Vierzehnter Brief.
Breßlau den 26. Aug.
Wenn der Brief in eben dem Augenblicke zu Ihnen kommen könnte, in welchem ich ihn schreibe, wenn ich tausend Empfindungen mit einem Worte ausdrücken, und die ganze Fülle meiner Seele ohne Zeichen, durch eine Art von Inspiration der Ihrigen mittheilen könnte, dann, glaube ich, würde die Ungeduld gestillt werden, mit welcher ich jetzt diesen Brief anfange. Die Zeit, bis er zu Ihnen gelangt, scheint mir unermeßlich; und ich wollte gern, daß Sie es diesen Augenblick wüßten, daß nur der Zufall, nicht Ihr Freund an Ihrer Unruhe schuld gewesen ist; daß er eben dieselbe Unruhe um der nämlichen Ursache willen ausgestanden hat; und daß, so gern er jeden sorgenvollen Augenblick aus Ihrem Leben austilgen wollte, ihm doch diese Ihre Bekümmerniß, mehr als jedes andere Zeichen Ihrer Freundschaft schätzbar und theuer ist.
Ja in der That, l. F., das Schicksal hat sich recht bemühet, unsere Seelen die letzte Woche mit einerley Gedanken und mit eben denselben Bekümmernissen einzunehmen. Ihr Brief, (der, den ich in S**** schon vor acht Tagen erhalten sollte) blieb aus, und ich fand ihn nicht eher, als des Sonntags bey meiner Zurückkunft in B****. Ich weiß nicht, warum Ihre Briefe gerade da am ehesten ausbleiben müssen, wenn ich sie am meisten wünsche. Denken Sie nur, ich trug schon die ganze Woche vorher, aus Ursachen, die ich mir so wenig erklären, als ihre Wirkung aufheben kann, einen gewissen stillen mehr nagenden, als heftig beunruhigenden Verdacht mit mir herum, Sie wären mir nicht mehr so gut, als vordem. Sie wissen, Gründe richten sehr wenig gegen Empfindungen aus. Ich erwartete also Ihren nächsten Brief, um meine Furcht und mein Mißtrauen zu beschämen. Wir konnten den Tag, an welchem Ihre Briefe ankommen, keinen Boten in die Stadt schicken, und diese Briefe (so dachte ich damals) blieben also auf der Post bis den folgenden Tage liegen. Ein sehrunangenehmer Verzug, der aber die Begierde und die Erwartung noch mehr schärfte. Endlich hatten sich die Stunden bis zur Ankunft des Boten langsam und traurig genug fortgeschlichen — und nun kam er ohne Briefe.
Stellen Sie sich selbst vor, was eine Fehlschlagung in einer solchen Verfassung für Wirkungen auf ein Gemüth haben mußte, das dem Ihrigen ähnlich ist. Sie schienen mir blos deswegen nicht geschrieben zu haben, um mir zu sagen, daß ich Recht gehabt hätte mich zu fürchten. Ich bildete mir ein, als hätten Sie in meiner Seele eine Unruhe lesen können, und hätten deswegen geschwiegen, um ihren Grund zu bestätigen. Ich hörte schon auf, mein eigner Freund zu seyn; denn gewiß, ich würde mich selbst für ein nichtswürdiges Geschöpf ansehen, wenn Ihre Freundschaft mir in meinen Augen keinen Werth mehr gäbe.
Die Seele kann in einem so unangenehmen Zustande nicht lange beharren. Er ist, so wie Sie sagen, und so wie meine Erfahrung mich lehrt, ein Stand der Unthätigkeit, derPhilosophie unsers Freundes ungeachtet. Sie wankt also eine Zeit lang zwischen Reflexion und Gefühl, zwischen deutlichen Gründen und dunkeln Einbildungen hin und her; sucht eine Menge Beweise, um das nicht zu glauben, was sie scheut, und stürzt sich doch wieder, trotz aller Beweise, in ihre traurige Ueberzeugung zurück. Dieses Mal siegte ich aber doch endlich! denn das war ich gewiß genug, daß Ihre Freundschaft nicht so, wie der meisten Menschen ihre, ohne besondere Ursache nur erkalten kann, blos deswegen, weil die nähern sie immer umgebenden Gegenstände unaufhörlich einen Theil ihrer Wärme rauben, und sie durch diese allmählige Ausdämpfung zuletzt bis zu der ordentlichen Temperatur der Gleichgültigkeit zurückbringen. Aber das wußte ich nicht, daß Sie mich Ihrer Freundschaft immer auf gleiche Art würdig finden würden. Ich habe immer geglaubt, daß die Freundschaft, so wie die Liebe, eine gewisse Art von Verblendung erfordere; nicht eine solche, die die Gestalten verkehrt, sondern die, welche den guten Eigenschaften allein Licht giebt, und die schlechten in Schatten setzt. Wie wäre es nun,wenn Sie diese Verblendung gewahr geworden wären, — wenn Sie anfingen, mich eben so zu sehn, wie mich alle übrige Menschen sehn? — Aber kurz, Sie hatten mir noch keine Veranlassung gegeben, diese Veränderung zu glauben. Ich konnte selbst den Ursprung dieses Gedankens in meiner Seele nicht ausfindig machen. Er erfüllte die Seele so, wie manches falsche Gerücht die Stadt, ohne daß man sagen kann, wer das Ding zuerst erzählt hat. Und konnten endlich Ihre Briefe nicht aus tausend andern Ursachen zurückgehalten werden?
Aber dabey schmeichelte ich mir doch nicht, daß Sie wirklich geschrieben hätten, und es blos Unrichtigkeit der Post wäre, die mir Ihren Brief vorenthielte. Ich verließ S**** des Sonntags, nicht mit so viel Widerstreben, als ich sonst gethan haben würde, wenn ich nicht Ihre Briefe in der Stadt zu erwarten gehabt hätte. Ich fand sie, und in denselben die zärtlichste, gütigste Freundin, die Sie immer waren, dazu gemacht, das Leben nicht bloß Eines Mannes glücklich zu machen.
In der That bedurfte ich dieses Trostes, um nicht allen meinen Muth unter der Menge unangenehmer Zufälle zu verlieren, die auf uns in der Stadt warteten. Meine Mutter kam halb krank nach Hause. Ihr Bruder, der, wie Sie wissen, im Bade gewesen ist, war kurz zuvor durch den Banquerout eines der ansehnlichsten hiesigen Häuser, dem er einen beträchtlichen Theil seines Vermögens anvertraut hatte, zurückgerufen worden. Ein andrer unsrer Freunde, der brave T****, sah durch eben diese Begebenheit eine Summe von 10000 Rthlr. auf vielleicht weit weniger als die Hälfte heruntergesetzt; eine andre Freundin, die Mad. P*** (eine von den wenigen Frauen, die Ihrer Bekanntschaft werth wären), war gefährlich krank, und der Arzt hatte ihr erst vor kurzem die Hoffnung zum Leben wiedergegeben. Meines Onkels jüngste Tochter war es auch. Die allgemeinen Klagen vermischten sich mit der besondern Noth unsrer Familie. Endlich bekam ich Gellerts Brief, und die Nachricht von des Grafen Tode. Mit diesem verschwand alle Aussicht auf künftigen Winter. Die nächsten Monatesogar hüllten sich wieder in Dunkel und Finsterniß ein; — und nirgends, nirgends sahe ich irgend einen Schimmer eines Lichtes, der mich zu meiner Freundin wieder zurückführte.
An die Stelle dieser verschwundenen Hoffnung trat eine Furcht, die ich schon überwunden zu haben glaubte. Während meines Aufenthalts in B*** ist der Prorektor des hiesigen ersten Gymnasiums wegberufen worden. Meine Freunde dachten ganz natürlicher Weise an mich. Ich verzeihe Ihnen den Wunsch, mich hier zu behalten; er entspringt aus einem so gütigen Herzen, daß ich ihn gern mit meinem Wunsche bestätigen wollte, wenn es auf weiter nichts als Vergnügen dabei ankäme. Man redete also viel davon, man erforschte meine Gesinnungen, man ersann sich allerhand Möglichkeiten. Alles das war gut, so lange die Sache noch in einer gewissen Ferne blieb. Ich gestand, so oft die Rede davon war, meine vollkommene Abneigung; und ich gab, wie ich denke, Gründe davon, um ihr nicht den Schein des Eigensinns und des Vorurtheils zu geben. Man hörte endlich, da die Wahl ins Langegezogen wurde, auf davon zu reden. Heftige Bestrebungen verzehren sich selbst, wenn sie nicht sogleich thätig werden können. Ich erklärte mich ein Mal für alle Mal, daß ich keinen Schritt der Sache entgegen thun würde. Eine ganz freywillige, unveranlaßte Anbietung dieses Amtes würde alsdenn von mir nicht ohne Ueberlegung verworfen werden.
Ich glaubte, daß ich gewiß sehen könnte, daß dies niemals geschehen würde, da der hiesige Magistrat die Maxime hat, den ungestümsten Bittern die Aemter am ersten zu geben, und da die Jahrbücher von B*** noch kein Beyspiel von einem jungen Menschen haben, der, ohne die niedern Stufen des Schuldienstes durchkrochen zu seyn, zu dieser Würde erhoben worden wäre. Mitten unter diesen Sachen reiseten wir aufs Land, mein Onkel ins Bad. Die Briefe Gellerts brachten uns alle diese Gedanken aus dem Sinne, und Leipzig und Dreßden nahmen unsre Aufmerksamkeit so sehr ein, daß wir nicht mehr wußten, ob es einen Prorektor in B*** giebt. Ich kam wieder zurück mit der vollkommensten Sicherheit,daß diese Stelle längst würde besetzt seyn, und daß alles entschieden sey. Kein Mensch dachte wieder daran, bis Gellerts Brief dem Laufe unsrer Vorhersehungen eine neue Richtung gab. Gestern war ich mit meiner Mutter in einer großen und zu meinem Unglück sehr vermischten Gesellschaft. Einer davon, ein Herr von P***, ein Mann, dem große Reichthümer und viele Verbindungen eine Art von Ansehn geben, dem es übrigens weder an Verstande, noch einem gewissen Grade von Empfindung mangelt, zog mich gleich bei seinem Eintritte auf die Seite. — Hören Sie, sagte er, wollen Sie Prorektor seyn? — Die Frage war sehr kurz, und die Antwort schien entscheidend seyn zu müssen. — Ich wiederholte ihm kurz das, was ich allen meinen Freunden schon längst gesagt hatte. — Ich war von Herzen froh, als ich endlich erfuhr, seine Frage bedeutete nichts mehr, als jede andre Frage von der Art; als ein Freund meines Onkels und meiner Mutter hatte er ihre Wünsche vorhergesehn, und wollte es bloß erfahren, ob es auch die meinigen wären.
Unser Gespräch war noch nicht zu Ende, da es von einem Schwarme andrer Leute unterbrochen wurde. Ich hatte bey einem sehr vollen Tische den langweiligsten elendesten Abend von der Welt. Ich dachte fast an nichts, als an den Kontrast dieser Gesellschaft, und der kleinen an Ihrem Tische, in der ich so viele Stunden unter dem heitersten Vergnügen verlor. — Nur einen einzigen solchen Abend, l. F., und ich wäre auf einen Monat zufrieden u. s. w.