Hofetikette und Umgangsformen bei den Chinesen.

Hofetikette und Umgangsformen bei den Chinesen.

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Die Umgangsformen sind bei den Chinesen vielleicht strengeren Regeln unterworfen als bei irgend einem anderen Volke, nur kommen sie in einer der unsrigen ganz entgegengesetzten Weise zum Ausdruck. Empfängt beispielsweise ein Chinese Besucher in seinem Hause, so nimmt er dazu seinen Hut nicht ab, sondern setzt ihn auf; er schüttelt bei der Begrüßung nicht die Hände des Besuchers, sondern seine eigenen Hände, und er weist dem Gaste nicht die rechte, sondern die linke Seite als Ehrenplatz zu. Es wäre ein schlimmer Verstoß gegen die Etikette, wollte der Gast sich nach dem Befinden der Damen erkundigen oder den Wunsch ausdrücken, ihnen vorgestellt zu werden. Die Damen bleiben unsichtbar, selbst bei Mahlzeiten, und statt ihrer werden Frauen von zweifelhaftem Ruf zugezogen. Die Tafel wird nicht mit einem weißen Tischtuch bedeckt, wie bei uns, denn weiß ist bei den Chinesen die Farbe der Trauer. Während der Mahlzeit werden nicht kalte, sondern warme Getränke aufgetragen; die Reihenfolge der Speisen ist die umgekehrte der unsrigen. Der Chinese hat nicht den Wunsch, möglichst jung, sondern möglichst alt auszusehen, und es ist die größte Schmeichelei, einen jungen Mann zu seinem ehrwürdigen Aeußeren zu beglückwünschen. Wir schneiden unsere Kopfhaare kurz, der Chinese verlängert sie noch künstlich durch Seidenschnüre; wir sind stolz auf unsere Bärte, der Chinese vertilgt bis zu seinem fünfundvierzigsten Jahre sorgfältig alle Bartspuren. Die Chinesin schnürt sich nicht den Leib, sondern die Füße; geht sie aus, so setzt sie nicht einen Hut auf, sondern entfernt jede Kopfbedeckung und zeigt das Gesicht unverschleiert. Der Chinese trägt keinen Spazierstock, sondern einen Fächer, statt sich auf seinen Spaziergängen von einem Hund begleiten zu lassen, trägt er einen Käfig mit einem Vogel; und reitet er, so hält er die Zügel nicht in der linken, sondern in der rechten Hand. Er schreibt nicht mit der Feder, sondern mit einem Pinsel, und zwar von oben nach unten, von rechts nach links, von hinten nach vorn; Randbemerkungen macht er nicht unten, sondern oben, Nachschriften stehen dort, wo bei uns der Anfang ist, und datiert er einen Brief, so schreibt er zuerst das Jahr, dann den Monat, dann den Tag. Spricht er jemanden an, so nennt er den Namen zuerst, den Titel nachher, und sagt nicht: „Guten Morgen, Herr Fischer”, sondern „Fischer Herr, Tschin-Tschin”. Der Chinese kann die schlimmsten Schimpfwörter an den Kopf geworfen bekommen, er wird darüber vielleicht lachen; tritt ihm aber zufällig jemand auf die kleine Zehe, was wir unter gegenseitigen Höflichkeitsformen weiter unbeachtet lassen, so vergeht er vor Zorn und prügelt sich vielleicht sogar. Stirbt sein Sohn, ein Ereignis, worüber wir jammern und wehklagen, so lacht der Chinese, solange er unter Leuten ist, darüber. Alle diese und tausenderlei andere Einzelheiten in den Umgangsformen sind in Chinadurch uralte Ueberlieferungen geheiligt, ja sie werden durch ein eigenes Staatsministerium bis ins kleinste festgestellt. Dieses Ministerium, eine der sechs großen Zentralbehörden in Peking, führt den Titel Li-Pu, etwa Amt der Gebräuche und Zeremonien. Der Hof, die Festtage, der administrative und militärische Organismus, die Geburten, Hochzeiten, Leichenbegängnisse, Trauer, Götter- und Ahnenverehrung, die Ehren und Würden, Uniformen, Trachten, Sommer- und Winterkleidung, die Art der Begrüßung, Gehen, Fahren, Reiten, mit einem Worte das ganze Leben des Chinesen von seiner Geburt bis zu seinem Tode, ja sogar darüber hinaus, ist dem Li-Pu untergeordnet, und seine Vorschriften werden von jedem Bewohner des Reichs der Mitte genau beobachtet.

Das Li-Pu ist in eine Anzahl von Aemtern eingeteilt, deren jedes seine besondere Bestimmung hat und seine Weisheit aus einem uralten Werke, dem Buch der Gebräuche schöpft, das nicht weniger als zweihundert Bände umfaßt. Einem dieser Aemter ist auch der Ahnenkultus untergeordnet mit den Vorschriften für die Verehrung der verstorbenen Kaiser, Generale, Staatsmänner und Gelehrten, der Geistermahlzeiten, Ahnenopfer und dergleichen. Ein anderes Amt, das Amt des Gastes und des Wirtes genannt, regelt den Verkehr mit den fremden Gesandtschaften und tributpflichtigen Fürsten; ihm sind die Dolmetscher und die chinesischen Gesandtschaften im Auslande in Bezug auf die Einzelheiten der Ausrüstung und Reise untergeordnet. Sogar die Musik hat ein eigenes Kaiserliches Musikamt mit einer großen Anzahl von Beamten, welche die Aufgabe haben, „die Grundsätze der Harmonie und Melodie zu erforschen, Musikstücke zu komponieren und Instrumente anzufertigen, um diese Musikstücke aufzuführen”. Die Chinesen sind wohl das einzige Volk des Erdballs, das ein eigenes Musikamt besitzt und so viel offizielle Musik macht. Selbst die Regeln des Tanzes sind von dem Ministerium der Gebräuche vorgeschrieben, denn, so sagt Confucius, „in Wirklichkeit ist nichts ohne seine bestimmten Zeremonien”.

Der Chinese kann sich nicht einmal nach Belieben sein Haus bauen. Er hat in der Anlage des Hauses, in der Richtung der Front, ja sogar in Bezug auf die Höhe bestimmte Vorschriften zu beobachten. Er darf es nicht höher bauen als das nächste Haus eines ihm im Range Höherstehenden, und neben den Gesetzen, welche die Lebenden ihm zur Befolgung auferlegen, darf er auch das Recht der Toten nicht verletzen. Den bösen Geistern, die Himmel und Erde bevölkern, muß er aus dem Wege gehen, oder wie es in China heißt, das Feng-Schui beobachten. Auf Schritt und Tritt, in seinem ganzen Thun und Lassen ist er durch Vorschriften und alte Traditionen eingeengt, besonders dann, wenn er in den kaiserlichen Dienst getreten ist. Auch der gewöhnliche Bürger muß sich dem Li-Pu willenlos unterwerfen. Die Farbe, Stoffgattung und der Zuschnitt der Kleider, die Anzahl der Knöpfe, die Hüte, die Farbe der Sänften, Sänftenstangen, ja sogar die Regen- undSonnenschirme haben ihre bestimmte Bedeutung. Der chinesische Beamte darf nicht nach Belieben ein wärmeres Kleidungsstück anlegen oder es mit irgend einem beliebigen Pelz verbrämen lassen. Er mag in den kalten Provinzen des Nordens frieren, er mag bei der Annäherung des Sommers in dem tropischen Süden schwitzen, Sommerkleidung oder Pelz muß er anbehalten, solange nicht von Peking der Tag bezeichnet wird, an welchem Seine Majestät der Kaiser seinen Sommer- oder Winterhut aufgesetzt hat. An diesem Tage wechseln auch sämtliche Mandarine ihre Kleidung. Ist es Sommer geworden, so werden die Pelze, die aufgestülpten schwarzen Seidenhüte und die kleinen niedlichen Handöfchen, die jeder Beamte bis dahin zu tragen hat, eingepackt und mit seidenen Gewändern, leichten Bambushüten und Fächern vertauscht. Generalgouverneur, Tatarengeneral oder Minister können sich wohl in den Provinzen den Luxus von sechs oder mehr Sänftenträgern erlauben, in Peking aber dürfen ihre Sänften nur von vier Trägern getragen werden. Würdenträger geringeren Grades haben in Peking Anspruch auf zwei, außerhalb der Hauptstadt auf vier Sänftenträger; noch geringere dürfen sich in Peking der Sänfte nicht bedienen, können aber reiten. Zieht ein hoher Würdenträger diese Art der Fortbewegung vor, so muß er von zehn Stalldienern begleitet werden, von denen zwei vor ihm, acht hinter ihm einherschreiten. Je nach dem Range sinkt diese Anzahl der Begleiter auf sechs, vier und zwei herab, und Beamte des geringsten Grades haben nur einen Begleiter, wobei aber auch noch eine strenge Unterscheidung darin liegt, ob der Begleiter vor dem Reiter oder hinter ihm einherschreitet.

Mandarinshut im Winter.

Mandarinshut im Winter.

Die gelbe Farbe darf nur von Mitgliedern des kaiserlichen Hofes oder von solchen Würdenträgern getragen werden, denen diese Auszeichnung besonders verliehen wird. Die eigentlichen Rangabzeichen sind die roten, weißen, blauen oder metallfarbenen Knöpfe auf den Hüten und die viereckigen, reich gestickten Schilder auf Brust und Rücken. Zeigen diese Schilder einen in Gold gestickten Storch, so sind die Träger Beamte des höchsten Ranges, zeigen sie einen Drachen mit vier Klauen an den Füßen, so sind die Träger Edelleute. Als besondere Auszeichnung dürfen manche von diesen einen Drachen mit fünf Klauen tragen. Näht sich jemand die fünfte Klaue auf, ohne die Berechtigung dazu zu haben, so wird er durch hundert Stockschläge bestraft und muß einen Monat den schrecklichen Holzkragen, Kang genannt, tragen. Nur gewisse privilegierte Klassen dürfen sich in Seide kleiden; wenn ein Bürger in die Stickereien seiner Kleider Goldfäden einflechtenoder es wagen sollte, statt schwarzer Tuchschuhe solche aus Seide zu tragen, so wird er ebenfalls streng bestraft. Das gilt nicht allein von den Männern. Auch die Frauen sind diesen strengen Kleidungsvorschriften unterworfen, so daß man die Gattin eines Mandarins dritter Klasse beispielsweise von einer solchen vierter Klasse, die Beamtenfrau von der Offiziersfrau und von einer gewöhnlichen Bürgersfrau sofort unterscheiden kann.

Hände bei der Begrüßung(der linke Daumen trägt einen Ring).

Hände bei der Begrüßung(der linke Daumen trägt einen Ring).

Die Chinesin kann sich nicht nach Belieben in Samt und Seide hüllen, Sonnenschirme, Spitzen, Federn von Qualität und Farbe tragen, wie ihre Mittel es erlauben oder wie ihr es am besten steht. Es wäre gewiß den gesellschaftlichen und Vermögensverhältnissen in anderen Ländern sehr zuträglich, wenn man dort ebenfalls einige Vorschriften ähnlicher Art machte. Außerhalb Chinas ist die Dame Mode souverän, in China nur der Kaiser.

Wie die Kleidung, so ist auch die Begrüßung bei den Chinesen strengen Regeln unterworfen. Europäische Reisende in China haben die gegenseitige Begrüßung der Chinesen unter dem Sammelnamen Kautau zusammengefaßt. Der Kautau besteht darin, daß man mit geschlossenen Beinen in die Knie fällt und mit der Stirn den Boden einmal berührt. Aber diese Begrüßung gebührt nicht jedermann. Der Li-Pu unterscheidet acht verschiedene Arten der Begrüßung. Die gewöhnlichste besteht darin, daß man die beiden zu Fäusten geballten Hände vor der Brust aneinanderhält. Das ist der Kung-schau. Die nächst höhere Begrüßung, Tso-yih genannt, besteht neben der eben beschriebenen noch in einer Verbeugung. Bei der dritten, Ta-tsien, hockt der Grüßende nieder, als ob er in die Knie fallen wollte; bei der vierten, Kwei genannt, fällt er wirklich auf die Knie. Erst die fünfte Begrüßung ist der einfache Kautau. Die sechste Art der Begrüßung besteht aus diesem Kautau, aber mit dreimaligem Aufschlagen der Stirne auf den Boden. Deshalb auch ihr Name San-kau, d. h. dreimal aufschlagen. Die siebente Begrüßung Lu-kau besteht aus zwei San-kaus und die achte und ehrfurchtsvollste Begrüßung aus drei San-kaus. Bei dieser, San-kwei-kin-kau genannt, muß also der Grüßende dreimal niederknien und jedesmal die Stirne dreimal auf den Boden schlagen. Dieser Grußgebührt jedoch nur den höchsten Göttern und dem Kaiser, dem Vertreter dieser Götter auf Erden. Manchen Göttern wird nur die siebente oder sechste Begrüßung zu teil.

Die Kaiser der gegenwärtigen Dynastie haben bisher auf diese Begrüßungsart ungemein streng gehalten, und sie bildete auch den Gegenstand eines ernsten diplomatischen Zwischenfalles, als im Jahre 1873 der Empfang der Gesandten durch den Kaiser erörtert wurde. Das Li-Pu bestand darauf, daß auch die Gesandten der Großmächte vor dem Beherrscher des Reiches der Mitte sich dreimal niederwerfen und mit der Stirn den Boden neunmal berühren sollten. Die Gesandten weigerten sich natürlich, diese erniedrigende und keineswegs graziöse Begrüßung auszuführen, und erklärten sich nur bereit, dem Kaiser dieselben Ehren zu erweisen wie ihren eigenen, dem Kaiser im Range gleichstehenden Souveränen. Die Verhandlungen wurden während sechs Monaten fast täglich geführt, bis endlich den Diplomaten die Geduld riß und der amerikanische Gesandte erklärte, die diplomatischen Beziehungen abzubrechen und von seiner Regierung Instruktionen abzuwarten, welche dem Ernst der Situation entsprechen würden. Daraufhin gab der Kaiser gnädigst nach und begnügte sich mit drei tiefen Verbeugungen der Gesandten. Eine andere Schwierigkeit bildeten die harmlosen schwachen Degen, die zur diplomatischen Uniform gehören. In Gegenwart des Kaisers dürfen keinerlei Waffen getragen werden, und es dauerte lange, ehe die bezopften Zeremonienmeister der verbotenen Mode nachgaben.

Ebensowenig dürfen in Gegenwart des Kaisers Augengläser und Zwicker getragen werden. Nun war einer der Vertreter so kurzsichtig, daß er ohne Gläser vollständig hilflos war. Die Chinesen beschlossen, daraus keine diplomatische Frage zu machen, sondern an die Gutherzigkeit des betreffenden Gesandten zu appellieren. Er gab wirklich nach und wurde von zwei Kollegen in die Audienzhalle des Kaisers geführt.

Augengläser dürfen in China auch im gewöhnlichen Leben vor im Range höherstehenden Personen nicht getragen werden. Selbst der Kurzsichtige muß sie abnehmen, wenn er vor einen Mandarin tritt, und sollte beispielsweise bei Gerichtsverhandlungen ein Kurzsichtiger in die Lage kommen, etwas lesen zu müssen, so muß erst die Erlaubnis des Richters zum Aufsetzen der Augengläser eingeholt werden. Augengläser bilden überhaupt in China das Zeichen von höherem Ansehen und Würde. Sobald ein Litterat irgend eine Mandarinstelle erhält, wird es gewiß sein erstes sein, sich ein paar Augengläser anzuschaffen, selbst wenn er sich des besten Sehvermögens erfreuen sollte.

Jedem Mandarin des Zivil- oder Militärstandes gebührt je nach seinem Range eine der vorstehenden Begrüßungsarten. Begegnet ein niedriger Mandarin auf der Straße einem höheren, so muß er vom Pferde oder aus der Sänfte steigen, um diese Begrüßung vorschriftsmäßig auszuführen. Mandarine desselben Ranges thundasselbe, ja sie überbieten sich sogar, um einander zuvorzukommen. Man kann sich leicht vorstellen, welcher Zeitverlust und welche Umstände mit so zeremoniösen Begrüßungen auf offener Straße verbunden sind, und deshalb trachten Mandarine, wenn sie einander aus der Ferne ansichtig werden, auszuweichen, oder sie ziehen die Vorhänge ihrer Sänften zu und thun, als bemerkten sie einander gar nicht. Das Volk hat sich vor den Mandarinen, wenn sie im Dienste sind oder zu Gericht sitzen, auf die Knie zu werfen. Nur die Greise machen darin eine Ausnahme. Selbst grauhaarige Sträflinge werden gewöhnlich von den Richtern aufgefordert, sich zu erheben. Diese im Auslande leider so wenig gekannte Achtung vor dem Alter hat in China für viele Ausländer schon sehr schlimme Folgen gehabt. Vor einer Reihe von Jahren begegneten sechs junge Engländer in der Nähe eines Vertragshafens einem alten Manne, der eine schwere Last auf dem Rücken trug. Nach chinesischer Etikette würde jedermann, ob aus den niedrigsten oder höchsten Ständen, einem Greise ausweichen, selbst wenn er keine Bürde trüge. Der Weg war schmal und die Engländer bestanden darauf, daß der Alte ihnen Platz mache. Als er sich weigerte, schlugen sie ihn und stießen ihn endlich in den Sumpf zur Seite des Weges. Diese That sollte ihnen übel bekommen. Die erzürnten Bewohner des Dorfes, zu welchem der Alte gehörte, machten sich zur Verfolgung der Engländer auf und töteten sie insgesamt.

Auch bei Besuchen beobachten die Chinesen ein eigentümliches Zeremoniell. Der Besucher wird sich in seiner Sänfte nicht bis an das Thor tragen lassen, sondern seinen der Sänfte stets vorausschreitenden Visitenkartenträger mit seiner gewöhnlich etwa fünfundzwanzig Centimeter langen roten Visitenkarte zu dem Bewohner des betreffenden Hauses voraussenden. Ist der Besucher in Trauer, so sind seine Visitenkarten von weißer Farbe, und die Schriftzeichen sind blau. Will der Hausbewohner den Besucher nicht empfangen, so verleugnet er nicht seine Gegenwart, wie es in anderen Ländern zu geschehen pflegt, sondern sein Thorhüter wird dem Visitenkartenträger sagen: „Dein Herr braucht sich nicht zu bemühen”. Darauf wird die Karte dort gelassen. Wird der Besuch angenommen, so begiebt sich der Hausherr bis zum Eingang, um den Besucher zu empfangen und ihn selbst unter vielen Verbeugungen in die inneren Räume zu führen. Vorher wird er aber seinen offiziellen Zeremonienhut aufsetzen. Die größeren Häuser und die Yamen (Dienstwohnungen) der Mandarine haben gewöhnlich drei Eingänge. Der mittlere Eingang wird nur Besuchern von gleichem oder höherem Range als der Hausherr geöffnet. Auch diese Frage hat in China schon viele Ungelegenheiten gemacht. In Canton z. B. unterhielten die europäischen Konsuln viele Jahre lang keinen persönlichen Verkehr mit dem Vizekönig, weil dieser sich weigerte, ihnen die mittlere Ehrenpforte zu öffnen. Allerdings standen die Konsuln im Range tief unter dem Vizekönig, allein sie waren die Vertreter ihrer Regierungen und unterließen lieber den Verkehr mitdem Vizekönig gänzlich, als sich durch eine Seitenpforte zu ihm zu begeben; nach langen diplomatischen Verhandlungen setzten sie aber ihren Willen durch.

Visitenkarte des Prinzen Tsching.(¼ der Originalgröße.)

Visitenkarte des Prinzen Tsching.(¼ der Originalgröße.)

Sobald der Hausherr seinem Gast den (stets erhöhten) Ehrensitz zu seiner Linken angewiesen hat, werden Thee und Pfeifen aufgetragen. Der Besucher ist nicht verpflichtet, irgend etwas zu genießen, außer wenn der Hausherr ihm als besonderen Beweis seiner Achtung eine Tasse Thee selbst darreicht. Er wird dies niemals mit einer Hand, sondern immer mit beiden Händen thun, indem er sich von seinem Sitze erhebt, und in derselben Weise muß der Besucher die Tasse Thee auch in Empfang nehmen. Bei offiziellen Besuchen zwischen Mandarinen und europäischen Beamten wird der dargebotene Thee erst am Schlusse des Besuches getrunken. Berührt der Hausherr im Laufe der Unterhaltung seine Tasse, so ist dies das stillschweigende Zeichen, daß er die Unterhaltung beendet zu sehen wünscht.

Auch in den einzelnen Redeformen beobachtet der Chinese gewisse feste Regeln, und eine ungezwungene Unterhaltung wie bei uns ist im Reiche der Mitte absolut unbekannt. Ja und Nein werden immer in der sonderbarsten Weise umschrieben, denn es wird in China beispielsweise als schlimmer Verstoß gegen die gute Sitte angesehen, jemandem etwas direkt durch ein Nein abzuschlagen. Seit Jahrhunderten sind die einzelnen Fragen und Antworten bei Besuchen in bestimmte Formen krystallisiert, mit solchen bombastischen Floskeln verziert, so mit Komplimenten ausgeschmückt, daß sie in der wörtlichen Uebersetzung geradezu unverständlich sind. Drückt beispielsweise der Besucher sein Bedauern darüber aus, daß er den Hausherrn so lange nicht gesehen hat, so wird dieser nach den bestehenden Formeln antworten: „Wir beanspruchen die Mühe Ihrer ehrenwerten Schritte zu empfangen; ist die Person in der Sänfte wohl?” was soviel heißt als „Ich danke für Ihren Besuch und hoffe, Sie befinden sich wohl”. Gewöhnlich sendet der Hausherr nach den einleitenden Höflichkeitsbezeugungen nach seinen Söhnen, die beim Eintreten den Kautau vor dem Besucher ausführen. Studiert einer der Söhne, so wird vom Besucher die Hoffnung ausgesprochen, daß er „den Wohlgeruch der Bücher fortführen”, d. h. den litterarischen Ruf der Familie aufrechterhalten wird. Je höher der Besucher die Anwesenden preist, desto verächtlicher wird der Hausherr von seinen Angehörigen sprechen, denn es gehört zur guten Sitte, alles Fremde in den Himmel zu erheben, alles Eigene herunterzusetzen; aber immer in der für Ausländer so schwer verständlichen Umschreibung. Die Frage: „Erfreut sich der ehrenwerte große Mann des Glückes?” will sagen „Befindet sich Ihr Vater wohl?” Fragt der Besucher: „Wie viele würdige junge Herren (Söhne) haben Sie?” so antwortet der Vater, wenn er beispielsweise nur einen Sohn haben sollte: „Mein Los ist armselig, ich habe nur einen kleinen Käfer”. In ähnlichen Formen bewegen sich auch die Gespräche von Fremden, die einander begegnen, selbst wenn sie Bettler sein sollten. So z. B.:

„Wie lautet Ihr ehrenwerter Name?”

„Der erbärmliche Name Ihres minderen Bruders ist Ming.”

„Was ist Ihre erhabene Langlebigkeit?”

„Sehr gering. Nur elende siebzig Jahre.”

„Wo befindet sich Ihr edler Palast?”

„Das Schmutzloch, in welchem ich mich verberge, ist in X.”

„Wie viele würdige junge Herren (oder wie viele „kostbare Pakete”) haben Sie?”

„Nur drei dumme kleine Schweinchen.”

Unter Gleichgestellten ist es ein Verstoß gegen die Etikette, sie bei ihrem Namen zu nennen, selbst wenn sie die besten Freunde oder sogar Brüder sein sollten. Sie sprechen einander als Ehrwürdiger älterer Bruder oder Ehrwürdiger jüngerer Bruder an. Der älteste Sohn einer Familie Namens Ming wird als der große Ming bezeichnet, der zweite Sohn als Ming Nummer zwei, der dritte als Ming Nummer drei und im Verkehr mit Gleichgestellten werden sie von diesen mit Ehrwürdiger großer Ming, oder Ehrwürdiger Ming Nummer zwei und so fort angesprochen. Nur der Höhergestellte hat das Recht, sie bei ihrem wirklichen Namen zu nennen.

So ist das ganze Leben der Chinesen eingeengt durch ein bis in die kleinsten Einzelheiten gehendes Zeremoniell, auf das mit der größten Fürsorge geachtet wird. Der Europäer, der glaubt, sich im Verkehr mit Chinesen darüber hinwegsetzen zu können, wird niemals etwas ausrichten, denn die Chinesen messen den Charakter und die Stellung eines Mannes hauptsächlich nach diesen in unseren Augen nichtigen Einzelheiten. Ich habe das auf meinen Reisen im Innern Chinas und bei meinen Mandarinbesuchen fast täglich beobachtet. Der frühere amerikanische Gesandte in Peking, Chester Holcombe, erzählt darüber einige interessante Beispiele. Einmalsandte er einen Konsul nach einer Provinzialhauptstadt, um dort eine Angelegenheit mit dem Gouverneur zu schlichten. Eine halbe Stunde nach seiner Ankunft in der betreffenden Stadt ritt der Konsul, noch in seinen Reisekleidern, zu dem Yamen des Gouverneurs und klopfte mit seiner Peitsche an die große Thür. Der erschreckte Thorhüter nahm seine Karte ab und brachte sie dem Gouverneur, aber dieser weigerte sich, den Konsul zu empfangen. Während einer Woche ließ er sich täglich beim Gouverneur anmelden, täglich wurde er abgewiesen, und schließlich mußte er unverrichteter Dinge die beschwerliche, wochenlange Rückreise nach Peking antreten. Auf dem Wege wurde er in einer Stadt von dem Pöbel auch noch thätlich insultiert. Die fragliche Angelegenheit, die durch ein höfliches Auftreten des Konsuls ohne weiteres hätte geregelt werden können, zog sich drei Jahre lang hin, und schließlich mußte sich der Gesandte selbst bequemen, nach der betreffenden Provinzialstadt zu reisen. Mit allen Einzelheiten der chinesischen Etikette vertraut, wurde er von dem Gouverneur mit ausgesuchter Höflichkeit empfangen, und die Sache wurde in der ersten Unterredung beigelegt.

Einmal hatte Holcombe eine Konferenz mit den chinesischen Ministern im Auswärtigen Amte in Peking. Als ich eintraf, so erzählt er, waren zwei von ihnen bereits anwesend. Wir bekomplimentierten einander gegenseitig geraume Zeit an der Thüre, bevor wir eintraten, und wieder eine geraume Zeit, ehe wir an dem großen runden Tische im Konferenzzimmer unsere Plätze einnehmen konnten. Während unserer Beratungen kamen nacheinander fünf andere Minister. Jedesmal stürzten die anwesenden Minister wieder aus der Thüre, verbeugten sich unzähligemal voreinander, ohne daß einer den Vortritt annehmen wollte, und schließlich kämpften sie wieder unter den tiefsten Verbeugungen um den untersten Sitz am Tische, so daß während der Konferenz die Teilnehmer fünfmal ihre Plätze wechselten.

Der Chinese wird selten im Verkehr mit seinen Landsleuten oder mit Ausländern absichtlich eine unangenehme oder anstößige Bemerkung fallen lassen. Ist er unzufrieden, so sagt er es nicht gerade heraus, sondern überläßt es dem Zuhörer, die wirkliche Ursache herauszufinden, während er ihm irgend eine erfundene Geschichte erzählt. Er will seinen Zweck erreichen, aber auf eine, wie er glaubt, angenehmere Weise. Erscheint beispielsweise einem chinesischen Diener sein Lohn zu gering, so wird er sich nicht beschweren. Seiner Ansicht nach wäre dies äußerst unhöflich. Er wird also sofort seinen Vater krank werden oder einen Verwandten sterben lassen, um damit seinen Austritt aus dem Dienst zu entschuldigen. Ist sein Dienstherr ein Ausländer, der mit den chinesischen Gebräuchen noch nicht vertraut ist, so wird er die Angaben des Dieners vielleicht als bare Münze nehmen und den Diener wirklich entlassen. Aber hat er die Chinesen durch langen Verkehr mit ihnen kennen gelernt, so wird er trachten, durch einen anderen Diener den wahren Grund herauszufinden und ihn zu berücksichtigen, stets aber wird er sich dabei denAnschein geben, als schenkte er den Ausflüchten seines Dieners vollen Glauben, um diesen nicht auf einer Lüge zu ertappen.

In der Absicht, unangenehme Wahrheiten, ihre wirklichen Gefühle und Beweggründe zu verbergen, werden die Chinesen zu allen nur erdenklichen Mitteln und Wendungen Zuflucht nehmen. Hoch oder niedrig, verlieren sie selten ihren Gleichmut, und nur in ihrem Hause den vertrautesten Freunden gegenüber legen sie die eisernen Fesseln der Etikette ab und lassen ihren Gefühlen freien Lauf. Diese Sitte von Unterdrückung und falscher Auslegung ihrer innersten Gedanken hat, wie Holcombe sehr richtig sagt, in der Außenwelt den Eindruck hervorgerufen, daß die Chinesen ein kaltblütiges, gleichgültiges Volk ohne Nerven seien. Aber in Wirklichkeit sind sie äußerst empfindlich, stolz und leidenschaftlich. Nichts bringt die Chinesen so sehr außer Fassung und verwirrt sie, wie die geraden und schroffen Manieren der westlichen Völker, hauptsächlich der Engländer und Amerikaner, und deshalb verschanzen sie sich gerade diesen gegenüber hinter ihrer starren Etikette, während sie dem höflichen, bescheidenen und geduldigen Deutschen größere Offenheit und größeres Vertrauen entgegenbringen.

Paradewaffen der Mandarine.

Paradewaffen der Mandarine.


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