Chapter 2

DES ERSTEN BUCHES ERSTER TEILEINGANGWer du auch seist: Am Abend tritt hinausaus deiner Stube, drin du alles weißt;als letztes vor der Ferne liegt dein Haus:Wer du auch seist.Mit deinen Augen, welche müde kaumvon der verbrauchten Schwelle sich befrein,hebst du ganz langsam einen schwarzen Baumund stellst ihn vor den Himmel: schlank, allein.Und hast die Welt gemacht. Und sie ist großund wie ein Wort, das noch im Schweigen reift.Und wie dein Wille ihren Sinn begreift,lassen sie deine Augen zärtlich los....AUS EINEM APRILWieder duftet der Wald.Es heben die schwebenden Lerchenmit sich den Himmel empor, der unseren Schultern schwer war;zwar sah man noch durch die Äste den Tag, wie er leer war,—aber nach langen, regnenden Nachmittagenkommen die goldübersonntenneueren Stunden,vor denen flüchtend, an fernen Häuserfrontenalle die wundenFenster furchtsam mit Flügeln schlagen.Dann wird es still. Sogar der Regen geht leiserüber der Steine ruhig dunkelnden Glanz.Alle Geräusche ducken sich ganzin die glänzenden Knospen der Reiser.ZWEI GEDICHTE ZU HANS THOMAS SECHZIGSTEM GEBURTSTAGEMONDNACHTSüddeutsche Nacht, ganz breit im reifen Mondeund mild wie aller Märchen Wiederkehr.Vom Turme fallen viele Stunden schwerin ihre Tiefen nieder wie ins Meer,—und dann ein Rauschen und ein Ruf der Ronde,und eine Weile bleibt das Schweigen leer;und eine Geige dann (Gott weiß woher)erwacht und sagt ganz langsam:Eine Blonde ...RITTERReitet der Ritter im schwarzen Stahlhinaus in die rauschende Welt.Und draußen ist alles: der Tag und das Talund der Freund und der Feind und das Mahl im Saalund der Mai und die Maid und der Wald und der Gral,und Gott ist selber vieltausendmalan alle Straßen gestellt.Doch in dem Panzer des Ritters drinnen,hinter den finstersten Ringen,hockt der Tod und muß sinnen und sinnen:Wann wird die Klinge springenüber die Eisenhecke,die fremde befreiende Klinge,die mich aus meinem Versteckeholt, drin ich so vielegebückte Tage verbringe,—daß ich mich endlich streckeund spieleund singe.MÄDCHENMELANCHOLIEMir fällt ein junger Ritter einfast wie ein alter Spruch.Der kam. So kommt manchmal im Hainder große Sturm und hüllt dich ein.Der ging. So läßt das Benedeinder großen Glocken dich alleinoft mitten im Gebet....Dann willst du in die Stille schreinund weinst doch nur ganz leis hineintief in dein kühles Tuch.Mir fällt ein junger Ritter ein,der weit in Waffen geht.Sein Lächeln war so weich und fein:wie Glanz auf altem Elfenbein,wie Heimweh, wie ein Weihnachtsschneinim dunkeln Dorf, wie Türkisstein,um den sich lauter Perlen reihn,wie Mondenscheinauf einem lieben Buch.VON DEN MÄDCHENIAndere müssen auf langen Wegenzu den dunklen Dichtern gehn;fragen immer irgendwen,ob er nicht einen hat singen sehnoder Hände auf Saiten legen.Nur die Mädchen fragen nicht,welche Brücke zu Bildern führe;lächeln nur, lichter als Perlenschnüre,die man an Schalen von Silber hält.Aus ihrem Leben geht jede Türein einen Dichterund in die Welt.IIMädchen, Dichter sind, die von euch lernendas zu sagen, was ihr einsam seid;und sie lernen leben an euch Fernen,wie die Abende an großen Sternensich gewöhnen an die Ewigkeit.Keine darf sich je dem Dichter schenken,wenn sein Auge auch um Frauen bat:denn er kann euch nur als Mädchen denken:das Gefühl in euren Handgelenkenwürde brechen von Brokat.Laßt ihn einsam sein in seinem Garten,wo er euch wie Ewige empfingauf den Wegen, die er täglich ging,bei den Bänken, welche schattig warten,und im Zimmer, wo die Laute hing.Geht!... Es dunkelt. Seine Sinne sucheneure Stimme und Gestalt nicht mehr.Und die Wege liebt er lang und leerund kein Weißes unter dunklen Buchen,—und die stumme Stube liebt er sehr.... Eure Stimmen hört er ferne gehn(unter Menschen, die et müde meidet)und: sein zärtliches Gedenken leidetim Gefühle, daß euch viele sehn.DAS LIED DER BILDSÄULEWer ist es, wer mich so liebt, daß ersein liebes Leben verstößt?Wenn einer für mich ertrinkt im Meer,so bin ich vom Steine zur Wiederkehrins Leben, ins Leben erlöst.Ich sehne mich so nach dem rauschenden Blut;der Stein ist so still.Ich träume vom Leben: das Leben ist gut.Hat keiner den Mut,durch den ich erwachen will?Und werd ich einmal im Leben sein,das mir alles Goldenste gibt,—_ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _so werd ich allein ,weinen, weinen nach meinem Stein.Was hilft mir mein Blut, wenn es reift wie der Wein?Es kann aus dem Meer nicht den Einen schrein,der mich am meisten geliebt.DER WAHNSINNSie muß immer sinnen: Ich bin... ich bin....Wer bist du denn, Marie?Eine Königin, eine Königin!In die Kniee vor mir, in die Knie!Sie muß immer weinen: Ich war ... ich war....Wer warst du denn, Marie?Ein Niemandskind, ganz arm und bar,und ich kann dir nicht sagen wie.Und wurdest aus einem solchen Kindeine Fürstin, vor der man kniet?Weil die Dinge alle anders sind,als man sie beim Betteln sieht.So haben die Dinge dich groß gemacht,und kannst du noch sagen wann?Eine Nacht, eine Nacht, über eine Nacht,—und sie sprachen mich anders an.Ich trat in die Gasse hinaus und sieh:die ist wie mit Saiten bespannt;da wurde Marie Melodie, Melodie ...und tanzte von Rand zu Rand.Die Leute schlichen so ängstlich hin,wie hart an die Häuser gepflanzt,—denn das darf doch nur eine Königin,daß sie tanzt in den Gassen: tanzt!...DIE LIEBENDEJa, ich sehne mich nach dir. Ich gleitemich verlierend selbst mir aus der Hand,ohne Hoffnung, daß ich Das bestreite,was zu mir kommt wie aus deiner Seiteernst und unbeirrt und unverwandt.... jene Zeiten: O wie war ich Eines,nichts was rief und nichts was mich verriet,meine Stille war wie eines Steines,über den der Bach sein Murmeln zieht.Aber jetzt in diesen Frühlingswochenhat mich etwas langsam abgebrochenvon dem unbewußten dunkeln Jahr.Etwas hat mein armes warmes Lebenirgendeinem in die Hand gegeben,der nicht weiß, was ich noch gestern war.DIE BRAUTRuf mich, Geliebter, ruf mich laut!Laß deine Braut nicht so lange am Fenster stehn.In den alten Platanenalleenwacht der Abend nicht mehr:sie sind leer.Und kommst du mich nicht in das nächtliche Hausmit deiner Stimme verschließen,so muß ich mich aus meinen Händen hinausin die Gärten des Dunkelblausergießen....DIE STILLEHörst du, Geliebte, ich hebe die Hände—hörst du: es rauscht....Welche Gebärde der Einsamen fändesich nicht von vielen Dingen belauscht?Hörst du, Geliebte, ich schließe die Lider,und auch das ist Geräusch bis zu dir,hörst du, Geliebte, ich hebe sie wieder....... Aber warum bist du nicht hier.Der Abdruck meiner kleinsten Bewegungbleibt in der seidenen Stille sichtbar;unvernichtbar drückt die geringste Erregungin den gespannten Vorhang der Ferne sich ein.Auf meinen Atemzügen heben und senkendie Sterne sich.Zu meinen Lippen kommen die Düfte zur Tränke,und ich erkenne die Handgelenkeentfernter Engel.Nur die ich denke: Dichseh ich nicht.MUSIKWas spielst du, Knabe? Durch die Gärten gingswie viele Schritte, flüsternde Befehle.Was spielst du, Knabe? Siehe, deine Seeleverfing sich in den Stäben der Syrinx.Was lockst du sie? Der Klang ist wie ein Kerker,darin sie sich versäumt und sich versehnt;stark ist dein Leben, doch dein Lied ist stärker,an deine Sehnsucht schluchzend angelehnt.—Gib ihr ein Schweigen, daß die Seele leiseheimkehre in das Flutende und Viele,darin sie lebte, wachsend, weit und weise,eh du sie zwangst in deine zarten Spiele.Wie sie schon matter mit den Flügeln schlägt:So wirst du, Träumer, ihren Flug vergeuden,daß ihre Schwinge, vom Gesang zersägt,sie nicht mehr über meine Mauern trägt,wenn ich sie rufen werde zu den Freuden.DIE ENGELSie haben alle müde Mündeund helle Seelen ohne Saum.Und eine Sehnsucht (wie nach Sünde)geht ihnen manchmal durch den Traum.Fast gleichen sie einander alle;in Gottes Gärten schweigen sie,wie viele, viele Intervallein seiner Macht und Melodie.Nur wenn sie ihre Flügel breiten,sind sie die Wecker eines Winds:Als ginge Gott mit seinen weitenBildhauerhänden durch die Seitenim dunklen Buch des Anbeginns.DER SCHUTZENGELDu bist der Vogel, dessen Flügel kamen,wenn ich erwachte in der Nacht und rief.Nur mit den Armen rief ich, denn dein Namenist wie ein Abgrund, tausend Nächte tief.Du bist der Schatten, drin ich still entschlief,und jeden Traum ersinnt in mir dein Samen,—du bist das Bild, ich aber bin der Rahmen,der dich ergänzt in glänzendem Relief.Wie nenn ich dich? Sieh, meine Lippen lahmen.Du bist der Anfang, der sich groß ergießt,ich bin das langsame und bange Amen,das deine Schönheit scheu beschließt.Du hast mich oft aus dunklem Ruhn gerissen,wenn mir das Schlafen wie ein Grab erschienund wie Verlorengehen und Entfliehn,—da hobst du mich aus Herzensfinsternissenund wolltest mich auf allen Türmen hissenwie Scharlachfahnen und wie Draperien.Du: der von Wundern redet wie vom Wissenund von den Menschen wie von Melodienund von den Rosen: von Ereignissen,die flammend sich in deinem Blick vollziehn,—du Seliger, wann nennst du einmal Ihn,aus dessen siebentem und letztem Tagenoch immer Glanz auf deinem Flügelschlageverloren liegt.Befiehlst du, daß ich frage?MARTYRINNENMartyrin ist sie. Und als harten Fallsmit einem Ruckdas Beil durch ihre kurze Jugend ging,da legte sich der feine rote Ringum ihren Hals und war der erste Schmuck,den sie mit einem fremden Lächeln nahm:aber auch den erträgt sie nur mit Scham.Und wenn sie schläft, muß ihre junge Schwester(die, kindisch noch, sich mit der Wunde schmücktvon jenem Stein, der ihr die Stirn erdrückt,)die harten Arme um den Hals ihr halten,und oft im Traume fleht die andre: Fester, fester.Und da fällt es dem Kinde manchmal ein,die Stirne mit dem Bild von jenem Steinzu bergen in des sanften Nachtgewandes Falten,das von der Schwester Atmen hell sich hebt,voll wie ein Segel, das vom Winde lebt.Das ist die Stunde, da sie heilig sind,die stille Jungfrau und das blasse Kind.Da sind sie wieder wie vor allem Leideund schlafen arm und haben keinen Ruhm,und ihre Seelen sind wie weiße Seide,und von derselben Sehnsucht beben beideund fürchten sich vor ihrem Heldentum.Und du kannst meinen: Wenn sie aus den Bettenaufstünden bei dem nächsten Morgenlichteund, mit demselben träumenden Gesichte,die Gassen kämen in den kleinen Städten,—es bliebe keiner hinter ihnen staunen,kein Fenster klirrte an den Häuserreihn,und nirgends bei den Frauen ging ein Raunen,und keines von den Kindern würde schrein.Sie schritten durch die Stille in den Hemden(die flachen Falten geben keinen Glanz)so fremd und dennoch keinem zum Befremden,so wie zu Festen, aber ohne Kranz.DIE HEILIGEDas Volk war durstig; also ging das einedurstlose Mädchen, ging die Steineum Wasser flehen für ein ganzes Volk.Doch ohne Zeichen blieb der Zweig der Weide,und sie ermattete am langen Gehnund dachte endlich nur, daß einer leide,(ein kranker Knabe, und sie hatten beidesich einmal abends ahnend angesehn).Da neigte sich die junge Weidenrutein ihren Händen dürstend wie ein Tier:jetzt ging sie blühend über ihrem Blute,und rauschend ging ihr Blut tief unter ihr.KINDHEITDa rinnt der Schule lange Angst und Zeitmit Warten hin, mit lauter dumpfen Dingen.O Einsamkeit, o schweres Zeitverbringen....Und dann hinaus: die Straßen sprühn und klingen,und auf den Plätzen die Fontänen springen,und in den Gärten wird die Welt so weit.—Und durch das alles gehn im kleinen Kleid,ganz anders als die andern gehn und gingen—:O wunderliche Zeit, o Zeitverbringen,o Einsamkeit.Und in das alles fern hinauszuschauen:Männer und Frauen; Männer, Männer, Frauenund Kinder, welche anders sind und bunt;und da ein Haus und dann und wann ein Hundund Schrecken lautlos wechselnd mit Vertrauen—:O Trauer ohne Sinn, o Traum, o Grauen,o Tiefe ohne Grund.Und so zu spielen: Ball und Ring und Reifenin einem Garten, welcher sanft verblaßt,und manchmal die Erwachsenen zu streifen,blind und verwildert in des Haschens Hast,aber am Abend still, mit kleinen steifenSchritten nach Haus zu gehn, fest angefaßt—:O immer mehr entweichendes Begreifen,o Angst, o Last.Und stundenlang am großen grauen Teichemit einem kleinen Segelschiff zu knien;es zu vergessen, weil noch andre gleicheund schönere Segel durch die Ringe ziehn,und denken müssen an das kleine bleicheGesicht, das sinkend aus dem Teiche schien—:O Kindheit, o entgleitende Vergleiche.Wohin? Wohin?AUS EINER KINDHEITDas Dunkeln war wie Reichtum in dem Raume,darin der Knabe, sehr verheimlicht, saß.Und als die Mutter eintrat wie im Traume,erzitterte im stillen Schrank ein Glas.Sie fühlte, wie das Zimmer sie verriet,und küßte ihren Knaben: Bist du hier?...Dann schauten beide bang nach dem Klavier,denn manchen Abend hatte sie ein Lied,darin das Kind sich seltsam tief verfing.Es saß sehr still. Sein großes Schauen hingan ihrer Hand, die ganz gebeugt vom Ringe,als ob sie schwer in Schneewehn ginge,über die weißen Tasten ging.DER KNABEIch möchte einer werden so wie die,die durch die Nacht mit wilden Pferden fahren,mit Fackeln, die gleich aufgegangnen Haarenin ihres Jagens großem Winde wehn.Vorn möcht ich stehen wie in einem Kahne,groß und wie eine Fahne aufgerollt.Dunkel, aber mit einem Helm von Gold,der unruhig glänzt. Und hinter mir gereihtzehn Männer aus derselben Dunkelheitmit Helmen, die wie meiner unstät sind,bald klar wie Glas, bald dunkel, alt und blind.Und einer steht bei mir und bläst uns Raummit der Trompete, welche blitzt und schreit,und bläst uns eine schwarze Einsamkeit,durch die wir rasen wie ein rascher Traum:die Häuser fallen hinter uns ins Knie,die Gassen biegen sich uns schief entgegen,die Plätze weichen aus: wir fassen sie,und unsre Rosse rauschen wie ein Regen.DIE KONFIRMANDEN(PARIS, IM MAI 1903)In weißen Schleiern gehn die Konfirmandentief in das neue Grün der Gärten ein.Sie haben ihre Kindheit überstanden,und was jetzt kommt, wird anders sein.O kommt es denn! Beginnt jetzt nicht die Pause,das Warten auf den nächsten Stundenschlag?Das Fest ist aus, und es wird laut im Hause,und trauriger vergeht der Nachmittag....Das war ein Aufstehn zu dem weißen Kleideund dann durch Gassen ein geschmücktes Gehnund eine Kirche, innen kühl wie Seide,und lange Kerzen waren wie Alleen,und alle Lichter schienen wie Geschmeide,von feierlichen Augen angesehn.Und es war still, als der Gesang begann:Wie Wolken stieg er in der Wölbung anund wurde hell im Niederfall; und linderdenn Regen fiel er in die weißen Kinder.Und wie im Wind bewegte sich ihr Weiß,und wurde leise bunt in seinen Faltenund schien verborgne Blumen zu enthalten—:Blumen und Vögel, Sterne und Gestaltenaus einem alten fernen Sagenkreis.Und draußen war ein Tag aus Blau und Grünmit einem Ruf von Rot an hellen Stellen.Der Teich entfernte sich in kleinen Wellen,und mit dem Winde kam ein fernes Blühnund sang von Gärten draußen vor der Stadt.Es war, als ob die Dinge sich bekränzten,sie standen licht, unendlich leicht besonnt;ein Fühlen war in jeder Häuserfront,und viele Fenster gingen auf und glänzten.DAS ABENDMAHLSie sind versammelt, staunende Verstörte,am ihn, der wie ein Weiser sich beschließt,und der sich fortnimmt denen er gehörte,und der an ihnen fremd vörüberfließt.Die alte Einsamkeit kommt über ihn,die ihn erzog zu seinem tiefen Handeln;nun wird er wieder durch den Ölwald wandeln,und die ihn lieben, werden vor ihm fliehn.Er hat sie zu dem letzten Tisch entbotenund (wie ein Schuß die Vögel aus den Schotenscheucht) scheucht er ihre Hände aus den Brotenmit seinem Wort: sie fliegen zu ihm her;sie flattern bange durch die Tafelrundeund suchen einen Ausgang. Aber erist überall wie eine Dämmerstunde.DES ERSTEN BUCHES ZWEITER TEILINITIALEAus unendlichen Sehnsüchten steigenendliche Taten wie schwache Fontänen,die sich zeitig und zitternd neigen.Aber, die sich uns sonst verschweigen,unsere fröhlichen Kräfte—zeigensich in diesen tanzenden Tränen.ZUM EINSCHLAFEN ZU SAGENIch möchte jemanden einsingen,bei jemandem sitzen und sein.Ich möchte dich wiegen und kleinsingenund begleiten schlafaus und schlafein.Ich möchte der einzige sein im Haus,der wüßte: die Nacht war kalt.Und möchte horchen herein und hinausin dich, in die Welt, in den Wald.—Die Uhren rufen sich schlagend an,und man sieht der Zeit auf den Grund.Und unten geht noch ein fremder Mannund stört einen fremden Hund.Dahinter wird Stille. Ich habe großdie Augen auf dich gelegt;sie halten dich sanft und lassen dich los,wenn ein Ding sich im Dunkel bewegt.MENSCHEN BEI NACHTDie Nächte sind nicht für die Menge gemacht.Von deinem Nachbar trennt dich die Nacht,und du sollst ihn nicht suchen trotzdem.Und machst du nachts deine Stube licht,um Menschen zu schauen ins Angesicht,so mußt du bedenken: wem.Die Menschen sind furchtbar vom Licht entstellt,das von ihren Gesichtern träuft,und haben sie nachts sich zusammengesellt,so schaust du eine wankende Weltdurcheinandergehäuft.Auf ihren Stirnen hat gelber Scheinalle Gedanken verdrängt,in ihren Blicken flackert der Wein,an ihren Händen hängtdie schwere Gebärde, mit der sie sichbei ihren Gesprächen verstehn;und dabei sagen sie: Ich und Ichund meinen: Irgendwen.DER NACHBARFremde Geige, gehst du mir nach?In wieviel fernen Städten schon sprachdeine einsame Nacht zu meiner?Spielen dich Hunderte? Spielt dich einer?Gibt es in allen großen Städtensolche, die sich ohne dichschon in den Flüssen verloren hätten?Und warum trifft es immer mich?Warum bin ich immer der Nachbar derer,die dich bange zwingen zu singenund zu sagen: Das Leben ist schwererals die Schwere von allen Dingen?PONT DU CARROUSELDer blinde Mann, der auf der Brücke steht,grau wie ein Markstein namenloser Reiche,er ist vielleicht das Ding, das immer gleiche,um das von fern die Sternenstunde gehtund der Gestirne heller Mittelpunkt.Denn alles um ihn irrt und rinnt und prunkt.Er ist der unbewegliche Gerechte,in viele wirre Wege hingestellt;der dunkle Eingang in die Unterweltbei einem oberflächlichen Geschlechte.DER EINSAMEWie einer, der auf fremden Meeren fuhr,so bin ich bei den ewig Einheimischen;die vollen Tage stehn auf ihren Tischen,mir aber ist die Ferne voll Figur.In mein Gesicht reicht eine Welt herein,die vielleicht unbewohnt ist wie ein Mond,sie aber lassen kein Gefühl allein,und alle ihre Worte sind bewohnt.Die Dinge, die ich weither mit mir nahm,sehn selten aus, gehalten an das Ihre—:in ihrer großen Heimat sind sie Tiere,hier halten sie den Atem an vor Scham.DIE ASCHANTI(Jardin d'Acclimatation)Keine Vision von fremden Ländern,kein Gefühl von braunen Frauen, dietanzen aus den fallenden Gewändern.Keine wilde, fremde Melodie.Keine Lieder, die vom Blute stammten,und kein Blut, das aus den Tiefen schrie.Keine braunen Mädchen, die sich samtenbreiteten in Tropenmüdigkeit;keine Augen, die wie Waffen flammten,und die Munde zum Gelächter breit.Und ein wunderliches Sich-verstehenmit der hellen Menschen Eitelkeit.Und mir war so bange hinzusehen.O wie sind die Tiere so viel treuer,die in Gittern auf und nieder gehn,ohne Eintracht mit dem Treiben neuerfremder Dinge, die sie nicht verstehn;und sie brennen wie ein stilles Feuerleise aus und sinken in sich ein,teilnahmslos dem neuen Abenteuerund mit ihrem großen Blut allein.DER LETZTEIch habe kein Vaterhausund habe auch keines verloren;meine Mutter hat mich in die Welt hinausgeboren.Da steh ich nun in der Welt und gehin die Welt immer tiefer hineinund habe mein Glück und habe mein Wehund habe jedes allein.Und bin doch manch eines Erbe.Mit drei Zweigen hat mein Geschlecht geblühtauf sieben Schlössern im Waldund wurde seines Wappens müdund war schon viel zu alt;—und was sie mir ließen und was ich erwerbezum alten Besitze, ist heimatlos.In meinen Händen, in meinem Schoßmuß ich es halten, bis ich sterbe.Denn was ich fortstelle,hinein in die Welt,fällt,ist wie auf eine Wellegestellt.BANGNISIm welken Walde ist ein Vogelruf,der sinnlos scheint in diesem welken Walde.Und dennoch ruht der runde Vogelrufin dieser Weile, die ihn schuf,breit wie ein Himmel auf dem welken Walde.Gefügig räumt sich alles in den Schrei.Das ganze Land scheint lautlos drin zu liegen,der große Wind scheint sich hineinzuschmiegen,und die Minute, welche weiter will,ist bleich und still, als ob sie Dinge wüßte,an denen jeder sterben müßte,aus ihm herausgestiegen.KLAGEO wie ist alles fernund lange vergangen.Ich glaube, der Stern,von welchem ich Glanz empfange,ist seit Jahrtausenden tot.Ich glaube, im Boot,das vorüberfuhr,hörte ich etwas Banges sagen.Im Hause hat eine Uhrgeschlagen....In welchem Haus? ...Ich möchte aus meinem Herzen hinausunter den großen Himmel treten.Ich möchte beten.Und einer von allen Sternenmüßte wirklich noch sein.Ich glaube, ich wüßte,welcher alleingedauert hat,welcher wie eine weiße Stadtam Ende des Strahls in den Himmeln steht....EINSAMKEITDie Einsamkeit ist wie ein Regen.Sie steigt vom Meer den Abenden entgegen;von Ebenen, die fern sind und entlegen,geht sie zum Himmel, der sie immer hat.Und erst vom Himmel fällt sie auf die Stadt.Regnet hernieder in den Zwitterstunden,wenn sich nach Morgen wenden alle Gassen,und wenn die Leiber, welche nichts gefunden,enttäuscht und traurig voneinander lassen;und wenn die Menschen, die einander hassen,in einem Bett zusammen schlafen müssen:dann geht die Einsamkeit mit den Flüssen....HERBSTTAGHerr: es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß.Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren,und auf den Fluren laß die Winde los.Befiehl den letzten Früchten voll zu sein;gib ihnen noch zwei südlichere Tage,dränge sie zur Vollendung hin und jagedie letzte Süße in den schweren Wein.Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr.Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben,wird wachen, lesen, lange Briefe schreibenund wird in den Alleen hin und herunruhig wandern, wenn die Blätter treiben.ERINNERUNGUnd du wartest, erwartest das Eine,das dein Leben unendlich vermehrt;das Mächtige, Ungemeine,das Erwachen der Steine,Tiefen, dir zugekehrt.Es dämmern im Bücherständerdie Bände in Gold und Braun;und du denkst an durchfahrene Länder,an Bilder, an die Gewänderwiederverlorener Fraun.Und da weißt du auf einmal: Das war es.Du erhebst dich, und vor dir stehteines vergangenen JahresAngst und Gestalt und Gebet.ENDE DES HERBSTESIch sehe seit einer Zeit,wie alles sich verwandelt.Etwas steht auf und handeltund tötet und tut Leid.Von Mal zu Mal sind alldie Gärten nicht dieselben;von den gilbenden zu der gelbenlangsamem Verfall:wie war der Weg mir weit.Jetzt bin ich beiden leerenund schaue durch alle Alleen.Fast bis zu den fernen Meerenkann ich den ernsten schwerenverwehrenden Himmel sehn.HERBSTDie Blätter fallen, fallen wie von weit,als welkten in den Himmeln ferne Gärten;sie fallen mit verneinender Gebärde.Und in den Nächten fällt die schwere Erdeaus allen Sternen in die Einsamkeit.Wir alle fallen. Diese Hand da fällt.Und sieh dir andre an: es ist in allen.Und doch ist Einer, welcher dieses Fallenunendlich sanft in seinen Händen hält.AM RANDE DER NACHTMeine Stube und diese Weite,wach über nachtendem Land, -ist Eines. Ich bin eine Saite,über rauschende breiteResonanzen gespannt.Die Dinge sind Geigenleiber,von murrendem Dunkel voll;drin träumt das Weinen der Weiber,drin rührt sich im Schlafe der Grollganzer Geschlechter....Ich sollsilbern erzittern: dann wirdalles unter mir beben,und was in den Dingen irrt,wird nach dem Lichte streben,das von meinem tanzenden Tone,um welchen der Himmel wellt,durch schmale, schmachtende Spaltenin die altenAbgründe ohneEnde fällt....GEBETNacht, stille Nacht, in die verwoben sindganz weiße Dinge, rote, bunte Dinge,verstreute Farben, die erhoben sindzu Einem Dunkel, Einer Stille,—bringedoch mich auch in Beziehung zu dem Vielen,das du erwirbst und überredest. Spielendenn meine Sinne noch zu sehr mit Licht?Würde sich denn mein Angesichtnoch immer störend von den Gegenständenabheben? Urteile nach meinen Händen:liegen sie nicht wie Werkzeug da und Ding?Ist nicht der Ring selbst schlichtan meiner Hand, und liegt das Lichtnicht ganz so, voll Vertrauen, über ihnen,—als ob sie Wege wären, die beschienennicht anders sich verzweigen als im Dunkel?...FORTSCHRITTUnd wieder rauscht mein tiefes Leben lauter,als ob es jetzt in breitern Ufern ginge.Immer verwandter werden mir die Dingeund alle Bilder immer angeschauter.Dem Namenlosen fühl ich mich vertrauter:mit meinen Sinnen, wie mit Vögeln, reicheich in die windigen Himmel aus der Eiche,und in den abgebrochnen Tag der Teichesinkt, wie auf Fischen stehend, mein Gefühl.VORGEFÜHLIch bin wie eine Fahne von Fernen umgeben.Ich ahne die Winde, die kommen, und muß sie leben,während die Dinge unten sich noch nicht rühren:die Türen schließen noch sanft, und in den Kaminenist Stille;die Fenster zittern noch nicht, und der Staub istnoch schwer.Da weiß ich die Stürme schon und bin erregt wiedas Meer.Und breite mich aus und falle in mich hineinund werfe mich ab und bin ganz alleinin dem großen Sturm.STURMWenn die Wolken, von Stürmen geschlagen,jagen:Himmel von hundert Tagenüber einem einzigen Tag—:Dann fühl ich dich, Hetman, von fern(der du deine Kosaken gernzu dem größesten Herrnführen wolltest).Deinen wagrechten Nackenfühl ich, Mazeppa.Dann bin auch ich an das rasende Renneneines rauchenden Rückens gebunden;alle Dinge sind mir verschwunden,nur die Himmel kann ich erkennen:Überdunkelt und überschienenlieg ich flach unter ihnen,wie Ebenen liegen;meine Augen sind offen wie Teiche,und in ihnen flüchtet das gleicheFliegen.ABEND IN SKÅNEDer Park ist hoch. Und wie aus einem Haustret ich aus seiner Dämmerung herausin Ebene und Abend. In den Wind,denselben Wind, den auch die Wolken fühlen,die hellen Flüsse und die Flügelmühlen,die langsam mahlend stehn am Himmelsrand.Jetzt bin auch ich ein Ding in seiner Hand,das kleinste unter diesen—Schau:Ist das ein Himmel?:Selig lichtes Blau,in das sich immer reinere Wolken drängen,und drunter alle Weiß in Übergängen,und drüber jenes dünne große Grau,warmwallend wie auf roter Untermalung,und über allem diese stille Strahlungsinkender Sonne.Wunderlicher Bau,in sich bewegt und von sich selbst gehalten,Gestalten bildend, Riesenflügel, Faltenund Hochgebirge vor den ersten Sternenund plötzlich, da: ein Tor in solche Fernen,wie sie vielleicht nur Vögel kennen....ABENDDer Abend wechselt langsam die Gewänder,die ihm ein Rand von alten Bäumen hält;du schaust: und von dir scheiden sich die Länder,ein himmelfahrendes und eins, das fällt;und lassen dich, zu keinem ganz gehörend,nicht ganz so dunkel wie das Haus, das schweigt,nicht ganz so sicher Ewiges beschwörendwie das, was Stern wird jede Nacht und steigt;und lassen dir (unsäglich zu entwirrn)dein Leben, bang und riesenhaft und reifend,so daß es, bald begrenzt und bald begreifend,abwechselnd Stein in dir wird und Gestirn.ERNSTE STUNDEWer jetzt weint irgendwo in der Welt,ohne Grund weint in der Welt,weint über mich.Wer jetzt lacht irgendwo in der Nacht,ohne Grund lacht in der Nacht,lacht mich aus.Wer jetzt geht irgendwo in der Welt,ohne Grund geht in der Welt,geht zu mir.Wer jetzt stirbt irgendwo in der Welt,ohne Grund stirbt in der Welt,sieht mich an.STROPHENIst einer, der nimmt alle in die Hand,daß sie wie Sand durch seine Finger rinnen.Er wählt die schönsten aus den Königinnenund läßt sie sich in weißen Marmor hauen,still liegend in des Mantels Melodie;und legt die Könige zu ihren Frauen,gebildet aus dem gleichen Stein wie sie.Ist einer, der nimmt alle in die Hand,daß sie wie schlechte Klingen sind und brechen.Er ist kein Fremder, denn er wohnt im Blut,das unser Leben ist und rauscht und ruht.Ich kann nicht glauben, daß er unrecht tut;doch hör ich viele Böses von ihm sprechen.STURMNACHTDer Gott erschrak in seiner Einsamkeit.Er sah tief unten in der grauen Zeitden Herbsttag gehn. Der war so greisenhaft,als reichte nicht zum Abendrande weitder matte Pfeil vom Bogen seiner Kraft.Oft stand er still und starrte nach den Hügeln,und endlich sank er matt ins arme Gras;und wie der giere Geier auf das Aas,so fiel auf ihn mit schweren, schwarzen Flügelndie nasse Nacht, die seine Seele fraß.Die schwarze Nacht saß auf dem toten Tag,und Gott erschrak:sein Blick ging lange in dem Dunkel irr;und als er trat aus Wolken und Gewirr,fand er die Ferne nicht, nicht Flut noch Feld:die schwarze Nacht fraß an der ganzen Welt.Da ahnte Gott, der schauernd niederblickte,wie unter diesem schweren Schwingenschlagdie weite Welt erstarrte und erstickteso wie ein Tag.Und plötzlich wußte er: Er liebte sie.Doch reglos schattend blieb das Nachtgefieder,als von dem Rand der leeren Himmel niedersein Wille schrie....Aber der Gott wird größer im Grimme;wenn er einmal sein einsames Leidin die erwachenden Weiten schreit,ist der Sturm seine Stimme.Und dann reißt sein wehendes Wortvon den Monden die Wolken fort:und so sah er im Schimmer thronenlauter ähnliche Ewigkeiten,sah die Sterne der Stille wohnenund die Welten im Wandel schreiten.Und sein Bangen fand alles geborgenin dem leise liebkosenden Licht,—aber über dem Gestern und Morgenschwieg die Nacht, und sie rührte sich nicht.Und da war der Gott wie ein Kind,und er wurde vor Weinen blind,und durch den wimmernden Windgriff er mit hilflosen Händen:ob sie im Äther die Ufer fänden,welche die Spitzen der Türme sind.Sein Weinen verwaiste und rief:"Ist denn die Welt so tief, so tief,daß der Gott, der Sommer und Sonnen sann,der in alle Gedanken tauchte,den Rauch, der um ihre Gipfel rauchte—ihren Atem—nicht einmal erreichen kann?Ist dort kein Garten, der Blüten weht,kein lauschendes Leid, kein waches Gebet,keine Stille, die mich versteht?"_ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _Auf Erden war nur ein winziges Licht,das in dem samtenen Dunkel dichtan der Wiege des Kindes wachteund an sein ärmliches Dasein dachte,als die Stimme des Sturmes klang.Da wurde dem Funken so heimwehbang,daß er aus blinkendem Becher sachtewie der Quell aus dem Felsen sprangund, die Falten des Vorhangs entlang,wünschend nach allen Wänden griff,bis sich berstend die Balken bogen,—und auf hohen, lodernden Wogentrieb die Wiege, das schlummernde Schiff.Da regt sich die Welt. Von den Hängen hebtscheu sich die Nacht vor dem siegenden Scheine.Es lächelt der Gott; er weiß nur das eine:Sie lebt!DES ZWEITEN BUCHES ERSTER TEILINITIALEGib deine Schönheit immer hinohne rechnen und reden.Du schweigst. Sie sagt für dich: Ich bin.Und kommt in tausendfachem Sinn,kommt endlich über jeden.VERKÜNDIGUNGDIE WORTE DES ENGELSDu bist nicht näher an Gott als wir;wir sind ihm alle weit.Aber wunderbar sind dirdie Hände benedeit.So reifen sie bei keiner Frau,so schimmernd aus dem Saum:Ich bin der Tag, ich bin der Tau,du aber bist der Baum.Ich bin jetzt matt, mein Weg war weit,vergib mir, ich vergaß,was er, der groß in Goldgeschmeidwie in der Sonne saß,dir künden ließ, du Sinnende,(verwirrt hat mich der Raum).Sieh: Ich bin das Beginnende,du aber bist der Baum.Ich spannte meine Schwingen ausund wurde seltsam weit;jetzt überfließt dein kleines Hausvon meinem großen Kleid.Und dennoch bist du so alleinwie nie und schaust mich kaum;das macht: Ich bin ein Hauch im Hain,du aber bist der Baum.Die Engel alle bangen so,lassen einander los:noch nie war das Verlangen so,so ungewiß und groß.Vielleicht, daß etwas bald geschieht,das du im Traum begreifst.Gegrüßt sei, meine Seele sieht:Du bist bereit und reifst.Du bist ein großes, hohes Tor,und aufgehn wirst du bald.Du, meines Liedes liebstes Ohr,jetzt fühle ich: Mein Wort verlorsich in dir wie im Wald.So kam ich und vollendetedir tausendeinen Traum.Gott sah mich an: er blendete....Du aber bist der Baum.DIE HEILIGEN DREI KÖNIGELEGENDEEinst als am Saum der Wüsten sichauftat die Hand des Herrnwie eine Frucht, die sommerlichverkündet ihren Kern,da war ein Wunder: Fernerkannten und begrüßten sichdrei Könige und ein Stern.Drei Könige von Unterwegsund der Stern Überall,die zogen alle (überlegs!)so rechts ein Rex und links ein Rexzu einem stillen Stall.Was brachten die nicht alles mitzum Stall von Bethlehem!Weithin erklirrte jeder Schritt,und der auf einem Rappen ritt,saß samten und bequem;und der zu seiner Rechten ging,der war ein goldner Mann;und der zu seiner Linken fingmit Schwung und Schwingund Klang und Klingaus einem runden Silberding,das wiegend und in Ringen hing,ganz blau zu rauchen an.Da lachte der Stern Überallso seltsam über sieund lief voraus und stand am Stallund sagte zu Marie:Da bring ich eine Wanderschaftaus vieler Fremde her.Drei Könige mit Magenkraft,von Gold und Topas schwerund dunkel, tumb und heldenhaft,—erschrick mir nicht zu sehr.Sie haben alle drei zu Hauszwölf Töchter, keinen Sohn,so bitten sie sich deinen ausals Sonne ihres Himmelblausund Trost für ihren Thron.Doch mußt du nicht gleich glauben: Bloßein Funkel fürst und Heidenscheichsei deines Sohnes Los.Bedenk, der Weg ist groß.Sie wandern lange, Hirten gleich,inzwischen fällt ihr reifes Reichweiß Gott wem in den Schoß.Und während hier, wie Westwind warm,der Ochs ihr Ohr umschnaubt,sind sie vielleicht schon alle armund so wie ohne Haupt.Drum mach mit deinem Lächeln lichtdie Wirrnis, die sie sind,und wende du dein Angesichtnach Aufgang und dein Kind;dort liegt in blauen Linien,was jeder dir verließ:Smaragda und Rubinienund die Tale von Türkis.IN DER CERTOSAEin jeder aus der weißen Bruderschaftvertraut sich pflanzend seinem kleinen Garten.Auf jedem Beete steht, wer jeder sei.Und einer harrt in heimlichen Hoffarten,daß ihm im Maidie ungestümen Blüten offenbartenein Bild von seiner unterdrückten Kraft.Und seine Hände halten, wie erschlafft,sein braunes Haupt, das schwer ist von den Säften,die ungeduldig durch das Dunkel rollen,und sein Gewand, das faltig, voll und wollen,zu seinen Füßen fließt, ist stramm gestrafftum seinen Armen, die, gleich starken Schäften,die Hände tragen, welche träumen sollen.Kein Miserere und kein Kyriewill seine junge runde Stimme ziehn,vor keinem Fluche will sie fliehn;sie ist kein Reh.Sie ist ein Roß und bäumt sich im Gebiß,und über Hürde, Hang und Hinderniswill sie ihn tragen weit und weggewiß,ganz ohne Sattel will sie tragen ihn.Er aber sitzt, und unter den Gedankenzerbrechen fast die breiten Handgelenke,so schwer wird ihm der Sinn und immer schwerer.Der Abend kommt, der sanfte Wiederkehrer,ein Wind beginnt, die Wege werden leerer,und Schatten sammeln sich im Talgesenke.Und wie ein Kahn, der an der Kette schwankt,so wird der Garten ungewiß und hangtwie windgewiegt auf lauter Dämmerung.Wer löst ihn los?...Der Frate ist so jung,und langelang ist seine Mutter tot.Er weiß von ihr: sie nannten sie La Stanca;sie war ein Glas, ganz zart und klar. Man bot


Back to IndexNext