Funfzehnter Brief.

Funfzehnter Brief.

B***, den 9. Septbr.

Unerachtet mich meine Reise gehindert hat, an der besondern Lustbarkeit dieses Tages Theil zu nehmen, so bin ich nichts desto weniger bey Ihnen gewesen, so wie ich es alle Tage bin. Und vielleicht war es ein gewisser geheimer Einfluß, den Ihre Seelen auf die meinige hatten, der mich diesen Tag (es war der letzte, den ich in M*** zubrachte), beynahe vergnügter machte, als ich die ganze übrige Zeit gewesen war. —

Eine Grille, die mir Schwedenborg, und sein Kommentator, M. Kant, in den Kopf gesetzt hat, kann ich mir noch nicht ausreden. — So geht es; Sätze, die uns lieb sind, nimmt man gar zu leicht für Wahrheiten an, und das Sicherste, was ein Philosoph thun kann, um uns von seinen Hypothesen zu überzeugen, ist, daß er den Wunsch in unserregt, daß sie wahr wären. — Aber zur Sache selbst.

Schwedenborg sagt, das Verhältniß, das die Geister gegen einander haben, und welches ihren Ort ausmacht, ist von dem Orte, den ihre Körper einnehmen, durchaus unterschieden. Die Geister machen zusammen eine Welt für sich aus, und die Körper, die ihren Stand bestimmen, in so fern sie durch Empfindungen denken, und ihre Begriffe aus dem sinnlichen Gebiete herholen, schränken sie doch nicht im mindesten ein, in so fern sie Geister sind. — So ist es also möglich, daß zwey Geister ganz dicht aneinander stoßen, deren Körper hundert Meilen weit von einander entfernt sind. Zwischen beyden kann der vertrauteste Umgang seyn, der aber niemals zum Bewußtseyn kommt, — als bey gewissen auserwählten Seelen, denen, wie Schwedenborg sehr deutlich sich ausdrückt, das Innere geöffnet ist; — oder bey außerordentlichen Gelegenheiten, wo der hellere Glanz der Empfindungen, der sonst alle andere Ideen auslöscht, so sehr verdunkelt wird mit sammt dem ganzen Gefolge vonErinnerungen und Phantasien, daß jene geistigen Eindrücke sich aus dem Grunde der Seele herausheben. Durch dieses Mittel will Schwedenborg alle die wunderbaren Dinge gewußt haben, durch die er in den Ruf des größten Narren und des größten Wahrsagers unsrer Zeit gekommen ist. —

Aber kurz und gut, die Theorie gefällt mir, und ich dächte also, daß sie wahr wäre. Meine Seele würde nichts so sehr wünschen, als um alle die von ihr geliebten und mit ihr verwandten Seelen so nahe zu seyn, daß sie die Einflüsse derselben empfangen, und auf sie wieder Eindrücke machen könnte. Der Körper ist bisher zu der Erreichung dieses Wunsches ein beschwerliches Hinderniß gewesen, jede Vereinigung forderte immer eine vorhergegangene Trennung, und Freunde wiederzusehen und von Freunden geschieden zu seyn, waren immer zwey unzertrennliche Sachen. Aber nun, die Theorie Schwedenborgs einmal festgesetzt, wer hindert mich, meine Seele an den Ort hinzubringen, wo es ihr am besten gefällt, und um sie herum alle die Geister zu pflanzen,deren Gemeinschaft so oft ihren Wunsch und ihre Sehnsucht erregt hat? Lassen Sie mich also 50 Meilen, und — was sind diese? lassen Sie mich um halbe Erddiameter von Ihnen entfernt seyn, — und doch soll meine Seele von der Ihrigen nicht um ein Haar breit weiter kommen. Denken Sie, wenn unsre sterblichen Augen den himmlischen Anblick ertragen könnten, was es wäre, diese Gesellschaft von Geistern bey einander zu sehn; erst die unsrigen, wie sie unsichtbare Begriffe von einander annehmen und sich mittheilen, Begriffe, die erst in künftigen Epoquen unsers Daseyns uns selbst bekannt werden sollen; wie sie sich vielleicht einander aufklären, reinigen, bessern, und ohne unser Wissen schon die Glückseligkeit künftiger Zeitalter verbreiten; — alsdann die Seelen unsrer liebsten Freunde, Ihres Gemahls, meiner Mutter, unsers Reizes, — und dann, wenn irgendwo in der Welt eine Julie oder eine Schirley lebt, — ein reizendes Mädchen, deren Schönheit die Ankündigung von Verstand und Unschuld ist, — eine zärtliche Ehegattin, deren geschäftiger Fleiß, — so wie der Ihrige, — den Abendeines mühsamen Tages ihrem Manne und ihrem Freunde mit stiller und unschuldiger Fröhlichkeit krönt, — eine ehrwürdige Mutter, der ein neues Geschlecht seine Tugend und seine Glückseligkeit dankt, — diese alle bey uns, unsre Vertrauten, schon vorbereitet, uns künftig, wenn wir einander erkennen werden, zu lieben, und das Vergnügen einer Gemeinschaft zu fühlen, die hier nur bloß unsre Reflexion beschäftigte.

Sie sehen, ich bin in Gefahr, vielleicht ein eben so großer Schwärmer zu werden, als Schwedenborg selbst. Und in der That ist ein Traum, der uns vergnügt macht, hundert Mal besser, als eine Wahrheit, die uns Kummer verursacht.

Ueber ihr Gedicht und noch mehr über dessen Mittheilung bin ich von Herzen vergnügt gewesen. Die zwey letzten Strophen haben mir am meisten gefallen, vielleicht weil Sie darin an mich denken. —

Ich hätte Ihnen noch so viel zu sagen, als auf diesem Blatte und auf zehn andern nichtRaum hätte. Aber ich bin einmal schon des Mißvergnügens gewohnt, meine Briefe da schließen zu müssen, wo sich meine Unterredung mit Ihnen erst recht anfangen sollte. Die Ideen drängen sich so in meinem Kopfe zusammen, sobald ich die Feder ansetze, an Sie zu schreiben, daß sich endlich eine aus dem Haufen hervordrängt, — nicht die die vornehmste und wichtigste gewesen wäre, sondern die sich am schnellsten der Seele und meiner Feder bemächtigen konnte. — Aber das muß ich Ihnen doch noch sagen, daß ich von Gellerten, seit dem letzten, der mir des Grafen Tod ankündigte, keine Briefe habe, und daß ich ohne Vorschläge von ihm, — wenig Mittel sehe, diesen Winter mit Ihnen zuzubringen u. s. w.


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