Ein und zwanzigster Brief.
Den 4. Oktober.
So wenig steht es oft in unsrer Gewalt, unsre Wünsche, oder auch unsre Versprechen zu erfüllen! Dieses kurzsichtige Ding, die Seele, macht immer Entwürfe, ohne die Hindernisse eher zu bemerken, bis sie von ihnen gestört wird; dann springt sie plötzlich auf, sieht um sich herum nach Hülfsmitteln, findet keine, und überläßt sich endlich einem trägen und unthätigen Mißvergnügen. Ungefähr dieß ist die Geschichte des Briefes, den ich an Sie schreiben wollte, und den ich nicht geschrieben habe.
Danken Sie es meiner Bescheidenheit, daß ich Ihnen die Erzählung aller der kleinen Störungen und Geschäfte erspare, die jede für sich nichtswürdig, doch zusammen genommen zum Herrn meiner ganzen Zeit wurden. Ich werdemich nun hüten, Ihnen so bald wieder einen Brief außer den gewöhnlichen zu versprechen. Denn nichts ist verdrießlicher, als eine erregte Erwartung nicht befriedigen. Aber ich werde desto aufmerksamer seyn, die Augenblicke ausfindig zu machen, wo ich, ohne mich vorher angemeldet zu haben, bey meiner Freundin einen unerwarteten Besuch machen kann.
Nun kommt Ihr Brief. — O Sie haben also auf den meinigen gewartet! Jetzt komme ich mir nicht bloß unglücklich, sondern strafbar vor. Ich weiß, wie mir es seyn würde, hätten Sie mir ein ähnliches Versprechen gethan, ohne es zu halten. Lassen Sie mich geschwind von dieser unangenehmen Erinnerung wegeilen. Der Himmel wird schon heiter, der Weg gut und die Luft kalt, um Pferd und Postillion hurtig zu machen, und meinen Brief so geschwind als möglich zu Ihnen zu bringen.
Außerdem muß ich Ihnen sagen, daß ich jetzo nicht bloß ruhiger, sondern auch vergnügter bin, als seit einigen Wochen. Vorgestern erhielt ich einen Brief von Klöber. Die Sachemag wohl ungefähr so seyn, wie ich vermuthete. Unterdessen weiß Klöber so wenig davon, als ich. So viel hat er nur durch die dritte Hand gehört, daß in dem Plane des jungen Herrn Veränderungen gemacht wären, daß er nach Frankfurt an der Oder gehen sollte, wo ihn schon sein Gouverneur erwartete. Dieser Brief bestätigt mein Urtheil über das Herz des Herrn von Klöber, denn in Ansehung seines Verstandes ist es ohnedieß schon ausgemacht. Mich dünkt, dieser Mann ist zu einer wahren Freundschaft gemacht. Er ist mit den Großen umgegangen, ohne ihre Denkungsart anzunehmen, und ehrt die Rechte der Menschlichkeit mehr, als alle die Unterscheidungen, die der Stolz oder die Sklaverey eingeführt haben. Er liebt die Engländer, und sein Charakter nähert sich wirklich dem ihrigen. Ich bin zufrieden, daß ich jetzo einen würdigen Mann mehr kenne, und seine Freundschaft ist für mich eine größere Akquisition, als eines Ministers Gnade. —
— Das ist also die Ursache meiner Zufriedenheit. Aber das ist doch noch nicht Vergnügen. —So wissen Sie denn also, daß der Himmel will, Sie sollen in die meisten meiner Vergnügen einen gewissen stillen aber wirksamen Einfluß haben. Eine gewisse Beziehung auf Sie macht eine Sache angenehm, die mir sonst gleichgültig wäre, und vermehrt den Werth einer andern. —
Vor zwey Tagen tritt Herr von Grischanowsky, ein Russischer Kavalier, der, mit einem Griechischen Popen zum Hofmeister, in Leipzig studirte, in mein Zimmer. Sie müssen ihn ohne Zweifel wenigstens vom Fenster aus gekannt haben. Ich bin zuweilen mit ihm in Gesellschaft gewesen; und da mir Ebert seine Lernbegierde und seinen Fleiß rühmte, und an ihm selbst mir seine natürliche Offenherzigkeit gefiel, so war mir sein Umgang nicht ganz unangenehm, ob gleich zu einem guten Gesellschafter sein Kopf noch zu leer und seine Zunge zu ungebildet ist. — Diesen ruft nun sein Vater, Gouverneur der Russischen Ukräne, zurück. Er reist hier durch, und wird sich acht Tage hier aufhalten. Ein Bekannter also, der vor wenig Tagen erst aus Leipzig kommt, dermit Ihnen auf derselben Straße gewohnt hat, der Sie vielleicht gesehen hat, ohne Sie zu kennen; der außerdem ein Schüler und ein Freund meines guten Eberts ist; ein solcher Mensch, wenn er nur halb so gut wäre, wie der Herr von Grischanowsky, muß mir ohne Zweifel sehr willkommen seyn. Er brachte mir außerdem noch einen Brief von Ebert, worin dieser mich bittet, seinem Freunde den Aufenthalt hier, so viel ich könnte, angenehm zu machen. Ich habe nun nach meiner Art Anstalten dazu gemacht. Heute Nachmittag kommt er zu mir, und da er die Flöte recht hübsch spielt, so werden wir zusammen ein kleines Duett machen. Nach drey Uhr führe ich ihn auf die beste unsrer Bibliotheken, und morgen zu Mittag ist meine Mutter auf mein Verlangen so gütig gewesen, und hat eine kleine Gesellschaft zum Essen gebeten, die sich ungefähr zur Gesellschaft des jungen Herrn und seines Hofmeisters schicken wird. Zum Glück ist unter meinen Verwandten ein Mann, der ehemals in Russischen Diensten als Officier gestanden hat, der bis zu den äußersten Gränzen des Russischen Reichs gegen China, denNordpol und die Türkey gekommen ist, der selbst Russisch spricht, und eine große Kenntniß von diesem Reiche und seinen Einwohnern, und also natürlicher Weise (weil wir doch das, was wir uns die Mühe gegeben haben, zu untersuchen, auch unfehlbar lieben) auch viel Neigung für sie hat. Er ist jetzo Bau-Direktor von unsrer Stadt, ein Mann von einer vollkommenen Kenntniß seiner Wissenschaft, von einer sehr guten Einsicht in die Mathematik, und von einer ausgebreiteten Erfahrung. Diesen werde ich zur Gesellschaft des jungen Herrn bestimmen.
Für den Popen ist ein hiesiger Geistlicher, Herr ***, der ein recht guter Gesellschafter seyn würde, wenn er seinen Kanzelton ablegen könnte. Wenigstens hat er doch Neubegierde genug, sich von einem Fremden recht viel erzählen zu lassen; — und das ist immer schon ein großes Verdienst. — Den Nachmittag wollen wir alsdann, wenn das Wetter günstig ist, in einem Garten zubringen, und dann des Abends wieder ein kleines Koncert machen.
Kleinigkeiten von der Art würde ich sonst an keinen andern Menschen schreiben. Aber weil wir doch in so viel Stücken ähnlich denken, so werden wir vielleicht auch noch darin übereinstimmen, daß diese kleinen Umstände uns am meisten in den Stand setzen, bey unserm Freunde gegenwärtig zu seyn; und das ist immer für ein Herz, wie das unsrige, wichtig.
Noch ist ein andrer von meinen Bekannten aus Leipzig, und noch dazu mein Landsmann, obgleich aus dem entferntesten Winkel von Schlesien, Herr von P****, angekommen. Er hat nach mir gefragt, und hat mich noch nicht gefunden. Auch ich muß ihn sprechen, um alle Gelegenheit zu nutzen, mich an die vergangene Zeit zu erinnern. Diese Besuche nehmen mir einen großen Theil meiner Zeit weg, ob ich gleich außerdem nicht so viel davon übrig habe. Von zehn bis zwölf habe ich meine Vorlesungen mit dem Herrn v. K*** angefangen. Eine Stunde ist für die Philosophie, die zweyte für die Römer und Griechen. Ich werde Ihnen künftig einmal meinenPlan schreiben, nach dem ich das Studium der Philosophie einrichten würde, wenn ich ganz Herr von der Einrichtung der Erziehung eines jungen Menschen wäre. —
Jetzo muß ich auf Ihren Brief kommen. Daß Weise an mich gedacht und von mir vortheilhaft gesprochen hat, ist mir lieb. Aber daß er nicht schreibt, ist mir unbegreiflich. Ich habe ihm vor ungefähr 5 Wochen einige Beyträge, die er selbst in vielen Briefen so gütig war, von mir zu verlangen, geschickt. Ich habe ihm nach der Zeit noch ein Mal geschrieben, nachdem ich seine Lieder durchgelesen hatte. Auch dieser Brief ist schon wieder vierzehn Tage fort, und noch auf keinen eine Antwort. In dieser Ungewißheit hat mich Ihre kurze Nachricht wirklich getröstet; besonders da unser Reiz, den ich bat, noch an dem Tage zu Weisen zu gehn, und mir von ihm Nachricht zu geben, Hindernisse muß gefunden haben, meine Bitte zu erfüllen. Sagen Sie es doch unserm Freunde im Vertrauen, daß der Entwurf unsrer Geschäfte nicht richtig gemacht ist, wenn gar keine Lücken für unsre Freunde darin sind.
Sie nur, meine geliebte Freundin, Sie allein ersetzen mir den Verlust, den mir die Arbeitsamkeit oder die Zerstreuung meiner übrigen Freunde verursacht. Dank sey es der Liebe, die durch Ihre heftigen Erschütterungen Ihrer Seele zuerst die Weiche, die Empfindlichkeit und die schnelle Beweglichkeit gegeben hat, die sie jetzt so sehr zur Freundschaft fähig macht.
Sie wollen, ich soll über die Liebe philosophiren. Ich wüßte nicht leicht einen Gegenstand, der reicher und zugleich einnehmender wäre. Aber heute sollen Sie anstatt meiner Philosophie nur Einen Vers aus dem ältesten Englischen Dichter, dem Spencer, bekommen, der es werth ist, daß Sie ihn kennen lernen. Sein Werk ist eine Ariostische Epopee; noch unordentlicher, wenn es seyn kann. Aber einzelne Stellen sind ausnehmend schön. Sein Werk besteht aus sieben Büchern, wovon jedes eine gewisse Tugend unter einer Reihe von allegorischen Rittergeschichten vorstellt. So fängt er das dritte Buch an, welches die Keuschheit zum Gegenstande hat:
Most sacred fire, that burnest mightilyIn living breasts, ykindled first above,Amongst th’eternal spheres, and lamping sky,And thence pour’d into men, which men call Love;Not that same, which doth base affections moveIn brutish minds, and filthy lust inflame;But that sweet fit, that doth true beauty love,And chooseth vertue for his dearest dame,Whence spring all noble deeds, and never-dying fame.II.Well did antiquity a God thee deem,That over mortal minds hast so great might,To order them, as best to thee doth seem,And all their actions to direct aright etc.
Most sacred fire, that burnest mightilyIn living breasts, ykindled first above,Amongst th’eternal spheres, and lamping sky,And thence pour’d into men, which men call Love;Not that same, which doth base affections moveIn brutish minds, and filthy lust inflame;But that sweet fit, that doth true beauty love,And chooseth vertue for his dearest dame,Whence spring all noble deeds, and never-dying fame.II.Well did antiquity a God thee deem,That over mortal minds hast so great might,To order them, as best to thee doth seem,And all their actions to direct aright etc.
Most sacred fire, that burnest mightilyIn living breasts, ykindled first above,Amongst th’eternal spheres, and lamping sky,And thence pour’d into men, which men call Love;Not that same, which doth base affections moveIn brutish minds, and filthy lust inflame;But that sweet fit, that doth true beauty love,And chooseth vertue for his dearest dame,Whence spring all noble deeds, and never-dying fame.
Most sacred fire, that burnest mightily
In living breasts, ykindled first above,
Amongst th’eternal spheres, and lamping sky,
And thence pour’d into men, which men call Love;
Not that same, which doth base affections move
In brutish minds, and filthy lust inflame;
But that sweet fit, that doth true beauty love,
And chooseth vertue for his dearest dame,
Whence spring all noble deeds, and never-dying fame.
II.
II.
Well did antiquity a God thee deem,That over mortal minds hast so great might,To order them, as best to thee doth seem,And all their actions to direct aright etc.
Well did antiquity a God thee deem,
That over mortal minds hast so great might,
To order them, as best to thee doth seem,
And all their actions to direct aright etc.
Von diesem Gedichte, von der Philosophie der Liebe und von meiner jetzigen Lektüre werden meine nächsten Briefe handeln, wofern Sie mit diesen Materien zufrieden sind. Lessings Dramaturgie werden Sie ohne Zweifel schon gelesen haben. Außerdem müßten Sie nicht einen Augenblick anstehen; nur müßten Sie suchen, die Stücke, die er beurtheilt, kurz zuvor durchzulesen u. s. w.