In Graus und TodesbannSteht fest und treu der Mann.
In Graus und TodesbannSteht fest und treu der Mann.
In Graus und TodesbannSteht fest und treu der Mann.
In Graus und TodesbannSteht fest und treu der Mann.
In Graus und Todesbann
Steht fest und treu der Mann.
Ja, der Felix ist bei der Dirn’. Und wie ist er zu ihr gekommen?
Nichts leichter als das. Der Ursachen zum Stelldichein giebt es bei jungen Leuten, die sich gerne haben, übergenug. Der Flachs, der noch vor Abends von der Plätte geschafft werden muß, ist auch eine Ursache.
Felix, lange genug umhergeschlendert im Hofe, war gegangen, um dem Mädchen den Flachs abladen zu helfen. Constanze war dabei ja völlig allein und sollte noch vor dem Dunkeln fertig werden.
Doch ging die Arbeit auch zu Zweien nicht sonderlich von statten. Das Mädchen war gewiß fleißig und eilte mit den Bündeln flink in die Dörrstube und war um’s Handumdrehen auch wieder zurück auf der Plätte. Der Felix aber, das war heute ein fauler Schlingel, er legte sich hin zwischen die Flachsschichten und reckte alle Viere von sich. Dieses Bett schaukelte ja so prächtig, und Constanze hüpfte neben ihm hin und her. Und ihr waren die Flachsbündel so leicht, und ihr war so frisch zu Muthe, wie nie noch zuvor, und es that ihr jetzt fast wohl, nun der Stiefmutter einmal ein selbstbewußtes Gesicht gezeigt zu haben.
Constanze sprang auf die Plätte; Felix wollte sich aus dem Flachse erheben.
„Bleib’ liegen,“ flüsterte ihm das Mädchen zu, „dort hinten steht just die Bäuerin.“
„Was frag’ ich nach der Bäuerin!“ versetzte er, „von der laß’ ich mir das Aufstehen schon lang’ nicht verbieten.“
In demselben Augenblicke schwirrte das Seil, die Plätte schnellte empor und schoß davon.
„Heiliger Gott!“ schrie Constanze und taumelte zu Boden.
„Der vermaledeite Strick ist gerissen!“ sagte Felix, setzte aber sofort bei: „Macht nichts, jetzt fahren wir lustig in’s untere Viertel hinab.“
„Und ist es nicht gefährlich, Felix?“ fragte das Mädchen zitternd und hörte im Sausen und Brausen das eigene Wort kaum.
„Wie kann denn das gefährlich sein!“ rief er laut; „wenn man über das Meer mit Schiffen fahren kann, so wird sich’s wohl auf der Seim auch thun. Höchstens, daß dieses Wasser zu klein wäre, dann trägt’s uns ohnehin an’s Land.“
„So will ich ganz ruhig sein,“ entgegnete Constanze.
„Setz’ Dich nur da an den Flachs und halte Dich fest an mich, Constanze, es kann uns nichts geschehen.“
Mittlerweile flogen die Auen, Büsche und Bäume der grünen Länd rasch zurück, und die Wogen umbrandeten mit Gischten und Brausen das Brücklein, das wie ein Kartenblatt auf den Wellen dahinglitt.
Felix that sich nach einem Ruder um, es gelang ihm nur ein paar schwache Stänglein vom Geländer der Plätte loszumachen. Constanze schlang ihre beiden Arme um den Nacken des jungen Mannes und barg ihr Angesicht an seiner Brust. Da die Ruderarbeit mit den nichtigen Holzstücklein zu nichts dienen konnte, so saß Felix lehnend am Flachshaufen, von welchem das Wasser ganze Theile fortspülte. Fest stemmte er seine Beine, seine Arme an die Balken des Floßes; mit trotzig geschlossenen Lippen starrte er hinaus auf den brausenden Fluß, auf die Ufer, die immer steiler und wilder wurden, bis endlich an beiden Seiten die schroffen Wände dräuten. Zum Glücke war das Gefälle hier geringer und das Wasserfloß langsamer. Felix aber wußte nicht, welche Stellen noch kommen würden, er ahnte auch nicht, wie groß die Gefahr war, in der sie schwebten. Und so hub er, als ihm die Lage vertraulicher war, in seinem Uebermuthe an, hi! und hott! zu rufen, als wären ein Paar Rößlein gespannt an das Fahrzeug, und als habe er dieser Rößlein Leitriemen in den Händen.
Da richtete auch das Mädchen allmählich das Auge gegen ihn auf und fragte: „Felix, was wird das werden?“
„Wenn die Schimmel so fortmachen, so sind wir in zwei Stunden daheim,“ versetzte der Bursche, „Diewerden schauen, wenn wir angefahren kommen!“
„Und können wir halten?“
„Vor dem Haus steht immer Eins am Wasser, das wird uns schon sehen, und wenn wir nur wollen, überall kommen wir leicht an’s Land hinaus.“
„Ich bitte Dich, Felix,“ sagte Constanze, „wenn’s geht, fahren wir gleich an’s Land!“
„Je, was fällt Dir ein, Dirndl!“ rief er, „hier an’s Land! Ist ja kein Haus und kein Weg weit und breit; wie kämest denn heut’ noch in’s Unterviertel? Hier auf dem Wasser geht’s am geradesten. Hi, Schimmel!“
Waren freilich recht lebhafte Schimmelchen, die schäumenden Wellen zu allen Seiten – schwer zu bändigen.
„Wenn’s nur nicht Nacht wird!“ wendete Constanze ein.
„Nacht wird’s schon!“ sagte der Bursche.
Und thatsächlich begann es unter dem trüben Himmel bereits zu dämmern. Der Wind stieß von verschiedenen Richtungen her, bald schob er im Bunde mit den Wellen die Plätte nach vorwärts, bald prallte er von den Seiten an, dann wieder stemmte er sich dem Flusse und dem Fahrzeuge entgegen. Das Brücklein drehte und wendete sich, gingim Kreise um sich selbst, kam nicht von der Stelle, und dann wieder schwamm es sausend voran und bohrte – was immer noch das Gefährlichste war – wie ein wilder Stier die Hörner in die Erde, die Ecken in das zischende Wasser.
Felix mußte häufig seinen Platz wechseln, um möglichst das Gleichgewicht zu schaffen. Constanze zitterte, schluchzte und betete und sah in der Gefahr eine Strafe für die Unehrerbietung, die sie heute der Mutter entgegengesetzt hatte. In welcher Weise jedoch ihr kühnes Benehmen gegen die Bäuerin mit dem Losreißen der Plätte zusammenhing, konnte sie wohl nicht ahnen.
„Du sollst Dich in den Flachs hinein vergraben, Constanze,“ schlug der Bursche vor, „Du wirst sonst allzu naß.“
Es wäre ihm angenehm gewesen, ihr so die Gefahr zu verhüllen, die er wachsen sah. Das Mädchen aber richtete sich plötzlich auf und sagte gefaßt: „Bist Du so mannbar, Felix, so will ich auch nicht verzagt sein....“
Felix hatte, um dem Nahen seiner Gegend gewärtig zu sein, den Wechsel der Landschaften beobachtet. Waldberge, Felspartien, Wildniß zumeist. Nur einmal hatte er hoch an einem Hange die Straße gesehen, auf welcher er vor wenigen Tagen mit der eroberungssüchtigen Großbäuerin gegen das obere Viertel gefahren war. Gar bald lenkten ihn von diesem Gegenstande die Klippen ab, an welche die Plätte zuweilen prallte, um sofort wieder seithin geschnellt zu werden. Die Brücke hielt fest zusammen. Felix hatte mit den dünnen Stangen des Geländers wiederholt das Rudern versucht. Die Gewalten der Fluth spotteten eines solchen Werkzeuges.
Allmählich war es nun finster geworden. Und so saßen die zwei jungen, lebensdurstigen Wesen im Dunkel der Nacht, mitten im brandenden Elemente.
„Das ist ein unglücklicher Samstagabend!“ murmelte Constanze, und dankte andererseits insgeheim der heiligen Jungfrau Maria, daß nicht sie allein, oder nicht er allein auf der Brücke gewesen, als das Seil gebrochen war.
Felix spähte durch die Dunkelheit in die Gegend hinaus, die sich geweitet hatte und nun schier dem unteren Viertel glich. Es wuchs sein Hoffen und sein Bangen. Ihm war, alsmüsseseine Heimat Hilfe bieten, alskönnees gar nicht sein, daß sie an dem Häuschen der Eltern vorübertrieben, und es streckten ihnen nicht Vater und Mutter die Arme rettend entgegen.
Er that nun manchen lauten Schrei. Aber an den Ufern blieb es öde; nur von der Ferne her glühten zuweilen Lichter eines Hofes, eines Dorfes.
Da die Plätte nahe am Ufer trieb, so dachte Felix auch an das Hinausspringen, oder an das Erfassen eines Strauches. Doch ging die Fahrt zu schnell.
Wenn nun aber kein Anker ist und sie müssen an der lieben Gegend vorbei – dann –
„Dann heißt’s Testament machen,“ murmelte Felix. Gut, daß in dem Rauschen und Rollen das Mädchen die Worte nicht gehört hatte. – Constanze soll es nicht wissen, daß eine halbe Stunde unter dem Heimatshäuschen des Winzers die große Wehr ist, die auch den Hammerbach nach Zollau ableitet, eine hohe Wehr, an der schon Mancher zugrunde gegangen und an der auch der Plan gescheitert war, den unteren Gegenden durch Floßfahrten das Waldholz des Gebirges zu vermitteln.
Viele Leute aus Nah und Fern kamen alljährlich zur „Zollauer Wehr“, um den großartigen Wasserfall zu sehen. Nicht Menschen hatten die Wehr gebaut; hier senkte sichplötzlich die Gegend tiefer und daher der Abgrund. Von all’ dem braucht Constanze nichts zu wissen.
Allmählich wurde der Lauf des Wassers sachter; die Gegend verflachte sich. Felix erkannte einzelne Hügelformen, einzelne Baumgruppen, einzelne schimmernde Häuschen – er nahte seinem Heim.
Wieder erhob er seine Stimme. Ein ferner Widerhall antwortete ihm – aber Niemand kam an’s Ufer und die Plätte glitt weiter und weiter. – Plötzlich stieß der Bursche ein „Ah!“ aus. Er sah das beleuchtete Fenster seines Hauses. Das rothe Scheibchen rückte näher – Felix schrie nach allen Kräften seiner Lunge – gar vergebens war’s, es kam Niemand an’s Ufer.
In Feierabendruhe stand das Winzerhäuschen da. Am beleuchteten Fensterchen glitten Schatten vorüber – die Schatten der Personen, die in der Stube hin- und herwandelten. Sie beteten vielleicht eben die Samstagandacht, wobei der Vater mit der Betschnur gerne langsam in der Stube auf- und abschritt. Und die Mutter kniete wohl vor dem schlichten Hausaltare und gedachte des Sohnes, der fort von Heim in einen reichen Hof gegangen war, um dort sein Brot und Glück zu suchen. Sie ahnte gewiß nicht, daß dieser Sohn in Todesnoth auf dem Flusse vorbeizog.
Und der Schiffer rief vergebens. Das traute Haus blieb zurück und das Brücklein schwamm nun ruhig auf der breiten Seim dahin. Dahin und geradewegs den Schrecken der Zollauer Wehr zu.
Im Haupte des Burschen flogen, schwirrten, stürzten in Verwirrung die Gedanken durcheinander. – Jetzt kommt kein Ort, kein Haus mehr bis zur Wehr – Schiffer, Du bist auf Dich selbst gestellt. – Die losgerissenen Stangen erfaßteer und band sie mit den Strohbändern der Flachsballen aneinander. Dann zwängte er auf der Plätte einen der langen Eisennägel locker und riß ihn in Ermanglung einer Zunge mit den Zähnen aus dem Holze. Diesen Nagel schlug er vermittelst eines losen Balkens in das eine Ende der aneinander gebundenen Stangen.
Constanze verfolgte mit steigender Angst das fieberartig hastige Arbeiten des Burschen.
Am Ufer ging ein Weg entlang. Auf diesem Wege flimmerte jetzt ein Lichtlein, klang ein Glöcklein. Beim Scheine zu sehen waren zwei Gestalten, wovon die eine ein Priester im Chorrock, an der Brust das Heiligste tragend. Ein Gang in tiefer Nacht zu einem Schwerkranken.
Felix schrie nicht mehr um Hilfe; vom Ufer aus zu retten, war alle Zeit vorbei. Aber zu dem Mädchen sagte er die Worte: „Constanze, dort tragen sie das hochwürdigste Gut. Sie gehen zu einem Sterbenden, ’leicht magst Du beten....“
Da ahnte sie, daß es sich um Leben und Sterben handle. Sie fiel auf ihre Kniee, und ihr blasses Antlitz matt beschienen von dem am Ufer vorbeizitternden Lichtlein, betete sie....
Felix fuhr, ohne weiter aufzublicken, in seiner Arbeit fort. Brachte er diese in den nächsten Minuten fertig, so konnte es vielleicht noch zum Guten sein – sonst Alles verloren. – Schon hatte er den Eisennagel durch das Holz getrieben, da barst die Stange, der Nagel war wieder locker. Keine Kleinmuth jedoch war in diesem bedeutsamen Augenblicke an dem Burschen bemerkbar. Rasch kehrte er die Stange um, schlug den Nagel am anderen Ende ein – da engte sich schon der Fluß – die letzte Enge vor der Wehr – die Plätte trieb ein wenig gegen das Strauchwerk des rechtenUfers. Der Nagel saß fest – sachte, daß er nicht breche – bog ihn Felix zu einem Haken um, und nun, mit bebender Gier, warf er diesen Anker gegen das Strauchwerk aus. Die Stange war zu kurz. Schon hub die Plätte an, sich wieder vom Ufer zu entfernen; da erfaßte Constanze einen der kurzen Balken, stieß ihn als Ruder in’s Wasser, lenkte so ein paar fußbreit das Fahrzeug nach rechts, und Felix hatte sich mit dem Anker festgehakt im Buschwerk.
Unschwer war nun auf dem hier fast ruhigen Wasser die Plätte an’s Ufer zu ziehen; Constanze und Felix sprangen oder wanden sich vielmehr durch das Gebüsche an’s Land. – Der Bursche stieß einen hellen Juchschrei aus; das Mädchen sank auf die liebe feste Erde hin und weinte Freudenthränen.
Genau um diese Zeit des späten Abends schimmerte im Gewölke, das über der weiten Ebene stand, ein matter Schein. Höher und höher strebte er auf in seiner milden Röthe, einen weiten rosigen Bogen beschrieb er in den Wolken des Himmels.
Es war der Mond.