Dritter Brief.

Dritter Brief.

B***, den 3. Juni.

Fleuch, Brief, eile, so geschwind wie meine Gedanken, um es meiner besten Freundin zu sagen, daß ich meine Reise überstanden, daß ich meine Mutter wieder gesehen habe, und daß ich mich doch über beydes nur halb so sehr freue, als wenn sie mit daran Theil nähme.

O meine gefühlvolle Freundin, was wäre das für eine Scene für Sie gewesen, da ich meine Mutter wieder sah. Denken Sie nur. Sie wußte nicht ein Wort davon, daß ich Sonntags kommen würde. Der Himmel hatte sogar zu meinem Glück den Brief unrichtig gehen lassen, worin ich es Ihr von G****dorf aus meldete. Sie war den Tag zuvor mit meinem alten Lehrer (den Sie schon kennen und hochschätzen) dem Hrn. Ringeltauben, vom Lande herein gekommen.Die Wiederkunft in die Stadt hatte den Schmerz über den Verlust der liebenswürdigsten Tochter wieder aufgeweckt. Meine Reise war ihr ein neuer Kummer. Eine Menge von andern unangenehmen Umständen hatte ihr Gemüth für das Vergnügen verschlossen. Sie stand am Fenster in einer bekümmerten und traurigen Stellung. Zu eben der Zeit komme ich an. Ich steige bey einem fremden Hause ab. Ich fliege mit einer gewissen Art von ängstlicher Eile über die Straßen. Ich komme an das Haus meiner Mutter, ohne daß mich ein Mensch gewahr wird, die Treppe hinauf, fort, fort, bis an das Zimmer meiner Mutter. Ich eröffne die Thüre mit Zittern. In diesem Augenblicke sehe ich meine Mutter mit ausgebreiteten Armen auf mich zufliegen. — Mein Sohn, mein allerliebster Sohn, du bist es! — Ihre Thränen ersticken das übrige.

Ich war völlig sprachlos. Ich küßte alle, die in der Stube waren, ohne ihnen ein Wort zu sagen. Ich ging, wie ein Mensch in der Irre, von einem zum andern herum, ohne zu wissen, wer um mich war, und wasin mir selbst vorging. Endlich fingen die Thränen an zu fließen. Mein Herz wurde leichter. Meiner Mutter ihres auch. Ein sanfter und stiller Schmerz über die Abwesenheit einer Person, die ich bey einem solchen Auftritte am liebsten würde gegenwärtig gesehen haben, vermischte sich mit unserer Freude, und brachte eine gewisse stille, aber nicht verdrießliche Schwermuth hervor, die unter allen Zuständen der Seele vielleicht der angenehmste ist, und den sie am längsten aushalten kann.

O meine gütigste Freundin! Ich habe noch nicht alles gewußt, was ich an meiner Cousine verloren habe. Die liebenswürdigste Gestalt, ein richtiger und durchdringender Verstand, ein sicheres und feines Gefühl, Adel und Hoheit in den Empfindungen, Unschuld und Tugend im Herzen; das waren die Vorzüge, die jeder an ihr kannte, und jeder, der für Vollkommenheiten von dieser Art Augen hat, hochschätzte. Aber sie war für mich noch mehr. Sie war die einzige Freundin, der Trost und die Stütze meiner Mutter, das Band unserer Familie, die Hoffnung und dieBelohnung eines Freundes, den ich verehre, und der in ihr sein Glück würde gefunden haben. Denken Sie, was ich dabey fühlen muß, wenn man mir noch die letzten Beweise ihrer Gewogenheit gegen mich erzählt, ihren Wunsch, mich wieder zu sehen, ihre Freude bey der Hoffnung von meiner nahen Zurückkunft. Ist denn alles, was gut und vortrefflich ist, nur bestimmt, zu leiden und zu sterben?

Schon fange ich an, für Sie selbst zu fürchten. Eine so gute, rechtschaffene Frau, eine so zärtliche Freundin, eine so verständige Mutter, ist vielleicht nur ein Darlehn, kein Geschenk, das der Himmel der Erde macht. Werden Sie ja wieder gesund, oder Sie machen mich ganz melancholisch. Ich bin es ohnedieß schon halb; meine Mutter kränklich, von Schmerz und Kummer verzehrt; mein Onkel seiner geliebtesten Tochter beraubt; meine übrigen Freunde theils zerstreut, theils unglücklich: ist das nicht mehr als genug, selbst ein hartes Herz zu beunruhigen? —

Sie sehen, ich habe Ihre Briefe erhalten. Einen durch Hrn. M.., den andern gesternmit der Post. Sie sind die angenehmste unter meinen Ergötzungen gewesen. Was meynen Sie wohl? Herr M.. gab mir ihn erst in Stauchitz. Bis dahin sagte er nicht ein Wort, daß er einen Brief von irgend einem Menschen hätte. Glauben Sie nicht, daß mich diese fehlgeschlagene Hoffnung, einen Brief von Ihnen zu bekommen, den Weg über sehr unruhig machte? Und doch fürchtete ich mich zu fragen, weil ich den Zweifel für besser hielt, als einer unangenehmen Sache gewiß zu seyn. Endlich wagte ich es, ihn ganz leise zu fragen, ob er von Niemand Briefe hätte. Ja, sagte der Mensch ganz gelassen, ich habe einen von ***. Was ist doch der Mann für eine Schlafmütze, dachte ich. Geschwind, geschwind her mit dem Briefe! Aber was ist denn das für eine Dame, die an Sie so zeitig schreibt? — Eine gute Frau, eine recht sehr gute Frau! Aber geben Sie mir den Brief her. Nun denken Sie sich das übrige. —

Den Augenblick kommt man, und sagt, daß die Post abgeht, und ich meine Briefe würde hier behalten müssen. Ums Himmelswillen, mein lieber Post-Sekretär, wenn ich Euch jemals eine solche Freundin, wie ich habe, wünschen soll, so bestellt diesen Brief an die meinige!


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