Sechster Brief.
B***, den — Juli.1767.
Wissen Sie auch wohl, daß ich Ihre Frage, ob wir noch einerley Empfindungen mit einander hätten, für einen Vorwurf würde angesehen, und daß mich dieser Vorwurf würde gekränkt haben, wenn ich nicht selbst in den Beyspielen, die Sie dafür anführen, eine nette Bestätigung dieser Gleichheit Ihrer Gesinnungen mit den meinigen, auf die ich so stolz bin, gefunden hätte. Ich kann mir also unmöglich helfen. Ich muß erst diese beyden Punkte erörtern, ehe ich ein Wort weiter schreiben kann, gesetzt auch, daß Ihnen indeß der Brief vor Langerweile aus der Hand fallen sollte.
Zuerst also meine Unzufriedenheit bey meiner Ankunft in B****. Sollte ichIhnen erst nöthig haben, die Quellen davon zu entdecken? Sie sagen, ich hatte Freunde verlassen, die mich liebten, und ich kam zu andern, die ich auch liebte. Haben Sie niemals diese angenehme Mischung von Schmerz und Vergnügen, von Verlangen und von Befriedigung, von Sehnsucht nach abwesenden Gütern, und von Genuß der gegenwärtigen empfunden? Haben sich niemals mit den Thränen, die Sie über den Anblick neuer Freunde vergossen, diejenigen vermischt, die Ihnen das Andenken an die, von denen Sie sich losgerissen hatten, ablockte? Sie, die Sie die menschliche Seele so gut kennen, da Sie Ihre eigene mit so vieler Sorgfalt studirt haben, wissen Sie nicht, wie geschickt eine gewisse Art von Freude ist, die traurigen Empfindungen, die eine Zeit lang in der Seele geschlafen haben, wieder zu erwecken, und mit ihnen vermischt einen gewissen Zustand der Ermattung hervorzubringen, wo die Seele, zu denken und zu handeln unfähig, unter der Menge von dunkeln Ideen, die sich in ihr zusammen drängen, erliegt. So empfand meine gute Mutter den Verlust ihrerTochter niemals mehr, als da sie ihren Sohn wieder sah, und ich fühlte in den ersten Umarmungen meiner Mutter am meisten, wie viel ich an Freunden verloren hatte, die in diesem Augenblicke mit mir die Glückseligkeit einer wieder vereinigten Familie würden getheilt haben.
Dieses waren die Regungen der ersten Augenblicke. Ihnen folgten andere eben so traurige, aber weniger angenehme. Glauben Sie ja nicht, daß die guten Leute immer glücklich sind. Wenn sie es wären, so bin ich stolz genug zu sagen: unser Haus würde mehr als einen Glücklichen einschließen. Aber wie weit, wie weit ist es davon entfernt, daß dieses ganz wahr seyn sollte? Meine Mutter, durch die natürliche Zärtlichkeit ihres Körpers, und durch die große Empfindlichkeit ihrer Seele, einer Menge von Uebeln bloß gestellt, mit denen die Natur härtere und fühllosere Menschen verschont hat; durch eine beynahe fortgehende Reihe von Unglücksfällen in einer beständigen Uebung dieser Empfindlichkeit unterhalten; durch eine sehr schwere und sorgenvolle Nahrung, die sie seit dem Tode ihres Mannes ohne Gehülfen und Rathgeber besorgt, abgemattet und entkräftet, von Krankheit und der Annäherung des Alters bis zu dem äußersten Grade der Zärtlichkeit in ihren Nerven gebracht; und in diesem Zeitpunkte ihrer besten Stütze beraubt, und fast mitten unter ihrer Familie einsam und verlassen, — sagen Sie mir, geliebte Freundin, was würden Sie in meinen Umständen fühlen, wenn Sie, so wie ich, sich außer Stande sähen, dieser Mutter zu helfen; wenn Sie ihr sogar in der Zukunft keine Aussicht, wenigstens keine nahe Aussicht anweisen könnten, durch die Sie ihre gegenwärtigen Umstände erträglich machten? Sagen Sie mir, liebe Freundin, wo ist die Stelle, die für mich zubereitet ist, und von der ich hoffen könnte, meiner Mutter die ihrem gütigen Herzen so theuere Glückseligkeit zu verschaffen, in der Gesellschaft ihres Sohnes ihre letzten Tage in Ruhe und Zufriedenheit zuzubringen? Ich selbst in die Welt nur noch so hingeworfen, in die Welt, die, dem Himmel sey es gedankt, nicht ganz leer von Freunden für mich, aber vielleicht leer von Beförderern und dem, was man darin Patronen nennt, ist; ich selbst noch von einem Orte zum andern herumirrend, zwar nicht ganz ohne Endzweck, aber doch noch ohne große Mittel, diesen Endzweck auszuführen; was kann ich für meine Mutter thun, da ich für mich selbst nichts zu thun vermag?
Glauben Sie wohl, daß es mir unter diesen Umständen leicht wird, daran zu denken, daß ich meine Mutter verlassen soll; sie so verlassen, ohne ihr vorher zu sagen, nach was für einem Plane ich arbeiten werde, um ihre Glückseligkeit mit der Erreichung meiner Wünsche zu vereinigen? Und doch kann ich nicht anders; ich muß sie verlassen. Alles, sie selbst ausgenommen, macht, daß ich diesen Augenblick beynahe wünsche. Die Beförderung, die mir meine Vaterstadt darbieten kann, ist, wie Sie wissen, nur von einer einzigen Art. Glauben Sie nicht, daß mich der Name und die gewöhnliche Verachtung eines Schulmannes abhalten würde, in einen Stand zu treten, der, wenn er recht verwaltetwird, ehrwürdig ist, und den die Vortheile und die Erleichterung, die ich meiner Mutter dadurch verschaffe, mir auch sogar liebenswürdig machen würden. Aber die Verrichtungen, die hier zuerst denen auferlegt sind, die in diesen Stand treten, die Unwissenheit, und noch mehr der elende Geschmack, der unter den meisten der hiesigen Schullehrer herrscht, und durch sie ohne Zweifel die Studirenden ansteckt; der durchgängige Mangel an guter Lebensart bey dieser ganzen Zunft Leuten, unter denen ich doch genöthigt würde zu leben; der Mangel an Ermunterung und Hülfsmitteln zur Vermehrung der Wissenschaften, die ich mehr schätze als alles; endlich, was darf ich es erst sagen, die Entfernung von Freunden, die mir theuer sind, um so viel theurer, weil ich sie nicht bloß der Natur und Familienverbindungen zu danken habe; — alles dieses, und was weiß ich noch, was für hundert dunkel damit vermischte Vorstellungen mehr, machen mir es ganz unmöglich, daran zu denken.
Nun gut also. Ich gehe von B****. Aber wohin? Nach L***zig? Ja freilichist dieß der Ort, der mich unter allen am meisten an sich zieht. Aber was hälfe es, wenn ich vor mir selbst es verbärge. Es ist nicht Hoffnung der Beförderung, sondern das Vergnügen, meine Freunde wieder zu sehen, welches mir diese Stadt vor allen andern so angenehm macht. Sie wissen selbst, und wenn Sie es nicht wissen, so lassen Sie sich es den braven und rechtschaffenen Ebert sagen, was für Geduld und Aufopferungen dazu gehören, sein Glück bey der Leipziger Akademie zu erwarten. Und während der Zeit, daß ich diese vielleicht fehl schlagende Probe machte, würde meine arme Mutter von Alter und Sorgen verzehrt, von ihren noch übrigen Freunden vollends entblößt, und stürbe, ehe sie die so lange gehoffte und so theuer errungene Ruhe ihres Alters gekostet hätte. Lassen Sie mich also auf eine andere Universität gehen, wo die Beförderung leichter und geschwinder ist. Setzen Sie den besten möglichen Fall. Machen Sie mich in einigen Jahren zum Professor in Halle, oder in irgend einem andern solchen Winkel der Erde. Jetzt soll ich meine Mutter in ihrem Alter aus ihremnatürlichen Boden in ein ganz fremdes Land verpflanzen, sie aus einer belebten und volkreichen Stadt in einen todten und finstern Flecken führen, sie aus dem Cirkel ihrer Freunde und ihrer Bekanntschaften, die sie von langer Zeit her kennen, die sie alle hochschätzen, unter ganz fremde und für sie noch gar nicht eingenommene Menschen bringen, — oder mir mit einem so groben Stolze schmeicheln, daß ich allein aller deren Stelle würde ersetzen können. — Ist dieses vielleicht nicht ein eben so schwerer und trauriger Schritt für beyde? — Und doch bey dem allen, was bleibt mir übrig?
Sie sehen, liebe Freundin, wenn Sie diese Ueberlegungen machen, Sie werden meine Unruhe nicht schelten, so gütig Sie mich auch von Ihrer Gewogenheit versichert haben, und so gewiß ich von der Liebe der Meinigen bin. — Aber das ist noch lange nicht alles. Ich behalte mir dieß auf einen andern Brief vor. Ich kann nicht anders; ich muß Sie mit meinen eigenen Angelegenheiten unterhalten. Der Wohlstand würde dieß bey Personen,die weniger meine Freunde wären, verbieten. Aber es ist gar zu eine große und eine zu unentbehrliche Glückseligkeit, zuweilen sein volles Herz in den Schoß eines Freundes ausschütten zu können. Ich habe Ihnen schon oft gesagt, Sie und Ihr liebster Gemahl machen in meiner Einbildungskraft nur Eine Person aus. Sie sind in meinen Gedanken eben so unzertrennlich, als Sie es durch Ihre Liebe sind. Alles also, was ich Ihnen schreibe, ist zugleich für ihn geschrieben. Sein kurzer Brief ist mir dem ungeachtet so angenehm gewesen, als der längste Brief hundert anderer mir nicht seyn würde.....
Ich sehe, ich stehe in Gefahr, meinen Brief eben so lang und so voll von Digressionen zu machen, als es des Tristram Shandy Roman ist. Also nur noch ein Wort von Klopstock und seinen Briefen, und dann nehme ich bis auf künftigen Freytag von Ihnen Abschied. (Können Sie wohl errathen, was ich da erwarte?) —
Ich wundere mich gar nicht darüber, daß Ihnen des Mannes, und mir der Frau ihreBriefe zärtlicher vorkommen. Das macht, würde Onkel Tobias sagen, Sie sind eine Frau, und ich ein junger Mensch. Ich habe des Klopstocks Briefe flüchtig gelesen, der Frau ihre recht aufmerksam. Sie haben vielleicht das Gegentheil gethan. Mit einem gleichen Grade der Aufmerksamkeit würden wir bey beyden vielleicht gleich viel empfunden haben. Ich wenigstens, durch die Verschiedenheit Ihres Gefühls aufmerksam gemacht, habe sie noch einmal gelesen, und schon habe ich des Klopstock Briefe viel zärtlicher gefunden. Aber, daß es ihre weniger sind, das wollte ich doch noch nicht gerne für wahr halten.
Wie gern fieng’ ich noch die eilfte Seite an, um Stellen zu meiner Vertheidigung anzuführen! Aber es hilft nichts. Es ist jetzt ein Uhr, Dienstags in der Nacht. Möchten doch die gütigen Engel Ihre und Ihres Geliebten Ruhe beschirmen u. s. w.