Zwei und zwanzigster Brief.

Zwei und zwanzigster Brief.

Breßlau, den 14. Oktober.

Wie haben Sie es über Ihr freundschaftliches Herz bringen können, mich heute ohne Briefe zu lassen, da Sie es empfinden mußten, daß ich eines neuen Zeugnisses Ihrer Freundschaft jetzo am meisten bedürfte? Aber es ist nun einmal beschlossen, daß ich diese Woche in nichts ruhig werden soll. Weiter wäre nichts nöthig, um mich auf diese ganze Woche unglücklich zu machen, als daß sich in dem Innersten meiner Seele ein kleiner Argwohn erhübe, und mich überredete, Sie wären unwillig, oder welches mir noch weit unerträglicher wäre, gleichgültig. — Denn daß Sie oder einer von Ihren lieben Theuern krank seyn sollten, daran kann ich gar nicht einmal denken. — Aber fürchten Sie nichts. Ich arbeite aus allen Kräften, alle Art von Argwohn bey mir zu zerstören, oder ihm zuvorzu kommen. Außerdem, daß er unsern Freund beleidigt, und uns kränkt, ist er noch eine gewisse Folge eines schwachen Geistes. Ich setze nämlich zum Voraus (und ich bilde mir ein, daß das nichts ist, als was ausgemacht ist), daß es Stärke des Geistes sey, eine einmal durch Gründe erlangte Ueberzeugung, auch ohne immer neue und wiederholte Beweise, in ihrer ersten Zuverlässigkeit zu erhalten, und sie gegen die Angriffe, die die bloße Einbildungskraft auf sie thut, in Sicherheit zu stellen. So sehe ich manche Leute an der Religion, oder an der fortdauernden Existenz unsrer Seele zweifeln, nicht weil sie die Gründe niemals erkannt, oder falsch gefunden hätten, sondern weil sie zu schwach sind, vergangene Betrachtungen sich wieder gegenwärtig zu machen, und weil das Bild von einer gewissen Möglichkeit, daß die Sache anders seyn könnte, über ehemals gemachte Schlüsse die Oberhand hat. — Wie? — werde ich also zu mir selbst sagen, wenn der Anfall von Argwohn heftig und gefährlich ist — sollte mich dieser Brief erst lehren, daß sie meine Freundin ist? Oder wenn dieses auch ohne ihn schon ausgemachtwar, kann mir alsdenn sein Ausbleiben mehr rauben, als ich durch seinen Empfang würde bekommen haben? Ich würde wissen, was sie macht, wie sie meinen Brief aufgenommen, ob sie mir vergeben hat. Das ist es also, was ich nicht weiß; und ob es gleich immer unangenehm ist, sich solche Fragen nicht eher als in vier Tagen beantworten zu können, so ist es doch immer nur ein kleiner Aufschub. — Und endlich, konnte nicht mein feindlicher Dämon ihr eben solche Hindernisse in den Weg gelegt haben, als ich selbst hatte, da ich am Sonnabend schreiben wollte? Würde ich wünschen, daß sie das Ausbleiben meines versprochenen Briefes einer andern Ursache als der Unmöglichkeit zuschriebe, ihn zu schreiben? — Ich will Ihnen diese Hindernisse erzählen, zuerst um mich zu zerstreuen, und mich also gegen einen Feind zu sichern, der aller meiner Entschließungen ungeachtet mich leicht überfallen könnte, wenn ich unverwandt den ersten Gegenstand ansähe; und zum andern, weil sie beynahe den wichtigsten Theil meiner Geschichte auf diese Woche ausmachen.

Eben da ich im Begriff war, mich zum Schreiben zu setzen, kommt der Bediente vom Herrn von Klöber, und bittet mich, in einer halben Stunde zu ihm zu kommen. Es war Vormittags nach zehn. Ich ziehe mich in aller Geschwindigkeit an, und gehe. — Hören Sie, sagte er, indem er mich empfing, der Minister ist gestern Abends unvermuthet angekommen, und ich soll Sie jetzo den Augenblick zu ihm führen. — Diese Nachricht war mir nicht ganz unerwartet; denn da der Minister nicht antwortete, so wußte ich dieß keiner andern Ursache zuzuschreiben, als daß er selbst bald von seinen Gütern, wo er sich aufhielt, herein kommen wollte. Beynahe aber wäre es mir lieber gewesen, ihm zuerst durch Briefe bekannt zu werden, weil ich weiß, daß eine natürliche Furchtsamkeit, über die ich nicht Herr bin, mir bey dem ersten Besuche selbst von Leuten, deren Stand weit unter dem eines Ministers von Schlesien ist, nicht die völlige Gegenwart des Geistes läßt, ohne die man sich niemals von einer vortheilhaften Seite zeigen kann. Ueberdieß ist der Anblick von Hoheit für ein etwas edles Gemüth immer zudemüthigend, als daß man mit der ganzen Freyheit und Freudigkeit des Geistes handeln könnte, die allein unsern Reden und Handlungen Anmuth geben kann. Wir gingen also hin. Die Abwesenheit des Ministers hatte die Geschäfte gehäuft; wir waren nicht die einzigen, die auf einen Augenblick warteten, wo sie ihn sprechen könnten. Endlich kam der Minister aus seinem Kabinet, und ging auf uns zu. Herr von Klöber stellte mich ihm vor. Der Minister that an mich nichts als die gewöhnlichen Fragen, wer meine Eltern und meine Verwandten wären, wo ich studirt hätte, wie lange ich hier wäre; lauter Fragen, die in jedem andern Munde wenig in Verlegenheit setzen würden, und die doch in dem Munde eines Ministers auf gewisse Weise niederschlagend seyn können. Ich beantwortete sie so kurz, als ich konnte; — aber das hätte ich nicht geglaubt, daß dieß alles seyn würde; ich hielt sie nur für eine Einleitung zu einem Gespräche, das, wie ich hoffte, der Hauptsache näher kommen, für den Minister wichtiger und mir angenehmer seyn würde. Aber in diesem Augenblicke kehrte er sich zu dem Bedienten,der im Zimmer stand. „Ist der Doktor noch bey meiner Frau?“ — „Ja, Ihre Excellenz!“ — „Nun, so muß ich wohl noch einen Augenblick zu ihr gehen; kommen Sie nur zu Tische. Sie auch, Herr v. Klöber.“ — Und damit war er fort. —

Wir kamen also gegen die in diesem Hause gewöhnliche Tischzeit, gegen zwey Uhr wieder. Die ganze Gesellschaft, die auf diesen Tag eingeladen war, versammelte sich nach und nach im Vorzimmer. Ich lernte bey dieser Gelegenheit den Graf Dönhof, einen Kriegsrath, den geheimden Rath Meinike und noch eine ganze Menge andrer kennen, die größtentheils Männer von vielem Verstande sind. Der Minister erschien nicht eher als um halb drey Uhr. So lange hatten ihn seine Geschäfte aufgehalten. — In diesem Augenblicke setzten wir uns auch zu Tische. Die Gemahlin des Ministers und seine noch unverheyrathetete Tochter waren die einzigen Damen an der Tafel. Die Damen sprachen bloß französisch. Ueberhaupt waren die Gespräche gleichgültig. Der Minister bestimmte selbstihren Gegenstand, und da sie größtentheils Begebenheiten betrafen, die ich nicht wußte, so war es ganz natürlich, daß ich dabey stumm war.

Die Tafel dauerte bis 5 Uhr; und so wie der Minister aufstand, so ging er auch ohne einen Augenblick zu warten, in sein Cabinet zurück, wo ihn schon wieder eine ganze Menge Leute und Geschäfte erwarteten. Wir unterhielten uns noch eine kleine Weile in dem Tafelzimmer. Herr von Klöber sagte endlich, da er sahe, daß die Hoffnung, diesen Nachmittag bey Sr. Excellenz vorzukommen, vergeblich wäre, daß wir uns beurlauben wollten, und daß er dem Bedienten aufgetragen hätte, ihn zu rufen, sobald der Minister nach ihm fragen würde. Von diesem Augenblicke an nun weiß ich wieder nichts, und die ganze Sache ist noch nicht einen Schritt weiter. Ich wünschte sie nur entschieden, nur auf irgend eine Art entschieden zu sehn; denn die Ungewißheit ist unter allen das schlimmste u. s. w.


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