Drey und zwanzigster Brief.

Drey und zwanzigster Brief.

Den 28. Oktober.

Allemal, wenn ich mich niedersetze, an Sie zu schreiben, ist mein Kopf von Gegenständen, die alle geschrieben seyn wollen, so voll, daß ich über der Wahl endlich den größten Theil davon vergesse, oder mein Brief und die Zeit schon zu Ende ist, wenn ich noch kaum über den ersten Punkt heraus bin. Indem ich alsdann den Brief schließe, und es empfinde, wie wenig ich Ihnen gesagt habe, und wie viel ich Ihnen noch zu sagen hätte; so ärgere ich mich über den elenden Ersatz, den ein kurzer kaum angefangener Brief für den Umgang mit einer solchen Freundin, wie Sie sind, thun soll. Ich thue mit dem Kinde in Weisens Liede den Wunsch:

O wenn ich doch ein Vogel wär,So schnell und federleicht,Der über Berg und Thäler hinIm Augenblicke streicht!Dann flög’ ich über Land und See,Durchreiste jeden Ort,

O wenn ich doch ein Vogel wär,So schnell und federleicht,Der über Berg und Thäler hinIm Augenblicke streicht!Dann flög’ ich über Land und See,Durchreiste jeden Ort,

O wenn ich doch ein Vogel wär,So schnell und federleicht,Der über Berg und Thäler hinIm Augenblicke streicht!Dann flög’ ich über Land und See,Durchreiste jeden Ort,

O wenn ich doch ein Vogel wär,

So schnell und federleicht,

Der über Berg und Thäler hin

Im Augenblicke streicht!

Dann flög’ ich über Land und See,

Durchreiste jeden Ort,

Wär bald — wo denn? Gewiß nirgends, oder doch nirgends öfter, als bey Ihnen. Was für einen kleinen freundschaftlichen Schrecken würde ich Ihnen nicht abjagen, wenn ich, ehe Sie sich es versähen, den gegenüberstehenden Stuhl an Ihrem Fenster einnähme, indem Sie an dem andern sitzen. Ich sehe schon zum Voraus, ich würde kein Wort vorbringen können, ich würde stammeln, und wenn ich meine Stimme wieder hätte, so würden es nur gebrochene Laute seyn, die ich vorbrächte. —

Weg, angenehme Schwärmerey, die geschwind genug meine Einbildungskraft ganz anfüllen, und dann aus meinem Briefe alle wichtigere Gegenstände verdrängen könnte! — Nun habe ich mir in meinem Kopfe gewisse Punkte geordnet, unter welche dieser Brief gebracht werden soll. Aber ich sage sie Ihnen nicht zuvor, bis ich erst sehe, wie viel ich davon zu Stande bringe. Sage ich jetzo nurwenig, so können Sie immer glauben, ich habe nicht mehr schreiben wollen, da Sie sonst hätten denken müssen, ich hätte nicht mehr schreiben können. Also zur Sache:

Zuerst fragen Sie mich in Ihrem vorletzten Briefe, ob ich Ihre Briefe aufhebe? Die Frage würde fast eine kleine Beleidigung seyn, wenn ich nicht, die Wahrheit zu sagen, ähnliche Beleidigungen auf meiner Rechnung hätte. Meine Mutter ist die Depositaria davon, so wie von Ihren Porträts. — Also wollen Sie diese wirklich wieder haben? Ich bin in der That so unverschämt gewesen, sie schon für ein halbes Geschenk anzusehen. Unterdessen, wenn Sie über das Porträt Ihres Gemahls Herr sind, so sind Sie es doch nicht über das Ihrige. Ich werde Ihnen das erste zurück schicken, wenn Sie es so befehlen, aber ich werde dadurch mein Recht auf das andere nur verstärkt glauben. Meine Mutter, die Sie wahrhaftig liebt, würde an dem Schmerz Theil nehmen, den es mich kosten würde, dieses kleine Stück von Ihnen selbst aus den Händen zu geben.Indessen, wenn Sie darauf auch bestünden; so muß ich Ihnen nur sagen, daß die Gelegenheiten, solche Sachen zu schicken, nicht so häufig sind; und ich habe immer in meiner Macht, zu sagen, daß ich keine gehabt habe. Sehen Sie eine andere kleine Beleidigung in Ihrem vorletzten Briefe, die ich ungeahndet gelassen habe.

Aber nun auf Ihren jetzigen zu kommen, der so voll von Freundschaft und gutem Herzen ist, und der mich würde zu Ihrem Freunde gemacht haben, wenn ich es noch nicht wäre; so muß ich nur Ihre zu große Demuth ein bischen schelten. Sage nur deiner Freundin, sagte meine Mutter, indem sie Ihren Brief las: Eine Frau, die eine so edle Freude an einer guten Handlung haben konnte, als die ist, die sie in ihrem Briefe erzählt, kann vieler andern Vorzüge entbehren. Glauben Sie nur, dieses Herz, welches Ihnen der Himmel gegeben hat, ist immer das größte Geschenk, welches er einem Sterblichen machen kann. Ohne dieses Herz ist der Verstand ein bloßes blendendes Lichtohne Wärme, und die Schönheit eine unbedeutende Form. Aber dieses Herz kann der Schönheit und selbst höherer Einsichten entbehren, und doch immer noch nicht bloß liebenswürdig sondern verehrungswerth bleiben. Wenn aber diese glückliche Verbindung zwischen Empfindung und Einsicht, zwischen dem Kopf und dem Herzen vorhanden ist, die ich in meiner Freundin finde und hochschätze, wenn der eine der Diener ist, die gutthätigen Absichten des andern auszuführen: dann kann das Glück immer seine übrigen Güter zurückhalten; die Natur hat ihm schon genug vorgearbeitet, um in jedem Umstande, in jeder Verfassung, selbst unter den Beunruhigungen, die eine Folge dieser Eigenschaften sind, die Person selbst glücklich, und andre zu ihren Verehrern und Freunden zu machen. —

Um Sie nun in Ansehung meiner in Ruhe zu stellen, so muß ich Ihnen sagen, daß, ob ich gleich noch keine Nachricht habe, ich doch die Sache für entschieden halte, und auch recht zufrieden damit bin, daß sie entschieden ist. — Wenn man bey einer Reise in derNacht lange Zeit ohne seinen Weg zu sehen, fortgegangen ist, und nicht gewußt hat, ob man nicht vielleicht in fremden und unwegsamen Wüsten herumirrt; wenn dann auf einmal ein aufgehender heller Stern uns zeigt, daß wir, ohne es zu wissen, noch immer auf dem rechten Wege sind, und von einer unsichtbaren Hand geleitet, unvermerkt dem Ziele unsrer Bestimmung näher kommen: dieser Freude ist diejenige gleich, die man fühlt, wenn man mitten unter dem Zusammenlauf mannichfaliger und uns oft unangenehmer Begebenheiten einen einzigen fortgehenden Plan erblickt, der mitten unter diesen verschlungnen Irrgängen immer fortgesetzt worden ist, und durch alle die Hindernisse, die uns beunruhigten, nicht aufgehalten werden konnte.

Ich kann Ihnen nicht das ganze Räthsel erklären, wie ich zu dieser Betrachtung komme. In der That aber glaube ich Ursache zu haben, zufrieden zu seyn, wenn ich dem Minister mißfallen habe u. s. w.


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