Erster Brief.

Vertraute Briefeaneine Freundin.

Vertraute Briefe

an

eine Freundin.

Erster Brief.

Dienstags Nachmittags um 3 Uhr,den 11. May, 1767.

Endlich bin ich wieder bey Ihnen, und vergesse in diesem Augenblicke alle die Schwermuth, den Verdruß, und die Langeweile, die ich seit unserer Trennung ausgestanden habe. Wir haben es uns hundert Mal gesagt, daß die empfindlichen Herzen mehr zum Leiden als zur Freude gemacht sind. Und wenn ich der Sympathie, die alle unsere Neigungen einander so gleich gemacht hat, trauen darf, wenn meine Empfindungen den Ihrigen ähnlich waren, so sind Sie diese drey Tage über nicht glücklich gewesen. Zuerst eine mehr süße als unangenehme Schwermuth, aber bald darauf eine finstere und traurige Melancholie,die alle Ideen der Seele in ihre Farbe kleidete, und selbst der Hoffnung nicht zuließ, sie zu trösten.

Ich finde, daß ich gemeiniglich in dem Augenblicke, wenn mir ein Unglück widerfährt — und unsere Trennung halte ich für eins — mehr bestürzt als traurig bin. Die Geschwindigkeit, mit welcher es mich überrascht, benimmt mir die Fähigkeit darüber nachzudenken. Ich werde einiger Maßen fühllos, ich erstarre. Aber wenn mein Gemüth wieder ruhig genug ist, die Größe und die Folgen des Uebels zu überlegen; wenn es sich die Scenen des Vergnügens wieder vorstellt, deren es jetzt beraubt ist; wenn es von da sich zu den künftigen Aussichten wendet; dann wird erst sein ganzes Gefühl rege, und alle seine Kräfte vereinigen sich bloß dazu, es in der Traurigkeit zu unterhalten.

Ich bin Ihnen noch so nahe, und es scheint mir eine unermeßliche Entfernung zu seyn. Und doch werde ich Ihnen in einem halben Jahre nicht näher kommen, — vielleicht niemals. Aber lassen Sie mich diese unglückliche Furcht unterdrücken. Ich sehe Siewieder.... Mein Herz ist mir dafür Bürge, das der Himmel nicht umsonst mit dem Ihrigen so sympathetisch gemacht hat. Selbst unter einem entfernten Himmelsstriche würde ich Sie geliebt haben, ohne Sie zu kennen, — eine Person, die Ihnen ähnlich wäre, eine zweyte Wilhelmine. Und nun, da uns die Vorsicht zusammen gebracht hat, da wir uns haben kennen lernen müssen, da wir diesen geheimen Zug der Aehnlichkeit in uns entwickelt, unsere Seelen gegen einander gehalten, und sie so ähnlich gefunden haben, als zwey freundschaftliche Seelen seyn müssen; da wir überzeugt worden sind, daß dieses höchste Geschenk der Gottheit, die Freundschaft, für unsere Herzen gemacht ist: nun sollten wir einander auf immer verlassen? um wieder in der Welt nach einer uns verwandten Seele zu suchen und zu seufzen, und sie vielleicht nicht zu finden.

Sie sehen, ich schreibe stolz. Ich nenne mich keck Ihren Freund; und zwar in der hohen Bedeutung, in welcher dieses Wort nur selten gebraucht wird. Aber wen sollte auch Ihre Gütigkeit nicht stolz machen. MeinHerz ist noch von derjenigen gerührt, die Sie mir den letzten Tag erwiesen haben. Wie oft habe ich mir nicht die Auftritte dieses Tages von meiner Einbildungskraft wieder vorspielen lassen! Und immer verweilte ich mich bey dem Augenblicke, wo ich in einer Bestürzung, die mich von meinen Bewegungen nicht mehr Herr seyn ließ, meinen Huth suchte, und Sie mir das unerwartete Vergnügen ankündigten, daß ich noch einen halben Tag länger bey Ihnen seyn könnte. Niemals hat man eine freundschaftlichere Gefälligkeit zu einer gelegenern Zeit gethan, zu einer so gelegenen Zeit, daß ich Ihnen die Grausamkeit vergebe, daß Sie mich die Angst des Abschieds haben zwey Mal empfinden lassen.

Ich sollte Ihnen nun meine Reise beschreiben. Ich wollte sie Ihnen beschreiben. Ich habe jede Kleinigkeit bemerkt, von der ich hoffte, daß sie entweder einer kleinen Satyre fähig wäre, oder, durch Ihre freundschaftliche Theilnehmung an allem was mich betrifft, Ihnen wichtig seyn könnte. Ich hatte in meinen Gedanken eine ganz kleine Sammlung von solchen Zügen, und schon dachte ich mitEitelkeit an die Reisebeschreibung, die ich daraus zusammensetzen wollte. Aber dieses war noch in der ersten Zeit, wo der Einfluß Ihrer noch nicht längst verlornen Gegenwart meiner Seele noch Muth und eine gewisse Munterkeit erlaubte. Aber seit diesem Zeitpunkte sind alle jene Ideen weggewischt worden. Der Schmerz hat sie alle so einförmig gemacht, daß ich sie nicht ohne Mühe, und gewiß ohne Anmuth aus ihrer Dunkelheit hervorziehen würde. Also will ich Ihnen nur kurz sagen, daß ich meine Reisegesellschaft nicht genauer kennen gelernt habe, als wir sie im Wirthshause schon kannten, ausgenommen, daß der Macedonier ein großer Schläfer war, den ich herzlich beneidete, durch die ärgsten Stöße niemals in seiner Ruhe gestört zu werden; daß der Herr Magister sehr wenig sprach, und daß dieses Wenige alle Mal etwas kraftloses und langweiliges war; daß mein Nachbar ein Kaufdiener, und noch ein vierter ein Dreßdner war.

Ich selbst habe den Postwagen in W*** verlassen. In der That war es beynahe eine Unbesonnenheit, die ich beging. Die Sachewar so. Der Postwagen war auf das erschrecklichste befrachtet. Eine Menge Geldfässer und anderer schwerer Waren! Vier elende und abgetriebene Pferde würden ihn mit Mühe und Noth bey dem besten Wege gezogen haben. Aber dieser war entsetzlich. Aus einem Loch ins andere! Ich stieg drey bis vier Mal ab. Ich ging zu Fuß. Aber so oft ich wieder aufstieg, verschlechterte sich alle Mal der Weg. Das Gewicht des Wagens machte, daß er bey jedem Abhange sehr stark schwankte; wir waren zwey Mal in der größten Gefahr gewesen, umzuwerfen. Endlich bemächtigte sich die Furcht meiner. Ich dachte an den schrecklichen Fall bey B***werda. Ich fuhr beständig in Angst. Wir erreichten endlich W***. Einer von der Gesellschaft, eben der Dreßdner, der eben so furchtsam wie ich war, nahm hier Extrapost für sich bis H****burg. Ich entschloß mich, ihm Gesellschaft zu leisten. In der That war es unüberlegt: denn ich hatte mit genauer Noth so viel Geld bey mir, als nöthig war; und meinen Koffer hatte ich auf der ordinären zurück gelassen.

Wir kamen um 9 Uhr nach H***burg. Ich fand keinen Menschen aus G****dorf. Man erwartete mich erst Montags. Ich wußte also von neuem nicht, wie ich nach G****dorf hinüber kommen sollte. Ich erwartete erstlich die ordinäre Post, um meinen Koffer zu haben. Ich ganz allein, in der Poststube, wo ein durch die jetzigen Meßexpeditionen abgematteter Postschreiber auf einem Stuhle schlief, bey einem kleinen einsamen Lämpchen, hatte alle mögliche Zeit zur Schwermuth. In der That brachte ich die Stunden höchst traurig zu. Endlich kam mein Koffer. Ich nahm noch einmal Extrapost nach G****dorf. Hier kam ich um 11 Uhr an. Meine Freunde, oder vielmehr mein Freund, der eben zu Bette gehen wollte, empfing mich liebreich.

Hier lebe ich nun nicht mit der düstern Melancholie, die durch die Einsamkeit genährt wird, aber in einem gewissen Tiefsinn, den man mir auch anmerkt. Ich habe kaum diesen Augenblick finden können. Man ruft mich schon etliche Mal, und ich muß nothwendig den Brief endigen, ob ich gleichnicht den hundertsten Theil von dem gesagt habe, was ich Ihnen sagen wollte. Was für eine elende, unvollkommene Art der Unterredung ist doch ein Brief! Gott segne Sie. Von ganzem Herzen

der Ihrige.


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