Zehnter Brief.
S***witz den 27. Juli.
Ob ich gleich befürchten muß, daß meine Briefe Sie nicht in Leipzig treffen, so kann ich es doch nicht über mich erhalten, keine zu schreiben. Einen Brief an Sie schreiben, ist wenigstens halb so viel, als einen von Ihnen bekommen. Ich glaube, ich habe Ihnen das schon einmal gesagt. Aber das thut nichts. Ich fürchte es nicht, mich in einer Sache zu wiederholen, die auf einerley Art empfunden auch nur auf einerley Art ausgedrückt werden kann. Ich habe überhaupt gemerkt, daß wahre Empfindungen sich zwar richtiger, aber niemals so mannigfaltig ausdrücken lassen, alsdiejenigen, welche Geschöpfe der Einbildungskraft sind. Der schöne Geist und das empfindliche Herz sind deßwegen nicht immer beysammen, und zu gefallen und zu rühren, sind zwey sehr verschiedene und oft einander entgegenstehende Sachen.
Sie sind also in Dreßden. Denn ich bin so glücklich gewesen, Ihren ersten Brief Mittwochs, und den andern unmittelbar darauf Freytags zu bekommen. Ich weiß nicht, warum mir diese Reise gar nicht recht war. Sie schienen nicht mir näher zu kommen, sondern sich von mir zu entfernen. Endlich bin ich auf die Ursache gekommen; wenigstens das Wahrscheinliche fürs Gewisse zu nehmen. Ich fürchtete, unser Briefwechsel würde gestört werden. Ueberdieß, glaube ich, weiß ich Sie gern zu Hause, weil ich mir den Ort, wo Sie sind, und die Beschäftigungen, die Sie da vornehmen, besser vorzustellen weiß. Das Bild ist lebhafter, weil es mehr bestimmt ist. In Dreßden können Sie da und da und da seyn. Aber wo Sie wirklich sind, und was Sie wirklich machen, das kann ich mir zukeiner einzigen Stunde des Tages mit Gewißheit denken. Ich befinde mich in einem fremden Ort, wo ich meine Freundin bey jedem Schritt, den sie sich von mir entfernt, verliere, und sie kaum mit der größten Mühe des Abends im Gasthofe wieder finde.
Endlich, (denn Sie müssen wissen, ich suche mein Herz zu studiren, besonders wenn ich irgend eine ungewöhnliche Bewegung darin merke, und das nicht mehr bloß um meinet, sondern auch um Ihretwillen;) endlich also überfiel mich die bey einer wirklichen Freundschaft so natürliche Eifersucht. Ich weiß die eigentliche Absicht Ihrer Reise nicht. Aber das konnte ich mir doch vorstellen, daß Sie dort neue Verbindungen errichten würden, oder durch schon gemachte Verbindungen dazu wären veranlasset worden. Könnten eine Menge von neuen Eindrücken nicht die alten verdunkeln, wenn sie auch nicht im Stande wären, sie auszulöschen? Sie werden allenthalben, wo Sie hinkommen, und wo man noch Geist und Herz genug hat, um es an andern gewahr zu werden, Freunde finden.Ich müßte sehr verblendet, und mehr eitel als ehrgeitzig seyn, wenn ich mich überreden sollte, daß mich nicht viele dieser Freunde an allen Arten von Vorzügen übertreffen sollten. Und ist es nicht in der Natur, dachte ich, daß man das bessere dem weniger guten vorzieht?
Dieser Gedanke würde mich niedergeschlagen haben (und doch bin ich sonst großmüthig genug, mich wie Phocion, oder wer es sonst war, zu freuen, daß es so viel bessere Menschen giebt als ich) aber jetzt würde mich dieser Gedanke niedergeschlagen haben, wenn mir nicht noch ein Vorzug von mir eingefallen wäre, den ich willens bin, dem größten Theil Ihrer Freunde, oder lieber (denn was soll ich heucheln?) allen Ihren Freunden streitig zu machen. Ich liebe und schätze Sie so hoch, — als es Ihr Bruder thun könnte. Erlauben Sie mir immer, daß ich mir einen Ehrennamen beylege, zu dem Sie mir selbst das Herz gegeben haben. Ich liebe Ihren Mann, ich liebe Ihre kleine Wilhelmine, ich liebe Ihre Freunde; selbst ehe ich sie noch kenne, empfehlen sie sich mir schon durch diesen Namen mehr als durch alle Lobsprüche. Ich brenne vor Begierde, an dem Glück und an dem Vergnügen einer solchen würdigen Familie zu arbeiten; selbst meiner Freundschaft wünschte ich den Segen, daß sie ein neues Band der ehelichen Liebe zwischen Ihnen beyden wäre, auf die sich Ihre ganze Glückseligkeit gründet. Ich wünschte mir einen größern Verstand, um Sie durch meinen Rath zu der glücklichsten Mutter der vollkommensten Tochter zu machen; und mehr Tugend und mehr Herrschaft über meine Leidenschaften, um Sie auf eben dem Wege, durch welchen ich gegangen wäre, zu der Ruhe und der Heiterkeit der Seele zu führen, die wir uns beyde so sehr wünschen, und die so oft durch geringe Veranlassungen unterbrochen wird. Ich bin jetzt nahe dabey, Ihre Frage zu beantworten, und nicht bloß Ihre, sondern auch meine eigene.
Der heutige Tag, sagte ich manchmal zu mir selbst, ist vollkommen dem gestrigen ähnlich. Alle Umstände sind dieselben. Nicht ein einziges von meinen Gütern ist mir genommen. Nicht ein Wunsch ist heute von seiner Befriedigung weiter zurück gesetzt, als er es gestern war. Und doch war ich gestern vergnügt, und heute bin ich traurig und mißvergnügt. Ich habe diese Betrachtung erst vor wenig Tagen wiederholt, wo mein Zustand des Gemüths dem Ihrigen vollkommen ähnlich war; ob ich Sie gleich warnen muß zu glauben, daß eine gewisse Munterkeit im Ausdrucke ein richtiges Maß für den Grad des Vergnügens sey, den ich zu der Zeit genieße. Man kützelt sich zuweilen um zu lachen, eben indem man Schmerzen empfindet. Ich bin heute recht vergnügt, aber es würde die unnatürlichste Sache von der Welt für mich seyn, Lachen zu erregen. Also zu unsrer Untersuchung zurück! Sie wissen, daß die stärksten Triebfedern unsrer Seele im Dunkeln liegen. Die Wirkung wird um desto schwächer, je sichtbarer die Ursache ist. Das Deutliche reducirt sich immer auf wenige Begriffe, die bald überzählt sind, und deren Summe niemals etwas so großes ausmachen kann, daß man davor erschrecken sollte. Alles das kommt uns nur unermeßlich vor, dessen Grenzenwir nicht kennen. Sehen Sie, eben so entsteht unser Unmuth, wie an dem heitern Himmel sich ein kleiner schwarzer Punkt erst in eine kleine Wolke ausbreitet, dann sich immer mit den benachbarten Dünsten vermischt und endlich den ganzen Horizont ringsum verdüstert. So lassen Sie also in diese fröhliche Seele, deren ganze Saiten von dem Vergnügen ausgespannt sind, jeden Eindruck anzunehmen und zu verdoppeln, lassen Sie in dieselbe ein einziges Wort eines Geliebten fallen, eines Ehegatten, oder eines Freundes, das dem Grade der erwarteten Zärtlichkeit nicht entspricht; eine kleine Ungeschicklichkeit, die wir selbst begehen, und die in uns die Erinnerung unsrer übrigen Schwachheiten wieder erweckt; eine kleine Schwierigkeit bey der Ausführung irgend einer unsrer Absichten, selbst die Empfindung einer kleinen Unordnung im Körper. Auf einmal kommen die Vorstellungen von alle dem Unangenehmen, was in unserm ganzen Zustande ist, zu Hauf. Das Vergnügen hatte sie, so wie die Sonne den Nebel, nicht vernichtet, sondern nur aus einander getrieben. Gegenwärtiges, Vergangenes, Zukünftiges, alles drängt sich in unsere enge Seele zusammen, und macht darin ein solches Chaos, und so eine wilde Vermischung, daß aller unser Verstand, und wenn wir auch der Stoische Weise wären, nicht zureicht, es aus einander zu setzen. Alle Uebel werden in diesem Augenblicke unendlich, unaufhörlich, unvermeidlich. Altes verliert sein Maß und seine Grenze, weil es beständig mit etwas anderm vermischt ist, das wir davon nicht scheiden können oder wollen. Wenn man einmal so glücklich ist, so weit zu kommen, sich sein ganzes Unglück nach einander herzuerzählen; oder wenn man genöthiget wäre, es in diesem Augenblicke einem andern zu sagen, so würde man sich wundern, wie Sachen, die, wenn man sie sagt, so wenig betragen, doch, wenn man sie bloß dunkel fühlt, einen so großen Eindruck machen und so viel Verwüstung anrichten können. Ergänzen Sie diese Gedanken durch Ihre eigene Erfahrung. —
Aber sagen Sie mir auch dazu, was ich nicht thun kann, wie man es anstellen muß,um dieser Unruhe — ich will nicht sagen, ganz los zu werden, denn das möchte ich nicht einmal; wenn man die Empfindlichkeit von seinem eigenen Uebel wegnimmt, so verliert man auch die gegen die Uebel anderer, — aber sie doch zu mäßigen. Bloß moralische Vorschriften sind vergebens. Der Verstand geht seinen Weg, und die Einbildungskraft den ihrigen. Es müssen Uebungen, ordentliche Uebungen seyn. — Aber das ist eine Materie, wozu ich Ihren Verstand brauche. — Ich schriebe gerne mehr, aber Sie möchten alsdann wirklich anfangen, kürzere Briefe zu wünschen, und dann sehe ich schon zum Voraus, würde ich trotz aller meiner Philosophie in eben den Unmuth und die Unzufriedenheit verfallen, die ich beschreibe. Leben Sie wohl u. s. w.