Quer durch Schantung[2].

Der Niam-Niamtempel (der „heiligen Mutter”) in Kiautschou.Quer durch Schantung[2].

Der Niam-Niamtempel (der „heiligen Mutter”) in Kiautschou.

Der Niam-Niamtempel (der „heiligen Mutter”) in Kiautschou.

M

Mit Tsingtau hat das Deutsche Reich nur eine Pforte zu dem großen unbekannten Hinterlande erreicht, und dieses, nicht Tsingtau, ist für den deutschen Handel in China von der größten Wichtigkeit. Von diesem Hinterlande und seiner Eröffnung wird es abhängen, ob der neue Hafen an der chinesischen Küste eine Bedeutung erlangen wird, die über jene einer Kohlenstation und eines Stützpunktes für die deutsche Flotte hinausgeht, und die Errichtung von Faktoreien, größeren Hafenanlagen, Leuchttürmen, Befestigungen rechtfertigt.

Wo immer man auf dem Erdball Umschau halten mag, wird man große blühende Handelshäfen ausschließlich nur dort finden, wo schiffbare Wasserstraßen nach einemfruchtbaren, dicht bewohnten Hinterlande führen, oder wo die Bodenverhältnisse die Anlage von Eisenbahnen, dieses wichtigsten Ersatzes für Wasserstraßen, möglich machen.

Wie sind nun diese Verhältnisse im Hinterlande von Deutsch-China bestellt? Was liegt dahinter? Worauf stützt man die Hoffnungen auf eine gedeihliche Entwickelung des Keimes, den die deutschen Blaujacken an der fernen Küste von Schantung gepflanzt haben? Wer kennt dieses Schantung aus eigner Anschauung? Was bisher davon ins Abendland gedrungen ist, beruht großenteils auf Hörensagen. Seitdem der große Venetianer Marco Polo im dreizehnten Jahrhundert das ferne Cathai bereist und mit seiner wundersamen Mär von dem chinesischen Riesenreiche die Alte Welt in Erstaunen gesetzt hat, haben nur ein paar englische Reisende, hauptsächlich Missionare, verschiedene Teile von Schantung besucht; ein Deutscher ist vor dreißig Jahren ihren Pfaden gefolgt, allein hauptsächlich mit wissenschaftlichen Zielen vor Augen. Was sie berichtet haben, und was die in dieser Hinsicht unzuverlässigen Chinesen über Schantung erzählen, bildete bis zu diesem Jahre die Grundlage unseres Wissens. Was dort für den Handel zu holen ist, welche Aussichten sich für einen Hafen an der Küste darbieten, hat uns noch niemand, gestützt auf eigne Anschauung, erzählt. In dieser Hinsicht, wie auch in Bezug auf die Geographie und Ethnographie des Landes, ist Schantung großenteils noch eineterra incognita.

Und doch sind die wenigsten Gebiete des großen asiatischen Kontinents interessanter und würden eine so ergiebige Ausbeute für den Reisenden darbieten, als gerade Schantung; denn abgesehen von den mineralischen Schätzen, die dort unter der Erde schlummern, abgesehen von dem eigenartigen Thun und Lassen der Bewohner dieses Landes zwischen dem mächtigen Gelben Strom und dem großen Kaiserkanal, liegt ja dort, am Südfuße der malerischen Berge des mittleren Schantung, das heilige Land von China. Dort liegt die Geburtsstätte des großen Religionsstifters der Chinesen, Confucius, sowie die seiner Apostel Mencius, Tse-Tse und anderer. Dort liegen heute noch, wohlbehütet von ihren Nachkommen, die Gräber dieser Weisen; und in einer Großstadt, Yentschou-fu, werden ihre Lehren studiert, erklärt und über das ganze Land verbreitet; unweit davon erhebt sich der sagenhafte heilige Berg von China, der Taishan, mit seinen zahllosen Tempeln, Opferaltären und kaiserlichen Denkmälern, zu Füßen des Taishan aber liegt das Mekka von China, die große Pilgerstadt Taingan.

All das bot mir mehr als hinreichende Veranlassung, von dem deutschen Hafen Tsingtau aus die Reise kreuz und quer durch die Provinz Schantung, ein Gebiet so groß wie Süddeutschland, einschließlich der Reichslande, zu unternehmen. Von meinen früheren Reisen in dem großen Reiche der Mitte wußte ich, daß es galt Abschied zu nehmen von all den Bequemlichkeiten des modernen Reiselebens undvon allem Verkehr mit der Außenwelt. In China ist der Reisende auf sich selbst und seine eignen Hilfsmittel angewiesen, und da in Tsingtau der Handelsverkehr noch ein Ding der Zukunft ist, hatte ich mir den erforderlichen Reisebedarf, bis herab zu Kochgeschirren und Bettzeug, von Shanghai aus besorgt.

An einem kalten, stürmischen, regnerischen Märztage verließ ich, begleitet von meinen chinesischen Dienern und Photographen, Tsingtau in einer elenden Dschunke, um über die weite Bucht von Kiautschou nach der Stadt dieses Namens zu segeln. Eine andere Verbindung besteht heute mit Kiautschou nicht, wollte ich nicht zu Pferd über Land um die große Meeresbucht herum nach meinem in wenigen Monaten so berühmt gewordenen Ziele reiten. Die Stadt war auch schon früher einmal, vor Jahrhunderten, berühmt, als die Meeresbucht in ihrer nördlichen Hälfte noch nicht so verschlammt war wie jetzt. Dutzendemale fuhr die kleine, von fünf blöden Zopfträgern bemannte Dschunke auf den Schlammboden auf; die einströmende Flut erst führte sie weiter in einen kaum vier Schritte weiten Kanal, um in der Nähe eines elenden Chinesendorfes, Tapautau, ganz stecken zu bleiben. Auf meine tags zuvor an den Mandarin von Kiautschou gerichtete Bitte standen dort drei, mit mageren Gäulen bespannte zweirädrige Karren bereit, und derartige Karren, mit einem Reitpferd für mich, bildeten die Transportmittel meiner Karawane während der ganzen, zwei Monate langen Reise.

Visitenkarte desPräfekten vonKiautschou.

Visitenkarte desPräfekten vonKiautschou.

Die einst so blühende Hafenstadt Kiautschou liegt heute mehrere Wegstunden von der Meeresbucht entfernt, auf trockenem Lande, und nichts ist unrichtiger, als in Bezug auf Kiautschou von einer Hafenstadt zu sprechen. Der Name Kiautschou als Bezeichnung für den deutschen Besitz in China sollte überhaupt aus allen Zeitungen wie aus der Leute Mund verbannt und dafür Tsingtau gesetzt werden. Tsingtau ist ja der deutsche Hafen, von Kiautschou zulande anderthalb Tagereisen entfernt. Statt Tsingtau Kiautschou zu nennen, ist gerade so, als würde man in Deutschland statt der deutschen Stadt Emden das holländische Groningen nennen. Kiautschou steht ja trotz seiner kurzen Besetzung durch die deutschen Marinesoldaten im Jahre 1897 vollständig unter dem steinernen Scepter des „Sohnes des Himmels”, und ein bezopfter alter Mandarin, namens Lo, führt dort in seinem Namen die Regierung. Wohl liegt Kiautschou in der Zone des sogenannten „deutschen Einflusses”, und keine wichtigere Regierungsmaßnahme kann dort ohne Einwilligung der Deutschen getroffen werden, allein Stadt und Gebiet sind unanfechtbar chinesisch.

Obschon Kiautschou nach europäischen Begriffen kaum mehr als ein stattlicher, mit hohen Ringmauern umgebener Marktflecken ist, wird es von den Chinesen doch noch immer als eine bedeutende Stadt betrachtet, was schon ihr Name „tschou” besagt. Die Städte erster Größe heißen in China „fu”, wie z. B. die Hauptstadt von Schantung Tsinanfu heißt, Städte zweiter Größe heißen „tschou”, wie Kiautschou, Tsinningtschou, jene dritter Größe, oder Kreisstädte, heißen „hsien”, wie Weihsien, Poschanhsien. Nicht ohne eine gewisse Erregung ritt ich durch das Stadtthor ein, auf welchem eine Zeitlang die deutsche Flagge geweht hat; Abgesandte des Mandarins erwarteten mich hier, um mich durch die von weiten grünen Feldern und schattigen Friedhöfen unterbrochenen elenden Vorstädte nach der inneren Stadt zu führen. Bald hatten wir die mächtige innere Ringmauer erreicht. Jenseits des vollständig unbewachten Thores gelangten wir in ein Gewirr von engen Gassen, eingefaßt von ebenerdigen Häuschen. Vor einem derselben wurde Halt gemacht. Durch die weitgeöffneten Flügelthüren erblickte ich einen Hof, in dessen Hintergrund sich eine Lehmhütte mit Strohdach erhob. Das war mein „Hotel”, das zur Zeit der deutschen Besatzung auch als Hauptquartier der Marinetruppen gedient hat. Eine wackelige Thür, von innen durch hölzerne Querriegel notdürftig verschließbar, führte in einen dunklen Raum, der als einzige Möbel einen Tisch und zwei Stühle besaß. Zu beiden Seiten befanden sich kleine Kabinette mit Holzpritschen; der Fußboden bestand aus festgestampftem feuchten Lehm, die kleinen Fensterchen waren mit dünnem zerrissenen Papier überzogen, von Heizeinrichtungen, Betten, Waschgefäßen und dergleichen keine Spur. All das muß der Reisende in China, wenn er auf etwas Bequemlichkeit Anspruch macht, mit sich führen, und meine Diener hatten während meiner Irrfahrten durch die Provinz mit dem Ein- und Auspacken all der Gerätschaften täglich vollauf zu thun; denn ebenso wie dieses „Hotel”, so sind auch alle anderen in Schantung, nur daß die Mehrzahl bei weitem nicht so reinlich und verhältnismäßig so frei von Ungeziefer waren, wie dieses historische deutsche Hauptquartier in Kiautschou.

Da ich mit offiziellen Empfehlungsschreiben seitens der chinesischen Regierung reiste, so meldete sich bald nach meinem Eintreffen ein Yamenbeamter, der mir die große rote Visitenkarte des Präfekten überbrachte. Chinesische Etikette erfordert es, daß man die eigne Visitenkarte, mit Namen und Titeln in chinesischen Schriftzeichen, durch den Beamten zurücksendet und sich bei dem Stadtmandarin zum Besuch anmeldet. Der erste Besuch, den ich Seiner Ehren, dem Präfekten Lo machte, war nicht ohne Interesse. Allein mit Bedauern denke ich heute an die kostbare Zeit zurück, die in jeder einzelnen der vielen Städte und Marktflecken in Schantung mit den Besuchen und dem Empfang der Gegenbesuche seitens der Mandarine verloren ging. Jeden zweiten oder dritten Tag kam ich in eine Stadt, und statt mich sofort an die Besichtigung derselben machen zu können, mußte ich die ersten zwei oder drei Stunden derlei gesellschaftlichen Erfordernissen opfern. Wie der bezopfte alte Lo, so empfingen mich auch alle anderen Mandarine in vollem Staatskleide, umgeben von ihren Sekretären, Beamten und Ehrengarden, inder Haupthalle ihres Yamens. Die drei großen Höfe, die ich dabei zu durchschreiten hatte, waren gewöhnlich von vielen Hunderten Neugierigen gefüllt, von denen der größte Teil einen Europäer überhaupt zum erstenmal erblickte. In der Haupthalle angelangt, führten die Anwesenden vor mir den Kautau aus, indem sie sich mit vor der Stirn gefalteten Händen bis nahe dem Boden verbeugten. Dann führte mich der Mandarin zu einem der beiden im Hintergrund befindlichen Stühle, nahm aus den Händen eines Dieners eine Tasse Thee und stellte sie auf das zwischen den Stühlen stehende Tischchen. Dann erst nahm er Platz und die Unterhaltung begann mit Hilfe meines Dolmetschers. Leider verlangt es die Höflichkeit, nicht früher aufzubrechen, bis der Mandarin seine Theetasse zum Munde führt, und das dauerte mitunter sehr lange, denn ebenso begierig wie ich es war, die Verhältnisse in Schantung kennen zu lernen, ebenso begierig waren auch die Mandarine, etwas über Deutschland zu erfahren, das sie ja nur dem Namen nach kennen. Geographie wird in den chinesischen Schulen nicht gelernt.

Kaum war ich nach diesen Besuchen nach Hause zurückgekehrt, so ließen sich die Mandarine, in mancher Stadt drei oder vier hintereinander, zum Gegenbesuch anmelden. Den Vortrab bildeten Soldaten und Yamendiener, die zuweilen die großen phantastischen Paradewaffen trugen, dann kam die von vier Dienern getragene, von einem großen roten Zeremonienschirm beschattete Sänfte, in welcher der betreffende Mandarin saß, und die Kautaus, Theezeremonien und langweiligen, überall ziemlich gleichen Gespräche begannen von neuem, bis ich durch das Erheben meiner Theetasse das Zeichen zum Aufbruch gab.

Segelschubkarren.

Segelschubkarren.

Kiautschou hat von seiner einstigen Größe noch recht viel Reichtum und Industrie bewahrt, auch der Handel mit dem Inlande ist noch ziemlich rege. Die Stadt besitzt reizende Tempel und zahlreiche Steindenkmäler in Gestalt von Ehrenpforten, in den Geschäftsstraßen reiht sich Laden an Laden, in denen die fleißigen Zopfträger unter den Augen der Passanten Pfeifen drechseln, hübsche Messingwaren, Leuchter, Opiumlämpchen und dergleichen herstellen, Tapeten mit chinesischen Ornamenten bedrucken, spinnen, weben, nageln, hämmern, vom frühen Morgen bis in die Nacht hinein. Ja, ich fand in wenigen Städten so viel Industrie wie hier, und die Stadt wird durch die geplante Eisenbahn von Tsingtau nach der Hauptstadt Tsinanfu gewiß viel gewinnen, denn was Schantung vor allem anderen braucht, sind Schienenwege. Als ich nach zweitägigem Aufenthalte mit meiner umfangreichen Karawane aufbrach, um durch die große Ebene nördlich von Kiautschou nach Weihsien zu reisen, bekam ich den ersten Vorgeschmack der gegenwärtigen Verkehrsrouten. Die einzelnen Dörfer und Städte in der ganzen Provinz sind nicht etwa durch Straßen oder auch nur Landwege miteinander verbunden, die irgendwie von den Mandarinen unterhalten werden, sondern Karren, Reiter, Fußgänger schlagen einfach die nächste Richtung nach ihrem Ziele ein, und ihren Spurenfolgen die Nachkommenden, so daß allmählich eine breite, tief ausgefahrene Route in dem weichen Alluvialboden entsteht, im trockenen Herbst und Frühjahr mit knietiefem, feinem Staub bedeckt, im Winter festgefroren, in der sommerlichen Regenzeit mit knietiefem Wasser angefüllt. Selbst die wichtigsten Verkehrsstraßen, wie jene zwischen dem einzigen Handelshafen von Schantung, Tschifu, nach der Hauptstadt, und die große, vom Jangtsekiang quer durch Schantung nach Peking führende sogenannte Kaiserstraße sind nicht viel besser, so daß man sich die Annehmlichkeiten des Reisens in der deutschen Provinz von China leicht ausmalen kann. Ermattet, ausgehungert, mit fingerdickem Staub bedeckt, kam ich nach den langen Tagemärschen in mein Nachtquartier, und in den Dorfherbergen war zuweilen das Wasser so schmutzig und übelriechend, daß ich ein paar Flaschen Apollinariswasser opfern mußte, um mich zu reinigen. Die große Mehrzahl der Mandarine und fast alle Kaufleute, die ich sprach, begrüßen die kommende Eisenbahn als einen Segen, und daß dem Bau dieser Eisenbahn keine übergroßen technischen Schwierigkeiten entgegenstehen, konnte ich überall erkennen. Von Kiautschou dehnt sich eine ungeheure, fast durch gar keine Erhebung unterbrochene Ebene in nördlicher Richtung quer durch Schantung und die Provinz Petschili bis nach Peking aus; die auf den meisten Karten verzeichneten Gebirge sind dort nicht vorhanden und erhebensich nur im mittleren Teile von Schantung, so daß sie von der nach der Hauptstadt Tsinanfu geplanten Eisenbahn, ohne einen Umweg zu machen, umfahren werden können. Die Mehrzahl der auf den Karten verzeichneten größeren Flüsse sind einen großen Teil des Jahres über wasserlos und erfordern keine schwierigen Brückenbauten. Auch bezüglich der zu erwartenden Einnahmen braucht man sich keinerlei Sorgen hinzugeben. Ich war auf der Reise nach der Hauptstadt überrascht von der großen Zahl volkreicher Städte und Dörfer; nach jeder halben Wegstunde stieß ich auf ein Dorf von mehreren hundert Einwohnern; häufig sah ich in meiner Sehweite im Umkreis Dutzende von Dörfern, durch die hohen Weiden und Eschen, welche ihren Hauptschmuck bilden, leicht erkennbar, von wirklichem Elend bekam ich nichts zu sehen. Und wenn in manchen Jahren der große Uebelthäter von China, der Hoangho, ungeheure Länderstrecken überschwemmt, wenn in verschiedenen Gebieten heftige Regengüsse oder anhaltende Dürre die Ernte vernichten, so ist dafür in anderen Gebieten der Ertrag der Ländereien an Weizen, Hirse, Bohnen, Reis und anderen Früchten so groß, daß der stellenweise entstehenden Hungersnot gesteuert werden könnte, wenn nur Transportwege vorhanden wären, um den Ueberfluß eines Gebietes nach dem notleidenden anderen schaffen zu können. Aber diese Transportmittel sind der Hauptsache nach Schubkarren, welche von Kulis gelenkt werden. All die zahlreichen Produkte der ungemein fruchtbaren und dichtbevölkerten Provinz, Kohle, Eisen, Lebensmittel, Seide, Wolle, Stoffe, Glas- und Töpferwaren, werden auf Schubkarren verfrachtet, und selbst der Passagierverkehr bedient sich hauptsächlich dieser primitiven Fuhrwerke.

Kaiserliche Pavillons im Park des Confuciustempels in Kiu-fu.❏GRÖSSERES BILD

Kaiserliche Pavillons im Park des Confuciustempels in Kiu-fu.

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Merkwürdigerweise bedienen sich die Schubkarrenkulis um Schantung zur Beförderung ihres Fahrzeugs auch der Segel. Vor dem Karren stecken zu beiden Seiten des Rades mannshohe Segelstangen, und zwischen diesen hissen die Kulis bei günstigem Winde blaue oder graue Segel. Unter diesen Umständen spricht es ungemein für den natürlichen Reichtum der Provinz, sowie für den Fleiß, die Nüchternheit und Sparsamkeit ihrer Bewohner, daß so viele Millionen ihr Auskommen finden können und daß in einer Reihe von Städten so große Wohlhabenheit herrscht. In Weihsien, Tsingtschoufu, Tsinanfu, Tsinin und anderen Städten giebt es eine ganze Anzahl von Millionären, ja die Hauptstadt der Provinz dürfte zu den reichsten Städten Chinas gezählt werden können. Freilich bekommt nur der aufmerksame Reisende davon etwas zu sehen, denn ebensowenig wie in anderen Provinzen besitzen auch die Städte Schantungs irgend welche Paläste: die Reichen verbergen ihre Wohnungen, ihre Wohlhabenheit hinter hohen Mauern, und die einzigen ansehnlichen Bauten, die man zu sehen bekommt, sind vor allem die mächtigen, von kuriosen Türmchen und Pagoden gekrönten Ringmauern, welche alle Städte und auch zahlreiche Marktflecken umgeben, sowie die vielen, Buddha oder Confucius geweihten Tempel, die sich gewöhnlich inmitten schattiger Cedern-und Fichtenhaine erheben. Sie bilden die einzigen Sehenswürdigkeiten nach unseren Begriffen, denn Monumente, Museen, Theater, große Fabrikanlagen und dergleichen gibt es in Schantung ebensowenig wie in dem ganzen übrigen China. Die Theater werden von den im Lande umherziehenden Wandertruppen jedesmal auf Marktplätzen oder in Tempelhöfen eigens aus Bambusrohren errichtet und nach Beendigung ihres „Gastspiels” wieder abgebrochen. Fabriken giebt es nicht; alles, sogar die Kohlenminen, Glasbläsereien und Töpfereien der großen Industriestadt Poschan sind gewissermaßen Hausindustrie, und die einzigen Dampfmaschinen der ganzen an fünfunddreißig Millionen Einwohner zählenden Provinz befinden sich in dem Arsenal von Tsinanfu.

Gespann in Ost-Schantung.

Gespann in Ost-Schantung.

Visitenkarte desMandarins vonPoschan.

Visitenkarte desMandarins vonPoschan.

Für den Mangel an sogenannten Sehenswürdigkeiten wurde ich aber durch das Leben und Treiben der Bewohner in den Städten wie auf dem Lande mehr als entschädigt, denn die Provinz hat noch keine Beziehungen zu der Außenwelt, alles hat sich in malerischer Ursprünglichkeit erhalten, und deshalb war für mich jede Stadt, jedes Dorf eine Art Museum. Weihsien mit seinen großen Märkten,Tsingtschoufu mit den herrlichen Buddhatempeln und interessanten mohammedanischen Moscheen, Lintschi mit seinen mehrtausendjährigen Altertümern, das industriereiche Poschan, dann Tschangschan, Tschangkin und vor allem die gegen vierhunderttausend Einwohner zählende Hauptstadt boten mir eine Reihe von Bildern, wie sie sich dem Reisenden in China selten zeigen. Dazu reiste ich in der schönsten Jahreszeit, im Frühling, und das Klima ist jenem von Mitteleuropa ähnlich, wenn auch die Sommer heißer und an den Küsten viel feuchter sind als bei uns. Die Chinesen sind große Freunde der Natur, sie haben sich für die Anlage ihrer Städte die malerischsten Punkte ausgesucht, und auch die grüne Landschaft besitzt hier großen Reiz; fehlen auch in ganz Schantung die Wälder, so sind doch alle Ortschaften von großen Obstgärten umgeben, und in den Feldern erheben sich überall dunkle Cypressen- und Cedernhaine, in deren Schatten unter mannshohen Erdhügeln die Toten ruhen auf ewig, denn nur in den seltensten Fällen rührt der Chinese an den Gräbern seiner Vorfahren. Schantung besitzt aber auch Königsgräber in der Gestalt hoher Pyramiden, von deren Vorhandensein man im Abendlande bisher nichts wußte. Jenseits von Putang, westlich von Tsingtschoufu ragen sie aus dem grünen Meer der wallenden Felder empor, noch mysteriöser als jene des Landes der Pharaonen. Obschon die Zeit viel von der ganzen Anlage verwischt hat, konnte ich doch erkennen, daß dieser Friedhof einer Königsdynastie einst großartig gewesen sein muß, großartiger vielleicht als jene der Ming, die ich bei Peking und bei Nanking gesehen habe. Der ganze Komplex umfaßt etwa einen Quadratkilometer und ist durchschnittlich drei bis vier Meter über die Ebene erhaben. Nach den aus großen Quadern aufgeführten, stellenweise noch erhaltenen Umfassungsmauern und der ganzen Terrainbildung zu urteilen, muß dieses ausgedehnte Plateau künstlich aufgeführt worden sein, eine übermenschliche Arbeit. Fünf große und mehrere kleine Pyramiden liegen nördlich des Weges, sechs große südlich desselben. Die Höhe der großen Pyramiden, vom Plateau aus gerechnet, schwankt zwischen vierzig und sechzig Meter; die höchsten sind jene, die sich von dem Dorfe in südwestlicher Richtung in einer Reihe gegen einen hohen Kalkfelsen hinziehen, auf dessen Spitze sich eine Anzahl Tempel, Opferhallen und Steindenkmäler erheben.

Wie alle Gräber in Schantung, so sind auch diese Königsgräber nur aus Erde aufgeführt, und es wundert mich nur, daß die Form ihrer Terrassen und Stufen so gut erhalten ist. Selbst die Wände sind glatt und vom Regen nur wenig angegriffen. Dort wo dies der Fall ist, stellte sich die Anfüllung als ein Gemenge von Lehm und Schutt mit zahlreichen Scherben dar. Die Wände jedoch bestehenaus festgeknetetem und gestampftem Lehm. Jede Pyramide hat eine breite Stufenterrasse von zweihundert bis vierhundert Schritt Umfang und zwanzig bis dreißig Meter Höhe, und auf dem Plateau dieses massigen Unterbaues erhebt sich, umgeben von steinernen Inschriftstafeln, eine kleinere Stufenpyramide. Die nördlichste Pyramide besitzt keine derartige Terrasse, sondern steigt vom Boden in fünf mächtigen, gleichmäßigen Stufen empor, so daß sie mich in ihrem ganzen Aussehen lebhaft an die berühmte Stufenpyramide von Sakkara erinnerte. Leider ist es unmöglich, Näheres über das Alter und die Bestimmung dieser Pyramiden zu erfahren, denn der erste Kaiser der Tsindynastie, dieser Napoleon Chinas, dem es gelungen war, all die Fürstentümer und Königreiche zu unterwerfen und unter sein Scepter zu bringen, ließ auch alle Geschichtswerke und Archive der verschiedenen kleinen Dynastien verbrennen.

Chinesische Kohlenarbeiter.

Chinesische Kohlenarbeiter.

Das Eingangsthor zum Taischanweg in Taingan fu.❏GRÖSSERES BILD

Das Eingangsthor zum Taischanweg in Taingan fu.

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Der interessanteste Teil von Schantung ist jedoch das Bergland südlich von Tsinanfu; nach all den offiziellen Besuchen, Mahlzeiten und gesellschaftlichen Zerstreuungen chinesischer Art, wie sie der Aufenthalt in der von vielen Mandarinen bewohnten Provinzhauptstadt mit sich brachte, war ich froh, wieder mit meiner Karawane hinauszuziehen in die Natur, um das heilige Land von China kennenzu lernen. Ein Ritt von anderthalb Tagen brachte mich nach dem Mekka von China, nach der viertausend Jahre alten Stadt Taingan. Schon aus weiter Ferne sah ich das Wahrzeichen des heiligen Landes, den mächtigen, beinahe zweitausend Meter hohen Taishan in die Wolken ragen. Mit Spannung ritt ich durch das Thor der hohen Stadtmauer in Taingan ein, denn hier mußte ich doch endlich Altertümer, Denkmäler aus der längst vergangenen großen Zeit Chinas finden, die ich auf meinen bisherigen Reisen in diesem ältesten Kulturlande des Erdballes vergeblich gesucht hatte. Die tausendjährigen Städte besitzen keine Burgen, alte Mauern, malerische Ruinen, wie sie sich in allen Ländern des Abendlandes darbieten, nun war ich in einer der ältesten Städte der Erde, die aus der Zeit der ägyptischen Pyramidenbauer stammt. Aber auch hier wurde ich grausam enttäuscht. Ruinen sah ich wohl, Ruinen von großen Vorstädten und ganzen Stadtvierteln, doch stammen sie nicht aus alten Zeiten, sondern sind die traurigen Ueberreste, welche die wütenden Rebellen aus dem Taipingkriege hier zurückgelassen haben. Dieser Krieg aus der Mitte des vorigen Jahrhunderts war vielleicht der größte, blutigste, grausamste aller Zeiten, denn ganze Provinzen von der Ausdehnung europäischer Reiche wurden verwüstet, zwanzig Millionen Menschen getötet. An wenigen Stellen wütete er so furchtbar wie hier, denn siebenmal drangen die Rebellen im Laufe der Kriegsjahre in Taingan ein, plünderten und zerstörten, was sie konnten, und das heutige Taingan ist nicht viel besser, nicht interessanter als irgend eine andere Stadt der Provinz. Nur der große Taishantempel, der mit seinem von tausendjährigen Cedern und Cypressen erfüllten Park fast die ganze nördliche Hälfte der Stadt einnimmt, ist von den Taiping verschont geblieben. Dieser Tempel ist das Ziel von vielen Tausenden von Pilgern, die in jedem Jahre aus allen Teilen des chinesischen Reiches hier zusammenströmen, um der „heiligen Mutter des Taishan” zu opfern und ihren Segen zu erflehen. Als ich, begleitet von einigen Soldaten, den Tempelpark betrat, waren gerade an die zehntausend Pilger hier versammelt, von denen die Mehrzahl noch niemals einen Europäer gesehen haben mochte. Natürlicherweise war ich bald von Neugierigen umringt, und als ich gar mit Hilfe meines Photographen den Apparat aufstellte, um die großen Tempelbauten, die uralten Denkmäler und die Menschenmenge selbst aufzunehmen, schienen die abergläubigen Zopfträger zu fürchten, ich wolle sie verzaubern. Ein derartiges dreibeiniges Ding mit glänzenden Metall- und Glasplatten hatten sie ja in ihrem Leben noch nicht gesehen. Bald begann es Steine auf mich zu hageln, und einige Mutige machten Miene, auf mich loszuschlagen. Da erhob ich erzürnt meinen Stock, und in demselben Augenblicke zerstob die Menge vor mir. Meine Soldaten griffen nun ihrerseits ein und trieben die Tausende wie eine Herde Schafe vor sich her, den Ausgängen zu. Binnen wenigen Minuten war der Platz gesäubert, die Thore wurden geschlossen, und ich konnte unbeirrt meine Aufnahmen machen.

Pagode in Tsiu-hsien.

Pagode in Tsiu-hsien.

Der Taishantempel von Taingan gehört zu den größten Tempeln von ganz Ostasien; der Provinzgouverneur hatte dem Mandarin von Taingan den Befehl zukommen lassen, den sonst nur einmal im Jahre geöffneten Tempel für mich aufschließen zu lassen, und ich war wohl der erste Europäer, der Gelegenheit hatte, ihn in allen seinen Teilen zu besichtigen und Aufnahmen zu machen. Mehr als die auf einem Thron sitzende, kunstvoll geschnitzte und vergoldete Figur der heiligen Mutter bewunderte ich die herrlichen Malereien, welche die Tempelwände bedecken und die, aus dem siebzehnten Jahrhundert stammend, wohl zu dem Schönsten gehören, was die chinesische Kunst hervorgebracht hat. In einer Reihe von Wandgemälden ist hier die Besteigung des Taishan durch den ersten Kaiser der gegenwärtigen Dynastie dargestellt, und in Bezug auf Farbenreichtum, Perspektive, Gruppierung der zahlreichen Figuren habe ich auch in Japan nichts Schöneres gesehen.

Nachdem die Pilger der heiligen Mutter im Taishantempel geopfert haben, unternehmen sie gewöhnlich zu Fuß den Aufstieg auf den gewaltigen Granitberg, dessen Gipfel, etwa fünfundzwanzig Kilometer von Taingan entfernt, der höchste des ganzen Berglandes von Schantung ist. Am zweiten Morgen nach meinem Eintreffen in Taingan zog auch ich, begleitet von meinem Photographen, durch das Nordthor der Stadt, um die sechstausend Stufen, welche von dem ersten Drittel der Höhe zum Gipfel führen, emporzuklettern; und mittags stand ich mitten zwischen den zahlreichen großen Tempeln, welche das oberste Plateau des heiligen Berges krönen. Meinen Leuten die photographischen Aufnahmen überlassend, pilgerte ich zwischen kostbaren Bronzedenkmälern und ungeheuren Steintafeln, welche verschiedene Kaiser hier gestiftet haben, zu dem heiligsten der Tempel, jenem der heiligen Mutter: sie thront auf einem rotlackierten Holzaltar, in kostbare, mit herrlichen Stickereien geschmückte Seidengewänder gehüllt; vor ihr aber ist der Boden des weiten Tempelraumes meterhoch mit Münzen bedeckt, den Opfergaben der Pilger. Auch Silberstücke von verschiedener Größe liegen zwischen den Millionenvon Kupfermünzen, die in jedem Jahr einmal von einem Abgesandten des Provinzgouverneurs hinausgeschafft werden. Den größten Teil der zusammen immerhin mehrere hunderttausend Mark betragenden Gaben erhält die Kaiserinmutter in Peking, ein zweiter Teil fließt in die Taschen des Mandarins, den Rest erhalten die Mönche der zahlreichen Klöster, welche sich auf dem Taishan befinden.

Zwei Tagereisen südlich von Taingan liegt das berühmte Kiufu, die Vaterstadt von Confucius, und auch hier war es mir vergönnt, als der erste Europäer den stets verschlossenen Tempel des Heiligen zu betreten. Dank meiner Empfehlungen sandte der Herzog Confucius, der direkte Nachkomme des großen Religionsstifters in der sechsundsiebzigsten Generation, seine Kammerherren und fünfzig Mann seiner grotesk uniformierten Leibgarde, um mich zu empfangen und in den Tempel zu geleiten, der wie jener von Taingan in einem großen Park mit mehrtausendjährigen Bäumen gelegen ist, den Taingantempel jedoch an Größe und Pracht weitaus übertrifft. Ich habe auch in Peking, ja selbst an den heiligen Stätten des Jyeyasu in Japan nichts Schöneres gesehen. Die Denkmäler, Ehrenpforten, Nebengebäude, Pavillons und Kioske strotzen von kunstvollen Holzschnitzereien, Skulpturen und Vergoldungen, am schönsten aber präsentiert sich der ungeheure Tempel selbst in seiner erhabenen Einfachheit. Er erhebt sich auf einer weiten, von Balustraden aus weißem Marmor umschlossenen Terrasse, die etwa mannshoch über dem Parkgrund gelegen ist. Zahlreiche weiße Marmorsäulen, Monolithen, mit köstlichen Skulpturen bedeckt, stehen vor der etwa achtzig Meter langen Fassade und tragen die Architraven des ungeheuren zweistöckigen Daches, das ganz mit Porzellanziegeln von gelber Farbe, der Farbe des Kaisers, eingedeckt ist. Der ganze Tempel besitzt kein Fenster, und in dem weiten inneren Raume ist es so dunkel, daß eine photographische Aufnahme unmöglich war. Mächtige viereckige Säulen tragen das Dach; an den Wänden hängen mehrere Meter lange, mit breiten geschnitzten Goldrahmen umfaßte Inschriftstafeln, Widmungen der Kaiser verschiedener Dynastien. In der Mitte des Raumes erhebt sich eine Art Heiligenschrein aus rotlackiertem Holz mit vergoldeten Skulpturen, und in diesem Schrein sah ich die überlebensgroße Statue des Confucius mit seiner Ahnentafel davor, nach dem Glauben der Chinesen der Sitz seines Geistes. Eine Reihe von Opfertischen vor diesem Schrein tragen zahlreiche Bronzegefäße, Urnen, Behälter für Räucherkerzen, Statuen und dergleichen, Geschenke verschiedener Kaiser während der letzten zweitausend Jahre. Manche dieser uralten Gefäße stammen aus dem persönlichen Besitz des alten Confucius, eine Reihe von seinen Manuskripten und Gegenständen des täglichen Gebrauchs aber sind in der Familie von Vater auf Sohn durch die Jahrtausende bis heute erhalten geblieben und befinden sich in dem Palast des gegenwärtigen Herzogs. Das Wohnhaus des Confucius ist verschwunden, aber eine Ceder, die er selbst gepflanzt hat, steht heute noch in dem Tempelpark.

Der Confuciusbaum und das Thor der goldenen Stirne in Kiufu.❏GRÖSSERES BILD

Der Confuciusbaum und das Thor der goldenen Stirne in Kiufu.

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Der Gipfel des Taischan.❏GRÖSSERES BILD

Der Gipfel des Taischan.

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Auch Vater und Mutter des Confucius, sowie seinen Söhnen, Enkeln und Aposteln sind in diesem Parke eigene Tempel geweiht, umgeben von steinernen oder bronzenen Gedenktafeln verschiedener Kaiser. Das Grab des Religionsstifters befindet sich etwa zwei Kilometer außerhalb der Stadt. Eine Avenue, von tausendjährigen Baumriesen besetzt, führt hinaus zu dieser Stätte, wo, umgeben von etwa zwanzigtausend Gräbern seiner Nachkommen, der Heilige ruht. Ein Erdhügel von etwa zwölf Meter Höhe bedeckt seine sterbliche Hülle, und davor steht ein einfacher Grabstein mit seinem Namen. Auch seine nächsten Nachkommen sind hier begraben, und in jedem Jahre versammeln sich die heutigen Träger des Namens Confucius, oder vielmehr Kung-tse, wie er im Chinesischen heißt, um in einer eignen Opferhalle dem großen Toten zu opfern. Dasselbe geschieht auch in dem Confuciustempel der Vaterstadt Kiufu unter Verbrennung von Opfern, Zeremonientänzen und Mahlzeiten, bei denen dem Geiste des Verstorbenen von dem jetzigen Herzog Speisen und Getränke vorgesetzt werden. Wohl zwei Drittel der etwa 18000 Einwohner zählenden Stadt sind Nachkommen des Confucius und führen seinen Namen; die Begräbnisstätte außerhalb der Stadtmauer ist seit 2400 Jahren benutzt worden, und wie damals, so lassen sich auch heute noch alle Angehörigen des Stammes Confucius hier beerdigen, selbst wenn sie tausend Kilometer weit von Kiufu das Zeitliche gesegnet haben sollten. Wenn immer die Mittel vorhanden sind, werden ihre Leichen hierher transportiert.

Merkwürdigerweise ist Kiufu, dieses Jerusalem von China, kein Wallfahrtsort wie Taingan; nur selten kommen fromme Confucianer hierher, und noch weniger wird das etwa vierzig Kilometer weiter südlich gelegene Tsiuhsien besucht, die Geburtsstadt des größten Apostels der Confuciuslehre, Mencius. Ich fand Tsiuhsien noch ärmlicher und verfallener als Kiufu; bei meinem Einzug lief die ganze zerlumpte Bevölkerung hinter mir her, und es herrschte in der Stadt große Aufregung, so daß mir und meinen Begleitern von seiten des Mandarins nahegelegt wurde, möglichst bald weiterzureisen. Der Ahnentempel und die Grabstätte des Mencius ähneln jenen seines großen Lehrmeisters, nur sind sie kleiner, einfacher, und während die Tempel des Confucius vorzüglich erhalten sind, gehen jene des Mencius dem Verfall entgegen. Die direkten Nachkommen des Mung-tse, dies ist sein chinesischer Name, kümmern sich wenig darum. Die ganze Familie ist verlottert, und ihr Haupt verdient keineswegs die in der Familie erbliche Würde eines Mitglieds der berühmten Pekinger Hanlin-Akademie.

Von Tsiuhsien nahm ich den Weg in westlicher Richtung nach der Gelehrtenstadt Yentschoufu, dem Sitz des kommandierenden Generals von Schantung und einer der schönsten Städte der Provinz. Bischof Anzer, der Leiter der deutschen katholischen Mission von Südschantung, die in Tsining am Kaiserkanal ihren Hauptsitz hat, ließ hier eine Zweigmission einrichten. Wie in Tsining, in Tsautschoufu und anderen Orten, wo die Missionare ihre Thätigkeit entfalten, waren sie auch hier bis zum letzten Jahre unaufhörlichen Verfolgungen ausgesetzt, die bekanntlich in der Ermordung der beiden Missionare Nieß und Henle ihren Höhepunkt fanden. Wie das heilige Grab des Confucius, so besuchte ich auch von Tsining aus die Gräber der beiden Märtyrer, die vorläufig, bis hinreichend freiwillige Beiträge zur Errichtung würdiger Denkmäler einlaufen, auch nur Erdhügel nach chinesischer Art sind. Für die Deutschen besitzen diese Gräber ungleich höhere Wichtigkeit als jene der chinesischen Heiligen, denn die, welche unter diesen Erdhügeln ruhen, waren die direkte Ursache, daß Deutschland sich heute einen Hafen in China und, was mehr ist, den Handel einer großen Provinz gesichert hat, der mit der Zeit viele Millionen eintragen wird. Des bin ich heute, nachdem ich das ganze Gebiet durchwandert, gewiß.

In einigen Jahren werden deutsche Eisenbahnen durch die bisher fast unbekannten Gegenden führen und sie dem deutschen Handel, der deutschen Kultur eröffnen zum Segen ihrer selbst und zum Nutzen ihrer Erschließer.

Handschrift und Siegel des Präfekten von Tsining.

Handschrift und Siegel des Präfekten von Tsining.

[2]Näheres über Schantung und seine Merkwürdigkeiten, über die Stromgebiete des Hoangho und Kaiserkanals, sowie über die Provinz Petschili in Hesse-Wartegg, Schantung und Deutsch-China, Leipzig, J. J. Weber. Preis 14 Mark.

[2]Näheres über Schantung und seine Merkwürdigkeiten, über die Stromgebiete des Hoangho und Kaiserkanals, sowie über die Provinz Petschili in Hesse-Wartegg, Schantung und Deutsch-China, Leipzig, J. J. Weber. Preis 14 Mark.

[2]Näheres über Schantung und seine Merkwürdigkeiten, über die Stromgebiete des Hoangho und Kaiserkanals, sowie über die Provinz Petschili in Hesse-Wartegg, Schantung und Deutsch-China, Leipzig, J. J. Weber. Preis 14 Mark.


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