The Project Gutenberg eBook ofClementine

The Project Gutenberg eBook ofClementineThis ebook is for the use of anyone anywhere in the United States and most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included with this ebook or online atwww.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you will have to check the laws of the country where you are located before using this eBook.Title: ClementineAuthor: Fanny LewaldRelease date: June 14, 2014 [eBook #45965]Most recently updated: October 24, 2024Language: GermanCredits: Produced by The Online Distributed Proofreading Team athttp://www.pgdp.net (This book was produced from scannedimages of public domain material from the Google Printproject.)*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK CLEMENTINE ***

This ebook is for the use of anyone anywhere in the United States and most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included with this ebook or online atwww.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you will have to check the laws of the country where you are located before using this eBook.

Title: ClementineAuthor: Fanny LewaldRelease date: June 14, 2014 [eBook #45965]Most recently updated: October 24, 2024Language: GermanCredits: Produced by The Online Distributed Proofreading Team athttp://www.pgdp.net (This book was produced from scannedimages of public domain material from the Google Printproject.)

Title: Clementine

Author: Fanny Lewald

Author: Fanny Lewald

Release date: June 14, 2014 [eBook #45965]Most recently updated: October 24, 2024

Language: German

Credits: Produced by The Online Distributed Proofreading Team athttp://www.pgdp.net (This book was produced from scannedimages of public domain material from the Google Printproject.)

*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK CLEMENTINE ***

Woman's love! how strong is it in its weakness,how beautiful in its guilt.Bulwer, Pelham.

Woman's love! how strong is it in its weakness,how beautiful in its guilt.Bulwer, Pelham.

Woman's love! how strong is it in its weakness,how beautiful in its guilt.Bulwer, Pelham.

Woman's love! how strong is it in its weakness,

how beautiful in its guilt.

Bulwer, Pelham.

Leipzig:F. A. Brockhaus.1843.

Also weil der Herr Geheimrath mich gestern geistreich gefunden, soll und muß ich ihn heirathen? fragte Clementine und sah dabei lachend ihre jüngere Schwester, die Professor Reich, an, die ganz erhitzt auf dem Sopha ihres Wohnzimmers saß.

Darum allein nicht, entgegnete diese, aber Du darfst diese Verbindung nicht ausschlagen, wie alle andern, die sich Dir boten. Der Geheimrath von Meining ist ein sehr geachteter, fein gebildeter und reicher Mann; er ist freilich 50 Jahre, Du bist aber schon 27, was kann denn passender sein? Du hast mir selbst gesagt, daß Du an Dein früheres Verhältniß zu RobertThalberg mit vollkommener Ruhe dächtest; warum also wieder ein Glück, ein wahrhaftes Glück von Dir weisen, das sich Dir vielleicht nie wieder bietet? Mein Mann wünscht diese Verbindung, die Tante, Deine letzte Instanz, dringt darauf, Meining erwartet das Glück seines Lebens davon und Du selbst hältst Meining nicht nur für einen liebenswürdigen, sondern auch für einen ehrenwerthen Mann; was willst Du denn eigentlich, Clementine?

Ich will nicht lügen, Marie! Ich will, ich kann es nicht, und je achtungswerther mir der Geheimrath erscheint, um so weniger möchte ich ihn täuschen; ich kann nicht heirathen, quäle mich nicht.

Beide Damen gingen fast erzürnt von einander; die kleine, rosige Professorin in die Arbeitsstube ihres Mannes, um ihm das vermuthliche Mislingen ihres Planes mitzutheilen; die ernste, schlanke Clementine auf ihr Zimmer, umden Sturm, den diese Unterhaltung in ihr erregt hatte, ruhig austoben zu lassen.

Clementine und Marie Frei waren die Töchter eines hochgestellten preußischen Beamten. Sie hatten früh ihre Mutter verloren und eine Tante, Frau von Alven, eine kluge, feinfühlende Frau, die Witwe und deren einziges Kind früh gestorben war, hatte die Erziehung der beiden Mädchen im Frei'schen Hause übernommen. Nichts konnte aber verschiedener sein, als der Charakter dieser beiden Schwestern: Clementine, heftig, geistreich und zu tiefem Fühlen geneigt, wurde schnell von plötzlichen Eindrücken gefesselt, die sich dauernd ihrer Seele einprägten; was sie einmal ergriffen hatte, was ihr lieb geworden war, das konnte keine Macht ihr entreißen, das hielt sie fest fürs Leben. Aus diesem Gefühl entsprang die treue Anhänglichkeit für Frau von Alven, die innige Liebe für ihren Vater und die fast mütterliche Zärtlichkeit fürdie um sechs Jahre jüngere Marie; aber zugleich auch eine leidenschaftliche, unwandelbare Liebe für Robert Thalberg, einen jungen Mann, mit dem sie in ihrer ersten Jugend in allen befreundeten Familien zusammengetroffen war.

Thalberg hatte in tausend Dingen die auffallendste Charakterähnlichkeit mit Clementinen. Auch auf ihn wirkten in seiner Jugend die Eindrücke des Moments, und obgleich mit dem schärfsten Verstande und ungewöhnlichem Geiste begabt, hatte sein leidenschaftliches Herz ihn häufig fortgerissen und er sich oft dadurch in eigenthümlich verwickelte Verhältnisse gebracht, die bald störend, bald fördernd auf ihn gewirkt. Ein ungebändigter Freiheitssinn, ein an Tollkühnheit grenzender Muth, eigensinniges Beharren auf seinem Willen und doch eine fast kindliche Weichheit gegen die Personen, die er liebte, machten ihn für die Frauen unwiderstehlich; besonders da ein imposantes, männlichschönes Aeußere gleich anfangs für ihn einnahm. Thalberg hatte der lebhaften, interessanten Clementine, wie alle jungen Leute ihres Kreises, seine Huldigungen dargebracht, weil sie hübsch und in der Mode war; bei näherer Bekanntschaft entdeckten Beide aber eine solche Aehnlichkeit in ihren Neigungen und Gesinnungen, sie begegneten sich so oft in ihrem Enthusiasmus für das Schöne, daß das gewöhnliche Wohlgefallen sich in eine wirkliche, ernste Neigung verwandelte und sie sich gegenseitig, ohne durch bestimmtes Versprechen an einander gebunden zu sein, als zu einander gehörend betrachteten. Clementinens Verwandte sahen ein Verhältniß, das für die Zukunft so viel Glück zu versprechen schien, ruhig wachsen, und als Thalberg Berlin verließ, nahm man allgemein an, daß das junge Paar längst einig und verlobt sei. Clementine selbst lebte jetzt nur in der Erinnerung an Robert; Alles, was ihr begegnete,was sie that, wurde im Geiste Robert's Urtheil unterworfen, der, um mehrere Jahre älter als sie, einen wesentlichen Einfluß auch auf ihre geistige Richtung ausgeübt hatte. Sie liebte Alles, was seinem Willen angemessen schien, verwarf Alles, was gegen seine Ansichten sein konnte, und lebte getrennt von ihm, mitten in der Gesellschaft, doch ganz allein mit dem fernen Geliebten; wie jene Nonnen, die, sich beständig unter den Augen ihres himmlischen Bräutigams wähnend, nur seinem Willen leben und kein anderes Gesetz kennen als das seine. Die Liebe zu dem Abwesenden war ein religiöser Cultus in ihrer Brust, und selbst der Gedanke, es könne ihr jemals möglich sein, den dringenden Bewerbungen anderer Männer die geringste Aufmerksamkeit zu gönnen, fiel ihr nie ein. Sie liebte die Ihrigen, half der Tante treulich die schöne Marie erziehen und bildete rastlos an sich fort, damit Robert, wenner einst wiederkäme, sie nicht unter seinen Erwartungen fände.

So waren ein paar Jahre vergangen, die kleine Marie war zu einem reizenden Mädchen herangewachsen und das harmloseste, unbefangenste Kind geblieben. Ihre Familie, ihre Toilette, die Bälle, ihre kleinen Abenteuer von gestern – das war die Welt, die sie kannte; man liebte sie allgemein und was konnte sie noch wünschen? Sie war das verzogene Kind des Hauses. Bald nach ihrem 16. Geburtstage hatte Professor Reich um ihre Hand geworben, hatte die Zustimmung des Vaters erhalten und die kleine Braut war mit der Myrthenkrone und dem weißen Schleier zum Altare mit demselben Gefühle gegangen, mit dem sie ein Jahr vorher, am Tage ihrer Confirmation, die Kirche betreten hatte. Sie hatte das Bewußtsein eines wichtigen Schrittes, ohne sich die Folgen desselben klar zu machen; und nachdem der schwereAbschied von Vater, Schwester und Tante vorüber war, folgte sie ihrem Manne, froh und sorglos wie ein Kind, nach Heidelberg, wo er angestellt war.

Clementine blieb nun allein zurück. Sie war stiller und ernster geworden, von Robert hatte sie nur selten gehört, die Zeit seiner Rückkehr wurde von den Seinen immer weiter hinausgeschoben und sie konnte es sich nicht verhehlen, daß Robert's Wunsch, sie wiederzusehen, lange nicht mehr so lebhaft sein müsse, als in jener Stunde, wo sie unter den heißesten Thränen mit dem ersten glühenden Kusse von einander Abschied genommen hatten. In dieser Zeit erkrankte der Geheimrath Frei und nach wenig Wochen standen die Tante und Clementine an seinem Sarge; ihr ganzes Leben war nur ein Schrei des Schmerzes, der Robert herbeirief, um alles Leid an seinem Herzen auszuweinen, um alle Liebe, die der theuere Vater besessenhatte, auf den geliebten Freund zu vererben – aber Robert, obgleich ihm der Todesfall angezeigt worden, kam nicht; und seine Mutter äußerte gegen Frau von Alven, daß ihr Sohn wol sobald nicht zurückkehren würde, da Berufsverhältnisse und, wie sie glaube, auch eine kleine Neigung ihn an seinen jetzigen Aufenthalt fesselten. Frau von Alven erschrak, hielt es aber für ihre Pflicht, endlich einmal mit Clementinen offen über deren Zukunft zu sprechen. Sie war durch den Tod ihres Vaters unumschränkte Herrin ihrer Handlungen geworden; die Tante sehnte sich in ihre Vaterstadt zurück, und so trat sie eines Tages ganz plötzlich vor Clementine mit der Frage hin, welche Plane sie nun für die nächste Zeit gemacht habe? Sie theilte ihrer Nichte ihren Wunsch mit, Berlin zu verlassen, verschwieg ihr nicht, was Madame Thalberg ihr gesagt, und war nicht wenig überrascht, Clementine bei der Nachricht, diefür sie ein Todesstoß sein mußte, anscheinend ganz ruhig zu finden.

»Ich weiß es längst, gute Tante! sagte sie, daß Robert mich nicht liebt, sehr lange schon; und daß er jetzt für mich kein Wort des Trostes, der Theilnahme hat, keinen Gruß durch die Seinen, das nimmt mir mit dem letzten Zweifel die letzte Hoffnung; aber es ändert in meinen Gefühlen für ihn Nichts. Wir waren Beide durch keinen Eid an einander gebunden, Robert liebt mich nicht mehr, hat mich vielleicht nie geliebt, und ich habe sein Wohlwollen für Liebe gehalten – so glaubt er sich frei und ist es auch; denn nicht der Eid, sondern die Liebe bindet. Ich aber liebe ihn mehr als je, er ist Alles, Alles, was ich liebe, und darum bin ich sein, auch wenn wir uns nie wieder sehen sollten. Entgegne mir darauf Nichts, fuhr sie fort, als ihre Tante eine Einwendung machen wollte, ich weiß, wie gut Du es mit mir meinst;darum laß mich mir selbst. Dich aber länger von den Freunden und der Heimat zu trennen, wohin es Dich zieht, dazu habe ich kein Recht; Marie verlangt nach mir, ich werde nach Heidelberg gehen, werde ihr nützlich sein und in dem Kreise ihres Hauses meine Zukunft finden. Versprich mir aber, daß Du mir nie fehlen wirst, wenn ich Dein bedarf.«

Frau von Alven weinte still; Clementine kniete vor ihr nieder, küßte ihre Hände und bat: »und nun noch Eins! Ich habe seit Jahren mehr gelitten, als ich zu leiden für möglich hielt; ich fürchte jede Berührung meiner tiefen Wunde mehr als den Tod; versprich mir, daß Robert's Name nicht mehr zwischen uns genannt wird und daß wir uns trennen ohne Abschied; wir bleiben ja doch ewig beisammen.«

Die Tante gelobte Alles und wenig Wochen darauf rollte der Postwagen, welcher Frau von Alven in ihre Heimat führte, an ClementinensWohnung vorüber, in der sie mit ihrem Schwager am Fenster stand, der gekommen war, sie nach Heidelberg abzuholen.

Nach den schmerzlichen Aufregungen der letzten Zeit, dem wehmüthigen Gefühl, von den Räumen zu scheiden, die so lange stille Zeugen ihres Lebens waren, that die Ruhe im Hause der Professorin Clementinen anfänglich sehr wohl. Sie hatte die junge Frau fast unverändert gefunden; Marie liebte ihren Reich von Herzen, betete ihre beiden Kinder an, sorgte treulich für ihr Haus und war eine Frau, wie die Mehrzahl der Männer sie wünscht. Der Professor hielt regelmäßig seine Vorlesungen, arbeitete den Rest der Zeit emsig in seiner Studirstube und ließ sich während der Mahlzeiten mit der größten Theilnahme Alles erzählen, was in der Zwischenzeit von der Frau, den Kindern und den Dienstboten irgend zu erzählen war. Beide Eheleute waren durchaus zufrieden miteinander und wünschten nichts Besseres, als daß es immer so bliebe: ohne bestimmten Blick in die Zukunft, ohne lebhaftes Gedenken einer Vergangenheit, ging ein Tag nach dem andern hin und alle Abwechselung in Mariens Leben machte der Besuch gleichgestimmter Frauen und ein Spaziergang in der nächsten Umgebung. – Es dauerte auch nicht lange, bis Clementine sich äußerlich in diese Lebensart gefunden hatte, und bald war sie Allen unentbehrlich geworden; ihr ewig beweglicher Geist hatte tausend neue Spiele für die Kinder, manche Erleichterung für Marie, manche Bequemlichkeit für den Professor hervorgerufen; es machte ihr Vergnügen, die Ihrigen zu erfreuen – aber sie selbst fühlte sich einsamer als vorher. Getrennt von ihren gewohnten Umgebungen, von der Tante, der ihr ganzes Herz offen lag, in der gleichförmigen Lebensart im Reich'schen Hause, fühlte sie eine solche geistige Leere, daß nur die wunderbarschöne Natur Heidelbergs sie aus ihrer Apathie zu reißen vermochte. Um sich zu zerstreuen, suchte sie eifrig längst vernachlässigte Studien wieder hervor, sie schmückte ihr kleines Stübchen, das nach dem Neckar sah, auf das freundlichste; aber vergebens. Stundenlang saß sie mit dem Buche in der Hand, sah den schönen Strom vorüberfließen, blickte ernsthaft die kleinen Häuser von Weinheim an und sah doch Nichts, als Robert's Bild, wie er zuletzt vor ihr gestanden; dachte Nichts, als die tiefe Demüthigung, verschmäht zu sein.

In einem kleinen Orte wie Heidelberg konnte eine Erscheinung, wie Clementine, nicht unbemerkt bleiben; ihre ganze Persönlichkeit flößte lebhaftes Interesse ein, während ihr nach Außen abgeschlossenes Wesen für Kälte und Stolz galt. Man hatte sie bei ihrer Ankunft in alle Zirkel eingeführt, und überall hatte sie einen neuen Reiz in die Gesellschaft gebracht; besonderswaren es die jüngeren Mädchen und die älteren Männer, die sich ihr anschlossen. Die Mädchen, weil sie von ihr keine Beeinträchtigung zu fürchten hatten, da sie jede Annäherung und eben so fein als bestimmt zurückwies; die älteren Männer, weil in ihrer Unterhaltung so viel Belebendes und Anregendes lag, daß sie sich die glücklichen Bemerkungen, die Clementine sie machen ließ, unbedingt als ihr eigenstes Eigenthum zuschrieben.

Unter diesen Männern war unstreitig der Geheimrath von Meining der Bedeutendste. Er galt für einen der ersten Aerzte Deutschlands, war ein stattlicher Mann von 50 Jahren und so wohl conservirt, daß er den Ansprüchen, auch durch sein Aeußeres zu gefallen, nicht ganz entsagt hatte. Man sah, daß er in der Jugend ein schöner Mann gewesen sein mußte, und mit einer bei älteren Männern nicht seltenen Eitelkeit ließ er bisweilen errathen, daß ihm dasGlück bei den Frauen hold gewesen sei. Auch stand er noch jetzt in großer Gunst bei den Damen und wurde gern gesehen in jeder Gesellschaft. Manche Mutter hätte ihn, der ihr selbst früher den Hof gemacht, recht gern zum Schwiegersohne angenommen, und allerdings war er, vermöge seiner Stellung, Das, was man gewöhnlich eine gute Partie zu nennen pflegt. In seiner Jugend hatte er die Frauen zu sehr geliebt, um sich an Eine dauernd binden zu mögen; dann hatte diese Leidenschaft ernsten Studien Platz gemacht, er hatte Reichthum, Ehre und einen großen Ruf erworben, und der Gedanke, sich zu verheirathen, war allmälig ganz in den Hintergrund getreten, je mehr Reiz die materiellen Genüsse des Daseins für ihn gewannen und je mehr sich der eigenthümliche Egoismus aller Hagestolzen in ihm ausgebildet hatte. Doch war sein Gefühl für das Schöne und Gute niemals erloschen; er war in einzelnenMomenten einer Lebhaftigkeit und Hingebung fähig, die einem jüngeren Manne anzugehören schienen, und in dieser Stimmung konnte er die bedeutendsten Opfer bringen; dann fühlte er die Möglichkeit und den Wunsch, Andere an seinem Glücke Theil nehmen zu lassen, und hätte vielleicht daran gedacht, eine Frau zu nehmen, wenn es ihm nicht unbequem gewesen wäre, danach zu suchen. Doch ließ er sich die Neckereien über diesen Punkt recht gern gefallen und lächelte wohlgefällig, wenn man behauptete, an einem schönen Morgen werde er einst ganz plötzlich mit einer Braut angefahren kommen, die ein Phönix an Schönheit und Liebenswürdigkeit sein und ihm wie ein Ideal erscheinen werde; sowie sein Haus ihr das schönste, sein Rock der beste und überhaupt Alles, was sein eigen, ihr wie das Vollkommenste vorkomme.

Als Freund des Professor Reich und alsArzt der Familie hatte er Clementine in ihrer Häuslichkeit kennen und schätzen gelernt. Er hatte durch Marien, noch vor Clementinens Ankunft, erfahren, daß diese dem Grame über eine unglückliche Liebe fast erlegen sei, und nun sah er sie selbst; noch schön, obgleich lange über die erste Jugend hinaus, und liebenswürdiger und geistreicher, als irgend eine Frau, die er kannte. Er sah das Mädchen, das der Mittelpunkt der Gesellschaft geworden, eben so liebenswürdig im Hause; sie hatte Rath für den Bedrängten und die zärtlichste Sorgfalt für den Leidenden; unermüdlich besorgt für Andere, schien sie zufrieden, ohne gerade froh zu sein, und ihre Ruhe wurde durch jene kleinen Veranlassungen, welche die meisten Frauen außer Fassung bringen, niemals erschüttert. Ihre äußeren Vorzüge zogen ihn an, und wenn er manchmal auf ihrem ausdrucksvollen Gesicht die Spuren eines tiefen Leidens, oder gar ihre Augen noch trübe vonvergossenen Thränen sah, flößte sie ihm das lebhafteste Interesse ein. Er hatte einmal mit Reich über Clementine gesprochen, und dieser hatte geäußert, seine Schwägerin sei allerdings ein vortreffliches Mädchen, nur leider zu überspannt, und er wünsche Nichts sehnlicher, als daß sie bald einen vernünftigen Mann bekäme, den sie liebe; denn sonst würde sie sich aufreiben durch ihren selbgenährten Gram.

Ob Reich diese Bemerkung absichtlich gemacht, ob eine Absicht in des Geheimraths Frage gelegen, lassen wir dahingestellt sein; nur das steht fest, daß von jenem Tage an in Meining der Gedanke an eine Verbindung mit Clementinen erwachte. Dieses Mädchen in seinem Hause walten zu sehen, von ihrem Geiste seine Mußestunden verschönen zu lassen, ihrer milden Pflege in kranken Tagen zu genießen und sie, der er von Herzen zugethan war, ihren Kummer vergessen zu machen, war bald sein Lieblingswunschgeworden; er hielt sich für den Mann, der sie über den verlorenen Geliebten zu trösten vermöchte, und je mehr und je länger er seine Bewerbungen um sie fortsetzte, je mehr verliebt wurde er in sie, je gewisser, daß er ihr nicht gleichgültig bleiben könne: so trat er denn, nachdem sie einen Abend vorher sich freundlich in Gesellschaft begegnet waren, am nächsten Morgen mit seiner Werbung um Clementinens Hand vor den Professor.

Reich war sehr erfreut, Marie entzückt über das Glück, das sich ihrer Schwester bot; Clementine allein sprach ihr gewöhnliches: »ich kann und werde nicht heirathen.« Man schrieb der Tante, diese bestürmte die Arme mit den dringendsten Vorstellungen, Meining wollte ihr Zeit lassen, sich zu entschließen, und unterdessen nahmen die Ermahnungen und das Zureden des Professors und Mariens kein Ende; die Unterhaltungen, mochten sie mit Abdel Kadher oder mit den Kindern beginnen, endeten zu ClementinensQual doch immer wieder mit dem Geheimrath von Meining.

Bei einer solchen Scene fanden wir die Damen am Anfang unserer Erzählung, und es war nöthig so weit zurückzugehen, um den Leser mit den handelnden Personen bekannt zu machen, wobei wir uns zugleich das Recht vorbehalten, den Faden der Ereignisse, so oft es uns geeignet scheint, in den eigenhändigen Papieren und Briefen derselben zu verfolgen.

Sinnend stand Clementine am Fenster, als sie in ihr Stübchen getreten war; Gedanken zogen, wie Bilder eines Schattenspieles, schnell an ihrer Seele vorüber; sie wollte dem Zureden ein Ende machen und mit der Tante dabei beginnen: so setzte sie sich nieder und schrieb:

Dein Brief hat mir wehe gethan, Tante! Traust Du mir bei meinen Handlungen keine anderen Motive, als Ueberspannung oder Eigensinn zu? Hältst Du mich denn für ein Kind, das die Verhältnisse des Lebens verkennt? So gut als Ihr Alle weiß ich, daß nach denBegriffen der Welt die Stellung einer verheiratheten Frau ehrenvoller ist, als die eines Mädchens. Glaubt mir aber, daß es eine tiefe Nothwendigkeit ist, die mich abhält, den Schritt zu thun, zu dem Ihr Alle mich überreden möchtet.

Ich hasse die Ehe nicht; im Gegentheil, ich halte sie so hoch, daß ich sie und zugleich mich zu erniedrigen fürchte, wenn ich dies heilige Band knüpfte, ohne daß mein Gefühl Theil daran hätte. Was kann es Beglückenderes geben, als mit einem geliebten Manne sein Leben zu verbringen? Für ihn zu sorgen, seine Freuden und Leiden zu theilen, zu wissen: Alles, was mein Herz bewegt, Alles, was mich berührt, theilt und fühlt mein bester Freund mit mir? Beide leben dann ein doppeltes Leben. O! ich habe mir das oft himmlisch schön gedacht, ich habe es heiß gewünscht, und ich halte heute noch die Ehe für den einzigen Weg, der den Menschen zu der größten Vollkommenheitführt, die seiner Individualität möglich ist. Darum aber kann ich den Gedanken an eine gleichgültige Ehe nicht ertragen, weil sie für mich eine unglückliche wäre; und ich habe es nie begreifen können, wie in der Ehe irgend Etwas die Menschen an einander kettet, als ihr Herz. Die Ehe ist in ihrer Reinheit die keuscheste, heiligste Verbindung, die gedacht werden kann; rein, wie ein Engel des Lichts, geht das Weib aus den Armen ihresgeliebtenGatten hervor, und wenn man mir, nach dem katholischen Ritus, die Madonna die reine Mutter Gottes nannte, hat für mich ein rührend tiefer Sinn darin gelegen, ein ganz anderer Gedanke, als die Kirche ihn will. Ja! die Ehe ist rein! und aus der Umarmung liebender Gatten kann ein göttlicher Mensch, ein Retter der Welt entstehen.

Aber was hat man aus der Ehe gemacht? – ein Ding, bei dessen Nennung wohlerzogeneMädchen die Augen niederschlagen, über das Männer witzeln und Frauen sich heimlich lächelnd ansehen. Die Ehen, die ich täglich vor meinen Augen schließen sehe, sind schlimmer als Prostitution. Erschrick nicht vor dem Worte, da Du mich zu der That überreden möchtest, Tante! Ist es nicht gleich, ob ein leichtfertiges, sittlich verwahrlostes Mädchen sich für eitlen Putz dem Manne hingibt, oder ob Eltern ihr Kind für Millionen opfern? Der Kaufpreis ändert die Sache nicht; und ich gestehe Dir, ich würde das Weib, das augenblickliche Leidenschaft und heißer Sinnentaumel hinreißt, groß finden, gegen diejenige, die das Bild eines geliebten Mannes im Herzen, sich dem Ungeliebten ergibt, für den Preis seines Ranges und Namens. – Könnte ich glauben, der priesterliche Segen hätte Kraft zu binden und zu lösen, könnte das »Ja«, das ich spräche, eine ganze Vergangenheit aus meiner Seele tilgen, wer weiß, was ich thäte. Soaber! – ich liebe Robert, der mich verschmäht, dem meine ganze, ungetheilte, anbetende Liebe kein Glück zu bieten vermochte, als ich jung und blühend war; und ich sollte einen Ehrenmann, der von mir die Freude seines Lebens erwartet, mit einem heiligen Eide betrügen? Ich sollte ihm ein Weib werden, das die Achtung vor sich selbst verloren hat? Das könnt Ihr nicht meinen, das kannst Du nicht wollen. Ich denke mit Ruhe an Robert, so lange ich mir selbst lebe, tritt aber der Gedanke, einem Anderen gehören zu sollen, vor mein Auge, dann sehe ich, daß ich nur in Robert lebe und daß mir der Traum der Vergangenheit mehr ist, als irgend eine Zukunft mir bieten könnte. Laß mir die Ruhe meines Bewußtseins.

Clementine.

Mein theures Fräulein! Seit längerer Zeit erwarte ich Ihre Antwort auf eine Frage, die über meine Zukunft entscheiden soll. Sie wissen, wie werth Sie mir sind, lassen Sie mich offen sagen, wie warm und innig ich Sie liebe, wenn gleich es einem Manne reiferen Alters nicht anstehen mag, eine Leidenschaft zu bekennen, die der Jugend angehört. Ich habe in meinem Berufe Frauen in allen Verhältnissen kennen lernen, und ich achte das Weib; ich achte und liebe in Ihnen das Weib, das klar über sich selbst und das Leben, zu dem Gefühl seiner Würde gekommen ist. Clementine, ich bin nicht jung genug, Ihnen schwärmerische Schwüre zu leisten, aber ich biete Ihnen meine Hand mit offenem Herzen. Was ein besorgter Gatte, ein zärtlicher Freund Ihnen sein könnte, das schwöre ich, das sollen Sie in mir finden, unddadurch allein will ich Sie gewinnen; nur aus freier Neigung sollen Sie die Meine werden.

Ich verlasse Heidelberg auf kurze Zeit: Sie sollen Ruhe haben, einen Entschluß zu fassen. Möge er zu meinen Gunsten sein! Der Ihrige.

v.Meining.

Ich ehre Dein Gefühl, mein Kind! wenn gleich ich es nicht unbedingt richtig heißen kann, und es liegt mehr Egoismus darin, als Du glaubst. Du gefällst Dir darin, Dich als die Leidende, die Reine zu betrachten, und Du bist Beides. Ich weiß, was Du geduldet, kenne ganz Dein reines Herz; Du bist einmal das Opfer Deiner Liebe und Robert's geworden, ein zufälliges Opfer gegen Deinen Willen: das entbindet Dich nicht der Pflicht, Dich mit Bewußtsein, aus freier Wahl für das Wohl Anderer zu opfern. Das Weib ist geschaffen zuleiden und zu beglücken; thust Du das? Du glaubst Dich mit Deiner Pflicht abgefunden, wenn Du Marien Dein Leben widmest, ihr den Haushalt erleichterst, obgleich sie dessen nicht bedarf. Du nimmst Dich der Kinder an, wenn Du Neigung dazu hast, und glaubst sie zu erziehen, und der Menschheit, die an jeden von uns Rechte hat, damit Deine Schuld zu zahlen. Belüge Dich nicht selbst, meine liebe Tochter! Du, vor Vielen dazu berufen, einem Manne das Leben zu verschönen, mit dem unerschöpflichen Reichthum an Liebe und Nachsicht, Du willst das nicht, weil es Dir zu schwer scheint, ernst gegen eine Neigung zu kämpfen, deren Gegenstand diese Liebe gewiß nicht einmal wünscht und Deiner nicht mehr denkt. Und wenn Mariens Kinder, die Du so sehr liebst, heranwachsen; wenn Marie und die Kinder Deiner nicht mehr bedürfen werden, was wird dann die unvermeidliche Leere Deines Herzens ausfüllen? –

Ich habe das Glück Mutter zu sein, nur wenige Tage gekannt, und doch wirft das Andenken daran ein verschönendes Licht über mein ganzes Leben; magst Du noch so scharf und richtig denken, noch so lebhaft fühlen,dasGlück kannst Du nicht begreifen, nicht ermessen, bis Du es gekannt. Ich selbst habe Alven ohne alle Neigung geheirathet, komme ich Dir deshalb wie eine Verworfene vor? Das aber schwöre ich Dir, so lieb mir Dein Glück ist, ich habe den Vater meines Kindes von Grund der Seele geliebt; wir haben uns in guten und bösen Stunden treu zur Seite gestanden, und ich habe nach seinem Tode mich nie entschließen können, zu einer zweiten Ehe zu schreiten, obgleich ich sehr jung war und es mir, wie Du weißt, an Bewerbern nicht fehlte.

Ich mag Dir hart scheinen, aber ich bekenne es, ich werde irre an Dir. Du hältst so viel darauf, die Achtung vor Dir selbst nichtzu verlieren, weil Dir das leichter wird, als die unsere zu verdienen.Duachtest Dich, wenn Du Deiner Liebe treu bleibst, das ist bequem und leicht – wir aber würden Dich achten, wenn Du dem Glücke eines Anderen, eines braven Mannes, Deine Neigungen zu opfern im Stande wärest. Zwingen kann man Dich nicht, Du bist reich und unabhängig in jeder Beziehung – aber ich appellire an Dein richtiges Urtheil, an Deine Wahrheitsliebe und an Dein Herz. Täusche Dich nicht selbst; täusche nicht die Erwartungen Deiner mütterlichen Freundin.

Der Mann, der mir mit so ehrendem Vertrauen entgegenkommt, der mir seine Zukunft weihen will, muß wissen, an wen er sich gewandt hat; und wahr, wie gegen mich selbst, will ich gegen Sie sein.

Eine heiße, tiefe Liebe hat seit meiner frühesten Jugend mein Herz erfüllt; diese Liebe ist nur flüchtig erwidert worden, sie hat mein Herz gebrochen. Einsam, mit meinem Schmerz nach innen gewiesen, sind mir Jahre des Leidens vergangen; ich habe mich gewöhnt allein zu stehen, ich habe es versucht, die Erinnerung an meine Liebe zu bekämpfen – es ist mir nicht gelungen; und so konnte es mir nie einfallen, den Bewerbungen, mit denen man mich ehrte, Folge zu leisten, besonders da die Mehrzahl jener Bewerber mir vollkommen gleichgültig, und ich ihnen fast ganz fremd war.

Sie kennen mich lange und gut, und ich gestehe Ihnen gern, daß Ihre Freundschaft mir werth, daß mir an Ihrer Achtung gelegen war – aber niemals die Ihre zu werden, war noch vor wenig Tagen mein fester Entschluß; ich wollte mich nicht verheirathen. Nicht das Zureden meiner Schwester macht mich in meinerGesinnung schwanken, sondern die ernsten Vorstellungen meiner Tante, die mich sehr ergriffen haben. Ich habe schwer mit mir gekämpft, und ich will die Ihre werden, wenn ich Ihnen nach diesen Geständnissen genüge. Ich erkenne vollkommen und freudig Ihren Werth, darum aber zweifle ich, daß ein gebrochenes Herz Ihrer würdig sei.

Glauben Sie dennoch, daß ich zu Ihrem Glücke beitragen könne, so thue ich es von Herzen, und will streng über mich wachen, das Glück zu verdienen, das einer Frau an Ihrer Seite werden kann. Mit innigster Achtung.

Clementine.

Haben Sie Dank! wir werden glücklich sein. Armes, krankes Kind! Ist es denn nicht die Pflicht des Arztes zu heilen und zu lindern? Wie gern will ich Dich schonen, meine Clementine!wie sorgsam werde ich die wunde Seele meines kranken Weibes hüten und heilen. Wirf die Vergangenheit von Dir, insofern sie Dich schmerzt, bewahre jedes Andenken, das Dir werth ist; nur Eines versprich mir und nimm es als Beweis meines vollen Vertrauens – nenne mirnieden Namen des Mannes, der Dich leiden machte, niemals Geliebte! Ich kenne Dich und traue Dir unbedingt. In drei Tagen kehre ich zurück; möge die Hoffnung auf dies Wiedersehen, meine holde, meine theure Braut! Dich so beglücken, als mich. Auf Wiedersehen denn, Geliebte! Der Deine.

Meining.

Die Tage bis zur Rückkehr des Geheimraths vergingen Clementinen in der heftigsten Aufregung. Der Brief Ihrer Tante, die Bitten und Vorstellungen Reich's und Mariens hatten sie zu einem Entschlusse gebracht, dessen sie sich nie fähig gehalten hätte. Meining war ihr mit so edlem Vertrauen entgegengekommen; es hob sie momentan in ihren eigenen Augen, daß sie, deren Herz seine Jugend eingebüßt hatte, noch einen so bedeutenden Mann als Meining, fesseln und beglücken könne; sie wollte ein neues Leben beginnen, weil sie es nun einmal gelobt, ihre Vergangenheit zu opfern; und bei all' diesen Entwürfen zitterte sie vor dem Gedanken anMeining's Ankunft. Während der letzten Nacht, die sie schlaflos verbrachte, fiel ihr plötzlich ein, sie müsse eigentlich noch einmal an Robert schreiben, ihm ihre Verlobung anzeigen und ihm befehlen, sie ganz wie eine Fremde zu betrachten, wenn sie jemals sich begegnen sollten. Aber Robert schreiben? durfte das Meining's Braut! – ihm befehlen, sie zu meiden, hieße ja, ihm bekennen, daß er ihr theuer und gefährlich sei, und befehlen! – ihm befehlen, dessen Auge ihr Leitstern, dessen leisester Wunsch ihr unumstößlichstes Gesetz gewesen war? Alle Qualen, alle Gewissensbisse bestürmten sie, sie wollte für Meining leben und dachte nur an Robert. In wilden Fieberträumen verging der letzte Theil der Nacht; der Morgen sah hell und klar in ihr Fenster, als sie die schweren, müden Augenlieder aufschlug; sie war vollkommen ermattet, ließ sich theilnahmlos ankleiden und sah kalt wie eine Fremde den Anstalten zu, dieMarie, mit unruhiger Freude, für die Ankunft des Geheimraths traf.

Endlich erschien er. Clementine, die in entscheidenden Momenten eine große Gewalt über sich besaß, ging ihm bis zur Thüre entgegen und bot ihm ihre Hand zum Willkomm; Meining schloß sie herzlich in seine Arme, küßte ihre Stirne und der Bund war geschlossen.

Es liegt im Charakter der Frauen, sich in unabwendbare Verhältnisse leichter zu fügen, als man es nach der Unruhe, die sie vor der Entscheidung peinigt, für möglich halten könnte. Jetzt war die neue Braut plötzlich zu einer Ruhe und Klarheit gekommen, die Meining entzückte, und ihrer Familie die Ueberzeugung gab, daß sie Recht gethan hätten, auf diese Verbindung zu dringen. Es war im Beginne des Frühjahres, und schon im Juni sollte die Hochzeit gefeiert werden. Clementine traf selbst die nöthigen Anstalten für den neuen Haushalt,hatte eine Menge Meldungsbriefe an entfernte Freunde zu schreiben, Glückwünsche zu beantworten und blieb dadurch in einer fortwährenden Thätigkeit, die ihr wenig Zeit zum Nachdenken übrig ließ. Ihr Bräutigam brachte jeden Abend und jede Stunde, die sein Beruf ihm frei ließ, in ihrer Gesellschaft zu und hatte aufgeregt durch die neuen Verhältnisse, eine Jugendlichkeit wieder gewonnen, die er längst verloren und deren er sich nicht mehr fähig geglaubt hatte. So war sie ihm von Herzen gut geworden, da sie mit jedem Tage seinen gebildeten, klaren Geist und seinen liebenswürdigen Charakter mehr kennen lernte, der sich freilich grade jetzt in seinem günstigsten Lichte zeigte, und darum Clementine die Hoffnung auf eine beglückende Zukunft gab.

Indessen rückte endlich der Hochzeitstag heran, dessen Vorabend in einer befreundeten Familie, nach alter, deutscher Art, mit Poltern zugebrachtwerden sollte. Dem Brautpaare selbst war das nichts weniger als angenehm; man konnte sich aber dem wohlgemeinten Anerbieten der Freunde nicht füglich entziehen, und Meining äußerte lachend, am Ende sei auch eine ganze glückliche Zukunft mit ein paar lästigen Stunden nicht zu schwer erkauft. Sie fuhren zum Polterabende hin und Clementine fühlte sich auf das Unangenehmste berührt, von dem widrigen Wechsel possenhafter Scherze und ganz ernsthafter Gedanken; weil sie selbst so ernst, so feierlich gestimmt war, daß jeder Scherz sie verletzen mußte. Meining hingegen fand das Ganze nur eine langweilige Einrichtung, die man aber leicht aushalten könne, und mußte über manchen Einfall von Herzen lachen, obgleich er eben so froh war als seine Braut, als die Gesellschaft sich endlich gegen Morgen trennte. Nachdem er Clementine vor ihrem Hause aus dem Wagen gehoben und sie einen Augenblick vorder Thür weilend, sich nach dem Schlosse wendete, fielen die letzten matten Strahlen des Mondes zitternd darüber hin, und es schien ihr unmöglich, sich jetzt, mit dem übervollen Herzen, in die engen Räume eines Zimmers zu sperren.

Lieber Meining! bat sie, wenn sie nicht zu müde sind, geben Sie heute noch einem, vielleicht extravaganten Einfalle nach; ich will dafür auch von morgen ab eine grundvernünftige Frau werden. Lassen Sie uns hinauf gehen auf's Schloß, es ist kaum eine Stunde bis Sonnenaufgang; wir wollen heute, an dem Tage, an dem uns Beiden ein neues Leben beginnt, auch den Tag beginnen sehen.

Meining war es gern zufrieden; die Nacht war unbeschreiblich mild und schön. Schweigend stiegen sie den Weg hinan, der von der Hirschgasse aufwärts führt. Eine Welt von Gedanken zog durch Clementinens Brust, siesah Meining an, und auch vor seinem geistigen Auge schien sein früheres Leben, ihre Zukunft vorüberzugehen. Es war ein feierlicher Gottesdienst in ihrem Herzen. Oben auf der Höhe angelangt, sah man nichts, als einen dichten, weißen Nebel, der die ganze Gegend verdeckte; die Luft wehte kühl und Meining hüllte besorgt die erbleichende Clementine in die wärmende Mantille. Gedankenvoll ließen sie sich auf der Bank vor dem Weingärtchen nieder – da plötzlich schmettert ein tausendstimmiger Lerchenchor gen Himmel, der Nebel zerreißt vor dem ersten Lichtblick der Sonne, und wie von unsichtbaren Geisterhänden fortgezogen, schwindet der dichte, weiße Schleier und das Neckarthal liegt vor den trunkenen Augen der Entzückten. Drüben das kleine Weinheim mit seinen in Laub versteckten, weißen Häusern; vor ihnen der lachende, jugendmuthige Strom mit Kähnen, die von Neckargemünd daherzogen, um sie her die Wipfel derBäume, die am Fuße des Berges wurzeln, mit dem berauschenden Dufte der ganzen reichen Vegetation und zu ihren Füßen das kleine schlummernde Heidelberg. Clementine war selig vor Wonne, das reinste, heiligste Gefühl zog ihr Herz zu den Menschen, die Gott einer solchen Welt werth gehalten und mit Thränen der Begeisterung warf sie sich an Meining's Brust und sprach:

Ach! laß uns schön sein, wie diese Welt, wahr und rein, wie dies Licht. Jetzt, jetzt, bin ich Dein und mehr als irgend ein Eid morgen am Altare bindet mich diese Stunde an Dich. Ja, wir wollen glücklich, wir wollen dieser Welt werth sein! Sieh, Guter! ich habe jetzt nichts, nichts auf der Welt als Dich; sei Du meine Welt, stehe mir bei, wenn ich wanke, und verlasse mich nie!

Sie war während des Sonnenaufgangs plötzlich aufgestanden, nun in heftiger Bewegungvor Meining auf die Kniee hingesunken und badete seine Hände in Thränen. Er zog sie empor, gerührt und erschreckt durch ihre Leidenschaftlichkeit; preßte sie fest an seine Brust und der innige Druck seiner Hand, der Ton seiner Stimme hatte noch mehr Beruhigendes, als die Worte: Clementine! mein Leben, mein Weib! ich werde Dir nie fehlen, Du bist mein und nichts soll uns jemals trennen. – Eine Weile hielt er sie noch schweigend in den Armen, dann trieb er zum Aufbruch, denn Clementine schauerte in der leichten Kleidung; und um sie allmälig zu beruhigen, sagte er scherzend, komm, komm, mein Herz! daß uns die guten Heidelberger nicht zurückkehren sehen; was würden die von ihrem Aeskulap denken, wenn sie wüßten, daß er seine zarte Braut dem ungesunden Morgennebel preis gibt. So, unter freundlichen Gesprächen, führte er die leidenschaftlich Bewegte nach Hause.

Nach einigen Monaten finden wir Clementinen wieder. Der Hochzeitstag, die Feste nach demselben waren vorüber, das eheliche Leben zu einer ruhigen Gewohnheit geworden. Meining war ungemein beschäftigt, seine Kranken, seine Collegia, ein größeres Werk, das er zu schreiben begonnen und das während des Brautstandes liegen geblieben war, nahmen seine ganze Zeit in Anspruch; während Clementine eigentlich ohne alle wirkliche Beschäftigung war und es ihr selbst an jenen wohlthätigen Zerstreuungen fehlte, die der Umgang mit Freunden bietet. Ihre Haushaltsangelegenheiten ließen sich in einer Stunde abthun; Meining war den ganzenMorgen außer dem Hause in Anspruch genommen; kehrte er Mittags zurück, so hatte ihn die große, angreifende Praxis so müde gemacht, daß er nothwendig eine Stunde der Ruhe haben mußte, um sich für die Geschäfte des Nachmittages zu stärken, und waren auch diese endlich beendet, dann ging es an ein so eifriges Arbeiten und Studiren, daß sogar Clementinens Vorschläge zu kleinen Ausflügen, zu denen die reizende Lage Heidelbergs sehr lockt, fast immer abgelehnt wurden. Führte das Abendessen sie wieder zusammen, so war Meining so zerstreut, so geistig beschäftigt und abgespannt, daß er oft um Entschuldigung bat und seinen Beruf verwünschte, der ihn ganz und gar absorbire, und ihm den ruhigen Genuß seiner Häuslichkeit unmöglich mache. Vor seiner Verheirathung hatte der Geheimrath oft mit Clementinen den Plan besprochen, sich von den größeren Gesellschaften, in denen er bisher fast jeden Abendzugebracht, fern zu halten, da er derselben überdrüssig geworden und auch Clementine keine besondere Freude daran gehabt hatte. Statt dessen wollten sie einen kleinen Kreis gewählter Freunde, wenigstens einmal in der Woche, bei sich versammeln, von deren traulichem Umgange sich Meining und Clementine viel Genuß versprachen, und den sie am Anfange des Winters wirklich mehrmals eingeladen hatte. Grade an solchen Abenden war dann ihr Mann aber zufällig abgerufen worden, nach einer Stunde zerstreut von dem Bette eines schwer Erkrankten wiedergekehrt, und eine nicht zu beschreibende Mißstimmung hatte sich dadurch der kleinen Gesellschaft bemächtigt, die der Wirthin freundlichste Aufmerksamkeit kaum zu bannen vermochte, so daß auch dieser Versuch bald aufgegeben werden mußte, besonders da Meining selbst auch daran keine Lust zu finden schien, und offen erklärte, er fände diese Art von Geselligkeit nochviel unbequemer, als die großen Zirkel, in denen man ungestört plaudern und unbeachtet schweigen könne; ja er fühle entschieden, daß er jetzt, wo er seine Clementine bei sich habe, erst die Sphäre gefunden, in der ihm nach der Arbeit wohl und behaglich werde. Glaube mir, pflegte er zu seiner Frau zu sagen, für mich beginnt in Dir ein neues Leben; ich arbeite zehnmal mehr und besser als früher, denn ich arbeite nicht für mich allein; und finde nach der Arbeit hier bei Dir mehr Freude und Genuß, als mir jemals die Salons boten, in denen ich stundenlang im Frack, den Hut in der Hand, Conversation machen und wahre Thorheiten anhören mußte. Wenn Du mir beistimmst, leben wir Beide nur für uns allein.

Clementine willigte ein; ihre geselligen Verbindungen lösten sich fast ganz auf; sie sah es ziemlich gleichgültig an, weil Meining's Zufriedenheit ihr letztes Ziel war, und sie selbst inder Ehe mehr gesucht hatte, und Anderes, als ein glänzendes Leben in der Gesellschaft. Ihre ungewöhnliche geistige Regsamkeit, die Meining an dem Mädchen so interessant gefunden, war in der Zurückgezogenheit, in der sie lebten, doppelt groß geworden; der Kreis ihrer Gedanken hatte sich erweitert in den neuen Verhältnissen; sie fühlte sich berechtigt und werth, auch das geistige Leben ihres Mannes zu theilen und zu verschönen, und sehnte oft den Abend herbei, um mit Meining ein paar Stunden plaudern zu können, weil sie hoffte, er würde, wie als Bräutigam, Lust daran finden; er würde ihr die Ereignisse des Tages mit jener sicheren Klarheit, die ihm so eigenthümlich war, erzählen; ihr seine Gedanken darüber mittheilen, ihre Ansichten hören und berichtigen – mit einem Worte, er würde sie wie einen Freund betrachten, wie den vertrautesten Freund, dem jeder Gedanke enthüllt werden muß, weil er ihn versteht; weiler ihn liebt, um des Freundes willen, der ihn gedacht. Davon war aber gar nicht die Rede! Clementine sah nun ein, daß Meining ihre geistigen Eigenschaften jetzt am wenigsten schätze, daß er diese an seiner Gattin leicht entbehren, vielleicht gar nicht vermissen würde. Er bedurfte nur einer sorglichen Frau, einer freundlichen Gesellschafterin, mit der er sich über unbedeutende Dinge heiter unterhielt, wenn er nicht zu müde war, die er wirklich sehr lieb hatte und der er gern viel Freude bereitet hätte, wenn er vor übergroßer Beschäftigung Zeit gefunden, an Das zu denken, was sie erfreuen könnte. Vor Allem aber fühlte er sich sehr froh, ein so komfortables Haus und eine Frau zu besitzen, die jedem seiner Wünsche mit der größten Bereitwilligkeit zuvorkam. Er pries sich glücklich, grade diese Frau gewählt zu haben, und zweifelte nicht, daß sie sich zufrieden fühlte, weil er es war und es nochimmer mehr wurde, je länger sie mit einander lebten.

Ganz anders sah es aber nach Jahresfrist in der Seele der jungen Frau aus. Sie konnte nie jenen Sonnenaufgang an ihrem Hochzeitstage vergessen; und es schmerzte sie tief, daß trotz der Treue, mit welcher sie das Versprechen jener Stunde gehalten, ihr das Glück durchaus nicht geworden war, das sie damals hoffte; es schmerzte sie, daß das Leben, ohne unsre Schuld, so weit zurückbleibt hinter Dem, was es sein könnte; daß es uns nicht vergönnt ist, Das zu werden, wozu die Fähigkeit in uns liegt. Darum konnte Clementine niemals den Wunsch aufgeben, mehr von der Seele und dem Herzen ihres Mannes zu besitzen, als jene ruhige Neigung, die er für sie hatte; er hatte sich zuerst, das wußte sie, in ihr Aeußeres verliebt; er hatte ihren guten Willen, ihr wohlwollendes Herz und einen sittlichen, zuverlässigen Charakter in ihrerkannt, und diese Eigenschaften schätzte er an ihr. Sie aber wollte geliebt sein um ihres Herzens willen, sie wollte ihn durch den Reichthum ihrer Liebe an ihr innerstes Leben fesseln. Doch jener Schätze von Liebe und Hingebung, deren sie sich bewußt war, bedurfte der ruhige, ältere Mann nicht. Er war kein leidenschaftlicher Mensch, wie Robert, der heute die Geliebte auf's Tiefste kränkte und all ihre Nachsicht erforderte, während die Gluth seiner Liebe morgen ihre Thränen trocknet und eine Versöhnung herbeiführt, die durch keinen Schmerz zu theuer erkauft wird. Auch das war ihr, wie schon gesagt, unangenehm, daß Meining auf ihren Geist jetzt fast gar keinen Werth mehr zu legen schien; und obgleich sie sich ihm aus Ueberzeugung in dieser Hinsicht eben so freudig unterordnete, als in jeder andern, hätte sie es doch gern gesehen, daß er mehr Freude an demselben, den er früher so sehr bewunderte,gehabt hätte; und sie vermißte es oft schmerzlich, daß er ihren Enthusiasmus für das Schöne und Große zwar begreife, doch nicht lebhaft theile; ohne zu bedenken, daß sie von dem bejahrten Manne nicht die Leidenschaftlichkeit fordern könne, die ihr angeboren und durch ihre Liebe zu dem enthusiastischen Robert nur gesteigert worden war.

Mag immerhin Egoismus in dem Gefühle liegen, Andere auf die Art und Weise beglücken zu wollen, die uns die beglückendste scheint; ohne zu fragen, ob es die Weise ist, die unsere Lieben wünschen – es ist ein Egoismus, von welchem nur wenige Menschen ganz frei sein möchten und der Clementine doppelt quälte, da sie sich in doppelter Hinsicht beeinträchtigt fand. Einmal weil sie sich nicht ausgefüllt fühlte und dann, weil sie nicht so glücklich zu machen glaubte, als sie gewünscht. Sie wollte ihrem Manne einen Himmel bereiten, sie traute essich zu – und er begehrte nur ein ganz gewöhnliches Erdenglück, sodaß ihr oft in besonders traurigen Stunden der demüthigende Gedanke gekommen war, jede tüchtige, gutmüthige Haushälterin könne sie ihrem Manne ersetzen, ihm das Glück gewähren, das er in ihr finde, und obgleich sie ihm und sich damit Unrecht that, lag dennoch etwas Wahres darin. Sie machte an sich die Erfahrung, die sich täglich im Leben wiederholt, daß Altersverschiedenheit für das Glück der Ehe gefährlicher wird, als man gewöhnlich glaubt; auch dann, wenn der Mann der bedeutend Aeltere ist. Das Mädchen, wenngleich nicht mehr jung, bekommt durch die Ehe eine zweite Jugend, weil sie erst dadurch ihren wahren Beruf zu erfüllen beginnt, und man sieht häufig, selbst in körperlicher Beziehung, ganz passirte Mädchen zu schönen Frauen werden, die den Titel einer »jungen Frau«, den man ihnen allgemein gibt, vollkommen rechtfertigen.Während der ältere Mann, den man bis dahin einen Mann in den besten Jahren, einen galanten Mann nannte, plötzlich vom geselligen Schauplatz abgetreten, durch die Ehe zu einem alten Manne wird, wenn, wie es in der Regel geschieht, die ruhige Häuslichkeit ihn von der Mühe, jung und galant zu scheinen, befreit. Der ältere Mann, der sich verheirathet, will gewöhnlich ausruhen vom Leben; das ältere Mädchen, deren Gefühl nicht so durch das Leben üsirt ist, wie das der Männer, will nun erst zu leben beginnen, und natürlich kann es dabei an Täuschungen und Enttäuschungen nicht fehlen, die auch, wie wir sahen, bei Clementinen nicht ausblieben.

In einer Art stummer Resignation gewöhnte sie sich wieder an das stille Innenleben, zu dem sie sehr geneigt war und das sie Jahre hindurch als Mädchen geführt hatte. Sie erfüllte auf's Strengste ihre Pflichten, suchte nach Beschäftigungumher, ergriff, der Billigung Meining's gewiß, bald dies bald jenes und fühlte sich immer unglücklicher, je länger dies Leben währte. Gar oft sehnte sie sich in jene Zeit zurück, wo sie einsam da gestanden und ungestört das Recht, zu leiden, gehabt hatte, weil Niemand mit ihr und durch sie litt. Jetzt war das vorüber – was sollte Meining denken, wenn er sie traurig, gar weinend fände? Hieße es nicht mit Undank seine ruhige, immer gleiche Güte lohnen, wenn er sie nicht zufrieden sähe? – ach! und Nichts ist so schwer, Nichts reibt den Körper so auf, als zufrieden und glücklich zu scheinen, weil die Vernunft es fordert, während das Herz keinen Theil daran hat und Nichts davon weiß. Eine krankhafte Abspannung bemächtigte sich Clementinens, die auch dem Auge ihres Gatten sichtbar werden mußte. Auf sein ängstliches Befragen erklärte sie, sie sei durchaus gesund, er sähe ja selbst, daß sie keinen Schmerzhabe; es müsse ein zufälliges Unbehagen sein, das sich gewiß bald geben würde. Seinen Vorschlag, mit Marien und deren Kindern, die sie noch immer sehr liebte, das nahe Baden zu besuchen, schlug sie bestimmt ab, weil sie sich weder Heilung noch gerade Zerstreuung davon versprach und vor Allem Meining, der sich so sehr an sie gewöhnt hatte, daß er sie ungern vermißte, nicht allein lassen wollte. Es war ihr fester Vorsatz, wenigstens Meining glücklich zu machen, da sie selbst es nicht geworden. Darum nahm sie sich mehr als je vor, über sich zu wachen, schien auch wieder heiterer zu werden und neue Kraft zu gewinnen; Meining beruhigte sich über ihren Zustand, und es blieb Alles, wie es gewesen war.

Wie konnte es auch anders sein! Clementine, aufgewachsen unter dem tropischen Himmel glühender Leidenschaft, hatte sich plötzlich in die gemäßigte, wenn auch noch milde Zone ruhigerVernunft verpflanzt gefunden, wo ihr üppiges Seelenleben keine Nahrung fand, wie sie dieselbe bedurfte, und nicht freudig leben und treiben, sondern nur kränkelnd fortvegetiren konnte, ohne Farbe, ohne Blüthe, durch die angeborne Kraft ihres innern Markes.

Es war im Sommer am zweiten Jahrestage ihrer Hochzeit, als Clementine arbeitend in ihrem Zimmer saß, in einer jener Stimmungen, in denen das Leid der ganzen Welt auf uns zu ruhen scheint. Sie hatte am Morgen ihren Mann aufgesucht, ihn aber beschäftigt gefunden und ihn nicht sprechen können; dann hatte sie, weil ihr das Herz so übervoll war, ihrer Tante schreiben wollen; aber was konnte sie ihr sagen? Der Briefwechsel zwischen ihnen war sehr selten geworden. Unwahr gegen diese treue, mütterliche Freundin zu sein, hätte sie nicht vermocht und ein Wort der Klage, des Mismuthes laut werden zu lassen, wäre ihr wie ein Unrechtgegen Meining vorgekommen, das dieser nicht um sie verdient hatte. So war es kein bestimmter Schmerz, der sie drückte, aber eine Traurigkeit, eine Müdigkeit, die an Auflösung grenzte. Trübe Ahnungen einer freudlosen Zukunft wechselten mit wehmüthigen Erinnerungen an eine längst entschwundene Zeit. Sie dachte der Zuversicht, mit welcher sie vor zwei Jahren in dies Haus getreten war, und wie wenig sie das Glück gefunden, das sie gehofft; freilich war es nur ihre Schuld, denn ihr Mann war sich gleich geblieben, immer gut und freundlich gegen sie. Es sei eine Schwärmerei, sagte sie sich, daß sie nicht glücklich zu sein vermochte mit ihrem Loose, das hundert Frauen ihr beneidet hätten. Wie durfte sie auch von dem bejahrten Manne eine Leidenschaft fordern, die sie selbst nicht für ihn hatte? Ihre auf Achtung gegründete Neigung erwiederte er herzlich, aber Liebe, wie sie derselben bedurfte, konnteer nicht mehr empfinden, seine Frau konnte nicht sein ausschließlicher Gedanke sein, da er durch seinen Ruf und seine Berühmtheit ebenso und früher der ganzen Menschheit und der Welt gehört hatte, als ihr. Er hatte eine Frau genommen, um an ihrer Seite Ruhe zu finden nach der Arbeit des Tages. Dafür hatte sie Theil an seiner Ehre, trug seinen berühmten Namen und hatte ja selbst nur ein ruhiges Glück erwarten können, als sie die Seine geworden. Wie durfte sie mehr verlangen? Wie sich zurücksehnen nach den lebhaften, stürmischen Eindrücken ihrer Jugend? Sie klagte sich an, ungerecht gegen Meining zu sein; sie war unzufrieden mit sich selbst und versank zuletzt in ein dumpfes Hinbrüten, aus dem Meining's Tritte, die sie auf der Treppe hörte, sie aufschreckten.

In der besten Laune trat er, mit einem großen Briefe in der Hand, in das Zimmer. Rathe, liebe Frau! sagte er, was ich Dirhier bringe? Aber rathe etwas Großes, Gutes, denn es übertrifft meine Erwartungen und wird auch Dich sicher sehr erfreuen!

Clementine rieth mehrmals vergebens, bis der Geheimrath ihr den Brief zu lesen gab, der eine Anfrage des preußischen Ministeriums enthielt, ob Meining sich entschließen könne, seine heidelberger Verhältnisse mit einer Anstellung in Berlin zu vertauschen, die ihm unter den glänzendsten Bedingungen angetragen wurde. Diesen Brief habe ich vor 14 Tagen erhalten, fügte er hinzu, habe mir nun Alles reiflich überlegt und denke, heute an die preußischen Behörden zu schreiben, daß ich ihre Bedingungen annehme. Ich werde dort eine freie und glänzendere Stellung haben, als hier, und Du wirst in Deiner Vaterstadt Dich gewiß viel behaglicher fühlen, als in dem kleinen Heidelberg.

Und das bescheerst Du, Lieber, mir heute zu unserm Hochzeitstage? fragte Clementine, sehrerfreut durch diese Aufmerksamkeit ihres Mannes und durch die Hoffnung einer Veränderung, die ihr augenblicklich erwünscht schien, weil es eben eine Veränderung war.

Unser Hochzeitstag ist heute? Sieh, Clementine! das hatte ich bis in den Tod vergessen. Deshalb kamst Du wol auch heute so früh in mein Arbeitszimmer? Aber ich konnte Dich nicht sprechen, weil ich einen Kranken bei mir hatte. Nachher kamen gleich meine Studenten; dann wartete schon mein Wagen, ich mußte zu einem Consilium und konnte nicht mehr zu Dir kommen. Ach, armes Kind! und ich glaube gar, heute Morgen bin ich heftig gewesen! Sage mir selbst, war es nicht so?

Clementine hatte es allerdings wehe gethan, daß ihr Mann sie mit einem recht unfreundlichen störe mich nicht, ich habe keine Zeit fortgeschickt hatte, als sie zu ihm ging, um ihn einen Augenblick zu sprechen; daß er auch denganzen Vormittag nicht zu ihr gekommen war, was freilich öfter geschah; aber sie dachte, am Hochzeitstage hätte er kommen müssen, den hätte er nicht vergessen dürfen. Immer geneigt, die Schuld sich beizumessen und das Beste zu glauben, hatte sie Meining, als er ihr den Brief brachte, beschämt bekennen wollen, wie sie geglaubt, er hätte ihres Hochzeitstages nicht gedacht, ein Unrecht, das keine Frau so leicht vergibt; aber nun hörte sie es, es war ihm wirklich ganz und gar entfallen, und nur zufällig hatte er ihr heute den Brief gegeben. Seine Freundlichkeit vertrieb indeß den innern Verdruß gleich, und sie setzten sich Beide so fröhlich an die kleine Tafel, wie Clementine es lange nicht gewesen war. Meining war lebhaft, wie in der ersten Zeit ihrer Bekanntschaft; er machte die prächtigsten Plane für die Zukunft; er klagte sich an, daß er seine arme Clementine über die Gebühr vernachlässigt, daß er und sie ihr Lebengar nicht recht genossen hätten. Nun soll es anders werden, sagte er; mein Werk liegt gedruckt und hat schon seine erste Frucht, meine Berufung nach Berlin, getragen; aber nicht mir allein, der leidenden Menschheit muß und wird es nützen. Ich darf mir nun schon Etwas mehr Ruhe gönnen. Die Praxis gebe ich auf und beschäftige mich in Berlin nur mit theoretischen Arbeiten und mit der Klinik. Mögen meine Schüler den Weg verfolgen, den ich ihnen gebahnt; ich will anfangen auszuruhen. Nur eine praktische Erfahrung will ich machen, daß Du, meine liebe Clementine! eben so vortrefflich die Honneurs eines großen Hauses, als das Glück der engsten Häuslichkeit zu machen verstehst, daß Du überall gleich liebenswürdig, überall dieselbe bist.

Bist Du der Einsamkeit denn müde, lieber Meining? Und wird Dir das Leben in der Gesellschaft Berlins behagen, da es Dir hier kein Vergnügen machte? fragte sie.

Ganz gewiß! Darin bin ich sonderbar! Ich bedarf von Zeit zu Zeit gänzlicher Veränderung der Lebensweise; und wie ich vor zwei Jahren mich nach vollkommener Zurückgezogenheit sehnte und großes Glück darin fand, so freue ich mich jetzt der Abwechselung und verspreche mir viel davon, auch für Dich. Ich habe mir das Alles überdacht, schon meine Verhältnisse zum Hofe werden mich nöthigen, ein Haus zu machen, und was sollte uns daran hindern? Denn mir ist es Ernst damit, und daß Du Dich gleich jetzt davon überzeugst, lasse ich meine Collegia für den heutigen Abend absagen und wir bleiben zusammen.

Clementine nahm den Vorschlag mit Dank an; sie glaubte nur zu gern an eine frohe Zukunft; nicht erwägend, daß unsere Entwürfe und Hoffnungen dem Balle gleichen, den frohe Kinder in die Luft werfen. Mag er noch so prächtig, noch so hoch steigen, das Gesetz derSchwere zieht ihn unwiderstehlich nieder, und man ist froh, wenn man ihn wieder in den Händen hält, mit denen man ihn emporwarf. So ist es fast keinem Menschen gegeben, sich lange in jener Stimmung zu erhalten, in die ein Moment der Aufregung uns versetzt; glücklich diejenigen Gemüther, denen das Andenken an solche Augenblicke nicht ganz entschwindet, denen es ein Höhenpunkt, ein Ziel bleibt, nach dem das Auge sich gern wendet, zu dem der Wunsch hinstrebt.

Nach der ersten, freudigen Spannung, in welche diese Unterhaltung sie versetzt, fiel es Clementinen schwer auf's Herz, sie müsse das neue Glück mit der Trennung von Marien und den Kindern erkaufen, die ihr fast unentbehrlich waren, was ihr Mann wohl wußte. Aber daran hatte er gar nicht gedacht; er hatte mit keiner Sylbe gefragt, ob seine Frau eben so gern nach Berlin gehe, als er selbst, sondern es bestimmtvorausgesetzt, weil es ihm recht war. Eigen war es doch auch, ihr eine Ueberraschung zu bereiten durch einen Entschluß, der auf ihr ganzes Leben von so wesentlichem Einflusse war, der ihre ganze Zukunft in sich schloß. Meining konnte gewiß sein, daß sie sich keinem Plane entgegen zeigen würde, den er werth hielt, aber schon die gewöhnlichste Rücksicht hätte es verlangt, daß er seiner Frau die Berufung gleich mitgetheilt und wenigstens scheinbar um ihre Meinung gefragt hätte. Das war es eben, was sie auch oft drückte! Ihr Mann behandelte sie wie ein Kind, das man sehr liebt, dem man jeden Kummer ersparen möchte – aber sie war kein Kind, sie war seine Frau, die mit ihm seine Sorgen theilen wollte und seine Zurückhaltung für Geringschätzung auslegte. Meining hatte ihr nie etwas über seine früheren Verhältnisse gesagt, nie um die ihrigen gefragt; sie hatten Beide ihre sorglich verschwiegenen Geheimnisseund eigentlich Nichts gemeinsam, als die Gegenwart. Sie empfand das störend, es schien ihr eine Art von Gleichgültigkeit zu sein, und darum versuchte sie es auch an jenem Abende, nachdem sie von einer Fahrt in's Freie zurückgekehrt waren und ihr Mann wieder von Berlin, von seinen Entwürfen für die Zukunft sprach, einmal offen mit ihm über ihre frühere Neigung für Robert zu reden, was ihr jetzt, da sie in ihre Vaterstadt zurückkehren sollte, fast wie eine unerläßliche Pflicht schien.

Kaum aber merkte Meining ihre Absicht, als er sie mit den Worten unterbrach: Ja! Du hast Recht, wir müssen uns einmal darüber verständigen. Ich weiß, mein Kind! daß Dir vielleicht Manches über mein früheres Leben erzählt worden ist, das Deine Besorgniß und, warum soll ich nicht die Wahrheit sagen? auch Deine Neugier erregt haben mag; aber....

Lieber Meining! entgegnete Clementine, Neugierist es wahrhaftig nicht. Ich habe aber oft gedacht, wenn ich Dich plötzlich, mitten in einer heitern Unterhaltung, ernsthaft oder nachdenkend werden sah, es möchten wol Erinnerungen aus vergangener Zeit sein, die Dich beschäftigten; und es hat mir dann leid gethan, nicht einmal ahnen zu können, was Dich bewegte. Eheleute dürfen keine Geheimnisse vor einander haben, und ich gestehe Dir offen, es liegt auch etwas Verletzendes, Trauriges darin, vor dem Leben seines Mannes, wie vor einem unlösbaren Räthsel zu stehen.

Nun, ein für allemal, liebste Clementine! laß das Räthsel unerrathen! Es liegt in meiner Vergangenheit Nichts, dessen ich mich zu schämen hätte; Nichts, was ich bereue, und Nichts, was Deine oder meine Zukunft beunruhigen könnte – und was das Vertrauen zwischen Eheleuten betrifft, so halte ich das, ehrlich gesagt, wie Du es ansiehst, für eine unnöthige,kaum delikate Neugier. Mache kein böses Gesicht, liebe Frau, und überlege, ob ich nicht Recht habe?

Aber, wandte sie ein, man beurtheilt den Menschen doch ganz anders, wenn man die Elemente kennt, die auf seine Bildung wirkten.

Das sind ja Redensarten, mein Kind! Daß ich jung war, Leidenschaften hatte, wie jeder Andere, das kannst Du Dir denken, daß ich dabei eben so oft glücklich als unglücklich war, das versteht sich von selbst; und ob die Gegenstände dieser Liebe Malchen oder Rosamunde hießen, ob sie blond oder braun waren, das ist wol ziemlich gleichgültig, da sie jetzt jedenfalls alt und grau sind und Deine Eifersucht nicht mehr erregen können. Uebrigens, schloß er scherzend, übrigens kennst Du meine letzte, unwandelbare Neigung und Liebe für ein gewisses Fräulein Clementine Frei, das, einige überspannte Ideenabgerechnet, ein ganz vollkommenes Geschöpf ist. Von dieser Clementine hängt das Glück meiner Zukunft ab, und ich glaube an sie so unbedingt, daß mir ihr liebes, offenes Auge mehr Garantien gibt, als alles Erzählen aus der Vergangenheit.

Clementine mußte lachen, schien aber doch nicht ganz zufrieden, so daß Meining wohl fühlte, heute müsse er sich ganz darüber aussprechen. Deshalb fuhr er plötzlich ernsthaft fort: Wenn ein verständiger Mann eine Frau nimmt, deren Vater er sein könnte, so muß es mit vollem Vertrauen auf den sittlichen Werth dieser Frau geschehen. Nicht um Dir aus meinen frühern Verhältnissen ein Geheimniß zu machen, vermeide ich die Berührung der Vergangenheit, sondern aus Schonung für uns Beide. Du hast mir, als ich um Dich warb, gesagt, daß Dein Herz nicht frei sei; ich habe dennoch gewünscht, Dich die Meine zu nennen, und es ist,bei Gott! nie ein Zweifel an Dir in meine Seele gekommen. Aber ich wiederhole Dir es heute, was ich Dir damals schrieb: ich will von Dir den Namen Deines frühern Geliebtenniemalswissen. Vielleicht begegnen wir ihm im Leben; glaubst Du, ich sei so ganz frei von Eifersucht, daß ich Dich nicht ängstlich beobachten, daß ich nicht ganz gleichgültige Dinge mißdeuten würde?

Meining, bester Meining! Darum verlangtest Du, ich sollte gegen Dich schweigen? Kannst Du denn glauben, daß ich jemals....

Ich glaube, daß ein Funke nie besser geborgen ist, als da, wo kein Luftzug ihn trifft. Die Liebe, der man entsagt hat, ruht am sichersten in tiefster Brust, ohne daß ein Wort ihr neues Leben gibt. Ich habe stets die Frauen belacht, die gegen eine Leidenschaft zu kämpfen behaupteten und, indem sie dies immerfort sagten, aller Welt von dieser Leidenschaft erzählten,von der sonst vielleicht Niemand etwas gewußt hätte. Darum also, um Dir den Sieg über eine Neigung, die Du selbst unterdrücken wolltest und mußtest, zu erleichtern, um mir das Ridikül eines Eifersüchtigen mit grauem Haare zu ersparen, darum wollte ich, daß nie von Deiner Jugendliebe zwischen uns die Rede sein sollte; darum wünsche ich es noch jetzt so. Ich weiß Dir Dank für das Glück, das ich in Dir gefunden; ich bin durchaus zufrieden, ich segne den heutigen Tag, meine Wahl und Dich – aber, ich bekenne Dir's offen, die Art von Vertrauen, die Du meinst, liebe ich nicht. Es liegt oft viel mehr Vertrauen zwischen Eheleuten im diskreten Schweigen, als in plauderhaften Mittheilungen. Ich denke, meine kluge Clementine, Du verstehst mich; wo nicht – nun so verlange ich, als strenger Herr, Gehorsam, wenn es selbst gegen Deine Ansicht wäre.

Meining schien höchst aufgeregt; er stand auf und ging langsam im Zimmer auf und ab, bis er zuletzt gedankenvoll, die Stirne gegen die Scheiben gelehnt, am Fenster stehen blieb. Clementine war keines Wortes mächtig. Tief durchdrungen von ihres Mannes gütiger und kluger Liebe, that es ihr Leid, ein Gespräch herbeigeführt zu haben, das ihm unangenehm war und ihm den Abend eines Tages verdarb, der so freundlich begonnen hatte – und doch that ihr, trotz alle dem, Meining's augenblickliches Leiden unbeschreiblich wohl. Sie sah, daß er sie heftig liebe, daß er sie nicht entbehren könne, und sie fand eine Jugendlichkeit des Gefühls in seiner Liebe, die sie, ohne es selbst zu wissen, fortwährend vermißt hatte. Vergebens strebte sie den Anfang zu einer Unterhaltung zu finden, die ihren Mann zerstreuen könnte, ihn abzöge von den peinlichen Gedanken; sie war selbst so erschüttert, daß sie ihren Gefühlen Raum lassenmußte. Auch vermochte sie es nicht, nach Art mancher Frauen, über Dinge, die sie beschämen, mit verstellter Ruhe fortzugehen – darum stand sie auf, schlang ihren Arm durch Meining's Arm und sprach: Sei nicht böse, Lieber, wenn ich Unrecht hatte, und bleibe mir gut! Sage nur, Du böser, strenger Herr, wie Du es willst, ich werde schon gehorchen, und nun komme und stecke als Zeichen der Versöhnung die Friedenspfeife an. Indeß bereite ich den Thee und – das istmeinFriedens- und Versöhnungspfand.

Ein Kuß, den ihr Mann mit vielen andern erwiderte, war das Ende dieser Scene, und nachdem Meining den beabsichtigten Brief an das preußische Ministerium geschrieben, verging der Abend den Beiden auf das Angenehmste, wie er begonnen, in traulichem Plaudern über die künftigen Verhältnisse und langem Ueberlegen, wie es möglich sein würde, später auch demProfessor Reich in Berlin eine Anstellung zu verschaffen, damit Clementine und Marie nicht wieder getrennt würden, was beiden Schwestern gar schwer fiel.


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