Acht und zwanzigster Brief.

Acht und zwanzigster Brief.

Den 9. December.

Ich bin jetzo etwas mehr beschäftigt, als sonst; und wenn ich also jetzt etwas kürzere Briefe schreibe, so ist es doch gewiß wenigstens mit dem Wunsche, Ihnen längere schreiben zu können.

Der Freundschaft, so wie der Tugend ist die nächtliche Stille heilig. Ich ergötzte mich schon sonst an der Vorstellung, daß sich alsdann vielleicht oft unsre Gedanken und Betrachtungen begegnen, und unsre Wünsche vereinigt zum Himmel steigen; und jetzt sehe ich, daß ich Ursache dazu hatte. Ja, liebe Freundin, die Tugend, diese himmlische Göttin, breitet ihren Glanz auf alles aus, was sie umgiebt; sie erleuchtet die Freundschaft, und sie erwärmt sie auch; sie verwandelt die Liebe, die ein blos körperliches Bedürfniß ist, in dieedelste und erhabenste Leidenschaft, deren eine menschliche Seele fähig ist, und verlängert sie, die sonst mit dem Genusse zugleich unterging, bis an die letzten Gränzen unsrer Existenz. Durch sie wird die mütterliche Zärtlichkeit das Glück des menschlichen Geschlechts, und der Grund, worauf die Wohlfahrt und die Tugend seiner Glieder erbaut wird; sie endlich macht alle unsre Vergnügungen heilig, und unsre Ergötzungen zu so viel guten Werken.

Sie haben ohne Zweifel jetzo Romeo und Julie gelesen oder gesehen. Wenn ich es eher bedacht hätte, so hätte ich meine ganze Philosophie ersparen können. Dieses Stück ist der vortrefflichste Kommentar über die Liebe. Alle Ausdrücke scheinen von dem Hauche dieser Leidenschaft beseelt; und das heftigste Feuer brennt durch und durch, und greift selbst die unempfindlichsten Herzen an. — Aber sagen Sie mir, wenn Sie es gelesen haben, warum ist die Rührung im dritten Akte angenehmer, als die heftige Erschütterung im fünften? Ist es nicht, daß dort Pflicht mit Liebe, Tugend mit Leidenschaft streitet? Die vortrefflichste Seeleist zwischen der kindlichen und ehelichen Zärtlichkeit getheilt. Man sieht sie kämpfen, und wenn endlich die Liebe alle übrigen Empfindungen verschlingt, so ist sie uns doch schon auf einer so vortrefflichen Seite bekannt, daß wir ihr ihren Entschluß zum Heldenmuth anrechnen. Im fünften Akte wirkt blos die Situation, wenig der Charakter. Die Begebenheit auch bey jeden andern Personen würde eben so traurig seyn. Die beyden Verliebten zeigen nun nichts mehr als Liebe, mit keiner andern Empfindung, mit keiner Tugend mehr vermischt. So wie Fluthen des Meeres, wenn sie sich über ein Land ergießen, die Mannigfaltigkeiten der Natur auf ein Mal verdecken, und statt tausend verschiedner, ergötzender Gegenstände nur ihre eigne traurige, allenthalben gleiche und einförmige Fläche dem Auge darbieten: so löscht in diesen Augenblicken die Liebe jeden andern Begriff, jedes Gefühl in der Seele aus. Der Begriff von Tugend, den wir in die Liebe dieser Personen geheftet hatten, und der uns diese Liebe noch weit schöner macht, verschwindet vollends, da sie sich zu Ausschweifungen bringen lassen, die der Tugend so durchausentgegen sind. Die ganze Scene ist theatralisch vortrefflich. Der Selbstmord mag nun entweder durch die heftigen Triebfedern, die in dem außerordentlich Schrecklichen der Begebenheit dazu enthalten sind, bey uns entschuldigt werden; oder er mag, wie Moses glaubt, gar nothwendig seyn, um uns von der Größe der Leidenschaft, auf der doch unsre ganze Rührung beruht, zu überzeugen. Ob ich gleich das letztre nicht recht glaube. Vergebens wäre der Selbstmord, um uns zu rühren, wenn wir nicht schon zuvor für die Person eingenommen, und von der Leidenschaft, die sie einnimmt, ergriffen wären. Aber im Leben wenigstens würde uns ein solches Schauspiel mehr Schaudern als Vergnügen erwecken. Lieber wünschte ich, Julien wie Heloisen in einem Kloster zu sehen. Oft würde ich dieses alsdann besuchen, um durch die dunkeln und einsamen Wohnungen die durchdringenden aber doch süßen Klagen der Schwermuth, der Liebe und der Sehnsucht zu hören. Gottseligkeit sollte mit der Liebe kämpfen; und Julie würde eine Heilige werden. —

Einen Theil der Wirkungen der Liebe sehen Sie also in dem Stücke meines Freundes zugleich mit ihren Symptomen. Freylich nur die schrecklichsten und die traurigsten. Aber mich dünkt, sie sind doch sehr geschickt, uns auf die erfreulichen zu führen. Wie schmerzlich sollte es mir seyn, wenn hier meine Grundsätze von Ihren Empfindungen abwichen. Aber doch muß ich sie sagen; die Freymüthigkeit, die in dem Gefolge der Freundschaft ist, und ein gewisser Eifer, den ich in mir selbst fühle, Ihnen auch alle meine Vorurtheile, so lange ich sie noch für wahr halte, ohne Verstellung mitzutheilen, fordert es von mir.

Sie sehen, ich habe schon meine Meinung gesagt. Es giebt, wie ich glaube, überhaupt bey jeder unsrer Neigungen eine doppelte Seite. Die eine will blos genießen, sie sucht den Gegenstand nur auf, hält ihn fest und ergötzt sich an ihm. Die andre bereitet sich den Genuß erst vor, indem sie den Gegenstand verschönert, vollkommener, besser, und wenn er dessen fähig ist, glücklicher macht. Diese schiebt den Genuß auf, um ihn zu erhöhen. DieLeidenschaft hat eigentlich in dem ersten Theile unsrer Neigung ihren Sitz. Hier gehört weniger Thätigkeit, nur Empfindung dazu; man empfängt blos, fühlt und genießt. Die Vernunft stört hier mit ihren Reflexionen die Heftigkeit der Begierde nicht; sie wird sogar, wenn die Empfindung heftig wird, eine Zeit lang völlig unthätig, — alle Spannkräfte der Seele erschlaffen, sie sinkt in eine bezaubernde, aber deswegen vielleicht oft gefährliche Schwärmerey. — So war die Liebe der Julie in Romeo größtentheils. Wenn sie von dem andern Theile abgesondert ist, so geschieht das, dessen ich oben gedachte. Der Grund der Seele, der sonst mit einer Reihe von mannigfaltigen schönen und lieblichen Bildern bemahlt war, wird nun mit einer einzigen einförmigen Farbe überzogen; die Einbildungskraft kennt nunmehr keine andern Bilder, als die zu diesem Gegenstande gehören; und der Verstand selbst entzieht sich einer jeden andern Reflexion, als der, welche die Hitze ernähren oder vermehren kann. Hiervon, wenn sich ein trauriges Geschick mit einer solchen Leidenschaft verbindet, erwarte ich alle schrecklichen Folgen, die vomAnfange der Welt her so oft die Begleiter der Liebe gewesen sind. Ein solches Feuer verzehrt den Menschen, den es nur erwärmen sollte. — Zum guten Glück sind auch dazu nur große Seelen fähig. Aber ist es nicht traurig, daß eben diese am leichtesten durch eine Leidenschaft überwältigt werden, die jede andre Kraft, jede Fähigkeit ihrer Seele vernichtet; alle ihre angebornen und erworbenen Vollkommenheiten verschlingt, oder doch für nichts als für sie arbeiten läßt; der Tugend selbst nur die Gestalt der Liebe läßt, und dieselbe zu Boden tritt, sobald sie sich ihr entgegen setzt.

Gesetzt aber, daß das glücklichste Ende eine Liebe, die blos von dieser Art ist, bekrönte. Geben Sie der Julie einen Romeo, der alle Entzückungen der Liebe mit ihr theilt; versöhnen Sie ihre beyden Familien mit einander, lassen Sie sie mit dem Beyfalle des Himmels und ihrer Eltern Eheleute werden. Nehmen Sie der Zeit und dem beständigen Umgange die Gewalt, die sie sonst über die meisten Herzen haben, die Heftigkeit der Neigung zu mäßigen, und Feuer in Wärme zu verwandeln,lassen Sie sie in unaufhörlichen Ergießungen ihrer ersten Liebe ihr Leben zubringen. — Glücklich können sie vielleicht dabey seyn, — aber nützliche brauchbare Leute gewiß nicht; sie sind alsdann für die Welt verloren. Und wenn sie das erhabenste Genie und den größten Heldenmuth hätten, so würden sie mit allen beyden nichts weiter ausrichten, als die Flamme, die bey andern Menschen aus Mangel der Nahrung auslöscht, unterhalten; sie würden immer empfinden und genießen, — aber niemals thun.

Doch nun wollen wir diese unvollständige Neigung ergänzen, wollen den andern weniger eigennützigen Theil hinzusetzen. Wir sehen alsdann in unserm Gemahle oder Freunde nicht mehr blos ein Gut, das wir genießen sollen; sondern auch ein Eigenthum, das wir verbessern, erweitern und vortrefflicher machen wollen. Er ist alsdann nicht mehr ein bloßer Gegenstand unsers Gefühls, sondern auch unsrer Bemühungen. Dieser Theil der Neigung muß nothwendig ruhiger und gelassener seyn, und bey nicht sorgfältigen Beobachternzuweilen den Schein der Kälte annehmen; zuerst, weil nach der Natur der Seele jede Neigung, die unmittelbar mit dem Genusse verknüpft ist, stärker seyn muß, als die, welche erst durch eine Kette von vielen Gliedern mit dem Genusse zusammen hängt; zum andern, weil wir alsdann von dem Gegenstande selbst mit unsern Gedanken und unsern Betrachtungen eine Zeit lang abgehen, und sie auf unsre Bemühungen, auf die Mittel, die wir zu unserm Zwecke wählen wollen, und auf die Art und Weise, wie wir sie am geschicktesten anwenden, richten müssen. Diese Neigung ist thätig, bringt alle Kräfte der Seele in Bewegung, spannt alle ihre Triebfedern, erweckt alle ihre Begriffe, und erhöht unsre natürliche Stärke bey jeder Handlung, durch den neuen Endzweck, den wir bey derselben außer dem Unmittelbaren der Handlung hinzusetzen. So kann der geschäftigste Mann, aus Liebe zu seiner Gattin, alle die Arbeiten thun, die ihr seinen Umgang entziehen. Weit von seiner Geliebten, kann der Jüngling sich unter einen Haufen gezückter Schwerdter stürzen, oder den brausenden Wellen trotzen, indem dasBild seiner Geliebten wie eine unsichtbare Göttin um ihn schwebt, seinen Arm stärker, und seinen Muth unerschrockner macht. — Dann lassen Sie auf Mühseligkeit und Arbeiten, selbst auf die Entbehrung, der man sich aus Liebe unterzogen, eine Stunde des Genusses folgen. — Dann lächelt der Himmel selbst über ihre Freuden! u. s. w.


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