Sieben und zwanzigster Brief.

Sieben und zwanzigster Brief.

Ich habe heute einen so heftigen Schnupfen und Kopfschmerzen, daß nichts in der Welt, als die Begierde, Ihnen auch die kleinste, und wenn es nur eine minutenlange Unruhe wäre, zu ersparen, mich hätte bewegen können, die Feder anzusetzen. Demungeachtet habe ich zwey so liebe werthe Briefe von Ihnen vor mir, die ich beantworten sollte; und die mir auch Stoff genug geben würden, wenn ich nicht heute zu allem, als zu einem gänzlichen Müßiggange, unaufgelegt wäre. Wenn Sie meine Briefe nicht verstehen, so ist es immer gewiß meine Schuld. Ich bringe oft meine Gedanken zur Welt, ehe sie völlig ausgebildet sind; und es ist natürlich, daß meine Freunde, wenn ich sie ihnen in diesem Zustande übergebe, nicht recht wissen, was sie mit diesen ungeformten Massen machen sollen. Thun Sie an diesen verunglücktenGeschöpfen die Barmherzigkeit, die Sokrates an ähnlichen Geburten seiner Freunde that; wenn Sie sie nicht gleich bey der Entstehung haben retten können, so geben Sie ihnen wenigstens, so wie sie da sind, die erträglichste Figur, die sie machen können. Bilden Sie sie aus, erziehen Sie sie; und wenn sie es werth sind, so vermählen Sie sie mit den weit liebenswürdigern Kindern eines so sanften und zarten Herzens, und eines so richtigen Verstandes, als der Ihrige ist.

Ich habe diese Materie noch nicht erschöpft. Ich habe mir die Liebe blos in ihrer Entstehung vorgestellt. Sie sollen nun auch meine Gedanken über ihre Wirkungen wissen. Ich sehe schon zum Voraus, daß ich in Gefahr komme, meine Schwäche sehen zu lassen, indem ich vielleicht mit meinen Beschreibungen bey Ihnen, die es empfinden, nicht schließen, was Liebe ist, ungefähr in eben den Rang kommen werde, in welchem bey uns Sehenden der blinde Philosoph steht, der sehr gründlich, wie er dachte, die rothe Farbe durch den Schall einer Trompete erklärte. —

Ich sehe, ich fange an, meinen Kopfschmerz zu vergessen, indem ich mit Ihnen rede. Wäre der Abgang der Post nicht so nahe, so glaube ich, ich schriebe vier Seiten voll, ehe ich daran dächte, daß ich nur so viel Zeilen schreiben wollte. Erzählen Sie mir doch etwas von Ihrer jetzigen Lektüre u. s. w.

N. S. Romeo und Julie ist nun gedruckt. — Aber Sie müssen das Stück entweder schon gesehen haben, oder es noch sehen, ehe Sie es lesen.


Back to IndexNext