Achtzehnter Brief.

Achtzehnter Brief.

Den 23. September.

Ich werde heute einen langen Brief schreiben, das sehe ich voraus. Ich habe wenig Zeit dazu, ich werde ihn also geschwind und schlecht schreiben. Sie werden ihn also nicht lesen können, und ich werde ihn umsonst geschrieben haben. Aber das schadet nichts. Für die Mühe, die es mich kostet, einen Brief an Sie zu schreiben, bin ich schon belohnt, wenn er geschrieben ist. Meine Seele, die sich jeden Tag mit Ihnen, — und mit Niemanden lieber beschäftigt, — heftet sich doch niemals so ganz, so lange, so ununterbrochen auf meine Freundin, als während dem ich an sie schreibe. Allen fremden Gedanken, jedem unwillkommenen Besuche ist in dieser Zeit der Zutritt versagt — und ich bin so völlig mit meiner ganzen Seele bey Ihnen, als ich es war, wenn ich des Abends an Ihrem Fenster (wenn derMond und die Nachtigall Ihres Nachbars die ruhige Heiterkeit und die harmonischen, aber simpeln Bewegungen unsrer Seele abbildeten) der Freundschaft genoß, — und einen Augenblick lang, in dem ich die Sorge für die Zukunft und selbst den Wunsch nach derselben vergaß, sagen konnte:Nun bin ich glücklich!

Wenn es Ihnen ganz gleichgültig wäre, daß ich nicht nach Leipzig komme, — so wüßte ich nicht, was mir schwerer seyn würde, als der Winter hier in Breßlau. Die Freundschaft ist, wie ich sehe, auch grausam. Sie will das Recht, den Freund vergnügt und glücklich zu machen, so ganz allein, so ausschließungsweise haben, daß er beynahe darüber murrt, wenn er es ohne sie seyn könnte. Ich habe es immer den Dichtern übel genommen, wenn sie ihre Verliebten so eigennützig machen, daß sie ihre Geliebte mit weniger Schmerz sterben, als in den Armen eines Andern leben und glücklich seyn sehen. — Aber ich merke nun schon, daß unsre edelsten Neigungen immer so eigennützig seyn müssen.Die Liebe ist eine Leidenschaft. Die Freundschaft ist nur eine Gesinnung. Ihre Wirkungen sind nur in den Graden unterschieden, — in ihrer Natur eben dieselben. — Wenn es einen Menschen gäbe, der Ihnen meine Stelle so vollkommen ersetzte (verzeihen Sie mir einen Stolz, den Sie mich gelehrt haben), daß Sie, ohne Wunsch nach meiner Zurückkunft, mich an jedem Orte der Welt gleich gern sähen: diesem Menschen würde ich nicht gut seyn können. — Ich vermehre nun in meinen Gedanken diese Empfindung bis zu der Stärke, die der Leidenschaft der Liebe proportionirt ist, und ich sehe es ein, daß der Dichter das menschliche Herz besser versteht, als der Philosoph; — und daß, so göttlich Plato auch seyn mag, Shakspeare doch mehr von der Liebe weiß, als er. Sie haben doch wohl Romeo und Juillet gesehn? Nun wohl! Glauben Sie nicht, daß Juillet ihren Romeo lieber vernichtet, als untreu sehen würde? — Aber davon genug, und vielleicht schon zu viel, wenn ich es mit dem vergleiche, was ich noch zu sagen habe.

Tralles, unser guter Tralles, ist mit seiner Frau und seinem Kinde am Sonnabend fort. — Aber er hat keinen Brief an Sie mit. Zuerst, weil es hier sogar gefährlich ist, einem Reisenden andre als offne Briefe, oder solche, die er öffnen kann, mitzugeben. Ein neues Edikt setzt auf diese Vervortheilung der Posten mehr als 100 Rthlr. Strafe. Zum zweyten, weil ich meine Absicht, Sie und den D. Tralles zusammen zu bringen, doch nicht würde erreicht haben. Er hätte Ihnen den Brief zugeschickt, oder seine Frau hätte Ihnen Visite gemacht, — oder Ihr lieber Gatte wäre zu dem D. Tralles gegangen. — Kurz, ich sehe nicht, wie Sie eigentlich mit ihm in Bekanntschaft gekommen wären. Endlich will er nur über Nacht in Leipzig bleiben. Ich glaube, es wird nichts daraus werden, dem ungeachtet wollte er doch, — und nach diesem Entschlusse nahm er hier seine Maßregeln. Nun hat er Verwandte in Leipzig, wie Sie schon wissen. Gellert, dem er von vielen Seiten empfohlen ist, wird ihn aufhalten. — Ludwig ist sein alter Schulfreund und sein Korrespondent. Die Zeit wird also selbst für seine altenBekanntschaften zu kurz seyn. — Und doch wollte ich — ich weiß nicht wie viel dafür geben, wenn Sie ihn sähen, oder Ihr lieber Mann, — oder wenn er Sie sähe. — Er wird im blauen Engel wohnen. — Schon dachte ich, ob Sie ihn vielleicht über eine wirkliche oder erdichtete Krankheit von sich oder Ihrem Kinde zu Rathe ziehen wollten; dieses würde immer für ihn schmeichelhaft, aber doch ein bischen seltsam seyn. Dann dachte ich wieder, ob Ihr Mann nicht den Tag zu Gellerten gehn könnte. — Alles das dachte ich, und doch bin ich noch nicht auf das gekommen, was mir gefällt und genug thut. — Der einzige Trost ist, — er will auf dem Rückwege (denn zurückkommen wird er gewiß) länger in Leipzig verweilen, — und alsdenn bin ich entweder schon bey Ihnen, oder ich schreibe durch Sie an Tralles. —

Von Kaufleuten, die nach Leipzig gingen (Kaufleute meine ich, nicht Krämer), weiß ich keinen, als Herrn ****, und der geht noch dazu mit seiner Frau. Sie sind beyde — eben nicht Freunde — aber Bekannte von uns.Und die Frau ist noch dazu, — oder war wenigstens als Jungfer — eines unsrer schönsten Gesichter. Der Mann ist wohlhabend, und hat den besten Garten um B***. Für die Meisten ist dies Verdienst genug, seine Bekanntschaft sehr angelegentlich zu suchen. Für Sie und mich ist es wenig. Ueberdieß geht er schon morgen ab. Mein Brief also, den ich heute abschicke, kommt eher an, als er, — und was brauche ich erst auf Gelegenheiten zu warten, an Sie zu schreiben, so lange die Posten richtig gehen?

Sie verlangen von mir mein Tagebuch? — Nichts in der Welt wünschte ich mehr, als daß Sie alle meine Handlungen wüßten, meine ganze Aufführung unter jeden Umständen, bey jeglicher Veranlassung sähen, — daß Sie die Aufseherin meines Herzens seyn könnten, und durch Ihren gütigen Beyfall das Wahre und das Gute bestätigten, — und durch Ihren liebreichen Tadel meine Vorurtheile und meine Schwachheiten besiegen hülfen. — Aber wie kann eine kurze, unvollständige, trockne, oft Ihnen vielleicht langweilige Erzählung dieseAbsichten erreichen? — Dem ungeachtet sollen Sie so viel wissen, als ich zu sagen vermag. Keinen treuern Geschichtschreiber sollten Sie je gesehen haben, als ich es von mir selbst seyn wollte. Nur vergeßlicher, mangelhafter....

Ich weiß nun selbst nicht mehr, was ich mir noch alles für Schimpfnamen geben wollte. Man rufte mich ab, — und nun, in den zwey Minuten, die mir noch übrig sind, habe ich was bessers zu thun, als auf mich zu schelten.

Meine Lebensart also zuerst, — wäre noch so ziemlich, wenn ich weniger faul, weniger zu einer anhaltenden Arbeit ungeschickt, weniger unruhig, und wegen meiner künftigen Aussichten ein bischen scharfsichtiger wäre. Ich stehe spät auf, — ob ich mir es gleich am Abende alle Mal vornehme, früh aufzustehn. — Die Theestunde bleibt immer noch die goldne Stunde des Tages. Ich, meine Mutter und meine Muhme, ein jedes durch den Schlaf erfrischt, und durch keine Arbeit noch entkräftet, bringt seine erste noch nicht vernutzteMunterkeit in die Gesellschaft. Während des Thees lese ich vor. Neulich hatten wir den Hausvater und den natürlichen Sohn, — jetzo ist es der Hypochondrist. Der Schriftsteller wird bewundert, — und der Vorleser bekommt auch etwas von dem Dank, oder nimmt sich wenigstens selbst seinen Theil davon, ohne erst daran erinnert zu werden.

Der übrige Morgen wäre nun dazu, etwas zu arbeiten, — wenn ich jetzt oft zum Arbeiten aufgelegt wäre. Wenn ich es bin, so arbeite ich jetzo für Herrn Weisen, in seiner Bibliothek. Essen und Kaffee ist wieder die gesellschaftliche Stunde. Ich spiele auf dem Klaviere, ich liege im Fenster, ich schwatze, ich höre, ich lese vor, eins ums andre, manchmal alles zugleich, zuweilen nichts von allem. Zwey oder drey Stunden sind auf die Art leicht hinweg geschwärmt. Sonntags sind öfter Freunde bey uns, als andre Tage. Den vergangenen machte ich eine neue Bekanntschaft. Der junge Herr v. **** besuchte mich mit seinem Schwager, dem H*** ***. Der erste war von seiner Familie zumKaufmann bestimmt, von seinen Neigungen zum Studiren; und seine Talente sind wenigstens nicht wider diese Neigung. Er hat großes Geld, — schafft sich also eine prächtige Bibliothek, liest viel, hat prächtige Instrumente und Musikalien, spielt gut auf dem Flügel, und macht seine Person, die von Natur nicht sonderlich einnehmend ist, durch seine Mühe und durch seinen Fleiß wenigstens hochachtungswürdig. —

Ordentlicher Weise gehe ich des Abends von fünf Uhr an spatzieren. — Ganz allein; und welche Gesellschaft könnte mir auch angenehmer seyn, als die, die ich mir alsdann aus allen vier Gegenden der Welt zusammen hole? Shakspeare sagt: Die Welt ist nur eine Werkeltagswelt, wo alle Sachen, gar nicht so, wie wir wünschen, und wie wir es einrichten würden, sondern ihren gewöhnlichen alltäglichen Lauf kommen, sie mögen nun dadurch unsern Wünschen in die Queere kommen, oder nicht. — Um also diesem Mangel abzuhelfen, schaffe ich mir alsdann auf meine Hand eine andre, eine Feyertagswelt. In dieser Weltist Ihr Mann kein Advokat mehr, seine Arbeiten unterhalten ihn nur, aber sie nehmen ihn nicht ganz ein, — er lebt für den Staat nützlich, aber doch immer für seine Gattin mehr, als für seine Klienten, — in dieser Welt sind Ihre Stunden alle heiter, alle voll Hoffnung, daß die künftige Stunde die gegenwärtige an Glückseligkeit noch übertreffen werde. In dieser Welt schreibt mein guter Reiz keine Register mehr; endlich in dieser bin ich bey Ihnen, — ich bin Ihr Bruder; meine Mutter ist Ihre Mutter, wir machen alle nur eine Familie aus.

Aber nun muß ich Sie nur schon wieder sicher zu unsrer Welt zurückbringen. — Denken Sie nur, ein ganz neuer Auftritt. Heute früh, eben in dem Augenblicke, da ich Ihren Brief schreiben will, schreibt der Kriegsrath von Klöber, der ehemalige Hofmeister des ersten Sohns vom Minister ****, mir einen französischen Brief. — Der jüngste Sohn des Ministers soll jetzo nach Halle gehn. — Er schlägt mir vor, ich sollte die Stelle als Hofmeister bey ihm annehmen. ZweyhundertThaler Gehalt; ein Engagement auf zwey Jahre; Hoffnung zu Reisen, und die Versicherung befördert zu werden. — Was meinen Sie, daß ich gethan habe? Ich mußte noch denselben Morgen antworten. Die Sache war dringend. Ich schicke Ihnen meine Antwort mit. Leben Sie wohl u. s. w.


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