu schaffen und schien nur unwillig den Versuch, mich in mehr oder minder angenehmer Weise in den Schlummer zu wiegen, aufzugeben. Ich schob meine Wände hinter ihr zusammen und war allein. Auf einer Seite trennte mich ein derartiger weißer Papierbogen von einer Schläferin, wie ich aus dem leichten Atemholen vermutete, auf der anderen ein zweiter Papierbogen unzweifelhaft von einem Manne. Sein sägeartiges Schnarchen verriet es. Das in Europa allerprobte Mittel, die Stiefel an die Wand zu werfen, ging nicht gut an, denn sie wären möglicherweise durch das Papier dem Schnarcher an den Kopf geflogen. Ich versuchte es also mit dem jedenfalls zarteren Mittel, dem Pfeifen, und das hatte den gewünschten Erfolg. Aber noch eine Stunde lang war es unmöglich, zur Ruhe zu kommen, denn die kleinsten Toilettengeräusche meiner Reisegefährten waren selbst aus den entfernteren Schlafabteilungen vernehmbar. Am nächsten Morgen wurde ich durch die kleinen Stubenmädchen geweckt, die einfach die Papierwände auseinanderschoben und sich in meinem Zimmer unter fortwährendem Lächeln und steten Verbeugungen allerhand zu thun machten, mich sogar hinabbegleiteten in den Badepavillon, der ziemlich offen dicht an der Straße lag. Schlösser, Riegel, Vorhänge, Badeanzüge und Schwimmhosen sind in den japanischen Badelokalen unbekannt, und wer baden will, muß eben fremde Gesellschaft mit in den Kauf nehmen.
Im Speisesaal gab es wenigstens Teller und Gläser, Messer und Gabeln, Tische für die Speisen, Stühle zum Sitzen und deshalb wohl der Name „europäisches Hotel”. Sogar ein Fremdenbuch war vorhanden, dem ich entnahm, daß das Hotel in den letzten drei Jahren auch von drei Deutschen besucht worden war.
Die Aussicht von der Veranda unserer etwa neunhundert Meter über dem Meere auf einem Bergvorsprung gelegenen Wohnung war entzückend; wahre Schweizerlandschaften entrollten sich vor meinen Augen, und nur die Schneeberge fehlten, um die Erinnerung an die Alpenländer vollständig zu machen. Zur Linken zieht eine dicht bewaldete Schlucht die Berge hinab bis in die Ebene, und auf dem jenseitigen Plateau gewahrte ich ein prachtvolles japanisches Schloß, ähnlich denSchlössern des Kaiserhauses oder der Schogune in Nikko oder Kioto, umgeben von wunderbaren Gartenanlagen. Das moderne Japan hat eben in den letzten zwei Jahrzehnten Leute mit noch größeren Mitteln geschaffen, und das Feenschloß von Ikao gehört dem Präsidenten der größten japanischen Dampfergesellschaft, der Nipon Yusen Keisha. Ikao selbst zieht sich von dem Murumatsuhotel, dem sich noch einige Dutzende japanischer Hotels auf dem Plateau anschließen, an der diesseitigen Schluchtwand steil den Berg hinab, und die Hauptstraße des Ortes besteht dementsprechend aus einer breiten, steilen, etwa einen Kilometer langen Treppe, zu deren Seiten sich die mehrstöckigen Holzhäuser erheben. Jedes Haus ein Hotel, jedes Hotel mit einem Bad oder Theehaus. Um das zu sehen, brauchte ich meine Veranda gar nicht zu verlassen, denn um mich herum in allen Gebäuden, allen Stockwerken waren die Papierwände, Thüren, Veranden weit geöffnet, so daß ich mitten durch bis in die jenseitigen Gebäude blicken konnte. Die Insassen betrachteten wohl mit neugierigen Augen den fremden Europäer, ließen sich aber nicht im mindesten in ihren Verrichtungen stören. Angekleidet oder ausgekleidet, beim Samisenspielen, Essen, Trinken, Arbeiten, Lesen, bei der Haartoilette oder bei noch viel intimeren Angelegenheiten zeigten sie auch nicht eine Spur von Scheu, als ob ich etwa ein Schoßhündchen oder ein Kanarienvogel gewesen wäre. Ich hätte gern irgend eine zimperliche alte Jungfer aus Deutschland unversehens im Fluge hierher zaubern mögen, um in einem dieser japanischen Hotels zu wohnen und mit den Japanern eine Badekur durchzumachen. Sie wäre wohl aus ihrer ersten Ohnmacht kaum wieder erwacht. Das wäre indessen auch unseren Badekommissären und der löblichen Sittenpolizei passiert, wenn sie mich auf meinem ersten Spaziergang durch Ikao hinab und wieder hinauf begleitet hätten. Die uralten, mehrstöckigen Häuser mit ihren vielen Veranden, Erkern, Treppen, Vorsprüngen, ihren hübschen Blumen, Lampions und Fähnchen an den Fronten und den bunten Bazars mit allerlei nichtigen Kleinigkeiten unten an der Straße nehmen sich ungemein malerisch aus, erinnern sogar entfernt an die vom Wetter schwarzbraun gefärbten Schweizer Chalets im Berner Oberland. Aber welch seltsames Leben und Treiben auf der Straße und in den Gärtchen und Bädern hinter ihnen! Unsere bildlichen Darstellungen des ersten Menschenpaares zeigen bei diesem entschieden umfassendere Bekleidung, als die verschiedenen Männlein und Weiblein hier in und außer dem Bade trugen. Nicht ein Läppchen in der Größe einer Briefmarke war an ihnen zu sehen.
Japanische Spielkarten. (In Originalgröße.)
Japanische Spielkarten. (In Originalgröße.)
Das stark schwefel- und eisenhaltige Wasser sprudelt in einer Wärme von 45 Grad Celsius aus einer Quelle hervor und wird dampfend und rauchend durch ein Netz von Bambusrohren den Abhang hinab in die einzelnen Bassins geleitet, die hinter und unter den Häusern liegen. Von der großen, die Straße bildenden Steintreppe führt bei jedem Hause ein Gang nach dem zugehörigen Bad, und in diesen nach allen Seiten offenen Bassins ergötzt sich die Badegesellschaft, Greise und jungeMänner, alte Mütterchen und ehrbare Jüngferchen, alle durcheinander, den ganzen Tag über. Nach japanischen Baderegeln werden von den Kurgästen gewöhnlich mehrere dieser heißen Bäder täglich genommen, und viele geben sich gar nicht die Mühe, zwischen den einzelnen Bädern Toilette zu machen. Haben sie ein Bad genommen, so setzen sie sich auf die vor den Häusern an der Straßenseite befindlichen Bänke oder kauern splitternackt, wie sie sind, in der Sonne auf dem Boden, rauchen ihr Pfeifchen, mustern die Passanten, spielen Karten oder Domino. Dann geht es schwupps! wieder ins Bad, und nach ein paar Wochen ist die Kur vorüber. Im Bade selbst empfangen die Damen Besucher, begrüßen einander in ehrfurchtsvollster Weise mit tiefen Verbeugungen, schäkern und lachen in der ungezwungensten Weise der Welt, wie etwa beim Karlsbader Schloßbrunnen. Trat ich in irgend einen dieser Baderäume, so warf mir die ganze fröhliche Gesellschaft wohl neugierige Blicke zu, ließ sich aber sonst gar nicht stören; die jungen Damen blieben in recht verfänglichen Stellungen auf den Holzstufen hocken, rieben sich ihre Glieder, schwammen munter in den Bassins herum, oder lagen im Wasser auf dem Rücken; einzelne, die wohl aus den geöffneten Häfen stammen und die Abneigung der Europäer gegen derartige Schaustellungen kennen mochten, hielten allerdings ihre Hände ähnlich wie die reizvolle Venus im Kapitol, das war aber auch alles.
Die Japaner besuchen Ikao gewöhnlich in der Sommersaison, ganz wie wir unsere Bäder, und bringen nicht nur ihre Familien mit Kind und Kegel, sondern auch ihr Bettzeug, Wäsche, Geschirre und dergleichen, dazu auch zu ihrer Erheiterung Gaishamädchen mit, je nach ihren Mitteln und Neigungen. Die Hotels sind in drei Klassen eingeteilt; die Preise in den Hotels erster Klasse für Zimmer und Nahrung betragen pro Person und Tag etwas über eine Mark. Freilich kennt die japanische Küche keine Fleischspeisen, und die Hotelgäste erhalten morgens nur Reis und etwa Bohnensuppe, mittags wieder Reis mit frischem oder gesalzenem Fisch, dazu Gemüse, Wurzeln, Mehlspeise und Früchte, abends natürlich wieder Reis, Fischsuppe und dergleichen. Dazwischen Thee à discrétion. Die Preise in den Hotels zweiter Klasse belaufen sich auf etwa achtzig Pfennige, in jenen dritter Klasse auf etwa fünfzig bis sechzig Pfennige, alles inbegriffen. Die Bäder sind dazu in allen Hotels frei, und nur wer in den Hotels erster Klasse ein Einzelbad nehmen will, muß dafür eine kleine Vergütung entrichten.
Die Umgebung von Ikao ist reich an herrlichen Spaziergängen; vor allen zu erwähnen ist jener den rauschenden, mit heißem ockergelben Wasser gefüllten Yusawabach entlang, stromaufwärts nach dem Badeorte Yumoto, oder der nach dem idyllischen Harunasee oder auf den steilen, aber aussichtsreichen Vulkankegel des Somayama. Noch besuchter sind die für skrophulöse Personen besonders heilkräftigen Bäder von Kusatsu, eine Tagereise von Ikao mitten in der herrlichen Gebirgsregion des zentralen Japan gelegen, mit nahezu siedeheißen Eisen-, Arsenik- und Schwefelquellen. Selbst die Japaner, die sich so gern im Wasser krebsrot brühen lassen, verläßt der Mut, wenn sie vor den dampfenden Bassins des Hauptbades von Kusatsu, Netsu-no-yu, stehen, und es bedarf einer von der Regierung angeordneten, halb militärischen Disziplin, um sie zum Bade zu bewegen. Der Murray von Japan sagt darüber: „Ein Hornsignal ruft bald nach Tagesanbruch so viele Kurgäste, als das Bad fassen kann, zusammen. Jeder Kurgast ist mit einem hölzernen Schöpflöffel bewaffnet, und auf Befehl des Bademeisters begießt sich zunächst jeder mit hundert Schöpflöffeln voll Wasser, um Kongestionen zu verhindern. Wärter passen dabei wachsam auf, denn zuweilen kommen Ohnmachtsanfälle vor. Während des folgenden, dreieinhalb bis vier Minuten dauernden Bades singen Bademeister und Kurgäste einen höchst merkwürdigen Chorgesang, um sich gegenseitig Mut einzuflößen. Nach Ablauf von etwa einer Minute schreit der Bademeister laut: ‚Noch zwei Minuten‘, und die Badenden, denen die kurze Zeit bei der brennenden Hitze des Wassers wie eine Ewigkeit vorkommt, antworten im Chor: ‚Noch zwei Minuten‘. Ebenso wird nach Ablauf der zweiten Minute ‚noch eine Minute‘, dann ‚noch eine halbe Minute‘ gerufen und jedesmal und immer freudiger von den Badendenbeantwortet. Endlich ruft der Bademeister ‚fertig‘, worauf die ganze Menge nackter, brennrot gebrühter Körper über dem Wasser erscheinen und das Bad mit einer Schnelligkeit verlassen, die jeden, der ihrem langsamen, zögernden Eintritt beigewohnt hat, in Erstaunen versetzt. Bald darauf wird das Hornsignal neuerdings geblasen, und eine andere Reihe von Badenden unterzieht sich derselben Prozedur.” Die gewöhnliche Badekur in Kusatsu erfordert hundertzwanzig Bäder, die auf den kurzen Zeitraum von vier Wochen verteilt sind, und man kann sich also vorstellen, daß dieselbe nicht dasselbe Vergnügen gewährt wie jene in Ikao.
Ueber das exponierte, gemeinschaftliche Baden der beiden Geschlechter braucht man in Europa nicht erschreckt die Hände zu falten. War es doch in den europäischen Bädern vor gar nicht vielen Generationen allgemein gebräuchlich. Als ich in den öffentlichen Bädern der japanischen Hauptstädte und Badeorte das seltsame, ungenierte Treiben beobachtete, kam mir zuweilen ein großes Oelgemälde in den Sinn, das im historischen Museum zu Basel hängt und ein Bad in dem altberühmten Baden in der Schweiz darstellt. Gerade so splitternackt wie die Japaner von heute tummeln sich auch hier Männer, Frauen und Mädchen ganz toll in dem gemeinschaftlichen Bassin umher, lachen, schäkern recht verfänglich mit den Männern, ja noch mehr: mitten im Bassin stehen auf einem großen Tische gefüllte Weingläser, und eine fröhliche Gesellschaft giebt sich während des Badens einem Trinkgelage hin. Freilich stammt das Bild aus dem Anfange des siebzehnten Jahrhunderts.
Hauptstraße der Badestadt Ikao.❏GRÖSSERES BILD
Hauptstraße der Badestadt Ikao.
❏GRÖSSERES BILD