Chapter 5

Abb. 85.Aufführung der Minna von Barnhelm im Kuhstall.(E.490.)Illustration zu Müllers Siegfried von Lindenberg. Leipzig. 1783.

Abb. 85.Aufführung der Minna von Barnhelm im Kuhstall.(E.490.)Illustration zu Müllers Siegfried von Lindenberg. Leipzig. 1783.

Eine größere Arbeit des Jahres 1777 freilich, die Wachtparade Friedrichs II. in Potsdam (E.196,Abb. 76), die er in zwei Wiederholungen stach, mahnt uns auch wieder bedenklich an die Schranken, die seiner Kunst gesetzt waren. Fast immer, wenn er über das Taschenbuchformat sich hinauswagt, glauben wir mit ihm die Unsicherheit des nur all zusehr an kleine Maßstäbe gewöhnten Zeichners zu empfinden. Schon die zeitgenössische Kritik tadelte an dem genannten Blatte einige Zeichenfehler, wie den zu weit vorgerückten Vorderfuß des kronprinzlichen Pferdes, den Chodowiecki auch in der zweiten Platte „den Unkennern zu gefallen“, wie er selbst schrieb, korrigierte, aber auch abgesehen von solchen kleinen „Pentimenti“ ist bei jeder größeren Platte des Meisters eine Abnahme der Lebendigkeit in der Bewegung der Gestalten, eine Steifheit und ein gewisser Mangel an Raumsinn zu verspüren, den die kleinliche technische Behandlung nur um so auffälliger macht. Freilich bleibt für uns die Wachtparade Friedrichs des Großen, ganz abgesehen von ihrem künstlerischen Wert, immer ein kostbares zeitgenössisches Dokument, da wir mit Recht annehmen dürfen, daß an Treue in der Wiedergabe aller Einzelheiten ein so gewissenhafter Schilderer, wie Chodowiecki nichts versäumt haben wird. So wird denn diesem Blatte die Popularität erhalten bleiben, die schon zu Lebzeiten seines Schöpfers, der nicht weniger als vierunddreißig Kopien danach kannte, eine außerordentliche war. Auch ein größeres Porträt, das uns die Züge des Philanthropen und Pädagogen Friedrich Eberhard von Rochow erhalten hat, ist in diesem überaus arbeitsreichen Jahre 1777 entstanden (E.191). Der Besteller entrüstete sich anfangs einigermaßen über den hohen Preis von hundert Thalern für die Platte, was ihn aber nicht abhielt, sie einige Jahre später für die doppelte Summe weiterzuverkaufen.

Abb. 86.Skizze zuE.390, s.Abb. 89. Im Besitz der FrauDr.Ewald. Berlin.

Abb. 86.Skizze zuE.390, s.Abb. 89. Im Besitz der FrauDr.Ewald. Berlin.

Abb. 87.Das trojanische Pferd.(E.611.)Illustration zu Blumauers Äneide im Großbritannischen Genealogischen Kalender. Lauenburg. 1790.

Abb. 87.Das trojanische Pferd.(E.611.)Illustration zu Blumauers Äneide im Großbritannischen Genealogischen Kalender. Lauenburg. 1790.

Von den zahllosen Illustrationen aus der zweiten Hälfte der siebziger Jahre, der reichsten Ernte- und Reisezeit, will ich nur als die hervorragendsten folgende erwähnen: das Titelkupfer zur zweiten englischen Auflage von Goldsmiths „Vicar of Wakefield“ (E.149), dessen Inhalt Chodowiecki auch zu zwölf Kalenderkupfern (E.159) anregte, die zierlichen und stimmungsvollen beiden Darstellungen aus Goethes Werther, die eine französische Übersetzung des Werkes schmücken (E.151, 152), und die der Dichter zu seinen Lieblingskupfern zählte, die vierundzwanzig Scenen eines damals vielgelesenen fünfbändigen Romans von Hermes: Sophiens Reisen von Memel nach Sachsen (E.172, 182), der ersten ausführlichen Schilderung der Sitten und Charaktere des deutschen Mittelstandes im achtzehnten Jahrhundert, daher Chodowieckis Begabung gut gelegen, Bürgers Gedichte (E.232–239), Hippels Lebensläufe in aufsteigender Linie (E.246–251, 298–303,Abb. 77), ein auch heute noch lesenswertes Buch, während die humoristischen Romane Wezels „Peter Marks“ (E.292–297) und „Die wilde Betty“ (E.280–284) nur durch ihre Kupfer, die zu den technisch gewandtesten unseres Meisters gehören, noch einiges Interesse zu wecken vermögen. Schließlich die Monatskupfer des Gothaer Kalenders von 1780, die ihren Stoff Lessings Fabeln und Erzählungen entlehnten (E.320). Diese Blätter zogen Chodowiecki eine sehr heftige Kritik in Meusels Miscellaneen zu, gegen die der Angegriffene sich bescheiden, aber mit Nachdruck in der gleichen Zeitschrift verteidigte. Uns scheint der große Aufwand anWorten und theoretischen Erörterungen für die Beurteilung solcher liebenswürdigen Kleinigkeiten recht abgeschmackt, aber wir lernen daraus, eine wie eingehende Aufmerksamkeit die Zeitgenossen gerade dem Illustrationswesen zuwendeten. Von der Wahl des geeigneten Moments der Darstellung bis zu jedem Fältchen in Mienen und Gebärden der Figuren wurde alles damals peinlich unter die Lupe des in enge Theorien eingezwängten Kunstverstandes genommen und zergliedert, freilich, ohne daß man dem Wesen der Sache damit erheblich näher gekommen wäre.

Abb. 88.Illustration zu Blumauers Äneide im Großbritannischen Genealogischen Kalender.Lauenburg. 1790. (E.611.)

Abb. 88.Illustration zu Blumauers Äneide im Großbritannischen Genealogischen Kalender.Lauenburg. 1790. (E.611.)

Abb. 89.Titelkupfer zu dem Roman: Philipp von Freudenthal.Berlin. 1780. (E.390).

Abb. 89.Titelkupfer zu dem Roman: Philipp von Freudenthal.Berlin. 1780. (E.390).

Abb. 90.Illustration zu Coventrys Roman: Der kleine Cäsar.Leipzig. 1782. (E.431.)

Abb. 90.Illustration zu Coventrys Roman: Der kleine Cäsar.Leipzig. 1782. (E.431.)

Sehr kurios muten uns auch die Scenen aus Shakespeares Hamlet (E.213, 214) an, die Chodowiecki, angeregt durch Brockmanns vielbewundertes Auftreten in Berlin, als künstlerische Beigabe zu zwei Aufsätzen über das Spiel des großen Tragöden in der Litteratur- und Theaterzeitung von 1778 radierte. Brockmann, der einem Garrick und Kean an die Seite gestellt wurde, zählte den Hamlet zu seinen Paraderollen, aber seine kleinbürgerliche Maske, wie sie Chodowiecki getreulich wiedergibt, würde uns schlechterdings alle Illusion zerstören. Nicht vergessen darf man dabei, daß Shakespeare damals erst unlängst für die Bühne wieder entdeckt war und auch von Schauspielern dargestellt, die lediglich am bürgerlichen Drama geschult waren, das Publikum durch die Wucht seiner grandiosen Charakterschilderung und packenden Sprache zu lautem Enthusiasmus hinriß. An diesen Shakespeareaufführungen berauschten die Dichter der Sturm- und Drangperiode ihre steuerlose Einbildungskraft. Chodowiecki indes sah mit nüchternen Sinnen nurdas, was auf der Bühne dem Auge sich bot, auch seine späteren Shakespeareillustrationen, wie die zu Hamlet (E.252), Coriolan (E.571), König Heinrich IV. (E.539), Macbeth (Abb. 75,E.514) und dem Sturm (E.583) zeugen dafür, daß ihm die Leidenschaft und der stürmische Feuergeist des großen Briten innerlich fremd blieb. Am nächsten lag seinem Naturell noch der Humor der Lustigen Weiber von Windsor, die er 1786 für den Göttinger Taschenkalender (Abb. 78,E.568) illustrierte. Aber stets fühlt man auch hier die Fessel durch, die ihm der fremde Vorwurf anlegte. Wie viel freier bewegt er sich, wenn es gilt, seinen eignen Humor leuchten zu lassen, z. B. in den beiden Kupferstichfolgen: Natürliche und affektierte Handlungen des Lebens (E.256 u. 329)! Was in jener Zeit Natürlichkeit hieß, erscheint uns freilich heute noch immer reichlich affektiert, die Tracht der Zeit, die Schnürleiber und gepuderten Perücken, die Stöckelschuhe hemmten die freie Bewegung, Erziehung that dasIhrige dazu, aber die Lächerlichkeit der Incroyables und Merveilleusen, die tänzelnden Schrittes einherstolzieren, selbst in der Kirche nicht ihre gespreizten Alluren ablegen, ist doch von Chodowiecki, der auch hier vielfach nur seine treue Beobachtungsgabe zu benutzen brauchte, meisterhaft in Gegensatz zu der Natürlichkeit des schlichten Bürgers gestellt.

Abb. 91.Entführung.Illustration zu Bunkels Leben. Skizze zuE.222. Berlin. 1778.

Abb. 91.Entführung.Illustration zu Bunkels Leben. Skizze zuE.222. Berlin. 1778.

Das Jahr 1779 brachte unserem Meister einen schmerzlichen Verlust: seine geliebte Mutter, die schon lange gekränkelt, erlag am 30. Mai in Danzig ihren Leiden. Für die in recht bescheidenen Verhältnissen zurückgebliebenen Schwestern zu sorgen, war dem Bruder Pflicht und Bedürfnis. Im Juli des nächsten Jahres rüstete er sich daher wiederum zu einer Reise nach der Heimat. Das Haus in der Heiligengeistgasse wurde verkauft und die Schwestern eingeladen, nach Berlin überzusiedeln. Trotz den mannigfachen Geschäften, die seine Zeit während des diesmal nur kurzen Aufenthalts in der Vaterstadt in Anspruch nahmen, fand der an unablässige Thätigkeit gewohnte Künstler hier noch Muße, einige Platten zu radieren (E.369–374). Sie waren für eine deutsche Übersetzung des „Lobes der Narrheit“ von Erasmus von Rotterdam bestimmt, das im sechzehnten Jahrhunderts bereits Hans Holbein den Jüngeren zu einer Reihe köstlicher Federzeichnungen inspiriert hatte; die Verspottung menschlicher Thorheit und Eitelkeit, die Chodowiecki hier mit Glück modernisierte, lag ihm freilich in jenen Tagen trüber Stimmung wohl weniger am Herzen, als ein anderes Thema, dessen klassische Prägung die deutsche Kunst ebenfalls Holbein verdankt: der Totentanz. Der Sensenmann,der eben mit grausamer Hand in seine Lebenskreise eingegriffen und ihm das Teuerste geraubt, wird von Chodowiecki in einer Reihe von Scenen (E.662) geschildert, deren Motive sich zwar im allgemeinen an die herkömmlichen Totentanzbilder anlehnen — es sind die einzelnen Stände, die der Reihe nach dem Ruf des Allgewaltigen folgen müssen — aber uns überrascht die dämonische Größe der Auffassung, zu der sich der sonst so nüchterne Beobachter des alltäglichen Kleinlebens hier nicht selten erhebt. Erst zwölf Jahre später wurden die Zeichnungen in Kupfer gebracht und dem Lauenburger genealogischen Kalender beigegeben, nachdem man lange den Gegenstand als Kalenderschmuck beanstandet hatte: „so revolvant war bey jedem der Gedanke, einer Dame den Todt in so mancherlei Gestalten zum Weynachts- oder Neujahrsgeschenk zu machen.“

Abb. 92.Herzog Leopold von Braunschweig eilt den durch Wassersnot Bedrängten zu Hilfe.1785. (E.540.)

Abb. 92.Herzog Leopold von Braunschweig eilt den durch Wassersnot Bedrängten zu Hilfe.1785. (E.540.)

Mehr in freiem Wettstreit mit den von Lichtenberg gemachten Vorschlägen, als von ihnen abhängig, entstanden 1780 die Kupfer zu einemOrbis pictus, kleine, überaus zierliche und geistreiche Charakterfigürchen, von denen wir eines in Abbildung (Abb. 80,E.368) wiedergeben. Lichtenberg wollte „der Armut unserer dramatischen Schriftsteller sowohl als auch der Schauspieler und Künstler dadurch zu Hilfe kommen, daß er frappante Züge ... aus allerley Ständen des bürgerlichen Lebens“ sammelte und herausgab, eine Aufgabe, die für Chodowiecki wie geschaffen schien, um seine zahlreichen Beobachtungen und Studiennach dem Leben in zwangloser Folge zu veröffentlichen. So sehen wir auf dem mitgeteilten Blatte die Typen weiblicher Dienstboten von der Kammerfrau und Zofe bis zum Waschweib in höchst lebendiger Weise vereinigt. In solchen Charakterfigürchen kleinsten Maßstabes offenbart sich die ganze Liebenswürdigkeit und Schalkheit seines Wesens, die ganze Feinheit seiner Radiernadel, ähnlich wie in den gleichzeitigen „Occupations des Dames“ (E.355), den beiden Folgen von „Heiratsanträgen“ verschiedener Freier (Abb. 79,E.345 und 382) und der Verspottung der Steckenpferdreiterei (E.357). Dazwischen klingt dann wieder in der anmutigen Titelvignette zu Cramers „Unterhaltungen“ (Berlin 1781,Abb. 2,E.376) der innige Ton häuslichen Familienglücks durch, dessen herzerquickende Schilderung zu den vornehmsten Ruhmestiteln Chodowieckis zählt.

Abb. 93.Satire auf die Nachdrucker.(E.394.)

Abb. 93.Satire auf die Nachdrucker.(E.394.)

Abb. 94.Titelvignette zu Gotters Gedichten.Gotha. 1788. (E.592.)

Abb. 94.Titelvignette zu Gotters Gedichten.Gotha. 1788. (E.592.)

Abb. 95.Lenorens Todesritt.(E.612.) Titelvignette. 1789.

Abb. 95.Lenorens Todesritt.(E.612.) Titelvignette. 1789.

Abb. 96.Illustration zum Gothaischen Hofkalender.1790. (E.614.)

Abb. 96.Illustration zum Gothaischen Hofkalender.1790. (E.614.)

Abb. 97.Illustration zum Berliner Historisch-Genealogischen Kalender.1793. (E.687.)

Abb. 97.Illustration zum Berliner Historisch-Genealogischen Kalender.1793. (E.687.)

Aber auch Aufgaben, die seinem Wesen und seiner Begabung durchaus fernlagen, durfte sich unser Meister nicht entziehen. Durch seine Beziehungen zur französischen Kolonie Berlins war er auch mit dem Prediger der französischen Gemeinde Erman bekannt geworden, dessen Geschichte der Refugiés er illustrierte (Abb. 81,82,E.460, 493, 560), und der ihm1780 den Auftrag des Konsistoriums überbrachte. Entwürfe für die plastische Ausschmückung des von Carl von Gontard neu wiederhergestellten französischen Doms auf dem Gendarmenmarkt zu liefern. Einen Kleinmeister wie Chodowiecki mit solcher Aufgabe zu betrauen, war ein Mißgriff, der sich notwendigerweise rächen mußte. In der That gehören die Statuen und Reliefs des „französischen Turmes,“ die in den Jahren 1781–1784 von den Bildhauern Föhr und Bardou nach diesen Entwürfen ausgeführt wurden, zu dem Unglücklichsten, was die ohnehin schwächliche Monumentalkunst jener Zeit hervorgebracht hat. Immerhin bezeugt das Vorgehen der Baubehörde, das auch vom Könige gebilligt wurde, welche große Bedeutung man dem einst kärglich bezahlten Miniaturmaler jetzt auf allen Gebieten bildender Kunst in der Residenzstadt beimaß. Sein Gutachten wurde auch von auswärts oft bei Abschätzung von Kunstsammlungen eingeholt: so galt es, 1781 die Kupferstichsammlung des Hamburger Großkaufmanns Sillem zu ordnen und zu inventarisieren, was Chodowiecki zu einem anregenden vierwöchentlichen Besuch der mit Kunstschätzen reich gesegneten Hansestadt veranlaßte. Das umfangreiche Verzeichnis der Sammlung Sillem erschien im folgenden Jahre im Verlage von Decker in Berlin.

Abb. 98.Naturforscher am Mikroskop.(E.585.)Titelkupfer zu Blumenbachs Naturgeschichte. 1787.

Abb. 98.Naturforscher am Mikroskop.(E.585.)Titelkupfer zu Blumenbachs Naturgeschichte. 1787.

Immer schwerer wird es, aus der Hochflut illustrativer Arbeiten, mit denen Chodowiecki den deutschen Büchermarkt in den nächsten Jahren überschwemmte, diejenigen Leistungen hervorzuheben, die als Marksteine seiner künstlerischen Entwickelung gelten könnten. In gewissem Sinne war diese — namentlich was die Technik anlangt — bereits mit den siebziger Jahren des Jahrhunderts abgeschlossen. Aber lange noch hält er sich auf der einmal erreichten Höhe, erst im letzten Jahrzehnt seines Lebens glauben wir eine Abnahme der Künstlerkraft wahrnehmen zu können. Wagte er sich damals doch sogar in einen Wettkampf mit den französischen Illustratoren, die er bisher nur als Vorbilder betrachtet hatte, indem er es unternahm, die von Gravelot und Charles Eisen mit entzückenden Radierungen ausgestatteten Werke eines Voltaire und Rousseau von neuem zu illustrieren (Abb. 83,E.208, 380, 438 und 535), wobei man freilich seinem Mut und seiner Selbständigkeit ein besseres Gelingen hätte wünschen mögen. Das etwas schwüle und frivole Milieu der Neuen Heloise, des Einsiedlers von Montmorency und namentlich der Dichtungen Voltaires war eine fremde Welt für den ehrbaren deutschen Sittenmaler, die leichtfertige Grazie der französischen Romanciers nicht seine Sache.

Abb. 99.Illustration zum Großbritannischen Genealogischen Kalender.Lauenburg. 1794. (E.714.)

Abb. 99.Illustration zum Großbritannischen Genealogischen Kalender.Lauenburg. 1794. (E.714.)

Dagegen mußte ihn die Kleinmalerei und Empfindsamkeit des englischen Familienromans, wie ihnSamuel Richardsonunter dem lebhaftesten Beifall eines Lessing und Klopstock in die Weltlitteratur eingeführt hatte, aufs sympathischste berühren und zu künstlerischem Nachgestalten anregen. Richardsons Clarissa Harlowe, einer unendlich weitschweifigen, aber an fein beobachteten Zügen des Seelenlebens überreichen moralischen Erzählung in Briefform, verdanken wir eine Reihe von Arbeiten Chodowieckis, die zu seinen reifsten und besten gehören (E.521–527, 550–557). Nicht minder trefflich sind die Kupfer zu LorenzSternes „Empfindsamen Reisen“ (E.464), jenem ebenfalls klassisch zu nennenden Charakterroman des unter Thränen lachenden englischen Jean Paul.

Abb. 100.Illustration zum Berliner Historisch-Genealogischen Kalender.1793. (E.687.)

Abb. 100.Illustration zum Berliner Historisch-Genealogischen Kalender.1793. (E.687.)

Abb. 101.Illustration zum Großbritannischen Genealog. Kalender.Lauenburg. 1794. (E.714.)

Abb. 101.Illustration zum Großbritannischen Genealog. Kalender.Lauenburg. 1794. (E.714.)

Abb. 102.Friedrich der Große gibt den Auftrag, nach der Schlacht bei Sorr das Tedeum singen zu lassen.(E.712.)Illustration zum Historisch-Genealogischen Kalender. 1794.

Abb. 102.Friedrich der Große gibt den Auftrag, nach der Schlacht bei Sorr das Tedeum singen zu lassen.(E.712.)Illustration zum Historisch-Genealogischen Kalender. 1794.

Abb. 103.Illustration zur Deutschen Monatsschrift.Leipzig. 1798. (E.904.)

Abb. 103.Illustration zur Deutschen Monatsschrift.Leipzig. 1798. (E.904.)

Abb. 104.Aufrichtige Teilnahme.(E.713.) Illustration zum Göttinger Taschenkalender. 1794.

Abb. 104.Aufrichtige Teilnahme.(E.713.) Illustration zum Göttinger Taschenkalender. 1794.

Abb. 105.Illustration zu Gellerts Fabel: Der fromme General.(E.680.) Kleiner Taschenkalender. Berlin. 1795.

Abb. 105.Illustration zu Gellerts Fabel: Der fromme General.(E.680.) Kleiner Taschenkalender. Berlin. 1795.

Abb. 106.Illustration zu Hagedorns Fabel: Der Fischer mit dem Schatz.(E.680.) Kleiner Taschenkalender. Berlin. 1795.

Abb. 106.Illustration zu Hagedorns Fabel: Der Fischer mit dem Schatz.(E.680.) Kleiner Taschenkalender. Berlin. 1795.

Richardson machte in Deutschland Epoche; nachdem einmal das bürgerliche Kleinleben litteraturfähig geworden war, die einfachen Lebensverhältnisse der Bourgeoisie den Schriftstellern nicht mehr alsquantité négligeablegalten, wendete sich auch das Interesse der eleganten Gesellschaft dieser scheinbar neuentdeckten Welt zu. Namentlich erhielt der Humor im Schrifttum neue ergiebige Nahrung, der komische und der Reiseroman zählten von jetzt ab zu den beliebtesten Gattungen der Prosadichtung. Chodowiecki hat auch dieser neuen Richtung mit vielem Erfolg seine Künstlerkraft geliehen. So geht er auf die derbe, oft sogar recht platte Komik von Müllers Siegfried von Lindenberg (Abb. 85,E.480, 487–490), Hermes’ litterarischen Märtyrern (Abb. 84,E.610) und dem anonymen Roman Philipp von Freudenthal (Abb. 86und89,E.390) ein, illustriert die satirische Lebensgeschichte des kleinen Cäsar, eines verhätschelten Bologneserhündchens, von Coventry (Abb. 90,E.428–431) und weiß Vergils Äneis noch lustiger als der Jesuit Aloys Blumauer zu travestieren, indem er unter das Volk Trojas Berliner Straßenfiguren,wie die Hökerfrau und die Schornsteinfegerbuben mischt (Abb. 87,E.611). Auch den Lustspielcharakter trifft er glücklich in Illustrationen zu Großmanns Schwänken (E.395) und Bretzners „Eheprokurator“ (E.515), während der Falstaffhumor von Shakespeares König Heinrich IV. (E.539) in dem zierlichen Format seiner Kleinkunst allzu plump und grimassenhaft erscheint (Abb. 78). Daß so bald nach den trüben Erlebnissen am Anfang der achtziger Jahre — hatte er doch bald nach seiner Mutter auch seinen Bruder Gottfried verloren — sich die kindliche Heiterkeit seines Gemütswieder einstellte, ist vielleicht auch den freudigen Familienereignissen zuzuschreiben, die seinem Heim neue fröhliche Genossen zuführten. Seine Tochter Jeanette verlobte sich mit dem Prediger Jacques Papin und wenige Monate später freite Jean Henry, ebenfalls ein Geistlicher aus Emigrantenkreisen, mit denen Chodowiecki stets in enger Verbindung blieb, um die zweite Tochter Susette. Der Tag freilich, der für die Hochzeit des letzteren Paars bestimmt war, sollte der Familie einen neuen schweren Schicksalsschlag bringen: im Frühling des Jahres 1785 hatte die Gattin des Meisters bereits zu kränkeln begonnen und erlag am 1. Juni ihrem Leiden. Nach dreißig Jahren glücklichen Zusammenlebens mußte sich Chodowiecki von seiner treuen Lebensgefährtin trennen, er, dessen Glück und Zufriedenheit so ganz im traulichen Familienverkehr wurzelte, sah sich mehr und mehr vereinsamen, denn auch seine beiden Töchter verließen nach ihrer Trauung Berlin, um ihren Gatten nach deren Wirkungsstätten zu folgen. Trotz trüben Stimmungen und körperlichen Leiden, die sich um diese Zeit bei ihm einstellen, sehen wir seine Zuversicht nicht wanken: „es gibt doch mehr Freuden als Leiden,“ schreibt er am 6. November 1785, „nur machen die Leiden den tieferen Eindruck.“ Das sicherste Mittel, sich des Trübsinns zu erwehren, blieb für den nie Rastenden die gleichmäßig fortgesetzte Thätigkeit in seinem Beruf, die ihm zum Grübeln keine Zeit ließ. Er, der selbst der Aufrichtung bedurfte, widmete in jenen Tagen seine Arbeit in hochherziger Weise der Nächstenliebe: als durch die Ueberschwemmung im Frühjahr 1785 zahlreiche Bewohner der Dammvorstadt von Frankfurt an der Oder brotlos geworden waren, bestimmte Chodowiecki den Erlös einer Radierung den durch die Überschwemmung Verunglückten. Bescheiden feierte er in diesem Blatt die größere Heldenthat des menschenfreundlichen Herzogs Leopold von Braunschweig, der bei seinen Rettungsversuchen in jenen Tagen der Not seinen Tod in den Fluten der Oder gefunden (Abb. 92,E.540). Nicht weniger als 1759 Thaler steuerte er damit zur Linderung des Elends bei. Auch auf die Darstellung einer, historisch übrigens unbeglaubigten, Scene zwischen Zieten und Friedrich dem Großen, der den greisen Reitergeneral nötigt, sitzen zu bleiben,als dieser sich ehrerbietig vor seinem König erheben will (E.565), eröffnete Chodowiecki, der das Bild der Witwe des eben verstorbenen Helden gewidmet hatte, eine Subskription. Mochten diese größeren Blätter, zu denen auch die Anekdote vom schlafenden Zieten (E.948) zu zählen ist, immerhin einen reicheren materiellen Gewinn ergeben, der weniger gut bezahlten und ungleich mühsameren Kleinkunst der Illustration machten sie unseren Meister, der sich der Sonderart seines Talentes bewußt blieb, nicht abtrünnig. Wie viel mehr Anmut und Feinfühligkeit entfaltete er z. B. in den wenige Zoll großen Kupfern des kleinen Taschenkalenders für das Jahr 1785 (E.513), die wieder selbständig erfundene Charaktertypen aus der Gesellschaft hinstellten, als in den großen Abbildungen zu A. Kleins „Leben und Bildnisse der großen Deutschen“ (E.436. 463. 479. 500. 534. 576), bei denen ihm überdies die Kostümfrage viel Unbequemlichkeiten schuf! Namentlich die heroische Stimmung altgermanischer Scenen vermag er nicht zu treffen, ähnlich wie ja auch Klopstock inseiner Hermannschlacht aus sentimentaler Lyrik sich selten zu leidenschaftlichem Schwunge zu erheben weiß. Das Gefühlsleben des achtzehnten Jahrhunderts stand diesen Dingen zu fern; man besaß damals überhaupt zu wenig historisches Anpassungsvermögen und Abstraktion, um in das Wesen älterer Geschichtsepochen tiefer eindringen zu können. Dafür liefern auch Chodowieckis zahlreiche Illustrationen zu Ermans Geschichte der französischen Refugiés, die ja nur in das Zeitalter des Großen Kurfürsten zurückgeht, offenkundigen Beweis. Trotz der hier besser gewahrten Kostümtreue stehen diese Schilderungen der edelmütigen Haltung Friedrich Wilhelms des Großen gegen die verfolgten Emigranten (Abb. 81,82) kaum auf einer wesentlich höheren Stufe, als die erwähnten Bilder aus dem Leben der Deutschen. Überall, wo die Naturanschauung ihm fehlt, wie z. B. in den vielen Illustrationen historischer Werke, die in der Folgezeit ihn beschäftigen, kommt Chodowiecki sehr selten aus konventioneller Befangenheit heraus. Auch mit dem wunderlichen Gemisch von französischer Romantik und antikisierender Sinnlichkeit, wie es in Wielands Idris zu Tage tritt, weiß Chodowiecki wenig anzufangen (E.607 und 608). Die Naivetät dem Stoffe gegenüber entlockt dem modernen Beschauer ein ironisches Lächeln, während die Geziertheitder Bewegungen ihn geradezu abstößt.

Abb. 107.Titelkupfer zu Wiesingers Gedichten.Berlin. 1793. (E.697.)

Abb. 107.Titelkupfer zu Wiesingers Gedichten.Berlin. 1793. (E.697.)

Abb. 108.Häusliches Glück.(E.788.) Illustration zu Karl Langs Almanach für 1796. Heilbronn.

Abb. 108.Häusliches Glück.(E.788.) Illustration zu Karl Langs Almanach für 1796. Heilbronn.

Abb. 109.Geheuchelte Teilnahme.Illustration zum Göttinger Taschenkalender. 1794.

Abb. 109.Geheuchelte Teilnahme.Illustration zum Göttinger Taschenkalender. 1794.

Ungelenk und wenig selbständig sind die biblischen Kompositionen, wie die Heimsuchung und die Geburt Christi, die er zu Lavaters heute mit Recht völlig vergessenem Messias entwarf (E.465, 466, 484–486, 512, 528, 532). Das vorige Jahrhundert hat den überkommenen Typenvorrat religiöser Stoffe durch eigene Erfindung nicht vermehrt, es zehrt vielmehr unbefangen von dem Vorhandenen und die Kunstlehren jener Zeit beschränken sich darauf, dem angehenden Künstler die Wahl unter den Vorbildern zu erleichtern. Um unserem Meister gerecht zu werden, dürfen wir indes nur seine Darstellungen etwa mit den oberflächlichen und ganz unselbständigen biblischen Historien des Radierers Bernhard Rode vergleichen, der als Direktor der Berliner Akademie eine bedeutende Stellung einnahm und viel gefeiert wurde.

Abb. 110.Der Geburtstag des Vaters.(E.852.)Illustration zu Karl Langs Almanach. Heilbronn. 1799.

Abb. 110.Der Geburtstag des Vaters.(E.852.)Illustration zu Karl Langs Almanach. Heilbronn. 1799.

War der Begriff geistigen Eigentums auf künstlerischem Gebiet wenig scharf abgegrenzt — und Chodowiecki selbst fand in späteren Jahren oft genug Gelegenheit, sich über Kopisten und Fälscher zu beklagen —, so fehlte es auch in der Litteratur und dem Buchhandel nicht an unlauteren Elementen, die sich durch unrechtmäßigen Nachdruck Vorteile zu verschaffen suchten. Gegen diese richtet sich ein satirisches Blatt, das Chodowiecki 1781 im Auftrage des Berliner Buchhändlers Himburg radierte: ein Buchhändler wird von Räubern, die ihre Beute in einer finsteren Höhle bergen, bis aufs Hemde ausgeplündert. Vergebens weist er auf die Gestalt der Gerechtigkeit, die am Wege niedergesunken, ihr Haupt verhüllt (Abb. 93,E.394). Seltsam wirkt dieser Appell an die Justiz freilich bei einem Buchhändler wie Himburg, dessen Name gerade durch seine Nachdrucke Goethes wenig rühmlich auf die Nachwelt gekommen ist.

Das Jahr 1786 brachte Chodowiecki, dessen Ansehen in der Berliner Kunstwelt in stetemWachsen blieb, trotz mancher hämischen Kritik, an der es auch nicht fehlte, neue Pflichten und Arbeiten. Der Minister von Heinitz, der als Kurator der königlichen Akademie der Künste sich große Verdienste um dieses lange vernachlässigte Institut erwarb, suchte eine durchgreifende Reorganisation der akademischen Zustände herbeizuführen. Zwar blieb Bernhard Rode Direktor der Anstalt, aber die Zahl der Rektoren wurde vermehrt, und Daniel Chodowiecki als erster unter diesen zum Sekretär der Akademie ernannt. Gleichzeitig wurden jährlich akademische Kunstausstellungen eingerichtet, die das Interesse an künstlerischen Dingen im Publikum beleben und wachhalten sollten. Auch eine Monatsschrift und öffentliche Sitzungen der Akademie wurden eingeführt. Chodowiecki lag besonders die Vorbereitung der Ausstellungen ob, deren erste am 18. Mai des Jahres 1786 in den Räumen des Akademiegebäudes eröffnet wurde; ihm war auch die Abfassung des Ausstellungskatalogs übertragen worden.

Abb. 111.Friedrich Wilhelm II. im Kreise seiner Familie.(E.832.)

Abb. 111.Friedrich Wilhelm II. im Kreise seiner Familie.(E.832.)

Abb. 112.Der Schauspieler de Vollange.(E.884.)

Abb. 112.Der Schauspieler de Vollange.(E.884.)

Abb. 113.Der Schauspieler de Vollange.(E.884a.)

Abb. 113.Der Schauspieler de Vollange.(E.884a.)

Abb. 114.Der Schauspieler de Vollange.(E.884b.)

Abb. 114.Der Schauspieler de Vollange.(E.884b.)

Abb. 115.Illustration zu Langbeins Schwank: Der Bieresel.Dresden. 1792. (E.682.)

Abb. 115.Illustration zu Langbeins Schwank: Der Bieresel.Dresden. 1792. (E.682.)

Abb. 116.Kleidermoden.1798. (E.886.)

Abb. 116.Kleidermoden.1798. (E.886.)

Damit war neues frisch pulsierendes Leben in die Kunstzustände der preußischen Hauptstadt gekommen, und als 1790 Friedrich Wilhelm II. das Protektorat der Akademie übernahm und neue Mittel zur Verfügungstellte, die es ermöglichten, den Lehrplan zu erweitern, wurde Chodowiecki, der sich mit gewohntem Eifer in den Dienst der guten Sache gestellt hatte, die Genugthuung zu teil, zum Vicedirektor ernannt zu werden. Obwohl er damit mannigfache zeitraubende Pflichten übernommen, ließ der Meister die Radiernadel nicht ruhen, und die zahllosen Illustrationen aus der zweiten Hälfte der achtzigerJahre lassen kein Erschlaffen des mittlerweile gealterten Künstlers in Auffassung und Technik bemerken. Mit Recht durfte er den Preis für die Platte, auf der er die zwölf Kupfer zu Ifflands Jägern geätzt hatte (E.559) von 200 auf 300 Thaler erhöhen, denn die völlige Gleichartigkeit der Begabung des Dichters und Illustrators ließ hier ein einheitliches Meisterwerk entstehen, das den Vergleich mit keiner der Arbeiten aus jüngeren Jahren zu scheuen braucht. Auch die Abbildungen zu dem französischen Roman Karoline von Lichtfield, die den Gothaischen Hofkalender des Jahres 1788 schmückten (E.569), zählen zu den technisch subtilsten und pikantesten Radierungen unseres Meisters. Leichtigkeit der Nadelführung und diskreten Ziergeschmack bewundern wir ebenfalls in der Einfassung des Blanketts, das bestimmt war, das Ernennungsdekret neuer Akademiemitglieder aufzunehmen (E.563). Die kleine Titelvignette zu dem humoristischen Roman von Hermes „Zween literarische Märtyrer“ (Abb. 84,E.610, 3) zeugt von der Sorgfalt und Liebe, die Chodowiecki auch solchen Kleinigkeiten zuwandte, die ein anderer vielleicht als schlechtbezahlte Nebenarbeit oberflächlich abgethan hätte.Man kann vielmehr beobachten, daß in solchen Vignetten, die, unter der Inschrift des Titelblatts angebracht, den ganzen künstlerischen Schmuck eines Bandes bildeten, sich die Intimität seines Schaffens mehr konzentriert, als in den Serien von Kupfern, die er für Kalender und umfangreichere Werke stach. So würde man ungern das kleine, zierlich umrahmte Rundblatt: Lenorens Todesritt nach Bürgers bekannter Ballade (Abb. 95,E.612) gegen die Folgen von historischen Anekdoten eintauschen, die Chodowiecki Ende der achtziger und im Verlauf der neunziger Jahre lebhaft beschäftigten, wie die Blätter zur Geschichte des holländischen Krieges (E.602), die Anekdoten von Peter dem Großen (E.613), die Darstellungen aus der neueren Geschichte (E.614, 686, 689), die Illustrationen zur brandenburgischen Geschichte (Abb. 96,97,99,E.687) und die Kupfer zur mittleren und neueren Geschichte (E.688). Es ist bezeichnend, daß gerade bei diesen historischen Folgen (Abb. 100–103,E.687) Chodowiecki zum erstenmal auf den Gedanken kam, auf dem Plattenrand mit der kalten Nadel sogenannte Randeinfälleanzubringen: kleine Figuren, Gruppen, Karikaturen, Köpfe, Landschaften, Tiere u. s. w., die nach den ersten Abzügen von der Platte wieder ausgeschliffen wurden. Seine von dem vorgeschriebenen Gegenstand nicht sonderlich angeregte Phantasie scheint sich Luft zu machen in diesen willkürlichen Kritzeleien, die festhielten, was ihm gerade durch den Kopf schoß. Freilich waren seine Gründe später, als er einsah, daß Liebhaber für diese Abdrücke „mit den Randeinfällen“ höhere Preise zahlten, wohl nicht immer ganz frei von kaufmännischer Überlegung; aber selten nur finden wir Randeinfälle auf Platten, deren Darstellung ihn ganz in Anspruch nahm. Dazu gehörten zweifellos die genannten Schilderungen historischer Ereignisse nicht. Selbst die vielbewunderten Anekdoten aus dem Leben Friedrich des Großen (E.600) sind in der Erfindung ziemlich armselig, in der Technik auffallend trocken und spröde und müssen hinter anderen Werken seiner Radiernadel zurückstehen.

Abb. 117.Die Kolonie.(E.664.) Illustration zu Ziegenhagens Verhältnislehre. Hamburg. 1792.⇒GRÖSSERES BILD

Abb. 117.Die Kolonie.(E.664.) Illustration zu Ziegenhagens Verhältnislehre. Hamburg. 1792.

⇒GRÖSSERES BILD

Abb. 118.Berlinsche neueste Moden.(E.760.)Illustration zum Kalender. Berlin. 1796.

Abb. 118.Berlinsche neueste Moden.(E.760.)Illustration zum Kalender. Berlin. 1796.

Abb. 119.Die Neujahrswunschverkäuferin.(E.946.)

Abb. 119.Die Neujahrswunschverkäuferin.(E.946.)

Abb. 120.Susette Chodowiecka.Rötelzeichnung im Besitz der FrauDr.Ewald. Berlin.

Abb. 120.Susette Chodowiecka.Rötelzeichnung im Besitz der FrauDr.Ewald. Berlin.

Die großen weltbewegenden Ereignisse, die sich um die Wende des achten und neunten Jahrzehnts in Frankreich vollzogen, die Schrecken der Revolution werden nurschwach reflektiert von der Kunst Chodowieckis: die beiden Kupfer des historisch-genealogischen Almanachs von 1792, in denen er die Gefangennahme Ludwigs XVI. und die Annahme der Konstitution schildert (E.692 und 693) begnügen sich damit, sentimentale Familienscenen aus dem Leben des recht einfältig dreinschauenden Königs zu geben, dessen philiströse Rentiersgestalt in lächerlichem Gegensatz steht zu den hochtönenden Phrasen, die die Textunterschrift ihm in den Mund legt. Auf seine Weise opponiert Chodowiecki gegen die „Freiheit und Gleichheit ohne Hosen“ in einem harmlosen kleinen Blättchen, das eine lustige Berliner Straßenscene zeigt: ein Schornsteinfegerjunge mit Jakobinermütze erlaubt sich, ein Mädchen auf der Straße zu karessieren „und sind die Folgen der ohnbehoseten Freiheit und Gleichheit“ fügt er handschriftlich hinzu (E.723).

Abb. 121.Die Enkel Chodowieckis.Aquarell im Besitz des Fräulein Maria Chodowiecka. Berlin.

Abb. 121.Die Enkel Chodowieckis.Aquarell im Besitz des Fräulein Maria Chodowiecka. Berlin.

Abb. 122.Clérys Kinder.1799. (E.919.)

Abb. 122.Clérys Kinder.1799. (E.919.)

Freilich wäre es unbillig, von dem still dahinlebenden Sechziger, der ganz mit den überkommenen Anschauungen der vorrevolutionären Zeit verwachsen war, eine tiefgehende Wandlung seines Wesens oder auch nur eine energische Stellungnahme zu den Ereignissen der gärenden Zeitgeschichte zu verlangen. Chodowieckis beschaulichem Wesen lagen politische Händel und Parteigezänk ohnehin fern; er selbst hat uns in der kleinen RadierungE.696 das Gehirn eines Malers, wie er es sich vorstellte, geschildert: ein buntes Gewirr von Menschen- und Tierköpfen, über denen sich lustige Putten tummeln; da blickt neben den Charakterköpfen Friedrichs des Großen und Voltaires ein antik stilisierter Jünglingskopf hervor, Bauer, Mönch, Ritter, Prediger, Bauer, Jude, Eremit und Sibylle vertragen sich wohl oder übel mit ihren Nachbarn aus dem Tierreich,Eber, Löwe, Affe, Stier, Ziegenbock, Ente, Hahn und Puter. Es sind die Eindrücke, die die Einbildungskraft des Malers aus dem ihn umgebenden Leben erhalten, nicht aber Sinnbilder eigener Ideen, die Chodowiecki hier als Inhalt des Künstlerhirns hinstellt: ein aufrichtiges Bekenntnis seines Realismus, dem der Ritt ins romantische Land allzu beschwerlich und gefährlich schien. Trotzdem blieben ihm, wie wir sahen, nicht immer die Grenzen seiner Begabung bewußt; so beteiligte er sich 1791 an einem Wettbewerb für das Monument Friedrichs des Großen, den die Königliche Akademie ausgeschrieben hatte, mit einem gezeichneten Entwurf, dessen Verlust und Nichtausführung die Nachwelt kaum zu beklagen Grund haben dürfte. Daß er, wie wir aus gleichzeitigen Berichten wissen, den „Alten Fritz,“ den er in seiner gebrechlichen Leibeshülle so oft geschildert hatte, ohne daß je ein Beschauer darüber die geistige Größe des Heldenkönigs hätte vergessen können, für diesen „monumentalen“ Zweck in ein antikes Idealgewand hüllte, mag noch hingehen, zumal die Auffassuug der Zeit und die Akademie solche Mummerei forderte; daß er aber, um die unter Friedrichs Regiment „eingerissene“ Aufklärung zu versinnlichen, dem Roß eine mit dem Bilde der Sonne verzierte Schabrackegab, kann man nicht ohne mitleidiges Lächeln vernehmen.

Abb. 123.Soldatenschlägerei.1794. (E.750.) Nach einer Zeichnung des Professor Erman.

Abb. 123.Soldatenschlägerei.1794. (E.750.) Nach einer Zeichnung des Professor Erman.

Wie fest stand unser Meister dagegen auf dem gesunden Boden seiner natürlichen Begabung, wenn er Gellert, Gleim, Hagedorn, Lichtwer und Pfeffel illustrierte (Abb. 105,106,E.680 und 711), wenn er die lustigen Schwänke Langbeins mit zierlichen Vignetten (Abb. 115,E.682) schmückte, oder mit dem poetisierenden Amtsassessor Wiesiger aus Treuenbriezen verbunden, der Menschheit den Weg zur „liebenswürdigen Sittlichkeit und schuldlosen Freude“ wies (Abb. 107,E.697). Wie anheimelnd weiß er auch jetzt noch, wo es um ihn zu Hause einsam geworden war, die stillen Freuden des häuslichen Glücks zu schildern (Abb. 108,110,E.669, 670, 788, 851, 852), wie scharf Heuchelei von Aufrichtigkeit der Empfindungen zu trennen (Abb. 104,109,E.713)! Alles in seiner Umgebung interessierte ihn noch wie früher. Wenn Friedrich Wilhelm II. an der Spitze der Truppen zur Parade auszog, war er mit seinem Zeichenstift zur Stelle (E.648); auch daheim im Kreise der zahlreichen Familie zeichnete er den König (Abb. 111,E.832).

Ein französischer Schauspieler Mr. de Vollange, der gleichzeitig als Guitarrenspieler sich hervorthat, muß wohl damals eine besondere Beliebtheit in Berlin genossen haben. Sehr hübsch glossieren die drei Zustände einer Platte, auf der Chodowiecki den Vielbewunderten darstellte (Abb. 112–114,E.884), die Persönlichkeit und ihren Eindruck. Der erste Zustand der Platte zeigt Vollange allein in ländlicher Einsamkeit, einen elegischen Gesang mit Guitarrenakkorden begleitend; im zweiten Zustand fügte der Künstler drei am Waldessaum lauschende ätherische Schwärmerinnen hinzu, die sicherlich den Schauspieler vergöttern, während auf dem dritten sich als neuer Zuhörer ein nüchterner Kritikus dazufindet, dessen etwas breitspurige, durchaus nicht respektvolle Haltung auf wenig Sympathie mit dem angebeteten Künstler schließen läßt.


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