Tsingtau und Deutsch-China.

Tsingtau und Deutsch-China.

S

Schon in der im Jahre 1896 verfaßten ersten Auflage dieses Buches habe ich auf den Hafen von Kiautschou verwiesen und im Kapitel über die europäischen Handelshäfen in China bemerkt: „Die Zahl, das Ansehen und der Handel der Deutschen in Ostasien sind so groß, daß auch in anderen Häfen deutsche Landerwerbungen sehr wünschenswert wären, wenn man sich nicht entschließt, einen eigenen Hafen von der chinesischen Zentralregierung zu erwerben. Niemals war die Gelegenheit dazu günstiger als jetzt.” — Ich ahnte damals nicht, daß dieser gewiß allgemein geteilte Wunsch so bald in Erfüllung gehen sollte. Wenige Monate nach der Besitzergreifung Tsingtaus durch das Deutsche Reich traf ich dort ein, um den Hafen und das Hinterland, das bis dahin von keinem Europäer in allen seinen Teilen bereist worden war, kennen zu lernen.

Als wir zwischen den kleinen Felseninseln, die Kiautschou vorgelagert sind, gewissermaßen den Portierlogen des neuen Deutsch-China, hindurchfuhren, wies der Kapitän unseres Schiffes auf ein langes felsiges Vorgebirge, das von Süden her weit vorspringt und das er mit Kap Evelyne bezeichnete. Diesem gegenüber, aber weit landeinwärts, verläuft eine zweite langgestreckte Halbinsel im Meere, gegen Osten an eine Gruppe von mächtigen, schwarzen Bergen anschließend, von denen bis zur Besetzung des Gebietes durch die Deutschen nur der höchste, der bis auf elfhundert Meter in die Wolken ragende Lauschan, einen Namen besaß. Seither sind auch die anderen Berge mit Namen belegt worden. Dem Lauschan zunächst liegt der Prinz-Heinrichberg mit feinen an die Mythen bei Schwyz gemahnenden Spitzen; dann folgt der Kaiserstuhl, und noch näher an die Einfahrt zur Kiautschoubucht der Diederichsberg, dann als Wahrzeichen und Signalpunkt der Bucht der teilweise bewaldete Kegel des Truppelberges, genannt nach dem wackeren damaligen Kommandanten in Kiautschou, Kapitän Truppel.

Ich kann nicht sagen, daß mich der Anblick dieses Hafens besonders fesselte. Die Berge, und selbst die zwischen ihnen liegenden Thäler, zeigten nur wenige Spuren von Grün, auf dem zackigen Grat des schwarzen, düsteren Lauschangebirges lag Schnee, und von Besiedlung, von Dörfern, Städten und Gärten war nicht das geringste zu sehen. Und doch ist Schantung eine der reichsten, fruchtbarsten, am dichtesten besiedelten Provinzen Chinas.

Der deutsche Stempel des Gouverneurs von Kiautschou.

Der deutsche Stempel des Gouverneurs von Kiautschou.

Erst als wir der Küste der nördlichen Halbinsel ganz nahe waren und die Ankerkette rasselnd in dem hellgrünen Seewasser verschwand, lenkte der Kapitän unser Augenmerk auf eine Anzahl niedriger Lehmmauern, die sich von der graugelben Umgebung kaum abhoben und nur durch die schwarzen Dächer kenntlicher gemacht wurden. Das ist der Sitz der deutschen Regierung, das ist Tsingtau, der Hafen von Kiautschou. Ich richtete mein Fernglas auf diese öde Häuserguppe. Nahe dem sandigen Meeresstrande breitete sie sich aus, rings umgeben von Militärlagern, über denen schwarz-weiß-rote Flaggen wehten. Das nächste Lager oder Fort, wenn man will, liegt unmittelbar am Meere, und von dort streckt sich eine lange, eiserne Brücke in die See, der Landungsplatz von Tsingtau.

Bald war unser Dampfer umschwärmt von kleinen weißen Dampfpinassen, bemannt mit fröhlichen, frisch aussehenden deutschen Matrosen, welche die Post für die verschiedenen Schiffe abzuholen hatten. Die Frachten und Passagiere wurden in einer chinesischen Dschunke an die Landungsbrücke gebracht, die noch aus der Chinesenzeit stammt, gerade so wie alle Militärlager und die meisten von der deutschen Regierung besetzten Gebäude. In den wenigen Wintermonaten, die seit der ersten Landung der deutschen Truppen verstrichen waren, ist wohl sehr viel gearbeitet worden, aber ein chinesisches Küstendorf kann nicht so ohne weiteres in eine deutsche Hafenstadt verwandelt werden. In Deutschland war der Name Tsingtau bis zu meiner Abreise Anfang Februar 1898 ganz unbekannt, und Kiautschou war in aller Mund. Nach Kiautschou wurden die Postkarten aller Kolonialenthusiasten gerichtet, nach Kiautschou die Briefe von zahlreichen Briefmarkensammlern, die sich chinesische Briefmarken mit dem Poststempel Kiautschou erbaten. Kiautschou liegt aber etwa fünfzig Kilometer landeinwärts und ist von der See aus ganz unzugänglich, ja es ist überhaupt nur ganz vorübergehend von den deutschen Truppen besetzt worden. Tsingtau ist, wie gesagt, nur ein kleines Fischerdörfchen, aber es ist für die Schiffahrt und die künftigen Hafenanlagen so günstig gelegen, daß es von den Behörden auch zum Sitz der Regierung ausersehen worden ist. Kiautschou hat in Deutschland den Rahm abgeschöpft und ist ganz unverdienterweise zu einer Berühmtheit gelangt, die eigentlich Tsingtau zufallen sollte.

Eine Gruppe des schönen Geschlechts in Deutsch-China.

Eine Gruppe des schönen Geschlechts in Deutsch-China.

Von der Landungsbrücke führte ein Fußweg an dem von deutschen Soldaten besetzten Brückenfort vorüber, dem sandigen Meeresstrande entlang, nach dem Dörfchen, als dessen erstes Gebäude sich ein ganz ansprechender, hübsch gebauter Götzentempel präsentiert. Zwei hohe Flaggenstöcke ragen über die mit wunderlichen Steinfiguren geschmückten Dächer der verschiedenen Tempelbauten hinaus. Diese letzteren sindauch die größten des ganzen Ortes, denn zum Namen des Gouverneurs schreitend, sah ich zu beiden Zeiten der engen Hauptstraße nur kleine niedrige Chinesenhäuser mit winzigen, papierbekleideten Fensterchen. Glas war in dieses entlegene Nest von Schantung noch ebensowenig gedrungen wie Seife. Hunderte von den langbezopften Söhnen des Reiches der Mitte drängten sich in dieser Straße zwischen den ärmlichen Kaufläden, alle in der gleichen charakteristischen Kleidung: blaue Baumwolljacken, blaue Beinkleider. Im Sommer tragen sie nur diese, im Winter werden Jacken und Beinkleider mit Baumwolle gefüttert. Wird es kälter, so legen sie darüber noch eine zweite dick wattierte Jacke an und häufig noch eine dritteund vierte, so daß manche von ihnen aussehen wie wandelnde Baumwollballen zumal die Aermel wie bei Zwangsjacken um einen halben Fuß länger sind, als die Arme. Daß von einem Wechsel der Kleider während des Winters keine Rede sein kann, sah ich auf den ersten Blick, und auch meine Nase konnte diese Wahrnehmung machen. Zwischen den Kaufläden kauerten ambulante Händler mit ihren nichtigen Waren, Nägeln, Streichhölzern, Tabak in Papierbeutelchen, Pfeifen, Erdnüssen, Kuchen. Hier und da war an der Häuserfront auch ein Kochherd gebaut, mit einem kleinen Schutzdach darüber, und darauf wurde in riesigen Töpfen der Tschau-Tschau, das Mittagmahl, zubereitet.

Hauptstraße in Tsingtau.

Hauptstraße in Tsingtau.

Chinesischer Stempel des Gouverneurs von Kiautschou.

Chinesischer Stempel des Gouverneurs von Kiautschou.

Von der Marktstraße zweigt sich zur Rechten eine zweite, breitere ab, und diese war augenscheinlich das vorläufige Europäerviertel des Ortes. Freilich zeigte auch diese Straße nur langgestreckte, ebenerdige Chinesenhäuser mit Steinmauern, Papierfenstern und Strohdächern, aber der frische Anstrich, die neu eingesetzten Hausthüren und vor allem die große Reinlichkeit, die überall herrschte, bewiesen, daß hier unmöglich Chinesen wohnen könnten. In der That trugen zwei der Häuser die Namen der zwei einzigen deutschen Handelsherren, welche sich bisher hier angesiedelt hatten: Schwarzkopf & Co. aus Hongkong und Sietas & Co. aus Tschifu. Ihnen gegenüber trägt ein Haus die Bezeichnung „Kaiserlich Deutsche Post”. Ein paar Schritte weiter öffnet sich ein großer Platz, auf welchem sich der Yamen des Gouverneurs von Tsingtau erhebt, ganz so eingerichtet, wie alle Yamen der chinesischen Mandarine. Dem von einem Militärposten besetzten Haupteingang gegenüber erhebt sich eine hohe Schutzwand gegen die bösen Geister, sowie der große Flaggenstock, auf dem heute die weiße Kriegsflagge mit dem schwarzen Kreuz weht. Ins Innere des Yamens tretend, gelangte ich zunächst in einen geräumigen Hof, von ansprechenden chinesischen Häusern umschlossen, in welchem sich die Bureaus und Wohnungen der Offiziere des Stabes befanden. Hier sollte auch ich Unterkunft finden, denn von Hotels oder Logierhäusern war zur Zeit meines Eintreffens, Mitte März, noch keine Spur vorhanden, und erst später ging man daran, das frühere chinesische Zollhaus zu einem Absteigequartier für Fremde einzurichten. Ein breiter Durchgang in dem Mittelhause führt in einen zweiten Hof, ebenfalls von chinesischen Gebäuden mit schön geschwungenen Dächern und Veranden aus geschnitztem Holz eingefaßt. Das mittlere und größte Haus enthält die nur aus zwei Räumen bestehende Wohnung des Gouverneurs, und die beiden Zimmer, die für den bevorstehenden Besuch des Prinzen Heinrich eingerichtet wurden. Bureaus nehmen die anderen Gebäude vollständig ein, ja es mußten noch die dahinter befindlichen Kasernen der längst verschwundenen chinesischen Soldaten dafür eingerichtet werden.

Hauptstraße von Kaumi.❏GRÖSSERES BILD

Hauptstraße von Kaumi.

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Dieses Einrichten der Kasernen und Wohnhäuser, das Reinigen der Straßen und Plätze des Dorfes, die Verbesserung der Wege, Brücken, Flußläufe, Dämme und dergleichen war die größte Aufgabe, welche die wackeren deutschen Truppen während der bisher verflossenen kalten Wintermonate auszuführen hatten. Der chinesische Bauer und der chinesische Soldat sind keineswegs für ihre Reinlichkeit berühmt, und andere Bewohner besaß Tsingtau überhaupt nicht. Polnische Dörfer hätten in Tsingtau vor der deutschen Besetzung als Muster von Reinlichkeit angesehen werden können, und daß auch die chinesische Regierung für ihre Unterthanen nur sehr wenig thut, ist sattsam bekannt. Um diese Mistgrube von Deutsch-China zu reinigen, wurden allerdings die bezopften Kulis, deren man habhaft werden konnte,in den Dienst gepreßt, allein die Matrosen von den Kriegsschiffen und die Soldaten des Marine-Infanteriebataillons mußten fleißig mithelfen. Ihr Fleiß, ihre Ausdauer, und die Freudigkeit, mit der Offiziere sowohl wie Mannschaften sich an das ungewohnte, und man kann wohl sagen, unwürdige Werk machten, verdienen alle Bewunderung. Wohl gab es in Tsingtau das Gouverneursyamen und die fünf großen mit Lehmmauern umgebenen Militärlager, in deren ebenerdigen Gebäuden das chinesische Militär bis zur Besetzung wohnte, ja dieselben waren sogar in einem besseren Zustande, als ich sie sonst bei früheren Reisen im chinesischen Reiche angetroffen hatte. General Tschang, der arme Befehlshaber von Tsingtau, war für chinesische Verhältnisse ein ganz ausgezeichneter Offizier. Zur Zeit des chinesisch-japanischen Krieges sollte Tsingtau in einen festen chinesischen Kriegshafen umgewandelt werden, und Tschang hatte rings um den Ort der ganzen Seeküste entlang Mauern aufführen, die festen Militärlager anlegen und alles in, allerdings chinesischen, Verteidigungszustand setzen lassen, so daß die Deutschen bei ihrer Besetzung des Ortes viel vorgearbeitet fanden. Wollten aber deutsche Soldaten die chinesischen Kasernen beziehen, so mußten diese doch von Grund aus neu gereinigt, verbessert, neu eingerichtet werden. Wo die Maurer, Schlosser, Zimmerleute und dergleichen finden? Da wurde denn der Offizier zum Maurerpolier, der Soldat zum Handwerker, und statt mit Gewehr und Säbel, mußten sie mit Kelle und Hobel arbeiten, aber das Gewehr doch stets zur Seite. Nur der umsichtigen Leitung, der Ordnung, Disciplin, Anspruchslosigkeit und dem guten Mute, der alle beseelte, gelang das anscheinend Unmögliche. Nach der harten Tagesarbeit kamen die Entbehrungen der Nacht. Betten gab es natürlicherweise nicht, desgleichen waren keine Oefen zum Wärmen der eisig kalten, dunklen Räume, keine Glasscheiben für die papierüberklebten Fenster, keine Küchen vorhanden; die armen Leute mußten in Hängematten schlafen, Offiziere wohnten zu zweien und dreien in engen, dunklen, feuchten Räumen, speisten wie im Felde vor dem Feinde, entbehrten der notwendigsten Bequemlichkeiten und mußten dabei auch noch den anstrengenden Garnisonsdienst versehen.

Der achtzigjährige blinde Abt von Tsingtau.

Der achtzigjährige blinde Abt von Tsingtau.

Das Ergebnis dieser harten Arbeit zeigte sich schon nach wenigen Monaten. Die Kasernen, die ganzen Militärlager wurden zu Mustern von Sauberkeit; ganz Tsingtau wurde gesäubert, die Straßen wurden beleuchtet, ein in einem chinesischen Dorfe unerhörtes Ereignis; die Häuser wurden mit Nummern versehen, an den Straßenecken sah man Tafeln mit Benennungen wie Marktstraße, Bankgasse, Yamenplatz, Paroleplatz und andere. Die Wege waren ausgebessert, zwischen dem Yamen und den verschiedenen, Tsingtau umgebenden Militärlagern herrschte Telephonverbindung, auf dem hohen Truppelberg, der sich über Tsingtau erhebt, befand sich bereits eine Signalstation, in den Straßen sah man zwischen dem lebhaften Chinesengedränge schon Polizisten, überall herrschte Ordnung, und die Grundlage für eine gesicherte Weiterentwickelung der jungen Hauptstadt von Deutsch-China war gelegt. Auch die vorläufigen Untersuchungen über den neuen deutschen Kriegshafen und über das zukünftige Handelsemporium wurden beendet. Die Offiziere der Kriegsschiffe, welche jenseits der Halbinsel Tsingtau in der Bucht von Kiautschou ankern, haben die Untersuchungen durchgeführt und gefunden, daß dieser Hafen längs der Nordküste der Halbinsel von Tsingtau, an der Bucht von Kiautschou angelegt werden müsse, denn dort befindet sich ein etwa zehn Kilometer langer, einen Kilometer breiter Streifen tiefen, sicheren Fahrwassers, der durch die fortschreitende Anfüllung und Verseichtung der Bucht erst nach Jahrhunderten gefährdet werden dürfte.

Das Ostlager in Tsingtau.

Das Ostlager in Tsingtau.

Von dem hohen Erdwalle des Höhenlagers, das nahe der Spitze der Halbinsel Tsingtau liegt, gewann ich den ersten Ueberblick über die ganze zukünftige Anlageund kam zu der Ueberzeugung, daß die Zeiten gewiß nicht fern sind, wo an Stelle der sandigen Gerstenfelder, die sich zwischen dem heutigen Tsingtau und dem Hafen in der Bucht ausdehnten, eine blühende deutsche Handelsstadt sich erheben wird, mit allen modernen Einrichtungen, wo elektrische Bahnen zwischen beiden Küsten verkehren und der Hafen mit Schiffen aller Flaggen gefüllt sein wird. Vor meinem geistigen Auge sah ich an Stelle der Götzentempel christliche Kirchen stehen und längs des sandigen Meeresstrandes, der die Bucht von Kiautschou umfaßt, Eisenbahnzüge laufen, welche die Schätze der Provinz zum Hafen, die deutschen Industrieprodukte aber nach der Provinz bringen sollten. Seit Jahren war ich in den Zeitungen und durch zahlreiche öffentliche Vorträge für diese Erwerbung eingetreten, und jetzt, da ich sie gesehen, war ich mehr als jemals überzeugt, daß sie dem deutschen Handel zum Segen gereichen würde. In Hongkong und Shanghai lagen die Verhältnisse in den Anfangszeiten viel ungünstiger als in Tsingtau, und es hat Jahre gebraucht, bis auch nur der Keim zu den Weltstädten von heute gelegt war. Hongkong wurde im Jahre 1841 als offener Hafen erklärt, aber erst fünf Jahre später, 1846, war der Grund für die neu zu bauende Stadt trockengelegt und überhaupt bewohnbar. Die Verhältnisse waren dort überaus ungünstig, Malaria und Fieber wüteten so fürchterlich, daß ein Regiment Soldaten binnen einem Jahre über zweihundert Mann verlor. Ja der erste Gouverneur, Sir John Davis, empfahl der englischen Regierung auf Grundlage mehrjähriger Erfahrungen sogar, die Kolonie ganz aufzugeben. Und trotz dieser scheinbar kaum zu überwindenden ungünstigen Verhältnisse ist Hongkong heute ein Welthafen von der größten Bedeutung.

Vor dem Yamen des Gouverneurs.

Vor dem Yamen des Gouverneurs.

Mit Shanghai erging es bei seiner Gründung nicht viel besser wie mit dem letztern. Am 17. November 1843 als offener Hafen erklärt, bedurfte es mehrerer Jahre, um die Sümpfe trocken zu legen und die Flußläufe zu regulieren. Während der ersten zwei Jahre wurden nur fünf Häuser gebaut, und 1849, sechs Jahre nach der Eröffnung, hatten sich in Shanghai erst 25 Firmen niedergelassen mit 100 Europäern, darunter sieben Frauen; Futschou, 1842 eröffnet, brauchte sogar zehn Jahre, bis es einigen Handel bekam. Zur Zeit meines ersten Besuches war Tsingtau freilich noch ein ganz merkwürdiger Ort. An fünftausend deutsche Männer wohnten hier, aber keine einzige deutsche Frau, und seit Monaten hatten diese fünftausend ein weibliches Wesen ihrer Rasse überhaupt gar nicht gesehen. Keiner der fünftausend war über fünfzig, keiner unter zwanzig Jahre alt, es gab keine Greise, keine Kinder. In den Straßen war niemals ein Wagen gefahren, in den Ansiedelungen hat niemals ein Hotel oder eine Wirtschaft unserer Art bestanden. Bürgermeister, Richter, Militärkommandant, Landrat, alles war der Gouverneur in eigner Person, und Zivilbeamte gab es noch keinen einzigen. Niemals hat es unter so viel Männern so viel Ordnung, Gemeinsinn, Arbeitseifer und dabei so wenig Erwerbssinn und Eigennutz gegeben. Ich habe auf meinen Reisen, hauptsächlich in den jungen Minenstädten der Felsengebirge, Ansiedelungen gesehen mit einer Bevölkerung, die auch nur aus Männern bestand. Aber wie anders waren die Verhältnisse hier und dort!

Chinese mit Schubkarren in Tsingtau.

Chinese mit Schubkarren in Tsingtau.

Das regierte Element bilden hier die Chinesen. Als die rotbärtigen Teufel mit ihren blinkenden Waffen landeten, gab es in Tsingtau nur einige hundert Einwohner, vier Monate später waren ihrer ebensoviele tausend, und die Einwohnerschaft hat sich seither wohl verzehnfacht. Ein Winter hatte schon genügt, um dieser armen elenden Bevölkerung verhältnismäßigen Wohlstand zu geben, und so viel Geld wie jetzt haben sie in ihrem Leben gar nicht gesehen. Früher erhielten sie dreißig bis vierzig Cash, das heißt sechs bis acht Pfennige am Tage, heute wohl das sechsfache. Es hat sich in der ganzen Gegend herumgesprochen, daß die Deutschen nicht stehlen und bedrücken, wie es die chinesischen Soldaten gethan haben, sondern daß sie alles bar bezahlen. Arbeit gab es sofort in Hülle und Fülle, und täglich kamen Dschunken mit Waren, täglich lange Züge von Schubkarren. Diese letzteren sind die Equipagen, Lastwagen, Karren, das wichtigste Beförderungsmittel der ganzen Provinz. Für diesen Zuzug mußten Quartiere gebaut werden, überall entstanden neue Häuser, überall wurde gemauert, gezimmert, gehämmert. Und diese Thätigkeit wurde seit meinem Besuche, man könnte sagen, von Tag zu Tag immer lebhafter. Jedes Schiff brachte neue Ansiedler, Kaufleute, Unternehmer, Beamte, Missionare; dazu massenhaft Waren, Baumaterial, Maschinen, Bestandteile für industrielle Unternehmungen aller Art. Unter vorzüglicher Leitung wurde in kürzester Zeit ein praktischer Stadtplan entworfen und seine Ausführungsofort in Angriff genommen. Hunderte von Chinesen arbeiteten an dem Unterbau der breiten Prinz-Heinrichstraße, welche von dem Haupttempel parallel mit der Meeresküste nach dem Brückenlager führt, und an der dieser entlang laufenden Kaiser-Wilhelmstraße; zusehends entstanden die Bismarck-, Tirpitzstraße mit zweckmäßigen Kanalanlagen; es wurde eine Wasserleitung angelegt, der Bau eines Wellenbrechers im Hafen, von Regierungsgebäuden und Beamtenwohnungen begonnen; das Material dazu gewann man aus Steinbrüchen, nach welchen Eisenbahngeleise gelegt wurden. Neben der Bauthätigkeit der Regierung entwickelte sich auch jene von Privatunternehmern mit gleicher Lebhaftigkeit, und heute, drei Jahre nach der Besitzergreifung Tsingtaus, steht an Stelle des elenden Chinesendorfes eine freundliche, anspruchsvolle geschäftige deutsche Stadt mit Hotels, Banken, großen Warenhäusern, Fabriken und industriellen Anlagen der verschiedensten Art; dazu junge Gartenanlagen, Privathäuser, Villen, im ganzen ein Gemeinwesen, wie es in solcher Raschheit und verhältnismäßiger Vollkommenheit in China noch niemals geschaffen worden ist. Das geht auch aus dem Jahresberichte der kaiserlich-chinesischen Zollbehörde vom Jahre 1899 hervor, in welchem gesagt wird: „Die neue Hafenstadt Tsingtau, früher ein ärmliches Fischerdorf, welches auf dem Wasser- wie Landwege sehr viel weiter als die andern Dschunkenhäfen der Bucht von den Hauptmärkten des Inlandes entfernt, keinerlei kommerzielle Bedeutung besaß, ist auf dem besten Wege, in baldigster Zeit eine in vielen Beziehungen mit den schönsten Städten des Ostens rivalisierende moderne Stadt zu werden. Ausgedehnte Kanalisations- und breite Straßenanlagen werden aus dem Felsen gesprengt; elektrisches Licht und Telephonanlagen, Wasserwerke undAnforstungen werden schnell gefördert, bequeme Wohnungen, komfortable Hotels, Bureaus und Werkstätten sind überall im Entstehen. Die früheren chinesischen Häuser sind aufgekauft und die Bewohner in eine gefällig angelegte Musterstadt verpflanzt worden in der Nähe des nördlichen Innenhafens. Auf diese Weise, getrennt von einer unter gesunden Bedingungen untergebrachten chinesischen Bevölkerung, mit vorzüglichen sanitären Anlagen, dazu beglückt mit einem herrlichen Klima, milder als Tschifu im Winter und ebenso kühl im Sommer, mit vortrefflichen Seebädern und luftigen Bergzügen, wie geschaffen für Sommerfrischen, in unmittelbarer Nähe, bietet Tsingtau die beste Gewähr, sich zu einem der ersten klimatischen Erholungsorte des Ostens zu entwickeln.

Flottmachen eines chinesischen Bootes in Schatzekau.

Flottmachen eines chinesischen Bootes in Schatzekau.

Als Handelshafen erscheint die Zukunft des Hafens von Tsingtau in gleicher Weise vielversprechend. Seine augenblicklichen Nachteile, ungeschützte Ankerplätze und das Fehlen von Quais, ein Umstand, der Umladen in Leichter, Zeitverlust und Unkosten für Schiffe wie Ladung verursacht, sowie das Fehlen guter ins Hinterland führender Straßen, werden bald der Vergangenheit angehören. Die neuen Häfen mit Anlegestellen für die Schiffe, Geleisen, Güterspeichern und allen modernen Einrichtungen sind schon im Bau begriffen; der kleinere, für Küstenfahrer geeignet, wird voraussichtlich Ende 1900 fertiggestellt sein, während der andere, für die größten Schiffe zugänglich, noch mehrere Jahre bis zu seiner Vollendung bedarf. Die gleichfalls in der Ausführung stehende Eisenbahn wird Tsingtau zum Ausgangspunkte nehmen und den Hafen mit Kiautschou und den andern bedeutenden Städten der reichen und nordwestlichen Distrikte der Provinz in Verbindung bringen und die Haupt-Kohlen-, Seiden- und Strohgeflecht-Distrikte durchschneiden.”

Partie aus dem Lauschan.

Partie aus dem Lauschan.

Die Umgegend von Tsingtau ist weitaus nicht so reizlos, wie sie sich vom Schiffe aus zeigt und wie sie vielfach geschildert wird. Zwischen den einzelnen Küstendörfern ist jedes irgendwie verwendbare Stückchen Land sorgfältig von den fleißigen Chinesen geackert und bebaut, rings um die Dörfer und in diesen selbst erheben sich zahlreiche Obstbäume; über den kegelartigen Erdhügeln der Toten stehen Föhren und Pinien, und der Baumwuchs würde noch stattlicher sein, wenn es den Bewohnern nicht vollständig an Brennmaterial fehlen würde. Die Chinesen lieben die Natur, sie umgeben ihre Heimstätten und die Heimstätten ihrer Toten mit Baum- und Blütenschmuck, aber der Selbsterhaltungstrieb ist stärker. Um die Bäume zu schützen, brennen sie trockene Gräser, die sie mit den Wurzeln ausreißen, sie fällen nicht die Föhren, sondern schneiden die grünen Nadeläste ab, und jeder abgestorbene Baum wird durch die Pflanzung eines neuen ersetzt. Dabei liegen reiche Kohlenschätze nur hundertfünfzig Kilometer nördlich von ihnen. Die Eisenbahn, welche jetzt schon von deutschen Ingenieuren gebaut wird, wird auch in dieser Hinsicht segenbringend sein.

Gesamtansicht von Tsingtau.Gesamtansicht von Tsingtau.1. Tsingtau mit dem Yamen des Gouverneurs im Vordergrunde.2. Gegenwärtiger Handelshafen.3. Gegenwärtige Landungsbrücke.4. Stellung der Kriegsschiffe (hinter der Landzunge).5. Der Truppelberg.6. Das obere Dorf.❏GRÖSSERES BILD

Gesamtansicht von Tsingtau.

Gesamtansicht von Tsingtau.1. Tsingtau mit dem Yamen des Gouverneurs im Vordergrunde.2. Gegenwärtiger Handelshafen.3. Gegenwärtige Landungsbrücke.4. Stellung der Kriegsschiffe (hinter der Landzunge).5. Der Truppelberg.6. Das obere Dorf.

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Gesamtansicht von Tsingtau (linker Teil)1. Tsingtau mit dem Yamen des Gouverneurs im Vordergrunde.2. Gegenwärtiger Handelshafen.3. Gegenwärtige Landungsbrücke.4. Stellung der Kriegsschiffe (hinter der Landzunge).

Gesamtansicht von Tsingtau (linker Teil)1. Tsingtau mit dem Yamen des Gouverneurs im Vordergrunde.2. Gegenwärtiger Handelshafen.3. Gegenwärtige Landungsbrücke.4. Stellung der Kriegsschiffe (hinter der Landzunge).

Gesamtansicht von Tsingtau (rechter Teil)5. Der Truppelberg.6. Das obere Dorf.

Gesamtansicht von Tsingtau (rechter Teil)5. Der Truppelberg.6. Das obere Dorf.

Draußen im deutschen Gebiete und auf den entlegenen Außenposten an den Grenzen von Deutsch-China halten junge Offiziere mit kleinen Abteilungen Ruhe und Ordnung aufrecht. Sie wohnen in den mehr als bescheidenen Bauernhäusern der Chinesen, kaum viel besser als die Chinesen selbst, auf Stunden in der Rundenur von solchen umgeben. Aber der Aufenthalt auf dem Lande entbehrt nicht eines gewissen Reizes, besonders wenn der nahende Frühling alles verklärt, wo die Sonne wärmer scheint und wo auch schon wie traute Grüße aus der fernen Heimat die lieblichen Veilchen zu blühen beginnen. Ich habe das ganze große Gebiet kreuz und quer durchzogen und war dabei nicht so sehr überrascht von der Sorgfalt, mit welcher Obstgärten und Felder gepflegt und gehütet werden, denn ich kannte den Fleiß des chinesischen Landmannes von früheren Reisen. Was meine Verwunderung in viel höherem Grade erregte, war die Dichtigkeit der Bevölkerung, die große Zahl von Dörfern, die innerhalb Deutsch-Chinas liegen und die zusammen wohl an siebzigtausend Einwohner zählen mögen. Es ist keineswegs ein wertloses Stück Land, das deutsche Missionare ihrem Vaterlande mit ihrem Blute erkauft haben, denn es kann diese ganze Bevölkerung nähren. Auf den elenden Fußwegen zwischen den Feldern, an ausgewaschenen Flußläufen und gefahrvollen Schluchten entlang reitend, gewahrte ich überall junge Gerste, Bohnen, Erdnüsse, süße Kartoffeln; in den Obstgärten stehen in langen Reihen Birnbäume, sorgfältig beschnitten und mit abgeschälter Rinde, um die Bäume gegen Insekten zu schützen; in den Dörfern sah ich über die steinernen Umfassungsmauern der Häuser mitunter Bambusstauden, Myrten und Lorberbäume, Pinien, ja sogar große blühende Kamelienbäume. Am Eingang jedes Dorfes erhebt sich ein Götzentempel, gewöhnlich von alten, hohen Bäumen überschattet; in den Straßen wurde überall fleißig gearbeitet, an Stelle der Mistjauchen unserer Dörfer liegt der Dünger, mit zerkleinerten Bauziegeln vermischt, im Hinterhause und wird mit rührender Sorgfalt und Sparsamkeit auf die Felder verteilt. An freien Stellen befinden sich in jedem Dorfe Mahlmühlen, aus großen flachen Steinen bestehend, auf denen sich eine schwere Steinwalze, gewöhnlich durch Eselchen gezogen, im Kreise wälzt. Frauen bringen die schweren Säcke herbei,verteilen die Körner auf der Mühle, treiben das Eselchen an und verbringen die Zwischenzeit noch mit Nähen und Flicken. Bei der Annäherung eines Europäers wenden sie ihr Gesicht ab oder laufen davon, so schnell ihre winzigen Füßchen sie nur tragen können. Ich war überrascht, wie sehr die Qual der Fußverkrüppelung in diesem Gebiete verbreitet ist. Unter den Tausenden von Frauen, die ich zu Gesicht bekam, besaß keine einzige ihre natürlichen Füße. Selbst wenn sie auf den Feldern arbeiteten, oder Lasten trugen, steckten ihre Füßchen in den kaum spannenlangen gestickten Seidenschuhchen. Sonst ist ihre Kleidung jener der Männer ähnlich, nur daß sie an Stelle der blauen oder weißen Beinkleider solche von knallroter Farbe tragen. Die Knaben tragen schon von etwa zehn Jahren an den langen Zopf, der mit Hilfe von eingeflochtenen Schnüren bis nahe an den Boden herabbaumelt; die Frauen stecken ihre prächtigen, rabenschwarzen Haare mit Silbernadeln auf dem Kopfe fest.

Auch an landschaftlichen Schönheiten ist das deutsche Gebiet reich; auf der tiefblauen, weiten Fläche der Kiautschoubucht liegen kleine und große Inseln; die letzteren, mit Dörfern und Tempeln bedeckt, sind gut bebaut, vor allem Potato-Island und die Tschiposaninsel. Etwa in der Mitte des Gebietes erhebt sich der mächtige schwarze Woschan, mit seinem östlichen malerischen Ausläufer, dem bewaldeten Prinz-Heinrichberg. Die Grenze gegen das chinesische Gebiet aber bildet der lange scharfgezackte Gebirgszug des Lauschan, dem einer meiner letzten Ausflüge galt. Aus dem ungemein lieblichen, wohlbebauten Connythale mit seinen Dörfern, Tempeln und Friedhöfen erhebt sich seine gewaltige Masse, überragt von himmelanstrebenden Felsnadeln und Spitzen. Die Besteigung dieses mit ungeheuren Trümmern besäten, vollständig vegetationslosen Gebirgszuges war nicht gerade ein Genuß, aber wir wurden doch belohnt durch den Anblick des reizenden Thales von Jia-kung-tiën,mit dem gleichnamigen Kloster, das zwischen Bambusstauden, Myrten- und Lorberbäumen halb verborgen daliegt. Die freundlichen Taoistenmönche zeigen als ihren größten Stolz einen wunderbaren Kamelienbaum von etwa sechs Metern Höhe und anderthalb Metern Stammesumfang.

Je mehr ich von dem neuesten und gleichzeitig entferntesten Besitz des Deutschen Reiches zu sehen bekam, desto mehr stieg meine Dankbarkeit für diejenigen, die ihn dem deutschen Volke gegeben haben, denn ich bin überzeugt, daß er mit jedem Jahre an Wert gewinnen und dem deutschen Handel, wie der deutschen Industrie Segen bringen wird.


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