Chinesischer Thee und seine Metropole.

Theesortierer.Chinesischer Thee und seine Metropole.

Theesortierer.

Theesortierer.

V

Von den vielen Millionen Menschen, welche täglich mit Wohlbehagen ihren Thee schlürfen, haben wohl noch die wenigsten darüber nachgedacht, woher die kleinen braunen Blättchen am Grunde ihrer Theekanne eigentlich stammen. Ob aus Indien oder Ceylon oder China, ob er Oolong oder Pekko oder Souchong heißt, ist der großen Mehrzahl der Theetrinker ziemlich gleich. In Hotels oder Kaffeehäusern wird einfach eine Portion Thee verlangt, bei den vornehmen Five o’clock teas erhält man die Schälchen mit dem mehr oder minder köstlichen Naß vorgesetzt, ohne daß man sich weiter darum kümmern würde. Wenn nur die rechte Menge Zucker und Sahne dabei ist! Ohne diese beiden Dinge kein Thee.

Wie anders ist es im wahren Heimatslande des letzteren, in China! Es würde dort, wo für Hunderte von Millionen Menschen der Thee nicht nur das wichtigste, sondern man könnte füglich sagen, das einzige Getränk bildet, niemandem einfallen, auch nur ein einziges Stückchen Zucker beizufügen, die Sahne aber ist dem Chinesen ganz unbekannt. Sie trinken überhaupt keine Milch, und die Kühe werden nicht gemolken. Nur in Tibet wird dem Thee Grütze und Mehl zugesetzt und so eine Art dicke Suppe bereitet.

In den ersten Tagen meines Aufenthaltes in China konnte ich mich an den nach chinesischer Art zubereiteten Thee gar nicht gewöhnen. Machte ich bei Chinesen Besuche oder besorgte ich Einkäufe, so wurde mir stets ein Täßchen Thee vorgesetzt. Ein bezopfter, mandeläugiger Mongole brachte die Täßchen herbei, legte einige Theeblätter hinein, goß kochendes Wasser darauf und deckte dann jedes Täßchen mit der umgekehrten Untertasse zu. Nach einigen Minuten nahm mein Gastgeber gewöhnlich seine Tasse in die Rechte, schob mit dem Zeigefinger derselben Hand die Untertasse ein wenig zurück, um beim Trinken die Theeblätter nicht in den Mundzu bekommen, und schlürfte dann mit Wohlbehagen die gelblich-grüne klare Flüssigkeit. Bei meinem ersten ungeschickten Versuche entschlüpfte die Untertasse meinen Fingern und zerbrach, ich verbrannte mir die Hand und Zunge und fand den Thee dazu auch noch abscheulich. Bei den folgenden Versuchen ging es schon besser, und nach einer Woche begriff ich vollkommen, daß man Thee nach Chinesenart trinken muß. Dann ist er ein wahres Labsal. Wenn die Chinesen so wenig geistige Getränke genießen und unseren Wein, unser Bier gar nicht kennen, so mag dies großenteils den erquickenden, belebenden Eigenschaften ihres ausgezeichneten Thees zuzuschreiben sein. Dasselbe kann von den Indiern und Japanern gesagt werden. Beide Völker übernahmen den Thee von den Chinesen und sind auch in Bezug auf den Theebau ihre größten Wettbewerber geworden. Ungeheure Mengen indischen und japanischen Thees gelangen heute auf den Weltmarkt, in England und seinen Kolonieen trinkt man fast ausschließlich nur indischen, in Amerika großenteils japanischen Thee, aber der beste bleibt doch der chinesische.

In der Umgebung von Canton bekam ich keine Theepflanzung zu sehen, denn Thee wird in China erst weiter nördlich, hauptsächlich im Stromgebiet des Jangtsekiang gebaut. Bei Ningpo, einem der den Europäern geöffneten Häfen, gedeiht er am besten, und dort war es auch eine meiner ersten Unternehmungen, die Theepflanzungen der Umgebung zu besuchen. Es war Anfang Mai, und wie bei uns, so ist auch dieser Monat in China der schönste. In den Reisfeldern unten am Flusse prangten die kleinen Pflänzlein im herrlichsten Grün; weiter oben am Fuß der Berghänge stand das Getreide schon kniehoch, vermengt mit Mohnblumen und rotblühendem Klee; und die Berge bis hinauf zu den Gipfeln zeigten den wunderbarsten Azalienschmuck. Hier und da, in der Umgebung der weitverstreuten kleinen Bauernhöfe, erhoben sich Gruppen mächtiger Weiden- und Kampferbäume mit ihren dunkelgrünen buschigen Kronen. Dickstämmige Wistarias, diese schönsten und beharrlichsten aller Schlingpflanzen, wanden sich an den Baumstämmen empor, ihre Zweige umklammerten die Zweige der Bäume, und zwischen deren Laub prangten ihre lila Blütentrauben in ungezählten, erdrückenden Massen.

Der Gesang von Drosseln erfüllte die Luft ganz so wie bei uns, und die warme Frühlingssonne beschien ein so herrliches Landschaftsbild, wie ich es in China gar nicht erwartet hätte. Ihre Strahlen spiegelten sich tausendfach in den scharf umgrenzten Wasserflächen der Reisfelder wieder und glitzerten in dem Flusse, dessen Ufer die üppigste Vegetation zeigte. In den kleinen, von wohlgepflegten Gemüsegärten umgebenen Dörfchen und Höfen, die ich auf meiner Wanderung passierte, zeigten sich nur wenige Menschen. Die ganze Bevölkerung war draußen auf den Feldern bei der Arbeit.

Pagode in Wutschang im Jangtsethale.❏GRÖSSERES BILD

Pagode in Wutschang im Jangtsethale.

❏GRÖSSERES BILD

Nach etwa zweistündigem Marsche erreichte ich ein größeres Dorf, und jenseits desselben zogen sich auf weite Strecken die ersten Theepflanzungen hin, durchwegskleine Felder mit den eigentümlichen, hagedornartigen Theesträuchern bedeckt. Man war eben an der ersten Ernte, und auf dem Wege hinauf begegnete ich zahlreichen Landleuten, welche, meinen Gruß mit freundlichem Tschin-tschin erwidernd, die frischgepflückten Blättchen in großen Körben heimtrugen, Männer, Frauen und Kinder, alle gleich gekleidet. Sie trugen ein dunkelblaues, loses Baumwollhemd mit weiten Aermeln und ebensolche Beinkleider, die bis etwas unter die Knie reichten. Die Männer hatten auf ihren mehrfach gewundenen Haarzöpfen große Strohhüte sitzen, Frauen und Mädchen aber trugen ihr üppiges schwarzes Haar sorgfältig gekämmt und mit frischen Blumen geschmückt. Hier war es auch, wo ich zum erstenmale wirklich hübsche schlankgewachsene Chinesinnen sah. Ihre Gesichter waren gebräunt und nicht wie jene ihrer Schwestern in den Städten bepudert und bemalt; ihre unteren Gliedmaßen und ihre nackten Unterarme zeigten runde pralle Formen. Paarweise trippelten sie einher, auf ihren Schultern Bambusstäbe tragend, von denen die schweren Körbe, mit Theeblättern gefüllt, herabhingen. Kamen sie an mir vorbei, so schlugen sie verschämt die Augen nieder und wandten ihre Gesichter mit verlegenem Lächeln ab. In den Pflanzungen selbst ließen sie sich durch mein Kommen nicht in ihrer Arbeit stören. Emsig streiften sie mit ihren kleinen Händchen die Blätter von den Zweigen und warfen sie in die Körbe auf ihrem Rücken. Hunderte von Mädchen, ja selbst Kinder von fünf oder sechs Jahren, waren so mit dem Einheimsen der Blätter beschäftigt, denn in einer Woche mußte die Ernte beendigt sein. Sie ist ja die beste und kostbarste der drei oder höchstens vier Ernten, welche der Theestrauch jährlich liefert. Die Blättchen sind Ende April und Anfang Mai fleischiger, wohlriechender als die nachfolgenden und zeigen eine zarte weiße Behaarung, welche wahrscheinlich der Grund war, warum man in Europa den Thee dieser Ernte irrtümlich als Blütenthee bezeichnet. Die Blüten selbst werden nicht zur Theebereitung verwendet. Sie sitzen auf den Spitzen der buschigen, etwa meterhohen Sträucher und sind weißlich, geschmack- und geruchlos. Im Herbst entwickelt sich die Frucht, eine Kapsel mit drei kleinen Bohnen, aus welchen die Sträucher gezogen werden.

Mit dem Abstreifen der frischen grünen Blätter ist die Arbeit des Theebaues nicht etwa beendet. Freilich erfordert der Theestrauch keine besondere Düngung oder Bearbeitung des Bodens; lehmiger und sandhaltiger Boden, dazu Sonnenlicht und eine hinreichende Menge Regen ist alles, was erforderlich ist. Aber dennoch hat der Theebauer den größten Teil des Jahres mit seiner Pflanzung zu thun. Aus den Samenkörnern werden zuerst Sprößlinge gezogen und diese, sobald sie einige Monate alt sind, in die Pflanzungen selbst versetzt, wo sie in langen Reihen mit etwa anderthalb Meter breiten Abständen voneinander stehen. Zwischen sie werden noch allerhand Gemüse gepflanzt. Nach dem zweiten Jahre pflegt man in manchen Gegenden (der Thee ist in dem ganzen, zwei Millionen Quadratkilometerumfassenden Stromgebiet des Jangtsekiang verbreitet) die Blätter schon zu pflücken, doch ist die Pflanze erst im sechsten Jahre ausgewachsen und liefert dann bis zu ihrem achtzehnten oder zwanzigsten Jahre zwei bis vier Ernten jährlich. Läßt man die Stauden wachsen, so erreichen sie drei bis fünf Meter Höhe; sie müssen also jährlich beschnitten werden, um das Pflücken der Blätter zu erleichtern.

Dieses Pflücken kann nur an warmen, sonnigen Tagen erfolgen, und deshalb beeilten sich die Mädchen und Kinder so sehr, als ich zwischen ihnen durch die Pflanzungen wanderte. Wie mir mein Dolmetscher erzählte, waren sie schon seit Morgengrauen an der Arbeit. Kaum gönnten sie sich Zeit, um ihren gekochten Reis und ihr Gemüse zu verzehren; dann arbeiteten sie sich wieder ihre kleinen Händchen blutig und blickten mitunter ängstlich auf, um zu sehen, ob nicht Wolken im Anzuge wären, deren Entladung ihre Ernte verderben würde. War ein Korb mit den glänzenden fleischigen Blättchen gefüllt, dann sprang wohl ein Mädchen darauf und stampfte die Blätter mit ihren nackten Füßen fester zusammen, und konnte nichts mehr hineingepreßt werden, so wurde rasch ein Bambusstock durch die Handhabe gezogen, die Last auf die Schultern gehoben, und fort gings in raschem Getrippel hinab zum Farmhause.

Unten in den verstreuten Höfen und kleinen Dörfchen sind Männer und Frauen mit der Zubereitung der Theeblätter beschäftigt, und bricht die Dämmerung an, dann eilt alles aus den Pflanzungen hinab, um bis Mitternacht die Blätter zu dörren. Ein paar Stunden Schlaf nur sind den jungen Arbeiterinnen gegönnt, dann springen sie wieder zurück in die Pflanzung, und das Tagewerk beginnt von neuem. Ihre einzigen Werkzeuge sind ihre Hände und Füße. Sobald ein Korb Blätter in die Farmhäuser gelangt, so machen sich Frauen und Kinder darüber her, um geschickt die alten und gelben Blätter daraus zu entfernen, die guten Blätter aber auf luftige Bambusgeflechte zu werfen, wo sie bald welken und weich werden, so daß sie mit der flachen Hand leicht zu rollen sind. Diese Arbeit dauert so lange, bis sich an den Blättern rötliche Flecken zeigen. Das Rollen der Blätter heißt im Chinesischen kung-fu, woraus die europäischen Handelsleute Kongu oder Kongo machten. Der als Kongo bezeichnete Thee stammt also nicht etwa vom Kongo, sondern heißt so viel als gerollter Thee.

Nun werden die Blätter in baumwollene Säckchen gestopft und diese in durchlöcherte Kisten oder Fässer geworfen. Dann springen die Arbeiter hinein und treten und kneten die Säckchen, ähnlich wie die Italiener und Spanier die Weintrauben, so lange, als aus den Oeffnungen noch der Saft der Blätter, eine klebrige, ölige Flüssigkeit, herausläuft. Auf diese Weise wird ein großer Teil des bitteren Tanningehaltes entfernt und das Gewicht der Blätter auf etwa ein Viertel verringert.

Nun sind die Blätter für das Feuern reif. Dies geschieht in manchen Gegenden von den Theebauern selbst, oder sie verkaufen die Blätter, nachdem diese einige Stundenin Körben einer leichten Gärung ausgesetzt wurden, den Händlern der großen chinesischen Theekaufleute. Diese ziehen Ende April und Anfang Mai durch die Theedistrikte und kaufen den Bauern ihre Ernten ab. Großer Grundbesitz ist in China eine Seltenheit. Jeder Bauer hat ein kleines Stückchen Land, höchstens einige Morgen groß, auf dem er seinen Thee, Reis, Getreide, Bohnen und Gemüse selbst zieht. Den Ueberschuß verkauft er an die Händler. Diese senden den Thee nach ihren Hongs oder Warenhäusern, und dort erfolgt die weitere Zubereitung. Die Blätter werden von halbnackten Chinesen auf heiße Eisenpfannen geworfen und dort unter fortwährendem Umrühren erhitzt; dann breitet man sie auf große Bambusrohrtische aus und drückt nochmals durch Kneten mit der Hand die vorhandene Feuchtigkeit aus. Dieses Erhitzen, Rollen und Trocknen wird mehrmals wiederholt, bis die Blätter vollständig gedörrt sind und eine dunkle Farbe angenommen haben. Blätter verschiedener Ernten werden in den Hongs auch gemischt; dann werden ihnen auch, um verschiedene Theesorten zu erzeugen, mancherlei wohlriechende Blüten zugesetzt, und der grüne Thee wird überdies noch einer Behandlung mit Preußischblau und Gipsmehl unterworfen, um ihm eine schönere Färbung zu geben.

Alles das ist sehr leicht niedergeschrieben, aber wir europäischen Theetrinker machen uns kaum eine Vorstellung von der unendlichen Sorgfalt und Zartheit, welche diese Zubereitungen erfordern. Wohl stehen den Zopfträgern des Reiches der Mitte jahrhundertelange Erfahrungen zu Gebote, aber doch bleibt die Theeindustrie die schwierigste aller chinesischen Industrien. Durch Generationen hat sie sich ohne irgend welche Neuerungen fortvererbt, und gerade so wie die Urgroßväter, so machen auch die Enkel ihre Theearten nach denselben Vorschriften. Indier wie Japaner verwenden praktische, vorzüglich arbeitende Maschinen, größere Länderstrecken sind durch Gesellschaften oder einzelne zu einem Betrieb vereinigt worden, und der Wettbewerb dieser beiden Länder bedroht den chinesischen Theemarkt in der empfindlichsten Weise, allein die Zopfträger sind viel zu konservativ, um sich dadurch aus ihrem alten Gleise heben zu lassen. Bei ihnen macht der Schaden nicht klug. Die Preise sind durch die Indier und Japaner so sehr herabgedrückt worden, daß es sich bei aller Sparsamkeit und Enthaltsamkeit kaum mehr lohnt, Thee zu bauen. Und hier zeigt sich eine der Eigentümlichkeiten der Chinesen, ihr negativer Geist. Statt es den anderen Völkern durch Annahme von Maschinen, durch vereinigten Betrieb, durch Arbeitsteilung gleichzuthun, leben sie einfach noch enthaltsamer und widmen ihren Produkten stets dieselbe zeitraubende und kostspielige Bearbeitung.

Ihr einziger Bundesgenosse im Kampf mit den anderen Theebauern ist die ausgezeichnete Qualität ihres Thees. Oolong, Souchong und Pekko beherrschen noch immer den Markt auf dem europäischen Kontinent, hauptsächlich in Rußland. Die genannten drei Namen sind nicht etwa solche von Städten oder Theedistrikten. Oolong heißt in der chinesischen Sprache schwarzer Drache und ist eine Artschwarzen Thees, Souchong heißt kleine Pflanze und Pekko weißer Flaum nach dem Flaum, welchen die Blätter der ersten und besten Ernte zeigen.

Hankau.

Hankau.

In Europa herrscht immer noch ziemlich allgemein die Ansicht, daß schwarzer und grüner Thee aus zwei verschiedenen Pflanzen hergestellt wird und daß besonders Indien und Ceylon die Heimat des schwarzen, China und Japan die Heimat des grünen Thees seien. Das ist ein Irrtum. Beide Sorten werden aus demselben Thee hergestellt. Grüner Thee wird einfach weniger gebrannt als schwarzer.

Aus den Händen der chinesischen Theehändler gelangt der Thee in die Hongs der europäischen Kaufleute in den großen Hafenorten, wo er für den Transport nochmals getrocknet und in Kisten, die mit Blei gefüttert sind, verpackt wird. Von den hundertzwanzig Millionen Kilo Thee, welche in der letzten Zeit jährlich aus China ausgeführt wurden, stammen etwa dreieinhalb Millionen Kilo aus Kiukiang am Jangtsekiang, gegen je zwei Millionen aus Ningpo und Tamsui, dem Haupthafen von Formosa, je eine halbe Million aus Lappa und Canton, eine Viertelmillion aus Amoy, aber der große Haupthafen des chinesischen Thees, ja die Metropole des Thees überhaupt ist immer noch Hankau, von wo jährlich über hundert Millionen Kilo nach aller Welt verschifft werden.

Den wenigsten ist Hankau, eine der wichtigsten und größten Städte des Reiches der Mitte, auch nur dem Namen nach bekannt. Es liegt tausend Kilometer den Jangtsekiang aufwärts im Herzen von China, im Mittelpunkte des größten Theedistriktes und hat wohl mit den es umlagernden Städten eine Bevölkerung von anderthalb Millionen.

Als ich meine Reise von Shanghai den gewaltigen Strom aufwärts unternahm, waren meine Mitpassagiere durchwegs nach Hankau gebucht. Die Warenballen, die auf den Docks in Shanghai verladen wurden, gingen nach Hankau, alles sprach nur von Hankau. Was Shanghai für das ganze chinesische Reich ist, das ist Hankau für das Innere desselben; Shanghai liegt am Anfang, Hankau am Ende des Dampferverkehrs auf dem chinesischen Riesenstrom. Wohl gehen heute deutsche Dampfer noch einige hundert Kilometer weiter aufwärts nach Itschang, allein für die großen transozeanischen Dampfer, die Kriegsschiffe und die zahlreichen Passagierdampfer des Jangtsekiang ist Hankau die Endstation. Die Stadt liegt am linken Ufer des großen Hanflusses, der, aus dem Hochlande von Schansi kommend, sich hier in den Jangtsekiang ergießt. Jenseits Hankau, am rechten Hanufer, liegt die alte Chinesenstadt Hanyang, und beiden gegenüber, am Südufer des Jangtsekiang, liegt die befestigte Hauptstadt der Provinz Hupei, Wutschang. Sie erinnerten mich in Bezug auf ihre Lage lebhaft an die Metropole der neuen Welt, an Neuyork mit seinen Schwesterstädten Brooklyn und Jersey City. Aber während dort eine gewaltige Brücke und Dampffähren den Verkehr herstellen, während Tausende von Dampfern und Segelschiffen den breiten Strom durchfurchen und der Verkehr ein betäubender, alles überwältigender ist, bekümmert sich in dem Städtetrio des Jangtsekiang keine Stadt um die andere. Jenseits des ungeheuren, meilenbreiten Stromes zeigen sich von Wutschang nur die Festungsmauern, hinter denen die Stadt selbst liegt, und ähnlich scheint auch der Unternehmungsgeist der Chinesen mit einer hohen, unbezwingbaren Mauer umgeben zu sein. Hanyang, einst viel bedeutender als Hankau, ist ein elendes, schmutziges Nest, in dem einige hunderttausend Zopfträger ihr freudloses Dasein fristen und das nichts von Interesse für den Fremden bietet, es sei denn der pagodengekrönte Hügel, der sich hinter der Stadt mit ihren geraden, meilenlangen Straßen auf etwa hundert Meter über den Fluß erhebt. Von dort genießt man eine herrliche Aussicht auf die beiden Ströme und die drei Städte an ihrem Zusammenfluß. Das Häusermeer von Hankau mit seinen niedrigen, unendlich einförmigen Ziegeldächern zeigt ebenfalls nur geringe Abwechselungen. Gegen Norden schließt es eine hohe Mauer von den Reisfeldern der Umgegend ab, und in der Mitte erheben sich einige citronengelbe Porzellandächer, die der Residenz des Taotais oder Distriktsgouverneurs angehören. An den Ufern der mächtigen, gelben, trüben Wasserfläche des Jangtsekiang wird das trostlose Stadtbild Hankaus von einem langgestreckten Park mit hohen Bäumen begrenzt, zwischen deren Kronen ein paar größere Häuser hervorlugen. Dort ist die europäische Konzession, die Residenz der Handvoll Europäer, die Hankau zu dem gemacht haben, was es heute ist, zur Metropole des Theehandels.

Typisches Geschäftshaus in Hankau.

Typisches Geschäftshaus in Hankau.

Und kommt man in diese kleine europäische Niederlassung, so sieht man von dem großen Geschäftsverkehr erst recht nichts. Die Häuser sind geräumige, einstöckige Villen mit breiten Veranden und Galerien im Stile der indischen Bungalows, etwa wie in den vornehmen Stadtteilen von Bombay und Singapore, umgeben von gutgepflegten Gärten. Parkanlagen trennen sie von dem steinernen Uferkai des Jangtsekiang, auf dessen Fluten nahebei ein paar Hulks liegen; sie sind die Anlegestellen für die gewaltigen schneeweißen Flußdampfer, die mich in Größe und Einrichtung ganz an die gleichen Hudson- und Mississippidampfer erinnerten. Weiter draußen im Strome liegen ein paar Ozeandampfer vor Anker. Zwischen den hübschen Privatresidenzen zeigen sich zwei Klubhäuser und zwei Kirchen, weiter gegen Osten ein Kloster, und daran schließt sich ein großer Rennplatz für die Wettrennen, welche die Handvoll Europäer sogar im Herzen von China veranstalten. Der Rennplatzist eigentlich der Boden der französischen Konzession, während die Wohnungen der Europäer, hauptsächlich Russen, Engländer und Deutsche, auf der englischen Konzession stehen. Da sich bisher aber kein Franzose in Hankau angesiedelt hat, steht dort nur das französische Konsulat. Hinter dieser eigentümlichen Europäerstadt erheben sich ein paar Theefabriken, und an diese schließt sich das schmutzige, übelriechende Straßengewirr der Chinesenstadt. Das ist Hankau.

Nach diesem Fleckchen europäischer Erde im Innern Chinas werden die ungezählten Tonnen Thee aus dem Stromgebiet des Jangtsekiang zusammengeschleppt. Sie kommen auf den Rücken von chinesischen Kulis, auf Maultieren, auf grotesken Dschunken und Booten und auf großen europäischen Dampfern. Dorthin reisen im Frühjahr die Theehändler und Tscharsiehs (Theekoster) von Europa, von Singapore und Shanghai; täglich kommen Dampfer an, täglich lichten andere ihre Anker für ferne Ziele. Während weniger Wochen in jedem Frühjahr herrscht in Hankau fieberhafte Thätigkeit. Europäische Handelsherren und ihre Agenten, Koster und Spekulanten, chinesische Compradores (Geschäftsleiter), Schroffs (Geldzähler), Kommis und Kulis arbeiten dann von früher Morgendämmerung bis in die Nacht hinein. Das geht so, wie gesagt, während einiger Wochen im Jahre, etwa von Anfang Mai bis Anfang Juni. Dann wird es wieder still in Hankau.

Warum diese Eile? Warum diese angespannte Thätigkeit während so kurzer Zeit? Die wichtigste Theeernte des Jahres tritt eben dann ein, und die einzelnen europäischen Theehäuser trachten natürlicherweise, die besten Sorten zu den niedrigsten Preisen einzukaufen. Dazu muß aber jede Kiste, jeder Sack geprüft werden, und diese Prüfung ist die wichtigste Sache des ganzen Theehandels, denn von dem Urteil des Prüfers oder Tscharsieh hängen mitunter sehr hohe Summen ab. Tausende von Kisten werden der Reihe nach von flinken Kulis geöffnet, die Farbe und Qualität der Blätter geprüft. Dann wird jeder Kiste eine Probe entnommen, aus welcher in kleinen Schälchen Thee bereitet wird.

Während draußen die Kulis lärmen und schreien, sich stoßen und drängen, Kisten öffnen und vernageln, geht es in den dämmerigen Prüfungsräumen still und feierlich her. Mit derselben Genauigkeit, mit welcher die Apotheker bei der Mischung von giftigen Arzneien verfahren, werden die einzelnen Proben abgewogen, die Schälchen gereinigt, das Kochen des Wassers und die Dauer des Ziehens auf Sekunden nach Sanduhren beobachtet, dann schlürft der Tscharsieh einen Schluck durch die Zähne in den Mund, und nach diesem einzigen Schluck fällt die Entscheidung. Ein Zögern, Nachdenken, nochmaliges Prüfen ist nicht gestattet. Nun prüft ein Tscharsieh mitunter hundertundfünfzig bis zweihundert Theesorten an einem Morgen, und man kann sich denken, welche Verantwortlichkeit auf dem heiklen Gaumen dieser Theekoster ruht!

Der größte Teil der Theemengen, welche in Hankau von den chinesischen Kaufleuten erworben werden, geht mittels Dampfer direkt oder über Shanghai nachEuropa, teilweise auch über den Stillen Ozean und die Kanadische Pacificbahn, um in Montreal oder Neuyork auf transatlantische Dampfer übergeladen zu werden. Die großen Theekaufleute Englands ziehen es vor, ihren Thee über den Stillen Ozean und Kanada nach Europa zu verschiffen, weil der Transport durch die Singaporestraße und den Indischen Ozean den Thee der Gefahr des Schwitzens, also einer Art Gärung aussetzt, die dem Geschmack der wertvollen Theeladung natürlich nicht förderlich wäre.

Die Prüfung der zweiten und dritten Theeernte, welche weniger kostbare Theesorten liefert, erfolgt gewöhnlich durch lokale Tscharsiehs in Hankau oder Shanghai.

Während des Rollens und Brennens des Thees sowie während des Transportes auf den elenden Straßen wird eine große Menge von Blättern zerbröckelt oder zu Staub zerrieben. Diese Abfälle werden sorgfältig gesammelt und in den vorerwähnten Hankauer Fabriken zur Bereitung des Ziegelthees verwendet. Bei uns ist Ziegelthee nahezu unbekannt, in Rußland und Sibirien aber gehört er neben dem Karawanenthee zu den beliebtesten Sorten. Die steinharten Täfelchen des Ziegelthees werden in Sibirien, wo es zuweilen im Geldverkehr an kleinen Münzen fehlt, sogar an deren Stelle ausgegeben und ziemlich allgemein als Zahlung angenommen.

In den großen, dunklen, staub- und dampferfüllten Räumen der Fabriken stehen zahllose Fässer mit feinem Theestaub oder Blätterabfällen, welche sorgfältig zerkleinert und durch Siebe geschüttelt werden. Hunderte von halbnackten, schweißtriefenden Kulis, den langen Scheitelzopf um ihre kahl rasierten Schädel gewunden, wiegen dieses gelbliche Theemehl in Partien von je einem Kilogramm und füllen damit kleine Säckchen aus Baumwollstoff, andere werfen diese Säckchen in große durchlöcherte Metallcylinder, wo sie mit heißem Dampf durchtränkt werden. Von Zeit zu Zeit beugt ein Chinese seinen Oberkörper über den dampferfüllten Cylinder, holt die Theesäckchen wieder heraus und trägt sie zu der Preßmaschine, wo sie in ziegelartige Formen gepreßt werden. Unter diesen Preßmaschinen darf man sich aber nicht etwa solche aus Eisen und Stahl vorstellen, wie sie bei uns in Verwendung stehen. Ein langer Bambusstamm ist mit einem Ende in einem Scharnier befestigt; nahe diesem trägt er an der unteren Seite einen in die Ziegelform genau passenden Stempel. Ist die Form mit einem Theesäckchen gefüllt, so springt ein Chinese mit seinem vollen Körpergewicht auf das andere Ende des Bambusstammes, und während dieses sich senkt, legen sich noch ein paar andere Kulis darüber. Dann wird der Bambusstamm wieder gehoben, der steinhart gepreßte Theeziegel herausgenommen und ein anderes Theesäckchen in die Form geworfen. Die fertigen Ziegel, etwa von der Form und Größe unserer gewöhnlichen Dachziegel, nur von nahezu schwarzer Farbe, werden noch getrocknet, in Papier geschlagen und sind nun zum Transport durch die Karawane fertig.

In Europa wird ziemlich allgemein angenommen, daß der Karawanenthee wirklich auf Kamelrücken den viele tausend Kilometer weiten Weg nach Rußland zurücklegt. Das ist aber ein Irrtum. Von der ganzen ungeheuren Strecke wird nur ein verhältnismäßig kleiner Teil wirklich auf Kamelrücken zurückgelegt. Der gesamte produzierte Ziegelthee wird zunächst den Jangtsekiang abwärts nach Shanghai verschifft. Von dort geht ein kleiner Teil zu Schiff nach Tientsin und Peking, wird dort auf Kamele verladen und von diesen karawanenweise quer durch die Mongolei nach Kiachta in Sibirien gebracht. Von dort gehen die Ladungen zu Wasser nach Irkutsk am Baikalsee. Die größte Menge des Karawanenthees wird von Shanghai nach Nikolajewsk an der Mündung des Amur in das Ochotskische Meer verschifft und dort auf die Amurdampfer verladen, unter denen sich auch einige deutsche Dampfer befinden. Diese bringen den Thee den Amur und Schilka aufwärts nach Strjetensk. Von hier aus übernehmen Karawanen den weiteren Transport landeinwärts über Tschita nach Werchne-Udinsk am Selengafluß, von wo wieder Dampferverbindung mit Irkutsk jenseits des Baikalsees besteht. Erst hier beginnt der eigentliche Karawanentransport quer durch Sibirien nach Tomsk. Dort wird der Thee wieder auf Dampfer verladen, die ihn über Tobolsk nach Tjumen führen, von wo die Eisenbahnlinie über Jekaterinenburg nach Perm benützt wird. Dann geht er in Dampfern die Kama abwärts, die Wolga aufwärts nach Nischni-Nowgorod und von da mittels Eisenbahn endlich nach Moskau.

Wie kann sich denn der verwickelte Transport von so wohlfeilen Theesorten über so ungeheure Strecken überhaupt lohnen? Warum werden gerade die besseren Theesorten durch Dampfer von Hankau direkt nach Odessa gesandt und nicht die wohlfeileren? Der Seetransport von Hankau nach Odessa ist ja unverhältnismäßig billiger als der Landweg nach Sibirien. Der Grund liegt in den russischen Einfuhrzöllen. In Odessa beträgt er gerade das Doppelte von jenem an der Amurmündung, und so kommt es, daß der Thee trotz der größeren Transportkosten auf dem Landweg in Moskau selbst immer noch billiger ist, als würde er über Odessa kommen. Auf dem letzteren Wege kommt das Kilogramm Thee einschließlich Transport und Zoll auf etwa drei Mark, auf dem Land- oder Karawanenwege nur auf zweieinhalb Mark zu stehen. Darin liegt der eigentliche Grund des Karawanentransportes, und die herrschenden Ansichten über die Güte des Karawanenthees, eben weil er zu Land befördert wurde, gehören in das Reich der Fabel. Nur ein kleiner Teil der besten Theesorten wird durch Karawanen nach Rußland befördert. Die Hauptmenge kommt zu Wasser nach Europa.


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