Rahmenstickerei.Ein Birmingham des fernen Ostens.
Rahmenstickerei.
Rahmenstickerei.
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Der große Krieg zwischen China und Japan hat die Aufmerksamkeit Europas in höherem Maße als bisher auf Ostasien gelenkt, und vielfach sind die großen Gefahren besprochen, die der europäischen Industrie durch den Wettbewerb der Länder Ostasiens, vor allem Japans, drohen. Japan ist in den letzten Jahrzehnten in vielen Industriezweigen selbständig geworden, ja es tritt auf den ostasiatischen Märkten, sogar auch in Europa, mit seinen Industrieerzeugnissen erfolgreich auf.
Wo ist nun in dem fernen Inselreiche der Sitz der so jungen und doch so gewaltigen Industrie? Sind es einzelne Gebiete oder Städte, oder entwickelt sich das ganze Japan allmählich zu einem kleinen ostasiatischen Westfalen? Der Reisende in Japan erlangt darüber bald Klarheit. Während sich auf Reisen in Europa die Nähe größerer Städte gewöhnlich durch die mit Rauch geschwängerte Atmosphäre, durch Kirchtürme, hohe Schornsteine und große Fabrikgebäude kundgiebt, sieht man in Japan die Städte erst, wenn man sich beinahe in ihnen befindet. Ein Kranz von Gärten und hohen Bäumen entzieht die niedrigen, einstöckigen Gebäude dem Anblick, und die Atmosphäre der Städte ist ebenso klar und durchsichtig, der Himmel ebenso blau wie auf dem Lande. Die Japaner verwenden eben zur Feuerung hauptsächlich nur Holzkohlen. Schornsteine sind dazu nicht nötig,ja den Städten des südlichen Japan sind solche bisher glücklicherweise noch unbekannte Dinge geblieben.
Reisende Japanerinnen auf der Tokaidostraße.❏GRÖSSERES BILD
Reisende Japanerinnen auf der Tokaidostraße.
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Das Erstaunen des Japanreisenden ist deshalb groß, wenn er auf seiner Fahrt längs der Ostküste von Yokohama nach Kobe, etwa eine Stunde vor dieser Hafenstadt, im Osten die Atmosphäre mit dichtem Rauch geschwängert sieht, als ob dort gerade irgend eine Ortschaft vom Feuer verzehrt würde. Beim Näherkommen gewahrt er in der weiten Ebene eine große Zahl von umfangreichen Fabrikanlagen mit roten, mehrstöckigen, vielfensterigen Gebäuden und Dutzenden hoch über sie emporragenden Schornsteinen, ein Anblick, an den er wohl in den Industriebezirken von Sachsen oder Westfalen gewöhnt ist, der hier aber sein Befremden erweckt. Bald darauf fährt er in eine rauchige, finstere, belebte Eisenbahnstation ein, und der japanische Schaffner ruft Osaka.
Osaka, das japanische Birmingham, das neugeschaffene Emporium der ebenso neuen japanischen Industrie, die größte Fabrikstadt von Ostasien. Gleichzeitig ist dieses Osaka (sprich Ohsakka) die zweitgrößte Stadt des Landes, an Einwohnerzahl, Bedeutung und Reichtum nur von Tokio übertroffen. Vor dem Stationsgebäude drängen sich zwischen Tausenden von geschäftigen Menschen Hunderte von Kurumas, diese kleinen, zweiräderigen, von flinken, strammen Burschen gezogenen Handwagen. Ich springe in eine dieser Kurumas, rufe dem Kuli die Worte „Yadya Dschiyutai” zu und befinde mich nach einer raschen Fahrt von zehn Minuten durch die ungemein belebten Straßen Osakas in dem einzigen, halbwegs europäisch eingerichteten Hotel dieser japanischen Großstadt.
Das Dschiyutaihotel steht im Verein mit einigen anderen Gebäuden auf einer langen, schmalen, mit hübschen Parkanlagen bedeckten Insel inmitten des Yodogawaflusses, der hier etwa die Breite des Rheins bei Köln besitzt. Diese, Nakanoshima genannte Insel ist mit den Stadtteilen an beiden Ufern durch eine breite, stets dicht mit Menschen besetzte Brücke verbunden; auf dem Strom fahren zahllose Dampfer, Frachtboote und Sampans auf und nieder; die Ufer sind dicht mit malerischen, mehrstöckigen Holzhäusern eingefaßt, die mit ihren Fronten auf Piloten im Wasser stehen und in jedem Stockwerk eine mit Blumen, Lampions und Flaggen geschmückte, weit in den Fluß ragende, offene Veranda zeigen. Ueberall, in den Häusern, auf den Veranden, auf der Brücke und im Flusse herrscht das regste Leben. Menschen, wohin das Auge blickt, durchweg Japaner, anscheinend ganz unbeeinflußt durch die europäische Kultur. Während meines mehrtägigen Aufenthaltes in Osaka begegnete ich keinem einzigen Europäer. Es gab wohl in früheren Jahren viele hier, als die Japaner zur Anlage und Einrichtung ihrer Fabriken europäischer Fachleute bedurften. Sobald diese jedoch ihre Schuldigkeit gethan und die Japaner in die Geheimnisse ihrer Kunst eingeweiht hatten, wurden sie von den letzteren wieder entlassen. Heute werden all die großen Fabriken, die im Laufe der letzten zweiJahrzehnte auf diesem urjapanischen Boden entstanden sind, fast ausschließlich von Japanern geleitet; sie sind mit japanischem Gelde errichtet worden, die europäischen oder asiatischen Rohprodukte, die sie benötigen, werden mit europäischen Maschinen ausschließlich von Japanern verarbeitet, kommen durch japanische Handelshäuser auf den Markt, werden bei japanischen Gesellschaften gegen Schäden versichert und endlich auf japanischen Dampfern nach den verschiedenen Häfen, aber auch nach China, Indien, Australien, ja selbst nach Europa verschifft. Kürzlich hat eine große japanische Dampfergesellschaft, die Nipon Yusen Kaisha, eine regelmäßige Dampferlinie über den Stillen Ozean nach Amerika und eine zweite durch den Suezkanal nach Europa eingerichtet, und die massenhaften Fabrikprodukte von Osaka gelangen in Europa auf den Markt, ohne daß der Europäer irgend etwas daran verdient.
Doch, wo sind die Fabriken des so rasch berühmt gewordenen Birmingham von Ostasien? Rings um den breiten Fluß und selbst im Innern der Stadt giebt es keine, und wer ähnliche Frachtwagen und andere Fuhrwerke, Maschinen, Schienengeleise, Quais mit schwarzen Drehkränen, gehandhabt von rußigen Arbeitern, erwartet, wie sie sich in den Fabrikstädten Europas zeigen, der wird hier angenehm enttäuscht. Auf dem Flusse, in den zahlreichen Kanälen, in den Straßen der inneren Stadt bis hinauf zur altjapanischen Frohnfeste ist das Bild von Osaka urjapanisch, und weder Tokio noch Kioto, noch irgend eine andere von Fremden besuchte Großstadt ist von der europäischen Kultur so unbeeinflußt geblieben wie Osaka. Tokio läßt sich von der Regierung, figürlich gesprochen, allmählich ins Europäische übersetzen, ebenso Yokohama, Kobe, Hiogo, teilweise sogar Kioto und Nagasaki. Osaka dagegen hat die europäische Kultur ins Japanische übersetzt; es hat sich von derselben alles angeeignet, dessen es bedarf, hat es aber dem japanischen Wesen angepaßt und ist in dem Aussehen seiner Straßen und Häuser und der Menschen, die in ihnen wohnen und verkehren, anscheinend mit zäher Absichtlichkeit urjapanisch geblieben. Ich habe auf meinen Reisen durch Japan keine Stadt gesehen, in der sich das japanische Leben und Treiben unverfälschter und dabei lebhafter zeigte, auch in dieser Hinsicht keine interessantere und sehenswertere Stadt gefunden als eben Osaka. Man sollte glauben, daß die großartigen europäischen Industrien, die sich hier in so kurzer Zeit entwickelt haben, auch auf das Leben, die Kleidung und das ganze Wesen der Einwohner nicht ohne Einfluß geblieben sein könnten. Keine Spur davon. Im Gegenteil. Nirgends ist von altjapanischer Eigenart mehr wahrzunehmen als gerade hier. Nirgends ist der alte Aberglaube, der Götzendienst, das Prozessionswesen ausgeprägter; nirgends werden die vielen Matsuri (Volksfeste) ursprünglicher gefeiert; nirgends giebt es bewegteres Leben in den Theehäusern und Theatern; die Geishamädchen von Osaka sind in ganz Japan als die hübschesten und fähigsten anerkannt, und in Osaka wird am besten nach altjapanischer Weise getanzt, gesungen und musiziert.
Die Stadt liegt auf beiden Ufern des breiten, vom Biwasee kommenden Yodogawaflusses und ist von alters her der Hafen der früheren Landeshauptstadt Kioto, mit der sie durch eine Eisenbahn und mehrere Dampferlinien auf dem Yodogawa verbunden ist. Aber Osaka kann heute nicht mehr als Hafen gelten, denn es ist etwa zwei bis drei Kilometer von der schlammigen Mündung dieses Flusses in die seichte Osakabucht entfernt, und Seedampfer können hier gar nicht herankommen. Osaka gegenüber, auf der Westseite der etwa fünfzehn Kilometer breiten Bucht, liegen die Zwillingsstädte Hiogo und Kobe, und diese bilden ihrerseits den Hafen von Osaka; von dort gelangen all die Erzeugnisse der letzteren Stadt zur Verschiffung, und wie in der Zeit vor der Revolution die Stadt Kioto den Hafen Osaka geschaffen hat, so hat nach der Revolution die Stadt Osaka den Hafen Kobe geschaffen und zu großer Blüte gebracht. Dieses Kobe ist eine europäische Stadt mit abendländischen Straßen und Häusern, mit Konsulaten, Theatern, Konzerthallen, Klubs nach europäischer Art, noch mehr als Yokohama, und vielleicht auch bestimmt, in nicht zu ferner Zeit dieses zu überflügeln; Osaka aber ist, wie gesagt, japanisch geblieben.
Das merkt man sofort, wenn man in einer Kuruma durch die Straßen dieser reizenden Stadt fährt. Sie ist ganz nach amerikanischer Schachbrettart angelegt; die breiten, geradlinigen Straßen schneiden sich in rechten Winkeln und werden von einer großen Zahl von ebenso geradlinigen Kanälen gekreuzt, über die gewölbte, hölzerne Brücken führen. Es sind also sozusagen zwei Städte übereinander; eine Stadt von Kanälen, zwischen denen sich nicht weniger als dreieinhalbtausend Brücken befinden.
Welche von diesen beiden Städten interessanter ist?
Bei Tag wohl die Stadt auf dem Lande mit ihrem ungemein regen Leben und Treiben und ihren unzähligen Kaufläden, die sich in den meisten Straßen auf Kilometer dicht aneinanderreihen, als ob jede einzelne der 162000 Familien der Stadt einen Kaufladen besäße. Durch die im Juli 1896 erfolgte Einverleibung von 28 umliegenden Städten und Dörfern in Osaka hat sie an Bevölkerungszahl um 125000 zugenommen und ist heute eine Stadt von 752000 Einwohnern, übertrifft also Birmingham um 300000 Seelen, und überall, Straßen auf, Straßen ab sind weitgeöffnete Läden, so daß man beim Spazierengehen nicht nur die vor den Läden an der Straße aufgestapelten Waren, sondern auch die in denselben herrschende Thätigkeit wahrnehmen kann. Osaka ist ja nicht nur Markt-, sondern auch Fabrikstadt; dabei nicht nur von europäischen Waren, sondern auch die größte Fabrikstadt nach japanischer Art. Draußen an der Straße der Handel, drinnen in den Läden die Industrie. Diese ist, was die spezifisch japanischen Produkte anbelangt, Kleinindustrie geblieben. Jede Familie arbeitet in den kleinen, niedrigen, aber nach vorne und hinten offenen und deshalb luftigen Läden für sich oder höchstens mitZuhilfenahme von einem oder mehreren Arbeitern. Hier sieht man die fleißigen, kleinen Japaner, im warmen Sommer mit entblößtem Oberkörper, mit ihren Händen und häufig auch mit den Füßen arbeiten. Hier sieht man, wie die kleinen, zierlichen Fächer gemalt, wie ihre Bambusrippen gespalten und zusammengefügt werden, ein kleiner Artikel, der aber nach Hunderten von Millionen in alle Welt gerade von Osaka ausgeführt wird und Millionen in die Taschen der Einwohner bringt. Hier sieht man das Flechten der zarten, hübschen Strohmatten, die Herstellung des Indigo zum Färben der in den Fabriken angefertigten Stoffe, das Weben der herrlichen Seidenstoffe und golddurchwirkten Brokate, das Zusammensetzen der bekannten Sonnenschirme aus Bambus und Papier, das Verfertigen der kleinen, hölzernen Nippsachen, Kästchen und Schachteln, die von verschiedenen Größen, aber derselben Form, so genau ineinander passen; die Fabrikation der Millionen von Puppen, Kinderspielzeugen aller Art, der Bronzefigürchen, Schälchen und hunderterlei anderer wohlfeiler Artikel, die in den europäischen Bazars sich so wunderhübsch ausnehmen, unsere Bewunderung erregen, unsere Kauflust reizen. Stundenlang mußte ich in diesen interessanten Quartieren der japanischen Kleinindustrie verweilen, bald hier, bald dort, und staunen über die unglaubliche Geschicklichkeit, ebenso wie über die einfachen Mittel der japanischen Handwerker. In der Zartheit und Genauigkeit ihrer Arbeit stehen sie unter allen Nationen unübertroffen da oder können es wenigstens, wenn sie wollen. Infolge des ungeheuren Absatzes, den diese japanischen Nippes in Europa und Amerika gefunden haben, ist die Nachfrage nach diesen, größtenteils aus Osaka stammenden Artikeln so lebhaft geworden, daß die Kleinindustrie mit Arbeit überhäuft ist, und da der Nachwuchs an Arbeitern nicht genügt, ihre Arbeitskraft aber bei vierzehn- bis sechzehnstündiger Arbeitszeit nicht höher angespannt werden kann, so ist in den letzten Jahren ein bedauerlicher Schlendrian in der Herstellung eingetreten. Osaka ist eine Art japanisches Chicago, mit seiner Jagd nach dem Gelde. Verdiene Geld, verdiene es ehrlich, und kannst du es nicht, so verdiene es doch.
Nur eine beschränkte Zahl von Kunstgewerben hat sich noch zum Teil von dieser Leichtfertigkeit freigehalten, darunter die Herstellung feiner Bronzewaren und feiner Porzellansachen. In den Kuriositätenläden von Yokohama und Kobe wurden mir häufig reizende Artikel dieser Art vorgelegt. Bronzen mit eingesetzten oder aufgehämmerten Figuren, Ornamenten, eingelegtem, ungemein zartem Email, in den herrlichsten Formen, in der zartesten Ausführung. Oder entzückende kleine Vasen, Schalen, Tassen, Aschebehälter aus feinstem Porzellan, bedeckt mit Malereien von einer Feinheit, Kleinheit und Farbenpracht, die in Europa unerreicht ist. Man nannte mir als Erzeuger dieser Waren Firmen aus Osaka mit weitberühmten Namen. Als ich diese Firmen aufsuchte, um die Erzeugungsart dieser kleinen Kunstwerke kennen zu lernen, fand ich sie auch nur in bescheidenen kleinen Holzhäuschen, aber siehatten keine offenen Kaufläden wie ihre minderwertigen Kollegen. An den verschlossenen Häusern, die man ebensogut für Privathäuser hätte halten können, waren keine Schilder oder Firmentafeln, ja selbst als ich Einlaß gefunden hatte, sah ich auch im Innern keine Schaustücke ausgestellt. Erst nach längerer Unterhaltung und nachdem ich den von zarten Mädchenhänden dargereichten Thee geschlürft, wurden die Kästen geöffnet, aus Baumwolle und Papier die kleinen Kunstgegenstände ausgewickelt und mir mit großem Zeremoniell, etwa wie der kostbarste Brillantschmuck, dargereicht. Und als ich die Frage stellte, wo das Atelier sich befände, wies man mich eine steile, enge Holztreppe hinauf in das erste Stockwerk, wo ein paar junge Arbeiter auf dem Fußboden saßen und an den kleinen Porzellanvasen und -schalen herumpinselten. Das war die ganze weitberühmte Fabrik. In Europa wäre ein Porzellanmaler von solcher Kunst und Fähigkeit mindestens ein Professor, in einem schönen Atelier sitzend und mit ansehnlichem Gehalt. Hier sind die Künstler junge bescheidene Burschen, die sechzehn Stunden den Tag arbeiten, halbnackt auf ihren Fersen hocken und als Tagelohn einen Yen, etwa zwei Mark, erhalten. Wenige werden besser bezahlt, während die weitaus größte Mehrzahl von Arbeitern, die in dem Kleingewerbe von Osaka Verwendung finden, nicht mehr als vierzig bis fünfzig Pfennig den Tag verdienen. Und derartiger Arbeiter giebt es in Osaka über sechzigtausend. Die besten Mechaniker erhalten einen Tagelohn von etwa zwei Mark, Sticker, Aufseher, Maler, Holzschnitzer eine Mark, Fabrikarbeiter durchschnittlich vierzig bis fünfzig Pfennig, Tagelöhner siebzig Pfennig. Noch viel geringere Arbeitslöhne erhalten die Arbeiterinnen. Am höchsten werden die Stickerinnen und Malerinnen bezahlt. Sie erhalten etwa vierzig Pfennig täglich; ihnen zunächst kommen Aufseherinnen und die ausgezeichnetsten Arbeiterinnen in den verschiedenen Industriezweigen mit etwa dreißig Pfennig, gewöhnliche Arbeiterinnen in den Fabriken mit zwanzig Pfennig und schließlich die Lehrmädchen mit zehn bis dreizehn Pfennig täglichem Arbeitslohn. Wie man sieht, betragen also die Arbeitslöhne in Japan im großen und ganzen nur ein Viertel bis ein Fünftel der europäischen Löhne, und wenn man berücksichtigt, daß Japan in Bezug auf Asien etwa ähnlich gelegen ist wie England in Bezug auf Europa, daß es mit den verschiedenen Ländern und Häfen der asiatischen Welt durch eigene japanische Dampferlinien in Verbindung steht und daß die Entfernung dieser Länder von Japan nur ein Drittel bis ein Fünftel ihrer Entfernung von Europa beträgt, an Fracht und Versicherungskosten demnach ungemein viel erspart wird, so hat man die Erklärung für den Aufschwung von Japan als Industriestaat und die Bedrohung der asiatischen Märkte durch die japanische Industrie.
Am auffälligsten wird sich das dem Japanreisenden in Osaka zeigen. Die einheimische Bevölkerung hat für die Bewältigung der industriellen Aufgaben hier längst nicht mehr hingereicht, und aus allen Provinzen strömt die Landbevölkerung hierzusammen, um Arbeit zu finden, die in der Stadt immer noch besser bezahlt wird wie auf dem Lande, gerade so wie es in den europäischen Industrieländern der Fall ist. In den letzten Jahren sind ganz neue Stadtteile entstanden, und die leichten, ärmlichen Häuschen sind schon vermietet, ehe sie fertig dastehen. Die Baugründe sind in diesem industriellen Emporium im Preise auf nahezu das Dreifache jener der Landeshauptstadt Tokio gestiegen, dementsprechend sind auch die Mieten und der Schischikin höher. Jeder, der ein Haus mieten will, muß dem Besitzer, bevor er das Haus bezieht, eine bestimmte Summe als eine Art Garantie zahlen, und diese wird Schischikin genannt. Brennt das Haus nieder, so fällt der Schischikin dem Hausbesitzer ganz zu, jedenfalls erhält er aber beim Ablauf der Miete zwanzig Prozent dieses Garantiebetrages, und bei den ärmlichen Verhältnissen der Japaner muß es Verwunderung erwecken, daß sie überhaupt im stande sind, den Schischikin zu erlegen. Der größte Zuzug nach Osaka kommt aus der westlich davon gelegenen Provinz Hiroschima, hauptsächlich Nachkommen der von den japanischen Eroberern unterworfenen Ureinwohner des Landes, der Ainos, ein friedfertiges, fleißiges, anspruchsloses Völkchen, das auch das Hauptkontingent für die japanischen Arbeiterkolonien in Australien, Neukaledonien, Hawai u. s. w. geliefert hat. Tausende von armen jungen Mädchen im zarten Alter von acht bis zwölf Jahren finden in den Fabriken von Osaka Beschäftigung, und viele Fabrikbesitzer haben für diese jungen, unselbständigen Arbeiterinnen eigene Kasernen angelegt, in welchen sie essen, schlafen, ja mitunter sogar im Lesen und Schreiben unterrichtet werden. Von ihrem kärglichen Tagelohn von durchschnittlich zwölf Pfennig müssen sie etwa neun Pfennig für Kost und Wohnung abgeben. Bei ihrem Anwerben erhalten sie einige Mark für Kleidung und überdies die Reisekosten nach Osaka, dafür müssen sie sich auf die Dauer von drei Jahren an die Fabrik verpflichten; der Ueberschuß von ihren Löhnen wird in eigenen Sparkassen angelegt und ihnen nach Ablauf ihrer Arbeitszeit bar ausbezahlt. Die erste Fabrik, die diese Einrichtung traf, war die große Kanegafudschi-Spinnerei in Tokio, welche über zweitausend solcher kleiner Mädchen beschäftigt.
Aber wo sind diese großen Fabriken von Osaka? In dem Straßengewirre dieser großen Stadt sind sie nicht zu sehen. Sie liegen größtenteils außerhalb, an den schmutzigen, übelriechenden Kanälen, gewaltige, ganz europäische Bauten, nach den modernsten Mustern angelegt und mit den besten europäischen Maschinen eingerichtet, von denen viele auch von Deutschland bezogen worden sind. Die beiden größten Etablissements stehen unter dem Betriebe der Regierung: das Arsenal und die Münze. Nach dem Urteil hervorragender Fachleute können sich beide mit den besten Etablissements dieser Art in Europa messen. Der österreichische Thronfolger, Erzherzog Franz Ferdinand, sagt in seinem ausgezeichneten Weltreise-Tagebuche folgendes über das Arsenal: „Die Kürze der Zeit, in welcher Japan vermocht hat, sich mitallen einschlägigen europäischen Einrichtungen vertraut zu machen, nimmt geradezu wunder. Das Arsenal ist mit Maschinen modernster Konstruktion ausgerüstet, so daß die Geschützrohre, welche in rohem Zustande aus der Gießerei kommen, binnen kürzester Zeit fertiggestellt werden. In mehreren umfangreichen Hallen wird die Geschoßerzeugung in großem Stile betrieben; selbstverständlich fehlt es auch nicht an den erforderlichen Nebeneinrichtungen, Reparaturwerkstätten, Tischlereien, Wagenbauereien und Sattlereien. Das Arsenal übernimmt gegenwärtig auch schon Lieferungen für das Ausland; so wurden gerade jetzt einige Gebirgsgeschütze für die portugiesische Regierung hergestellt.”
Ebenso wie das Arsenal wird auch die kaiserliche Münze, eine der größten und vollkommensten der Erde, durchaus von Japanern geleitet. Mit erstaunlichem Nachahmungstalent haben die kleinen, freundlichen, zuvorkommenden Japaner auf ihren europäischen Studienreisen die Geheimnisse unserer Erzeugungsmethoden auf geraden oder krummen Wegen kennen und nachahmen gelernt, und nach Hause zurückgekehrt war es ihr erstes, dieselben Anlagen herzustellen und einzurichten, um sich von den europäischen Märkten zu befreien. Dasselbe gilt von den großen Baumwollspinnereien, in denen Hunderttausende von Spindeln schwirren und aus australischer, indischer, ja selbst ägyptischer Baumwolle Garne herstellen, die in ganz Ostasien, sogar in Indien, allmählich die europäischen Produkte verdrängen. Aehnliches gilt von Webereien, Bierbrauereien, Lederfabriken, Glasbrennereien. Auf meinen Spaziergängen durch Osaka stieß ich sogar auf Fabriken von europäischen Regenschirmen, für welche die Stahlrippen aus Deutschland kommen, von Seifen, Zahnbürsten, Schuhen, ja sogar von Taschenuhren. Allerdings arbeitet die Uhrenfabrik heute noch, nach mehrjährigem Bestande, mit Verlust, aber es wird nicht lange dauern, bis sie ebensolche Erfolge aufzuweisen haben wird wie die Fabriken schwedischer Streichhölzchen, die heute schon die ganze, früher sehr bedeutende Einfuhr dieser Artikel aus Europa in Ostasien verdrängt haben.
Die Regierung unterstützt diese Entwickelung der einheimischen Industrie mit allen Kräften und lehnt sich dabei vollständig an die den Europäern haarklein abgelauschten Methoden an. So fand ich mitten in der Stadt ein großartiges Handelsmuseum, wie es leider selbst in vielen europäischen Großstädten noch fehlt. Jede japanische Stadt hat ein derartiges, Hakurankwei genanntes Museum, aber von allen, die ich gesehen habe, ist jenes von Osaka das vollständigste. Gegen Erlag eines Eintrittsgeldes von wenigen Pfennigen trat ich in einen großen, mit Baumanlagen und Blumenbeeten geschmückten Ausstellungspark mit einer Anzahl von Gebäuden, ganz wie irgend eine europäische Industrieausstellung, nur daß jene von Osaka permanent ist. In den Gebäuden sind all die hunderterlei Industrien der Stadt systematisch geordnet; die Produkte sind mit vielem Geschick übersichtlich aufgestellt; jeder einzelne Artikel, selbst der kleinste, zeigt auf einem kleinen Zettelchen den Preis und kanngleich an Ort und Stelle erworben und mitgenommen werden. Am Abend ist der Park mit elektrischem Licht hell erleuchtet, eine Militärmusik konzertiert, und Tausende von Japanern besuchen diese Ausstellung, als ob Ausstellung, elektrisches Licht, Wiener Walzer und dergleichen hier etwas ganz Selbstverständliches, Altbekanntes und nicht durchaus fremde, erst vor wenigen Jahren hier aufgepfropfte Kulturblüten wären.
Ebenso wie der Industrie haben sich die Japaner auch der europäischen Militärkunst bemächtigt und sie in Osaka nach dem alten dräuenden Fort verlegt, das auf einer Anhöhe im Osten der Stadt, hoch über dem wasserreichen, reißenden Yodogawastrom, thront. Der große japanische Feldherr Hideyoschi ließ es im Jahre 1583 erbauen, und sein Palast im Innern dieser starken Feste war der großartigste und kostbarste, den Japan je besessen hat. Der erste Schogun aus der Familie Tokugawa, der berühmte Iyeyasu, nahm es 1615, und seither blieb es im Besitz der mächtigen Schogune bis zum Jahre 1858. Hier wurde der letzte Schogun mit dem Reste seines Heeres von den Truppen des Mikado bedrängt, und am 22. Februar des genannten Jahres fiel auch dieses japanische Gaeta. Der Schogun flüchtete sich auf ein amerikanisches Kriegsschiff, seine Anhänger steckten den kostbaren Palast, den größten Stolz der japanischen Kunst, in Brand, und die Flammen, die ihn verzehrten, wurden zum Grabe des altjapanischen Feudalsystems, gleichzeitig aber zur Wiege der neuen Kaiserherrschaft und der modernen Aera.
Heute enthält die Festung die Kasernen und Offiziersquartiere einer japanischen Division. Zwischen den Wachen durch die Eingangsthore schreitend betrachtete ich mit Staunen die gewaltigen Mauern, welche Hideyoschi vor dreihundert Jahren hier hat aufführen lassen. Steinblöcke von sechs bis sieben Metern Länge, in einem Gewichte von weit über hundert Tonnen, an Massenhaftigkeit mit den Steinkolossen von Baalbeck und Karnack wetteifernd, liegen hier zu ungeheuren Mauern aufgetürmt, und wie dort, so mußte ich mich auch hier wundern, wie es den alten Japanern mit ihren ursprünglichen Mitteln, ohne Kenntnis unserer Mechanik, möglich war, diese Blöcke hierherzubringen und aufeinanderzulegen. Dieselben sind übrigens auch bei den Japanern Gegenstände der Bewunderung, und jeder einzelne hat seinen eigenen Namen. An den Ecken erheben sich heute noch auf diesen Mauern die eigentümlichen altjapanischen Wachthäuser mit mehreren Dächern übereinander, sonst aber ist alles dem modernen Militärwesen entsprechend eingerichtet worden. Wo immer möglich, scheint es das Streben der japanischen Regierung zu sein, Altjapan zu zerstören und die Kultur gewaltsam der abendländischen anzupassen. Aber im Volke mit seinen Sitten, seiner Religion und seinen Trachten ist alles beim alten geblieben.
Yebiso, Vorstadt von Osaka.❏GRÖSSERES BILD
Yebiso, Vorstadt von Osaka.
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