Sechs und zwanzigster Brief.
Den 21. November.
Noch ist die Sonne nicht über dem Haupte meiner schlafenden Freundin aufgegangen. Aber ich, von der Freundschaft und der Begierde bey ihnen Ihnen zu seyn aufgeweckt, empfinde ein weit süßer und höher Vergnügen, als Sie selbst in den Armen des Schlafs. Unter dem Schirme dieser stillen und ehrwürdigen Dunkelheit, die noch Ihr Schlafzimmer bedeckt, kann ich ungestört den angenehmen Schwärmereyen nachhängen, die von dem Gelärme und den Zerstreuungen des Tages verdrängt werden. Mich dünkt, ich sehe Sie mit der Miene der Unschuld, und mit einem gewissen sanften Lächeln, das durch fröhliche Träume hervor gebracht wird, an der Seite Ihres lieben Gatten. Wenn Ihre tugendhafte Seele, für die Ruhe und Glückseligkeit erschaffen, zuweilen durch die verdrießlichen Zufälle des Tages aussich selbst heraus gerissen, und mit einer unruhigen Heftigkeit von Gegenstand zu Gegenstand umher getrieben wird, so kehrt sie doch des Nachts wieder zu sich selbst und zu der Wohnung der Zufriedenheit und der Ruhe zurück. Der Geist, der des Tages über oft von seinem Gefährten, dem Körper, Befehle annehmen mußte, wird nunmehro ganz wieder sein eigen, und bringt unter den Bildern, die ihm vorher aufgedrungen wurden, jetzo nur die reinsten und schönsten wieder hervor. O möchten Sie doch beym Erwachen diese muntre und fröhliche Heiterkeit, diese Erhöhung Ihrer Kräfte, diese wiedererlangte Leichtigkeit fühlen, die eines solchen Schlafs unausbleibliche Frucht ist. O möchten doch meine Wünsche über Ihren heutigen Tag den glücklichen Einfluß haben, daß dieses Licht, welches Sie jetzt zum ersten Mal erblickt, keine andern, als die Scenen der Liebe, der Tugend und der Freundschaft erleuchtete. Möchte der Himmel Ihnen heute manchen Unglücklichen in den Weg führen, dem Sie beystehen, manchen Rechtschaffenen, dessen Glück Sie befördern können! Möchte Ihre Seele, wie die Fläche des Meeres an einemstillen Morgen, von keinem Sturme bewegt, das Bild des Himmels in sich auffangen, und dem betrachtenden Zuschauer, Ihrem Gemahl oder Ihrem Freunde, in gemildertem aber unverfälschtem Glanze wieder zurück werfen. Nun gehe ich zu meiner alten Materie fort.
Wenn die Metaphysik der Liebe, die in den Französischen Dichtern und Schriftstellern so häufig ist, ein elender Ersatz für die wirklichen Ergießungen der Empfindung ist, die wir in der Julie von Shakspeare oder Rousseau finden; so wäre sie doch immer ein sehr wichtiges Stück von Psychologie, wenn man nur mehr die Art, wie diese Leidenschaft entsteht, und die Zusammenstimmung der verschiedenen Fähigkeiten der Seele, die da seyn muß, wenn sie zu einem gewissen Grade gelangen soll, erklärte, als alle die kleinen Symptome, die sich bey ihrer Gegenwart äußern, und die doch so oft nur von der Galanterie erzeugt, und von der wahren Empfindung, wie von einem zu heftigen Feuer, verzehrt werden. — Man kann schon daraus, daß diese Leidenschaft so selten ist, und daß von tausenden, die sich miteinander verbinden, oft nur zwey von dieser himmlischen Göttin einander zugeführt werden, — schon daraus kann man vermuthen, daß diese Eigenschaft, welche die Seele des Feuers der Empfindung fähig macht, eine eben so seltne Gabe sey, als die, welche den Verstand zur Hervorbringung neuer Ideen in den Stand setzt.
Die Geschichte macht gewissen großen Männern, deren Andenken sie uns aufbehalten hat, eine Schwachheit aus ihrer Liebe. Aber gewiß, diese Geschichtschreiber waren keine Philosophen; sie verstanden es nicht, daß eben dieselbe Quelle die beyden Ströme der Empfindung und der Einsicht ausgießt; daß die Fähigkeit zu großen Leidenschaften die großen Männer hervor bringt; und daß Heinrich, wenn er in Nacht und Nebel, in einem Bauerkittel verkleidet, sich mitten durch die Postirungen und Wachen der Feinde zu seiner geliebten Estrées schleicht; wenn in dem heftigesten Anfalle körperlicher Schmerzen diese Emfindung dennoch bey ihm siegt, und er am Rande des Grabes seiner Estrées noch schreibenkonnte:Mon premier penser est à Dieu, et le second à Vous; eben dieselben Fähigkeiten des Geistes brauchte, durch die er der große Feldherr und der vortreffliche König wurde.
Ich habe die Liebe neulich blos als eine Folge von Eindrücken angesehen, deren Stärke und Dauer zeigt, wie sehr die Seele fähig ist, lebende und bleibende Bilder der äußern Gegenstände zu empfangen. Aber die Seele verhält sich nicht blos leidend; es sind nicht Wirkungen, die nur auf sie geschehen, und denen sie nur nicht widerstehen darf. Ihre eigne Kraft muß diese Eindrücke beleben, sie fest halten, sie in diejenige Form bringen, in welcher sie ihren Einfluß noch immer auf dieselbe fortsetzen, wenn sie gleich selbst ihre erste Stärke verloren haben. Akenside macht in seinenPleasures of Imaginationeine vortreffliche Anmerkung, die für den Moralisten, und ich denke auch für den Liebhaber, höchst wichtig ist. Gewisse unsrer Pflichten und unsrer schönsten Neigungen beruhen auf einer Art von Illusion, die nur durch eine starke und mächtige Einbildungskraft aufrecht erhalten werdenkann. Von der Art ist die Vaterlandsliebe. Der Begriff von Societät ist viel zu allgemein und abstrakt, und die Bande, mit welchen wir an diesen Haufen unbekannter und uns gleichgültiger Menschen geknüpft sind, wären für uns viel zu schwach, um uns Gefahr und Tod für diese leicht zu machen: wenn nicht die Einbildungskraft an die Stelle dieser reellen Objekte, die zu groß und zu weit sind, als daß wir sie mit unsrer Empfindung umfassen könnten, ein gewisses Phantom setze, welches wir selbst ausschmücken, und unter dessen Bilde wir diese unsichtbare Gottheit, das Vaterland, anbeten. So erhitzte sich der Römer bey dem Anblicke seines Senats, des Kapitols oder irgend eines andern öffentlichen Monuments, das himmelweit von dem wahren Vaterlande entfernt war, und welches er doch dafür annahm, um seine Empfindung in eine engere Sphäre zusammen zu drängen, und sie dadurch zu beleben.
Lassen Sie uns dieses auf die Liebe anwenden. Sie ist, wenn wir sie zergliedern, das Resultat aus den vereinigten Wirkungen des Vergnügens an Vortrefflichkeit, der Freundschaftund der sinnlichen Lust. Es ist augenscheinlich, daß, wenn die Leidenschaft nur aus einer dieser Quellen entsteht, sie mit derselben zugleich versiegt; und da alle Arten von sinnlichem Vergnügen vermöge der Natur der Seele abnehmen, so muß ein Feuer erkalten, welches blos durch sie angezündet war. — Aber es giebt eine andere Art von bessern Seelen, die nicht blos wie Silenen lieben, und die die Venus, die aus dem Schaume des Meeres entstand, von der himmlischen, die vom Olympus entspringt, und an dem Throne Jupiters selbst ihren Sitz hat, unterscheiden; ihr Geist liebt in der That, nicht blos ihr Körper; und demungeachtet werden diese rechtschaffnen Liebhaber doch kalte Ehemänner. Die Gewohnheit übt über ihre Seelen ihre gewöhnliche Gewalt aus, und weil ihre Leidenschaft blos durch die Eindrücke auf sie hervor gebracht wurde, so verlischt sie, so wie die Zeit ein Stück nach dem andern von diesen Eindrücken verwischt, und sie zu der gewöhnlichen Stärke aller übrigen Begriffe in unsrer Seele zurück bringt. Nur eine dritte Gattung von Seelen, die an die Stelle ihres Freundes oder ihres Geliebten ein gewisseserhöhtes Ideal setzen; die aus den Vollkommenheiten, die sie wirklich in ihm gewahr werden, die sie aber noch verschönern, ein Ganzes zusammen setzen, welches wirklich vollkommner ist, als der Gegenstand selbst; die in sich selbst beständig eine neue Quelle von Empfindung finden, und in der Beschauung des Bildes, was sie sich selbst geschaffen haben, und zu dem ihnen das Original so zu sagen nur die ersten Striche gegeben hat, sich mit neuem Feuer beleben: diese sind es allein, die der Liebe ihre Schwingen ausreissen, und das Feuer, das sonst durch den Zufluß neuer Materie unterhalten werden muß, durch ihr eignes ernähren.
Ich bin jetzt auf dem Wege, zu zeigen, wie eben diese Kraft der Imagination, ohne die niemals eine große oder dauerhafte Liebe gewesen ist, große Männer und vortreffliche Thaten hervor bringt. — Aber dieses ist selbst für einen neuen Brief noch zu viel Materie, und man ruft mich schon ein Mal über das andre u. s. w.