Das innere Thor des Iyemitsutempels in Nikko.Nikko, eine japanische Tempelstadt.
Das innere Thor des Iyemitsutempels in Nikko.
Das innere Thor des Iyemitsutempels in Nikko.
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Nikko wo minai utschi wa, Kekko to yu na!„Hast du Nikko nicht gesehen, so darfst du nicht von „prächtig” sprechen!” Mit diesem Sprichwort, das im fernen Reiche des Mikado in aller Mund ist, bezeichnen die Japaner die Herrlichkeiten ihres berühmtesten und besuchtesten Wallfahrtsortes. Was die Beurteilung der Natur anbelangt, muß man den Japanern aufs Wort glauben, denn es dürfte auch in der abendländischen Welt kaum ein Volk geben, das eine so große Empfänglichkeit, ein so tiefes Verständnis für die Natur, in dersie leben, besitzen dürfte. Ich möchte diesen Charakterzug der Japaner als ihren schönsten bezeichnen. Man wird ihn im ganzen Lande wahrnehmen. Bei der Mehrzahl der kleineren Städte und Dörfer, die so entzückend am Fuße bewaldeter Anhöhen, an rauschenden Bächen und Flüssen, oder inmitten der reizvollsten Gegenden liegen, hat es den Anschein, als wären sie nicht mit Rücksicht auf praktische Zwecke gerade wo sie sind angelegt worden, sondern nur wegen der Schönheit der Lage, ähnlich wie wir unsere Sommersitze wählen. Ihre Gärten, ihre Plantagen und Felder zeigen die liebevolle, ja peinliche Sorgfalt, welche die Japaner ihnen zuwenden, und die man in solchem Maße vielleicht nur in Holland wiederfindet. Der ferne japanische Archipel wird so von Gebirgen durchzogen, daß nur etwa ein Zwölftel des ganzen Reiches kulturfähig ist, aber dieses Zwölftel gleicht einem Garten. Selbst in den reichbewaldeten Gebirgen der Hauptinsel von Japan ist überall diese Liebe zur Natur wahrnehmbar, vor allem in jenem romantischen Bergdistrikte, der sich etwa hundert Kilometer nördlich von der Hauptstadt Tokio gleichweit von den beiden Meeresküsten entfernt ausdehnt und den Namen Nikko führt. Schon seit undenklichen Zeiten befanden sich dort in den ungeheuren Wäldern, zwischen rauschenden Strömen und plätschernden Wasserfällen, zwischen einsamen, tiefblauen Seen und hoch emporragenden Vulkanen Götzentempel, zu denen die Japaner wallfahrten. Die wildromantische Gegend übte auf dieses empfindsame Volk einen eigentümlichen Zauber aus. Die größte Zahl der japanischen Volksmärchen und Sagen beginnt mit den Worten: „Es war einmal in den Nikkobergen ...” und als ich selbst diese einzig schönen, einsamen Gebirgslandschaften durchwanderte, schien es mir, als wären sie von allerhand zauberhaften Wesen bevölkert. Mit diesen Märchen im Kopfe erschienen mir die spärlichen fremdartigen Wanderer wie Gnomen, die zierlichen kleinen Mädchen, die in den Wäldern Beeren pflückten oder Holz sammelten, wie Feen aus einer anderen Welt, ganz die Gestalten, wie sie Hänsel und Gretel auf ihrer abenteuerlichen Wanderung begegneten. Dazu trug wohl auch die Fremdartigkeit der ganzen Natur bei. Vergeblich forschte ich in meinen Erinnerungen nach Gegenden, welche sich mit diesen vergleichen ließen. Ich dachte an den Schwarzwald, an das seenreiche Salzkammergut, aber Nikko und damit auch das ganze Japan ist doch anders, und ich kam mir vor, als wanderte ich auf einem fremden Planeten. Nirgends fühlte ich mich entfernter von unserer abendländischen Kultur und bei aller Zufriedenheit einsamer als in den lauschigen, stillen Wäldern mit ihren ungeheuren phantastischen Fichten, ihren himmelanstrebenden Kryptomerien und seltsamen Laubbäumen, und doch befand ich mich nur einige Minuten weit von europäischen Hotels. Ein eigentümlicher, nicht zu beschreibender Zauber ist über dieses herrliche Stück Erde ausgebreitet, den wohl jeder empfunden hat, der mit einem bißchen Herz und Gemüt in seinem Reisesack nach Nikko gekommen ist.
Dieser Zauber mußte wohl auch den großen Schogun aus der Familie Tokugawa, den Taiko Iyeyasu, umfangen haben, denn als dieser größte Mann der japanischen Geschichte, der Cäsar des Mikadoreiches, anfangs des siebzehnten Jahrhunderts starb, nannte er den Bergdistrikt von Nikko als den Ort, wo er begraben sein wollte.
Tempellaterne des Schogun Iyeyasu.
Tempellaterne des Schogun Iyeyasu.
Seine Nachfolger ließen ihm dort eine der herrlichsten Grabstätten bauen, und das kaiserliche Haus, dem Iyeyasu so unvergängliche Dienste geleistet hat, konnte ihn nicht besser ehren, als indem es den verstorbenen Staatsmann und Helden, den Einiger des Reiches, unter die Zahl der Götter versetzte und ihm den Titel „Hoheit des ersten Ranges, Licht des Ostens, erhabene Verkörperung Buddhas” verlieh. Dies geschah im Jahre 1617, und seither ist Nikko der berühmteste und heiligste Wallfahrtsort der Japaner geworden. Die Tempel aber, die dort zu Ehren Iyeyasus gebaut worden sind und zu denen Kaiser, Fürsten und das Volk selbst während Generationen beigetragen haben, sind die herrlichsten Werke der japanischen Kunst, die ja gerade zur Zeit Iyeyasus ihre höchste Blüte erreicht hat. So hat der Cäsar Japans in der That auch noch nach seinem Tode Wunder gewirkt; er hat den Künstlern des alten Japan zu ihren erhabensten Leistungen Anlaß gegeben, und ihm ist es zu danken, daß wir heute noch so viel von dieser größten Glanzperiode der japanischen Kultur bewundern können. Die Künstler haben diese Tempel nicht nur Iyeyasu, sie haben dieselben auch sich selbst errichtet.
Mit Bedauern bestieg ich in Utsunomiya, am Fuße des Nikkodistriktes gelegen, den prosaischen Eisenbahnzug, der mich und eine ganze Menge von europäischen Touristen an einem heißen Augusttage hinaufführen sollte in die Berge; mit Bedauern deshalb, weil der bisherige Weg unendlich viel reizvoller und großartiger war als diese in der Sonne glänzenden und blitzenden Schienenstränge, die, wo immer sie auch liegen mögen, dem europäischen Reisenden den Gedanken einflößen, sie führten nach Europa. Sie sind die gewaltigsten Zerstörer alles Ursprünglichen, Eigenartigen; wie ungeheure Lanzetten stechen sie in die fremden Kulturen, und in die so entstandenen Wunden dringt die abendländische Alltagswelt. Neben unserer Bahn, bald näher, bald ferner, führte der altjapanische Weg hinauf zum GrabeIyeyasus, seiner ganzen, über fünfundzwanzig Kilometer betragenden Länge nach von den großartigsten Kryptomerien beschattet. Wie gewaltige Türme ragen diese stolzen Nadelbäume aus der Ebene; ein einziger allein würde Aufsehen erregen, und es sind deren viele Tausende, vor Jahrhunderten gepflanzt von einem Pilger, der zu arm war, um für das Grabmal des Nationalheiligen eine steinerne Opferlaterne zu kaufen. Seine Gabe ist schöner als alle Opferlaternen zusammengenommen. Zum Glück fährt die Eisenbahn nicht ganz hinauf nach dem etwa 700 Meter über dem Meere gelegenen Nikko, sondern der Rest des Weges muß in den bequemen Fauteuils auf Rädern, den Rickshaws, zurückgelegt werden. Auf dieser Rickshawfahrt rollt man zwischen den Riesenbäumen einher, die den Weg nach Nikko zu beiden Seiten einfassen und mit ihren ineinander verschlungenen Aesten wie mit dem Dach eines gotischen Domes überwölben.
Von Nikko als einem Ort zu sprechen, ist unrichtig. Nikko wird der ganze Bergdistrikt bis zu dem gewaltigen ausgestorbenen Vulkan Nantai-San genannt, dem höchsten Berge dieses Teiles von Japan. An seinem Fuße liegt der romantische, waldbekränzte See von Tschuzendschi, und diesem entströmt, auf seinem Laufe zahlreiche Kaskaden bildend, der rauschende Dayagawa. Dort, wo sich sein wildromantisches Thal erweitert, liegen zwei Dörfer, Hadschi-idschi und Irimadschi, und zwischen beiden, verborgen zwischen ungeheuren Kryptomerien, liegen die Prachtgräber der Schogune. Hadschi-idschi besteht nur aus einer einzigen, etwa zwei Kilometer langen Straße, und auf meiner raschen Fahrt schien es mir, als wäre jedes Haus ein Hotel, ein Kuriositätenladen oder ein Theehaus. Kommen doch in jedem Jahre Zehntausende von Pilgern hierher, um den Manen Iyeyasus ihre Verehrung zu bezeugen und dann weiterzuwandern nach Tschuzendschi, um dort den Nantai-San zu besteigen.
Am oberen Ende des langgestreckten, durch seine vielen Kaufläden und sein bewegtes Leben recht malerischen Dorfes liegt das große Kanayahotel, in dessen ganz europäisch eingerichteten Räumen ich gegen hundert Europäer fand. Am Abend zeigte der Speisesaal mit seinen elegant gekleideten Damen und Herren in steifer Abendtoilette ein Bild, wie man es in einem europäischen Badeorte erwarten könnte, aber nicht hier, im Herzen des alten Japan. Die hohe Lage in den Bergen, die prachtvollen Wälder, die Kühle und die Frische, die hier auch im Sommer herrscht (oder herrschen soll, denn ich vermißte sie während eines fünftägigen Aufenthalts schwer), haben Nikko zu einer Art ostasiatischer Schweiz gemacht. Wie die Japaner zu ihrem Iyeyasu pilgern, so pilgern die in Ostasien ansässigen Europäer hierher, um der unerträglichen Hitze von Tokio, Kobe, Shanghai, Hongkong, ja selbst von Singapore und Bangkok zu entgehen. Auch die fremdländischen Diplomaten von Tokio flüchten hierher, und auf den freien Plätzen zwischen den größten Heiligtümern des alten Japan wird die Andacht der eingebornen Pilger durch lärmende,rücksichtslose Cricket- und Lawntennis-Spieler gestört. Diesem ewigen Lawntennis kann man sogar hier nicht mehr entgehen.
Priesterhäuser und Thorbogen in Nikko.❏GRÖSSERES BILD
Priesterhäuser und Thorbogen in Nikko.
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Eine Plage in Nikko sind die unzähligen Mücken und großen schwarzen Käfer, die durch das elektrische Licht (oh heiliger Iyeyasu!) angezogen, die Zimmer und Säle des Hotels erfüllen. Um sie zu verscheuchen, zündet man auf der Windseite des Hotels am Abend große Holzfeuer an und wirft feuchtes Laub darüber, so daß die Atmosphäre zuweilen mit erstickendem Rauch geschwängert ist. Mücken und Käfer kommen deshalb durch die Hinterthüren ins Hotel.
Am nächsten Morgen war mein erster Gang hinüber zu dem von ungeheuren Kryptomerien gebildeten Hain, in welchem sich die Grabtempel Iyeyasus befinden. Zwei Brücken überspannen den wasserreichen, rauschenden Dayagawa. Die eine aus rotlackierten Balken ist gesperrt und wird nur geöffnet, wenn der Mikado in eigener Person zu den Grabtempeln pilgert, die andere ist für gewöhnliche Sterbliche bestimmt. Eine Kryptomerienallee führt jenseits des Dayagawa zu dem Tempelplateau empor. Einen schöneren Ort hätte sich Iyeyasu für seine ewige Ruhe nicht aussuchen können; eine wahre Schweizerlandschaft breitet sich hier auf beiden Ufern des Dayagawa aus, mit mächtigen, kühn emporstrebenden Bergen, ausgedehnten buschigen Wäldern, grünen Matten und rieselnden Bächen; zwischen den ungeheuren Baumstämmen der Kryptomerien hindurch gewahrte ich den oberen Teil des Thales mit dem idyllischen Dörfchen Irimatschi und ein paar europäischen Neubauten, unter denen das Nikkohotel der größte ist; näher der Tempelstraße erhebt sich inmitten eines großen Gartens ein kaiserliches Schloß, das im Sommer vom japanischen Kronprinzen bewohnt zu sein pflegt, und nicht weit davon prangt eine fünfstöckige Pagode aus rotlackiertem Holz zwischen dem Grün der Bäume. Weiter aufwärts liegen ein paar anspruchslose Gebäude für die Priester, und jenseits derselben breitet sich die mit Mauern umgebene Tempelanlage aus.
Die Gebäude, Thore, Tempelhallen, Opferpagoden und Heiligenschreine, die hier in mehreren Höfen vor dem eigentlichen Grabtempel liegen, sind keineswegs durch besondere Größe oder Höhe ausgezeichnet, und man würde fehlgehen, in Nikko, wie in Japan überhaupt, irgend etwas zu erwarten, das sich mit unseren Kirchen oder mit den Tempeln der Araber, Perser, Indier vergleichen ließe. Weder in Bezug auf Architektur, noch nach Masse, Schönheit der Formen, Größe oder Baumaterial haben sie auch nur die entfernteste Aehnlichkeit mit diesen, ja sie sind eher das gerade Gegenteil. Klein, gedrückt, niedrig, durchweg aus Holz gebaut, sind sie im Verhältnis ebenso unschön wie die japanischen Wohnhäuser, so daß sie, von außen besehen, jeden fremdländischen Besucher enttäuschen. In Nikko ist diese Enttäuschung um so größer, als die Japaner hier recht eigentümliche Mittel anwenden, um die Tempel gegen Feuersgefahr und den Einfluß der Witterung zu schützen. Rings um die einzelnen Bauten sind ungeheure Drahtnetze gezogen, ähnlich wie unsereHausfrauen Drahtglocken über die Butter stülpen, um sie vor den Fliegen zu bewahren. Manche Tempel sind mit einer verwitterten Bretterhülle umgeben, so daß sie, von außen betrachtet, sich ganz wie unsere Dorfscheunen zeigen. Man hat also gar keine Gelegenheit, den Bau und seine Architektur als Ganzes zu sehen; erst wenn man die wenigen Treppen zu den die Tempel rings umgebenden Veranden emporgestiegen ist und zwischen der Bretterhülle und den Außenwänden der Tempelbauten selbst näher schreitet, gewahrt man etwas davon, und dann wirkt nur die sorgfältige Zusammenfügung des Holzrahmens, der schöne rote, weiße oder Goldlack, mit dem er überzogen ist, nicht aber der Tempel als solcher.
Die hauptsächlichste Sorgfalt, die größte Kunst und den verschwenderischsten Reichtum der Ausschmückung verwenden die Japaner auf die gedrückten, inneren Räumlichkeiten, und wären sie nicht so finster, so hätte man Gelegenheit, seine Herrlichkeiten zu bewundern, die mit den größten Kunstschätzen des Abendlandes den Vergleich aushalten. Sie mit Worten zu schildern, vermag wohl kaum eine Feder, und ebensowenig kann es dem Pinsel des Malers gelingen. Wenn an irgend etwas, so erinnern die inneren Tempelräume mit ihren entzückenden Vergoldungen, Schnitzereien und Malereien an unsere byzantinischen Bauten, an die Kapellen im Markusdom von Venedig, oder die königliche Kapelle in Palermo, und fast möchte man der japanischen Ausschmückung den Vorzug geben. Vor der großen Revolution war diese in den Grabtempeln des Iyeyasu noch reicher; als aber der einfache Shintokultus an Stelle des prunkvollen Buddhismus wieder zur Staatsreligion erhoben wurde, entfernte man all die kostbaren Kleinigkeiten, Weihegeschenke, Götzenbilder und den malerischen Ausstellungsapparat der Buddhisten, so daß in diesen Tempeln nur mehr die Ausschmückung der Wände und Decken, sowie die entzückenden Thore bewundert werden können, welche die Tempelhöfe miteinander verbinden. Das köstlichste dieser Thore ist wohl das in weißem Lack und Goldzieraten prangende Jo-mei-mon mit seinen wunderbaren Deckenschnitzereien. Hier, wie auch in zahlreichen anderen Figuren zeigen die Japaner, welch hohe Kunst sie auch als Bildhauer erreicht haben. Hinter dem Tempel, welcher den stets verschlossenen Heiligenschrein Iyeyasus birgt, erhebt sich im Freien, mitten im Grün, das Grabdenkmal des Helden, eine auf einem festen Steinsockel ruhende Bronzeurne, die seine sterblichen Ueberreste enthält. Dem europäischen Besucher gewährt das in einem Nebengebäude befindliche Museum mit den Tempelschätzen größeres Interesse, denn hier sind die kostbarsten Meisterwerke der japanischen Kunst zur Besichtigung aufgelegt, dazu auch die Kleider, Waffen, Rüstungen des Iyeyasu und allerhand Gegenstände, deren er sich bedient hat, alle mit dem aus drei gegeneinander gerichteten Blättern bestehenden Tokugawawappen geschmückt. Einige Wochen vorher war ich über den einsamen Bergpaß auf dem Wege nach Hakone an der Stelle vorbeigekommen, wo Iyeyasu von Feinden angefallen worden und ihnen nurwie durch ein Wunder entgangen war. Jetzt sah ich hier die Sänfte, in der er sich bei dieser Gelegenheit befunden hatte, mit dem Loch, das der Pfeil in die Wand gebohrt; wäre er einen Zoll tiefer geflogen, diese Nikkotempel wären niemals erbaut worden. Die Oeffnung des Museums für das allgemeine Publikum ist übrigens dem Besuch des Erzherzogs Franz Ferdinand von Oesterreich-Este zu danken. Bis dahin waren die Tempelschätze unzugänglich; sie wurden nur ihm zu Ehren ausgestellt, und seither bilden sie das Hauptziel der europäischen Touristen.
Wie in allen größeren Shintotempeln, so befindet sich auch hier in einem Hofe eine offene Tanzbühne, auf welcher eine Priesterin die heiligen Tänze ausführt. In einen weißen Talar und roten Unterrock (das Zeichen der Jungfräulichkeit) gekleidet, in der einen Hand einen Fächer, in der anderen einen Schellenstab haltend, macht sie mit ihren nackten Füßen einige Schritte nach der einen, einige Schritte nach der anderen Seite, bewegt die Arme und Hände, fächelt sich, macht einige Verbeugungen und kauert sich dann wieder auf ihre Fersen nieder. Das ist der ganze Tanz, aber trotz seiner Einfachheit ist er nicht ohne Wirkung, wozu die Erscheinung der Tänzerin, ihre Kleidung und ihr schneeweiß gepudertes Gesicht mit abrasierten Augenbrauen das Ihrige beitragen.
In der Nähe der Iyeyasutempel befinden sich auch die sehr sehenswerten Grabtempel des Enkels und zweiten Nachfolgers Iyeyasus im Schogunat, des Schoguns Iyemitsu, der noch die ganze Pracht der buddhistischen Tempeleinrichtungen zeigt. Auch hierher wallfahrten die Japaner und bringen den Priestern ihre Gaben dar, indem sie vor jedem Gebet einige kleine Münzen auf den Boden des Tempels werfen. In ganz Japan bekommt man die kleinste Münze, den Rin, von dem etwa fünf auf einen deutschen Pfennig gehen, im Handel und Verkehr fast nirgends zu sehen; dafür bestehen die Tempelgaben der Mehrzahl nach aus solchen Rin, die augenscheinlich für diese Zwecke eigens aufbewahrt werden.
Weiter aufwärts im Flußthale des Dayagawa giebt es keine Tempel und keine Ortschaften mehr bis zu dem etwa sechs Wegstunden inmitten der zentralen Bergketten gelegenen See von Tschuzendschi. Ein an wildromantischen Reizen reicher Weg führt den rauschenden Dayagawa entlang zu diesem etwa vierzehnhundert Meter über dem Meere gelegenen Bergsee, über den sich der kahle, mächtige Scheitel des Nantai-San erhebt. Auf dem schmalen Landstreifen zwischen Berg und Seeufer liegt das urjapanische Dörfchen Tschuzendschi, fast ausnahmslos aus Hotels und Theehäusern bestehend, die halb in den See hineingebaut sind und auf Pfählen offene Veranden tragen. Kleine, ewig lächelnde Nesans sorgen hier für die Wünsche der Reisenden; der prächtige Lachs wird für die Mahlzeiten frisch aus dem See gefangen, der Reis ist von blendender Weiße, und wer sich an die leichten japanischen Papierhotels gewöhnt hat, kann hier ein paar reizvolle Wochen verleben; nur darf er nicht in den ersten Augusttagen kommen wie wir, denn dann drängensich in das kleine Oertchen Zehntausende von Pilgern; dem Seeufer entlang, auf heiligem Boden, der durch ein mächtiges Steintorii bezeichnet wird, liegen langgestreckte, einstöckige Pilgerkasernen, und in diesen war jedes Plätzchen von den weißgekleideten Pilgern belegt, die am nächsten Morgen noch vor Sonnenaufgang die Besteigung des heiligen Berges Nantai-San unternehmen wollten. Ein Gitterthor versperrt den breiten Treppenweg, der zu dem nahezu dreitausend Meter hohen Gipfel führt, und wer die Besteigung ausführen will, muß den Priestern, die um den nahe dem Thore gelegenen Shintotempel hausen, einen Viertel Yen bezahlen. Aber ich hatte kurz zuvor die Besteigung des höchsten Berges von Ostasien, des Fudschiyama, ausgeführt, und der Nantai-San, ein Zwerg gegenüber diesem Bergriesen, reizte mich nicht weiter. Dafür wanderte ich den stillen, romantischen See entlang, an den einsamen Sommerhäusern des deutschen und des englischen Gesandten vorüber, nach dem kleinen Badeorte Yumoto, wo unter Flugdächern an der Straße Scharen von Männern und Frauen jeden Alters zusammen badeten. Woran man sich in dem Bergdistrikt von Nikko nicht sattsehen kann, ist die wunderbare Natur, die in solcher Großartigkeit in ganz Ostasien nicht wiederzufinden ist. Nur gehört gutes Wetter dazu, und das ist leider den Sommer über in Nikko selten. Es regnet hier gerade so häufig und so viel wie in Salzburg.
Das Innere des Grabtempels des Shoguns Iyemitsu in Nikko.❏GRÖSSERES BILD
Das Innere des Grabtempels des Shoguns Iyemitsu in Nikko.
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