Japanische Blumenfeste.
I
Im Reiche der aufgehenden Sonne hat sich in den letzten Jahren sehr viel geändert, manche Sitten und Gebräuche sind der modernen Kultur, der sich die Japaner ergeben haben, leider zum Opfer gefallen, aber viele nationale Züge und Eigenarten haben sich dennoch bis auf den heutigen Tag erhalten und werden auch noch für lange Jahre hinaus erhalten bleiben.
Dem Reisenden in dem herrlichen Inselreiche des Stillen Ozeans wird es nicht schwer, diese Züge herauszufinden, denn sie bieten sich ihm sozusagen auf Schritt und Tritt dar. In erster Linie möchte ich die Liebe der Japaner zur Natur und zu deren schönstem Schmuck, den Blumen, nennen. Nirgends wird dem Blumenkultus größere Liebe, größeres Verständnis, größere Kunst entgegengebracht. Vom Kaiserpaare herab bis zum letzten Bettler huldigt alles den Blumen, Männer wie Frauen, Greise wie Kinder hegen und pflegen sie mit der größten Zärtlichkeit. Wohin ich auf meinen Reisen auch gelangte, überall fand ich die Wohnungen mit Blumen geschmückt. Im kaiserlichen Palast von Tokio fand ich sie in kostbaren Vasen prangen, in den Holz- und Papierhütten der Feldarbeiter in Bambusgefäßen als einzigen Schmuck der ärmlichen Räume; blieb ich in einem japanischen Hotel länger als einen Tag, dann wurden jeden Morgen von zarten Mädchenhänden die Blumen in meinem papierenen Zimmer gewechselt; die halbnackten Kuli, welche mich in ihren leichten Handwägelchen, den Rickshaws, durch das Land zogen, steckten sich eine Blume hinters Ohr; in den Straßen der Städte wandern Blumenverkäufer, die schöne Last in Körben auf eine Bambusstange gehängt, umher, und kein Bettler ist zu arm, um nicht für einige Rin (Zehntelpfennigstücke) eine Blume zu erwerben.
Aber noch mehr: der Kalender der Japaner setzt sich auch heute noch aus Blumenfesten zusammen; statt die Monate und Jahreszeiten mit unseren Namen zu bezeichnen, geben die Japaner ihnen den Namen ihrer Blumen. Mit Blumennamen nennen sie auch ihre Töchter, und diese, wie alle Damen Japans überhaupt, kleiden sich je nach der Blume, welche zu gewissen Jahreszeiten in ihren Gärten vorherrscht. Zur Zeit der Kirschblüte tragen sie Kimonos (schlafrockartige Oberkleider), auf welche Kirschblüten eingestickt sind; sind diese verblüht, dann kommen in der Natur, wie auf den Toiletten Azaleen an die Reihe, und so fort, bis der November die herrlichste Blume Japans, die Chrysanthemum, bringt. Ja sogar der Wandschmuck der Wohnräume richtet sich nach den Blumen. Die Japaner pflegen auf die kahlen nackten Papierwände ihrer Wohnungen Kakemonos zu hängen, lange mit Blumen und anderen Sujets bemalte Papierstreifen; blühen die Glycinen oder Päonien oder der Lotos, dann werden auch in den Häusern Kakemonos mit solchen Blumen aufgehängt und vor diese Vasen mit frischen Blüten gestellt.
Wir Europäer sind gewiß ebenfalls den Blumen hold, und viele von uns pflanzen und pflegen sie mit derselben Liebe wie die Japaner; aber in Bezug auf ihre Zusammenstellung sind wir im Vergleich zu ihnen noch weit zurück, und nur die deutschen Blumenzüchter befleißigen sich ähnlicher Sorgfalt. Wie plump und sinnlos sind die Sträuße, welche auf dem allwöchentlichen Blumenmarkte rings um die Madeleinekirche in Paris feilgeboten werden! Dutzende von Rosen derselben Farbe werden dort eng aneinander gequetscht, und das Ganze wird in einer großen weißen Papiertüte steckend feilgeboten. Ein derartiges Unding würde in Japan Entsetzen erregen. Dort wird auch die geschnittene Blume einzeln und für sich behandelt, als säße sie noch auf der Pflanze im Garten. Der Japaner legt nicht so viel Wert auf den Geruch und die Farbe der Blume selbst, wie auf die Form, das künstlerische Zusammenwirken von Blume, Stengel und Blättern. Sind die letzteren auch wenig schön, so heben sie doch durch ihre Zusammenstellung die Schönheit der ersteren. Die zarte Kunst der Behandlung von Blumen, ob lebender oder geschnittener, gehört in Japan mit zu den schönsten Künsten, und die Erziehung einer Japanerin wird als unvollständig betrachtet, wenn sie nicht einen Kurs in der Blumenkunst durchgemacht hat.
Bei dieser Vorliebe, ja ich möchte sagen Leidenschaft der Japaner für ihre herrliche Flora ist es nicht zu verwundern, daß die Blumen die wichtigsten Sujets sind, welche in den japanischen Malereien und Skulpturen, bei der Ausschmückung von Bronzen und Porzellanen zur Verwendung kommen, ja daß sie vom japanischen Adel als Wappenbilder gewählt werden.
Und wie bei jedem einzelnen Japaner, so äußert sich die Liebe zu den Blumen im ganzen Lande durch zahlreiche, allgemein gefeierte Blumenfeste. Wie es bei uns ein Weihnachts-, Oster- und Pfingstfest giebt, so giebt es in Japan ein Kirschblüten-, Azaleen- und Chrysanthemumfest. Selbst zur Neujahrszeit werden die Häuser in Ermangelung von Blumen mit Immergrün, Tannen und Bambus geschmückt. Kommt aber der Frühling, dann bringen die wärmeren Sonnenstrahlen die zarten Knöspchen der Kirschbäume zur Blüte, und das ganze Inselreich ist bald in das herrlichste Rosenrot gehüllt, als wären Massen kleiner, von der Sonne durchleuchteter Wölkchen vom Himmel herabgeflogen, um für einige Wochen zwischen den Baumkronen der Gärten zu verweilen. Wer jemals das Glück gehabt hat, den unbeschreiblich üppigen Blütenschmuck der Kirschbäume in Japan zu sehen, der wird die Begeisterung der Japaner gerade für diese Blüte wohl begreifen und es natürlich finden, daß sie die Kirschbäume nur ihrer Blüten wegen pflanzen, denn die japanische Kirsche ist ungenießbar. Nach der unwirtlichen kalten Jahreszeit wirkt der rosenrote Schnee, in den sich die Bäume hüllen, um so stärker. Die Kirschblüte, und nicht, wie es im Abendlande allgemein geglaubt wird, die Chrysanthemumblüte ist die Lieblingsblume der Japaner.
Schon vor der vollen Entfaltung der Blüten wird in den Tagesblättern Japans über das Fortschreiten derselben berichtet. Depeschen aus allen Teilen des Landes verkünden die Freudenbotschaften, daß hier oder dort die Bäume bereits in Blüte stehen, und unter den Stadtneuigkeiten kann man lesen, daß Prinz Sandscho oder der Premierminister Graf Ito sich für drei Tage nach Nara oder Kioto begeben haben, um die blühenden Kirschbäume zu bewundern.
Endlich prangen auch die Kirschbäume in der Hauptstadt selbst in ihrem unglaublich reichen Blütenschmuck. Wer in der ersten Aprilhälfte die Kirschhaine des Uyénoparks oder von Mukodschima an den Ufern des Sumidagawa durchwandert, der sieht dort die riesigen Bäume, hoch wie alte Eichen, mit Blüten vollständig bedeckt, ohne daß noch ein einziges grünes Blatt erschienen wäre; nicht kleine leichte Blütchen, sondern rosenrote, blattreiche, doppelte Blumen, so groß wie Centifolien. Auf jedem Ast, jedem Zweiglein sitzen sie dicht aneinander gedrängt, kaum daß die größeren Aeste sichtbar sind; und dahinter erheben sich die dunkelgrünen mächtigen Kryptomerien, diese schönsten Nadelholzbäume des Orients. Die Blüten hauchen einen zarten Duft aus, fremdartige Vögel singen und trillern in den dichten rosenroten Kronen, die sich in den stillen Lotosteichen wiederspiegeln.
Dann kommt der Kirschblütensonntag, ein Nationalfest der Japaner, dieses Phäakenvölkchens. Ueber Nacht sind in den weiten Avenuen, ebenso wie in den Seitenwegen und entlang den schmalen lauschigen Waldpfaden Hunderte und Aberhunderte von leichten Buden entstanden, in denen kleine putzige Japaner und Japanerinnen allen möglichen Flittertand verkaufen. Jede dritte Bude ist ein Theehaus, in welchem Reiswein feilgeboten wird, und Tausende von Familien mit Kind und Kegel, alle in seidene Festgewänder gehüllt, lustwandeln in dem rosenroten Wald, bleiben hier und dort vor irgend einem besonders prächtigen Baume stehen, um ihn mit Kennerblick zu bewundern oder möglicherweise Gedichte, seine Pracht verherrlichend, an den Stamm zu heften. Jeder Besitzer eines Gartens hat um diese Zeit sein Kirschblütenfest und versendet große mit Kirschblüten gezierte Einladungskarten an seine Freunde; sogar der Hof ladet die Gesellschaft und das diplomatische Korps zu einer Gardenparty ein, welche in den weiten in üppiger Pracht stehenden Palastgründen des Hama Rikiu abgehalten wird.
Wer aber das japanische Volksleben in seiner ganzen Eigenart kennen lernen will, der muß nach Mukodschima im Südosten von Tokio gehen. Dort wurden, als noch das Schogunat (Vizekaisertum) der mächtigen Tokugawafamilie in voller Blüte war, Kirschbäume gepflanzt, die heute ungeheure Dimensionen erreicht haben, so daß in den weiten Alleen ihre Zweige sich verschlingen und einen rosenroten Dom bilden. Dort vor allem ist der Schauplatz der Hanami, d. h. Familienpicknicks, auf welche sich die Kinder das ganze Jahr über freuen. Schon lange vorher werden von verschiedenen Familien gemeinschaftliche Ausflüge vereinbart. Zu Fuß, in Booten oderin langen Reihen von Rickshaws treffen sie ein, jede Gruppe durch ein gemeinschaftliches Zeichen erkenntlich; die einen tragen buntfarbige Tücher um den Kopf gewunden, die anderen gleiche Halstücher, die dritten irgend einen bunten Fleck auf ihren Kimonos. Männer, Frauen, Mädchen, Kinder, alle in ihren buntesten Schlafröcken, durch ebenso bunte Papierschirme gegen die Sonne geschützt, ebenso bunte Fächer schwenkend; auf jedem Boote ausgelassene Fröhlichkeit, Gesang, Gelächter, Trommelschlag und Samisengezupfe; ein Karneval im blühenden Frühling!
Die Mädchen spielen heitere Gesellschaftsspiele, Männer tanzen wie Satyre, Poeten sagen ihre den Bäumen gewidmeten Oden her, Seiltänzer, Akrobaten, Märchenerzähler, Wettringer unterhalten das Volk. Dazu die eigentümlichen langen Gewänder, die fremdartige Landschaft, so daß man sich ein paar tausend Jahre zurück versetzt denken könnte, mitten in irgend eine Saturnalie des Petronius. Mit dem Einbruch der Dämmerung erscheinen Tausende und Abertausende von buntfarbigen Papierlampions in den Bäumen, auf den Booten im Flusse, rings um die zahlreichen Sakeläden und Theehäuser. Damit ist die Zeit für das Abendbrot gekommen. Im Kreise sitzen die Familien und Gesellschaften beisammen, handhaben lachend, scherzend ihre Eßstäbchen, trinken dazu aus winzig kleinen Porzellanschalen Sake und lassen sich mit Samisen und Gesang unterhalten. Schöne Maiko- und Gaishamädchen in den herrlichsten Gewändern, die Gesichtchen bemalt, das rabenschwarze Haar unter einem Wald von Schmetterlingsnadeln verborgen, tanzen und führen kleine Szenen auf. Am fröhlichsten wird das Treiben, wenn irgend ein plötzlicher Windstoß durch die Bäume fährt, die Blüten entblättert und sie wie rosenroten Schnee auf die ganze Gesellschaft herabfallen läßt.
Nur zu bald geht es mit der Kirschblütenherrlichkeit zu Ende, aber an ihre Stelle treten, noch während sie auf den Bäumen prangt, die Azaleen und nur wenige Tage später die Päonien, nicht wie wir sie kennen, sondern wie sie in solcher Größe, Menge und Pracht nur Ostasien besitzt. Ich habe in Japan mannshohe Azaleen- und Päonienbäume gesehen mit Tausenden von Blüten, ja in dem Klostergarten von Hia Hungtien an der Ostgrenze von Deutsch-China bewunderte ich einen Azaleenbaum, dessen Stamm einen halben Meter Durchmesser besaß und dessen haushohe Krone an zwanzigtausend Blüten beherbergen mochte. Die Päonien, in Japan Botan genannt, zeigen sich Anfang Mai in wunderbarer Farbenpracht. Auf sie folgen im Juni die herrlichen, die Teiche und Wassergräben mit einem lila Teppich bedeckenden Iris; wie die Tulpen in Holland, so prangen die Iris hier auf weiten Feldern, mehrere Morgen einnehmend; kommen einige Tage später die Glycinen, auf Japanisch Fudschi genannt, zur Blüte, dann ist in manchen Gebieten lila die hervorragende Farbe in der Landschaft. Den Wänden der Landhäuser entlang, an Palästen und Hütten, auf Theehäusern und künstlich errichteten Lauben und Gängen winden sie sich in unglaublicher Ueppigkeit empor und über die Dächerhinweg; dazu wird bei vielen Häusern des ärmeren Volkes der Dachfirst mit Iris bepflanzt, so daß sie im Juni vollständig mit lila Blüten bedeckt sind. Am berühmtesten ist die dreihundertjährige Glycine (Wistaria chinensis) im Garten des Kameidoklosters, das Ziel unzähliger Wanderer, welche im Frühsommer hierher pilgern, um diese mehrere hundert Meter langen blütengespickten Ranken zu bewundern. Schattige Laubgänge bildend, Theehäuser mit einem Blütendach bedeckend, reichen sie bis weit in den kleinen See hinaus, in dessen stillem Wasser sich diese lila Blütenpracht wiederspiegelt. Ebenso besucht wie der Glycinengarten von Kameido ist die fünfhundert Jahre alte Glycine in Kasukabe, nordöstlich von Tokio, eine wunderbare Pflanze, deren Ranken rebenartig eine Laube von vierhundert Quadratmetern bedecken.
Für das nächste Blumenfest des Jahres bieten die schönen weißen Lotos den Anlaß, die neben den Kirschblüten und Chrysanthemen die beliebtesten Blumen Japans sind und als Symbole der Reinheit, Tugend und Nützlichkeit bewundert werden: der Reinheit, weil ihre zarten weißen Blüten sich aus dem Schlamm der Pfützen und Moräste erheben, der Tugend wegen ihres leichten balsamischen Geruches, der Nützlichkeit, weil die Samenkörner, die sie enthalten, genießbar sind. Ueberall in Japan, in den Wassergräben der alten Daimioschlösser, in Teichen und Seen, an Kanälen und Flüssen entlang sind während des Monats August diese schönen großen Blumen zu sehen. In Tokio ist der Schinobadzusee des Uyenoparkes mit ihnen buchstäblich gefüllt, und dann pilgert die ganze Stadt hinaus, um an den kleinen Inselchen und Brücken und Theehäusern diese Blütenpracht zu bewundern. Noch schöner als der Lotossee des Uyenoparkes erschien mir der kleine Teich hinter der Pagode des Schibaparkes; umgeben von mächtigen Kryptomerien schlummert er in deren tiefem Schatten; ein Inselchen mit einem winzigen Tempel erhebt sich aus seiner Mitte, und die Wasserfläche ist so dicht mit Lotosblüten bedeckt, daß man sie für einen großen Teppich halten könnte.
Aber der größte Kultus wird in Japan getrieben mit der letzten Blume des Jahres, der Wappenblume des Kaiserhauses, dem Chrysanthemum. Seit Jahrhunderten ist die Gilde der japanischen Gärtner, von Vater auf Sohn, damit beschäftigt, diese Blume zu veredeln und durch allerhand nur ihnen bekannte Mittel so vielfarbig und vielgestaltig wie nur möglich zu ziehen. Große Vermögen werden in Chrysanthemum angelegt, große Vermögen damit gewonnen. Die Gärtnergilde in Yokohama besitzt an fünfhundert Gärten, zweihundert Morgen Landes umfassend, in denen sechs- bis achthundert verschiedene Arten von Chrysanthemen gezogen werden. Die Gilde in Tokio besitzt wohl eine noch größere Zahl von Gärten in der Vorstadt Dangozaka, und die schönsten Blumen, die sie das Jahr über zieht, werden gelegentlich des Chrysanthemumfestes in den kaiserlichen Gärten vom Akasaka zur Schau gestellt. Schon diese Gärten allein mit ihren ungeheuren Cedern undKryptomerien, ihren lauschigen Alleen, grünen Rasen, mit von Tempeln und Kiosken gekrönten Hügeln, ihren Wasserflächen mit Inselchen und kurios geschwungenen Brücken sind Wunderwerke der Japaner, die leider nur wenigen Auserlesenen zu schauen beschieden sind. Staunend durchwanderte ich dieses Buen Retiro der Kaiserin, das als passendsten und bezeichnendsten Namen den Namen „Kaiserin Frühling” führt. Dem großen Park wird im November durch die Kunst der japanischen Gärtner wahre Frühlingspracht gegeben, und wem die Auszeichnung zu teil geworden, von der Kaiserin zu dieser Gardenparty befohlen zu werden, der wird die schwärmerische Leidenschaft der Japaner für die Kaiserblume, Kiku, begreiflich finden.
Nach Zehntausenden müssen die Chrysanthemen zählen, welche hier in der wunderbarsten Farbenpracht erblühen; den besandeten Wegen entlang sind leichte Flugdächer aus Bambusstangen errichtet, verhüllt durch violette Gazevorhänge, auf welchen die weiße kaiserliche Chrysanthemumblüte eingestickt ist. Unter jedem Flugdach sind verschiedene Arten von Chrysanthemen ausgestellt, verschieden in Farbe, Größe, Form und Gestaltung der Pflanze selbst. Manche Blüten sind größer als unsere Teller, je eine auf einer Pflanze mit einem einzigen Stiel, andere mit den zartesten ineinander gerollten Blättern haben das Aussehen großer Schneeballen; wieder andere mit Hunderten von Blättern, die wie lange Haare von den Blüten herabhängen, oder solche, die steif wie bei einer Sonnenrose ringsum stehen. Besonders merkwürdig sind Pflanzen mit einem ganzen Strauß von Blüten bedeckt, jede von einer anderen Farbe; das größte Wunder der Gärtnerkunst aber sind einzelne Pflanzen, welche auf demselben Stiel ein Dutzend Blüten jede von verschiedener Größe und dabei verschiedener Farbe zeigen. Weiter im Innern des Gartens sind große Flächen buchstäblich mit einem Teppich von Chrysanthemen bedeckt, hier ein weißer, dort ein roter oder violetter Teppich, in welchem jede einzelne Blume genau dieselbe Farbe zeigt, jede genau so geöffnet ist wie die andere, so daß sie gleichzeitig welken und vielleicht an demselben Tage verblühen. Mitten in diesen Beeten erheben sich Riesenpflanzen, die auf ihren zwei Meter und noch längeren Stielen bis zu sechshundert Blüten zeigen. An jeder Pflanze hängen kleine Papierzettelchen mit dem Namen der betreffenden Art in japanischen Lettern, Namen wie „der weiße Drache”, „goldener Tau”, „Fischers Laterne”, „das Federnkleid”, oder auch „zehntausendmal mit Gold bestreut” und dergleichen.
Um dieselbe Zeit, wie die kaiserliche Chrysanthemumparty finden auch im ganzen weiten Reiche, hauptsächlich aber in Tokio selbst, Festlichkeiten statt, für welche die Chrysanthemen die Veranlassung sind. Die ganze Bevölkerung, hoch und niedrig, wandert dann hinaus nach Dango Zaka, dem Quartier der Gärtner, dem Schauplatz der fröhlichsten Hanami. Jeder einzelne Gärtner hat dort seine eigene aus Bambusstäben errichtete Schaubude, in welcher er die schönsten Produkte seiner Kunst gegen ein Eintrittsgeld von wenigen Pfennigen zur Schau stellt. Aber hier sind es nichtso sehr die Blüten selbst, als ihre eigentümliche Zusammenstellung zu Figuren und Landschaften, welche die festlich gestimmten Japaner in hellen Scharen herbeilocken. Die Buden sind dementsprechend in einen Zuschauerraum und eine Bühne mit Kulissen eingeteilt, und auf den Bühnen stehen die seltsamsten Chrysanthemumfiguren. Alle möglichen Sujets, aus der Geschichte des Landes, der Mythologie und der Gegenwart, Landschaften, volkstümliche Helden, berühmte Schauspieler in ihren Lieblingsrollen, Scenen aus populären Theaterstücken, alles das wird für die Darstellung gewählt, ein ungeheures Panoptikum, wie jenes von Madame Tussaud in London oder Castan in Berlin, nur mit dem Unterschiede, daß die Kleidungsstücke und Trachten ganz aus Chrysanthemumblüten bestehen. Die Gesichter, Hände und Füße werden mit großer Treue und Lebenswahrheit aus Wachs geformt, die Kleider aber, ebenso wie die einzelnen Landschaftsbilder, ob sie nun Felsen, Berge, Wasserfälle, Tempel darstellen, bestehen ausschließlich aus Chrysanthemumblüten und -blättern, so kunstvoll aneinander gebunden, daß sie sogar die glatte Oberfläche der Stoffe nachbilden, und dabei sind diese Blüten nicht etwa von ihren Stielen abgeschnitten, sondern lebende Blumen, mit ihren Stielen und Wurzeln. Wer beispielsweise die mit Stickereien bedeckten Kimonos oder die Rüstung eines altjapanischen Kriegers betrachtet, hält das für unmöglich. Besucht man aber Dango Zaka am Morgen, so hat man zuweilen in dieser oder jener Bude Gelegenheit, das Erneuern welker Blumen zu beobachten. Dazu müssen kleine Partien von Blumen losgebunden werden, und dann sieht man, daß diese Figuren aus einem Bambusgestell bestehen, hinter welchem die Pflanzen selbst verborgen sind, die Wurzel sorgfältig in feuchte Erde verpackt, mit den für die Darstellung erforderlichen Blüten oder Blättern zwischen den Bambusplatten hervorgezogen und kunstvoll mit- und ineinander verflochten. Des Morgens und Abends werden die Pflanzen mit Wasser besprengt und erhalten sich, durch das Mattendach der Schaubude gegen die Sonnenstrahlen geschützt, einen ganzen Monat lang, als ständen sie in einem Garten.
Dem leichtlebigen japanischen Völkchen gilt das Chrysanthemumfest wie ein Abschied von der schönen warmen Jahreszeit, es ist das letzte der Blumenfeste, und schon deshalb nimmt jede Familie, jeder Einzelne bis zum geringsten Bettler daran teil. Sind die Chrysanthemen verblüht, dann erhält die Landschaft nur noch durch die vom Spätherbst rot und gelb gefärbten Ahornblätter Abwechselung, und während die Japaner diese bewundern, zählen sie auch schon die Wochen, die sie von dem nächsten Kirschblütenfest trennen.