Siebenter Brief.
B***, den — Juli1767.
Wahrheiten, die uns sehr am Herzen liegen, können niemals zu oft bewiesen werden. So ein sophistisches Ding ist dieses Herz, daß es sich der Ueberzeugung von eben der Sache am meisten widersetzt, von der es am meisten gewiß zu seyn wünscht. Ich, zum Beyspiel, bedarf keiner neuen Proben mehr, um zu wissen, daß Sie meine Freundin sind. Und doch, mit welchem Vergnügen habe ich diejenigen aufgenommen, die Sie mir in Ihren letzten Briefen gegeben haben, gerade so, als wenn dieß die ersten gewesen wären. Sie wissen, wie schwer sich Empfindungen durch Beschreibungen deutlich machen lassen. Man kann nichts weiter thun, als diejenigen, welche ähnliche gehabt haben, an ihr eigenes Gefühl erinnern.
So stellen Sie sich also Ihren lieben Mann, meinen Freund, an dem Abende eines sehr geschäftigen Tages vor. Er tritt zuerst mit einer etwas tiefsinnigen und zerstreuten Miene in ihr Zimmer. Seine von fremden Bildern ganz angefüllte Seele empfängt schon die geheimen Einflüsse Ihrer Gegenwart, ohne sie noch zu fühlen; selbst die ersten Liebkosungen verschwenden Sie an den Undankbaren vergeblich. Endlich thut Ihr Anblick und Ihre Zärtlichkeit ihre gehörige Wirkung; und jetzt schweben nur noch die Sorgen der Geschäfte auf der Oberfläche der Seele, wie die Nebel an einem heitern Frühlingsmorgen auf dem Gipfel der äußersten Berge. So gewinnt der Ehemann einen Schritt nach dem andern über den Geschäftsmann — bis er zuletzt nur ganz allein übrig bleibt. Was Ihnen in diesem Augenblicke ein stillschweigender Kuß ist, den er Ihnen aus vollem Herzen giebt, ein Druck seiner Hand, bey dem er sie zugleich seine Wilhelmine nennt, sehen Sie, das waren für mich Ihre Briefe. Versicherungen von Sachen, die wir lange wissen, die wir aber gern vergessen, an denenwir sogar zweifeln, aus bloßem Muthwillen, um sie uns noch einmal versichern zu lassen!
Ich glaube, Sie müssen es schon bemerkt haben, daß es eins von meinen Steckenpferden ist, (hieraus können Sie schließen, daß ich den Tristram Shandy lese) über alles, was in und mich herum vorgeht, zu philosophiren, jede Begebenheit, wenn sie auch die natürlichste und gewöhnlichste von der Welt ist, zu erklären und aus Gründen zu zeigen, wie sie möglich gewesen ist. Wenn ich mich nicht irre, so war ich eben im Begriffe, einen guten Ritt darauf zu thun. Denn, anstatt Ihnen mit drey Worten zu sagen, liebe Freundin, Ihre Briefe waren mir herzlich lieb, und dann gleich zur Beantwortung ihres Inhalts fortzugehen; verwende ich eine und eine halbe Seite, um es zu beweisen, daß es möglich gewesen ist, daß ich mich über Ihre Briefe habe freuen können. Und doch, welcher Beweis wäre stärker gewesen, als die Aufmerksamkeit, mit welcher ich alle Ihre gütigen Vorschläge erwogen habe.
Nach dem Wunsche, bey Ihnen zu seyn, ist keiner stärker als der, daß Sie es zuweilen wünschen möchten, daß ich bey Ihnen wäre. Denken Sie also, was es seyn muß, wenn Sie noch mehr thun, und nicht bloß wünschen, sondern schon Anstalten machen, mich bey sich zu behalten. Wenn es mir jemals schwer angekommen ist, Schwierigkeiten gegen den Rath meiner Freunde zu machen, so ist es gegen einen solchen, der die größten Wünsche meines Herzens vereiniget. Der Entwurf, den Sie mir machen, der freylich der natürlichste und ohne Zweifel auch der sicherste ist, ist dem ungeachtet viel zu weit aussehend, als daß ich damit meine Mutter beruhigen könnte, die bey Ihrem Alter und bey Ihrer Schwäche eine Glückseligkeit, auf die sie so viele Jahre warten muß, für gar keine hält. Und wie kann sie hoffen, diesen Zeitpunkt zu erleben, wenn die Zeit, die dazwischen ist, mit Sorgen und Mißvergnügen angefüllt seyn sollte. Gesetzt aber, ich hätte das Ziel erreicht, und meine Mutter wäre noch im Stande, eine so große Veränderung vorzunehmen; was sind es nicht für neue Beschwerden, die die Ausführung unsers Vermögens verursachen würde. — Meine Mutter hat bey allen Beschwerlichkeiten ihrer Nahrung doch auch den Vortheil gehabt, daß sich ihr Vermögen besser verinteressirt hat, als durch bloßes Ausleihen. Lassen Sie nun von einem nicht großen, aber doch für einen ehrlichen Mann hinlänglichen Vermögen das abgehen, was der Abzug kostet; setzen sie dazu die Verschiedenheit des Geldes und der Preise der Dinge in beyden Ländern, und endlich rechnen Sie noch die Schwierigkeiten, die mit der Errichtung einer neuen Haushaltung verbunden sind; und Sie werden sehen, daß meine Mutter nicht die Hälfte der Bequemlichkeiten würde haben können, zu denen sie hier gewohnt ist. Denn daß meine eigene Einnahme einen beträchtlichen Zuschuß zu unserer Oekonomie in wenig Jahren machen sollte, dazu sehe ich keine andere, als sehr unsichere Hoffnungen. Sehen Sie, so partheiisch ich für einen Entschluß bin, der mit meinen Neigungen so sehr übereinstimmt, so kann ich es mir doch nicht verhehlen, daß dieses sehr beträchtliche Schwierigkeiten sind;und was kann ich darauf antworten, wenn meine Mutter sie mir entgegensetzt? — Was anders, als daß die Schwierigkeiten für mich, in B**** zu bleiben, noch größer sind, und wenn sie sich auch alle auf eine einzige zurück bringen ließen, ich meyne diese, daß ich zu dem Stande, der für mich der einzige ist, nicht die geringste Neigung habe?
Sie müssen es diesem Briefe ansehen, daß er unter sehr vielen Zerstreuungen geschrieben ist. Ich bin gar nicht mit ihm zufrieden. Denn bey alle den Schwierigkeiten, die ich mache, wollte ich doch nicht, daß Sie glaubten, ich hätte jetzt mehr Lust hier zu bleiben, als ehemals. Ich komme mit Gottes Hülfe gewiß auf Michaelis nach Leipzig, aber ob um beständig dort zu bleiben, das ist in den Händen der Vorsehung. —
Ich reise morgen mit dem Herrn Oberforstmeister S**** und seiner Gemahlin nach S***witz, wo mein ehmaliger Lehrer und Hofmeister Pfarrer ist. Meine Mutter kommt auf den Freytag mit meinemOnkel und seiner Tochter nach. Dieser geht alsdann mit dem Herrn Oberforstmeister weiter ins Gebirge nach L***, um da die Brunnenkur zu brauchen. Wir übrigen bleiben in S***witz, und werden dort in einer vortrefflichen Gegend vier oder fünf Wochen in dem Hause meines Lehrers zubringen. Dieser Aufenthalt könnte mir durch nichts in der Welt unangenehm gemacht werden, als wenn Ihre Briefe nicht mehr so richtig einliefen, oder die meinigen nicht zu rechter Zeit auf die Post gegeben würden; denn das Dorf ist sechs Meilen von B****. Ich werde aber alles mögliche thun, um beydes zu verhüten.
Diese Reise macht heute meinen Brief so kurz, und nöthigt mich, den an meinen lieben M. Reiz ganz aufzuschieben. Es ist jetzt 12 Uhr in der Nacht und morgen muß ich um 6 Uhr auf seyn. Leben Sie wohl!