Zweyter Brief.

Zweyter Brief.

G***dorf, den 28. May, 1767.

Ich reise diesen Augenblick von hier nach H****burg. Dort erwarte ich Hr. M.. und mit ihm — das angenehmste, was ich in meinen gegenwärtigen Umständen erhalten könnte, Ihre eigne Gegenwart ausgenommen.

Ich fange an, das Leben als eine lange und oft beschwerliche Reise anzusehen, auf der wir von einem höhern Führer geleitet werden.Von Zeit zu Zeit kommen einige angenehme Ruheplätze, wo wir uns nur erholen sollen, und wo wir ganz und gar zu wohnen wünschen. Ihr Haus und ihre Gesellschaft war einer von diesen. Ich fing schon an in demselben zu vergessen, daß ich bloß zur Fortsetzung meiner Reise gestärkt werden sollte. Es kommt der fürchterliche Befehl zum Aufbruche. Ich verlasse in einer Art von Betäubung den angenehmen Aufenthalt. Endlich kommt meine Empfindung wieder; aber nur um mich meinen Verlust fühlen zu lassen. Lange, lange sehe ich mit einer zaudernden Sehnsucht nach dem gewünschten Orte zurück, indeß ich mich immer mehr von ihm entferne. Dort, dort, sage ich, ist meine Freundin, und ich reise nach der entgegenstehenden Gegend.Von einem unbefriedigten Verlangen zur Schwermuth ist nur ein einziger Schritt.Endlich verlieren sich alle diese schmerzhaften Ideen in dem Gedanken an meinen großen und gütigen Anführer. Er ist zugleich der Führer meiner Freundin. In ihm, unserm gemeinschaftlichen Vater, vereinigen sich wieder unsere Seelen, wennsie auch durch noch so weite Entfernungen von einander getrennt sind.So ist der Schmerz oft unser Lehrer; und eine menschliche Seele, die niemals traurig gewesen wäre, müßte gewiß lasterhaft seyn.

Die Pferde sind angespannt, alles ist fertig. Ich schreibe mitten unter dem Geräusch. — Ich bin unaufhörlich

der Ihrige.


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