Zwanzigster Brief.
Recht! liebe Freundin, von den Eindrücken am Morgen hängt das Vergnügen oder der Verdruß des ganzen Tages ab. Ich folge Ihren Regeln und ahme Ihrem Beispiele nach, — und der erste meiner Gedanken ist heute für Sie. Warum kann ich doch den Gang dieses Briefes nicht beschleunigen, oder warum habe ich Ihnen nicht eher geschrieben, um Ihnen geschwind genug zu sagen, wie richtig Sie gemuthmaßt haben. Ja, ja, tausend Mal hat es mich gereuet, daß ich diesen Brief geschrieben hatte. Nicht, als wenn es nicht einerley Empfindungen der Freundschaft wären, die mir ihn damals eingaben, und die jetzt machen, daß er mich reut. Aber diese Empfindungen hatten sich den Tag so wunderlich mit einer Menge verdrießlicher Vorstellungen vermischt, daß Sie selbst diese Gestalt annahmen und unter einer so fremden Miene beynahe unkenntlich wurden. — Ich hasse argwöhnischeFreunde; ihre Zärtlichkeit besteht bloß in dem Verdrusse, den sie leiden oder den sie verursachen. Aber dem ungeachtet — eine gewisse Art von Besorgniß begleitet die Zärtlichkeit, und es kann Gelegenheiten geben, wo sie wirklich in Argwohn ausbricht. — So fürchtet Niemand die Verachtung mehr, als der die Hochachtung wünscht, und der beständige Verdacht, gering geschätzt zu werden, ist ein sicheres Zeichen des Stolzes.
„Ja, dachte ich, sie ist wohl noch meine Freundin, aber nicht mehr so zärtlich, so feurig, als ehemals; sie nimmt nicht mehr an meinen Angelegenheiten Theil; sie läßt mich nichts mehr von den ihrigen wissen. — Wer weiß, sind nicht diese gütigen Gesinnungen, von denen sie mich versichert, ein bloßer zurückgebliebener Schimmer von dem Feuer ehemaliger Empfindungen? Und warum, thörichter Mensch, warum sollte sie dich auch mit dem hohen Grade von Freundschaft lieben? Welche Verdienste hast du um sie, was für Dienste hast du ihr geleistet, was für Beweise von deiner Freundschaft ihr gegeben? Nein,nein! sie kann nicht ohne Ursache lieben; die Natur will, daß Empfindungen, die auf einer bloßen Verblendung beruhten, mit ihr zugleich aufhören. Die Einbildung schmückt zuweilen einen Gegenstand weit über seinen Werth aus, und leiht ihm alle die schönen glänzenden Farben, durch die er uns gefällt; — aber dieser Schmuck fällt ab, die Farben verlöschen und der Verstand kommt zuletzt und zerstört die ganze Bezauberung. Ja! Abwesenheit und neue Eindrücke haben ihre Wirkung gethan, — und vielleicht, was ich, was sie selbst noch für Zärtlichkeit hält, ist nichts als die Erinnerung, daß sie ehemals zärtlich gegen mich gewesen ist.“
Stellen Sie sich nun meine Seele vor, die durch finstre Irrgänge von melancholischen Betrachtungen bis auf diesen Punkt gekommen war, und dann bewundern Sie die Gelassenheit, mit der ich meinen letzten Brief schrieb. — Die Seele bleibt nicht lange in einem Zustande des Mißvergnügens, den sie sich selbst verursacht hat. Die Einbildungskraft nimmt bald wieder einen andern Weg; die Vernunftkehrt sich die lichtere Seite des Gegenstandes zu, — und dann wundert man sich über die feste Gewißheit, mit der man vor wenig Augenblicken Sachen glaubte, die man jetzt für unmöglich hält.
„Nein, — so fing meine Seele an, sich wieder zu erheben — nein, die Freundschaft kann in einer edlen Seele niemals ohne Grund entstehen; — und wenn sie einmal die Vernunft gebilligt hat — kann sie alsdann in derselben erlöschen? Diese falsche Demuth, mit der du dich selbst erniedrigst, würde das Urtheil und die Wahl deiner Freundin verunehren. Ja, du hast Verdienste um sie: die Begierde, ihr alle mögliche Dienste zu leisten; ein Herz, welches sich fähig fühlt, um ihretwillen große Schwierigkeiten zu überwinden; ein Gefühl, welches mit dem ihrigen übereinstimmend und darauf gerichtet ist, sie, und wenn es möglich ist, mit ihr gemeinschaftlich alle Menschen glücklich zu machen; — dieß sind die einzigen Verdienste, die die Freundschaft verlangt, und mit denen sie sich beruhigt. — Und nun, dieses festgesetzt, warumsollte dich ein Brief beunruhigen, der an sich voll von Gütigkeit, — nur deswegen dir nicht genug thut, weil er deinen Erwartungen nicht entspricht? Du erwartetest von ihr Rath, Beyfall, Ermunterung; du erhieltest dafür nur Versicherungen ihrer Freundschaft und ihres Wunsches, dich wieder zu sehn. Würden diese dich nicht in einer jeden andern Gemüthsverfassung, nur nicht in der, in welcher du warst, zufrieden gestellt haben? — Und du hast ihr einen Brief schreiben können, der, wenn sie wirklich das wäre, was du argwöhnst, sie unwillig machen; und wenn sie das ist, was du wünschest, sie kränken muß.“ —
Wie hätte ich in diesem Augenblicke den mit Vergnügen empfangen, der mir diesen Brief wieder gebracht hätte! — Sehen Sie, so bin ich gestraft worden, noch ehe Sie es wünschen konnten, daß ich gestraft würde. — Aber da ich nicht das Ganze rechtfertigen kann, so muß ich wenigstens einen Theil entschuldigen, — wenigstens den Theil, wo ich wünschte, mehr von Ihren Umständen zu wissen. — In der That ist das, was ich dabey dachte, wasich mir noch jetzo dabey denke, nur dunkel, und es wird mir schwer, es auszudrücken, — aber doch empfinde ich, daß es etwas Wirkliches ist. — Sehen Sie, mitten unter diesen angenehmen Kreis von Vergnügen und Beschäftigungen, die Ihre unschuldigen Tage ausfüllen, stehlen sich nicht oft kleine Gelegenheiten und Ursachen zur Bekümmerniß, zur Sorge, zur Betrübniß, zur Freude, zur Hoffnung? Kleine vorübergehende Wolken, die unsern Himmel auf eine kurze Zeit verfinstern; unvorhergesehene kleine Stürme, die uns von dem ordentlichen Laufe unsers Lebens auf einige Augenblicke verschlagen; — dann wieder auf einmal ein lächelndes, schönes Ufer, eine unerwartete Aussicht, die die Krümmung des Stroms, auf dem wir fuhren, uns verborgen gehalten hatte. — So sehe ich Sie vielleicht den einen Tag, bey einer kleinen Blässe, die Sie auf dem Gesichte Ihrer Wilhelmine bemerken, oder bey einer kleinen Verminderung ihrer gewöhnlichen Munterkeit, — in eine ganze Reihe von sorgsamen und traurigen Betrachtungen gerathen, die selbst die Vergnügungen dieses Tages mit einem gewissen Nebelüberziehn; und dann schweben dunkle Bilder, wie die eines schwermüthigen Traums, auf dem Grunde der Seele. Den andern empfing Sie vielleicht Ihre liebe Tochter mit einem freudigen Lächeln, vielleicht erwiederte sie auf eine mehr als gewöhnliche Art Ihre mütterliche Zärtlichkeit, und zeigte Ihnen von fern die Belohnungen Ihrer Sorgfalt, in den süßen Ergießungen einer kindlichen Dankbarkeit; vielleicht blickten durch ihre Bewegungen oder durch ihre noch unartikulirte Sprache die ersten Strahlen der aufgehenden Vernunft; — und dieser Eindruck stimmte die Seele für diesen Tag zu lauter angenehmen Bewegungen; — dann wieder eine zärtlichere Liebkosung von Ihrem Gemahl; ein unerwartetes Merkmal von der Hochachtung eines Freundes; — eine auffallende und mit Ihren Ideen recht übereinstimmende Betrachtung eines Ihrer Schriftsteller; eine glücklich ausgeführte Arbeit, — ein vollbrachtes Werk des Wohlthuns und der Menschenliebe: — auf der andern Seite eine kaltsinnigere oder eine zerstreutere Miene auf dem Gesichte Ihres Mannes; eine kleine Uneinigkeit in Ihren Meinungen; selbst dasMißvergnügen über eine Handlung, die man wünschte ändern zu können, weil sie unsern Absichten und unserm Plane nicht vollkommen gemäß gewesen ist; — alles das ist es, was ich oft von Ihnen zu wissen wünschte, — und wobey sich mein ganzes Herz bewegen würde, wenn ich es von Ihnen hörte. — O Freundschaft, wenn deine geheiligten Bande zwey tugendhafte Seelen so mit einander verbinden, daß alle Empfindungen und Gedanken der einen in die andre übergehen, — dann verdoppeln sich ihre Kräfte, Gutes zu thun; ihre tugendhaften Regungen werden zu Entschlüssen; ihre Fehler werden ihre Lehrer; und jede fliegt mit der zusammengesetzten Kraft und Geschwindigkeit von beyden ihrem großen Ziele zu. Mein Herz ist zu voll. Ich kann nicht mehr schreiben. —
Ich habe Zeit gehabt, mich von meinem Enthusiasmus wieder zu erholen. Die älteste Tochter des D. Tralles ist den Augenblick bey uns gewesen, und hat einen Brief von ihm aus Leipzig gebracht. Er hat bey O... gewohnt. Professor Gellert hat ihn mit einerungemeinen Freundschaft aufgenommen; er hat ihm selbst wieder in dem O...schen Hause die Gegenvisite gemacht. D. Ludwig hat seinen alten Freund erkannt, — und alle haben sich um die Wette bestrebt, ihm seinen kurzen Aufenthalt angenehm zu machen. Er ist mit Leipzig und seinen Einwohnern so wohl zufrieden, daß er ihnen beynahe auf unsre Unkosten Lobsprüche macht, und sie ehrt, indem er seine Breßlauischen Freunde herunter setzt. Mir ist bey dieser Begebenheit vorzüglich lieb, daß er mit der Aufnahme Gellerts vergnügt gewesen ist. Ich habe dadurch ein kleines Verdienst um Tralles, und einen Beweis von der Gewogenheit Gellerts.
Aber daß ich von Klöber noch keine Antwort habe, daß ich noch immer in derselben Ungewißheit bin, in der ich meinen letzten Brief schrieb; daß ich gestern, da nach Klöbers Vermuthung die entscheidende Antwort vom Minister (der auf seinen Gütern ist) kommen sollte, gar nichts, weder von ihm noch dem Minister, gehört habe: alles das ist mir höchst verdrießlich, und bringt meine Seelein eine gewisse ungeduldige Bewegung, die sie zu wenig Sachen geschickt läßt. — Ich erhalte aber vielleicht noch diese Woche die Antwort — und dann will ich — nicht zur Strafe — sondern zum Ersatz der unruhigen Stunden, die mich Ihr und mein neulicher Brief gekostet hat, Ihnen auf den Sonnabend schreiben. Alsdann sollen Sie zugleich etwas von meiner jetzigen Lektüre hören. Denken Sie nur, ich lese dieFairy Queenvon Spencer, einem Dichter, ohne den Milton vielleicht nicht gewesen seyn würde. — Ich habe nicht geglaubt, ihn in Breßlau zu bekommen; aber es sind einige sehr vollständige Englische Bibliotheken hier. Leben Sie wohl u. s. w.