Chapter 13

Um Bräutigam und HausSpielt sie die letzten Karten aus.

Um Bräutigam und HausSpielt sie die letzten Karten aus.

Um Bräutigam und HausSpielt sie die letzten Karten aus.

Um Bräutigam und HausSpielt sie die letzten Karten aus.

Um Bräutigam und Haus

Spielt sie die letzten Karten aus.

Das Bett in den Knechtestuben war immer noch nicht fertig. Felix schlief immer noch im Zimmer des seligen Ländhofers.

Heute am Samstagmorgen klopfte der Winzerssohn höflich an die Thüre der Bäuerin.

„Na freilich, die läppischen Geschichten wirst auch noch treiben,“ rief die Ländhoferin von innen, „weißt ja, daß es aufgeht, sei nur kein solcher Blödling.“

Drückte der Bursche keck an und stand in der Stube.

Die Bäuerin saß auf ihrem Bette und war mit dem Ankleiden zum geringen Theile erst fertig.

„Thut nichts,“ sagte sie in ihrer Leutseligkeit, „wird nicht so heikel sein – ’s selb’ denk’ ich.“

Felix blieb in einer dem Knechte anständigen Entfernung stehen und sprach: „Hätt’ mit der Bäuerin nur ein klein Wörtel zu reden.“

„Was hättest?“ fragte sie, obwohl sie die Worte recht gut verstanden hatte, „wenn Du’s nur so in den Bart hinein murmeln willst – hast gar keinen – so mußt näher kommen.“

Er trat um einen Schritt näher und sprach um einen Ton höher: „Bäuerin, ich hab’ keinen Leihkauf (Angeld) auf einen Dienst im Ländhof angenommen, hab’ auch noch nichts gearbeitet und könnt’ mich ’leicht nicht schicken in die große Wirthschaft. Bäuerin, ich möcht’ wieder weggehen.“

Auf die Mittheilung befliß sich die Ländhoferin, eine sehr gleichgiltige Miene zu machen, die ihr annähernd auch gelang, und dann entgegnete sie: „So, weggehen willst wieder? Ist auch recht. Ich häng’ Niemanden an, und wer sich’s anderswo besser zu machen weiß, als er’s auf dem Ländhof hat, dem steht die Hausthür gern offen.“ Mittlerweile jedoch wurde der innere Sturm so mächtig, daß sie folgendermaßen ausbrach: „Ist das der Dank, Du Hungerleiderbub, der Dank dafür, daß man’s Dir so gut meinen wollt’? – Ich denk’ mir’s wohl, Du Stromer, mit der lüderlichen Dirn’ willst fort!“

„Dasselb’ ist fehlgerathen, Ländhoferin,“ versetzte Felix gelassen, „mit der lüderlichen Dirn’ nicht, die kenn’ ich nicht; aber – daß ich’s recht sag’, mit der Constanze will ich morgen nach Breitenschlag hinüber.“

Jetzt war’s offen. Die Ländhoferin tastete mit einer Hand nach der Bettwand; sie empfand einen plötzlichen Schwindel, sie meinte, es treffe sie der Schlag. Doch sammelte sie sich bald wieder insoweit, daß sie den Rock überwerfen und aus dem Bette springen konnte.

Da war Felix schon davon.

Die Ländhoferin trank viel kaltes Wasser an demselbigen Morgen. Drei Brände hatte sie zu dämpfen: die Liebe, den Haß und die Eifersucht.

Gegen Mittag hin wurde sie der Ueberlegung fähig. – Er will mit der Dirn’ fort? – Nimmermehr. – Wer kann ihn halten? – Niemand. – Aber die Dirn’ bleibt im Hause. Na, so herumlungern, das leichtfertige Volk, das wär’ das Rechte! – dagegen ist noch ein Herr da. Man ist verantwortlich für die Dirn’. Unter die Zuchtruthe gehört sie. Sie bleibt im Hause. – Dann wird auch er bleiben. Er mußweg von dieser Schlange. Sie müssen auseinander gebracht werden. Er muß fort.

Er fort? ein heißer Stich im Herzen der Bäuerin.

„Nein!“ sagte sie, „so weit ist’s nicht gekommen. Erkannnicht vernarrt sein in dieses blöde Schulmädchen – vor mir,mir, dem mannbaren Weibe –“ Sie blickte in den Spiegel. Wie vortheilhaft sah sie aus im Vergleiche zu diesem „ödweiligen, bleichsüchtigen Geschöpfe!“ – Und war sie nicht die Hausfrau, die Befreierin aus dem Soldatenjoch – hatte sie nicht gleichsam eine Krone zu vergeben? – Der Bursche ist schlauer, als er aussehen mag; er will sie, die Bäuerin versuchen, auf daß er rascher zum Ziele komme. – Gut. Wenn’s schon anders nicht mit ihm zu schaffen ist – zu Martini soll die Hochzeit sein. – Die Froschreiterleut’ im Unterviertel, das sind arme Schlucker, denen schickt sie für Allerheiligen einen Wagen mit Lebensmitteln. Und ausgemacht wird’s heute Abend noch – dann ist er festgebunden und die Dirn’ muß doch fort. Sie ist die Unheilstifterin im Hof – um Haus und Bräutigam geht der Streit. Diese unselige Creatur – weit muß sie weg – auf immer muß sie fort, und das heute besser, wie morgen!

An diesem Samstage wurde der vor Kurzem am jenseitigen Ufer der Seim aus der Bleiche gehobene Flachs eingeheimst. Der Strang der Ueberfuhr ächzte, der Endring des Seiles rollte hin und her und die Plätte – eine schwimmende Holzbrücke – glitt über das Wasser bis an’s andere Ufer und stets mit voller Flachsladung wieder zurück. Die Arbeitsleute waren in guter Laune, beim Flachs giebt es ein lustiges Hantiren – jetzt kommt er in den Dörrofen und nach wenigen Tagen ist das Brecheln. Das Brecheln ist ein Hochfest für den Hof. Damußsie gerngebig sein, dieBäuerin, sonst fährt ihr Name schlecht von Mund zu Mund in der ganzen Gemeinde um. Und der hübsche Unterviertler, da wird er wohl auch beim Tanzen mitthun, wird gewiß recht fein tanzen – so manches Mägdlein im Hofe denkt daran.

Auch die Bäuerin denkt an das Brechelfest. Da wird sie das erstemal mit Felix in den Reigen treten, und das soll die große, öffentliche Kundgebung sein: die Ländhoferin heiratet den jungen Unterviertler!

Nur Acht haben, daß der Flachs trocken unter Dach kommt! – Es will – scheint es – grob’ Wetter werden. Im Gebirg’ d’rin hatt’s tagelang schon gestürmt und geregnet, das merkt man am Wasser. Wird auch auf der Länd nicht lange warten lassen, der Himmel sticht in’s Bleigraue. Windstöße rütteln an den Bäumen und die gelben Blätter flattern zu Hunderten hin über den Hof, über die Wiesen und in den Fluß. Das sind die Schwalben des Spätherbstes.

Felix ging in den Wirthschaftsgebäuden um und war heiter. Heute war er noch der junge Herr auf dem großen Hof; heute konnte er noch – die Hände am Rücken – spazieren, in die Vorrathskammern und in die Keller gehen und mit den Leuten schaffen. Und er schaffte wirklich mit ihnen und ordnete an, wie man dies und das zu machen habe. Er wußte es gut genug, daß er von den Dingen bislang noch nichts verstehen konnte, aber die Leute thaten nach seinen Worten – das warihreSchuld und dem Burschen machte es Spaß.

Die Bäuerin kam an ihm vorbei. Er grüßte sie besonders frisch und artig. Sie lächelte, klopfte ihm auf die Achsel: „Bist ja gescheidt, Felix!“ und eilte davon.

Sie hatte ein großes Küchenmesser in der Hand und ging damit dem Krautgarten zu, um den Kohlbeeten die letzten Köpfe abzuschlagen.

Hinter dem Gebäude begegnete ihr Constanze, welche, als die Einzige zu dieser Arbeit, emsig beschäftigt war, die letzte Ladung Flachs von der Plätte in die Dörrstube zu schaffen.

„Stanze!“ rief ihr die Bäuerin zu, „bleib’ stehen!“ – „Hab’ gehört, Du wolltest morgen nach Breitenschlag hinübergehen?“

„Die Mutter hat ja gesagt, daß ich fort soll,“ entgegnete das Mädchen.

„Du bleibst!“ rief die Ländhoferin scharf.

„Vielleicht kann ich wieder zurückkommen,“ sagte Constanze gutmüthig, „aber zum Vormund will ich morgen doch hinübergehen.“

„Dirn’, Du bleibst daheim!“

„Den Sonntag hab’ ich für mich, Mutter!“

„Freilich, ’leicht zum Umflankiren mit dem Lotter?“

„Daß ich zu meinem Vormund geh’, laß ich mir nicht wehren!“

„Und zerrst den Jungen mit!“

„Wenn der Felix morgen auch nach Breitenschlag gehen will, ich kann nichts dagegen haben.“

Constanze eilte der Plätte zu. Sie erschrak selbst über das trotzige Wort, das sie gesagt hatte. Es war das erste in ihrem Leben. Sie hatte eben an den Ausspruch des Unterviertlers gedacht: „Fest auf die Füß’ stellen muß man sich und der Welt die Zähne weisen.“ Aber sie bangte jetzt; ein Lamm hatte dem Wolfe die Zähne gewiesen. Sie stieg mit ihren Tragbändern hastig in die Plätte hinab, die auf den bewegten Wellen schaukelte.

Die Bäuerin stand ganz sprachlos da und zum erstenmal ohnmächtig fühlte sie sich diesem Geschöpfe gegenüber.– Mit dem Burschen zum Vormund will die Dirn’? Dabei schaut für die Ländhoferin nichts Gutes heraus. – Die Bäuerin war blaß, wie die Steine am Ufer. Haß und Wuth wogten in ihrer Brust mit voller Gewalt. Sie fieberte, sie klapperte mit den Zähnen. – Was soll sie der Dirn’ anthun?

In den Bäumen brauste der Sturmwind und die Wellen des Flusses wogten hoch und schlugen gischtend an die Ufer und an die schaukelnde Plätte, daß hoch an die Flachshaufen das Wasser spritzte.

Hinter den Schichten kauerte, schwindlig durch das mächtige Schaukeln, Constanze. Der Strang der Ueberfuhr dröhnte, das Seil, an dem das Fahrzeug hing, spannte sich stramm, dehnte sich und klang im Sturme wie eine Saite. – Die Bäuerin sah es, und in diesem Augenblicke zuckte der wilde Gedanke auf. – Einen kurzen, funkelnden Blick in die Runde warf sie. Hier die Bäume, die Büsche, hier die morschende Scheunenwand, hier das Wasser – kein Mensch zugegen. – Mit glühender Kraft schwang sie das lange Messer, das sie in der Hand hielt, und schleuderte es gegen das gespannte Seil. Knallend riß dieses entzwei, hoch auf wallte die Plätte und schoß davon. – –

Schon kauerte die Bäuerin im Gebüsche; von diesem aus starrte sie auf die hochgehende, trübe Seim, starrte dem rasch hinwogenden Fahrzeuge nach. – „Wirst morgen nicht mit ihm zum Vormund gehen....“

Sie hatte, als das Seil gerissen war, hinter den Flachsschichten den Schrei gehört; – auch sie – die Bäuerin hatte einen Laut ausgestoßen – doch war’s wie Jauchzen.

Und nun – nun war ihr kühl und wohl, das Seil zerrissen – wer kann dafür! Die Plätte zerschellt am Felsen– die Dirn’ ist hin. Der Streit um Hof und Bräutigam ist aus....

Nach einer Weile, als unten an der Biegung, wo die Klamm angeht, das schwimmende Brücklein verschwunden war, athmete die Ländhoferin noch einmal auf, ging dann in den Hof zurück und schaffte wie gewöhnlich, nur daß sie mit den Leuten etwas freundlicher that als sonst.

Nach und nach hieß es: „Wo steckt denn die Dirn’, die Constanze so lang’?“

Da kam eine Magd herangeschossen: „Jesus Maria! Die Plätten, die Plätten ist weg!“

„Jesus Maria!“ schrie die Bäuerin noch viel lauter und schlug die Hände zusammen.

„Das Seil ist ab! Die Plätten ist fort! Die Dirn’ ist hin!“

„So geht doch, so eilt doch um tausend Gotteswillen!“ jammerte die Bäuerin und lief scheinbar in großer Aufregung im Hofe herum. „So läutet um Hilfe! So spannt doch die Pferde ein! Kann denn Keiner schwimmen? Jesus, mein Kind, das liebe Kind! – Wo ist denn der Felix?“

„Der Felix nicht da?“ riefen sie in alle Stuben hinein.

„Der Felix nicht da?“ schrieen sie in den Scheunen um.

„Wo ist denn der Felix?“ lärmten sie durch das ganze Gehöfte.

„Felix!“

Nicht im Hause, nicht in den Wirthschaftsräumen, nicht im Baumgarten war der Felix. Da kam der Halterbub und berichtete, den Felix hätte er voreh auf die Plätte steigen gesehen.

Jetzt war die Ländhoferin still und blaß bis in den Mund hinein. Jetzt wankten ihre Kniee – am Antrittstein der Hausthür sank sie nieder.

Verspielt. Der Felix ist bei der Dirn’!


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