Neunzehnter Brief.
Den 30. September.
Nach Ihrem Briefe zu urtheilen, hatten Sie meinen Brief noch nicht empfangen oder noch nicht gelesen, als Sie den Ihrigen schrieben. In der That habe ich es mir schon vorgeworfen, daß meine Briefe immer so lang und so übel geschrieben sind. Ich würde es Ihnen für übel halten, wenn Sie sich die Mühe nehmen wollten, sie bis ans Ende zu entziffern. Um es Ihnen also etwas leichter zu machen, und Ihnen doch dabey nicht ganz unbekannt zu werden, werde ich Ihnen von nun an nichts als Geschichte schreiben. Bringt der Himmel uns wieder zusammen, so werden wir Zeit genug haben, Betrachtungen anzustellen. —
Wenn Sie also nun jetzo meinen vorigen Brief gelesen hätten, so wüßten Sie, daß es noch nicht so ganz gewiß ist, ob ich in Breßlau diesen Winter bleibe. Herr v. Klöber, bey demich gestern wieder gewesen bin, schreibt heute noch ein Mal an den Minister; und die Antwort, die wir künftigen Sonntag, erwarten, wird die Sache entscheiden. — Klöber hatte, wie er mir sagte, nicht sowohl zur Absicht, mir selbst diese Hofmeisterstelle vorzuschlagen, als durch mich Jemanden kennen zu lernen, der dazu tüchtig wäre. — Er vermuthete, daß ich schon andre gewissere Aussichten hätte, und daß ich das Reisen zu einer nothwendigen Bedingung machen würde, das doch bey dem Sohne des Ministers noch ungewiß wäre. — Ich sagte ihm, daß der Entschluß zu meiner künftigen Lebensart ziemlich fest, aber der Weg, den ich dazu wählen wollte, noch gar nicht so bestimmt wäre; daß meine größte Sorge sey, der Charakter des jungen Herrn oder seine Denkungsart könne vielleicht nicht genug mit der meinigen übereinstimmen, um die Art von Freundschaft und Vertraulichkeit zu errichten, die zu einer glücklichen Ausführung meines Geschäfts unumgänglich wäre; daß endlich mir der Aufenthalt auf einer Akademie noch weit lieber seyn würde, wenn ich während desselben schon Vorbereitungen und Uebungen auf meinekünftige Lebensart anstellen könnte. Bey allen diesen meinen Antworten müssen Sie daran denken, daß ich es mit dem Minister von *** zu thun hatte, dessen Gewogenheit mir in jeder Verfassung von Gewicht seyn würde. — Ich will Ihnen nicht erst sagen, was mir Klöber antwortete. Er war außerordentlich gütig in der Beurtheilung meiner Fähigkeit zu einem solchen Posten, — er erzählte mir sein eigen Beispiel, — endlich versprach er, noch ein Mal an den Minister zu schreiben, und das, was ich wünschte, ihm vorzutragen. —
Wenn Sie diesen v. Klöber kennten, so würden sie einen rechtschaffenen Mann, einen Mann von Grundsätzen, von Geschmack und von einer großen Belesenheit an ihm finden. Er ist sehr lange gereiset. Er spricht alle drey moderne Sprachen gut. Er kennt die Litteratur von jeder; aber für die Engländer ist er enthusiastisch. Sie sollten ihn von Shakspeare reden hören!
Aber was machen Sie denn, beste beste Freundin? warum lassen Sie mir denn nichts vondiesen Ihren Geschäften, von Ihren häuslichen Unruhen, von Ihren Bekümmernissen, von Ihren Vergnügen wissen? Warum wollen Sie mir denn so ganz fremd werden? — Warum mit mir eine so allgemeine Sprache, die dem Kompliment so ähnlich sieht? Sie sagen mir wohl, daß Sie mir noch gut seyn, — aber bald möchte ich daran zweifeln, da Sie mich so wenig Ihres Vertrauens würdigen. — Wie wohl, ich bin heute ohne dieß unruhig. Vielleicht giebt mein Gesicht den Gegenständen die finstre Farbe, in der sie mir erscheinen. Ich habe endlich eine lange, verdrießliche Arbeit geendigt. Ich schicke heute ein ganzes Packt an Herrn Weisen. Von Gellerten habe ich Briefe, die mich ermahnen, hier zu bleiben. — Haben Sie nichts von Tralles gesehen? — Leben Sie wohl u. s. w.