Chapter 4

Abb. 44.Chodowiecki zeichnet Frau Gerdes.Zeichnung aus dem Tagebuch der Danziger Reise. 1773.

Abb. 44.Chodowiecki zeichnet Frau Gerdes.Zeichnung aus dem Tagebuch der Danziger Reise. 1773.

Abb. 45.Dame im Straßenkostüm.Zeichnung aus dem Tagebuch der Danziger Reise. 1773.

Abb. 45.Dame im Straßenkostüm.Zeichnung aus dem Tagebuch der Danziger Reise. 1773.

Neben den Arbeiten, die dieser Verbindung mit Basedow ihre Entstehung verdanken, gehen zahlreiche andere her, die von der Fruchtbarkeit des bald mit Aufträgen überhäuften Illustrators einen erstaunlichen Begriff geben. So die Titelkupfer zu den genealogischen Kalendern, die in Berlin unter Approbation der königlichen Akademie der Wissenschaften herausgegeben wurden. Das vorige Jahrhundert hatte eine starke Vorliebe für zierliche Taschenkalender, die in Frankreich besonders mit raffiniertem Luxus, oft in allerwinzigstem Format hergestellt wurden, so daß man sie als Berloques an der Uhr tragen konnte. Sie waren das beliebteste Weihnachts- und Neujahrsgeschenk. Chodowiecki verspottet gelegentlich in seinemCentifolium stultorum(E.440), das selbst einen Kalender schmückte, die „manie d’almanacs“. Deutschland hatte bisher auf diesem Gebiet des Illustrationswesens künstlerisch hinter Frankreich erheblich zurückgestanden und erst Chodowieckis Thätigkeit führte hier einen Umschwung herbei. Das Taschenbuchformat, in dem die von genealogischen Tafeln der Fürstenhäuser eingeleiteten Kalender und Almanache meist erschienen, lag seiner kleinmeisterlichen Begabung vortrefflich, undeinige der Kalenderfolgen zählen zu dem Vollendetsten, was seine Radiernadel hervorgebracht.

Abb. 46.Die Starostschenka Ledikowska.Zeichnung aus dem Tagebuch der Danziger Reise. 1773.⇒GRÖSSERES BILD

Abb. 46.Die Starostschenka Ledikowska.Zeichnung aus dem Tagebuch der Danziger Reise. 1773.

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Abb. 47.Porträtsitzung der Frau Oehmchen.Zeichnung aus dem Tagebuch der Danziger Reise. 1773.⇒GRÖSSERES BILD

Abb. 47.Porträtsitzung der Frau Oehmchen.Zeichnung aus dem Tagebuch der Danziger Reise. 1773.

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Abb. 48.Dame im Straßenkostüm.Zeichnung aus dem Tagebuch der Danziger Reise. 1773.

Abb. 48.Dame im Straßenkostüm.Zeichnung aus dem Tagebuch der Danziger Reise. 1773.

Abb. 49.Herr Mila.Zeichnung aus dem Tagebuch der Danziger Reise. 1773.

Abb. 49.Herr Mila.Zeichnung aus dem Tagebuch der Danziger Reise. 1773.

Besonderes Interesse haben die Kupfer des Kalenders von 1770, in denen Chodowiecki zwölf Scenen aus dem volkstümlichsten StückeLessings, der Minna von Barnhelm, zu illustrieren unternahm (E.51, 52). Vor sechs Jahren war das „erste deutsche Nationallustspiel“ erschienen und bei seiner Berliner Aufführung 1768 mit lauter Begeisterung aufgenommen worden. Die ganze Anlage des Stücks, der kecke Realismus seiner Charaktere, die naturwahre Schilderung des bürgerlichen Lebens der eignen Zeit mußten Chodowiecki packen, und aus der eindringlichen Art, in der er trotz dem kleinen Format auch seinerseits jeder der Gestalten Lessings eine kennzeichnende Gebärde, einen sprechenden Ausdruck zu verleihen weiß, lesen wir etwas von der Liebe und Geistesverwandtschaft heraus, die den Illustrator zu dem großen Dichter hinzog. Ein moderner Regisseur, der die Minna von Barnhelm zu inscenieren hat, wird Chodowieckis Kupfer nicht ohne Nutzen betrachten; denn sie sind nicht etwa freie Erfindungen des Stechers, in denen ergewissermaßen die Dichtung glossiert, sondern sie geben zweifellos auch die Eindrücke wieder, die Chodowiecki von der Bühnenaufführung im Schuchschen deutschen Komödienhause zu Berlin erhielt.

Abb. 50.Strasnik Czapski und Starostin Ledikowska.Zeichnung aus dem Tagebuch der Danziger Reise. 1773.

Abb. 50.Strasnik Czapski und Starostin Ledikowska.Zeichnung aus dem Tagebuch der Danziger Reise. 1773.

Abb. 51.Bürgermeister Conradi.Zeichnung aus dem Tagebuch der Danziger Reise. 1773.

Abb. 51.Bürgermeister Conradi.Zeichnung aus dem Tagebuch der Danziger Reise. 1773.

Abb. 52.Spazierfahrt der Familie Gerdes.Zeichnung aus dem Tagebuch der Danziger Reise. 1773.

Abb. 52.Spazierfahrt der Familie Gerdes.Zeichnung aus dem Tagebuch der Danziger Reise. 1773.

Abb. 53.Demoiselle Metzel.Zeichnung aus dem Tagebuch der Danziger Reise. 1773.

Abb. 53.Demoiselle Metzel.Zeichnung aus dem Tagebuch der Danziger Reise. 1773.

Wenn die realistische Neigung, die Lust an lebensvoller Charakterzeichnung unseren Künstler mit Lessing verband, so lockte ihn die zarte Empfindsamkeit, das innige Naturgefühl des Schweizer IdyllendichtersSalomon Geßner, sich auch einmal auf diesem Felde zu versuchen. Ursprünglich für den Berliner genealogischen Kalender für 1772 bestimmt, erschienen die bereits ein Jahr vorher ausgeführten zwölf Blätter zu Geßners Idyllen erst 1773 (Abb. 32,E.69). Der gefeierte Schweizer hatte versucht, diescènes bergèresihres französischen Rokokokostüms zu entkleiden, den natürlichen Hain an die Stelle der architektonisch zugeschnittenen Parkdekoration, echte Empfindung an die Stelle der sentimentalen Phrase zu setzen. Selbst künstlerisch begabt, hatte er seine Idyllen mit eignen Radierungen herausgegeben, die indessen einige dilettantische Unsicherheit im Technischen nicht verleugnen konnten. Darin war ihm Chodowiecki, der seine Radiertechnik inzwischen bis zu einer fast an französische Vorbilder heranreichenden Gewandtheit ausgebildet hatte, zweifellosüberlegen, für den elegischen Ton und die Tiefe des Naturgefühls, wie es aus den Gedichten Geßners hervorquillt, dagegen fehlt es dem Berliner, durch unzählige, zum Teil wenig erfreuliche Aufträge bedrängten Stecher an Beschaulichkeit und an intimem Verständnis der ländlichen Scenerie. Gerade der letztere Mangel verletzt in Chodowieckis Schöpfungen immer wieder unser Auge; er, der den Menschen so tief in die Seele zu sehen verstand, hatte keinen Blick für die Reize der freien Gotteswelt. Seine Bilder, wie zum Beispiel die 1768 gemalten Parkscenen in der Berliner Gemäldegalerie, die uns eine elegante Gesellschaft beim Hahnenschlag- und Blindekuhspiel zeigen (Abb. 34), und das Konversationsstück im Leipziger Museum (Abb. 35) wirken durch die Behandlung des landschaftlichen Beiwerks in Form und Farbe konventionell, doppelt unharmonisch, weil sichdie lebensvoll bewegten Figuren vom Hintergrund wie von einer schlecht gemalten Theaterdekoration abheben. Auch ist es bezeichnend, daß unter den zahllosen Skizzen und Entwürfen von Chodowieckis Hand sich so gut wie gar keine landschaftlichen Studien finden. Damit haben wir eine Grenze seiner Begabung berührt, aber auch für die allegorische Darstellung versagt seine Kraft. Er verfällt ins Äußerliche, Leere, wenn es gilt, eine Idee zu versinnlichen. So ist der 1771 radierte Titel zu Sulzers Theorie der bildenden Künste (Abb. 36.E.76), dem beliebtesten Kunsthandbuch der Zeit, wenig gelungen, der offenbar dem Künstler im Einzelnen vorgeschriebenen Komposition fehlt alle Klarheit und Schärfe des Ausdrucks; nur mühsam vermag man die Hieroglyphenschrift der gehäuften Attribute zu entziffern, obzwar man billig eingestehen muß, daß die Zeitgenossen künstlerisch meist noch schlimmer beraten waren.

Abb. 54.Frau von Rosenberg(?).Rötelzeichnung im Besitz der FrauDr.Ewald. Berlin.

Abb. 54.Frau von Rosenberg(?).Rötelzeichnung im Besitz der FrauDr.Ewald. Berlin.

Daß dem frisch in die Welt blickenden Realisten, in dem die Lust zum Schaffen einzig durch Eindrücke der Außenwelt geweckt wurde, die romantische Phantastik eines Ariost und Cervantes verschlossen bleiben mußte, kann nicht verwundern und wird durch die wenig erfreulichen Kalenderkupfer von 1770 und 1771, in denen er je zwölf Scenen aus dem Don Quixote (E.58) und dem Rasenden Roland (E.74) illustrierte, nur allzu deutlich erwiesen. Als wollte er sich von solchen mühseligen und undankbaren Aufgabenerholen, sehen wir ihn hinauswandern vor die Thore der Stadt, um die bei den „Zelten“ im Tiergarten lustwandelnden Berliner zu studieren (Abb. 37), die Stelldichein der verliebten jungen Welt, die feierlich einherstolzierenden Bürgerfamilien, unter denen uns auch rechts im Vordergrunde die berühmten Mimen Brockmann und Doebelin begegnen, die schwatzenden und klatschenden Alten, die sich im Schatten der Lindenbäume an dem von einer Florastatue geschmückten Rondel niedergelassen haben (Abb. 40,E.83). Ähnlich hatte 1751 Saint-Aubin die elegante Welt der Seinestadt in seiner von Courtois gestochenen „Promenade des remparts de Paris“ geschildert. Oder Chodowiecki wirft mit wenigen raschen Strichen einige Studien von Figuren und Gruppen auf die Kupferplatte (Abb. 4,E.80), wie sie ihm just bei seinen Spaziergängen in den Wurf kamen. Gerade in solchen flüchtigen Skizzen, wie er sie auch nicht selten in den Rand der Platte größerer Kompositionen mit der Radiernadel einzuritzen liebte — in den sogenannten Randeinfällen — offenbart sich die Anmut seiner Gestaltungsgabe, die unverwüstliche Frische seiner Beobachtung am glücklichsten.

Abb. 55.Gräfin Kayserling.Rötelzeichnung im Besitz der FrauDr.Ewald. Berlin. 1773.

Abb. 55.Gräfin Kayserling.Rötelzeichnung im Besitz der FrauDr.Ewald. Berlin. 1773.

Im Frühjahre 1773 entschloß sich Chodowiecki zu einer Reise nach der Vaterstadt, an der er mit treuer Liebe hing, in derseine kränkelnde alte Mutter mit Sehnsucht auf ein Wiedersehen mit dem Lieblingssohne harrte. Seit seinem Abschied vom Elternhause waren dreißig Jahre verflossen, auf die er mit Genugthuung, ja mit Stolz zurückblicken durfte. Die Stellung und der Ruf, den er in der neuen Heimat genoß, waren durch eisernen Fleiß und unerschütterliche Pflichttreue errungen. Gehobenen Hauptes konnte er jetzt vor seine Verwandten treten, die einst mit frommen Wünschen und banger Sorge seine Wanderung zu ungewissen Zielen begleitet hatten. Es ist begreiflich, daß auch er von der Bedeutung eines solchen Wiedersehens tief durchdrungen und bewegt ward. Mit einer Ausführlichkeit, die selbst bei seiner gewissenhaften Art, sich von allem Erinnernswerten schriftliche Auszeichnungen zu machen, überrascht, hat Chodowiecki in einem französisch geschriebenen Tagebuche alle, noch so gleichgültigen Erlebnisse dieser Reise beschrieben, und, nicht genug damit, auch den Zeichenstift zu Hilfe genommen, um sich und den Seinen jeden Augenblick dieser schönen Zeit möglichst deutlich stets wieder in die Erinnerung zurückrufen zu können. Die zahlreichen Skizzen führte er dann später nach seiner Rückkehr sorgfältig mit Feder und Tusche aus, und so entstanden jene prächtigen hundertundacht Blätter, die gegenwärtig die königliche Akademie zu Berlin als kostbares Vermächtnis ihres einstigen Direktors bewahrt. Sie bezeichnen in mancher Beziehung den Höhepunkt seiner Kunst; zugleich gewähren sie uns einen Einblick in das Leben und Treiben des vorigen Jahrhunderts, der sie zu einem sittengeschichtlichen Dokument ersten Ranges erhebt.

Abb. 56.Vertreibung der Familie Nothanker aus dem Pfarrhause.(E.101.)Illustration zu Nicolais Sebaldus Nothanker. Berlin. 1774.

Abb. 56.Vertreibung der Familie Nothanker aus dem Pfarrhause.(E.101.)Illustration zu Nicolais Sebaldus Nothanker. Berlin. 1774.

Abb. 57.Sebaldus am Sterbebette.(E.102.)Illustration zu Nicolais Sebaldus Nothanker. Berlin. 1774.

Abb. 57.Sebaldus am Sterbebette.(E.102.)Illustration zu Nicolais Sebaldus Nothanker. Berlin. 1774.

Abb. 58.Sebaldus erbittet Almosen.(E.157.)Illustration zu Nicolai’s Sebaldus Nothanker. Berlin. 1776.

Abb. 58.Sebaldus erbittet Almosen.(E.157.)Illustration zu Nicolai’s Sebaldus Nothanker. Berlin. 1776.

Mit der ganzen Umständlichkeit jener Zeit wurde die Reise, die der Künstler zu Pferde machen mußte, da er das Fahren nicht vertrug, vorbereitet. Schon im April des Jahres erhandelte er nach reiflicher Überlegung einen Falben, der uns in seinen Zeichnungen freilich nicht gerade den Eindruck macht, als sei er den Strapazen eines so weiten Rittes sonderlich gewachsen gewesen, der aber gleichwohl unterwegs oft die Tauschlust anderer Pferdebesitzer erregte und also doch wohl seine Vorzüge gehabt haben muß. Am 3. Juni nahm er Abschied von seiner Familie und trabte, das Felleisen auf den Sattel geschnallt, über die schlecht gepflegten Landstraßen der Mark und Hinterpommerns mit kurzen Nachtrasten gen Danzig. Oft genug nahm er unterwegs die Zügel zwischen die Zähne, um die Hände zum Zeichnen frei zu haben. In Freienwalde läßt er sich mit einer Fähre über die Oder setzen, zieht dann über Massow, wo eine übermütige Gesellschaft seine Nachtruhe stört, nach Plathe; hier begegnet ihm eine Berliner Putzhändlerin, die ebenfalls auf derFahrt nach Danzig begriffen ist. Kleine Unfälle, wie das Hineingeraten seines Pferdes in einen Sumpf, ein stürmisches Unwetter auf dem Wege nach Köslin, scheinen ihm romantisch und wichtig genug, um mit seinem Zeichenstift davon Nachricht zu geben. Auch die Reisegesellschaft, die er unterwegs trifft — seien es nun Bauern auf elenden Gäulen, fahrendes Volk oder ein Kopenhagener Kaufmann, der mit seinem einspännigen Meßwagen nach Königsberg zieht — regt ihn zu Skizzen an, die oft von köstlichem Humor beseelt sind. Bald nähert er sich der Heimatstadt: an den prächtigen Landsitzen Danziger Patrizier in Oliva und Pelonken geht es vorüber, der Blick schweift zur Linken auf die von Segelschiffen belebte Ostsee, und endlich nach anstrengender Fahrt tauchen die Türme Danzigs vor dem Blick des Reisenden auf. Am Olivaer Thor, durch das er die Stadt betritt, begegnet ihm in vierspänniger Staatskarosse der Bürgermeister Conradi, vor dem die Stadtwache salutiert. Der wackere Falbewird in einen Pensionsstall eingestellt, und mit jenem wunderlichen Mischgefühl, das uns das Wiedersehen der Heimat nach langer Trennung weckt, schreitet Chodowiecki über das altgewohnte Pflaster der Langgasse, vor deren Beischlägen ihm die Ulmen und Linden wie alte Bekannte ein Willkommen zurauschen, zum Vaterhause. Im Hausflur, von dessen massiven Eichenschränken saubere Delfter Vasen herabblinken, erwartet ihn bereits seine Schwester Concordia. Oben, in dem nach dem Hof heraus gelegenen Zimmer angelangt, in dem seine Schwestern ihre Schülerinnen zu unterrichten pflegten, umarmt er in überquellender Freude des Wiedersehens seine greise Mutter. Dies Blatt zählt zu den liebenswürdigsten der ganzen Folge: durch das breite, unverhängte Fenster flutet die Sonne über die zärtliche Gruppe, spielt auf dem Lehnsessel und den Kinderstühlchen, die zur Seite der Betten stehen. Auf dem Klavier, das die eine Längswand des Raumes einnimmt, liegen noch die Bücher, aus denendie Schwestern, die jetzt mit neugierigen Blicken den Heimgekehrten mustern, unterrichtet haben, der Nähkorb auf einem Klapptisch, die Töpfe und Vasen auf dem Eckschränkchen, alles verleiht der sonst sehr einfach eingerichteten Stube den Ausdruck der Wohnlichkeit, und man begreift, mit welcher Liebe das Auge des Künstlers an all diesem traulichen Hausrat herumtastete, mit welchem Behagen er die langentbehrte, wohlige Atmosphäre des Vaterhauses nach langer Trennung in sich einsog. Immer redseliger wird sein Zeichenstift, je länger sich sein ursprünglich nur auf zwei Wochen berechneter Aufenthalt in der Heimat ausdehnt. Da werden Bekannte und Kunstgenossen, wie die Maler Wessel, Lohrmann, der Kupferstecher Deisch und andere besucht, Ausflüge in die schöne Umgebung der Hansestadt wechseln mit Gastereien, Visiten (Abb. 38,41) und Studien in Kirchen und Gemäldesammlungen; die vornehme und im ganzen sehr exklusive Gesellschaft der alten Hansestadt reißt sich förmlich um den Besuch des berühmten Künstlers, der niemals sein Skizzenbuch bei solchen Gelegenheiten mit neuen anmutigen Familienscenen zu füllen vergißt. Auch als Porträtist und Miniaturmaler wird er vielfach, namentlich von der polnischen Aristokratie, an deren Spitze der Graf Podoski, Erzbischof von Gnesen stand, in Anspruch genommen. Chodowiecki selbst berechnete später seine Einnahmen aus solcher Beschäftigung während seines zweimonatlichen Danziger Aufenthaltes auf 760 Thaler. Da er mit Vorliebe sich selbst bei der Arbeit schilderte und namentlich oft auch in dem Zimmer seiner Mutter (Abb. 42) Bekannte porträtierte, radierte er eine Platte, die das Zimmer und ihn am Zeichentisch darstellte, und zeichnete dann später in die einzelnen Abdrücke dieser Platte die verschiedenen Personen hinein, die ihm dort Modell gesessen. Wenn uns diese Art, Arbeit zu sparen, heute auch wenig künstlerisch erscheint, so wirft sie andrerseits ein bezeichnendes Licht auf die lebhafte Nachfrage nach Bildnissen seiner Hand.

Abb. 59.Marianne und Herr von Sängling in der Gartenlaube überrascht.(E.104.)Illustration zu Nicolais Sebaldus Nothanker. Berlin. 1774.

Abb. 59.Marianne und Herr von Sängling in der Gartenlaube überrascht.(E.104.)Illustration zu Nicolais Sebaldus Nothanker. Berlin. 1774.

Abb. 60a.Die Kleidertracht der Berlinischen Prediger.

Abb. 60a.Die Kleidertracht der Berlinischen Prediger.

Abb. 60b.Illustration zu Nicolais Sebaldus Nothanker. Berlin. 1775.

Abb. 60b.Illustration zu Nicolais Sebaldus Nothanker. Berlin. 1775.

Der Fürst Primas, Graf Podoski, gab ihm den Auftrag zu einem großen Aquarellporträt,bei dem wir auf einem Blatte seines Skizzenbuchs den Maler beschäftigt sehen, während die behäbige Intendantin des geistlichen Herrn, Frau Oehmchen, in selbstbewußter Haltung die zierliche Begrüßung eines jungen Kavaliers entgegennimmt (Abb. 43). Weniger förmlich geht es in der bürgerlichen Wohnung der Damen Kaemmerer und Claude zu (Abb. 44), wo man den Künstler mit frischem Obst bewirtet. Als er einmal zur Gräfin Czapska geht, um sie zu malen, wird er nicht vorgelassen, da die Herrschaften bei der Tafel sind; eine jugendliche Freundin des Hauses aber, die Tochter des Starosten Ledikowski, kommt persönlich in den Hausflur heraus, um die Nichtannahme des Besuches zu entschuldigen (Abb. 46). Überall sonst war er willkommen und als intimer Hausfreund begrüßt (Abb. 38). Selbst Frau Oehmchen ließ sich zu einer Sitzung herbei (Abb. 47), und zahlreiche andere Damen und Herren der polnischen und einheimischen Gesellschaft wanderten mit oder gegen ihren Willen in sein Skizzenbuch (Abb. 45,48bis55). Nur ungern widersteht man der Versuchung, all den Einzelheiten nachzugehen, von denen uns seine Zeichnungen und sein Journal Kunde geben. Aber, seine Ausführlichkeit nachahmen, hieße ein Buch im Buche schreiben. Wir müssen daher den Leser auf die Zeichnungen selbst, von denen eine beträchtliche Zahl hier reproduziert ist, sowie auf die vollständige Publikation derselben, die unlängst bei Amsler und Ruthardt in Berlin in zweiter Auflage erschienen ist, verweisen.

Abb. 61.Streit der Prediger über die Zulassung eines calvinistischen Taufzeugen.(E.132.)Illustration zu Nicolais Sebaldus Nothanker. Berlin. 1775.

Abb. 61.Streit der Prediger über die Zulassung eines calvinistischen Taufzeugen.(E.132.)Illustration zu Nicolais Sebaldus Nothanker. Berlin. 1775.

Abb. 62.Illustration zu Gellerts Fabeln im Genealogischen Kalender für Westpreußen.1777. (E.160.)

Abb. 62.Illustration zu Gellerts Fabeln im Genealogischen Kalender für Westpreußen.1777. (E.160.)

Abb. 63.Illustration zu Gellerts Fabeln im Genealogischen Kalender für Westpreußen.1776. (E.141.)

Abb. 63.Illustration zu Gellerts Fabeln im Genealogischen Kalender für Westpreußen.1776. (E.141.)

Abb. 64.Illustration zu Gellerts Fabeln im Genealogischen Kalender für Westpreußen.1777. (E.160.)

Abb. 64.Illustration zu Gellerts Fabeln im Genealogischen Kalender für Westpreußen.1777. (E.160.)

Abb. 65.Illustration zu Gellerts Fabeln im Genealogischen Kalender für Westpreußen.1777. (E.160.)

Abb. 65.Illustration zu Gellerts Fabeln im Genealogischen Kalender für Westpreußen.1777. (E.160.)

Am 18. August nach Berlin zurückgekehrt, fand er zahlreiche neue Aufträge vor, darunter auch einen, der ihn zu einer zweiten Reise veranlaßte. Der durch die Errichtung der Berliner Porzellanmanufaktur bekannt gewordene, aber durch verschiedene andere Unternehmen in feinen Vermögensverhältnissen stark zurückgekommene Kaufmann Gotzkowski, der, selbst ein eifriger Kunstsammler, in späteren Jahren auch gelegentlich Kunsthandel trieb, hatte dieAbsicht, die Gemäldesammlung der Gräfin von Kosel auf Sabor zu erwerben, und wollte dieselbe vorher von einem Sachverständigen taxieren lassen. Chodowiecki, der als Gemäldesammler und Kenner ebenso bekannt war, wie als Maler, war zu diesem Geschäft ausersehen. Er benutzte die Gelegenheit, um, einem langgehegten Wunsche folgend, Dresden einen kürzeren Besuch abzustatten. Nachdem er die Schloßgalerie in Sabor eingehend besichtigt und der Besitzerin den Rat gegeben, ihre Forderung an Gotzkowski erheblich zu reduzieren, reiste er weiter durch die Niederlausitz nach Elbflorenz, wo er am 24. Oktober anlangte.

Abb. 66.Gil Blas als Diener des Gonzaley Pacheco.(E.285.)Illustration zu Le Sage’s Gil Blas. Berlin. 1779.

Abb. 66.Gil Blas als Diener des Gonzaley Pacheco.(E.285.)Illustration zu Le Sage’s Gil Blas. Berlin. 1779.

Abb. 67.Illustration zu Philippine Engelhards Gedichten.Göttingen. 1782. (E.420.)

Abb. 67.Illustration zu Philippine Engelhards Gedichten.Göttingen. 1782. (E.420.)

Hatte Chodowiecki in Danzig von den dort ansässigen Künstlern viel Klagen hören müssen über die schlechten Zeiten, in denen die Kunstfreunde rarer seien, als weiße Raben, hatte man von hier mit stillem Neid auf seine einträgliche Beschäftigung in Berlin geblickt, so mußte er am Elbstrand einsehen, daß die Streusandbüchse des Deutschen Reichs doch wohl nicht den besten Nährboden für die Früchte der Kunst abgebe. Wie ärmlich erschien das Kunstleben der fridericianischen Hauptstadt neben dem prunkvollen Mäcenatentum der polnisch-sächsischen Dynastie! Die Kunstschätze der kurfürstlichen Residenz hatten seit lange Weltruf. Dichtete doch schon am Anfange des Jahrhunderts ein nassauischer Hofmedicus mit mehr Begeisterung als Geist:

Das Auge sieht sich nimmer satt,Sagt Salomo in seinen Sprüchen;Ach, daß er Dresden nicht gesehen hat!Vermutlich hätt’ er diesen SatzGeändert, wo nicht ausgestrichen.—   —   —   —   —   —   —   —Denn das, was man in Dresden schauet,Und was August vollführt und bauet,Sieht man sonst nirgends in der Welt!

Das Auge sieht sich nimmer satt,Sagt Salomo in seinen Sprüchen;Ach, daß er Dresden nicht gesehen hat!Vermutlich hätt’ er diesen SatzGeändert, wo nicht ausgestrichen.—   —   —   —   —   —   —   —Denn das, was man in Dresden schauet,Und was August vollführt und bauet,Sieht man sonst nirgends in der Welt!

Das Auge sieht sich nimmer satt,Sagt Salomo in seinen Sprüchen;Ach, daß er Dresden nicht gesehen hat!Vermutlich hätt’ er diesen SatzGeändert, wo nicht ausgestrichen.—   —   —   —   —   —   —   —Denn das, was man in Dresden schauet,Und was August vollführt und bauet,Sieht man sonst nirgends in der Welt!

Das Auge sieht sich nimmer satt,

Sagt Salomo in seinen Sprüchen;

Ach, daß er Dresden nicht gesehen hat!

Vermutlich hätt’ er diesen Satz

Geändert, wo nicht ausgestrichen.

—   —   —   —   —   —   —   —

Denn das, was man in Dresden schauet,

Und was August vollführt und bauet,

Sieht man sonst nirgends in der Welt!

Hier hatte Winckelmann gewirkt, Ludwig von Hagedorn und Raffael Mengs hatten litterarisch zur Verbreitung der Kunstinteressen beigetragen, letzterer wurde „von ganz Europa als der bedeutendste Maler des Jahrhunderts“ gepriesen. Auch Anton Graff, der gefeierte Bildnismaler, weilte hier, und Chodowiecki versäumte nicht, diesem alten Freundeund künstlerischen Gesinnungsgenossen einen Besuch abzustatten, ebenso wie er auch die übrigen Mitglieder der Dresdener Maler- und Kupferstecherkolonie aufsuchte, um bei ihnen, wie in den kurfürstlichen und privaten Sammlungen reichste Anregung zu finden. Der Kupferstecher Zingg führte ihn zu dem Antiquar Lippert, der in seiner Daktyliothek sich die erste umfassende Kollektion von Abdrücken antiker geschnittener Steine und Gemmen angelegt hatte. Der schwerhörige und griesgrämige alte Herr im polnischen Schnürrock reizte den Künstler zu einer Zeichnung, die ihn im Gespräch mit dem genannten Zingg darstellte. Noch nach fünfundzwanzig Jahren benutzte er diese Scene, die nicht eines gewissen humoristischen Beigeschmacks entbehrt, als Vorlage zu einer Radierung (E.882).

Abb. 68.Erfindung der Buchdruckerkunst.(E.517.)Illustration zum Almanac de Gotha. 1785.

Abb. 68.Erfindung der Buchdruckerkunst.(E.517.)Illustration zum Almanac de Gotha. 1785.

Abb. 69.Naturzustand der Menschheit.(E.517.)Illustration zum Almanac de Gotha. 1785.

Abb. 69.Naturzustand der Menschheit.(E.517.)Illustration zum Almanac de Gotha. 1785.

Der Aufenthalt in Dresden regte in unserem Künstler zeitweilig die Erwägung an, ob er nicht ganz dorthin übersiedeln sollte; als ihm jedoch 1777 der Antrag gemacht wurde, die Stellung eines Inspektors am kurfürstlichen Kupferstichkabinett zu übernehmen, lehnte er ab. Die Rückreise führte Chodowiecki über Leipzig, wo er Friedrich Oesers Bekanntschaft machte, der durch seine Beziehungen zu Winckelmann und später zu Goethe mehr als durch seine manierierten Malereien bekannt geworden ist.

Abb. 70.Titelvignette zu Salzmanns Carl von Carlsberg.Leipzig. 1784. (E.495.)

Abb. 70.Titelvignette zu Salzmanns Carl von Carlsberg.Leipzig. 1784. (E.495.)

Viel Muße, die auf den Reisen empfangenen Eindrücke und Anregungen daheim zu verarbeiten, fand Chodowiecki nach seiner Heimkehr nicht. Von allen Seiten kamen Aufträge, häuften sich die Bestellungen, die er nur in den seltensten Fällen auszuschlagen sich entschließen konnte. Zwei Schriftsteller besonders bemühten sich, ihn für ihre Zwecke zu gewinnen: FriedrichNicolai und Johann Kaspar Lavater.

Abb. 71.Modekupfer zum Göttinger Taschenkalender.1778. (E.195.)

Abb. 71.Modekupfer zum Göttinger Taschenkalender.1778. (E.195.)

Abb. 72.Fortgang der Tugend und des Lasters.(E.188.)Illustration zum Göttinger Taschenkalender. 1778.

Abb. 72.Fortgang der Tugend und des Lasters.(E.188.)Illustration zum Göttinger Taschenkalender. 1778.

Abb. 73.Fortgang der Tugend und des Lasters.(E.188.)Illustration zum Göttinger Taschenkalender. 1778.

Abb. 73.Fortgang der Tugend und des Lasters.(E.188.)Illustration zum Göttinger Taschenkalender. 1778.

Christoph Friedrich Nicolaispielt in der deutschen Litteratur der fridericianischen Epoche eine ähnliche Rolle, wie Chodowiecki in der gleichzeitigen Kunst. Vom Buchhändlerlehrling zum Gelehrten aufgestiegen, suchte er in Verbindung mit Lessing und Moses Mendelssohn der neuen Aufklärung eine möglichst allgemeine Verbreitung zu geben. Die Forschungsergebnisse und Anschauungen der Gelehrtenwelt sollten eine läuternde Umwälzung des Denkens und Empfindens in den breitesten Volksschichten bewirken, und dieser Aufgabe dienten die von Nicolai herausgegebenen Zeitschriften ebenso wie seine Romane. So versucht er in dem „Leben und Meinungen des Herrn Magister Sebaldus Nothanker“, die engherzige und heuchlerische protestantische Orthodoxie zu geißeln, die den Titelhelden, einen der neuen Denkart geneigten Dorfprediger, auf jede mögliche Weise zu drangsalieren versucht. Chodowiecki war bestrebt, die allzu nackt und grell hervorgekehrte Tendenz dieses Romans in seinen Illustrationen zu mildern. Die sentimentalen Scenen, wie die Vertreibung der Familie Nothanker aus dem Pfarrhause (Abb. 56,E.101), Sebaldus amSterbebette seiner Gattin (Abb. 57,E.102) und die Schilderung der Notlage des Verfolgten, der schließlich Almosen anzunehmen sich gezwungen sieht (Abb. 58,E.157), gelingt dem Zeichner offenbar besser, als die Satire auf die hoffärtige Adelsgesellschaft (Abb. 59,E.104) und die streitsüchtige Geistlichkeit, deren Vertretern Nicolai lächerliche Namen wie Puddewustius, Buhkvedderius und Wulkenkragenius beigelegt hatte (Abb. 61,E.132). Weit feiner als dem Autor gelang es dem Zeichner, die Scheinheiligkeit und hohle Würde dieser Herren zu ironisieren — in dem zierlichen BlattE.122, das die „Kleidertrachten der berlinischen Prediger“ scheinbar ohne jeden tendenziösen Beigeschmack darstellt (Abb. 60au.b). Außer diesem dreibändigen Roman Nicolais, der sich einer großen Verbreitung und Anerkennung erfreute, illustrierte unser Künstler später noch zahlreiche andere von demselben Verfasser herausgegebene Schriften, wie die „Freuden des jungen Werther“, die dem beispiellos eingeschlagenen Erstlingsroman Goethes ein Paroli bieten sollten (E.120), die Anekdoten von Friedrich II., ein Chodowiecki besonders willkommener Vorwurf, den „feynen kleynen Almanach“ (1777E.167) und zahlreiche Bände der „allgemeinen deutschen Bibliothek“, in deren einem (1776) wir auch ein Jugendporträt Goethes von Chodowieckis Hand (E.166) vorfinden.

Abb. 74.Bücherzeichen Chodowieckis.(E.192.)

Abb. 74.Bücherzeichen Chodowieckis.(E.192.)

Abb. 75.Illustration zu Shakespeares Macbeth.Skizze zuE.541.

Abb. 75.Illustration zu Shakespeares Macbeth.Skizze zuE.541.

Abb. 76.König Friedrichs II. Wachtparade in Potsdam.1777. Zweiter Zustand. (E.196). (Verkleinert).⇒GRÖSSERES BILD

Abb. 76.König Friedrichs II. Wachtparade in Potsdam.1777. Zweiter Zustand. (E.196). (Verkleinert).

⇒GRÖSSERES BILD

Abb. 77.Illustration zu Hippels Lebensläufen.Berlin. 1778. (E.302.)

Abb. 77.Illustration zu Hippels Lebensläufen.Berlin. 1778. (E.302.)

Abb. 78.Illustration zu Shakespeares Lustigen Weibern zu Windsor.(E.568.) Göttinger Taschenkalender. 1787.

Abb. 78.Illustration zu Shakespeares Lustigen Weibern zu Windsor.(E.568.) Göttinger Taschenkalender. 1787.

Johann Kaspar Lavater, von dessen überlautem Entzücken über Chodowieckis „Calas“ wir bereits oben berichteten, gehört zu den originellsten Persönlichkeiten der Aufklärungsepoche: phantastisch und zur Mystik geneigt, ohne jede Mäßigung, wenn es galt, seine Ideen zu verfechten, fromm und bekehrungssüchtig, — kurz in allem der schroffste Gegensatz zu dem kühl vernünftelnden, nüchternenNicolai, der ihn auch aufs heftigste befehdete — hatte dieser seltsame Schwärmer sich vorgesetzt, eine neue Ära jener schon von den Astrologen und Zeichendeutern des Mittelalters geübten Kunst der Physiognomik heraufzuführen. Aus Beschaffenheit und Form der Gesichtszüge das Seelenleben und die Eigenschaften des Menschen zu erkennen, war das Ziel dieser Orakelkunst. Um dem großen Publikum eine Vorstellung von der Art seines Vorgehens zu geben, das eine neue Wissenschaft vom inneren Menschen begründen sollte, verband er sich mit dem Künstler, dem er als Charakterschilderer die größte Befähigung zutraute, mit Daniel Chodowiecki. Dieser mußte ihm die erläuternden Kupfer zu seinen „Physiognomischen Fragmenten zur Beförderung der Menschenkenntnis und Menschenliebe“ liefern. Nicht alle Tafeln konnte Chodowiecki auch eigenhändig radieren und beschränkte sich daher bei vielen auf die Vorzeichnung, die andere Stecher aufs Kupfer brachten. Was von ihm selbst in Radierung in den Jahren 1774 und 1775 ausgeführt wurde, sind etwa 14 Blatt, ungleichwertig in Erfindung und Ausdruck. Die größeren Köpfe, wie Lavaters Vater auf dem Totenbett (E.124), haben etwas Ängstliches und Gequältes, jedes Fältchen, jede Runzel soll etwas aussagen und beweisen, die graue Theorie guckt überall hervor. Chodowiecki schrieb von einem Blatt derart selbst halb unwillig: „Nach einer weitläufigen Beschreibung von Lavater gezeichnet.“ Glücklicher sind die kleinen, nur in scharfen Umrissen angedeuteten Köpfe von Personen aus verschiedenen Zeitaltern, Nationen, Ständen und Lebensaltern: hier konnte sich der Zeichner frei bewegen, plünderte nach Lust seine älteren Skizzenbücher und Mappen, und wir bewundern, wie scharf er in dem kleinen Format und mit anspruchslosesten Mitteln die verschiedenen Charaktere zu kennzeichnen versteht, wenngleich er notwendigerweise auch hiermanchmal dem lehrhaften Zwecke zuliebe in Übertreibung verfällt.

Abb. 79.Heiratsantrag des Einfaltspinsels.Illustration zum Taschenbuch für 1782. Göttingen. (E.382.)

Abb. 79.Heiratsantrag des Einfaltspinsels.Illustration zum Taschenbuch für 1782. Göttingen. (E.382.)

Sehr viel bequemer lag Chodowiecki der natürliche und schalkhafte Ton vonGellertsFabeln und Erzählungen, ja man darf vielleicht sagen, daß Gellerts Schrifttum seiner Griffelkunst am meisten kongenial war. In dem Genealogischen Kalender für Westpreußen erschienen 1776 zwölf Blätter, die die Pointen von zwölf Gellertschen Fabeln zum Gegenstand haben (E.141); im folgenden Jahr an gleicher Stelle zwölf weitere Radierungen der Art (Abb. 62,E.160). Wie treffend weiß der Kleinmeister hier die hohle Aufgeblasenheit und den Zorn des verspotteten alten Dichters (Abb. 63,E.141) zu charakterisieren, oder den Greis, dessen Lebensinhalt die lakonische Grabschrift umfaßt: Er lebte, nahm ein Weib und starb! (Abb. 64). Wie hübsch ist der Zug, in den beiden heiratslustigen Mädchen (Abb. 65) die natürliche Anmut und die gefallsüchtige Geziertheit zu kennzeichnen: ob schlicht, ob verzogen, sie hoffen beide „Worauf? Gewiß auf einen Mann.“

Abb. 80.Weibliche Dienstboten.(E.368.)Illustration zu Lichtenbergs Vorschlag zu einem Orbis pictus.Im Göttingischen Magazin der Wissenschaften. 1780.

Abb. 80.Weibliche Dienstboten.(E.368.)Illustration zu Lichtenbergs Vorschlag zu einem Orbis pictus.Im Göttingischen Magazin der Wissenschaften. 1780.

Abb. 81.Der Große Kurfürst empfängt die französischen Emigranten.(E.460).Illustration zu Ermans Memoires. Berlin. 1782.

Abb. 81.Der Große Kurfürst empfängt die französischen Emigranten.(E.460).Illustration zu Ermans Memoires. Berlin. 1782.

Abb. 82.Der Große Kurfürst preist die gewerblichen Erzeugnisse der Réfugiés.(E.560.)Illustration zu Ermans Memoires. 1786.

Abb. 82.Der Große Kurfürst preist die gewerblichen Erzeugnisse der Réfugiés.(E.560.)Illustration zu Ermans Memoires. 1786.

Wie Gellert hat auch Chodowiecki stets nur ein gutmütiges Lächeln für die Thorheiten dieser Welt, nie drängt sich Verbitterung oder Verbissenheit gehässig hervor. Alles weiß er zum Guten zu wenden. Als er einst — es war im Sommer 1775 — seiner Familie einen Sonntagsausflug nach dem damals beliebten Vergnügungsorte Französisch-Buchholz versprochen hatte, das schlechte Wetter und das Ausbleiben des Wagens aber das Vorhaben vereitelte, wußte er schnell derüblen Laune zu begegnen, indem er die Seinen durch eine lustige Zeichnung der projektierten Fahrt entschädigte. In feierlicher Prozession zieht die Familie zu Fuß nach Buchholz: Susette, die zweitälteste Tochter des Hauses, Würste und Brezeln auf einer Heugabel tragend, voran, die anderen folgen mit Torten und einem gefüllten Weinkorb, Vetter Kolbe schließt lustig fiedelnd den Zug der „Wallfahrt nach Französisch Buchholz,“ die der Erfinder des heiteren Schwanks vier Jahre später auch noch in Kupfer verewigte (E.337). Als im selben Jahr sein Freund, der Eisenhändler Barthelemy, Hochzeit machte, entwarf er die Tischkarte, die ebenfalls mit schalkhaften Einfällen und Anspielungen gespickt ist (E.133). Allein zu solchenScherzen blieb dem rastlos Arbeitenden in diesen Jahren, wo sich die Aufträge so häuften, daß er oft die Nacht durch arbeiten mußte, wenig Zeit. Es hieße, eine Litteraturgeschichte jener Tage schreiben, wollte man all die Titelkupfer, Vignetten und Illustrationen eingehender behandeln, die Chodowieckis Presse verließen. Seit dem Jahre 1771 hatte er sich nämlich in seinem Hause eine Kupferdruckpresse aufgestellt, während er früher für das Drucken seiner Platten auf fremde Hände angewiesen war. Belletristische Werke, Erbauungs- und Schulbücher wechseln mit Zeitschriften, Kalendern und Almanachen, deren Ausstattung durch unseren Meister geradezu vorbildlich wurde. So verdrängten seine Kupfer allmählich diefranzösischen Arbeiten aus dem Gothaischen Hofkalender, der von allen Almanachen zweifellos das größte Ansehen auch im Auslande genoß. Diese Arbeit war Chodowiecki schon deshalb willkommen, weil ihm hier oft freie Wahl der Gegenstände gelassen wurde. So brachte er bald, wie in dem Lauenburger Kalender von 1777, zwölf Monatskupfer, die ihrerseits den Dichter L. Haken zu einer Erzählung inspirierten (E.123), bald Modekupfer, für die ihm nicht selten die Damen seines Bekanntenkreises Modell standen, wie die extravaganten Berliner Haartrachten im Göttinger Taschenkalender für 1778 (Abb. 71,E.195), aber auch moralisierende Folgen, wie den „Fortgang der Tugend und des Lasters“ (Abb. 72,73,E.188), zu dem der bekannte Satiriker Lichtenberg, der Kommentator William Hogarths, Erläuterungen schrieb, das „Leben eines schlecht erzogenen Frauenzimmers“ (E.279), ein Gegenstück zu dem bereits früher erschienenen „Leben eines Liederlichen“ (E.90) u. a. m. Trotz des Anklangs an die Titel, die der eben genannte englische Sittenschilderer für seine Kupferstichserien wählte, ist doch Chodowieckis Auffassung von der Aufgabe eines künstlerischen Moralisten von der eines Hogarth, mit dem er so oft verglichen wurde, grundverschieden, und er hat sich wiederholt dagegen gewehrt, dem Engländer verglichen zu werden, dessen Bitterkeit, die sich am Häßlichen weidete, ihm durchaus fremd war. Goethe hat treffend die Neigung unseres Meisters zur Milderung und Ausgleichung schroffer Gegensätze charakterisiert: „Unser wackerer Chodowiecki hat manche Scenen der Unnatur, der Verderbnis, der Barbarei und des Abgeschmacks trefflich dargestellt; allein, was that er? Er stellte dem Hassenswerten sogleich das Liebenswürdige entgegen, Scenen einer gesunden Natur, die sich ruhig entwickelt, einer zweckmäßigen Bildung, eines treuen Ausdauerns, eines gefälligen Strebens nach Wert und Schönheit.“ Man möchte meinen, Goethe habe diese Worte vor den eben erwähnten Kupferfolgen, denen sich auch noch die „Natürlichen und affektiertenHandlungen des menschlichen Lebens“ (E.256) und die „Beweggründe zum Heiraten“ (E.598) anreihen lassen, niedergeschrieben.

Abb. 83.Titelkupfer zu Cramers Übersetzung der Nouvelle Héloise von Rousseau.Berlin. 1785–1787. (E.535.)

Abb. 83.Titelkupfer zu Cramers Übersetzung der Nouvelle Héloise von Rousseau.Berlin. 1785–1787. (E.535.)

Abb. 84.Titelvignette zu Hermes’ Zween litterarische Märtyrer.Leipzig. 1780. (E.610.)

Abb. 84.Titelvignette zu Hermes’ Zween litterarische Märtyrer.Leipzig. 1780. (E.610.)

In dieser Zeit, als die Bibliothek des emsigen Illustrators sich so schnell mit den zahllosen von ihm selbst geschmückten Büchern füllte, entstand auch dasEx-libris, das er nach einer damals weit verbreiteten, in unseren Tagen wieder neuaufgelebten Sitte in die ihm gehörigen Bände einzukleben pflegte: Der geflügelte Genius der Kunst führt einen jungen Künstler zu den Brüsten der Natur — ein schlichtes und ehrliches Bekenntnis seiner Anschauungen vom Wesen und den Zielen aller Kunstübung und Kunstbegeisterung (Abb. 74,E.192).


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