Jimmu Tenno, der Stammvater des japanischen Herrscherhauses.Der Kaiser von Japan und sein Hof.
Jimmu Tenno, der Stammvater des japanischen Herrscherhauses.
Jimmu Tenno, der Stammvater des japanischen Herrscherhauses.
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Mit dem alten Japanerreich stand in den letzten beiden Jahrzehnten auch Mutsu Hito, der Beherrscher desselben, im Vordergrunde des Interesses. Der Sturz des Schogunats, die Wiedereinsetzung der alten Kaiserdynastie an die Spitze der Regierung, die Einführung europäischer Kultur, die Errichtung einer modernen Armee und Flotte, die Konstitution, mit einem Worte, die ganze wunderbare, in der Geschichte beispiellos dastehende Verwandlung Japans aus einem alten despotischen Feudalstaate in ein modernes Reich mit westlicher Zivilisation wird in Europa ziemlich allgemein der eigensten Initiative des japanischen Herrschers zugeschrieben. Wäre dies richtig, so müßte Mutsu Hito nicht nur als der weitaus bedeutendste der hundertzweiundzwanzig Kaiser seiner Dynastie sein, er wäre auch eine der bedeutendsten Erscheinungen der ganzen Geschichte, und es ist deshalb wohl begründet, sich mit dieser Erscheinung näher zu befassen. Schon der Umstand allein, daß er als der hundertdreiundzwanzigste seiner Familie auf dem gleichen Throne sitzt und daß sein Stammbaum bis auf das Jahr 660 v. Chr., also auf über 2600 Jahre zurückreicht, macht ihn zu einer interessanten Persönlichkeit. Ihm gegenübergestellt wären ja die Häupter unserer ältesten Herrscherfamilien Europas geradezu Parvenus, denn ihr Stammbaum reicht höchstens auf tausend Jahre zurück.
Bronzebuddhas im Asakusapark zu Tokio.❏GRÖSSERES BILD
Bronzebuddhas im Asakusapark zu Tokio.
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Bei näherer Betrachtung gestaltet sich die Sache freilich etwas anders. In Japan nahm man es mit der Thronfolge lange nicht so genau wie in den europäischen Herrscherfamilien. Der Thronfolger wurde nach Belieben aus der Menge der mit Konkubinen gezeugten Söhne auserwählt, zuweilen wurden Frauen auf den Kaiserthron gesetzt, ja es wurden häufig Söhne aus anderen dem Throne nahestehenden Adelsfamilien von verschiedenen Kaisern adoptiert und zu Thronfolgern gemacht.Eine direkte Thronfolge vom Vater auf den Sohn kam in der japanischen Geschichte nur selten vor. In den ersten Jahrhunderten der Dynastie, welche Jimmu Tenno, den Sohn des Himmels, als ihren Stammvater nennt, waren die Kaiser auch thatsächlich Herrscher; später gelangten Familien aus der nächsten Umgebung der Kaiserfamilie zu Einfluß und Macht, sie rissen allmählich die ganze Regierung an sich, und die Kaiser selbst waren kaum viel mehr als willenlose Puppen, die von den wirklichen Regenten nach Belieben gewöhnlich als Kinder auf den Thron gesetzt und wieder verjagt wurden, sobald sie das Mannesalter erreicht und den Usurpatoren gefährlich werden konnten. So waren beispielsweise unter dem Mikado Go-Nijo (1302–1308) nicht weniger als fünf Mikados gleichzeitig am Leben; nämlich er selbst, der von seinem siebzehnten bis zum dreiundzwanzigsten Jahre auf dem Throne saß; dann seine vier Vorgänger: Go-Fukakusa, der schon in seinem vierten Jahre Kaiser wurde und in seinem siebzehnten abdankte, d. h. abdanken mußte; dann Kameyama, Kaiser von seinem elften bis zum sechsundzwanzigsten Jahre; Go-Uda, Kaiser von seinem achten bis zum einundzwanzigsten Jahre, und der fünfte Kaiser, Fuschimi, schien den Ministern gar nicht zu passen, denn in seinem dreiundzwanzigsten Lebensjahre zum Kaiser gemacht, mußte er schon in demselben Jahre abdanken. Wie man sieht, wechselte man im alten Japan die Kaiser ähnlich wie heute in manchen europäischen Staaten die Minister. Nur war das Verhältnis umgekehrt. Nicht der Hund wedelte den Schwanz, der Schwanz wedelte den Hund.
Als die letzte Schogunfamilie, die berühmten Tokugawa, die Macht in den Händen hatte, wurde den Kaisern wohl alle Achtung und Verehrung zu teil, die ihnen gebührte, allein von der Regierung waren sie vollständig ausgeschlossen, ja sie waren kaum besser als Gefangene, die nicht einmal, wie das Sprichwort sagt, einen goldenen Käfig hatten. Dank der kaiserlichen Gnade war es mir gestattet, in der früheren Hauptstadt des Reiches, in Kioto, die Paläste zu besichtigen, die den Vorgängern des Kaisers und in seinen jungen Jahren auch noch dem regierenden Kaiser als Wohnung angewiesen waren. In den weitläufigen, einförmigen Holzgebäuden mit ihren breiten Veranden und papierenen Zimmerwänden sah ich noch viel weniger Pracht als in dem Palaste ihrer Unterthanen, der Schogune. Dort wohnten und lebten die Kaiser vollständig abgeschlossen von der Außenwelt, vollständig unsichtbar und in gänzlicher Unkenntnis der Größe und Eigenart ihres Reiches. Nur in den seltensten Fällen kamen sie über die Palastmauern heraus, und auch das nur in fest verschlossenen und verhängten Wagen. Von ihrem Regierungsantritte bis zu ihrem Tode bildeten ihre Frauen und ihre Hofhaltung den einzigen Verkehr. Nur die Kuge und die Daimios, also der höchste Adel des Landes, wurden in seltenen Fällen in den Thronsaal zugelassen, um dem Sohne des Himmels ihre Glückwünsche darzubringen oder ihre Ehrfurcht zu bezeugen. Sie lagen an einem Ende des Saales auf den Knieen, mit dem Gesichte auf dem Boden, während der Kaiser aufdem Throne am anderen Ende des Saales saß. Und welcher Thron! Ein Zelt von der Größe und dem beiläufigen Aussehen unserer kleinsten Feldzelte, aus weißem Seidenstoff angefertigt. Im Innern desselben liegt auf dem Holzboden eine Matratze, und auf dieser saß der Kaiser mit verschränkten Beinen. Während der Audienz wurde auch noch ein dichter Vorhang herabgelassen, damit kein Sterblicher das geheiligte Antlitz des Sohnes des Himmels erblicke.
Auch noch der regierende Kaiser empfing seine Fürsten auf diese Weise, und wer vor einem Vierteljahrhundert gesagt hätte, derselbe Kaiser würde auf einer Landesausstellung in Tokio angesichts vieler Tausende seiner Unterthanen selbst die Preise verteilen, mit der Kaiserin an seiner Seite ein neugeschaffenes Parlament eröffnen oder in seinem modernen europäischen Palaste Diners und Garden parties geben, der wäre in Japan als verrückt eingesperrt worden.
Die Sache erscheint in der That unglaublich und liest sich wie ein phantastisches japanisches Märchen. Am unglaublichsten aber erscheint es, daß Kaiser Mutsu Hito, der bis zu seinem sechzehnten Lebensjahre nur wenige fremde Menschen zu Gesicht bekommen hat, der in seinem siebzehnten Jahre zum erstenmal seinen Palast verließ, zum erstenmal grüne Reisfelder und bewaldete Berge, Dörfer und Städte mit seinen eigenen Augen gesehen hat, daß dieser Kaiser einige Jahre später bereits eine Armee nach europäischem Muster schuf, europäische Kultur und Kleidung für seine Unterthanen dekretierte und 1889 sogar seinem Lande eine Konstitution nach europäischem Muster gab.
Mutsu Hito, Kaiser von Japan.Haruko, Kaiserin von Japan.
Mutsu Hito, Kaiser von Japan.
Mutsu Hito, Kaiser von Japan.
Haruko, Kaiserin von Japan.
Haruko, Kaiserin von Japan.
Alle diese Errungenschaften werden in Europa ziemlich allgemein der persönlichen Thatkraft und Einsicht des Kaisers zugeschrieben, aber mit wie wenig Recht, kann man bei einigem Nachdenken schon aus dem Gesagten erkennen. Zu den herrschenden irrtümlichen Ansichten haben wohl die Begriffe beigetragen, die wir Europäer von unseren Herrschern haben. In Europa sind die letzteren Persönlichkeiten mit ausgesprochener Individualität, in Japan aber ist der Mikado, wie Chamberlain ganz richtig sagt, einfach der Kaiser. Er hat nicht einmal einen Namen, der von seinen Unterthanen ausgesprochen werden darf. Nach seinem Tode wird er unter dem Namen Meji, d. h. Aufklärung, bekannt sein, den er seiner Regierungszeit gegeben hat. Alle Verordnungen, alle Maßnahmen, Neuerungen werden allerdings vom Kaiser dekretiert, allein er ist keineswegs auch der Schöpfer derselben. Es wäre ja auch ganz unmöglich, daß der Kaiser, der beispielsweise in seinem Leben noch niemals das offene Meer gesehen hat und niemals auf einem Schiffe war, eine Kriegsflotte nach europäischem Muster aus eigenem Antrieb schaffen sollte; oder daß er, der niemals einen anderen Soldaten gesehen als etwa die Samurai (Zweischwertermänner) seiner Eskorte auf der Reise nach Tokio, deutsche Stabsoffiziere nach Japan berufen sollte, um seine moderne Armee Taktik und Strategie zu lehren. Aber ein großes Verdienst um sein Land und Volk, gleichzeitig auch umden Triumph unserer europäischen Kultur hat sich der Kaiser unzweifelhaft erworben: das, thatkräftige, kluge, weitsehende Männer seiner Umgebung gewähren zu lassen, ihnen Vertrauen zu schenken und sie auf ihren Posten selbst dann noch zu belassen, als sie seine kaiserlichen Vorrechte beschnitten, ja ihn veranlaßten, von seiner Gottähnlichkeit herabzusteigen unter die Menschen und selbst Mensch zu werden. Dazu gehört viel Seelengröße, viel Einsicht und Klugheit, Eigenschaften, die bei orientalischen Herrschern bei ähnlichen Anlässen nur äußerst selten zu finden sind. Statt wie es sonst zu geschehen pflegt, dem Strome der öffentlichen Meinung nachzugeben, ist er als erster mit seinem Beispiel vorangegangen, er hat befohlen und hat als erster diesen Befehlen Folge geleistet. Wo der Kaiser sich der Notwendigkeit beugt und die tausendjährige eigenartige Kultur seines Landes opfert, um neue, ihm und seinem Volke durchaus fremde, anfänglich unsympathische europäische Kulturfesseln anzulegen, da mußten seine Unterthanen ihm folgen. Die Gebildeten und Klugen der letzteren thaten dies aus eigener Ueberzeugung, die weitaus größte Masse gehorchte eben dem Gebote ihres Kaisers, gegen den von alters her ein Widerstand, eine Auflehnung undenkbar ist. Nur diese allgewaltige Autorität, diese halbgöttliche Stellung, welche der Kaiser aus der früheren Zeit mit hinübernahm bis zur Einführung der konstitutionellen Verfassung, konnte die ungeheuren Umwälzungen möglich machen, welche die Männer der Regierung beschlossen hatten. Wie in Deutschland und Italien, so muß man in dem neugeeinigten Japan neben dem Herrscher auch diese seine Ratgeber nennen, vor allen anderen Graf Ito, den Bismarck von Japan,dann Yamagata, Inouye, Yamada, Aoki, die beiden Saigo, Kuroda, Mutsu, Oyama, Okubo, Yoshida und Terashima. Sie sind die eigentlichen Schöpfer des neuen, ich möchte sagen abendländischen Japan, Männer, beseelt von glühender Vaterlandsliebe und Loyalität, dabei durch und durch ehrenhaft und selbstlos. Nicht sich wollten sie heben, sondern nur ihr Vaterland. Glücklich ein Land, das solche Männer hat!
Der Kaiser wurde am 3. November 1852 geboren und gelangte nach dem Tode seines Vaters am 13. Februar 1866 auf den Thron. Zwei Jahre später, am 9. Februar 1868, vermählte er sich mit Haruko, der dritten Tochter des Kuge (Fürsten) Ichijo Tadaka, am 28. Mai 1850 geboren, somit um zwei Jahre älter als der Kaiser. Am 15. April 1868 verließ das Kaiserpaar die alte Hauptstadt Japans, um die Residenz nach Yeddo zu verlegen, das bald darauf in Tokio, d. h. östliche Hauptstadt, umgetauft wurde. Als der bekannte amerikanische Staatsmann Seward auf einer Reise um die Welt 1871 Japan besuchte, empfing ihn der Kaiser noch in der altjapanischen Kaisertracht, die keineswegs als schön bezeichnet werden konnte: lange, steife Seidengewänder, die den Körper mit Ausnahme der Hände vollständig verhüllten, und auf dem Kopfe eine eigentümliche, schwarze Roßhaarkappe mit einem linealförmigen Aufsatz, der sich von der hinteren Seite der letzteren vertikal etwa einen halben Meter über das Haupt erhob. Der Kaiser sprach kein Wort und würdigte Seward überhaupt mit keinem Blicke. Seine Fragen und Bemerkungen waren auf einzeln bereitgehaltenen Papierbogen niedergeschrieben, die ein Hofbeamter dem Kaiser unterbreitete und dann ablas. Damit war die Audienz beendet.
Einige Monate später vertauschte der Kaiser das traditionelle japanische Kaisergewand mit einer militärischen Uniform nach französischem Schnitt, und seither hat er sich niemals mehr öffentlich in japanischen Gewändern gezeigt. Auf kaiserlichen Befehl mußte der ganze Hof moderne europäische Kleider anlegen, und von der Kaiserin herab bis zum letzten Hofbediensteten darf bei Hof seither niemand mehr in der angestammten Landestracht erscheinen. Mit einem Federzug wurde dem alten Japan, wenigstens den Aeußerlichkeiten nach, ein Ende bereitet.
Ueberhaupt stürzte man sich mit wahrem Feuereifer auf die Umgestaltung des ganzen Hofes, der Regierungsmaschine, ja selbst der Hauptstadt nach europäischen Vorbildern. Prinz Komatsu verweilte während mehrerer Jahre in den Hauptstädten Europas, um die Verhältnisse an den dortigen Höfen zu studieren; der Hofmarschall Sannomiya Yoshitane wurde an den Kaiserhof in Wien gesandt, um bei dem dortigen Oberhofmeisteramte das ganze altspanische Zeremoniell in allen seinen Einzelheiten kennen zu lernen, und nach Japan zurückgekehrt, wurde er damit betraut, dieselben nicht etwa ins Japanische zu übertragen, beziehungsweise den Verhältnissen in Tokio anzupassen, sondern ganz genau so wie in Wien einzuführen. Nicht der Schuh wurde geändert, um für den Fuß zu passen, der Fuß wurde in den schlechtsitzenden Schuh gezwängt.
Damit verlor aber der japanische Kaiserhof seinen eigentümlichen hohen Reiz, seinen ganzen Charakter und die Romantik, die ihn seit so langer Zeit umschwebt hat. So sehr man die Japaner zu ihren Unternehmungen der letzten Jahrzehnte beglückwünschen muß, von allen Europäern und Amerikanern, ja gewiß auch von der Mehrzahl der Japaner selbst wird das Aufgeben der Nationaltracht verdammt. Die alte Kaiserinwitwe beharrte bis auf den heutigen Tag fest an der angestammten Kleidung und mit ihr ein großes Kontingent Japaner der höchsten Stände. Bei allen Gelegenheiten, ausgenommen bei Hoffestlichkeiten, legen sie mit Vorliebe die reizenden, faltenreichen Gewänder an, die sie in ihrer Jugend getragen, denn sie wissen wohl, daß sie ihren sprichwörtlichen Liebreiz, ihre unsagbare Anmut nur in diesen Gewändern besitzen. Hoffentlich ist es zur Rückkehr zu den alten Trachten nicht zu spät, hoffentlich werden die japanischen Machthaber, welche in anderen Dingen so bewunderswerte Weisheit und Diskretion gezeigt haben, die Unzweckmäßigkeit dieser Toilettenreform noch einsehen und die europäischen Modefesseln, die sie ihren eigenen Landsleuten angelegt haben, selbst sprengen. Die europäischen Moden haben nämlich in Japan bei weitem nicht den Eingang gefunden, den man in Europa ziemlich allgemein annimmt. Nur diejenigen, welche durch ihre Stellung bei Hofe oder bei den Regierungsbehörden dazu gezwungen sind, tragen europäische Kleider. Dazu kommen vielleicht noch Mitglieder aristokratischer Familien, Studenten und Modenarren, welche Europa bereist haben. Alles in allem genommen, dürften sie aber bei einer Gesamtbevölkerung von 41 Millionen nicht viel mehr als den vierhundertsten Teil ausmachen. Ich besuchte eine Reihe von Städten, wo ich keinen einzigen europäisch gekleideten Japaner antraf, ja es giebt in Japan noch zahlreiche Ortschaften, wo man einen solchen überhaupt noch niemals gesehen hat.
Selbst dem Kaiser scheint die den Japanern ziemlich willkürlich aufgepfropfte Europäermode unsympathisch zu sein, denn sobald er seine staatlichen Funktionen beendigt hat, zieht er den Europäer aus und den Japaner an. Bei Audienzen, Festlichkeiten und Ausfahrten trägt er gewöhnlich die Uniform eines japanischen Generals, die ihm viel besser steht als so manchem seiner Offiziere.
Bei einer Privataudienz, zu der ich die Ehre hatte befohlen zu werden, hatte ich die gewünschte Gelegenheit, den Kaiser eine Zeit lang in nächster Nähe zu sehen. Das ganze mit der Audienz verbundene Zeremoniell erinnerte mich lebhaft an jenes bei großen europäischen Höfen. Am Eingang zum Palast wurde ich durch Kammerherren empfangen, die europäische Uniform mit Degen und Federhut trugen. Die Dienerschaft war in europäischer Livree, dunkelblauem Frack mit gelben Aufschlägen, welche das kaiserliche Wappen, die sechzehnblätterige Chrysanthemumblüte, eingestickt zeigen, roten Westen, dunkelblauen Kniehosen und weißen Strümpfen. Ich kann nicht sagen, daß diese Livree den kleinen, dunkelhäutigen, schlitzäugigen Japanernmit ihrem struppigen Haar besonders gut stand. Dafür zeigten sich die Kammerherren, dann der Zeremonienmeister und Hofmarschall Sannomiya, denen ich nun vorgestellt wurde, als vollendete europäische Gentlemen. Ihrem Typus, Auftreten und Benehmen nach hätte ich sie für Spanier oder Italiener gehalten, wenn ich ihnen irgendwo in Europa begegnet wäre. Sie sprachen mit fließender Leichtigkeit französisch, englisch und deutsch, und ganz besondere Gewandtheit zeigte der Adoptivsohn des Grafen Ito, der einige Jahre in Halberstadt die Schulen besucht hat. Der hochgebildete junge Mann, ein vollendeter Aristokrat, geht einer ähnlich glänzenden Carriere entgegen wie sein berühmter Vater, einer der Schöpfer des modernen Japan.
Der Saal, in dem wir uns befanden, war ganz europäisch möbliert. Auf einem Tische lagen vier Einschreibebücher für die beiden Majestäten, je eines für Europäer und Japaner.
Nach etwa halbstündigem Warten wurde ich durch lange hohe Korridore in den Audienzsaal geführt, wo gewöhnlich fremde Gesandte ihre Antrittsaudienz haben und ihre Beglaubigungsschreiben überreichen. Mit Ausnahme des herrlichen kassetierten Plafonds, mit Malereien und einem kleinen Thronstuhl in der Mitte, zeigte dieser Saal keinerlei Schmuck, auch keine Möbel. Ueber den spiegelglatten Parkettboden war ein moderner Teppich gebreitet. Zur Linken führte eine Thüre mit großen Spiegelscheiben auf einen Korridor, welcher den Audienzsaal mit den Privatgemächern des Kaisers verband; die Thüre zur Rechten führte nach dem großen Thronsaal.
Auf der Seite, welche wir einnahmen, öffnete sich der Audienzsaal auf einen wunderbar schönen Garten mit Fontänen, felsigen Wasserbecken und Grasmatten, welche durch Gruppen von bronzenen Störchen geschmückt wurden. Dieselben waren weiß übermalt und zeigten so natürliche Stellungen, daß ich sie im ersten Augenblick für lebende Störche hielt.
Ob dem Kaiser ein Zeremonienmeister voranschritt, ob er angemeldet wurde, wüßte ich nicht zu sagen. Er stand plötzlich vor mir. Ich kann es nicht verhehlen, daß ich im ersten Augenblick befangen, überwältigt war. Keine Persönlichkeit der Gegenwart hat eine so wunderbare Geschichte, keine kann auf eine so lange Reihe von Ahnen zurückblicken, die in das graue Altertum hinaufreicht, sechshundert Jahre vor Christi Geburt! Ich befand mich vor dem Inhaber eines Thrones, auf welchem hunderteinundzwanzig seiner Vorfahren gesessen haben und deren Stammvater seine Gewalt von den Göttern selbst empfangen haben soll.
Der Kaiser ist für einen Japaner ein großer, stattlicher, hochaufgerichteter Mann, mit fahlem gelblichen Gesichte, aus welchem große, schwarze, stechende Augen blicken; das Kopfhaar ist länger, als es die Japaner zu tragen pflegen, dicht und struppig; die Nase ist fleischig, Schnurr- und Vollbart sind dünn, mit langen, steifen Haaren; die Thränendrüsen treten auffallend stark hervor. Man kann nicht behaupten, der Kaiser sei ein schöner Mann, allein das wenig ansprechende Aeußere wird durchseinen hoheitsvollen Ausdruck und eine gewisse Unnahbarkeit, die sein Wesen zeigt, aufgewogen. Unter den vielen Tausenden von Japanern, denen ich auf monatelangen Reisen in dem Inselreiche begegnet bin, habe ich keinen von interessanterem, charakteristischerem Aussehen gefunden, und wenn man sich vor Augen hält, daß der Kaiser der Repräsentant einer Familie ist, die seit zweieinhalb Jahrtausenden nicht über einen enggezogenen Kreis herausgekommen ist, so muß man in ihm den reinsten Typus des Japaners sehen.
Der Kaiser trug eine Uniform, die jener der französischen Artillerieoffiziere ähnelt, aus schwarzem Tuch mit ebensolchen Seidenborten. Auf der rechten Brust prangte der Stern seines Chrysanthemumordens und zwei kleinere Ritterkreuze. Nachdem ich durch den Zeremonienmeister vorgestellt worden war, richtete der Kaiser mehrere Fragen an mich, die sich auf meine Reisen, hauptsächlich auf jene nach Korea, bezogen. Er sprach japanisch, mit leiser Stimme, und seine Worte wurden von einem Dolmetscher ins Französische übertragen. Meine Antworten und Ausführungen wurden dem Kaiser wieder japanisch mitgeteilt, der jeden Satz mit heftig ausgestoßenem „hei, hei”, etwa „ja, ja” oder „ich begreife” beantwortete. Während der ganzen Unterredung blickte der Kaiser niemandem in die Augen; er hielt sich steif und unbeweglich wie eine Statue und reichte auch beim Abschiede niemandem die Hand.
Unter den vorgeschriebenen drei Verbeugungen entfernten wir uns nun, rückwärts schreitend, aus dem Saale. Im Korridor teilte mir Hofmarschall Sannomiya mit, der Kaiser hätte ihm aus eigenem Antriebe Befehl gegeben, mir die Räumlichkeiten des Palastes zu zeigen. Geführt von diesem äußerst liebenswürdigen, weltmännisch gebildeten Würdenträger nahm ich nun während der folgenden Stunde die Palasträume in Augenschein, und es hätte gewiß noch viel längerer Zeit bedurft, um die prachtvollen Kunstwerke der Japaner, die hier die Säle schmücken, nach Gebühr zu bewundern.
Die Empfangsräume zeigen eine äußerst glückliche Verbindung zwischen europäischem und japanischem Stil; der Palast selbst besteht aus einer Reihe ebenerdiger, aneinanderstoßender Gebäude, deren jedes sein eigenes Dach, seine eigenen Veranden und Korridore besitzt und nur je einen großen Saal enthält. Alle diese Gebäude sind aus Holz aufgeführt, aber statt der verschiebbaren Papierwände, welche die japanischen Wohnhäuser besitzen, zeigen die Säle feste Wände, mit den herrlichsten Seidenbrokaten bekleidet; die Plafonds sind gerade so wie jene der Kaiserpaläste in Kioto kassetiert und mit Vergoldungen und Malereien geschmückt.
Die ersten Räume, die wir besuchten, waren drei Speisesäle von verschiedener Größe, ganz so eingerichtet wie jene in europäischen Palästen. In dem größten dieser Säle, für mehrere hundert Personen Raum bietend, werden dreimal jährlich große Tiffins d. h. Dejeuners gegeben, die aber nicht, wie es in manchen Büchern zu lesen ist, stets in europäischer Weise aufgetragen werden, sondern den daran teilnehmendenDiplomaten zuweilen durch ihre japanischen Eigentümlichkeiten recht unbequem sind. Auf einer kürzeren, an die Privatgemächer des Kaisers stoßenden Seite steht eine kürzere Tafel, von welcher drei längere Tafeln der Länge nach durch den Saal laufen. An der kürzeren Tafel sitzt der Kaiser, während an den langen Tafeln, aber immer nur auf einer Seite, das diplomatische Korps, die Minister und Generale Platz nehmen, so daß sie kein Gegenüber haben. Die Mahlzeiten finden um elf Uhr morgens statt; Teller, Gläser und dergleichen sind nach europäischen Mustern und zeigen an den Rändern die Wappenblume des Kaisers; an Stelle der Bestecke liegen jedoch japanische Eßstäbchen, mit denen sich so mancher Diplomat vergeblich abmüht, ein Stückchen Speise zu erwischen.
An einem kleinen Nebentischchen in der Nähe des Kaisers sitzt ganz allein der geistliche Chef des kaiserlichen Hauses, der Leiter der religiösen Shintozeremonien und des kaiserlichen Ahnenkultus, gewöhnlich ein Prinz der Kaiserfamilie. In der letzten Zeit lag diese Würde in den Händen des Prinzen Takuhito, aus dem Hause Arisugawa no-miya. Bei Besuchen europäischer Prinzen wie z. B. des Zarewitsch oder des österreichischen Thronerben im Jahre 1893 finden derlei Mahlzeiten gewöhnlich in einem der kleineren Speisesäle statt.
Der große Gesellschaftssaal nahebei ist ganz im europäischen Stil eingerichtet und enthält fast ausschließlich deutsche Möbel. In der Mitte des Saales befinden sich zwei runde Divans, über welchen sich auf Holzpiedestalen zwei große Bronzen Augsburger Fabrikats erheben, Kämpfe von reitenden Figuren mit Löwen und Bären darstellend. In den Ecken stehen europäische Sofas mit kleinen Tischchen davor, zwischen den Fenstern Sèvresvasen und französische Bronzen. Sie würden überall, nur nicht im japanischen Kaiserpalaste zur Bewunderung einladen. Ein vollständig neuer Zweig der japanischen Kunstindustrie, der mir bisher unbekannt war, wird durch zwei Wandgobelins nach französischem Muster repräsentiert. Die Japaner haben die Gobelinmanufaktur in Frankreich vor mehreren Jahren erlernt, und die beiden im Kaiserpalaste aufgehängten Prachtstücke zeigen, wie weit es die Japaner auch darin in der kürzesten Zeit gebracht haben. Weniger schön ist der anstoßende Musiksaal eingerichtet, und die schweren Brokatvorhänge an den hohen Fenstern, die Brokatbekleidung der Wände, die Teppiche auf dem Parkettboden, die vielen Divans sind auch nicht dazu angethan, die Bestimmung dieses Saales zu fördern. In einer Ecke steht ein großer Konzertflügel. Die schönen Vasen, Bronzen und Emailgegenstände, darunter ein wunderbar emaillierter Hahn in natürlicher Größe, stehen merkwürdigerweise auf deutschen Sockeln billigster Arbeit, plump in der Form, schlecht lackiert und vergoldet. Warum man an ihrer Stelle nicht solche japanischen Ursprunges mit dem schönen Gold- oder Rotlack verwendet hat?
Die Löwenstraße in Kioto.❏GRÖSSERES BILD
Die Löwenstraße in Kioto.
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Am imposantesten von allen Räumen des Palastes ist der große Thronsaal, den wir nun betreten, ein gewaltig großer hoher Raum, dessen Wand- und Deckenschmuckein wahrer Triumph der japanischen Kunstindustrie ist. Von der Decke hängen zwei Glaslüster mit unzähligen elektrischen Lämpchen, die aber selten angezündet werden, da man sich in dem hölzernen Gebäude sehr vor Schadenfeuern fürchtet. Deshalb giebt es in dem Palaste auch keine Kamine, und die im Winter recht notwendige Erwärmung wird durch Luftheizung besorgt. Auf einer niedrigen, teppichbedeckten Estrade an einer Langseite des Saales stehen zwei gleich große, in Deutschland angefertigte Thronstühle für die beiden Majestäten unter einem hohen faltenreichen Sammetbaldachin. An Stelle der Kronen, welche in europäischen Herrscherpalästen Baldachin und Thronstühle schmücken, sind hier überall sechzehnblätterige goldene Chrysanthemumblüten, sowie drei Blätter und drei Blüten der Kiripflanze (Paulownia Imperialis) verwendet. Während die ersteren das Staatswappen bilden, ist die letztere seit undenklichen Zeiten das Familienwappen der Mikados von Japan. Obschon sonst die europäischen Höfe in allen Dingen genau nachgeahmt worden sind, hat man doch, ich möchte sagen glücklicherweise, vor den erhabensten Insignien des europäischen Herrschertums, Krone, Szepter und Reichsapfel, Halt gemacht. Es giebt in Japan keine Krone, ebensowenig wie in China und Korea. Erst die Herrscher der an China grenzenden hinterindischen Reiche, dann jene Zentralasiens tragen Kronen. Die größte Sammlung der letzteren habe ich im Kreml zu Moskau gesehen, die schönsten und kostbarsten jedoch in der Hauptstadt von Siam. Die Insignien der japanischen Kaiserwürde sind auch in der neuen Aera dieselben geblieben, die sie in früheren Zeiten waren, das heilige Schwert des Mikado Uda aus dem neunten Jahrhundert und der heilige Spiegel, das Sinnbild der Tonno. Der letztere wurde dem Stammvater der Kaiserdynastie von seiner Mutter, der Sonnengöttin, mit auf die Erde gegeben, und seit jener Zeit blieb dieses kostbare Kleinod in dem Besitz der Familie.
Das japanische Staatswappen.Das Familienwappen des Kaisers von Japan.
Das japanische Staatswappen.
Das japanische Staatswappen.
Das Familienwappen des Kaisers von Japan.
Das Familienwappen des Kaisers von Japan.
In dem Thronsaale finden am Neujahrstage, am Geburtstage des Kaisers und bei außergewöhnlichen Anlässen große Empfänge statt. Die Majestäten stehen auf der Estrade vor den Thronen, rechts von ihnen neben der Estrade die kaiserlichen Prinzen, links die Prinzessinnen; die Gesandten, Minister, Generale und sonstigen hohen Würdenträger defilieren in der in Europa, vornehmlich am spanischen Königshofe üblichen Weise, während das kaiserliche Musikkorps die Mikadohymne spielt, dieselbe Hymne, die Japan schon vor dem Sturz des römischen Reiches und vor der Regierungszeit Karls des Großen besessen hat.
Aber während bei diesen Festlichkeiten von der alten Pracht des feudalen Japan absolut nichts mehr zu sehen ist, während die Prinzen in moderne Uniformen, die Prinzessinnen in Pariser Toiletten gekleidet sind und unter den Hunderten von Anwesenden auch nicht einer das japanische Nationalgewand trägt, hat sich hinter den Kulissen dieses modernen Kaiserhofes ein ganz erkleckliches Stück des Alten erhalten. An den genannten Festtagen pflegt der Kaiser schon um zwei Uhr morgens aufzustehen und unter allerhand Zeremoniell ein Bad zu nehmen; dann werden ihm die altjapanischen Kaisergewänder angethan, und so begiebt er sich, begleitet von seinem engeren Hofstaate, zu dem Shintotempel innerhalb der Mauern des kaiserlichen Palastes; der Hofstaat bleibt vor dem Tempel auf den Knien liegen, während der Kaiser allein eintritt und eine Andacht vor den Tafeln seiner göttlichen Ahnen verrichtet. Dann erst wird das alte Japan abgelegt, das moderne angezogen, und der Kaiser hält die Gratulationscour und die Truppenrevue ab.
Ebenso durchaus altjapanisch ist auch die gewöhnliche Lebensweise des Kaisers. Seine Privatgemächer zeigen nichts von europäischer Einrichtung. Ein langer, kahler Korridor führt von dem eben geschilderten Kaiserpalast zu einer inmitten von prachtvollen Gärten gelegenen Gruppe niedriger Häuser, und hier bewohnt der Kaiser drei Gemächer. Nach unseren europäischen Begriffen würde man dort wahre Schatzkästlein japanischer Kunst erwarten, mit glänzendem Goldlack, herrlichen Bronzen, Vasen und Porzellannippes. Statt dessen ist in diesen aus unscheinbaren Papierwänden gebildeten Räumen alles kahl. Kein Stuhl, kein Bett, nichts von den Bequemlichkeiten des Europäers ist vorhanden. Der Boden ist mit geflochtenen Matten belegt, und der Beherrscher des japanischen Reiches schläft auf einer harten Matratze. Nicht einmal unsere europäischen Badeeinrichtungen sind hier eingeführt worden, und gerade so wie der geringste seiner Unterthanen badet der Kaiser in einem hölzernen Bottich.
Auch die Kaiserin bewohnt hier drei ähnliche Gemächer, und nahebei waren für den Thronfolger bis zu seiner 1900 erfolgten Vermählung einige Zimmer reserviert, welche er bewohnt, wenn er das Kaiserpaar besucht. Jedes der vielen kaiserlichen Kinder von verschiedenen Müttern hat nämlich eine eigene Hofhaltung. Sie werden von ihrer frühesten Jugend auf verschiedenen Familien im Lande zur Pflege und Erziehung gegeben, wachsen in diesen auf, und je älter sie werden, desto größer wird ihr Hofstaat. Zeitweilig werden sie zum Besuch des Kaiserpaares in den Palast gebracht. Die Kaiserin selbst ist kinderlos geblieben. Dem Kaiser ist es freigestellt, sich so viele Gattinnen beizulegen, als er wünscht, allein nur eine, Haruko, hat den Rang einer Kaiserin und wohnt im kaiserlichen Palast an seiner Seite.
Japanische Hymne.[audio/mpeg]
Japanische Hymne.
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Chinesisches Lied.[audio/mpeg]
Chinesisches Lied.
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Japanisches Lied.[audio/mpeg]
Japanisches Lied.
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Der Kaiser pflegt sich gegen Mitternacht zur Ruhe zu begeben und zwischen sechs und sieben Uhr aufzustehen. Bald darauf empfängt er die Minister und unterschreibt die ihm vorgelegten Dokumente. Die Zeit bis zu den Mahlzeiten, die er um elf Uhr vormittags und sieben Uhr abends in Gemeinschaft mit der Kaiserin einnimmt, verbringt er mit Reiten, Bogenschießen und allerhand Sport. In den achtziger Jahren bewog man ihn zum Studium der englischen und französischen Sprache, allein er gab die Sache bald wieder auf und versteht auch jetzt noch keine europäische Sprache.
Innerhalb der weiten Parkanlagen, die, inmitten von Tokio gelegen, von einer dreifachen festen Mauer und dreifachen tiefen Wassergräben umgeben sind, befinden sich auch einige Hofämter, sowie die Wohnungen der kaiserlichen Dienerschaft und der Hofdamen. Jede derselben besitzt ihr eigenes Haus und selbständige Haushaltung und Küche. Sie kommen als Kinder im Alter von zehn bis elf Jahren an den Hof und werden dort in aller Abgeschiedenheit großgezogen und mit den Pflichten gegen den Kaiser, sowie dem ganzen weitläufigen Zeremoniell vertraut gemacht. Früher wurden zu Hofdamen nur Töchter von Kuges und Daimios gewählt, seit einigen Jahren wird diese Ehre jedoch auch Töchtern der Samuraiklasse (niederer Militäradel) zu teil.
Seinem Volke zeigt sich der Kaiser ausschließlich als europäischer Herrscher, in europäischer Uniform und mit den Bändern oder Sternen von Orden, die natürlich bei der Europäisierung des Reiches ebenfalls eingeführt werden mußten und auch dieselbe Einteilung zeigen wie die europäischen Orden. In ihrer Ausführung sind sie bunt und unschön. Der höchste derselben ist der Chrysanthemumorden, der nur an Mitglieder von Herrscherfamilien verliehen wird. Im Range nächststehend ist der Sonnen- oder Paulowniaorden, so genannt, weil die Insignien derselben den Sonnenspiegel, umrahmt von den Blättern der vorerwähnten Paulowniapflanze zeigen. Dasselbe gilt indessen auch von dem dritten Orden, jenem der aufgehenden Sonne, der in acht Klassen eingeteilt wird. Geringere Orden sind jener des Spiegels oder des geheiligten Schatzes, der Verdienstorden der goldenen Weihe (Militärorden), dann der Kronenorden, ein Damenorden, dessen Kleinod einen Blumentopf mit Blumen und den goldenen Vogel Hoo zeigt. Die Japaner haben an wenig Dingen so rasch Geschmack gefunden wie an den Orden. Bei seinen Ausfahrten benutzt der Kaiser gewöhnlich einen reich vergoldeten Staatswagen mit Spiegelscheiben, in dem er allein zu sitzen pflegt. Im Februar 1889 geschah es zum erstenmal, daß der Kaiser auch seine Gemahlin in dem gleichen Wagen mitfahren ließ, ein in den Annalen des japanischen Hofes unerhörtes Ereignis, gleichzeitig die indirekte Anerkennung der Ebenbürtigkeit der Kaiserin. Dem kaiserlichen Wagen pflegen Polizeibeamte, dann drei Ulanen vorauszureiten, deren einer, in der Mitte der Straße, die Lanze aufrecht hält, während die zwei an den Straßenseiten reitenden Ulanendie Lanze gefällt halten. Auch den Schluß des kaiserlichen Zuges bilden drei Ulanen, die jedoch die Lanzen mit der Spitze nach hinten halten. Unmittelbar vor dem Wagen reiten unter Anführung eines Generaladjutanten einige Offiziere, von denen einer die goldene Kaiserstandarte mit der Chrysanthemumblume trägt. Das Volk verhält sich beim Anblick des Kaisers stumm und wagt gar nicht, zu ihm emporzusehen. In einigen Gegenden des Landes herrscht der Glaube, daß es Unglück und Tod mit sich bringen würde, das Antlitz des Mikado zu sehen. Dem Wagen des Kaisers folgen stets einige andere mit der Suite.
Chrysanthemumorden.Sonnenorden I. Klasse.
Chrysanthemumorden.
Chrysanthemumorden.
Sonnenorden I. Klasse.
Sonnenorden I. Klasse.
Stünde die Person des Kaisers in Japan nicht so göttergleich, so hoch erhaben über jedes irdische Getriebe, sie würde gewiß, wenn möglich, noch an Volkstümlichkeit gewinnen durch die Gattin des Mikado, die Kaiserin Frühling (Haruko). Geboren in Kioto als die dritte Tochter eines Kuge (Prinzen), wurde sie in den strengen, starren Grundsätzen des alten Japan erzogen; sie lernte die chinesischen Klassiker, die japanische Dichtkunst, das Samisen- und Kotospiel (Guitarre und Lyra), Nähen und Sticken. Nach ihrer Vermählung mit dem Kaiser ließ sie sich der früheren japanischen Sitte gemäß die Zähne schwärzen und die Augenbrauen abrasieren. Seit der Europäisierung des Landes kam glücklicherweise diese Sitte außer Gebrauch, undheute ist diese edle Frau mit dem schönen Namen der modernisierte Typus einer japanischen Aristokratin, klein, schwächlich, mit wunderbar kleinen Händchen und langem, schmalem Gesicht. Wohl wenigen dürfte das Aufgeben der malerischen Frauentracht des alten Japan und das Annehmen von Schuhen und Korsett, steifen Röcken und großen Hüten nach europäischer Mode schwerer gefallen sein, wenigen steht diese moderne Tracht auch ungünstiger als der Kaiserin. Heute kann ein europäischer Besucher des Landes dies kaum mehr beurteilen, aber wer Gelegenheit gehabt hat, eines der großen Gartenfeste am Kaiserhofe vor und nach 1885 mitzumachen, der wird diese Wandlung vom Schönen zum Häßlichen schmerzlich empfinden. Alljährlich werden zwei dieser Feste gegeben, eines im Frühjahr während der Blütezeit der Kirschen, eines im Herbst, wenn die Nationalblumen der Japaner, die Chrysanthemen, in ihrer unbeschreiblichen Blütenpracht stehen. Tausende und Abertausende dieser Blumen, in allen erdenklichen Farben und Größen bis zu jener unserer Sonnenrose, stehen in den breiten Avenuen des kaiserlichen Parkes unter langen Mattendächern; manche Pflanzen tragen nur eine einzige Blüte, manche Dutzende, ja geschützt durch seidene Zelte kann man dort einzelne Pflanzen mit zwei- bis vierhundert Blüten sehen.
Kronenorden I. Klasse.
Kronenorden I. Klasse.
Wer könnte die bezaubernde Anmut und Schönheit der japanischen Damen, ihre zarte, faltenreiche Kleidung, den Reichtum und die Zeichnung der Stoffe schildern, wie sie damals vor 1885 sich zeigten! In den Avenuen und auf den weich besandeten Plätzen des Parkes harrten diese reizenden Gestalten der Majestäten, bewundert von den Gesandten, den Würdenträgern und sonstigen geladenen Europäern. Und nun erst die Kaiserin selbst, mit ihrem zahlreichen Gefolge von Prinzessinnen und Hofdamen, die in langer Prozession langsam die Zelte entlang wandelten. Die Tracht der Kaiserin bestand damals aus weiten, faltenreichen Hakama (Beinkleidern) aus dem schwersten, scharlachroten Damast, einem Ziban (Unterkleide) und einem Kimono (eine Art Schlafrock) von lila Seide mit eingestickten Wistaria und Chrysanthemumblüten. Um den Hals war ein vielfarbiges Seidentuch geschlungen. Das reiche, schwarze Haar umrahmte in einem breiten Zopf das Gesicht und fielhinten bis zu den Hüften herab; stellenweise waren in das Haar kleine Stückchen von weißem Reispapier eingebunden wie bei den Shintopriesterinnen. Ueber der hohen Stirn prangte ein kleiner, goldener Phönix, in Japan wie in China das Abzeichen des Herrschers. In der einen Hand trug sie einen vielfarbigen Sonnenschirm, in der anderen einen hölzernen, bemalten Fächer mit schweren, lang herabfallenden Seidenschnüren.
Die Prinzessinnen und Damen des Gefolges trugen ähnliche Kostüme aus den herrlichsten Gold- und Silberbrokaten, wie man sie in Europa nur an den alten Priestergewändern findet. Der Aufzug dieser seltsamen farbenreichen, glitzernden Gestalten inmitten einer wahren Wildnis von Chrysanthemumblüten muß traumhaft gewesen sein.
Bei dem nächsten Kirschblütenfeste war all diese Herrlichkeit vorbei. Die Pariser Moden waren im Winter in Japan eingezogen und hatten den weiblichen Schmetterlingen Japans ihre Flügel abgeschnitten. Aber das ging nicht so leicht von statten, als es gesagt ist. Welche profane Schneiderin der Rue de la paix hätte die geheiligte Person der Kaiserin mit ihren Händen berühren und ihr die Kleider anpassen können? Lange sträubte sich die Kaiserin, lange wußte man keinen Ausweg. Endlich entschloß sich die kluge Gräfin Ito, Gattin des ersten Ministers und die Leiterin der europäischen Mode in Japan, als Probiermamsell für die Kaiserin zu dienen, und seither sieht man die Kaiserin nur mehr in europäischen Kleidern, die allerdings aus japanischen Stoffen angefertigt werden. Ihr mußten alle Damen des Hofes notwendigerweise folgen. Die herrlichsten alten Kimonos, die zartesten Stickereien, die reichsten Goldbrokate und schwersten Stoffe wurden geopfert, um dafür moderne Hüte und Schuhe und Pariser Kleider zu kaufen, und heute ist ein Gartenfest bei Hofe oder ein Ball beim ersten Minister nahezu eben so langweilig und einförmig wie in Europa. Die Wandlung hat der japanischen Aristokratie, die nach dem Sturz des Schoguns ohnehin schon den größten Teil des angestammten Vermögens auf den Altar des Vaterlandes legen mußte, große Kosten verursacht, von denen sie sich nur schwer erholt. Selbst das Kaiserhaus ist mit irdischen Gütern nicht überreich gesegnet. Das Familienvermögen ist gering, und die jährliche Zivilliste beläuft sich nur auf drei Millionen Yen (etwa sechs Millionen Mark).
Auch von diesen opfert die Kaiserin ihren Anteil für allerhand wohlthätige Anstalten, deren eifrigste Schöpferin und Förderin sie ist. Der eigene Kindersegen blieb ihr vorenthalten, dafür trachtet sie im schönsten Sinne des Wortes die Mutter ihres Volkes zu sein. Das Hospital des Roten Kreuzes und die Adelsschule erfreuen sich ihrer besonderen Fürsorge. Häufig sieht man die Kaiserin im Frühling durch die Straßen Tokios fahren, um diesen Anstalten Besuche abzustatten, die gewöhnlich mehrere Stunden währen. Mit engelgleicher Geduld hört sie den französischen und englischen Prüfungen der Schulkinder zu, obschon sie selbst keinWort dieser Sprachen versteht. Sie ermuntert und beschenkt die Schüler, unterhält sich mit den Lehrern und verläßt selten eine Schule, ohne den Damen des Lehrerpersonals das gewöhnliche kaiserliche Geschenk, eine Rolle japanischen Seidenstoffes, zurückzulassen. Bei ihren Ausfahrten in einem prächtigen Galawagen wird sie gewöhnlich von zahlreichem Gefolge begleitet. Eine seltsame, wohl nur Japan eigentümliche Einrichtung ist es, daß der kaiserliche Wagen, sobald die Kaiserin denselben, am Bestimmungsorte angelangt, verlassen hat, von Dienern während des Wartens sorgfältig gewaschen und mit einer grünen Seidendecke verhüllt wird.
Hoffestlichkeiten finden außer den geschilderten nur wenige statt. Der Kaiser scheint an denselben keinen besonderen Gefallen zu finden. Zuweilen werden jedoch ihm zu Ehren von den anderen Mitgliedern der kaiserlichen Familie oder von den zehn Fürstenfamilien des Landes Festlichkeiten veranstaltet, denen das Kaiserpaar gerne beiwohnt.
Der Thronfolger Prinz Joschihito Harunomiya, ein Sohn des Kaisers und der Frau Yanagiwara, im Jahre 1879 geboren, wird als sehr aufgeweckt, energisch und ehrgeizig geschildert. Er erhielt seine Erziehung in der ganz nach europäischen Vorbildern geleiteten Adelsschule, und sollte seine schwächliche Gesundheit ihm je gestatten, den Thron seiner Väter zu besteigen, so dürften noch weitere europäische Reformen in Japan zu gewärtigen sein. Soweit das japanische Staatshandbuch es angiebt, ist er heute der einzige lebende Sohn des Kaisers, aber das Aussterben der kaiserlichen Familie ist deshalb keineswegs zu befürchten, denn es bestehen neben dieser noch neun Nebenlinien, deren Häupter kaiserliche Prinzen sind und Zivillisten in der Höhe von zehn- bis dreißigtausend Yen beziehen.
Die Asakusapagode zu Tokio.❏GRÖSSERES BILD
Die Asakusapagode zu Tokio.
❏GRÖSSERES BILD