Die Hauptstadt des Mikadoreiches.

Im Tempelhain von Asakusa. (Winterbild.)Die Hauptstadt des Mikadoreiches.

Im Tempelhain von Asakusa. (Winterbild.)

Im Tempelhain von Asakusa. (Winterbild.)

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Japan wird gerne das England oder Frankreich von Asien genannt, aber seine Hauptstadt Tokio ist nicht das Paris von Asien. Unter den zahlreichen Reisenden, welche die Hauptstadt des Mikadoreiches in den seit ihrer Eröffnung vergangenen vier Jahrzehnten besucht haben, dürfte es nur recht wenige geben, die von dieser frühern Residenzstadt der Schogune und jetzigen Kaiserstadt nicht sehr enttäuscht gewesen sind. Tokio ist wohl in Bezug auf seine Ausdehnung und Bevölkerungszahl mit Paris zu vergleichen; aber seiner Einförmigkeit nach ist es ein asiatisches Philadelphia, seiner Unfertigkeit nach ein asiatisches Chicago, vielleicht die häßlichste und ärmlichste aller Millionenstädte des Erdballs. Man kommt gewöhnlich mit großen Erwartungen nach Tokio, das als der vornehmste Sitz des europäischen Wissens und der europäischen Kultur in Asien gilt. Bis zu einemgewissen Grade ist das auch richtig, allein nehme man die paar Dutzend europäischer Monumentalbauten und Villen fort, welche innerhalb der letzten zehn Jahre hier an den Ufern des Sumidagawa entstanden sind, so bleibt von dem vielgerühmten Tokio, der Hauptstadt des Ostens, nicht viel mehr übrig als ein ungeheures Dorf. Vergeblich sucht man hier irgend welche der glänzenden, fremdartigen Prachtbauten, wie sie die alten Großstädte Indiens oder die Hauptstädte von Persien, Aegypten, Siam, Birma, selbst einzelne chinesische in so großer Zahl besitzen. Tokio ist nicht einmal die schönste und interessanteste Stadt des eigenen Landes. Was die Lage und Umgebung anbelangt, habe ich Nagasaki viel malerischer gefunden, die frühere Hauptstadt des Mikadoreiches, Kioto, viel interessanter; Kioto besitzt auch großartigere japanische Paläste, Nikko schönere Tempel, Nagoya schönere Straßen, Osaka mehr Leben und Industrie. Tokio ist nur die volkreichste der japanischen Städte, dazu die besuchteste und bekannteste, die Residenz des Kaisers, der Sitz der Regierung. In seiner Anlage und Bauart aber wirkt es sehr ernüchternd. Es ist keine japanische Stadt mehr und noch nicht eine europäische, in einem keineswegs malerischen Uebergangsstadium begriffen, das, wenn einmal vorüber, aus dem einstigen urjapanischen Sitz der Schogune eine alltägliche Stadt geschaffen haben wird, wie etwa Minneapolis oder Omaha oder sonst eine Stadt des amerikanischen Westens. Allerdings nur dem äußern Rahmen nach, denn glücklicherweise steckt in dem japanischen Volke ein gesunder Sinn, der sich der von oben kommenden Europäisierung mit Erfolg widersetzt. Gerade dieses harte Aufeinanderprallen der beiden einander so fremden Kulturen, der europäischen und japanischen, macht Tokio augenblicklich interessantund sehenswert. Welche von diesen Kulturen die Oberhand gewinnen wird? Vorläufig ist es nicht zu sagen. Der Druck von oben ist stark; die Regierung arbeitet mit den ihr zu Gebote stehenden, bedeutenden Mitteln; die Großen und Reichen des Landes folgen ihr zum Teil aus Klugheit, zum Teil aus Neigung oder Ueberzeugung. Aber auf das Leben und Treiben des Volkes haben sie glücklicherweise noch keinen maßgebenden Einfluß gewonnen, die Japaner sind im großen und ganzen in der Provinz wie in der Hauptstadt, was Sitten und Trachten anbelangt, dieselben geblieben, wie sie vor der Europamanie der Regierung gewesen sind, und so zeigt denn Tokio als einzige Stadt des Mikadoreiches japanisches Leben im europäischen Rahmen, heute und wohl auch noch für viele Jahre hinaus. Tokio liegt an der Mündung des Sumidagawa, die weite, seichte Bucht von Yeddo und seine sumpfigen Ufer gestatten aber den großen Seeschiffen die Annäherung nicht. Der Seehafen von Tokio ist das einige Kilometer weiter südlich gelegene Yokohama, mit dem es eine Eisenbahn nach europäischem Muster verbindet. Von dem Sumidagawa führt ein breiter Kanal in das Hügelland, auf welchem das Häusermeer von Tokio sich befindet, und windet sich in zwei nahezu vollständigen Spiralen um den Stadtmittelpunkt. Die innere Spirale umschließt die Paläste und Gärten der kaiserlichen Residenz, die äußere jene Stadtviertel, in denen sich die hauptsächlichsten Regierungsgebäude, Gesandtschaften, Paläste und Villen der vornehmen Welt befinden, und jenseits dieser äußern Spirale, mit dem Sumidagawa und der Meeresbucht durch zahlreiche Kanäle verbunden, dehnen sich die großen, ärmlichen Dörfer aus, die allmählich miteinander verschmolzen und in das Weichbild von Tokio einbezogen wurden. Die Japaner bauten sich diese Dörfer und Wohnsitze in den weiten Thälern, die sich zwischen dem Kranz der das einstige Yeddo umgebenden Hügel befinden; die letzteren selbst blieben größtenteils von der Ueberbauung verschont und tragen heute noch den alten, herrlichen Waldschmuck. Sie bilden die Parke und Tempelhaine, den Stolz und die schönste Zierde von Tokio. Wenn der alte Hodscho Udschitsuma, der im Jahre 1524 hier auf dem sumpfigen Boden zwischen den vereinzelten, kleinen Dörfern eine Festung angelegt hat, etwa noch einmal zum Leben käme, wie würde er sich wundern, rings um diese Festung eine der größten Städte des Erdballs zu sehen, noch mehr aber darüber, daß an derselben Stelle, wo einst sein Wohnhaus stand, heute der Mikado selbst residiert! Die Macht und der Besitz der Hodschos wurde durch den ersten Schogun Jjejassu gebrochen, der die kleine Festung Yeddo im Jahre 1598 zu seiner Residenz machte. Aber auch das hätte Yeddo nicht zu so großem Wachstum und solcher Blüte verholfen, wenn die Schogune nicht die Feudalfürsten des Landes verpflichtet hätten, in ihrer unmittelbaren Umgebung einen Teil des Jahres zuzubringen. Uneinig untereinander, zu schwach, um der Macht der Schogune aus dem reichen Hause der Tokogawa zu widerstehen, mußten diese Daimios rings um die befestigte Residenz der Schoguneeigene Wohnsitze für sich und ihr Gefolge bauen, und so entstanden zwischen dem innern und äußern Festungskanal die Jaschiki von über dreihundert Daimios. Jeder dieser Daimios zog jährlich mit einer Gefolgschaft von zahlreichen Samurai, mitunter mehreren Tausenden, über die Hauptstraße des Reiches, den Tokeido, nach Yeddo, ein Herold schritt diesen prunkvollen Zügen voran und rief dem Volke, mit dem Fächer winkend, die Worte zu: „Schita-ni-Oru”, „nieder auf die Knie!” In der Residenzstadt der Schogune angelangt, bezogen sie mit ihren Familien und stattlichen Heerscharen die Jaschiki, und sollten sie auf Geheiß der Schogune in den Krieg ziehen, so mußten sie dem Schogun als Geisel ihre Familien zurücklassen.

Das erste Gymnasium zu Tokio.

Das erste Gymnasium zu Tokio.

Theehaus in Tokio.❏GRÖSSERES BILD

Theehaus in Tokio.

❏GRÖSSERES BILD

Diese Ansammlung des gesamten Adels des Landes in Yeddo ließ die Stadt immer größer und volkreicher werden, und als endlich nach blutigen Kämpfen die Macht der Schogune gebrochen und Yeddo unter dem Namen Tokio zur kaiserlichen Haupt- und Residenzstadt proklamiert wurde, nahm sie einen noch viel größeren Aufschwung, der noch lange nicht seinen Höhepunkt erreicht hat. Aber dies geschah auf Kosten des malerischen Reizes des alten Yeddo, von dem heute nur wenig mehr übrig ist. Zwei Jahrzehnte haben genügt, es von der Bildfläche verschwinden zu lassen. Wer heute von Yokohama mit der Eisenbahn nach Tokio reist, der trifft nach etwa einstündiger Fahrt auf einem modernen, europäischen Bahnhofe ein, wie etwa in Leipzig, nur daß an Stelle der Droschken lange Reihen von Rickshaws, von japanischen Kulis gezogene Handwägelchen, die Reisenden erwarten. Auch diese Rickshaws sind bereits europäisiert. Die Kulis tragen blaue Jacken, enganliegende Beinkleider und runde Hüte, die Rickshaws selbst zeigen Nummern wie unsere Droschken. Ein Portier in europäischer Uniform besorgt das Gepäck. Man rollt durch breite Straßen, in denen sich Geschäfte mit europäischen Firmentafeln und europäischen Waren befinden, und gelangt endlich zu einem von einem Garten umgebenen europäischen Hotel, dem Imperial, auf japanisch Taikoku Hoteru genannt, das ebensogut in Wiesbaden oder Trouville stehen könnte und dort erst recht die eleganteste und modernste aller Fremdenkarawansereien sein würde. Sogar die freundlichen, hübschen, kleinen Nesans, die in Japan allgemein die Hotelbedienung besorgen, sind der modernen Kultur geopfert worden, und an ihre Stelle sind Kellner getreten. Man schläft in vollständig europäischen Zimmern mit elektrischer Beleuchtung, speist in einem glänzenden Speisesaal nach europäischer Küche und zahlt für Wohnung und Beköstigung, alles einbegriffen, zwölf bis sechzehn Mark für den Tag. Von den Fenstern dieses vornehmsten Hotels nicht nur von Tokio, sondern von ganz Japan, sieht man auch nicht viel mehr, als man etwa in dem Auditorium Hotel in Chicago sehen würde, weite unbebaute Flächen mit einem Dutzend großer, drei- bis vierstöckiger Paläste darüber verstreut, einsame Straßenanlagen, die noch der Häuser harren, und lange Reihen hoher Telegraphenstangen, über die Hunderte von Drähten gespannt sind. Ich zählte deren an manchen Stellen gegen fünfhundert.Selbst auf einer ersten Rundfahrt, die gewöhnlich den Kaiserpalast und die Gesandtschaftsgebäude zum Ziele hat, wird man vergeblich japanisches Wesen, japanische Eigenart suchen. Die breiten, wohlgehaltenen Straßen sind mit Gaslaternen versehen, hie und da gewahrt man eine europäische Villa, von einem Gärtchen umgeben, die Wohnung irgend eines japanischen Prinzen oder irgend eines ausländischen Gesandten; an den Straßenecken stehen kleine, höfliche Polizisten in europäischen Uniformen, möglicherweise mit Brillen auf der Nase; die Menschen, denen man begegnet, tragen zum großen Teil ähnliche Kleider wie wir, die Wagen, Equipagen, das Militär, alles wie in Europa. Die Brücken über die Kanäle und Wallgräben könnten ebensogut über die Spree führen, und als ich bei einer späteren Gelegenheit zur Vorstellung beim Mikado in den Kaiserpalast kam, fand ich auch dort einzelne europäisch eingerichtete Räume, wie in irgend einem Herrscherpalast der Alten Welt. In der Nähe meines Hotels befand sich ein Klub, der Rokumei-Kwan, ähnlich eingerichtet wie St. James oder Grosvenor, mit Billard-, Lese- und Spielsälen, in denen japanische Herrchen in eleganten Pariser Kleidern französisch parlierten oder ihre Whistpartie spielten. Nur eins gemahnt den europäischen Spaziergänger hier daran, daß er sich auf demselben Boden befindet, wo früher die Schogune geherrscht und die Daimios gewohnt haben: die geradezu kyklopischen Festungsmauern, welche die Residenz des Kaisers umgeben. Gewaltigere Bollwerke haben wenige Festungen der Erde aufzuweisen. Dreißig bis vierzig Meter hoch und etwas konkav nach innen gebogen, werden diese Mauern aus lose aufeinandergelegten ungeheuren Quadern gebildet, so groß, daß man sich wundern muß, wie die kleinen japanischen Männleinim stande waren, sie ohne irgend welche Maschine oder unsere modernen europäischen Hilfsmittel in solcher Massenhaftigkeit aufeinander zu türmen. Diese Mauern entlang zieht sich ein fünfzig bis sechzig Meter breiter und stellenweise ebensotiefer Wallgraben hin, an dessen Herstellung Hunderttausende von Menschen jahrelang beschäftigt gewesen sein müssen. Der Wasserspiegel in den Gräben ist zur Sommerszeit mit blühenden Lotospflanzen bedeckt, und auf den Wällen darüber erheben sich ungeheure alte Pinien in phantastischen Formen, mit langen, bis an den Erdboden reichenden Aesten. Während meines Aufenthaltes in Tokio waren diese so malerisch beschatteten Wälle mein liebster Spaziergang. Selten begegnete ich dort einem Menschen, selten sah ich auch in den Straßen jenseits irgend welchen Verkehr, mit Ausnahme eines Nachmittags, als man die Leiche des verstorbenen englischen Gesandten unter großem Pomp und stattlicher Militärbegleitung zu Grabe trug.

Das Universitätsgericht.

Das Universitätsgericht.

Das Gebäude der juristischen und philosophischen Fakultät in Tokio.

Das Gebäude der juristischen und philosophischen Fakultät in Tokio.

Ist das wirklich die Stadt, die vor dreißig Jahren in den Werken von Sir Rutherford Alcock und Lawrence Oliphant so malerisch geschildert wurde? Tokio ist ihnen dann weit vorangeeilt, und was vor dreißig, nein, vor zehn Jahren darüber geschrieben wurde, ist heute nicht mehr richtig. Wo sind die Scenen, welche Alcock folgendermaßen beschreibt:

„Etwa alle hundert Schritte durchschreiten wir ein Thor, das die Japaner schließen, wenn zur Nachtzeit ein Diebesalarm gegeben wird oder bei Tage Unruhen sich ereignen, während eine elende Stadtwache in einem Wachthause nahebei untergebracht ist, die für die Ruhe in ihrem Viertel verantwortlich und stets wachsam sein muß. Sobald wir eines dieser Thore passieren, stürzen die Wachleute aus ihrem Häuschen heraus, mit langen Stangen bewaffnet, an deren oberen Enden eiserne Ringe hängen. Sie schlagen diese Stangen heftig auf den Boden auf, daß die Ringe klirren, und das sehen sie als eine uns zu leistende Ehrenbezeugung an.”

Aehnliches habe ich wohl auf meinen Reisen in China und Korea gefunden, aber in Tokio? Ebensogut hätte ich es in Chicago suchen können.

Und Oliphant, der in den sechziger Jahren Tokio besuchte, schreibt: „Die einzelnen Straßen sind durch zahllose Thore abgesperrt, und von einem Thore zum andern werden wir von einer neugierigen Menschenmenge verfolgt. Sobald wir ein Thor passiert haben, wird es geschlossen, und der Menschenhaufe bleibt hinter uns, um, an die Gitter gedrückt, uns mit neugierigen Blicken zu verfolgen, während sich um uns ein neuer Menschenhaufe sammelt, der uns bis zum nächsten Thore begleitet. Alle in die Hauptstraße mündenden Seitenstraßen sind hier durch quer darübergezogene Seile abgesperrt, und niemand versucht es, sie zu übersteigen oder unten durchzuschlüpfen.”

Wo sind diese Seile, diese Thore heute? Wo die neugierigen Menschenmassen? Ich bin durch die entferntesten Stadtteile von Tokio gewandert, kein Mensch kümmerte sich um mich.

Und die Jaschiki? Die Hunderte von Daimioschlössern, die in einem weiten Kreise das Schloß des Schoguns umgaben? Sie sind der modernen Aera zum Opfer gefallen. Einige Jahre haben hingereicht, um sie niederzureißen und eben jene weite, einsame Fläche zu schaffen, auf der sich die geschilderten Anfänge des europäischen Tokio erheben. Diese Fläche, mehrere Quadratkilometer umfassend, zieht sich in einem breiten Ringe um die kaiserliche Palastumwallung und erinnerte mich in mehr als einer Hinsicht an jene, die in vielen Städten Europas, vornehmlich in Wien, durch die Schleifung der Festungswälle und Glacis entstanden sind. Hier und dort, verborgen hinter den großen Neubauten in europäischem Stil, sind wohl noch einige Jaschiki der Daimio stehen geblieben. Eins dieser seltsamen Schlösser des alten Japan steht noch hinter dem Imperialhotel. Seinem Aussehen nach hätte ich es für eine Stallung gehalten, und thatsächlich dienen die noch vorhandenen Jaschiki als Kasernen und Stallungen für die moderne japanische Reiterei. Nur sind die alten Daimiowappen abgenommen und durch die Chrysanthemumrosette, die das kaiserliche Wappen bildet, ersetzt worden. Man darf sich unter den Jaschiki nicht etwa Schlösser und Burgen mit festen Mauern, Türmen, Erkern und Balkonen vorstellen, wie sie der Adel und auch die Patrizier in unseren Städten, hauptsächlich in jenen Italiens und Spaniens, besessen haben. Die Japaner haben nur auf ihre Tempel und Pagoden besondere architektonische Kunst verwendet, ihre Wohnhäuser waren und sind heute noch mehr als bescheiden, ebenerdige hölzerne Bauten, die nicht eine einzige feste Mauer besitzen, sondern im Grunde genommen aus nichts weiter als einem auf hölzernen Pfählen ruhenden Dache bestehen. Die Wände werden durch hölzerne Latten oder Papierrahmen gebildet. Die langen, niedrigen Außengebäude der Jaschiki dienten früher den Zweischwertermännern, d. h. der bewaffneten Gefolgschaft ihrer Daimios als Wohnungen und haben wohl das Aussehen, als wären sie aus Mauerwerk aufgeführt. Aber sie bestehen auch nur aus Holz mit leichtem Mörtelbewurf. In ihren Residenzen besaßen die Daimios wohl große, mehrstöckige Schlösser, nicht aber in der Hauptstadt.

Das physikalische Institut der Universität zu Tokio.

Das physikalische Institut der Universität zu Tokio.

Deshalb zeigen auch die wirklichen japanischen Stadtviertel, die außerhalb der ringförmigen Kanäle liegen, das Aussehen von Dörfern. Gegen dreimalhunderttausend Häuschen stehen hier auf dem weiten, an Ausdehnung Paris gleichkommenden Plane in einem unentwirrbaren Netze von Gassen und Gäßchen; nur die neuen Stadtteile, die auf dem rings um die Mündung des Sumidagawa dem Meere abgerungenen Sumpfboden entstanden sind, zeigen die schachbrettartige Straßenanlage der amerikanischen Städte. Dort befindet sich auch das Fremdenviertel, Tsukidschi, mit seinen wenigen Kaufleuten, vielen Missionaren und Kirchen. In dem freien europäischen Japan war es nämlich den Europäern bis 1898 ebensowenig erlaubt, frei umherzureisen, wie frei zu wohnen; nur jene, die im Dienste der japanischen Regierung standen, hatten den Vorzug, in Tokio wohnen zu dürfen; alle anderen Europäer wurden in das Tsukidschi verwiesen. Wir haben es in Europa in früheren Jahrhunderten mit den Juden so gemacht und machen es augenblicklich noch hier und da so mit den Zigeunern. Und die europäischen Großmächte ließen es geschehen, daß die gelben schlitzäugigen Mongolen die Angehörigen der stolzesten Rassen des Erdballs in gleicher Weise behandelten! Ist es denn zu verwundern, daß dieses sehr überschätzte Japanervolk vor Dünkel bersten könnte?

In das einförmige, ärmliche Straßengewirr von Tokio ist in den letzten Jahren etwas Ordnung gebracht worden. Den japanischen „Haußmanns” bleibt das Niederlegen ganzer Quartiere und das Durchbrechen neuer Straßen und Avenuen erspart. Diese Arbeit wird durch die zahlreichen verheerenden Schadenfeuer besorgt, die alle Jahre bald hier, bald dort ausbrechen und gleich einige tausend Häuser verzehren. Ich selbst war in Tokio Zeuge einer Feuersbrunst, die über tausend Häuser einäscherte, ohne daß darüber viel Aufhebens gemacht worden wäre. Die leichtgebauten Holz- und Papierhäuser brennen ja wie Streichholzschachteln, und ist irgendwo einBrand entstanden, so denkt die Feuerwehr gar nicht daran, ihn zu löschen, sondern durch das Niederreißen der umstehenden Häuser nur einzuschränken. „Die Blume von Yeddo ist das Feuer”, sagt ein altes japanisches Sprichwort, und die Bewohner von Tokio sind von Tag zu Tag nicht ihrer Häuser sicher. Viele besitzen in der That die wenigen Balken und Dachgerippe für neue Häuser in Reserve. Brennt ihnen ihr Haus zusammen, so haben sie am folgenden Abend schon ihr neues Haus wieder aufgebaut.

Japanischer Tempelschrein.

Japanischer Tempelschrein.

Jedesmal, wenn eine Feuersbrunst ein paar Straßen oder ein Stadtviertel verheert hat, sind die Stadtbehörden zur Stelle und regulieren oder verbreitern das Straßennetz, so daß es heute doch schon einige gerade, breite Hauptstraßen giebt, durch welche sogar Pferdebahnen gelegt worden sind. Die interessantesten und belebtesten Straßen Tokios sind wohl die Ginza und Nakadori, interessant, weil sich in ihnen ein Geschäftsladen an den andern reiht, voll japanischer Produkte, Kuriositäten und Antiquitäten. Bei den Japanern herrscht noch großenteils die Sitte, daß die einzelnen Geschäftszweige in bestimmten Straßen oder Distrikten untergebracht sind, gerade so wie bei den Chinesen; aber in diesen Industrie- und Handelsvierteln sind die Häuser auch nicht größer oder stattlicher, nur haben die Japaner der Feuersgefahr insofern Rechnung tragen gelernt, daß sie kostbarere Waren in gemauerten Häuschen mit schweren Ziegeldächern und eisernen Fensterläden unterbringen.

Dieses einförmige, öde, farblose und armselige Häusermeer von Tokio wird an vielen Stellen durch kleine Hügel mit üppigem Baumwuchs unterbrochen, und zwischen den Bäumen versteckt schlummert irgend ein kleines, verschiedenen Gottheiten geweihtes Tempelchen. Was aber Tokio vor allen anderen Städten Japans auszeichnet, sind seine beiden prachtvollen Parks, der Schiba und der Uyeno, mit ihren ungeheuren, alten Kryptomerien und Kiefern, ihren langen Alleen von Aepfelbäumen,ihren lauschigen Tempelhainen und Lotosteichen. Die wunderbaren Tempel mit ihren nicht zu beschreibenden Einzelheiten von Ausschmückung und Einrichtung enthalten nicht nur die Gräber der Schogune, sie enthalten auch das Grab der altjapanischen Kunst. Wohl hat Tokio dafür moderne Hochschulen, Hospitäler, Bibliotheken, Museen, Arsenale, Fabriken erhalten, mit denen sich die Japaner heute brüsten, aber all das sind fremde Errungenschaften, die sie sich angeeignet haben. Ihr altangestammtes Eigentum, ihre Schöpfung, das Ergebnis ihrer Liebe und ihres Verständnisses für die Natur war ihre Kunst, die so herrliche Blüten getrieben hat; diese haben die Japaner ohne eine Thräne des Bedauerns geopfert, im Austausch für die modernen Wissenschaften der alten Welt hergegeben. Wer diese Tempelhaine durchwandert, die hohen, eigentümlichen Thorbogen durchschreitet, die langen Reihen steinerner und bronzener Opferlaternen passiert, von alten Daimios dem Andenken der Schogune gewidmet, und endlich die heiligen Grabtempel und den Göttern geweihten Hallen betritt, der empfindet neben rückhaltsloser Bewunderung auch jenes tiefe Bedauern für das Dahinschwinden einer großen Kultur, für welche der moderne Japaner kein Verständnis, kein Gefühl zu haben scheint.

Aber es giebt in Tokio noch ein Stück unverfälschten Japans, das die gütige Vorsehung auch noch recht lange zur Freude aller morgen- und abendländischen Besucher erhalten möge: jenseits des herrlichen Uyenoparks, zu Füßen der von gewaltigen Kryptomerien gekrönten Hügel dehnt sich jene eigentümliche Ausgeburt japanischer Sitten, die Yoschiwara mit ihren der Venus gewidmeten Freudenhäusern aus, und dicht daran schließt sich das Quartier von Asakusa, das sehenswerteste der ganzen Hauptstadt des Mikadoreiches. Ein vielstöckiger Steinturm, der schon so manches verheerende Erdbeben überstanden hat, bildet das Wahrzeichen von Asakusa, wenn nicht von Tokio selbst. Rings um diesen Turm liegen in großen Hainen die stattlichsten Tempel der Stadt, der Hongwanji und der der Gnadengöttin Kwannon geweihte Buddhistentempel von Sensodschi. An diesen merkwürdigen Gebäuden mit ihren absonderlichen Göttergestalten, Inschriften, Bildern und zahllosen Andächtigen hat sich der Ansturm der amerikanischen Baptisten-, Methodisten-, Unitarier-, Presbyterianer- und sonstigen Missionare doch gebrochen, ebenso wie der Ansturm der fanatischen Umstürzler mit ihren europäischen Reformen. Rings um diese Tempel liegt der Wurstlprater von Tokio mit zahllosen Schaubuden, Theehäusern, Theatern, Verkaufsständen, stets belebt, besonders aber an den zahlreichen Festtagen, wenn viele Tausende grotesk geputzter Japaner mit ihren Frauen, mit Musmis und Kindern dort hinauspilgern und Volksfeste abhalten, die in ihrer Eigenart dem Europäer entschieden interessanter sind als der Abklatsch europäischer Universitäten, Arsenale, Pferdebahnen und Gasanstalten, mit denen die modernen Japaner gerade dem Europäer gegenüber so gerne prunken.


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