Sechzehnter Brief.
Lassen Sie mich Sie immer heute zu einer ungewöhnlichen Zeit überfallen. Ungelegen kann es Ihnen doch nicht seyn (so zuversichtlich hat mich schon Ihre Freundschaft gemacht). Mein Herz ist zu voll; und ich weiß schon, eher wird es nicht ruhig, bis es sich ganz in das Ihrige ausgegossen hat. Wie sehr empfinde ich heute das Glück, eine Freundin zu haben, die meinen Schmerz gern mit mir theilt, und lieber mit mir trauert, als allein fröhlich ist. Aber erschrecken Sie nur nicht über diesen Anfang. Es ist nur Mitleiden, nicht eignes Unglück, das diese unruhige Bewegung in mir hervorbringt — aber Mitleiden, das auf seinen höchsten Grad gestiegen ist, und beynahe zu eignem Gefühl wird. —
Ich war gestern von meiner Reise den Augenblick angekommen, als man mir sagte, meine Mutter wäre in dem Krankenzimmereiner Freundin, und sie würde den Abend dort zubringen. — Ich habe Ihnen schon mehrmals das P***sche Haus genannt, als eine von den Familien, die mit der unsrigen am genauesten verbunden ist und von mir am meisten hochgeschätzt wird. In der That besteht sie beynahe aus lauter hochachtungswürdigen Personen. Das Haupt der Familie, der alte Herr P***, ehemals ein sehr angesehener Kaufmann, war noch außerdem, — was selten Kaufleute sind — ein empfindlicher und zärtlicher Ehemann, ein dienstfertiger Freund, ein gütiger Vater, und ein durch Erfahrung und vielfache Kenntnisse angenehmer Gesellschafter. Seine Frau, unsre Anverwandte, — die Krone ihres Hauses, und beynahe auch des unsrigen, ist von der Natur und durch ihren Fleiß recht dazu ausgerüstet, Glückliche zu erfreuen, und die Unglücklichen zu trösten. Ein starker und beynahe männlicher Verstand, der nur durch eine beständige Uebung, nicht durch Unterricht ausgebildet ist; eine Gegenwart des Geistes, die selbst durch ihre zarte Empfindsamkeit niemals geschwächt wird; ein gewisses Feuer und eine Thätigkeit andern Dienste zuleisten, die die Schwierigkeiten überwindet, wovor die andern nur erschrecken; ein freundschaftliches Herz, das seine Befriedigung im Gutes thun findet, und eine gewisse Art von Mangel fühlt, so bald es sich zu Niemandes Besten beschäftigen soll; und dieses alles war zu ihrer glücklichen Zeit mit einer beständigen Heiterkeit der Seele, und mit so viel Lebhaftigkeit verbunden, daß sie gemeiniglich die Seele der Gesellschaft wurde, in der sie sich befand.
Herr P**** hatte von seiner erstern Ehe eine Tochter, die schon ziemlich erwachsen war, als er sich mit unsrer Freundin vermählte, und die einige Jahre darauf den Halbbruder ihrer Stiefmutter heyrathete. Die Frau ***, so heißt diese würdige Frau, hatte von der Natur nicht so viel vorzügliche Gaben, aber dafür eine gewisse Sanftmuth und Stille in ihrem Charakter, eine tiefe und mehr durchdringende als lebhafte Empfindlichkeit, und ein so kindliches, gutes, freundschaftliches Herz bekommen, daß sie die vertrauteste Freundin und die ehrerbietigste Tochter ihrer Elternzugleich war. Ihre Seele war der Seele ihrer neuen Mutter, oder vielmehr ihrer Schwester (denn so liebten sie sich, und so ist ihr Betragen gegen einander noch bis auf den heutigen Tag) nicht ähnlich, aber sie war dazu gemacht, dieselbe auszufüllen, und mit ihr ein Ganzes auszumachen. Ihr Gemahl, der Frau P**** Bruder, den sie schon vor drey Jahren durch eine grausame Krankheit verlor, hatte vielleicht unter allen die wenigsten Talente, aber er besaß ein so durchaus gutes Herz, er liebte seine Frau und seine Schwester so innigst, und er räumte ihre Vorzüge über ihn so gern ein, daß man ihm bloß um seiner Ehrlichkeit willen gut wurde. Und so wie er war, wurde er auch wieder von seiner Frau, die sonst vielleicht zu einem scheinbarern Glück Hoffnung gehabt hätte, so geliebt, als wenn er der vollkommenste aller Männer gewesen wäre. Von diesem ihrem Manne hatte sie zwey Kinder, einen Sohn und eine Tochter, deren Geburt nun erst alle Hoffnungen des Großvaters und alle Wünsche der gesammten Familie erfüllte.
Beyde Familien wohnten in Einem Hause, aßen an demselben Tische, liebten sich alle unter einander mit einer Zärtlichkeit ohne Beyspiel, und machten das Bild einer einträchtigen und glücklichen Familie aus. Wenn die Geschäfte des Tages sie von einander entfernt hatten, so kamen sie doch gewiß am Abend alle zusammen, ihre lieben Kleinen mit; und dann genossen sie in einer beneidenswerthen Ruhe alle Freuden des häuslichen Lebens, die einzige Glückseligkeit des Menschen, wenn anders Menschen glücklich seyn können. Ihre äußern Umstände störten diesen Genuß eben so wenig. Ihr Vermögen war weit mehr als hinlänglich, ihrer Freunde waren viel; — und wenn es, um ein Gut zu genießen, nothwendig ist, daß andre wissen, daß wir es haben; so war die allgemeine Hochachtung für sie eine Bestätigung ihrer Glückseligkeit und ihrer Verdienste.
Und diese ganze Familie, dieser ganze kleine Kreis von tugendhaften und glücklichen Freunden, liebe Freundin, ist jetzo nur noch fähig, Mitleiden zu erregen; — das ganze Gebäude ihrer häuslichen Glückseligkeit istdurch eine Reihe auf einander folgender Unglücksfälle zerstört; jede Wurzel des Vergnügens ausgerottet, und fast hat selbst die Zukunft für sie nichts mehr als Schrecken. Der Tod des Herrn B***, der vor drey Jahren zu eben der Zeit erfolgte, als ich hier meine Mutter besuchte, war der Anfang und gleichsam die Ankündigung davon. Dieser Tod war so schmerzhaft, und mit so traurigen Umständen begleitet, daß er auf das Gemüth aller einen sehr tiefen Eindruck machte — auf das Gemüth seiner Gattin aber einen immerwährenden. Diese schon von Natur furchtsame und schüchterne Frau wurde durch den Verlust ihres Mannes beynahe zu Boden gedrückt. Nur die Gesellschaft und die Zärtlichkeit ihrer Mutter, der Frau P****, und die Sorgfalt für die Erziehung der beyden liebenswürdigen Kinder, in denen sie die Liebe der Mutter und der Gattin vereinigte, nur diese hatten sie bisher erhalten, und ihr nach und nach den Muth und die Freudigkeit wiedergegeben, ohne die das Leben eine Last ist.
Eine andere glückliche Begebenheit schien die Freude wieder in dieses Haus zurückführenzu wollen. Eine Tochter der Frau P****, von einer erstern Ehe, ihrer Mutter bey weitem nicht gleich, aber doch auch ihrer nicht ganz unwürdig, heyrathete den Hrn. Z****, der lange Zeit im Felde Dienste geleistet hatte, ein Liebling der Vornehmsten der Armee und selbst des Königs gewesen war, und die glücklichsten Aussichten vor sich hatte. Ein Mann von vielem Verstande, von einer wahrhaft guten Lebensart, und der, wenn er noch nicht die richtigsten Grundsätze hatte, doch fähig war, sie anzunehmen. Er war damals ***, und wurde bald darauf ****, welches eines der ansehnlichsten Aemter in unserm Lande ist, und unmittelbar auf den geheimen Rath folgt. Dieser Mann liebte seine Frau, ob sie gleich weder ihm an Gaben gleich, noch seinen Erwartungen und Wünschen gemäß war. Aber vielleicht liebte er sie noch mehr um ihrer Mutter als um ihrer selbst willen; und beynahe glaube ich, daß noch bis auf diese Stunde die Hochachtung, die er für seine Schwiegermutter hat, die Liebe gegen seine Frau erhält.
Diese Verbindung, die ihrer Familie ein neues so würdiges Glied gab, wurde kurzdarauf die Quelle mehr als eines Jahres voll Kummer und Angst. Z**** empfand, nachdem er zur Ruhe kam, die Folgen der Ermüdungen des Krieges. Er fiel in dem ersten Jahre seines Ehestandes in eine gefährliche Gliederkrankheit, die ihn zuerst mit den grausamsten Schmerzen angriff, und alle Augenblicke seinen Tod drohte, bald darauf ihn des völligen Gebrauchs aller seiner Glieder beraubte, und ihn ganz hülflos der unaufhörlichen Pflege und Wartung seiner Freunde selbst in seinen kleinsten Bedürfnissen benöthigt machte. Diese Krankheit ist endlich, nachdem sie sechs Vierteljahre das ganze Haus in einer beständigen Abwechselung von Furcht und von Betrübniß erhalten hat, durch eine sehr beschwerliche Kur, und durch den Gebrauch mannigfaltiger Bäder gehoben worden. Sie wissen, daß er nur erst neulich mit meinem Onkel im Bade gewesen ist. —
Aber dieses war noch nicht der einzige Kummer. — Die unglücklichen Umstände unsers Landes haben die Handlung des Herrn P*** sehr geschwächt; — aber noch würdensie ihnen wenig Schaden gethan haben, wenn sie nicht auch zugleich den Kopf dieses würdigen Alten geschwächt hätten. Dieser sonst so lebhafte und geschäftige Mann, der die Thätigkeit selbst war, sich immer herzhaft entschloß und klug ausführte, dieser versinkt in seinem Alter, von Kummer und Sorgen niedergedrückt, in eine völlige Unempfindlichkeit. Seine Gemüthskräfte erlöschen; seine Seele, die durch so viele und starke Eindrücke zu heftig erschüttert worden, nimmt jetzo gar keine mehr an, oder alle verlöschen augenblicklich auf dem Grunde, der schon völlig von den vergangenen Ideen eingenommen ist. So ist er für seine Familie und seine Freunde schon todt, ob er gleich sich noch unter ihnen bewegt; und seine Gattin, die sonst von ihm Ansehn und Ehre erhielt, ist jetzo kaum mit aller ihrer Klugheit und der zärtlichsten Sorgfalt vermögend, ihn vor der Verachtung der Fremden, und selbst vor der Geringschätzung seiner Freunde zu schützen. Denken Sie sich nun seine Tochter, die noch immer dieselbe kindliche, ehrerbietige Zärtlichkeit für ihn hat, und denken Sie, was es einem Herzen, wie das ihrige, kostenmuß, ihn alle seine schätzbaren Eigenschaften verlieren zu sehn. —
Noch war ein einziger Trost für dieses Haus übrig, aber ein sehr großer, und der vielen Leiden das Gegengewicht halten konnte; — der Trost, zwey hoffnungsvolle und liebenswürdige Kinder in ihrem Schooße aufwachsen zu sehen, die die Verdienste, und, wenn es möglich wäre, die ehemalige Glückseligkeit ihrer Eltern erneuerten. — Und nun liegt das jüngste davon, ein Knabe von ungefähr acht Jahren, die unschuldigste, sanftmüthigste, geduldigste Seele, das Bild und der Liebling seiner Mutter — und ringt mit dem Tode.
Bey seinem Bette fand ich meine Mutter. Ich bin niemals von einem Anblicke so gerührt, so durchdrungen worden. Die Krankheit des Kindes ist die allerschmerzhafteste und grausamste, glaube ich, die ich jemals gesehn habe: die allerentsetzlichsten Kopfschmerzen, die, wie der Arzt muthmaßt, aus einer Beschädigung des Gehirns entstehen, und schon vier Tage und Nächte ohne den geringstenNachlaß fortdauern. Sie pressen dem armen liebenswürdigen Knaben, der alles, alles sonst mit der größesten Gelassenheit erträgt, und selbst jetzo die schmerzhaftesten Operationen ohne Murren mit sich vornehmen läßt, ein Geschrey aus, das mir bis in das Innerste der Seele geht. — O Gott, wer muß der Unmensch seyn, der die Stimme des Schmerzes ertragen kann, wenn er selbst der Urheber davon ist! — Mein Herz wird davon zerrissen! — Und dann in dem Augenblicke einer kleinen Linderung ihn mit einer ängstlichen Zärtlichkeit nach seiner Mutter rufen zu hören, diese vor seinem Bette knien zu sehen, und dann ihn, wie er seine kleinen Arme um sie herumschlingt, sie fest an sich drückt, und dann mit einer gewissen dringenden Heftigkeit sie seiner Liebe versichert, — dann mitten unter diesen Liebkosungen, von dem Schmerz überwunden, auf einmal in das kläglichste Geschrey ausbricht, und das zu ganzen Nächten fortsetzt — Gott, kaum kann ich den Gedanken davon ertragen. — Heute ist der Schmerz schon Herr über sein Bewußtseyn, und er kennt nicht mehr seine Mutter. —
Liebste Freundin, werden Sie mir es wohl vergeben, daß ich Sie mit so traurigen Gegenständen unterhalte? Aber mir wird meine Noth leichter, wenn ich denke, Sie wissen sie und nehmen daran Theil.
N. S. Zu gleicher Zeit mit dem Ihrigen erhielt ich auch einen sehr freundschaftlichen Brief von Herrn Weise. Eine kleine Anekdote, die er mir von Meinhardten erzählt, kann ich Ihnen unmöglich verschweigen. Bey seiner Abreise von Leipzig fragte ihn der Post-Commissar Gellert: Ob er nicht einige günstige Aussichten hätte? O ja, sagte er, die glücklichste Aussicht von der Welt — die Aussicht auf mein Grab.