Neunter Brief.
S***witz den — Juli.
Es giebt gewisse Arten von Vergnügungen, die uns unempfindlich machen, weil sie uns berauschen. Indem alsdann die gegenwärtige Empfindung die ganze Seele ausfüllt, und ihre gesammten Fähigkeiten bloß in dem Genuß erschöpft werden, so werden alle Erinnerungen, alle Reflexionen aus der Seele verdrängt, und mit ihnen zugleich die feinern Vergnügungen, die auf dieselben gegründet sind. In diesem Zustande ist die ganze Seele Maschine, und sie bewegt sich ganz unwillkührlich nach der Richtung des Stoßes, die ihr ein so heftiger äußerer Antrieb giebt.
Eine andere Art hingegen, die nur die Sinnen in so weit rührt, als es nöthig ist, durch sie die Einbildungskraft rege zu machen, eröffnet allen Arten von moralischen Empfindungen den Zugang. Sie macht das Herzweich, und so zu sagen — schmachtend. Die Vernunft ist dabey heiter genug, alle verwandten Ideen herbeyzurufen, jede angenehme Erinnerung mit der augenblicklichen Empfindung zu verbinden, und unter die Ergötzungen des Auges und des Ohres die moralischen Vergnügungen der Freundschaft und der Tugend zu mischen.
Unter diese letztere Gattung gehört diejenige Art von Vergnügen, die ich jetzt genieße. Sie sind so still und so ruhig, wie die Fluren des Abends, durch die ich gehe, und eben so heiter und rein, als das blaue Gewölbe, das mich deckt. Alles das, was ich sehe, und was die Quelle des Vergnügens ist, ist zugleich ein Stoff zu Betrachtungen, die vielleicht noch ergötzender sind, als der sinnliche Eindruck selbst. Wenn ich dann auf einer großen lachenden Wiese, die von alten ehrwürdigen Eichen rings um eingeschlossen, und von dem schwankenden Schatten derselben halb überstreut ist, die mildern Einflüsse der Abendsonne genieße; dann versetze ich in diese Gegend alle meine Freunde. Ich sammle inGedanken diesen kleinen aber ehrwürdigen Haufen von Leuten, die ich liebe und die mich wieder lieben, um mich herum, alle durch gegenseitige Neigungen an einander gebunden, alle von einerley Geiste beseelt, zu einerley Empfindungen aufgelegt, und mit eben denselben Arbeiten des Wohlthuns und der Mildthätigkeit beschäftigt. Dieses Spiel meiner Einbildungskraft treibe ich so lange fort, bis ich ganz von den Gegenständen, die um mich sind, entfernt in andern Welten und noch glücklichern Gegenden herumschwebe. Von diesem Fluge ermüdet kehre ich wieder zu dem Orte und dem Stande zurück, in welchem ich bin, und, Dank sey es meinem Geschick! ich habe bey dem Ende meines Traumes noch nicht alles verloren. Meine Mutter, meine Cousine, und mein Lehrer und Bruder, die um mich herum sind; Sie, die erste meiner Freundinnen, und die übrige Reihe meiner männlichen Freunde, die von mir entfernt, aber durch ihr Andenken, durch ihre guten Wünsche, und durch ihr Theilnehmen an meinem Wohl, nahe um mich sind, alle diese theuern Personen, die mir die gütige Vorsichtauf dem Wege des Lebens aufstoßen ließ, um durch ihre Begleitung das Rauhe und Unangenehme meiner Reise zu versüßen, alle diese sind wirklich da, sie lieben mich, sie machen mich durch ihre eigenen Verdienste hochachtungswürdig, und geben mir durch ihre Achtung den Werth, den ich mir selbst niemals erwerben würde.
Ich habe ausfindig gemacht, (denn was für Mittel sucht man nicht auf, wenn man gewisse Sachen nicht verändern kann, um wenigstens uns eine andere Seite von ihnen zuzukehren?) daß die Abwesenheit in der Freundschaft zu etwas nützlich ist. Sie ist das Maß ihrer Stärke. Ich habe neulich im Plutarch gelesen, und wenn es nicht Plutarch gesagt hätte, so hätten Sie mir es sagen können, daß der Beweis einer recht heftigen Liebe nicht sowohl die Größe des Vergnügens sey, die einer in des andern Gegenwart empfindet, als vielmehr die Größe des Schmerzes, die ihnen die Trennung verursacht. Mich deucht, man kann eben dieses von der Freundschaft sagen. Das Vergnügen des freundschaftlichen Umganges ist, ruhig, gemäßigt, und beynahe mehr Heiterkeit als Freude; das Verlangen aber, wenn man desselben entbehrt, ist heftig, zuweilen gar stürmisch. Sie können glauben, daß ich diese Erfahrung bloß von den Empfindungen abstrahire, die mir die Erinnerung an unsere ehemaligen Vergnügungen erweckt. Ich weiß also zuverlässig, wie sehr ich Ihr Freund bin, ich weiß, wie sehr Sie meine Freundin sind. Diese Ueberzeugung ist mir sehr viel werth. Soll ich Ihnen erst sagen, daß ich Sie nicht allein meyne, wenn ich von Ihnen rede?
Ich habe Ihnen bisher nur meine Empfindungen erzählt. Jetzt sollen Sie noch etwas von meiner Geschichte wissen. Ich habe Ihre Briefe noch nicht. — Ich meyne die, die Sie vergangene Woche geschrieben haben, und die verwichenen Freytag in B*** angekommen seyn müssen. Sagen Sie mir, ist es nicht mir recht zum Possen, daß die Post nach B***, die die Briefe von B**** hierher bringt, gerade eine Stunde eher des Freytags abgehen muß, als dieIhrigen ankommen? und dann geht keine wieder eher, als auf den Dienstag. Ich bekomme sie also erst Mittwochs. — Diese Sache ist gar nicht zu ändern; ich muß also nur aufhören, daran zu denken.
Meine Reise ist sehr glücklich und bequem gewesen. Der Herr *** ist ein durch seinen Verstand und Erfahrung angenehmer Gesellschafter. Seine Frau ist es etwas weniger; und da ein großer Theil ihres Werths in dem Range und dem Stande ihres Mannes liegt, so schlägt sie denselben auch ein bißchen zu hoch an. Aber das thut nichts. Gegen mich, als einen alten Freund und Verwandten, ist sie immer sehr gütig.
Die zwey Tage, die bis zu meiner Mutter Ankunft verflossen, recognoscirten wir, ich und mein lieber Bruder, die Gegend. Sie können sie nicht leicht schöner jemals gesehen haben. Wir liegen sehr nahe an der Oder, an deren Ufer überhaupt die schönsten Gegenden von Schlesien sind. Dunkle, ehrfurchtsvolle Hayne, angenehme Wiesen, die fruchtbarsten Felder, alle Theile einer bezaubernden Landgegend wechseln mit einander ab. An dem einen Orte gehen wir auf einem erhabenen Damm, (denn deren müssen hier sehr viele der Gewalt des Stroms im Frühjahr entgegengesetzt werden), von dem man auf beyde Seiten die Aussicht auf die angrenzenden Wiesen und den dabey gelegenen Wald hat. Der Damm selbst ist mit Eichen besetzt, die ihre hohen Wipfel einander zuwehen. An einem andern Orte ist ein weitläuftiger Thiergarten, von drey Stunden in der Rundung, wo man den angenehmsten Schatten, die erfrischendste Kühle, und den erfreuenden Anblick von munteren, freyen und glücklichen Geschöpfen zugleich genießt. An einem dritten Orte ist ein dicker beynahe unwegsamer Wald, wo selbst die mittägliche Sonne keinen Zugang findet, und wo die melancholische Stille nur durch das Rauschen der Aeste, oder das entfernte Girren der Turteltaube, oder das Geräusch eines sich mitten im Walde durch die Aeste durcharbeitenden Hirsches unterbrochen wird.
Hier stellen Sie sich also mich, an meiner Seite meine Mutter, meine Schwester (denn so habe ich meines Onkels Töchter immer betrachtet, und so habe ich sie geliebt) und meinen Freund vor. Da der Herr ****, seine Frau, und mein Onkel, in das Bad gegangen sind, so herrschen wir hier ganz allein. Wir stehen nicht eben sogar früh auf. Wir trinken gemeinschaftlich unsern Thee. Wir verdienen unsere Mittagsmahlzeit durch einen recht guten Spaziergang, von dem wir zuweilen unterwegs unter einer hohen Eiche ausruhen. Die heißen Stunden sind zur Lektüre und zur Arbeit bestimmt. Der Abend ist ganz zu ländlichen Vergnügungen. Wir schlafen ruhig und vergnügt, weil keine unsere Ergötzungen etwas anders als das Verlangen zurück läßt, sie zu wiederholen.
Ich lese meiner Mutter zuweilen auf einer Rasenbank, die eine große Haselstaude beschattet, aus den Gedichten desGiseckevor. O diesen Mann müssen Sie lesen. Er ist der Dichter der Freundschaft und der ehelichen Liebe. Wer kann also ihn besserrichten? und wessen Beyfall würde ihn mehr belohnen? Er ist nicht immer stark, aber er ist immer gut. Leben Sie tausend Mal wohl u. s. w.