Formosa.

Postläufer.Formosa.

Postläufer.

Postläufer.

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Mit der Insel Formosa haben die Japaner eine selbständige chinesische Provinz von über vierunddreißigtausend Quatratkilometern Größe und etwa dreieinhalb Millionen Einwohnern gewonnen, ein Gebiet, auf das sie zur Erfüllung ihrer handelspolitischen Pläne längst ein Auge geworfen hatten und dessen Besitz sie in Zukunft noch unabhängiger von dem europäischen Handel und noch gefährlicher für den letzteren machen wird als bisher. Den Chinesen dagegen war das Opfer, das sie brachten, kein besonders großes, denn der Wert Formosas war für sie bisher recht problematisch, und früher oder später hätten sie diese kleinste ihrerProvinzen doch an die eine oder die andere Macht verloren. Bei einem Länderbesitz von mehr als elf Millionen Quadratkilometern bildete Formosa nur den dreihundertsten Teil des chinesischen Reiches, und selbst davon war nur eine Hälfte im Laufe der letzten Jahrhunderte unterworfen worden. Die östliche Hälfte Formosas wird heute noch von den der Hauptsache nach malayischen Urbewohnern eingenommen, welche die Chinesen trotz fortwährender Kämpfe doch noch nicht zu bezwingen im stande waren und wohl nie mit Waffen hätten bezwingen können. Dies wird den Japanern überlassen bleiben. Auch diese werden sich die Zähne an den wilden, tapferen Stämmen ausbeißen, die in den Gebirgen und Urwäldern des östlichen Formosa hausen. Die Insel kam überhaupt erst vor etwa zweieinhalb Jahrhunderten in den Besitz der Chinesen. Die ersten Besitzer waren die Portugiesen, die hier eine Handelsniederlassung gründeten und der Insel ihren wohlverdienten Namen, Formosa, die Schöne, gaben. Wie die meisten Besitzungen der Portugiesen, fiel auch diese bald in andere Hände. 1643 setzten sich die Holländer hier fest und erbauten, nahe der Nordspitze, bei Tamsui, ein Fort, das zum Teil noch heute steht und eine Zeitlang in seinen Mauern die Residenz des englischen Konsuls beherbergte. 1661 ließen die Chinesen die Fremdlinge durch ihren berüchtigten Piratenchef Koksuiga vertreiben, gewiß zum Nachteil dieses herrlichen Eilandes, das im Besitz einer europäischen Macht sich längst zu einer blühenden Kolonie entwickelt haben würde. Bis zum französisch-chinesischen Kriege von 1884 bildete Formosa einen Teil der benachbarten Provinz Fokien; damals wurde der Chinesengeneral Liu-Ming-Chuan mit einer Armee von vierzigtausend Mann nach Formosa gesandt, um die Franzosen daraus zu vertreiben, und wahrscheinlich zur Belohnung für die vielen Niederlagen, die er bis zum Friedensschlusse dort erlitt, wurde er zum ersten Generalgouverneur der neugeschaffenen Inselprovinz ernannt und konnte die Summen, die bis dahin von dem Gouverneur von Fokien vom Volke erpreßt wurden, nunmehr selbst einstreichen. Vor 1885 war nämlich der Gouverneur von Fokien gleichzeitig Fu, d. h. Präfekt, von Formosa, mit der Verpflichtung, die Insel alle drei Jahre zu besuchen. Dem Laufe der Dinge gemäß mußten bei diesen Besuchen die Unterbeamten der Insel dem Präfekten Geschenke in Geld und Waren machen, und die Mandarine kehrten von ihren Ausflügen nach Formosa gewöhnlich mit wohlgefüllten Geldsäcken zurück.

Schiffbrücke über den Handafluß.❏GRÖSSERES BILD

Schiffbrücke über den Handafluß.

❏GRÖSSERES BILD

Liu-Ming-Chuan war übrigens ein vortrefflicher Gouverneur, ein kleiner Li-Hung-Tschang des Südens, und die Japaner, welche die Insel nun übernahmen, haben ihm sehr viel zu danken, sogar eine Eisenbahn, die zweite, die innerhalb des Bereiches des Drachenbanners überhaupt gebaut wurde. Unter seiner Regierung machten auch die wilden Stämme lange nicht so viel zu schaffen wie früher. Liu wußte sehr wohl, daß es den Chinesen nicht gegeben sei, Völkerschaften mit den Waffen in der Hand zu unterdrücken; deshalb setzte er sich mit den feindlichenHäuptlingen ins Einvernehmen, und nach dem alten Lehrsatz, daß kleine Geschenke die Freundschaft erhalten, ließ er den Häuptlingen Tücher, Decken, Pfeifen, Messer, Waffen u. dergl. verabfolgen, Dinge, welche die Häuptlinge gewissermaßen als Tribut betrachteten. Jedenfalls verhinderten sie aus Dankbarkeit dafür die bisherigen Raubzüge ihrer Stämme nach der von den Chinesen besiedelten Westhälfte der Insel, bei denen sie stets ganze Dörfer und Städte zu plündern pflegten. Aber das altherkömmliche Vergnügen, das die Formosaner darin finden, den Chinesen die Köpfe abzuschlagen, konnten die Häuptlinge nicht unterdrücken. Wie die berüchtigten Dajaken von Borneo, so sind auch die Formosaner auf Menschenköpfe passioniert. Bei manchen Stämmen darf kein junger Mann heiraten, ohne vorher mindestens den Kopf eines Chinesen dem Häuptling überbracht zu haben. Das Köpfen erfolgt aber nicht etwa in offenem Kampfe. Die jungen Leute lauern reisenden Chinesen auf, überfallen sie von rückwärts, und sobald sie die Köpfe vom Rumpfe getrennt haben, laufen sie mit diesen blutigen Trophäen ihren Lagern zu. Dort wird zunächst ein Kriegstanz ausgeführt, währenddessen der glückliche Bräutigam seine Braut in Empfang nimmt, um sie nach seiner aus Baumrinde gebauten Hütte zu führen. Dort wird die Braut von allen Squaws des Stammes besucht. Ob die Formosaner auf die Köpfe der Japaner ebensolchen Appetit haben werden wie auf jene der Chinesen, wird die Folge zeigen. Jedenfalls werden sie auf ihre eigenen Köpfe etwas mehr achten müssen als bisher. Zwischen Japanern und Formosanern herrscht entschieden größere Rassenverwandtschaft als zwischen den letzteren und den Chinesen. Wie die Japaner, so bedecken auch die wilden Formosaner ihre Körper mit Tättowierungen, eine Verrichtung, die den Weibern obliegt. Manche Krieger zeigen auf ihrer Haut ihre ganze Lebensgeschichte. Auch die Weiber werden vor ihrer Vermählung tättowiert, und am Vermählungstage müssen sie sich außerdem ihre Augenzähne ausziehen lassen. Ein eigentümlicher Gebrauch der Formosaner ist der, ihre Toten an derselben Stelle zu beerdigen, auf der sie gestorben sind, und ist dies in ihrem eigenen Hause geschehen, so werden sie unter dem Fußboden desselben eingescharrt. Kriegern werden außer Lebensmitteln auch ihre Waffen mit ins Grab gelegt.

Die Bedürfnisse der wilden, der Mehrzahl nach großen und kräftigen Formosaner sind sehr gering; ihre Bekleidung ist ebenso spärlich wie die der Malayen, und ihre Nahrung gewinnen sie durch Jagd und Fischfang. Sie sind also keine nennenswerten Abnehmer für europäische oder japanische Waren, aber dafür birgt ihre Heimat so große Naturschätze, daß die Japaner dennoch sehr bald in Beziehungen zu ihnen werden treten müssen. Ohne blutige Kämpfe wird dies nicht abgehen, denn die leichtfüßigen Formosaner leben nur in den schwer durchdringlichen Urwäldern und dem zerklüfteten Hochgebirge, dessen Gipfel die Höhe von dreitausend Metern erreichen. Dort liegen große Kohlen-, Eisen-, Kupfer- undGoldlager, die bei regelrechter Ausbeutung reichen Ertrag liefern würden, und die Urwälder bestehen hauptsächlich aus großen Kampferbäumen, auf die es die Japaner hauptsächlich abgesehen haben.

Von Wichtigkeit für den russischen und amerikanischen Markt ist auch das Vorhandensein von Petroleum in Formosa. Rußland besaß bisher eine Petroleumeinfuhr in China im Umfange von jährlich zehn Millionen Gallonen, Amerika eine solche von vierzig Millionen Gallonen; Japan dagegen bezahlte bisher jährlich zwischen drei und vier Millionen Yen für Petroleum an die genannten beiden Länder. Sollten sich die Petroleumlager auf Formosa in der That als so ergiebig erweisen, wie man glaubt, so dürfte dies der Einfuhr vom Auslande her einen empfindlichen Schlag versetzen.

Während die mineralischen Schätze Formosas noch größtenteils brach liegen, haben die von den benachbarten Provinzen des chinesischen Festlandes eingewanderten Chinesen mit gewohntem Fleiß die ungemein fruchtbaren Ebenen des westlichen Formosa in ausgedehnte Thee-, Reis- und Zuckerpflanzungen verwandelt. 1887 gelang es dem Vizekönig Liu, einige Stämme der wilden Formosaner zur Unterwerfung zu bringen. Wenigstens fand ich in der Pekinger Zeitung vom 26. Juni 1887 einen langen Bericht, in dem Liu die Vollendung einer Straße in westöstlicher Richtung quer durch Formosa von Chang-hua nach Shui-wei meldete. Dadurch konnten chinesische Truppen bis an die Ostküste vordringen und neunundachtzig Ortschaften mit einundzwanzigtausend Einwohnern der chinesischen Verwaltung einverleiben. In einem späteren Bericht meldet Liu die Unterwerfung von weiteren Distrikten an der Ostküste mit gegen sechzigtausend Einwohnern. Dieselben nahmen chinesische Ortsvorsteher und Präfekten sowie den chinesischen Kalender an, ja heute tragen sie chinesische Kleidung und Haartracht mit langen Zöpfen; sie haben Jagd und Fischfang aufgegeben und sind friedliche Ackerbauer geworden. Dadurch wurden Hunderttausende von Morgen des fruchtbarsten Landes der Kultur gewonnen. Die zahlreichen Mischlinge zwischen den Eingeborenen und Chinesen, Pepos genannt, nähern sich im Charakter mehr den Chinesen und sind ebenfalls fleißige, intelligente Pflanzer. In ihrer langsamen Weise und trotz aller Unehrlichkeit der Beamten haben die Chinesen im ganzen genommen während der zweihundert Jahre, die sie wirklich auf Formosa waren, jedenfalls mehr zuwege gebracht als die Spanier auf den Philippinen in dreihundert Jahren.

Früher bildete Reis den wichtigsten Exportartikel von Formosa; allein durch die Unterwerfung so großer Massen von Eingeborenen, die früher von Jagd und Fischfang lebten, durch die große Zuwanderung und die starken aus China nach Formosa gesandten Truppenkörper stieg der Reisbedarf der Insel derart, daß der Export vollständig aufgehört hat. An seine Stelle tritt als wichtiger Ausfuhrartikel im Norden Thee, im Süden Zucker. Der Formosathee (Oolang) wirdhauptsächlich nach Amerika ausgeführt und kommt nach Europa nur in ganz geringen Mengen, vermischt mit chinesischem Thee. Zucker wurde früher nach Europa und Australien ausgeführt. Durch das Fallen der Zuckerpreise hier lohnte sich der Export nicht mehr, und der größte Teil des Formosazuckers geht jetzt nach Japan und dem chinesischen Festlande. Man sieht also, welche Wichtigkeit die Landesprodukte Formosas für Japan besitzen, das dafür wieder mit den europäischen Staaten in Bezug auf die Einfuhr wetteifert. Dieselben Artikel, die es mit so vielem Erfolg auf den chinesischen Markt wirft, führt es auch in Formosa ein, und da die Insel nunmehr ganz in den Besitz Japans übergegangen ist, wird es mit der Einfuhr europäischer Waren in Formosa, die in den letzten Jahren durchschnittlich einen Wert von fünfzehn bis zwanzig Millionen Mark erreichte, nun ganz zu Ende sein. Ein großer Teil des Warenverkehrs zwischen Formosa, China und Japan erfolgte bisher auf deutschen Schiffen; auch diese dürften in Zukunft durch japanische ersetzt werden. Bisher hatte die japanische Nipon Yusen Kaisha, eine der größten Dampfergesellschaften der Welt, wohl regelmäßige Linien nach den benachbarten Lutschuinseln und den chinesischen Häfen Amoy und Futschau, die Formosa gegenüberliegen, aber nicht nach dieser Insel selbst. Einen Monat nach dem Friedensschluß schon wurde von der Yusen Kaisha beschlossen, nunmehr auch regelmäßig Dampfer nach Formosa laufen zu lassen. Geht diese Ausbreitung des japanischen Dampferverkehrs so weiter fort, so werden noch eine Anzahl anderer deutscher Dampfer, hauptsächlich die sogenannten Tramp Steamers, in Ostasien ihren Verkehr einstellen müssen. Die Japaner unterhalten heute schon regelmäßige Dampferverbindung unter japanischer Flagge mit Korea, China, den Philippinen, Indien, Java, Australien und sogar der Südsee. Eine der ersten Thaten der Japaner auf Formosa wird es auch sein, die Seidenzucht einzuführen, was den Chinesen bisher trotz mehrfacher Versuche nicht glückte. Heute schon ist Japan neben China das wichtigste Seidenland und erreicht bei einer Seidenausfuhr im Werte von jährlich sechzig Millionen Yen beinahe die Ausfuhr von Frankreich und Italien. Formosa wird die Produktion der Rohseide noch weiter vermehren, japanische Fabriken werden sie verarbeiten; und bei den alle Konkurrenz unmöglich machenden billigen Löhnen wird die Ausfuhr der Seidenstoffe aus Japan, die heute etwa siebzehn Millionen Yen erreicht, sehr bald zu ungeahnter Höhe steigen. Deutschland ist daran mit Frankreich und Italien lebhaft interessiert, denn wir besitzen eine jährliche Ausfuhr von Seidenwaren im Werte von hundertundsechzig Millionen Mark. Diese ostasiatische Konkurrenz wird in den kommenden Jahrzehnten eine Existenzfrage für Millionen werden.

Durch die Abtretung der Insel Formosa an Japan ist auch die Kampfererzeugung sozusagen ein Monopol der Japaner geworden, denn dieser in der Arzneikunde sowohl wie in manchen Industrien so ungemein wichtige Artikel wird nur auf densüdlichen Inseln des Mikadoreiches und auf der Insel Formosa gewonnen. Wohl habe ich auch auf den Sundainseln, in Siam, Malakka, Andalusien und Westindien Kampferbäume angetroffen, aber Wälder und Pflanzungen dieser höchst wertvollen Bäume haben nur die japanischen Inselgruppen bis zum fünfunddreißigsten Breitengrad aufzuweisen, und die zivilisierte Welt wurde von diesen mit dem Bedarf an Kampfer versorgt. Bisher wurde die größte Menge des rohen Kampfers nach Europa (hauptsächlich nach London und Hamburg) sowie Nordamerika verschifft und dort in eigenen Raffinerien für den Gebrauch zubereitet. Von Formosa kamen sehr bedeutende Mengen zunächst in Hongkong auf den Markt, und durch diese wurde der Preis des japanischen rohen Kampfers innerhalb gewisser niedriger Grenzen gehalten. Dadurch aber, daß Formosa nunmehr an Japan gefallen ist, beherrschen die Japaner nicht nur den ganzen Markt, sondern sie dürften auch die Ausfuhr des Rohkampfers mit hohen Zöllen belegen, um dadurch die einheimischen Kampferraffinerien zu heben.

Die Japaner werden auch gewiß die beiden bisherigen Haupthäfen Formosas, Tamsui und Tainan, aufgeben und einen dritten Hafen, Kelung, an ihrer Stelle wählen. Tamsui und Tainan sind dem europäischen Handel seit 1858 geöffnet gewesen, es sind dort eine Anzahl europäischer, darunter auch deutsche, Firmen etabliert; dieselben haben Godowns und Hongs (Geschäfts- und Warenhäuser) mit großen Kosten aufgeführt und mit vieljähriger Mühe endlich den Handel auf eine gewinnbringende Grundlage gebracht. Damit dürfte es bald ein Ende haben; die Europäer werden ausziehen und den Japanern Platz machen müssen. Nicht etwa, daß sie durch Gewalt vertrieben würden, die Japaner werden sie einfach, figürlich gesprochen, aushungern. Die beiden Häfen Tamsui und Tainan sind nämlich den Dampfern nicht zugänglich; diese müssen weit außerhalb auf offener Reede liegen bleiben, und während des Südwestmonsuns, der hier sehr stark bläst, von den hier sehr häufigen Taifuns gar nicht zu sprechen, kommt es oft genug vor, daß die Schiffe, ohne Ladung zu löschen, nach den Pescadores oder gar nach Amoy oder Futschau weiterdampfen müssen. In Kelung, das nur etwa dreißig Kilometer östlich von Tamsui an der Nordostspitze von Formosa liegt, ist die Wassertiefe bis dicht an die Werften selbst für große Kriegsdampfer hinreichend, und überdies ist der Hafen durch eine vorliegende Insel gegen Stürme geschützt. Außerdem liegen dicht bei Kelung die großen Kohlenlager, die bisher Südchina, vor allem Futschau, mit Kohlen versahen. Kelung ist also unzweifelhaft der zukünftige Haupthafen Formosas, während Tamsui und Tainan nur den chinesischen Dschunkenverkehr, wenigstens zum Teil, behalten dürften.

Tamsui sowohl wie Tainan sind nicht etwa kompakte Ortschaften wie andere chinesische Hafenstädte. Beide sind nur Sammelnamen für mehrere Ortschaften. Etwa fünfzehn Kilometer südlich des mit Tamsui bezeichneten Küstenplatzes ander Nordspitze Formosas liegt nämlich an dem Taipeifluß die gleichnamige Hauptstadt der Insel. Tamsui besitzt nur das Zollamt, einige Warenhäuser und ein altes holländisches Fort mit einigen offiziellen Gebäuden. Die europäischen Kaufleute wohnen größtenteils in Tuatutiah, einige Kilometer stromaufwärts in der Nähe von Taipei gelegen; und noch weiter stromaufwärts liegt die Chinesenstadt Banka, an der Grenze des großen Reisdistrikts von Formosa. Taipei ist eine Schöpfung des Generalgouverneurs Liu; er ließ die Stadt ganz nach amerikanischem Muster, schachbrettförmig, mit breiten Straßen anlegen, eine Straße nach Tuatutiah bauen, die Stadt elektrisch beleuchten und baute sich aus dem Erlös der Bauplätze seiner Städtegründung einen herrlichen Yamen (offiziellen Palast); selbst japanische Jinrikshaws führte er in Taipei ein.

Ebenso wie Tamsui besteht Tainan, der südliche Hafen, aus drei Ortschaften. Tainan oder Taiwan-fu ist eine von Cantonesen gegründete Chinesenstadt, etwa sechs Kilometer von der Küste entfernt gelegen und durch einen für Dschunken passierbaren Kanal mit dem eigentlichen Hafen von Tainan, Anping, verbunden. Wenn auf den Landkarten Takao, etwa fünfundvierzig Kilometer weiter südlich gelegen, als europäischer Haupthafen angegeben steht, so ist dies unrichtig. In früheren Jahren war allerdings Takao der Hauptlandungsplatz der Schiffe, allein er ist, wie gesagt, fünfundvierzig Kilometer von der Stadt Taiwan-fu entfernt und nur durch einen elenden Karrenweg mit ihr verbunden. Außerdem war das Klima den europäischen Kaufleuten nicht zuträglich, trotz der herrlichen Vegetation Takaos und des hinter ihr gelegenen Ape-hill (Affenberg). Die Kaufleute und mit ihnen der Handels- und Schiffahrtsverkehr haben sich deshalb nach Anping gezogen, das auch der Sitz der Konsulate, darunter des kaiserlich deutschen Vizekonsulats, geworden ist. Statt Takao sollte deshalb auf den Landkarten Anping als Haupthafen verzeichnet werden. Ebenso müßte statt Taiwan auf den Landkarten Tainan oder Taiwan-fu stehen, denn Taiwan ist eine ganz andere Ortschaft, im Herzen der Insel gelegen und von Liu zur Hauptstadt derselben bestimmt. Daß die Schiffe in den Häfen nicht anlaufen können, sondern kilometerweit außerhalb der Schlamm- und Sandbänke im Meere ankern müssen, kommt ja nicht nur in Formosa, sondern in anderen Häfen Ostasiens vor. Aber nirgends ist die Brandung, besonders bei Südmonsun, so heftig wie hier, wo die Wellen der chinesischen Südsee mit voller Gewalt anprallen. Deshalb ist bei Monsun die Ladung nicht einmal in kleinen Booten möglich und kann nur mittels Catamarans erfolgen. Diese sind Flöße, bestehend aus zwölf etwa sieben Meter langen Bambusrohren, in deren Mitte eine Art Badewanne festgebunden ist. In diese müssen sich die Passagiere setzen, und so werden sie von den Wellen ans Land getragen, nicht ohne jedesmal gehörig durchnäßt zu werden. Aehnlich geht die Landung der Waren vor sich, und es ist deshalb begreiflich, daß die Japaner Kelung als Haupthafen vorziehen werden.

Die Japaner werden auch binnen kurzer Zeit die von den Chinesen längst projektierte Eisenbahn vollenden, welche die Insel von Nord nach Süd durchziehend, Kelung und Tamsui mit Anping verbinden soll und von der bisher nur etwa dreißig englische Meilen in Betrieb standen.

Der unternehmende Liu betraute 1887 europäische Ingenieure mit der Ausarbeitung der Linie, übertrug aber die Ausführung chinesischen Truppen. Der zwischen Tamsui und Kelung gelegene Höhenzug sollte mittels eines Tunnels durchbrochen werden, dem chinesischen General wollte indessen das schwarze Loch nicht recht einleuchten, und so gab er den Befehl, die Bergkette mitten durchzuschneiden. Nach jahrelanger, unsinniger Arbeit wurde dieses Projekt als unausführbar aufgegeben und der Tunnel doch ausgeführt. Aber die Chinesen scheuten sich, durch diese dunkle Höhle zu fahren, und monatelang nach der Eröffnung der Eisenbahn zwischen Tamsui und Kelung blieben die Züge diesseits des Tunnels stehen, und die Passagiere überkletterten mühsam den Höhenzug, während die Züge leer durch den Tunnel rasselten. Erst allmählich gewöhnten sich die Chinesen an die Durchfahrt.

Die Briefpost wird durchweg von Läufern besorgt, und die Gebühren für einen fünfzehn Gramm schweren Brief betragen beispielsweise zwischen Anping und Tamsui zweihundertfünfzig Cash, etwa fünfzig Pfennige. Diese in Formosa zur Verwendung gelangenden Cash sind die schlechtesten von ganz China, vielfach durchlöchert und großenteils aus Eisen hergestellt. Banken giebt es auf Formosa nicht, und da es sich bei der großen Ein- und Ausfuhr doch häufig um beträchtliche Summen handelt, werden von den chinesischen Hongs (Geschäftshäusern) gewöhnlich fünfzig mexikanische Silberdollars oder japanische Yen in eine Rolle gethan, und die Papierhülle wird mit dem Hongstempel versehen. Sind diese Hongs achtbar und angesehen, so wandern die Silberrollen ungeöffnet von Hand zu Hand, bis sie auseinanderfallen. Dann kommt gewöhnlich die sonderbarste Münzensammlung zum Vorschein. Falsche Münzen werden von den Hongs, welche die Rollen ausgegeben haben, sofort gegen echte umgewechselt.

Die japanische Verwaltung hat natürlich versucht, Ordnung in diese Verhältnisse zu bringen, zum Segen des Landes und seiner Einwohner; allein bisher ist dies den Japanern nicht gelungen. Die Eingeborenen setzen den neuen Herren den heftigsten Widerstand entgegen, und es ist gar keine Aussicht vorhanden, die Insel in absehbarer Zeit dem Frieden zuzuführen.


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