Japan als Industriestaat.

Japan als Industriestaat.

V

Von beachtenswerter Seite ist vor kurzem die Ansicht ausgesprochen worden, Japan werde sich kaum jemals zu einem Industriestaate entwickeln, sondern für immer vorzugsweise ein Ackerbaustaat und deshalb auch ein bedeutender Abnehmer fremder Industrieerzeugnisse bleiben. Auf welcher Grundlage diese Bemerkungen fußen, ist schwer zu erkennen, es sei denn, daß man die Verhältnisse in dem alten Japan, wie es vor 1870 war, als Maßstab angenommen hat. Damals war Japan allerdings ein Ackerbaustaat; aber man braucht nur die verschiedenen Zweige der nationalen Thätigkeit durchzusehen, um zu erkennen, daß sich in den letzten drei Jahrzehnten eine ganz entschiedene Umwandelung des ostasiatischen Inselreiches aus einem Ackerbaustaat in einen Industriestaat vollzogen hat. Mit jedem Jahre tritt diese Umwandelung kräftiger hervor, und setzt man einige Haupterzeugnisse Japans, wie Thee, Seide und Reis, beiseite, so wird man in Zukunft mit Japan als mit einem geradezu ausschließlichen Industriestaate zu rechnen haben, dessen mächtiger Einfluß auf die Ausfuhr Europas nach Ostasien und die Küstenländer des Stillen Ozeans sich von Jahr zu Jahr mehr fühlbar machen wird.

Dank der Anregung und Unterstützung durch die japanische Regierung, dank der Vermehrung der Bevölkerung in Japan um 25 Prozent innerhalb zweier Jahrzehnte, dank dem allgemeinen Erwachen und Anspannen der nationalen Thätigkeit, hat natürlicherweise auch der Ackerbau sehr bedeutende Fortschritte aufzuweisen, die hauptsächlich der Verbesserung der Bodenbewirtschaftung und der größeren Sorgfalt zuzuschreiben sind; denn die bebaute Bodenfläche hat sich in den letzten Jahrzehnten nicht in dem gleichen Verhältnis vergrößert. Während beispielsweise die Reisländereien seit fünfzehn Jahren nur um 8½ Prozent zugenommen haben, beträgt die Zunahme der Reiserzeugung das Dreifache, nämlich 25½ Prozent. Die Getreideländereien haben um 20 Prozent, die Getreideerzeugung aber um 58 Prozent zugenommen. Die Zunahme von Thee und Seide ist noch beträchtlicher, denn sie betrug innerhalb der letzten fünfzehn Jahre bei Thee etwa 240 Prozent, bei der Seide sogar 300 Prozent. Zu diesen Stapelartikeln des japanischen Ackerbaues ist durch die Einverleibung Formosas in das japanische Reich auch noch Kampfer und vor allem Zucker gekommen. Bisher war Japan in Bezug auf Zucker hauptsächlich auf die Einfuhr vom Auslande angewiesen, und sein Bedarf an diesem für die deutsche Ausfuhr bekanntlich äußerst wichtigen Artikel steigerte sich von 28 Millionen Kilogramm im Jahre 1872 auf das Fünffache, nämlich gegen 150 Millionen Kilogramm im Jahre 1898, für die es an das Ausland etwa 58 Millionen Mark bezahlte. Die eigene Erzeugung war 1894 schon auf nahezu 50 Millionen Kilogramm gestiegen, und die Verhältnisse für die weitere Vermehrungder Zuckerplantagen im japanischen Reiche liegen so günstig, daß es mit der Einfuhr von Zucker vom Auslande her voraussichtlich bald ein Ende haben wird.

Das Einsetzen der jungen Reispflanzen.❏GRÖSSERES BILD

Das Einsetzen der jungen Reispflanzen.

❏GRÖSSERES BILD

Die genannten Agrikulturzweige waren in Japan schon bei der Eröffnung des Landes für den ausländischen Handel vorhanden und haben nur eine Steigerung erfahren. Die heutige Industrie von Japan ist aber seither in weitaus den meisten Zweigen vollständig neu geschaffen worden, und der Wohlstand, die Zukunft und Stellung Japans in Bezug auf Ostasien liegt nunmehr hauptsächlich in seiner industriellen Weiterentwickelung. Alle Bedingungen sind dafür vorhanden: Kohle, Eisen, Kupfer, Gold, Silber, Wasserkraft, Transportmittel zu Lande und zu Wasser und endlich große Absatzgebiete in unmittelbarer Nähe. Dazu kommen die Förderung und Unterstützung der Regierung, die äußerst wohlfeilen Arbeitskräfte, die ein Drittel bis ein Fünftel der europäischen Löhne beziehen, und endlich die Gewißheit, daß seit der Einführung der neuen Verträge mit den europäischen Mächten die heimischen Industrien durch Erhöhung der Einfuhrzölle noch weiter beschützt und entwickelt werden können.

Die industrielle Entwickelung Japans steht in der Geschichte geradezu beispiellos da und wird in ihrem Umfange und in ihren Gefahren für den europäischen Markt in Ostasien immer noch nicht hinreichend gewürdigt. In den ersten Industriestaaten der Welt stellt sich das Verhältnis der Ausfuhr an Industrieerzeugnissen in Bezug auf die Gesamtausfuhr wie folgt:

Von der gesamten Ausfuhr sind Fabrikate in England 82 Prozent, in der Schweiz 75 Prozent, in Deutschland 65,9 Prozent, in Frankreich 55,6 Prozent, in Belgien 37,4 Prozent, in Oesterreich-Ungarn 27,2 Prozent, in Schweden 16,4 Prozent, in Amerika 9 Prozent.

In Japan, wo es vor dreißig Jahren überhaupt keine nennenswerte Ausfuhr an Fabrikaten gab, beträgt diese heute schon 38 Prozent, und Japan steht somit in der obigen Liste an der fünften Stelle und übertrifft sogar bereits Belgien. In den letzten fünf Jahren ist die Ausfuhr von Fabrikaten aus Japan um nahezu das Dreifache gestiegen, während die Ausfuhr von Rohmaterial ziemlich stationär geblieben ist. 1872 belief sich der Wert der japanischen Warenausfuhr auf kaum einige Millionen Mark, 1899 auf etwa 180 Millionen Mark. Die hauptsächlichsten Abnehmer der japanischen Fabrikate sind naturgemäß die asiatischen Länder, wohin die Ausfuhr innerhalb zweier Jahrzehnte um 650 Prozent gestiegen ist und heute einen Wert von 150 Millionen Mark besitzt. Australien hat bis 1880 von Japan beinahe gar keine Fabrikate bezogen, heute besitzen diese einen Wert von über 5 Millionen Mark jährlich.

Es ist von großem Interesse, die Entwickelung der einzelnen Industriezweige in Japan näher zu betrachten. Diese Entwickelung steht naturgemäß mit der Beschaffung billigen Brennmaterials, d. h. mit der Ausbeutung der reichen Steinkohlengrubenin innigem Zusammenhang, die Japan zunächst auf der Insel Kiushiu besitzt. Im Jahre 1886 wurden schon 2 Millionen Tonnen Steinkohlen gewonnen, 1897 6 Millionen, die Produktion hat sich somit in einem Jahrzehnt verdreifacht. Der Preis der Kohle hat sich inzwischen mehr als verdoppelt. Jetzt macht japanische Kohle der englischen bereits in Vorderindien, in Bombay, Konkurrenz. 1898 hat der Wert der Steinkohlenausfuhr 39 Millionen Mark betragen. Im Inlande selbst hat sich der Bedarf der Fabriken an Kohle in demselben Zeitraum verzehnfacht.

Der zweitwichtigste Rohstoff, nämlich Roheisen, wurde 1862 noch in ganz unbedeutenden Mengen eingeführt, nämlich 33000 Kilogramm; im Jahre 1880 betrug diese Einfuhr 6 Millionen Kilogramm, 1891 14 Millionen, 1894 sogar 40 Millionen Kilogramm, die Zunahme seit 1872 ist demnach 12000 Prozent. Der Bedarf Japans an europäischem Roheisen im Werte von 16 Millionen Mark (1894) war natürlich für die europäischen Ausfuhrländer nutzbringend. Nun giebt es aber in Japan große Eisenlager, und binnen kurzem wird dieses Rohmaterial an Ort und Stelle gewonnen werden. Der Preis des in Japan eingeführten Roheisens stellt sich auf etwa 62 Yen pro Tonne, im Lande selbst kann es aber nach einer genauen Schätzung für 15 bis 20 Yen pro Tonne erzeugt werden. Im Marinearsenal von Yokosuka bei Yokohama wird schon seit mehreren Jahren mittels ganz neuer Methoden vorzüglicher Stahl gewonnen, und das Aufhören der Einfuhr von Roheisen in Japan ist fortan nur eine Frage der Zeit. 1898 wurde Roheisen nur mehr im Wert von 10 Millionen Mark eingeführt, darunter zum Nachteile der europäischen Produzenten auch schon chinesisches Roheisen.

Die japanischen Erzlager werden auf 70 Millionen Tonnen geschätzt. In neuester Zeit baute die Regierung in Bamstamura mit einem Kostenaufwand von 18 Millionen Mark ein großartiges Eisen- und Stahlwerk mit 2 Hochöfen und 200 Koksöfen und einer jährlichen Leistungsfähigkeit von 90000 Tonnen fertiger Ware.

In Bezug auf die Fabriken veröffentlicht der Ostasiatische Lloyd folgende bemerkenswerte Statistik:

Im Jahre 1883 gab es in Japan deren überhaupt nur 84 mit im ganzen etwa 1700 Pferdestärken. Im Jahre 1893 gab es bereits 1163 Fabriken mit etwa 35000 Pferdestärken, wovon 31165 durch Dampf- und 4142 durch Wasserkraft erzeugt werden. In einem Jahrzehnt hat demnach die Dampfkraft um 2226 Prozent, die Wasserkraft 2134 Prozent zugenommen. Dabei ist die letztere noch in ihrer Kindheit. Hunderte von Wasserläufen können in Japan der Industrie nutzbar gemacht werden, so daß die Erzeugungskosten noch weitere Verminderungen erfahren werden, gewiß in größerem Verhältnis, als die Arbeitslöhne steigen. In den Baumwollspinnereien haben die Löhne seit 1899 eine Steigerung von 37 Prozent erfahren und betrugen 1898 für männliche Arbeiter 47 Pfennig, für die weiblichen 28 Pfennig den Tag. In anderen Gewerben betragen die Löhne heute wie folgt:

Tagelöhner erhalten für den Tag 75 Pfennig, Träger 1 Mark 40 Pfennig bis 1 Mark 50 Pfennig, Tischler 1 Mark 10 Pfennig bis 1 Mark 20 Pfennig, Dachdecker 1 Mark 20 Pfennig, Tapezierer 1 Mark 10 Pfennig bis 1 Mark 20 Pfennig, Mattenweber 1 Mark 10 Pfennig bis 1 Mark 20 Pfennig.

Auch Elektrizität wird seit etwa fünf Jahren immer mehr als Triebkraft angewendet, und seit 1890 wurden in Japan Elektromotoren im Werte von 5 Millionen Mark eingeführt. Mit der Zeit werden jedoch auch diese im Lande selbst fertiggestellt werden, ebenso wie heute schon die Telegraphen- und Telephonapparate. In Osaka wird eben an einer elektrischen Anlage gearbeitet, für die Wasserkräfte von 15000 Pferdestärken zur Verfügung stehen. Die ganze Triebkraft in den Fabriken Osakas beläuft sich nach dem letzten Konsularbericht über die dortigen Industrien auf 25000 Pferdestärken, und die Eigentümer der elektrischen Anlagen berechnen die Ersparnis, die durch die Anwendung von Elektrizität an Stelle der Dampfkraft erzielt würde, auf eine Million Yen jährlich.

Osaka ist auch der hauptsächlichste Sitz der japanischen Baumwollspinnerei, also jener Industrie, die von allen wohl die größten Fortschritte gemacht hat. Die ersten Anfänge datieren aus dem Jahre 1871, als der Fürst von Satsuma, Schimadzu, einige Spinnmaschinen einführte. Die Revolution unterbrach die Entwickelung, und erst 1880 griff die Regierung die Sache wieder auf, indem sie fünf Spinnereien errichtete. Das Beispiel fand im Volke bald Nachahmung, denn schon im Jahre 1886 gab es in Japan 65000 Spindeln, 1891 war deren Zahl auf 354000, 1894 auf 664000 angewachsen, 1896 betrug sie über 800000 und 1899 eine und eine viertel Million. Die Produktion von Gewebenverschiedener Art betrug 1883 etwa 2⅓ Millionen Meter, 1891 schon etwa 45 Millionen Meter und 1895 etwa 65 Millionen Meter. Der Bedarf an roher Baumwolle hat sich innerhalb eines Jahrzehntes verfünfundzwanzigfacht. 1885 wurde in Japan Rohbaumwolle im Werte von über 3 Millionen Mark eingeführt, im Jahre 1898 war diese Einfuhr auf 93 Millionen Mark gestiegen. Die Einfuhr von Baumwollgarnen von Europa erreichte ihren Höhepunkt im Jahre 1888, nämlich mit 31 Millionen Kilogramm, fast ausschließlich aus England. 1894, also sechs Jahre später, war diese Einfuhr auf 10 Millionen Kilogramm gesunken, und seinerseits exportierte Japan schon im vergangenen Jahre etwa 2½ Millionen Kilogramm nach China. Japan hat sich also in Bezug auf Baumwollgarne und Stoffe von Europa bereits unabhängig gemacht. Die Folgen davon sind deutlich zu spüren; in Lancashire arbeiteten 1895 gegen 100 Spinnereien mit Verlust, während jene von Japan 16 bis 25 Prozent Dividende abwarfen. Am empfindlichsten war die Entwickelung der japanischen Spinnereien für Indien. Im Jahre 1880 wurden von dort 4500 Ballen Baumwollgarne nach Japan eingeführt, 1897 nur mehr 750, und seither ist die Ausfuhr noch weiter gefallen.

Einen ähnlichen Aufschwung hat die Seidenfabrikation und die Seidenindustrie genommen, obschon die japanische Rohseide an Güte sich nicht entfernt mit der chinesischen Seide messen kann. Im Jahre 1889 betrug die Produktion 3½ Millionen Kilogramm, wovon 2¾ Millionen Kilogramm im Werte von über 100 Millionen Mark ausgeführt wurden; 1894 betrug die Erzeugung über 10 Millionen Kilogramm, die Ausfuhr aber 6¼ Millionen Kilogramm im Werte von 170 Millionen Mark. Das betrifft nur die Rohseide. Aber auch Seidenstoffe werden in ungeheuren Mengen ausgeführt, namentlich aus der Provinz Fukui, wo es im Jahre 1890 nur 2200 Webstühle mit 3000 Arbeitern gab. Im Jahre 1894 gab es schon 12500 Webstühle mit 12000 Arbeitern, hauptsächlich Mädchen, die als Arbeitslohn für das Stück Seide 50 Yen erhalten und den Monat 5 bis 10 Stück weben können. Die Ausfuhr von Seidenstoffen besaß 1885 einen Wert von 216000 Mark, im Jahre 1898 jedoch 35 Millionen Mark.

Die Teppichindustrie in Sakai, einer kleinen Stadt in der Nähe von Osaka, beschäftigt über 16000 Arbeiter. Im Jahre 1890 wurden aus Japan 27000 Teppiche ausgeführt, 1898 bereits 800000, und heute haben die japanischen Teppiche sogar in England einen ganz bedeutenden Markt, weniger wegen ihrer Qualität, als wegen ihrer hübschen, den orientalischen Teppichen nachgemachten Muster und ihrer großen Wohlfeilheit, ein Drittel bis ein Viertel des Preises der orientalischen Teppiche.

Eine interessante Statistik betrifft den Aufschwung einer ganzen Anzahl anderer Industrien, von denen die meisten vor einem Jahrzehnt überhaupt gar nicht bestanden haben. So z. B. betrug der Wert der Gesamtausfuhr in Mark im Jahre 1889 140 Millionen, im Jahre 1899 428 Millionen. In Bezug auf die Waren gestaltete sich die Ausfuhr folgendermaßen:

189718981899in Millionen YenSeide55,642,062,6Rohseide in Stücken9,512,015,8Seidengewebe9,43,53,5Baumwollengespinst13,520,128,5Baumwollenerzeugnisse—2,63,9Reis6,16,010,3Thee7,98,68,5Kohle11,615,215,1Kupfer5,67,311,4Kamfer—1,21,8Streichhölzchen5,66,35,9Matten3,33,93,7Porzellan—2,02,2

189718981899in Millionen YenSeide55,642,062,6Rohseide in Stücken9,512,015,8Seidengewebe9,43,53,5Baumwollengespinst13,520,128,5Baumwollenerzeugnisse—2,63,9Reis6,16,010,3Thee7,98,68,5Kohle11,615,215,1Kupfer5,67,311,4Kamfer—1,21,8Streichhölzchen5,66,35,9Matten3,33,93,7Porzellan—2,02,2

189718981899in Millionen YenSeide55,642,062,6Rohseide in Stücken9,512,015,8Seidengewebe9,43,53,5Baumwollengespinst13,520,128,5Baumwollenerzeugnisse—2,63,9Reis6,16,010,3Thee7,98,68,5Kohle11,615,215,1Kupfer5,67,311,4Kamfer—1,21,8Streichhölzchen5,66,35,9Matten3,33,93,7Porzellan—2,02,2

189718981899

1897

1898

1899

in Millionen Yen

in Millionen Yen

Seide55,642,062,6

Seide

55,6

42,0

62,6

Rohseide in Stücken9,512,015,8

Rohseide in Stücken

9,5

12,0

15,8

Seidengewebe9,43,53,5

Seidengewebe

9,4

3,5

3,5

Baumwollengespinst13,520,128,5

Baumwollengespinst

13,5

20,1

28,5

Baumwollenerzeugnisse—2,63,9

Baumwollenerzeugnisse

2,6

3,9

Reis6,16,010,3

Reis

6,1

6,0

10,3

Thee7,98,68,5

Thee

7,9

8,6

8,5

Kohle11,615,215,1

Kohle

11,6

15,2

15,1

Kupfer5,67,311,4

Kupfer

5,6

7,3

11,4

Kamfer—1,21,8

Kamfer

1,2

1,8

Streichhölzchen5,66,35,9

Streichhölzchen

5,6

6,3

5,9

Matten3,33,93,7

Matten

3,3

3,9

3,7

Porzellan—2,02,2

Porzellan

2,0

2,2

Zu den großgewerblichen Erzeugnissen, durch deren Herstellung die emsigen Japaner den Absatz der europäischen gleichartigen Erzeugnisse immer mehr beeinträchtigen, ist nunmehr auch noch das Bier getreten. Die bedeutendste Bierbrauerei in Tokio, die der Nihon-Bakuscha-Kaischa (zu deutsch: Japanische Biergesellschaft) stand vor etwa sechs Jahren am Rande des Zusammenbruchs; im Jahre 1895 aber verkaufte sie bereits 7515 Koku (etwa 13500 Hektoliter) Bier, und ihre Aktien stiegen daraufhin von 40 auf 80 Yen, beziehungsweise von 12½ auf 34 Yen. Nicht viel schlechter entwickeln sich die andern Bierbrauereien Japans, woraus der Rückgang der Ausfuhr deutscher Biere nach Englisch- und Holländisch-Indien, nach Japan, China, den Philippinen, kurz nach Ostasien, in der Zeit von 1891 bis 1895 von 96000 Hektoliter auf 81000 Hektoliter sich leicht erklärt.

Das Merkwürdigste in dem Aufschwung der japanischen Industrie ist die Mannigfaltigkeit der Produkte. Mit Ausnahme einer beschränkten Anzahl ganz spezieller Artikel, vornehmlich was die Chemie betrifft, wird heute in Japan alles erdenkliche hergestellt, und wenn auch die Qualität sehr viel zu wünschen übrig läßt, so werfen doch alle Industriezweige ansehnlichen Verdienst ab. Bedeutende Ausfuhrartikel sind z. B. Streichhölzer, Papiertapeten (Imitation von gepreßtem Leder), künstliche Blumen, Laternen, Vorhänge aus Glasperlen, Schildkrotartikel geworden. Japan hat heute drei große Flanellfabriken, für welche die Wolle aus Australien importiert wird. Die Fabrik in Osaka besitzt 250 Webemaschinen und 2000 Spindeln, aus Deutschland und England bezogen; in Osaka befinden sich ferner Fabriken von Wand- und Taschenuhren, Zahnbürsten, Unterwäsche aus Papier, Zuckerraffinerien, Papiermühlen, Druckereien und Schriftgießereien, im ganzen 2600 industrielle Etablissements mit 16000 männlichen und 20000 weiblichen Arbeitern. Im Maschinenbau sind ebenfalls großartige Fortschritte zu verzeichnen: die Japaner bauen bereits Lokomotiven, Eisenbahnwaggons, ja sogar ihre großen Panzerschiffe. Von 19 in den letzten 5 Jahren angeschafften Kriegsschiffen wurden nicht weniger als 12 auf japanischen Werften erbaut.

Mit dieser großartigen Entwickelung der Industrie hält auch jene des Transportwesens gleichen Schritt; die eine läßt sich ohne die andere nicht denken. Die Eisenbahnen haben innerhalb 27 Jahren um 12250 Prozent zugenommen, der Tonnengehalt der japanischen Dampfer hat in 24 Jahren um 1380 Prozent zugenommen. 1898 besaß Japan bereits 970 Dampfer mit 273000 Tonnengehalt, dazu 714 Segelschiffe mit 45000 Tonnengehalt. Schiffe japanischer Bauart besaß es 17000.

Diese ungeahnte und beispiellose industrielle Entwickelung Japans ist naturgemäß auch auf die Inlandsverhältnisse nicht ohne Einfluß geblieben. In jeder Hinsicht ist eine Steigerung der Preise eingetreten; Luxusartikel, wie z. B. Seide, sind im Preise um 30 bis 40 Prozent gestiegen, und ein japanisches Blatt veröffentlichtekürzlich eine Liste von 22 Artikeln, deren Kaufpreis in den zwei letzten Jahren um 24 Prozent gestiegen ist. Darunter befinden sich gerade die zum Lebensunterhalt wichtigsten Artikel, wie z. B. Reis, Gerste, Salz, Zucker, Brennmaterial, Metallartikel, Baumwollwaren.

Für eine weitere Reihe von Jahren wird sich die japanische Industrie in demselben Maße wie bisher wohl noch weiter entwickeln, aber mit der Zeit wird auf dem ostasiatischen Markte selbst Japan ein wichtiger und gefährlicher Konkurrent entstehen, nämlich China.

Freilich dürften darüber noch viele Jahrzehnte vergehen, und in diesen wird Japan aus dem chinesischen Handel von allen beteiligten Staaten den allergrößten Nutzen ziehen, denn es liegt an der Pforte zu dem chinesischen Reiche und kennt die Verhältnisse, Eigenheiten und Bedürfnisse des chinesischen Volkes wie kein anderes Industrieland. Die europäischen Mächte holen den Japanern während jeder Expedition, an denen sie beteiligt sind, einfach die Kastanien aus dem Feuer. Aber daran ist nichts zu ändern.

Eisenbahn-Gepäckzettel für Yokohama.

Eisenbahn-Gepäckzettel für Yokohama.


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