Siebenzehnter Brief.

Siebenzehnter Brief.

Den 16. September.

Der Kleine, dessen Leiden ich Ihnen schilderte, hat sich gebessert. Er ist keines menschlichen Leidens mehr fähig. — Für den tugendhaften Mann und für den Christen ist der Tod wenig; aber für den Menschen ist der Schmerz immer etwas sehr Großes. Neulich war mein ganzes Mitleid für das Kind selbst, jetzo ist es nur noch für seine Mutter. Ich will Ihnen nicht ihren Schmerz beschreiben, um nicht den Ihrigen rege zu machen. Sie wissen, was es heißt, Mutter seyn. — Aber einen andern Verlust muß ich Ihnen erzählen, der nicht so schmerzhaft, — aber doch für uns empfindlich ist; noch dazu einen Verlust, der die ganze Begierde, zu Ihnen zu kommen, bey mir wieder rege macht, da er mir die vortrefflichste Gelegenheit dazu verschafft hätte. Denken Sie nur, ich hätte in Gesellschaft eines Tralles zu Ihnen kommen können, ich hätteSie gesehn, Sie hätten einen unsrer besten Freunde gesehn, die Hochachtung, die ich für meine Freundin habe, hätte sich noch eines rechtschaffenen Herzens bemeistert, und — Aber hören Sie erst die Geschichte.

Tralles als einen Arzt kennen Sie, glaube ich. Aber das müssen Sie noch wissen, daß er beynahe der würdigste Gelehrte und der beste Gesellschafter in B**** ist. Diese Titel werden Sie, denke ich, noch nicht so aufmerksam machen, (welche Eigenliebe!) als wenn ich Ihnen sage, daß er der älteste Freund unsers Hauses, daß er fast der einzige recht vertraute Freund meines Onkels ist, — daß seine erste Frau die beste und die einzige Freundin war, die meiner Mutter ihr ganzes Herz besessen hat. Dieser Mann, der neulich nach Warschau als Leibarzt kommen sollte, und es aus Liebe zu seinen Freunden ausschlug, hat jetzt einen andern Antrag, der just in einer so unglücklichen Epoque kommen muß, da sich B**** bey ihm durch einen ansehnlichen Verlust, den er durch die Betrügerey eines Freundes leidet, verhaßt gemacht hat, daß erfast geneigt ist, ihn anzunehmen. Die Fürstin von Gotha verlangt ihn zu ihrem Beystande bey ihrer jetzigen schwachen Gesundheit, — und wünscht ihn als Leibarzt zu behalten. Er kam eben von einer Reise wieder, als er einen Brief von dem Gothaischen Hofe fand, wo man ihn unter den schmeichelhaftesten Hoffnungen, die man einem Menschen geben kann, einladet, noch diesen Herbst nach Gotha zu kommen, seine Familie mitzubringen, — und den Winter dort zu bleiben. Es sollte alsdann von seiner Wahl und von dem Grade von Zufriedenheit abhängen, den er mit dem dasigen Aufenthalte, und der Art von Aufnahme, die er erhalten hätte, haben würde, ob er nach Breßlau zurückkehren oder bey ihnen sein Leben beschließen würde. Denn er ist schon sechszig Jahr. — Er ist nun entschlossen, die Reise zu thun, ob er gleich ihren Erfolg noch nicht vorhersieht. Seine jetzige Frau wird ihn mit ihrem kleinen Sohne begleiten. Von zwey Töchtern aus der ersten Ehe ist die eine verheyrathet, und kann also ihrem Vater nicht folgen, die andre will zum Beystand ihrer Schwester zurückbleiben.

Dieser D. Tralles nun reist auf den Sonnabend ab, — und reist über Leipzig. — Was würde ich nicht darum gegeben haben, so einen Gesellschafter zu finden; und wie sehr gütig war nicht seine Anerbietung. — Wenn ich mitführe, sagte er, so wollte er wechselsweise auf dem Kutschersitze fahren, wenn er keinen andern Platz hätte. Demungeachtet bleibe ich hier, — verliere einen Freund, den ich noch hatte, und komme zu denen nicht, die ich entbehrte. —

Ich sinne schon die ganze Zeit, seitdem ich diese Reise weiß, auf Mittel, den D. Tralles Ihnen oder Ihrem lieben Gatten vorzustellen. Ich schmeichle mir, Sie würden einen Mann nicht ungern sehen, der erst vor wenig Tagen aus unserm Hause kommt, der uns alle kennt, der unser Freund ist, — und der es verdient, auch der Ihrige zu seyn. Aber ich gestehe es, ich begreife noch nicht, wie die Sache zu machen ist. Er bleibt nur einen halben Tag und über Nacht in Leipzig. — Er will Gellerten besuchen, an den ich heute schreibe, und bey dem ich ihn anmelde. — Er ist ein Anverwandtervon ***. Man erwartet ihn in diesem Hause, und man wird ihn ohne Zweifel dahin ziehn. — Wo mir recht ist, so ist diese ***sche Familie nicht eben im Besitz einer sehr großen Achtung. Ich kenne sie nur vom Parterre aus; aber von da sah mir die Tochter sehr einfältig und eitel — ihre Mutter stolz und ein bischen verbuhlt aus. — Zum Glück hat Tralles eine Gabe, die uns allen beyden fehlt, — sich die Narren ganz gut gefallen zu lassen. Er wird aus der Gesellschaft der vernünftigsten Leute in die Versammlung der Thoren übergehn, ohne von seiner guten Laune etwas einzubüßen.

Im Vorbeygehen, — Sie hätten meine Fehler nicht besser treffen können; — fast eben dieselben, die mir meine Mutter so oft vorwirft. Sie gesteht mir, daß sie noch so ziemlich mit mir zufrieden ist, wenn ich bey ihr oder bey gewissen Personen bin (und das sind noch dazu sehr wenig), die mir gefallen; aber daß ich der unerträglichste Mensch wäre unter einer Gesellschaft, die mir mißfiele. In der That verliere ich unter Leuten von einergewissen Art nicht bloß meine Lustigkeit, sondern auch meinen gesunden Verstand; ich denke nicht mehr, ich vegetire nur. — Aber wieder zu unserm Tralles zurück!

Nach dem Plane seiner Reise, den er erst gestern Abend in einer Gesellschaft entwarf, bey der ich gegenwärtig war, wird er erst auf den Sonnabend über acht Tage in Leipzig ankommen. Seine Frau und sein Kind nöthigen ihn, langsamer zu gehen. Bis dahin kann ich Ihnen also noch einmal schreiben. — Aber nun meine eigne Rückreise zu Ihnen! —

Meine Mutter mag es Ihnen sagen, ob es mir leicht wird, diese aufzuschieben. In der That sehne ich mich zuweilen nach einer einzigen Viertelstunde, die ich mit Ihnen zubringen könnte, — mit einer solchen Ungeduld, die im Stande wäre, mich zu Ihnen zu führen, wenn unsre Begierden uns Kräfte gäben. — Aber meine Mutter wünscht meine Gegenwart; sie hält sie zu ihrer Gesundheit auf diesen Winter für nothwendig; sie thut alles, was sie kann, und sie würde noch mehr thun,um den Winter hindurch von einer andern Seite meinem Studiren gewisse Beförderungen zu verschaffen, die ich von der einen verliere. — Mein Freund hat seine Gedanken recht aus meiner Seele herausgenommen, — eben dieselben Vorstellungen, fast mit eben den Worten, mit welchen ich sie schon manchmal meiner Mutter gemacht habe. Bücher, Muße, Lehrer, das würde ich hier vielleicht alles haben, — aber Freunde, die mich aufmuntern, die mich in einer beständigen Bewegung erhalten, deren Seele, mit der meinigen gleich gestimmt, jeder von ihren Gedanken entspräche, und ihnen gleichsam zur Geburt hülfe — die fehlen mir durchaus.

Meine Mutter sehnt sich bald so sehr nach Ihnen, als ich selbst. Ihr Brief hatte sie ganz aufgeheitert. O Freundschaft und kindliche Liebe, deinen geheiligten Banden sey meine ganze Seele gewidmet! — — Aber was wäre die Freundschaft ohne Tugend, und was die Tugend ohne Aufopferungen? u. s. w.


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