es einem, der es nach dem Trunk zerschlugwie einen Krug.So ist der Vater.Und er hat sein Brotals Meister in den roten Marmorbrüchen.Und jede Wöchnerin in Pietrabiancahat Furcht, daß er des Nachts mit seinen Flüchenvorbei an ihrem Fenster kommt und droht.Sein Sohn, den er der Donna Dolorosageweiht in einer Stunde wilder Not,sinnt im Arkadenhofe der Certosa,sinnt, wie umrauscht von rötlichen Gerüchen:denn seine Blumen blühen alle rot.DAS JÜNGSTE GERICHTAUS DEN BLÄTTERN EINES MÖNCHSSie werden alle wie aus einem Badeaus ihren mürben Grüften auferstehn;denn alle glauben an das Wiedersehn,und furchtbar ist ihr Glauben, ohne Gnade.Sprich leise, Gott! Es könnte einer meinen,daß die Posaune deiner Reiche rief;und ihrem Ton ist keine Tiefe tief:da steigen alle Zeiten aus den Steinen,und alle die Verschollenen erscheinenin welken Leinen, brüchigen Gebeinenund von der Schwere ihrer Schollen schief.Das wird ein wunderliches Wiederkehrenin eine wunderliche Heimat sein;auch die dich niemals kannten, werden schreinund deine Größe wie ein Recht begehren:wie Brot und Wein.Allschauender, du kennst das wilde Bild,das ich in meinem Dunkel zitternd dichte.Durch dich kommt alles, denn du bist das Tor,—und alles war in deinem Angesichte,eh es in unserm sich verlor.Du kennst das Bild vom riesigen Gerichte:Ein Morgen ist es, doch aus einem Lichte,das deine reife Liebe nie erschuf,ein Rauschen ist es, nicht aus deinem Ruf,ein Zittern, nicht von göttlichem Verzichte,ein Schwanken, nicht in deinem Gleichgewichte.Ein Rascheln ist und ein Zusammenraffenin allen den geborstenen Gebäuden,ein Sichentgelten und ein Sich vergeuden,ein Sichbegatten und ein Sichbegaffen,und ein Betasten aller alten Freudenund aller Lüste welke Wiederkehr.Und über Kirchen, die wie Wunden klaffen,ziehn schwarze Vögel, die du nie erschaffen,in irren Zügen hin und her.So ringen sie, die lange Ausgeruhten,und packen sich mit ihren nackten Zähnenund werden bange, weil sie nicht mehr bluten,und suchen, wo die Augenbecher gähnen,mit kalten Fingern nach den toten Tränen.Und werden müde. Wenige Minutennach ihrem Morgen bricht der Abend ein.Sie werden ernst und lassen sich alleinund sind bereit, im Sturme aufzusteigen,wenn sich auf deiner Liebe heitrem Weindie dunklen Tropfen deines Zornes zeigen,um deinem Urteil nah zu sein.Und da beginnt es, nach dem großen Schrein:das übergroße fürchterliche Schweigen.Sie sitzen alle wie vor schwarzen Türenin einem Licht, das sie, wie mit Geschwüren,mit vielen grellen Flecken übersät.Und wachsend wird der Abend alt und spät.Und Nächte fallen dann in großen Stückenauf ihre Hände und auf ihren Rücken,der wankend sich mit schwarzer Last belädt.Sie warten lange. Ihre Schultern schwankenunter dem Drucke wie ein dunkles Meer,sie sitzen, wie versunken in Gedanken,und sind doch leer.Was stützen sie die Stirnen?Ihre Gehirne denken irgendwotief in der Erde, eingefallen, faltig:Die ganze alte Erde denkt gewaltig,und ihre großen Bäume rauschen so.Allschauender, gedenkst du dieses bleichenund bangen Bildes, das nicht seinesgleichenunter den Bildern deines Willens hat?Hast du nicht Angst vor dieser stummen Stadt,die, an dir hangend wie ein welkes Blatt,sich heben will zu deines Zornes Zeichen?0, greife allen Tagen in die Speichen,daß sie zu bald nicht diesem Ende nahen,—vielleicht gelingt es dir noch auszuweichendem großen Schweigen, das wir beide sahen.Vielleicht kannst du noch einen aus uns heben,der diesem fürchterlichen Wiederlebenden Sinn, die Sehnsucht und die Seele nimmt,einen, der bis in seinen Grund ergrimmtund dennoch froh durch alle Dinge schwimmt,der Kräfte unbekümmerter Verbraucher,der sich auf allen Saiten geigtund unversehrt als unerkannter Taucherin alle Tode niedersteigt.... Oder, wie hoffst du diesen Tag zu tragen,der länger ist als aller Tage Längen,mit seines Schweigens schrecklichen Gesängen,wenn dann die Engel dich, wie lauter Fragen,mit ihrem schauerlichen Flügelschlagen umdrängen?Sieh, wie sie zitternd in den Schwingen hängenund dir mit hunderttausend Augen klagen,und ihres sanften Liedes Stimmen wagensich aus den vielen wirren Übergängennicht mehr zu heben zu den klaren Klängen.Und wenn die Greise mit den breiten Bärten,die dich berieten bei den besten Siegen,nur leise ihre weißen Häupter wiegen,und wenn die Frauen, die den Sohn dir nährten,und die von ihm Verführten, die Gefährten,und alle Jungfraun, die sich ihm gewährten:die lichten Birken deiner dunklen Gärten,—wer soll dir helfen, wenn sie alle schwiegen?Und nur dein Sohn erhübe sich unter denen,welche sitzen um deinen Thron.Grübe sich deine Stimme dann in sein Herz?Sagte dein einsamer Schmerz dann:Sohn!Suchtest du dann das Angesichtdessen, der das Gericht gerufen,dein Gericht und deinen Thron:Sohn!Hießest du, Vater, dann deinen Erben,leise begleitet von Magdalenen,niedersteigen zu jenen,die sich sehnen, wieder zu sterben?Das wäre dein letzter Königserlaß,die letzte Huld und der letzte Haß;aber dann käme alles zu Ruh:der Himmel und das Gericht und du.Alle Gewänder des Rätsels der Welt?das sich so lange verschleiert hält,fallen mit dieser Spange.... Doch mir ist bange....Allschauender, sieh, wie mir bange ist,miß meine Qual!Mir ist bange, daß du schon lange vergangen bist,als du zum erstenmalin deinem Alleserfassendas Bild dieses blassenGesichtes sahst,dem du dich hilflos nahst, Allschauender.Bist du damals entflohn?Wohin?Vertrauenderkann keiner dir kommenals ich,der ich dichnicht um Lohnverraten will wie alle die Frommen.Ich will nur, weil ich verborgen binund müde wie du, noch müder vielleicht,und weil meine Angst vor dem großen Gerichtdeiner gleicht,will ich mich dicht,Gesicht bei Gesicht,an dich heften;mit einigen Kräftenwerden wir wehren dem großen Rade,über welches die mächtigen Wasser gehn,die rauschen und schnauben—denn: Wehe, sie werden auferstehn.So ist ihr Glauben: groß und ohne Gnade.KARL DER ZWÖLFTE VON SCHWEDEN REITET IN DER UKRAINEIKönige in Legendensind wie Berge im Abend. Blendenjeden, zu dem sie sich wenden.Die Gürtel um ihre Lendenund die lastenden Mantelendensind Länder und Leben wert.Mit den reichgekleideten Händengeht, schlank und nackt, das Schwert.Ein junger König aus Norden warin der Ukraine geschlagen.Der haßte Frühling und Frauenhaarund die Harfen und was sie sagen.Der ritt auf einem grauen Pferd,sein Auge schaute grauund hatte niemals Glanz begehrtzu Füßen einer Frau.Keine war seinem Blicke blond,keine hat küssen ihn gekonnt;und wenn er zornig war,so riß er einen Perlenmondaus wunderschönem Haar.Und wenn ihn Trauer überkam,so machte er ein Mädchen zahmund forschte, wessen Ring sie nahmund wem sie ihren bot—Und: hetzte ihr den Bräutigammit hundert Hunden tot.Und er verließ sein graues Land,das ohne Stimme war,und ritt in einen Widerstandund kämpfte um Gefahr,bis ihn das Wunder überwand:wie träumend ging ihm seine Handvon Eisenband zu Eisenbandund war kein Schwert darin;er war zum Schauen aufgewacht:es schmeichelte die schöne Schlachtum seinen Eigensinn.Er saß zu Pferde: ihm entgingkeine Gebärde rings.Auf Silber sprach jetzt Ring zu Ring,und Stimme war in jedem Ding,und wie in vielen Glocken hingdie Seele jedes Dings.Und auch der Wind war anders groß,der in die Fahnen sprang,schlank wie ein Panther, atemlosund taumelnd vom Trompetenstoß,der lachend mit ihm rang.Und manchmal griff der Wind hinab:da ging ein Blutender,—ein Knab,welcher die Trommel schlug;er trug sie immer auf und abund trug sie wie sein Herz ins Grabvor seinem toten Zug.Da wurde mancher Berg geballt,als wär die Erde noch nicht altund baute sich erst auf;bald stand das Eisen wie Basalt,bald schwankte wie ein Abendwaldmit breiter steigender Gestaltder großbewegte Hauf.Es dampfte dumpf die Dunkelheit,was dunkelte, war nicht die Zeit,—und alles wurde grau,aber schon fiel ein neues Scheit,und wieder ward die Flamme breitund festlich angefacht.Sie griffen an: in fremder Trachtein Schwärm phantastischer Provinzen;wie alles Eisen plötzlich lacht:von einem silberlichten Prinzenerschimmerte die Abendschlacht.Die Fahnen flatterten wie Freuden,und alle hatten königlichin ihren Gesten ein Vergeuden,—an fernen flammenden Gebäudenentzündeten die Sterne sich....Und Nacht war. Und die Schlacht trat sachtezurück wie ein sehr müdes Meer,das viele fremde Tote brachte,und alle Toten waren schwer.Vorsichtig ging das graue Pferd(von großen Fäusten abgewehrt)durch Männer, welche fremd verstarben,und trat auf flaches schwarzes Gras.Der auf dem grauen Pferde saß,sah unten auf den feuchten Farbenviel Silber wie zerschelltes Glas.Sah Eisen welken, Helme trinkenund Schwerter stehn in Panzernaht,sterbende Hände sah er winkenmit einem Fetzen von Brokat...Und sah es nicht.Und ritt dem Lärmeder Feldschlacht nach, als ob er schwärme,mit seinen Wangen voller Wärmeund mit den Augen von Verliebten....DER SOHNMein Vater war ein verbannterKönig von überm Meer.Ihm kam einmal ein Gesandter:sein Mäntel war ein Panther,und sein Schwert war schwer.Mein Vater war wie immerohne Helm und Hermelin;es dunkelte das Zimmerwie immer arm um ihn.Es zitterten seine Händeund waren blaß und leer,—in bilderlose Wändeblicklos schaute er.Die Mutter ging im Gartenund wandelte weiß im Grünund wollte den Wind erwartenvor dem Abendglühn.Ich träumte, sie würde mich rufen,aber sie ging allein,—ließ mich vom Rande der Stufenhorchen verhallenden Hufenund ins Haus hinein:Vater! Der fremde Gesandte...?Der reitet wieder im Wind....Was wollte der? Er erkanntedein blondes Haar, mein Kind.Vater! Wie war er gekleidet!Wie der Mantel von ihm floß!Geschmiedet und geschmeidetwar Schulter, Brust und Roß.Er war eine Stimme im Stahle,er war ein Mann aus Nacht,—aber er hat eine schmaleKrone mitgebracht.Sie klang bei jedem Schrittean sein sehr schweres Schwert,die Perle in ihrer Mitteist viele Leben wert.Vom zornigen Ergreifenverbogen ist der Reifen,der oft gefallen war:es ist eine Kinderkrone,—denn Könige sind ohne;—gib sie meinem Haar!Ich will sie manchmal tragenin Nächten, blaß vor Scham.Und will dir, Vater, sagen,woher der Gesandte kam.Was dort die Dinge gelten,ob steinern steht die Stadt,oder ob man in Zeltenmich erwartet hat.Mein Vater war ein Gekränkterund kannte nur wenig Ruh.Er hörte mir mit verhängterStirne nächtelang zu.Mir lag im Haar der Ring.Und ich sprach ganz nahe und sachte,daß die Mutter nicht erwachte,—die an dasselbe dachte,wenn sie, ganz weiß gelassen,vor abendlichen Massendurch dunkle Gärten ging.So wurden wir verträumte Geiger,die leise aus den Türen treten,um auszuschauen, eh sie beten,ob nicht ein Nachbar sie belauscht.Die erst, wenn alle sich zerstreuten,hinter dem letzten Abendläuten,die Lieder spielen, hinter denen(wie Wald im Wind hinter Fontänen)der dunkle Geigenkasten rauscht.Denn dann nur sind die Stimmen gut,wenn Schweigsamkeiten sie begleiten,wenn hinter dem Gespräch der SaitenGeräusche bleiben wie von Blut;und bang und sinnlos sind die Zeiten,wenn hinter ihren Eitelkeitennicht etwas waltet, welches ruht.Geduld: es kreist der leise Zeiger,und was verheißen ward, wird sein:wir sind die Flüstrer vor dem Schweiger,wir sind die Wiesen vor dem Hain;in ihnen geht noch dunkles Summen—(viel Stimmen sind und doch kein Chor)und sie bereiten auf die stummentiefen heiligen Haine vor....DIE ZARENEIN GEDICHTKREIS (1899 und 1906)IDas war in Tagen, da die Berge kamen:die Bäume bäumten sich, die noch nicht zahmen,und rauschend in die Rüstung stieg der Strom.Zwei fremde Pilger riefen einen Namen,und aufgewacht aus seinem langen Lahmenwar Ilija, der Riese von Murom.Die alten Eltern brachen in den Äckernan Steinen ab und an den wilden Wuchs;da kam der Sohn, ganz groß, von seinen Weckernund zwang die Furchen in die Furcht des Pflugs.Er hob die Stämme, die wie Streiter standen,und lachte ihres wankenden Gewichts,und aufgestört wie schwarze Schlangen wandendie Wurzeln, welche nur das Dunkel kannten,sich in dem breiten Griff des Lichts.Es stärkte sich im frühen Tau die Mähre,in deren Adern Kraft und Adel schlief;sie reifte unter ihres Reiters Schwere,ihr Wiehern war wie eine Stimme tief,—und beide fühlten, wie das Ungefähresie mit verheißenden Gefahren rief.Und reiten, reiten ... vielleicht tausend Jahre.Wer zählt die Zeit, wenn einmal einer will.(Vielleicht saß er auch tausend Jahre still.)Das Wirkliche ist wie das Wunderbare:es mißt die Welt mit eigenmächtigen Maßen;Jahrtausende sind ihm zu jung.Weit schreiten werden, welche lange saßenin ihrer tiefen Dämmerung.IINoch drohen große Vögel allenthalben,und Drachen glühn und hüten überallder Wälder Wunder und der Schluchten Fall;und Knaben wachsen an, und Männer salbensich zu dem Kampfe mit der Nachtigall,die oben in den Kronen von neun Eichensich lagert wie ein tausendfaches Tier,und abends geht ein Schreien ohnegleichen,ein schreiendes Bis-an-das-Ende-reichen,und geht die ganze Nacht lang aus von ihr;die Frühlingsnacht, die schrecklicher als allesund schwerer war und banger zu bestehn:ringsum kein Zeichen eines Überfallesund dennoch alles voller Übergehn,hinwerfend sich und Stück für Stück sich gebend,ja jenes Etwas, welches um sich griff,anrufend noch, am ganzen Leibe bebendund darin untergehend wie ein Schiff.Das waren Überstarke, die da blieben,von diesem Riesigen nicht aufgerieben,das aus den Kehlen wie aus Kratern brach;sie dauerten, und alternd nach und nachbegriffen sie die Bangnis der Aprile,und ihre ruhigen Hände hielten vieleund führten sie durch Furcht und Ungemachzu Tagen, da sie froher und gesünderdie Mauern bauten um die Städtegründer,die über allem gut und kundig saßen.Und schließlich kamen auf den ersten Straßenaus Höhlen und verhaßten Hinterhaltendie Tiere, die für unerbittlich galten.Sie stiegen still aus ihren Übermaßen(beschämte und veraltete Gewalten)und legten sich gehorsam vor die Alten.IIISeine Diener füttern mit mehr und mehrein Rudel von jenen wilden Gerüchten,die auch noch Er sind, alles noch Er.Seine Günstlinge flüchten vor ihm her.Und seine Frauen flüstern und stiftenBünde. Und er hört sie ganz innenin ihren Gemächern mit Dienerinnen,die sich scheu umsehn, sprechen von Giften.Alle Wände sind hohl von Schränken und Fächern,Mörder ducken unter den Dächernund spielen Mönche mit viel Geschick.Und er hat nichts als einen Blickdann und wann; als den leisenSchritt auf den Treppen, die kreisen;nichts als das Eisen an seinem Stock.Nichts als den dürftigen Büßerrock(durch den die Kälte aus den Fliesenan ihm hinaufkriecht wie mit Krallen),nichts, was er zu rufen Wagt,nichts als die Angst vor allen diesen,nichts als die tägliche Angst vor allen,die ihn jagt durch diese gejagtenGesichter an dunklen, ungefragten,vielleicht schuldigen Händen entlang.Manchmal packt er einen im Ganggrade noch an des Mantels Falten,und er zerrt ihn zornig her;aber im Fenster weiß er nicht mehr:Wer ist Haltender? Wer ist gehalten?Wer bin ich und wer ist der?IVEs ist die Stunde, da das Reich sich eitelin seines Glanzes vielen Spiegeln sieht.Der blasse Zar, des Stammes letztes Glied,träumt auf dem Thron, davor das Fest geschieht,und leise zittert sein beschämter Scheitelund seine Hand, die vor den Purpurlehnenmit einem unbestimmten Sehnenins wirre Ungewisse flieht.Und um sein Schweigen neigen sich Bojarenin blanken Panzern und in Pantherfellen,wie viele fremde fürstliche Gefahren,die ihn mit stummer Ungeduld umstellen.Tief in den Saal schlägt ihre Ehrfurcht Wellen.Und sie gedenken eines andern Zaren,der oft mit Worten, die aus Wahnsinn waren,ihnen die Stirnen an die Steine stieß.Und denken also weiter: jener ließnicht so viel Raum, wenn er zu Throne saß,auf dem verwelkten Samt des Kissens leer.Er war der Dinge dunkles Maß,und die Bojaren wußten lang nicht mehr,daß rot der Sitz des Sessels sei, so schwerlag sein Gewand und wurde golden breit.Und weiter denken sie: Das Kaiserkleidschläft auf den Schultern dieses Knaben ein.Obgleich im ganzen Saal die Fackeln flacken,sind bleich die Perlen, die in sieben Reihnwie weiße Kinder knien um seinen Nacken,und die Rubine an den Ärmelzacken,die einst Pokale waren, klar von Wein,sind schwarz wie Schlacken—Und ihr Denken schwillt.Es drängt sich heftig an den blassen Kaiser,auf dessen Haupt die Krone immer leiserund dem der Wille immer fremder wird;er lächelt. Lauter prüfen ihn die Preiser,ihr Neigen nähert sich, sie schmeicheln heiser,und eine Klinge hat im Traum geklirrt.VDer blasse Zar wird nicht am Schwerte sterben,die fremde Sehnsucht macht ihn sakrosankt;er wird die feierlichen Reiche erben,an denen seine sanfte Seele krankt.Schon jetzt, hintretend an ein Kremlfenster,sieht er ein Moskau, weißer, unbegrenzter,in seine endlich fertige Nacht gewebt;so wie es ist im ersten Frühlingswirken,wenn in den Gassen der Geruch aus Birkenvon lauter Morgenglocken bebt.Die großen Glocken, die so herrisch lauten,sind seine Väter, jene ersten Zaren,die sich noch vor den Tagen der Tatarenaus Sagen, Abenteuern und Gefahren,aus Zorn und Demut zögernd auferbauten.Und er begreift auf einmal, wer sie waren,und daß sie oft um ihres Dunkels Sinnin seine eignen Tiefen niedertauchtenund ihn, den Leisesten von den Erlauchten,in ihren Taten groß und fromm verbrauchtenschon lang vor seinem Anbeginn.Und eine Dankbarkeit kommt über ihn,daß sie ihn so verschwenderisch vergebenan aller Dinge Durst und Drang.Er war die Kraft zu ihrem Überschwang,der goldne Grund, vor dem ihr breites Lebengeheimnisvoll zu dunkeln schien.In allen ihren Werken schaut er sichwie eingelegtes Silber in Zieraten,und es gibt keine Tat in ihren Taten,die nicht auch war in seinen stillen Staaten,in denen alles Handelns Rot verblich.VINoch immer schauen in den Silberplattenwie tiefe Frauenaugen die Saphire,Goldranken schlingen sich wie schlanke Tiere,die sich im Glänze ihrer Brünste gatten,und sanfte Perlen warten in dem Schattenwilder Gebilde, daß ein Schimmer ihrestillen Gesichter finde und verliere.Und das ist Mantel, Strahlenkranz und Land,und ein Bewegen geht von Rand zu Rand,wie Korn im Wind und wie ein Fluß im Tale,so glänzt es wechselnd durch die Rahmenwand.In ihrer Sonne dunkeln drei Ovale:das große gibt dem Mutterantlitz Raum,und rechts und links hebt eine mandelschmaleJungfrauenhand sich aus dem Silbersaum.Die beiden Hände, seltsam still und braun,verkünden, daß im köstlichen Ikonedie Königliche wie im Kloster wohne,die überfließen wird von jenem Sohne,von jenem Tropfen, drinnen wolkenohnedie niegehofften Himmel blaun.Die Hände zeugen noch dafür;aber das Antlitz ist wie eine Türin warme Dämmerungen aufgegangen,in die das Lächeln von den Gnadenwangenmit seinem Lichte irrend sich verlor.Da neigt sich tief der Zar davor und spricht:Fühltest du nicht, wie sehr wir in dich drangenmit allem: Fühlen, Fürchten und Verlangen;wir warten auf dein liebes Angesicht,das uns vergangen ist; wohin vergangen?Den großen Heiligen vergeht es nicht.Er bebte tief in seinem steifen Kleid,das strahlend stand. Er wußte nicht, wie weiter schon von allem war und ihrem Segnen,wie selig nah in seiner Einsamkeit.Noch sinnt und sinnt der blasse Gossudar.Und sein Gesicht, das unterm kranken Haarschon lange tief und wie im Fortgehn war,verging, wie jenes in dem Goldovale,in seinem großen goldenen Talar.(Um ihrem Angesichte zu begegnen.)Zwei Goldgewänder schimmerten im Saaleund wurden in dem Glanz der Ampeln klar.DER SÄNGER SINGT VOR EINEM FÜRSTENKINDDEM ANDENKEN VON PAULA BECKER-MODERSOHNDu blasses Kind, an jedem Abend sollder Sänger dunkel stehn bei deinen Dingenund soll dir Sagen, die im Blute klingen,über die Brücke seiner Stimme bringenund eine Harfe, seiner Hände voll.Nicht aus der Zeit ist, was er dir erzählt,gehoben ist es wie aus Wandgeweben;solche Gestalten hat es nie gegeben;—und Niegewesenes nennt er das Leben.Und heute hat er diesen Sang erwählt:Du blondes Kind von Fürsten und aus Frauen,die einsam warteten im weißen Saal,—fast alle waren bang, dich aufzubauen,um aus den Bildern einst auf dich zu schauen:auf deine Augen mit den ernsten Brauen,auf deine Hände, hell und schmal.Du hast von ihnen Perlen und Türkisen,von diesen Frauen, die in Bildern stehn,als stünden sie allein in Abendwiesen,—du hast von ihnen Perlen und Türkisen,—und Ringe mit verdunkelten Devisenund Seiden, welche welke Düfte wehn.Du trägst die Gemmen ihrer Gürtelbänderans hohe Fenster in den Glanz der Stunden,und in die Seide sanfter Brautgewändersind deine kleinen Bücher eingebunden,und drinnen hast du, mächtig über Länder,ganz groß geschrieben und mit reichen, rundenBuchstaben deinen Namen vorgefunden.Und alles ist, als wär es schon geschehn.Sie haben so, als ob du nicht mehr kämst,an alle Becher ihren Mund gesetzt,zu allen Freuden ihr Gefühl gehetztund keinem Leide leidlos zugesehn;so daß du jetztstehst und dich schämst.... Du blasses Kind, dein Leben ist auch eines,—der Sänger kommt dir sagen, daß du bist.Und daß du mehr bist als ein Traum des Haines,mehr als die Seligkeit des Sonnenscheines,den mancher graue Tag vergißt.Dein Leben ist so unaussprechlich deines,weil es von vielen überladen ist.Empfindest du, wie die Vergangenheitenleicht werden, wenn du eine Weile lebst,wie sie dich sanft auf Wunder vorbereiten,jedes Gefühl mit Bildern dir begleiten,—und nur ein Zeichen scheinen ganze Zeitenfür eine Geste, die du schön erhebst.—Das ist der Sinn von allem, was einst war,daß es nicht bleibt mit seiner ganzen Schwere,daß es zu unserm Wesen wiederkehre,in uns verwoben, tief und wunderbar:So waren diese Frauen elfenbeinern,von vielen Rosen rötlich angeschienen,so dunkelten die müden Königsmienen,so wurden fahle Fürstenmunde steinernund unbewegt von Waisen und von Weinern,so klangen Knaben an wie Violinenund starben für der Frauen schweres Haar;so gingen Jungfraun der Madonna dienen,denen die Welt verworren war.So wurden Lauten laut und Mandolinen,in die ein Unbekannter größer griff,—in warmen Samt verlief der Dolche Schliff,—Schicksale bauten sich aus Glück und Glauben,Abschiede schluchzten auf in Abendlauben,—und über hundert schwarzen Eisenhaubenschwankte die Feldschlacht wie ein Schiff.So wurden Städte langsam groß und fielenin sich zurück wie Wellen eines Meeres,so drängte sich zu hochbelohnten Zielendie rasche Vogelkraft des Eisenspeeres,so schmückten Kinder sich zu Gartenspielen,—und so geschah Unwichtiges und Schweresnur, um für dieses tägliche Erlebendir tausend große Gleichnisse zu geben,an denen du gewaltig wachsen kannst.Vergangenheiten sind dir eingepflanzt,um sich aus dir, wie Gärten, zu erheben.Du blasses Kind, du machst den Sänger reichmit deinem Schicksal, das sich singen läßt:So spiegelt sich ein großes Gartenfestmit vielen Lichtern im erstaunten Teich.Im dunklen Dichter wiederholt sich stillein jedes Ding: ein Stern, ein Haus, ein Wald.Und viele Dinge, die er feiern will,umstehen deine rührende Gestalt.DIE AUS DEM HAUSE COLONNAIhr fremden Männer, die ihr jetzt so stillin Bildern steht, ihr saßet gut zu Pferde,und ungeduldig gingt ihr durch das Haus;wie ein schöner Hund, mit derselben Gebärderuhn eure Hände jetzt bei euch aus.Euer Gesicht ist so voll von Schauen,denn die Welt war euch Bild und Bild;aus Waffen, Fahnen, Früchten und Frauenquillt euch dieses große Vertrauen,daß allesistund daß allesgilt.Aber damals, als ihr noch zu jungwart, die großen Schlachten zu schlagen,zu jung, um den päpstlichen Purpur zu tragen,nicht immer glücklich bei Reiten und Jagen,Knaben noch, die sich den Frauen versagen,habt ihr aus jenen Knaben tagenkeine, nicht eine Erinnerung?Wißt ihr nicht mehr, was damals war?Damals war der Altarmit dem Bilde, auf dem Maria gebar,in dem einsamen Seitenschiff.Euch ergriffeine Blumenranke;der Gedanke,daß die Fontäne alleindraußen im Garten in Mondenscheinihre Wasser warf,war wie eine Welt.Das Fenster ging bis zu den Füßen auf wie eine Tür;und es war Park mit Wiesen und Wegen:seltsam nah und doch so entlegen,seltsam hell und doch wie verborgen,und die Brunnen rauschten wie Regen,und es war, als käme kein Morgendieser langen Nacht entgegen,die mit allen Sternen stand.Damals wuchs euch, Knaben, die Hand,die warm war. (Ihr aber wußtet es nicht.)Damals breitete euer Gesicht sich aus.DES ZWEITEN BUCHES ZWEITERTEILFRAGMENTE AUS VERLORENEN TAGENWie Vögel, welche sich gewöhnt ans Gehnund immer schwerer werden, wie im Fallen:die Erde saugt aus ihren langen Krallendie mutige Erinnerung von allenden großen Dingen, welche hoch geschehn,und macht sie fast zu Blättern, die sich dichtam Boden halten—wie Gewächse, die,kaum aufwärts wachsend, in die Erde kriechen,in schwarzen Schollen unlebendig lichtund weich und feucht versinken und versiechen,wie irre Kinder,—wie ein Angesichtin einem Sarg,—wie frohe Hände, welcheunschlüssig werden, weil im vollen Kelchesich Dinge spiegeln, die nicht nahe sind,—wie Hilferufe, die im Abendwindbegegnen vielen dunklen großen Glocken,—wie Zimmerblumen, die seit Tagen trocken,wie Gassen, die verrufen sind,—wie Locken,darinnen Edelsteine blind geworden sind,—wie Morgen im Aprilvor allen vielen Fenstern des Spitales:die Kranken drängen sich am Saum des Saalesund schaun: die Gnade eines frühen Strahlesmacht alle Gassen frühlinglich und weit;sie sehen nur die helle Herrlichkeit,welche die Häuser jung und lachend macht,und wissen nicht, daß schon die ganze Nachtein Sturm die Kleider von den Himmeln reißt,ein Sturm von Wassern, wo die Welt noch eistein Sturm, der jetzt noch durch die Gassen braustund der den Dingen alle Bürdevon ihren Schultern nimmt,—daß etwas draußen groß ist und ergrimmt,daß draußen die Gewalt geht, eine Faust,die jeden von den Kranken würgen würdeinmitten dieses Glanzes, dem sie glauben.—... Wie lange Nächte in verwelkten Lauben,die schon zerrissen sind auf allen Seitenund viel zu weit, um noch mit einem zweiten,den man sehr liebt, zusammen drin zu weinen,—wie nackte Mädchen, kommend über Steine,wie Trunkene in einem Birkenhaine,—wie Worte, welche nichts Bestimmtes meinenund dennoch gehn, ins Ohr hineingehn, weiterins Hirn und heimlich auf der Nervenleiterdurch alle Glieder Sprung um Sprung versuchen,wie Greise, welche ihr Geschlecht verfluchenund dann versterben, so daß keiner jeabwenden könnte das verhängte Weh,wie volle Rosen, künstlich aufgezogenim blauen Treibhaus, wo die Lüfte logen,und dann vom Übermut in großem Bogenhinausgestreut in den verwehten Schnee,—wie eine Erde, die nicht kreisen kann,weil zuviel Tote ihr Gefühl beschweren,wie ein erschlagener verscharrter Mann,dem sich die Hände gegen Wurzeln wehren,—wie eine von den hohen, schlanken, rotenHochsommerblumen, welche unerlöstganz plötzlich stirbt im Lieblingswind der Wiesen,weil ihre Wurzel unten an Türkisenim Ohrgehänge einer Totenstößt....Und mancher Tage Stunden waren so.Als formte wer mein Abbild irgendwo,um es mit Nadeln langsam zu mißhandeln.Ich spürte jede Spitze seiner Spiele,und war, als ob ein Regen auf mich fiele,in welchem alle Dinge sich verwandeln.DIE STIMMENNEUN BLÄTTER MIT EINEM TITELBLATTTITELBLATTDie Reichen und Glücklichen haben gut schweigen,niemand will wissen, was sie sind.Aber die Dürftigen müssen sich zeigen,müssen sagen: ich bin blind,oder: ich bin im Begriff, es zu werden,oder: es geht mir nicht gut auf Erden,oder: ich habe ein krankes Kind,oder: da bin ich zusammengefugt....Und vielleicht, daß das gar nicht genügt.Und weil alle sonst, wie an Dingen,an ihnen vorbeigehn, müssen sie singen.Und da hört man noch guten Gesang.Freilich die Menschen sind seltsam; sie hörenlieber Kastraten in Knabenchören.Aber Gott selber kommt und bleibt lang,wenn ihn diese Beschnittenen stören.DAS LIED DES BETTLERSIch gehe immer von Tor zu Tor,verregnet und verbrannt;auf einmal leg ich mein rechtes Ohrin meine rechte Hand.Dann kommt mir meine Stimme vor,als hätt ich sie nie gekannt.Dann weiß ich nicht sicher, wer da schreit,ich oder irgendwer.Ich schreie um eine Kleinigkeit.Die Dichter schrein um mehr.Und endlich mach ich noch mein Gesichtmit beiden Augen zu;wie's dann in der Hand liegt mit seinem Gewicht,sieht es fast aus wie Ruh.Damit sie nicht meinen, ich hätte nicht,wohin ich mein Haupt tu.DAS LIED DES BLINDENIch bin blind, ihr draußen, das ist ein Fluch,ein Widerwillen, ein Widerspruch,etwas täglich Schweres.Ich leg meine Hand auf den Arm der Frau,meine graue Hand auf ihr graues Grau,und sie führt mich durch lauter Leeres.Ihr rührt euch und rückt und bildet euch ein,anders zu klingen als Stein auf Stein,aber ihr irrt euch: ich alleinlebe und leide und lärme.In mir ist ein endloses Schrein,und ich weiß nicht, schreit mir meinHerz oder meine Gedärme.Erkennt ihr die Lieder? Ihr sanget sie nicht,nicht ganz in dieser Betonung.Euch kommt jeden Morgen das neue Lichtwarm in die offene Wohnung.Und ihr habt ein Gefühl von Gesicht zu Gesicht,und das verleitet zur Schonung.DAS LIED DES TRINKERSEs war nicht in mir. Es ging aus und ein.Da wollt ich es halten. Da hielt es der Wein.(Ich weiß nicht mehr, was es war.)Dann hielt er mir jenes und hielt mir dies,bis ich mich ganz auf ihn verließ.Ich Narr.Jetzt bin ich in seinem Spiel, und er streutmich verächtlich herum und verliert mich noch heutan dieses Vieh, an den Tod.Wenn der mich, schmutzige Karte, gewinnt,so kratzt er mit mir seinen grauen Grindund wirft mich fort in den Kot.DAS LIED DES SELBSTMÖRDERSAlso noch einen Augenblick.Daß sie mir immer wieder den Strickzerschneiden.Neulich war ich so gut bereit,und es war schon ein wenig Ewigkeitin meinen Eingeweiden.Halten sie mir den Löffel her,diesen Löffel Leben.Nein, ich will und ich will nicht mehr,laßt mich mich übergeben.Ich weiß, das Leben ist gar und gut,und die Welt ist ein voller Topf,aber mir geht es nicht ins Blut,mir steigt es nur zu Kopf.Andere nährt es, mich macht es krank;begreift, daß man's verschmäht.Mindestens ein Jahrtausend langbrauch ich jetzt Diät.DAS LIED DER WITWEAm Anfang war mir das Leben gut.Es hielt mich warm, es machte mir Mut.Daß es das allen Jungen tut,wie könnt ich das damals wissen.Ich wußte nicht, was das Leben war—,auf einmal war es nur Jahr und Jahr,nicht mehr gut, nicht mehr neu, nicht mehr wunderbar,wie mitten entzweigerissen.Das war nicht seine, nicht meine Schuld;wir hatten beide nichts als Geduld,aber der Tod hat keine.Ich sah ihn kommen (wie schlecht er kam),und ich schaute ihm zu, wie er nahm und nahm:es war ja gar nicht das Meine.Was war denn das Meine; meines, mein?War mir nicht selbst mein Elendseinnur vom Schicksal geliehn?Das Schicksal will nicht nur das Glück,es will die Pein und das Schrein zurück,und es kauft für alt den Ruin.Das Schicksal war da und erwarb für ein Nichtsjeden Ausdruck meines Gesichts,bis auf die Art zu gehn.Das war ein täglicher Ausverkauf,und als ich leer war, gab es mich aufund ließ mich offen stehn.DAS LIED DES IDIOTENSie hindern mich nicht. Sie lassen mich gehn.Sie sagen, es könne nichts geschehn.Wie gut.Es kann nichts geschehn. Alles kommt und kreistimmerfort um den Heiligen Geist,um den gewissen Geist (du weißt)—,wie gut.Nein, man muß wirklich nicht meinen, es seiirgendeine Gefahr dabei.Da ist freilich das Blut.Das Blut ist das Schwerste. Das Blut ist schwer,manchmal glaub ich, ich kann nicht mehr—.(Wie gut.)Ah, was ist das für ein schöner Ball;rot und rund wie ein Überall.Gut, daß ihr ihn erschuft.Ob der wohl kommt, wenn man ruft?Wie sich das alles seltsam benimmt,ineinandertreibt, auseinanderschwimmt:freundlich, ein wenig unbestimmt;wie gut.DAS LIED DER WAISEIch bin niemand und werde auch niemand sein.Jetzt bin ich ja zum Sein noch zu klein;aber auch später.Mütter und Väter,erbarmt euch mein.Zwar es lohnt nicht des Pflegens Müh:ich werde doch gemäht.Mich kann keiner brauchen: jetzt ist es zu früh,und morgen ist es zu spät.Ich habe nur dieses eine Kleid,es wird dünn, und es verbleicht,aber es hält eine Ewigkeitauch noch vor Gott vielleicht.Ich habe nur dieses bißchen Haar(immer dasselbe blieb),das einmal Eines Liebstes war.Nun hat er nichts mehr lieb.DAS LIED DES ZWERGESMeine Seele ist vielleicht grad und gut;aber mein Herz, mein verbogenes Blut,alles das, was mir wehe tut,kann sie nicht aufrecht tragen.Sie hat keinen Garten, sie hat kein Bett,sie hängt an meinem scharfen Skelettmit entsetztem Flügelschlagen?Aus meinen Händen wird auch nichts mehr.Wie verkümmert sie sind, sieh her:zähe hüpfen sie, feucht und schwer,wie kleine Kröten nach Regen.Und das andere an mir istabgetragen und alt und trist;warum zögert Gott, auf den Mistalles das hinzulegen?Ob er mir zürnt für mein Gesichtmit dem mürrischen Munde?Es war ja so oft bereit, ganz lichtund klar zu werden im Grunde;aber nichts kam ihm je so dichtwie die großen Hunde.Und die Hunde haben das nicht.DAS LIED DES AUSSÄTZIGENSieh, ich bin einer, den alles verlassen hat.Keiner weiß in der Stadt von mir,Aussatz hat mich befallen.Und ich schlage mein Klapperwerk,klopfe mein trauriges Augenmerkin die Ohren allen,die nahe Vorübergehn.Und die es hölzern hören, sehnerst gar nicht her, und was hier geschehn,wollen sie nicht erfahren.Soweit der Klang meiner Klapper reicht,bin ich zuhause; aber vielleichtmachst du meine Klapper so laut,daß sich keiner in meine Ferne traut,der mir jetzt aus der Nähe weicht.So daß ich sehr lange gehen kann,ohne Mädchen, Frau oder Mannoder Kind zu entdecken.Tiere will ich nicht schrecken.VON DEN FONTÄNENAuf einmal weiß ich viel von den Fontänen,den unbegreiflichen Bäumen aus Glas.Ich könnte reden wie von eignen Tränen,die ich, ergriffen von sehr großen Träumen,einmal vergeudete und dann vergaß.Vergaß ich denn, daß Himmel Hände reichenzu vielen Dingen und in das Gedränge?Sah ich nicht immer Großheit ohnegleichenim Aufstieg alter Parke vor den weichenerwartungsvollen Abenden,—in bleichen,aus fremden Mädchen steigenden Gesängen,die überfließen aus der Melodieund wirklich werden und als müßten siesich spiegeln in den aufgetanen Teichen?Ich muß mich nur erinnern an das alles,was an Fontänen und an mir geschah,dann fühl ich auch die Last des Niederfalles,in welcher ich die Wasser wiedersah:und weiß von Zweigen, die sich abwärts wandten,von Stimmen, die mit kleiner Flamme brannten,von Teichen, welche nur die Uferkantenschwachsinnig und verschoben wiederholten,von Abendhimmeln, welche von verkohltenwestlichen Wäldern ganz entfremdet traten,sich anders wölbten, dunkelten und taten,als wär das nicht die Welt, die sie gemeint....Vergaß ich denn, daß Stern bei Stern versteintund sich verschließt gegen die Nachbargloben?Daß sich die Welten nur noch wie verweintim Raum erkennen?—Vielleicht sind wir oben,in Himmel andrer Wesen eingewoben,die zu uns aufschaun abends. Vielleicht lobenuns ihre Dichter. Vielleicht beten vielezu uns empor. Vielleicht sind wir die Zielevon fremden Flüchen, die uns nie erreichen,Nachbaren eines Gottes, den sie meinenin unsrer Höhe, wenn sie einsam weinen,an den sie glauben und den sie verlieren,und dessen Bildnis, wie ein Schein aus ihrensuchenden Lampen, flüchtig und verweht,über unsere zerstreuten Gesichter geht....DER LESENDEIch las schon lang. Seit dieser Nachmittag,mit Regen rauschend, an den Fenstern lag.Vom Winde draußen hörte ich nichts mehr:mein Buch war schwer.Ich sah ihm in die Blätter wie in Mienen,die dunkel werden von Nachdenklichkeit,und um mein Lesen staute sich die Zeit.—Auf einmal sind die Seiten überschienen,und statt der bangen Wortverworrenheitsteht: Abend, Abend ... überall auf ihnen;ich schau noch nicht hinaus, und doch zerreißendie langen Zeilen, und die Worte rollenvon ihren Fäden fort, wohin sie wollen....Da weiß ich es: über den übervollenglänzenden Gärten sind die Himmel weit;die Sonne hat noch einmal kommen sollen.—Und jetzt wird Sommernacht, soweit man sieht:Zu wenig Gruppen stellt sich das Verstreute,dunkel auf langen Wegen gehn die Leute,und seltsam weit, als ob es mehr bedeute,hört man das Wenige, das noch geschieht.Und wenn ich jetzt vom Buch die Augen hebe,wird nichts befremdlich sein und alles groß.Dort draußen ist, was ich hier drinnen lebe,und hier und dort ist alles grenzenlos;nur daß ich mich noch mehr damit verwebe,wenn meine Blicke an die Dinge passenund an die ernste Einfachheit der Massen,—da wächst die Erde über sich hinaus.Den ganzen Himmel scheint sie zu umfassen:der erste Stern ist wie das letzte Haus.DER SCHAUENDEIch sehe den Bäumen die Stürme an,die aus laugewordenen Tagenan meine ängstlichen Fenster schlagen,und höre die Fernen Dinge sagen,die ich nicht ohne Freund ertragen,nicht ohne Schwester lieben kann.Da geht der Sturm, ein Umgestalter,geht durch den Wald und durch die Zeit,und alles ist wie ohne Alter:die Landschaft, wie ein Vers im Psalter,ist Ernst und Wucht und Ewigkeit.Wie ist das klein, womit wir ringen,was mit uns ringt, wie ist das groß;ließen wir, ähnlicher den Dingen,uns so vom großen Sturm bezwingen,—wir würden weit und namenlos.Was wir besiegen, ist das Kleine,und der Erfolg selbst macht uns klein.Das Ewige und Ungemeinewill nicht von uns gebogen sein.Das ist der Engel, der den Ringerndes Alten Testaments erschien:Wenn seiner Widersacher Sehnenim Kampfe sich metallen dehnen,fühlt er sie unter seinen Fingernwie Saiten tiefer Melodien.Wen dieser Engel überwand,welcher so oft auf Kampf verzichtet,der geht gerecht und aufgerichtetund groß aus jener harten Hand,die sich, wie formend, an ihn schmiegte.Die Siege laden ihn nicht ein.Sein Wachstum ist: Der Tiefbesiegtevon immer Größerem zu sein.AUS EINER STURMNACHTACHT BLÄTTER MIT EINEM TITELBLATTTITELBLATTDie Nacht, vom wachsenden Sturme bewegt,wie wird sie auf einmal weit,—als bliebe sie sonst zusammengelegtin die kleinlichen Falten der Zeit.Wo die Sterne ihr wehren, dort endet sie nichtund beginnt nicht mitten im Waldund nicht an meinem Angesichtund nicht mit deiner Gestalt.Die Lampen stammeln und wissen nicht:Lügen wir Licht?Ist die Nacht die einzige Wirklichkeitseit Jahrtausenden....In solchen Nächten kannst du in den GassenZukünftigen begegnen, schmalen blassenGesichtern, die dich nicht erkennenund dich schweigend vorüberlassen.Aber wenn sie zu reden begännen,wärst du ein Lange vergangener,wie du da stehst,langeverwest.Doch sie bleiben im Schweigen wie Tote,obwohl sie die Kommenden sind.Zukunft beginnt noch nicht.Sie halten nur ihr Gesicht in die Zeitund können, wie unter Wasser, nicht schauen;und ertragen sie's doch eine Weile,sehn sie wie unter den Wellen: die Eilevon Fischen und das Tauchen von Tauen.In solchen Nächten gehn die Gefängnisse auf.Und durch die bösen Träume der Wächtergehn mit leisem Gelächterdie Verächter ihrer Gewalt.Wald! Sie kommen zu dir, um in dir zu schlafen,mit ihren langen Strafen behangen.Wald!In solchen Nächten ist auf einmal Feuerin einer Oper. Wie ein Ungeheuerbeginnt der Riesenraum mit seinen RängenTausende, die sich in ihm drängen,zu kauen.Männer und Frauenstaun sich in den Gängen,und wie sich alle aneinander hängen,bricht das Gemäuer, und es reißt sie mit.