Daniel Chodowiecki.

Abb. 4.Studien.1771.E.80.Daniel Chodowiecki.

Abb. 4.Studien.1771.E.80.

Abb. 4.Studien.1771.E.80.

I

n meines Vaters Arbeitszimmer, dessen Wände zahlreiche Kupferstiche und Schabkunstblätter zierten, und das mir früh schon traulicher wurde als die Kinderspielstube, hing über einem Klapptisch, den altväterischer Hausrat, fridericianische Tabaksdosen, Zinnteller und Meerschaumpfeifen bedeckten, in schlichtem Mahagonirahmen eine Radierung, die sich meiner kindlichen Einbildungskraft besonders tief einprägte — wohl, weil sie gleich einem Spiegel das Behagen, das uns hier so oft umfing, verdoppelte: um einen runden Tisch drängen sich fünf Kinder; das älteste Mädchen beugt sich über einen großen schweinsledernen Band mit Kupferstichen, ihr gegenüber zeichnet ein etwa zehnjähriger Knabe eifrig, ohne sich von dem kleinen neugierig zudrängenden Brüderchen stören zu lassen, während die ältere Schwester für die Sorgfalt, mit der sie sich des Jüngsten annimmt, von der herantretenden Mutter mit dankbar liebevollem Blick belohnt wird. Diese zärtliche Gruppe hebt sich von dem halbdunklen Hintergrund des mit Kunstwerken überreich geschmückten Zimmers ab, in dessen einer Ecke am hohen, hellen Fenster der Familienvater vor einem kleinen Zeichentischchen sitzt und, den Pinsel in der Hand, scharf über die Brille weg zu den Seinen hinüberblickt. Das Blatt trug die Inschrift: „Cabinet d’un peintre“, doch da das Interesse für Bilder früher in mir wach war, als das Verständnis des Französischen, bat ich meinen Vater um eine Erklärung. Mit wachsender Teilnahme hörte ich, daß der Mann in der Ecke sich selbst und die Seinigen dargestellt habe just in dem Moment, wie er sie malte, daß er aus unserer Vaterstadt Danzig stamme und ein berühmter Kupferstecher gewesen sei.

Solche Jugendeindrücke bestimmen oft unser Urteil für alle Zeit. Die Empfindung oder Wahrnehmung, die uns an Erlebnisse, Zustände und Gefühle der Jugendzeit erinnert, gewinnt schon dadurch an Stärke und meist auch an Wohligkeit. So hat der Anblick des geschilderten Blattes vonDaniel Chodowieckistets in mir das Gefühl jener Traulichkeit ausgelöst, die wir so gern im Alter der sorglosen Kinderzeit andichten. Aber dies ist doch wohl nicht nur dem Zufall zuzuschreiben, der mich als Kind mit einer der liebenswürdigsten Schöpfungen meines Landsmannes bekannt machte, sondern auch der Kraft, die dessen Kunst schon auf ein Kindergemüt wirken ließ, jener Macht, über die nur einechtes Kindergemütselbst verfügt. Wenn man Chodowiecki ein Kind seiner Zeit nennt, darf man den Ton ebensowohl auf Kind wie auf Zeit legen. Und damit ist des Künstlers Wesen in seinem Kern gefaßt, wie es auch aus den Zügen seines Antlitzes spricht, die der van Dyck desachtzehnten Jahrhunderts, Anton Graff, und andere Maler uns überliefert haben (Abb. 1), damit der Faden gefunden, auf den sich die zierlichen Perlen seiner liebenswürdigen Kunst aufreihen lassen.

***

Abb. 5.Christus auf dem Weg nach Gethsemane.Email. Im Besitz des Geheimen Rat Professor du Bois-Reymond. Berlin.

Abb. 5.Christus auf dem Weg nach Gethsemane.Email. Im Besitz des Geheimen Rat Professor du Bois-Reymond. Berlin.

Chodowieckis Leben ist bald erzählt. Zwar besitzen wir, wie von so vielen Männern seiner schreibseligen und memoirenlustigen Zeit, auch von ihm eine große Menge von Aufzeichnungen, Tagebüchern und Briefen, die Antwort geben auf Fragen, wie sie auch die zudringlichste Neugier zu stellen nicht wagen möchte, aber sie enthüllen uns doch nur Weniges, was wir über den Künstler nicht auch aus der Betrachtung seiner Werke erfahren könnten. Flossen doch seine Tage meist ruhig dahin, Erlebnisse oder Ereignisse, die sein Inneres heftig bewegt und erschüttert und vor allem für die Richtung seiner künstlerischen Laufbahn entscheidende Bedeutung gehabt hätten, sind äußerst selten in seinem Leben.

Abb. 6.Christus am Ölberg.Email. Besitzer s.Abb. 5.

Abb. 6.Christus am Ölberg.Email. Besitzer s.Abb. 5.

Abb. 7.Christi Gefangennahme.Email. Besitzer s.Abb. 5.

Abb. 7.Christi Gefangennahme.Email. Besitzer s.Abb. 5.

Abb. 8.Petrus verleugnet Christum.Email. Besitzer s.Abb. 5.

Abb. 8.Petrus verleugnet Christum.Email. Besitzer s.Abb. 5.

Abb. 9.Bonbonnière mit Emailmalereien.Im Besitz von FrauDr.Ewald. Berlin.⇒GRÖSSERES BILD

Abb. 9.Bonbonnière mit Emailmalereien.Im Besitz von FrauDr.Ewald. Berlin.

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Die alte Hansestadt Danzig galt zu der Zeit, als Daniel Chodowiecki in ihr das Licht der Welt erblickte, zwar noch als Freistaat, aber in dem schwedisch-polnischen Kriege, welcher der Stadt große Opfer auferlegt und die Umgebung arg verwüstet hatte, war sie mehr und mehr in Abhängigkeit von Polen geraten. Zahlreiche polnische Familien lebten hier; auch die Chodowieckis stammten aus Polen, wenngleich sie schon seit zwei Generationen vor Daniels Geburt in Danzig ansässig waren. Dessen Vater betrieb einen einträglichen Kornhandel und war der aus einer französischen Refugiéfamilie stammenden Marie Henriette Ayrer vermählt. In der Heiligengeistgasse, einer der wenigen Straßen der Stadt, die auch heute noch ihr altehrwürdiges Äußere bewahrt haben, wurde am 16. Oktober 1726 in einem stattlichen zweistöckigen Giebelhauseunser Künstler geboren. Doch lassen wir ihn selbst von seiner Jugend erzählen; in einer Selbstbiographie, die er im Jahre 1780 verfaßte, berichtet Chodowiecki: „Mein Vater, ein Kaufmann, malte zu seinem Vergnügen in Miniatur und gab mir die erste Anleitung in dieser Kunst; da er mich aber eigentlich zur Handlung erzog und schon 1740 starb, hatte ich im Zeichnen und Malen noch sehr wenig gelernt. Meiner Mutter Schwester, Mamsell Ayrer, die besser malte als mein Vater, gab mir nach seinem Tode noch einigen Unterricht; aber bald darauf wurde ich in eine Spezereihandlung in die Lehre gegeben, wo ich wegen Verfall der Handlung nur anderthalb Jahre blieb, und Anno 1743 nach Berlin zu meiner Mutter Bruder in eine andere Handlung gesandt.“ Thatsächlich begann Chodowieckis eigentliche künstlerische Ausbildung erst hier in Berlin, aber die Eindrücke, die er in seiner frühesten Jugend in der malerischen Vaterstadt, im Elternhause empfangen, sind für seine Neigung zur Kunst wohl mitbestimmend gewesen. Wissen doch die Reisenden des achtzehnten Jahrhunderts die Lage und Schönheit Danzigs nicht genug zu rühmen. So schreibt Hermes 1771 in seinem vielgelesenen Briefroman: „Sophiens Reise von Memel nach Sachsen“: „Diese Stadt ist unvergleichlich. Die Aussicht auf den Bergen, und in den Gärten; die Gegend von Oliva; der Wohlstand der Bauern im Werder und anderen zur Stadt gehörigen Dörfern; der Blick auf die See; das Große der segelnden Schiffe; das Gewühl unzähliger Fremder aus allen Nationen, Kaufleute, Schiffer, Arbeiter — mir ist das alles, als hätte ich es noch nie gesehen; so sehr scheint es dieser Stadt eigentümlich zu sein.“ Chodowiecki selbst verrät in den Zeichnungen, die er bei seiner späteren Reise in die Heimat in jenem köstlichen Skizzenbuche von 1773 angefertigt hat, wie er den malerischen Reiz der schmalen Gassenmit ihren hohen Giebelhäusern, ihren „Beischlägen“ mit schattenspendenden Linden und Ulmen davor und ihren in trauliches Zwielicht getauchten Hausfluren mit den lauschigen Winkeln zwischen den großen eichenen Schränken und Vertäfelungen zu würdigen verstand. Mit besonderer Liebe aber wendet er sich auch in diesen Skizzen immer wieder dem Haus der Eltern zu. Hier hatte schon der achtjährige Knabe mit ungeübter Hand ein Miniaturporträt des unglücklichen Polenkönigs Stanislaus Lesczinski entworfen, für dessen Unterstützung Danzig gerade in jenen Tagen mit einer schweren Belagerungdurch die Russen büßen mußte; hier hatte er — wohl nach den Kupfern einer Zeichenschule — die Elemente der Kunst mit heißem Bemühen, aber kaum mit nennenswertem Erfolg sich zu eigen zu machen versucht. Eine Federzeichnung aus der Lehrzeit in der Spezereihandlung hat sich im Besitz von Nachkommen der Familie erhalten: sie stellt den Laden der Witwe Bröllmann mit seinen Käufern und Verkäufern dar. Es ist bezeichnend für die Richtung seiner Begabung, daß Chodowiecki entgegen dem ganz konventionellen Elementarunterricht, den er genossen, sich gleich an einem Gegenstand versuchte, der ihm durch tägliche Beobachtung nahe gerückt war: das ihn umgebende Leben mit dem Zeichenstifte festzuhalten, in allen Einzelheiten treu und gewissenhaft wiederzugeben, das sollte die Aufgabe werden, der er sein ganzes Künstlerleben widmete. Daß dieses Leben ein ganz anderes Aussehen erhielt, als der siebzehnjährige Handlungsgehilfe 1743 nach der preußischen Hauptstadt übersiedelte, wo seine Kunst erst triebkräftige Wurzeln zu schlagen begann, versteht sich von selbst. Aber zunächst war es ihm noch nicht beschieden, die Anregungen, die sich in dieser neuen, bunten Welt dem Auge und Sinn boten, seinen künstlerischen Absichten dienstbar zu machen: er blieb bei seinem Ohm Ayrer zunächst an das Buchhalterpult gefesselt. „Bey müßigen Stunden freilich,“ so erzählt er selbst, „malte ich Miniaturbilderchen,in Tobacksdosen zu setzen, die er (Ayrer) an die hiesigen Kaufleute verkaufte. (Ayrer besaß ein so genanntes Quincailleriegeschäft.) Er ließ mich auch die Behandlung der Emaillemalerei lernen und eine große Menge emaillirter Dosen malen; aber all dieses war nicht im Stande, mich zu einem Künstler zu bilden, weil ich gar keine Anweisung weder im Zeichnen noch im Komponiren bekam, auch mit keinem Künstler Bekanntschaft hatte. Ich fühlte wohl, daß alles, was ich machte, sehr unrichtig in der Zeichnung und unvollkommen im Kolorit war; an Zusammensetzung wurde gar nicht gedacht, sondern alles nach Kupferstichen kopirt. Mein Vetter (richtiger Oheim) war ein Kaufmann; ihm war es mehr um Gewinn zu thun als um meinen Fortgang in der Kunst; malerische Kenntnis besaß er gar nicht; er glaubte, alles, was ich machte, wären Meisterstücke, und ich glaubte es beynahe auch. Endlich sah ich bei dem Manne (ein Augsburger, Nahmens Haid), der mir die Emaillemalerey lehrte, akademische und andere Zeichnungen, hörte von ihm, wie ein Künstler studiren müßte; denn er besaß mehr Theorie als Practik. Dieses fachte bey mir ein verborgenes Feuer an; ich fing an einzusehen, daß ich noch gar nichts konnte. Zur Handlung hatte ich alle Lust verlohren; was sollte aus mir werden? Andere Künstler kannte ich nicht, hatte bisher auch nicht gewußt, daß, um von ihnen zu profitiren, ich sie aufsuchen müßte. Die Malerakademie war A. 1742 abgebrannt,und die an die Stelle derselben gekommene Zeichenschule mit sehr schlechten Lehrern besetzt, so daß, wenn ich mich an sie gewandt hätte, ich doch nicht viel gelernt haben würde.“

Abb. 10.Emailporträt Friedrichs d. Gr.Im Besitz von FrauDr.Ewald. Berlin.

Abb. 10.Emailporträt Friedrichs d. Gr.Im Besitz von FrauDr.Ewald. Berlin.

Abb. 11.Miniaturporträt.Im Besitz von Frl. Chodowiecka. Berlin.

Abb. 11.Miniaturporträt.Im Besitz von Frl. Chodowiecka. Berlin.

Abb. 12.Miniaturporträt.Im Besitz von Frl. Chodowiecka. Berlin.

Abb. 12.Miniaturporträt.Im Besitz von Frl. Chodowiecka. Berlin.

Abb. 13.Miniaturporträt Friedrichs d. Gr. auf Elfenbein.Im Besitz von Fräulein Lucy du Bois-Reymond. Berlin.

Abb. 13.Miniaturporträt Friedrichs d. Gr. auf Elfenbein.Im Besitz von Fräulein Lucy du Bois-Reymond. Berlin.

Abb. 14.Miniaturporträt.Im Besitz von Frau Cäcilie Rosenberger. Kösen.

Abb. 14.Miniaturporträt.Im Besitz von Frau Cäcilie Rosenberger. Kösen.

Abb. 15.Bleistiftstudie.Im Besitz von FrauDr.Ewald. Berlin.

Abb. 15.Bleistiftstudie.Im Besitz von FrauDr.Ewald. Berlin.

Aus diesen Aufzeichnungen des Meisters klingt noch deutlich die Rat- und Hilflosigkeit heraus, die den jungen Anfänger in den neuen, fremden Verhältnissen überkam. Sein Brotherr Ayrer, der gleichzeitig auch Daniels Bruder Gottfried in seine Dienste genommen hatte, verlangte, daß er seine künstlerische Begabung für das Geschäft nutzbar machte und kleine Miniaturbilderchen auf Elfenbein oder Pergament sowie Emailmalereien in möglichst schneller Zeit anfertigte, wie sie dem Geschmack und besonders auch dem Geldbeutel des kauflustigen Publikums zusagten. Der Berliner war in dieser Hinsicht wenig verwöhnt und zu großen Ausgaben nicht geneigt. Die Emailmalerei war erst im Anfange des Jahrhunderts von dem in London und Paris dafür ausgebildeten F. C. Théremin in der preußischen Hauptstadt eingeführt worden, und die wenigen Künstler, die sich diesem halb kunstgewerblichen Beruf widmeten, wie die Brüder Huant und Samuel Blesendorf, hatten nicht vermocht, die künstlerischen Ansprüche der Käufer zu steigern. Doch die französische Mode verlangte nun einmal, daß man diese zierlichen Miniaturporträts, die etwa die Rolle unserer Photographien spielten, als Berloques oder Schmuck der Tabatieren trug, und es bemächtigte sich dieses in Frankreich zu großer Virtuosität ausgebildeten Kunstzweiges in Berlin bald die Industrie, die auch damals schon das harte Motto: billig und schlecht verdiente.

Sicher beglaubigte Arbeiten unseres Meisters aus dieser frühesten Zeit sind uns nicht erhalten bis auf eine getuschte Federzeichnung im Großherzoglichen Museum zu Weimar, die augenscheinlich auf einer Meßreise in Krakau entstanden ist und einen polnischen Volksgottesdienst darstellt. Sie trägt die Inschrift: „Ein polnisches Jubeljahr und Bus-Predigt, in Cracau gezeichnet 1750.D. Chodowiecky del(ineavit) Cracovia“ und ist, wie seine erste Danziger Zeichnung, Beweis dafür, daß der junge Geschäftsmann stets geneigt war, Vorgänge in seiner Umgebung, die irgendwie die Aufmerksamkeit zu fesseln vermochten, künstlerisch festzuhalten. Auch eine Folge von zweiundvierzig mit Feder und Tusche gezeichneten Illustrationen zu der Geschichte des Blaise Gaulard aus dem Jahre 1752 (im Besitze der Großherzogin Sophie von Sachsen) hat nur insofern Wert, als sie uns den ersten Versuch Chodwieckis auf dem Gebiete zeigt, dem er seinen Nachruhm vor allem verdankt: der Illustration.

Abb. 16.Bleistiftstudie.Im Besitz von FrauDr.Ewald. Berlin.

Abb. 16.Bleistiftstudie.Im Besitz von FrauDr.Ewald. Berlin.

Daß die kleinen, zum Verkauf in Ayrers Geschäft bestimmten Email- und Miniaturmalereiengroßenteils verschollen sind, ist leicht begreiflich, da derartige Erzeugnisse der Kleinkunst meist schneller Vergessenheit anheimfallen, aus der sie, zumal wenn sie den Namen ihres nachmals berühmt gewordenen Verfertigers nicht tragen, kaum je wieder auftauchen. Nach dem, was sich aus späterer Zeit an verbürgten Arbeiten der Art von unserem Meister erhalten hat, wie den sechs Emails mit Passionsscenen nach Stichen Sebastien Leclercs (im Besitz des Geheimen Rats Professor du Bois-Reymond-Berlin); ausgestellt in der historischen Abteilung der Berliner Kunstausstellung von 1896 (Abb. 5bis8), der kleinen Emailbonbonnière mit Puttenspielen (im Besitz der FrauDr.Ewald-Berlin: ausgestellt ebenda,Abb. 9), einem Emailbildnis Friedrichs des Großen aus gleichem Besitz (Abb. 10) und anderem zu urteilen, dürfen wir den Verlust älterer Emailmalereien nicht allzu sehr beklagen. Auch diese werden meist unselbständige Kopien nach französischen Vorbildern gewesen sein, wenig erfreulich in der Wahl der Farben, wie die genannten Passionsscenen, hinter den Pariser Arbeiten der Zeit technisch zurückstehend und kaum geeignet, der Charakteristik Chodowieckis einen wesentlich neuen Zug hinzuzufügen.

Abb. 17.Aktstudie in Rötel.Im Besitz von FrauDr.Ewald. Berlin.

Abb. 17.Aktstudie in Rötel.Im Besitz von FrauDr.Ewald. Berlin.

Abb. 18.Aktstudie in Rötel.Im Besitz von FrauDr.Ewald. Berlin.

Abb. 18.Aktstudie in Rötel.Im Besitz von FrauDr.Ewald. Berlin.

Abb. 19.Aktstudie in Rötel.Im Besitz von FrauDr.Ewald. Berlin.

Abb. 19.Aktstudie in Rötel.Im Besitz von FrauDr.Ewald. Berlin.

Abb. 20.Bleistiftstudie zu dem ÖlbildAbb. 21.

Abb. 20.Bleistiftstudie zu dem ÖlbildAbb. 21.

Abb. 21.Gesellschaft am Fenster.Ölbild im Besitz der FrauDr.Ewald. Berlin.⇒GRÖSSERES BILD

Abb. 21.Gesellschaft am Fenster.Ölbild im Besitz der FrauDr.Ewald. Berlin.

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Jedenfalls war diese kunstgewerbliche Thätigkeit einträglich, denn schon im Jahre 1755, nachdem er aus dem Geschäft seines Oheims ausgetreten war, ging Chodowiecki daran, sich eine eigne Häuslichkeit zu gründen, indem er sich mit Jeanne Barez, der Tochter eines Goldstickers aus der französischen Kolonie Berlins, verlobte und bald auch (am 18. Juli desselben Jahres) verheiratete. Das junge Paar bezog ein Haus in der Brüderstraße (jetzige Nr. 7), wo auch Daniels Bruder Gottfried mit seiner Gattin sein Heim aufschlug. Erst 1777 übersiedelte er nach dem Hause in der Behrenstraße 31, das, mittlerweile umgebaut, heute eine Gedenktafel zu Ehren seines einstigen Bewohners trägt. Es galt jetzt für die Familie zu sorgen, die sich schnell vermehrte, und mit redlichem Fleiß widmete sich der Künstler nach wie vor der Miniaturporträtmalerei, die er sich, nachdem seine Arbeiten einmal den Beifall weiterer Kreise gefunden hatten, gut bezahlen ließ (Abb. 11–14). Sein Streben war aber auf höhere Ziele gerichtet; mit rührender Ausdauer studierte er die damals in Blüte stehende kunsttheoretische Litteratur, die ihm freilich kaum mehr als pedantische Schulmeisterregeln eines verzopften Eklekticismus bot, und übte sich unablässig im Skizzieren nach der Natur. Es entstanden einige jener reizenden Bleistiftzeichnungen, die uns wie künstlerische Tagebuchblätter aus dem Familienleben des achtzehnten Jahrhunderts anmuten, frisch und unmittelbar aufgefaßt und oft seinen ausgeführten Arbeiten an Wirkungüberlegen (Abb. 15,16). „Ich zeichnete nebenher,“ so berichtet er in seiner ungedruckten Selbstbiographie, aus der zum erstenmal Oettingen interessante Auszüge mitgeteilt hat,[2]„war ich in Gesellschaft, so setzte ich mich so, daß ich die Gesellschaft oder eine Gruppe aus derselben oder auch nur eine einzige Figur übersehen konnte, und zeichnete so geschwind, oder auch mit so vielem Fleiß, als es die Zeit oder die Stätigkeit der Personen erlaubte. Bat niemals um Erlaubnis, sondern suchte es so verstohlen wie möglich zu machen; denn, wenn ein Frauenzimmer (und auch zuweilen Mannspersonen) weiß, daß man’szeichnen will, so will es sich angenehm stellen und verdirbt alles, die Stellung wird gezwungen. Ich ließ es mich nicht verdrießen, wenn man mir auch, wenn ich halb fertig war, davonlief; es war doch so viel gewonnen. Was habe ich dabei zuweilen für herrliche Gruppen mit Licht und Schatten,mit allen den Vorzügen, die die Natur, wenn sie sich selbst überlassen ist, vor allen den so gerühmten Idealen hat, in mein Taschenbuch eingetragen! Auch des Abends bei Licht habe ich das oft gethan; kein besseres Studium, um große Partien, Licht und Schatten hervorzubringen. Ich habe stehend, gehend, reitend gezeichnet;— — ich habe nach Gemälden wenig, nach Gips etwas, viel mehr nach der Natur gezeichnet. Bei ihr fand ich die meiste Befriedigung, den meisten Nutzen: sie ist meine einzige Lehrerin, meine einzige Führerin, meine Wohlthäterin.“ Daneben zeichnete Chodowiecki eifrig bei Bernhard Rode, dem bekannten Berliner Schnell- und Vielmaler, Akt (Abb. 17–19), um auch für die Malerei großen Stils sich vorzubilden.

[2]W. von Oettingen, Daniel Chodowiecki. Berlin 1895,p.63.

[2]W. von Oettingen, Daniel Chodowiecki. Berlin 1895,p.63.

[2]W. von Oettingen, Daniel Chodowiecki. Berlin 1895,p.63.

Abb. 22.Gesellschaft beim Kartenspiel.Ölbild im Besitz der FrauDr.Ewald. Berlin.⇒GRÖSSERES BILD

Abb. 22.Gesellschaft beim Kartenspiel.Ölbild im Besitz der FrauDr.Ewald. Berlin.

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Abb. 23.Die Wochenstube.Ölbild im Besitz von Herrn Wilhelm Chodowiecki. Berlin.⇒GRÖSSERES BILD

Abb. 23.Die Wochenstube.Ölbild im Besitz von Herrn Wilhelm Chodowiecki. Berlin.

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Seine ersten Versuche in der Ölmalerei fallen in das Jahr 1757. Trotz des fieberhaften Eifers, den er dieser Beschäftigung widmete, mußte er nur zu bald einsehen, daß seine Begabung ihn nach einer anderen Richtung wies. Das älteste uns erhaltene Ölbildchen seiner Hand — es war 1896 in der historischen Abteilung der Berliner internationalen Ausstellung unverbürgt als Travestie der biblischen Scene: Jakob bei Laban ankommend ausgestellt (Nr. 3395 des Katalogs) — ist zwar sehr charakteristischin Zeichnung und Ausdruck der Köpfe, aber in der Farbe durchaus unerfreulich und verfehlt, ja geradezu unmalerisch. Es stellt novellistisch zugespitzt die Werbung eines plumpen alten Freiers um ein junges Mädchen dar, das ihre Gunst bereits einem jüngeren Liebhaber geschenkt zu haben scheint.

Abb. 24.Familienscene bei Kerzenlicht.Ölbild im Besitz des Herrn Direktor Wichern. Altona.⇒GRÖSSERES BILD

Abb. 24.Familienscene bei Kerzenlicht.Ölbild im Besitz des Herrn Direktor Wichern. Altona.

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Ein Idyll aus der Patriarchenzeit, die dem Geschmack des Jahrhunderts, seiner Sehnsucht nach gefühlvoller Einfalt, Familienglück und Redlichkeit besonders zusagte, „Elieser und Rebekka“ — ebenfalls in den fünfziger Jahren entstanden — ist seither verschollen. Es wird kaum den späteren Ölbildern, von denen weiter unten die Rede sein soll, überlegen gewesen sein. Am bestengelangen Chodowiecki auch in dieser Technik die bürgerlichen Familienscenen, wie jene in silbrigem Gesamtton gehaltenen Genrebildchen bei FrauDr.Ewald in Berlin, die uns eine Gesellschaft am Fenster und eine Lhombrepartie (datiert 1757, ausgestellt in Berlin 1896, Nr. 3389 und 3390 des Katalogs,Abb. 21u.22), vorführen, oder die kleinbürgerliche Wochenstube im Besitz eines Urenkels des Künstlers (Abb. 23) und das trauliche Interieur bei Kerzenlicht (Abb. 24). Hier sind die stillen Freuden des Privatlebens mit anheimelnder Intimität und überzeugender Wahrheit geschildert. Chodowiecki offenbart sich in ihnen als der unübertroffene Meister der „peinture familière et domestique.“

Abb. 25.Die Kinderstube.1764. (E.24.)

Abb. 25.Die Kinderstube.1764. (E.24.)

Im Jahre 1757 entstand auch die erste Radierung seiner Hand, „le Passe dixoder der Würfler“ genannt (E.1). Ein verkommener, buckliger Knopfstempelmacher der französischen Kolonie, Nikolaus Fonvielle, der sich in den Wirtshäusern der Stadt herumtrieb und — eine maskierte Bettelei — mit den Gästen, denen er als Pickelhering Spaß machte, um Bier würfelte, hat Chodowiecki dazu Modell gestanden. Die neue Technik, in der unser Meister später so große Triumphe feiern sollte, machte ihm anfangs viele Schwierigkeiten; Chodowiecki bezeichnete die Arbeit selbst als einen „mutwilligen Versuch“ und betrieb zunächst die Radierung überhaupt nur als gelegentliche Nebenbeschäftigung: Studienköpfe und Genrefiguren (Abb. 25,26,E.24 u. 35), die er mehr zu seinem Vergnügen auf die Platte brachte, überwiegen in den ersten Jahren seiner Radiererthätigkeit. So sehenwir die Demoiselles Quantin, Bekannte seiner Familie, wie sie eines Morgens im Negligée dem Maler die freudige Nachricht einer von den Preußen gewonnenen Schlacht überbringen (Abb. 27,E.10), Bauern- und Betteljungen und anderes derart im Geschmack Jean-Siméon Chardins, mit dem unser Meister überhaupt mehr Berührungspunkte, als mit irgend einem anderen französischen Vorgänger hat, entstehen.

Abb. 26.Drei Damen am Fenster.1764. (E.35.)

Abb. 26.Drei Damen am Fenster.1764. (E.35.)

Als die ersten russischen Gefangenen 1758, von preußischem Militär eskortiert, durch Berlin zogen, erregte der Anblick der zerlumpten Gestalten nicht nur sein Mitgefühl, sondern auch seinen Darstellungstrieb. Mit seiner Gattin eilte er auf den Schloßplatz und verteilte Almosen und Liebesgaben an die halbverhungerten Krieger, die ihm zugleich als Modelle für eine Radierung dienten (E.12). Ebenso fesselte das malerisch aufgeputzte Gefolge des türkischen Gesandten Achmet Effendi, der 1764 nach Berlin kam, lebhaft sein Interesse (E.25, 43, 44).

Abb. 27.Die Demoiselles Quantin.1758. (E.10.)

Abb. 27.Die Demoiselles Quantin.1758. (E.10.)

Abb. 28.Allegorie auf die Vermählung der Prinzessin Friederike Sophie Wilhelmine von Preußen mit dem Prinzen Wilhelm V. von Oranien.1767. (E.46.)⇒GRÖSSERES BILD

Abb. 28.Allegorie auf die Vermählung der Prinzessin Friederike Sophie Wilhelmine von Preußen mit dem Prinzen Wilhelm V. von Oranien.1767. (E.46.)

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Abb. 29.Der Abschied des Calas von seiner Familie.Ölbild in der Gemäldegalerie der königl. Museen zu Berlin. 1767.⇒GRÖSSERES BILD

Abb. 29.Der Abschied des Calas von seiner Familie.Ölbild in der Gemäldegalerie der königl. Museen zu Berlin. 1767.

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Abb. 30.Der Abschied des Calas von seiner Familie.1767. (E.48.)⇒GRÖSSERES BILD

Abb. 30.Der Abschied des Calas von seiner Familie.1767. (E.48.)

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Abb. 31.Jeannette Chodowiecka, die älteste Tochter des Künstlers.1763.Ölbild im Besitz des Fräulein Maria Chodowiecka. Berlin.

Abb. 31.Jeannette Chodowiecka, die älteste Tochter des Künstlers.1763.Ölbild im Besitz des Fräulein Maria Chodowiecka. Berlin.

Abb. 32.Illustration zu S. Geßners Idyllen im Berliner Genealogischen Kalender1773. (E.69.)

Abb. 32.Illustration zu S. Geßners Idyllen im Berliner Genealogischen Kalender1773. (E.69.)

Abb. 33.Illustration zu Basedows Agathokrator.Leipzig 1771. (E.71.)

Abb. 33.Illustration zu Basedows Agathokrator.Leipzig 1771. (E.71.)

Den glücklichen Sieger von Roßbach stellte Chodowiecki an der Spitze der Gardekürassiere in einem größeren 1758 datierten Blatte dar (E.9), das jedenfalls schon für den Verkauf bestimmt war. Auch Aufträge zu Titelkupfern begannen allmählich bei ihm einzulaufen. So mußte er für die vom französischen Konsistorium herausgegebene Übersetzung des Psalters einen Titel stechen (E.19), der freilich die Schwäche seiner Erfindung auf religiösem Gebiet unzweideutig offenbart. Die größere allegorische Darstellung „Der Friede bringt den König wieder“, eine recht matte Verherrlichung des Friedensjubels nach dem Abschluß des siebenjährigen Krieges, trug dem Künstler 1763 sogar eine Audienz bei dem Großen König ein, die aber wenig seinen darauf gesetzten Hoffnungen entsprach. Im Jahre darauf wurde er als Miniaturmaler in die Königliche Akademie der Künste aufgenommen, der er nachmals als Direktor vorstehen sollte. Das Glück begann dem rastlos Vorwärtsstrebenden zu lächeln. Schon ein Porträt der Prinzessin Friederike Sophie Wilhelmine von Preußen, der nachmaligen Gattin Wilhelms V. von Oranien, 1767 in größerem Format zierlich nach einem Ölbilde radiert und mit einer gefälligen Umrahmung versehen (E.45), hatte lebhafte Aufmerksamkeit der kunstfreundlichen Kreise Berlins und Amsterdams erregt, nicht minder die nach unserem Geschmack etwas frostige Allegorie auf die Vermählung derselben Fürstin (Abb. 28,E.46), und vollends entschied der im selben Jahre gemalte (Abb. 29) und dannradierte Abschied des Calas von seiner Familie, der sogenannte „große Calas“ (Abb. 30,E.48) den Ruf Chodowieckis als Radierer. Dieses Blatt dankte seinen großen Erfolg wohl mit seinem Gegenstande, der die Gemüter damals lebhaft beschäftigte. Jean Calas von Toulouse war 1762 als Opfer katholischer Unduldsamkeit auf dem Folterrade gestorben, obwohl er der Anklage gegenüber, seinen zum Katholicismus übergetretenen Sohn ermordet zu haben, stets seine Unschuld beteuert hatte. Voltaire hatte den Prozeß zum Anlaß einer leidenschaftlichen Schrift genommen, in der er die Intoleranz der katholischen Geistlichkeit in grellstem Lichte darstellte, und thatsächlich ergab eine Revision der Verhandlungen die Unschuld des Hingerichteten. Die Erbitterung gegen die Ankläger war in ganz Europa und besonders auch in der französischen Kolonie Berlins ebenso lebhaft, wie das Mitgefühl mit dem Opfer dieses Justizmordes undseiner Familie. Ein Kupferstich von Delafosse nach Carmontelles Zeichnung „la malheureuse famille de Calas“, der 1765 erschienen war, hatte Chodowiecki zu einer Ölkopie angeregt, die erst vor kurzem im Besitz des Großherzogs von Hessen aus ihrer Verschollenheit wiederauftauchte (Schloß Fischbach in Schlesien), und dieser ließ er 1767 als Gegenstück seine Radierung „les adieux de Calas“ folgen. Der Gefangene ist im Kerker mit seiner zwischen Trost und Jammer schwankenden Familie dargestellt, wie er von den Seinen gerührten Abschied nimmt. Der Kerkermeister löst ihm die Fußschellen; an der Thüre, durch die zwei Mönche hereintreten, steht die Wache, die den Verurteilten zum Richtplatze geleiten soll. Das Ganze ist im Geschmack dercomédielarmoyanteund in der Formensprache Greuzes gehalten, auch technisch keine sonderlich imponierende Leistung. Chodowiecki hatte, wie er selbst erzählt, alle gedruckten Urkunden des Prozesses durchstöbert und sich mit sichtlicher Liebe in den Gegenstand vertieft. Dieser verschaffte dem Blatte, wie gesagt, wohl hauptsächlich seine große Popularität. Das klingt auch durch Lavaters begeisterte Anerkennung durch, der in seinen „physiognomischen Fragmenten“ das Blatt als „eines der herrlichsten, natürlichsten, kräftigsten Stücke“ feierte, die er je gesehen. „Welche alles beherrschende Wahrheit!“ so ruft er aus: „Welche Natürlichkeit! welche Zusammensetzung! welche Festigkeit ohne Schärfe! Welche Zartheit ohne Kleinmeisterei! welche Bedeutung im Ganzen und in einzelnen Teilen! Welcher Kontrast in den Charaktern und welche Einheit und Harmonie im Ganzen! und immer und immer Wahrheit — und immer Natur, und solche Wahrheit, solche Natur, daß man sich nicht einen Augenblick kann einfallen lassen, daß der Auftritt, daß die Zusammensetzung, irgend eine einzige Person oder der geringste Umstand erdichtet sey — nichts übertrieben! alles Poesie, und nicht ein Schein von Poesie — Ihr vergeßt das Bild, und seht, und seht nicht! Ihr seid da im Gefängnis der leidenden Unschuld!“ Erscheinen uns solche hohlen Tiraden heute auch stark überschwenglich, so sind sie doch ungemein bezeichnend für die Zeit und die Begeisterung, mit der man vor Chodowieckis Bild Thränen „wehmütiger Wollust“ vergoß. Der Künstler selbst hat in einer leise satirisch gefärbten Zeichnung, dieJohann Heinrich Lips stach, die Wirkung dieses Bildes auf die vier Temperamente geschildert. Da sehen wir den Sanguiniker zornig die Faust gegen die Mörder ballen, den Melancholiker seine Thränen der Rührung trocknen, den Choleriker brütend auf die Gruppe starren, während der fettgemästete Phlegmatiker auf einem Lehnstuhl sitzend, blöde und gleichmütig vor sich hinstiert. Der künstlerisch gebildete Blick eines französischen Diplomaten, der die Radierung irrtümlich für eine Nachbildung von fremder Hand nach dem Originalgemälde Chodowieckis hielt, war schärfer; er sagte zum Künstler: „Vous avez été bien mal gravé!“ „Sie können sich vorstellen,“ fügt Chodowiecki freimütig der Erzählung dieser Anekdote hinzu, „daß ich nicht sagte: ‚Je l’ai gravé moi-même.‘“ Gleichviel, das Blatt machte seinen Schöpfer bekannt, und die Anträge der Leipziger und Berliner Verleger zur Übernahme von Illustrationskupfern mehrten sich bald nach dem Erscheinen des Calas in überraschender Weise. Insbesondere wurdeauch der PhilanthropJohann Bernhard Basedowauf den talentvollen Radierer aufmerksam. Im Anschluß an Rousseaus Bestrebungen zur Reform der Jugenderziehung hatte dieser Schriftsteller ein „Elementarbuch der menschlichen Erkenntnisse“ vorbereitet, das von der Wichtigkeit des Anschauungsunterrichts ausgehend, die Grundlagen einer neuen Pädagogik entwickeln sollte. Für solche Aufgabe war der scharfblickende Kinderfreund Chodowiecki ein besonders willkommener und bereiter Helfer. Gleich nach den ersten Verhandlungen über das Unternehmen machte er sich 1769 an die Arbeit, die Illustrationen für das auf vier Bände berechnete „Elementarwerk“ zu zeichnen und zum Teil auch selbst aufs Kupfer zu bringen. Im Verlauf von fünf Jahren hatte er mit einem Stab von Stechern und Radierern die Arbeit so weitgefördert, daß das Werk erscheinen konnte. Der Erfolg war über Erwarten groß; das Buch wurde in verschiedene Sprachen, sogar ins Russische übersetzt und überallhin verbreitet, wo man für die philanthropischen Pläne Rousseaus und Basedows eingenommen war. Und das war damals fast ganz Europa. Nicht wenig trugen zu dieser schnellen Verbreitung Chodowieckis Kupfer bei. Er, der so liebevoll sich in die innersten Regungen der Kinderseele vertieft hatte, der den Wert traulichen Familienlebens aus eigener Erfahrung kannte, war entschieden am ehesten befähigt und berufen,Basedows Anschauungen künstlerisch zu propagieren. Gerade in jenen Jahren hatte er in dem „Cabinet d’un peintre“ (Abb. 3) die Freuden im Schoß der Familie in so rührender Schlichtheit geschildert und schon früher in dem Bildnis seiner kleinen Tochter Jeanette, einer der liebenswürdigsten und glücklichsten Arbeiten seines Pinsels (Abb. 31), den Beweis geliefert, wie die Lust an der Wiedergabe kindlichen Lebens alle seine Fähigkeiten zu steigern vermochte.

Abb. 34.Das Blindekuhspiel.Ölbild in der Gemäldegalerie der königl. Museen zu Berlin.⇒GRÖSSERES BILD

Abb. 34.Das Blindekuhspiel.Ölbild in der Gemäldegalerie der königl. Museen zu Berlin.

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Abb. 35.Gesellschaft im Tiergarten zu Berlin.Ölbild im städtischen Museum zu Leipzig.⇒GRÖSSERES BILD

Abb. 35.Gesellschaft im Tiergarten zu Berlin.Ölbild im städtischen Museum zu Leipzig.

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Abb. 36.Titelkupfer zu Sulzers Theorie der schönen Künste.Leipzig 1771. (E.76.)⇒GRÖSSERES BILD

Abb. 36.Titelkupfer zu Sulzers Theorie der schönen Künste.Leipzig 1771. (E.76.)

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Abb. 37.Bei den Zelten im Tiergarten zu Berlin.Ölbild im Besitz der Familie Rosenberger.⇒GRÖSSERES BILD

Abb. 37.Bei den Zelten im Tiergarten zu Berlin.Ölbild im Besitz der Familie Rosenberger.

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Abb. 38.Chodowiecki wird vom Kaufmann Gerdes zu seiner kranken Frau geführt.Zeichnung aus dem Tagebuch der Danziger Reise. 1773.⇒GRÖSSERES BILD

Abb. 38.Chodowiecki wird vom Kaufmann Gerdes zu seiner kranken Frau geführt.Zeichnung aus dem Tagebuch der Danziger Reise. 1773.

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Abb. 39.Chodowiecki malt die Gräfin Czapska.Zeichnung aus dem Tagebuch der Danziger Reise. 1773.⇒GRÖSSERES BILD

Abb. 39.Chodowiecki malt die Gräfin Czapska.Zeichnung aus dem Tagebuch der Danziger Reise. 1773.

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Abb. 40.Die Zelte im Tiergarten zu Berlin.1772. (E.83.)⇒GRÖSSERES BILD

Abb. 40.Die Zelte im Tiergarten zu Berlin.1772. (E.83.)

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Die Abbildungen des Elementarwerks sollten die Jugend mit allem bekannt machen, was im Leben ihre Fragelust wecken würde. So führt uns Chodowiecki zuerst im bürgerlichen Hause umher, läßt uns einen Blick in seine verschiedenen Räume thun, dann hinaus in die Natur, auf den Markt, in die Werkstätten der Handwerker, die Amtsstuben der Behörden u. s. w., überall mit den Augen eines Kindes umherspähend und in lehrhafter Weise Bestimmung und Wesen des Erspähten erläuternd. Uns Nachgeborenen ist das Kupferwerk aber mehr alsein einfaches Bilderbuch für die Jugend, mehr als ein Denkmal der pädagogischen Bestrebungen der Aufklärungsepoche, wir schätzen in ihm ein Nachschlagewerk zur deutschen Kulturgeschichte des vorigen Jahrhunderts, das fast überall, auch über die kleinen und scheinbar unbedeutenden Einzelheiten des damaligen Lebens, wahrheitsgetreue, belehrende Auskunft gibt. Künstlerisch ist die Ausführung der Kupfer,die zum großen Teil von Gehilfen Chodowieckis besorgt wurde, recht ungleich, auch der Zeichnung merkt man hier und da an, daß der Meister nicht ganz bei der Sache war, aber, wo er seine gelegentlichen, aus Freude an den Motiven entstandenen Skizzen benutzt, kommt die ganze Frische seiner Naturauffassung hervor. Auch für ein zweites pädagogisches Werk, den Agathokrator, der sich mit der Erziehung der Fürstenkinder beschäftigte, nahm Basedow Chodowieckis Hilfe in Anspruch, freilich in weit geringerem Umfang, als bei dem Elementarwerk. Eines der Blätter desAgathokrator zeigt uns den in neuen Projekten unermüdlichen Philanthropen selbst, wie er in Gegenwart der fürstlichen Familie in Dessau den jugendlichen Prinzen die Wirkungen der Luftpumpe demonstriert (Abb. 33,E.71), ein zweites die „Educationshandlung“, ein Kaufhaus, das nach Basedows Plänen als Bezugsquelle aller für den Anschauungsunterricht notwendigen Modelle, Instrumente und Maschinen dienen sollte (E.72).

Abb. 41.Abendgesellschaft bei dem Kaufmann Gerdes.Zeichnung aus dem Tagebuch der Danziger Reise. 1773.

Abb. 41.Abendgesellschaft bei dem Kaufmann Gerdes.Zeichnung aus dem Tagebuch der Danziger Reise. 1773.

Abb. 42.Chodowiecki malt seine Mutter.Zeichnung aus dem Tagebuch der Danziger Reise. 1773.

Abb. 42.Chodowiecki malt seine Mutter.Zeichnung aus dem Tagebuch der Danziger Reise. 1773.

Abb. 43.Chodowiecki malt den Grafen Poboski.Zeichnung aus dem Tagebuch der Danziger Reise. 1773.

Abb. 43.Chodowiecki malt den Grafen Poboski.Zeichnung aus dem Tagebuch der Danziger Reise. 1773.


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